Raum ist ein solch subtiler Horrorfilm, dass die meisten Zuschauer den Schrecken wohl gar nicht erfassen werden. Joy wurde mit 17 Jahren von "Old Nick" entführt und lebt seit sieben Jahren als seine Sexsklavin in einem winzigen Gartenschuppen. Als ihr in Gefangenschaft geborener Sohn Jack fünf Jahre alt wird, gelingt ihr mit einem verzweifelten Manöver die Flucht. Danach setzt sich die Leidensgeschichte der jungen Frau fort, in der langsamen Erkenntnis der verlorenen Jahre, in der Ablehnungshaltung ihres Vaters (William H. Macy) und der trampeligen Sensationshascherei der Medien. Fast unerträglich wird das übrigens, als eine Reporterin Joy tatsächlich dafür schilt, dass sie ihren Peiniger nicht dazu überzeugt hatte, den Sohn anonym auszusetzen.
Der zugrundeliegende, 2010 für den Man Booker Prize nominierte Roman der Kanadierin Emma Donoghue erzählt (wie ich anderen Kritiken entnehme) die Geschichte streng aus der Perspektive des Jungen. Obwohl die Autorin die Adaption selbst vornahm, hält der Film diese Haltung leider nicht durch. Mir fehlt ein überzeugendes Konzept, die Geschichte auf die Leinwand zu übertragen. Sowohl dem Drehbuch als auch der Regie hätten mehr Mut gutgetan (möglicherweise anstößige Aspekte wie Joys jahrelanges Stillen ihres Sohnes werden schamhaft fallengelassen). Stattdessen wirkt das Thema doch recht weichgespült, wozu auch die klebrige Musikuntermalung des Iren Stephen Rennicks beiträgt. So konnte ich trotz gutem Spiels der beiden Hauptdarsteller kaum eine emotionale Verbindung zu den Figuren spüren. Gerade Kenner des Buches werden hier sicher Gewichtiges zwischen den Zeilen interpretieren. Das entspricht aber nicht meinem Verständnis des Mediums.
Brie Larson spielt allerdings mutig und ungeschminkt auf, mit der bereits genannten Einschränkung, die ich aber mehr dem Regisseur anlaste. Natürlich ist die 26jährige jung und hübsch genug, um auch ohne Makeup ein angenehmes Bild zu bieten, und sie lässt durchaus die Komplexität ihrer Figur erahnen. Trotzdem bleibt es dabei, dass mich von den Oscar-Nominierten Saoirse Ronan am meisten überzeugt hat. Ohnehin ist das Herzstück des Films eher in Larsons Zusammenspiel mit ihrem jungen Co-Star Jacob Tremblay zu finden, was die Oscar-Gewinnerin in ihren Dankesreden auch immer wieder betont hat. Den inzwischen Neunjährigen bewegte Regisseur Lenny Abrahamson zu einer beeindruckenden Darstellung, auch wenn er mit seiner Langhaarperücke und seinem (wenn ich nicht irre) auf extra-niedlich geschminktem Gesicht gelegentlich befremdlich wirkt. Bei einem Kritiker las ich gar, er habe die Hälfte des Films auf die Enthüllung Jacks als Mädchen gewartet. Es ist aber verständlich, dass der Junge mit seiner Mutter als einziger Bezugsperson weibliche Züge entwickelt. Es würde mich wundern, wenn noch niemand aus geschlechtspolitischer Perspektive Jacks Entwicklung kritisiert hätte, wenn er gegen Ende zur Freude seiner Großmutter (sympathisch: Joan Allen) wie ein ordentlicher Junge mit Kurzhaarfrisur Fußball spielt.
So reiht sich für mich Raum in die durchschnittliche diesjährige Oscar-Kost ein, aus der nur der Gewinner Spotlight sowie The Big Short (welches Raum zu Recht den Preis für die Drehbuchadaption wegschnappte) und Spielbergs Der Unterhändler herausragen. Zum Vergleich möchte ich mal die zehn Jahre zurückliegenden Nominierungen aufzählen: München (Steven Spielberg, 8/10), Good Night, and Good Luck (George Clooney, 8/10), Capote (Bennett Miller, 9/10), L.A. Crash (Paul Haggis, 10/10) und Brokeback Mountain (Ang Lee, 10/10).
Ordentlich (6/10).
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen