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Sonntag, 24. März 2013

Die fantastische Welt von Oz (8/10)


Der Zauberer von Oz ist in Deutschland eher unbekannt oder wird als Kinderkram abgetan. Für mich gehört er zu den fünf schönsten Filmmusicals überhaupt. Chronologisch wären das übrigens:



In den USA ist der "Wizard of Oz" ein Nationalheiligtum, das von allen Generationen geliebt wird und von der Popkultur aufgesogen wurde, von Elton Johns Goodbye Yellowbrick Road bis Raumschiff Enterprise, wo Data die Melodie des Blechmanns "If I Only Had a Heart" pfeift . Daher galt es vielen von vornherein als Sakrileg, dazu eine Art Vorgeschichte zu erzählen. Eigentlich gibt es allerdings mehr als ein Dutzend Oz-Geschichten des Schöpfers L. Frank Baum, und darauf beruht der neue Film, der dem berühmten Musical nur ab und zu direkt seine Referenz erweist (auch weil die Filmrechte bei einem anderen Studio liegen). Natürlich kommen viele Figuren und Orte in beiden Filmen vor. Regisseur Sam Raimi (Spider-Man-Trilogie) sollte aber nicht daran gemessen werden, ob die Charaktere gut kopiert, sondern eher ob sie interessant interpretiert sind. Und das ist meiner Meinung nach weitgehend gelungen. Ein direkter Vergleich ergibt eher absurde Resultate:

James Franco spielt Oz als jungen, spitzbübischen Frauenhelden, der seine wahre Liebe nicht erkennt. Frank Morgans Oz dagegen war ein großväterlicher, herzensguter Scharlatan, der sich schüchtern hinter seiner Projektion versteckte.


Alle Photos sind als Miniaturen aus der IMDB entnommen, durch Klick werden die Originale angezeigt.









Noch größer ist die Diskrepanz bei Theodora. Mila Kunis, sexiest Woman alive, muß sich nun mit Margaret Hamilton vergleichen lassen, deren spitzes Gesicht auch ohne viel Makeup schon nach Hexe aussieht:

 





Technisch und konzeptionell gelungen fand ich die "neuen" Figuren, Zach Braff als fliegender Affe und Joey King als Porzellanmädchen:

 
 



Genauso wie das Musical kann man Sam Raimis Verfilmung als Traumgeschichte verstehen. Es beginnt in einer in schwarz-weiß gedrehten Realität, die Hauptfigur wird von einem Wirbelsturm davongetragen in die wundersame, knallbunte Welt von Oz, wo die Bewältigung einer Lebenskrise sich in einem Abenteuer materialisiert. Besonders in 3D ist das ein überwältigendes Erlebnis: Satte Farben, exotische Pflanzen und Lebewesen, sympathische Figuren. fügen sich zu einem in der Tat fantastischen Ganzen, und schönere Hexen als Mila Kunis, Michelle Williams und Rachel Weisz hat man seit den Hexen von Eastwick nicht mehr gesehen. Die Oscar-Preisträgerin als Evanora macht sicher auch aufgrund ihrer Erfahrung die beste schauspielerische Figur, aber darauf kommt es in einem solchen Märchen kaum an. Ich hatte jedenfalls viel Spaß an der simplen, aber nicht trivialen Geschichte, den Schau- und auch den Hörwerten. Dazu bei trug der neue Dolby-Atmos-Sound bei, ein Riesenschritt vorwärts für das Cinestar im Sony-Center Berlin, in dem es bisher nicht einmal zur THX-Zertifizierung gereicht hatte.

Sehr schön (8/10)!

Jack Kerouacs "Unterwegs" - vom schlechten Buch zum schlechten Film

Jack Kerouac ist für mich das Gegenteil eines Dichters. Er breitet seine Erzählung so unstrukturiert, planlos und trotz geringem Wortschatz wortreich vor uns aus, daß ihr Gehalt bis zur Unkenntlichkeit verdünnt ist. Man quält sich durch unzählige Wiederholungen und abgebrochene Gedanken. Wörtliche Rede ist entweder gestelzt und unrealistisch:
"You've been talking of a trip to Frisco; that being the case, take this and go and have your fun."
oder durchsetzt von Dämlichkeiten, am meisten in Zitaten des verrückten "Helden" Dean:
"Hee! Whee! Hoo!" - "Dig them, Sal, talking about us and digging. Oh my goodness, what a world!"
Manche nennen das atemlos, ich eher hilflos. Literarische Werte kann ich nicht entdecken; Figuren werden eingeführt und verschwinden wieder, anfänglich interessante Szenen entpuppen sich als Kartenhäuser, die schnell einstürzen durch Überstrapazierung sprachlicher Manierismen. Vielleicht liest sich das im Drogenrausch super, in nüchternem Zustand fand ich es fast unerträglich.

Kerouacs 1957 veröffentlichter Roman "On the Road" ("Unterwegs") gilt allerdings als amerikanischer Klassiker, als wichtigstes Werk der Beat-Generation und Einfluß der Hippie-Kultur der 60er. Der schottische Liedermacher Donovan beruft sich auch heute noch stolz auf dieses Buch (siehe die sehenswerte Dokumentation von 2008). Es gibt übrigens zwei Versionen, die viel später veröffentlichte Urfassung, die die Autobiographie so weit treibt, daß die realen Namen genutzt werden, und die gestraffte Fassung, die fiktive Namen nutzt (Sal Paradise für Jack Kerouac etc.) Die Hauptfiguren verstehen sich als Protestler gegen die bürgerlichen Zwänge der Nachkriegsjahre, schlagen sich als Mittzwanziger mit Gelegenheitsjobs und Diebereien durch. Frauen sind nur Sexobjekte, Auf ihre Kinder sind sie zwar stolz, sie zu ernähren kommt den Vätern aber nicht in den Sinn. Sie sind Pseudointellektuelle vom Typ "Viel gelesen, nichts verstanden", die heute noch die Welt mit Platos Höhlengleichnis zu erklären versuchen.

Nun ist es oft gelungen, aus einem schlechten Buch einen guten Film zu machen. Regisseur Walter Salles (Oscar-nominiert für das nette Central Station) hat es nur geschafft, bei der Verfilmung komplett neue Fehler zu machen. Technisch tadellos inszeniert, kann er weder den Ton des Buchs nachahmen noch die Charaktere zum Leben erwecken. Er hat sich offenbar nicht entscheiden können, ob er die Geschehnisse romantisierten oder die trostlose Realität zeigen will. Stattdessen werden Episoden der Vorlage leblos aneinandergereiht. Es ist schon merkwürdig, wenn der Film mir eindrucksvolle Fetzen des Buchs in Erinnerung bringt, die im Film aber wirkungslos verpuffen. Drei Beispiele: Die fast einfühlsame Episode, in der sich Sal in die mexikanische Baumwollpflückerin Terry verliebt (verschenktes Cameo der wunderbaren Brasilianerin Alice Braga) und nicht erkennen will, wie ungeeignet er für die körperliche Arbeit ist; die Überführung der Luxuslimousine, die auf der Fahrt praktisch rouiniert wird; die geheimnisvolle junge Frau im mexikanischen Bordell, an die sich Sal nicht herantraut. Und so schlecht die Dialoge aus dem Roman oft sind, die dazuerfundenen stehen ihnen in nichts nach ("Helena of Troy with a brain"?)

Als weiteres Problem stellt sich die Besetzung heraus, in der die berühmten Schauspielerinnen Kirsten Dunst (Spider Man) als verhärmte Camille und besonders Kristen Stewart (Twilight) als sexuell aufgeladene Marylou die relativen Neulinge Sam Riley und Garrett Hedlund weit in den Schatten stellen. Tom Sturridge (Radio Rock Revolution) als Carlo Marx/Allen Ginsberg bleibt immerhin als Stereotyp in Erinnerung. Gefallen haben mir dagegen Viggo Mortensen als Old Bull Lee/William S. Burroughs und Amy Adams als seine verhuschte Lebensgefährtin, die allerdings nur kurz auftreten. Leider bleiben also die Szenen mit der sehr freizügigen 22jährigen Kristen Stewart im Gedächtnis, etwa die bekleidungsfreie Autofahrt, bei der sie in Stereo an Fahrer und Beifahrer Hand anlegt. Ob sie da in 20 Jahren noch stolz drauf sein wird?

Nun ja, ich mußte mir das ja nicht antun, und es handelt sich hier auch nur um die Meinung eines abgehobenen Mathematikers. Ich erwarte böse Kommentare von Fans. Aber ich wüßte nicht, wie ich hier objektiv urteilen sollte. Meine Filmwertung: Erträglich (4/10).

Donnerstag, 21. März 2013

Winter is coming

Als Berliner muß man das Winterfell-Motto momentan wohl abwandeln zu:

Winter is staying

Game of Thrones, Staffel 2, ab 5. April auf Blu-ray!
Staffel 3 ab April im US-TV

Sonntag, 17. März 2013

Klassiker auf Blu-ray #3: Cidade de Deus/City of God (2002)

Im Sambatakt werden das Messer gewetzt, die Karotten geschnitten, das Huhn gerupft. In schnellen Schnitten sieht man immer wieder das zweite Huhn, das immer nervöser werdend zusehen muß, bis es schließlich die Fußfessel abstreift und entflieht. Panik, Chaos, ein Trupp Kinder und Jugendlicher macht sich zur Verfolgung auf. Plötzlich werden Schußwaffen gezogen, das Huhn rennt in Richtung der Polizisten am Ende der Straße. Dazwischen der junge Photograph Buscapé ("Rakete"), eigentlich nur Beobachter, jetzt mitten in der Schußlinie.

Wir befinden uns in der Cidade de Deus, der "Gottesstadt", einer Favela Rio de Janeiros zu Beginn der 80er Jahre. Bevor die aktuelle Geschichte fortgeführt wird, erleben wir in zwei langen Rückblenden Buscapés Kindheit Ende der 60er und sein Heranwachsen in den 70ern. Wir lernen drei Generationen von Gangstern ("Hoods") kennen, die das Leben im Slum bestimmen. Zunächst das Trio herumalbernder, planloser Heranwachsender, die unblutige Überfälle veranstalten. Dann den 10jährigen Li'l Dice, schon als Kind ein Soziopath und hemmungsloser Killer. Zum 18. Geburtstag macht er sich selbst zum Drogenkönig, indem er alle Konkurrenten umbringt, und nennt sich von nun an Li'l Zé.. Nur Carrot, dem Kumpel seines besten Freundes Benny, überläßt er zunächst die Geschäfte in einem Teil der Stadt. Zunächst kehrt jetzt Ruhe ein, aber natürlich ist die Situation nicht nachhaltig stabil. Zur Mißgunst gegenüber Carrot kommt noch eine persönliche Fehde mit dem vom Busfahrer zum Racheengel mutierten Knockout Ned, und es wächst eine neue Kinder-Gang heran, wieder ohne Erziehung oder Plan, aber diesmal gut bewaffnet. Es folgt ein Bandenkrieg, den auch die korrupte Polizei nicht mehr ignorieren kann...

Buscapé erzählt und kommentiert die Geschehnisse. Er selbst versucht sich an der Peripherie der Gewalt mit ehrlichen Arbeiten durchzuschlagen. Nur manchmal ist er direkt betroffen, etwa als Benny ihm seine Liebe Angélica ausspannt - gespielt von der ausdrucksstarken, damals 16jährigen Alice Braga, die inzwischen einige Male in Hollywood die Leinwand zum Leuchten bringen konnte. Der gleichaltrige sympathische Hauptdarsteller Alexandre Rodriguez hat sich mit einer TV-Karriere in seiner Heimat begnügen müssen. Das Script basiert auf einem episodischen Roman von Paulo Lins, der in einer Favela aufwuchs und sich immer wieder Ereignisse aus erster Hand erzählen ließ, um sie in sein Werk einfließen zu lassen. Offenbar sind gerade die blutigsten und erschreckendsten Szenen des Films der brutalen Realität entnommen. Im Abspann sieht man übrigens einige Kurzinterviews des realen Knockout Neds.

Nicht oft passiert es, daß ein brasilianischer Film über die Landesgrenzen hinaus bekannt wird. Mir selbst fallen nur fünf solcher Werke ein, der berühmteste darunter natürlich Marcel Camus' Oscar-Gewinner Orfeu Negro von 1959 und Walter Salles' Bewerber Central Station von 1998. Leider gehört dazu auch die fürchterliche Macho-Fantasie Tropa de Elite von 2007, in der brutalstmöglich in einer Favela aufgeräumt wird. Cidade de Deus allerdings wurde für Regie und Drehbuch nominiert, darüber hinaus zu Recht für die erstaunliche Schnitt- und Kameraarbeit, die für Atmosphäre und Spannung bei einem klaren Blick auf die Charaktere sorgen. Regisseur Fernando Meirelles lieferte 2005 mit seinem englischsprachiges Debut Der ewige Gärtner einen gelungenen, wenngleich recht konventionellen Nachfolger ab, für den Rachel Weisz einen Oscar als beste Nebendarstellerin einstreichen durfte. Seitdem widmet er sich hauptsächlich brasilianischen Filmen und TV-Projekten.

Mit seiner Analyse der Mechanismen, wie Armut und mangelnde Bildung verbrecherische Strukturen erzeugen, hat Cidade de Deus offenbar ein grenzüberschreitendes Thema, was den internationalen Erfolg erklärt. Auch in Deutschland wurde der Film viel diskutiert, wobei er merkwürdigerweise unter dem amerikanischen Titel "City of God"lief. Wahrscheinlich wurden in der Synchronisation die Namen eingedeutscht, die habe ich aber nicht mehr im Gedächtnis.

Unterhaltsam, mit zeitlosem Thema zum Nachdenken anregend, reiht sich Cidade de Deus in den Kanon der Meisterwerke des Weltkinos ein (10/10).

Samstag, 9. März 2013

Komödie im zerbombten Berlin: Billy Wilders "Eine auswärtige Affäre" von 1948

Im offenen Jeep "Kidney Killer" (Nierentöter) fährt Captain John Pringle die Kongressabgeordnete Phoebe Frost (!) durch das zerstörte Tiergarten-Viertel zur Wohnruine der Nachtclubsängerin Erika von Schlütow ("with an Umlaut!"), um herauszufinden, welcher verdammenswerte amerikanische Offizier das ehemalige Naziliebchen protegiert. "Sind Sie sicher, daß es keinen Hinterausgang gibt?" - "Es gibt noch nicht einmal eine Hinterwand!"

Natürlich ist Johnny selbst der unmoralische Bösewicht, der Erikas Aufmerksamkeit mit Seidenstrümpfen, Zucker und einer auf dem Schwarzen Markt gegen einen Kuchen getauschte Matratze erkauft. Auch wenn der Schwarzmarkt und viele andere Szenen sicher im Studio nachgestellt wurden, so ist das zerbombte Berlin doch mehr als nur Kulisse. Die Luftaufnahmen und die wohl auf Photographien beruhenden Hintergründe geben ein authentisches Bild der zerstörten Stadt wieder. Wenn die Delegation aus Washington durch das arg lädierte Brandenburger Tor kutschiert wird, durch die Überreste der Prachtallee "Unter den Linden" ("die Linden wurden gerade neu gepflanzt"), so tut auch mir als Neuberliner schon das Herz weh. Wie muß sich erst der gebürtige Oesterreicher Billy Wilder gefühlt haben, der noch 1930 zum Drehbuch des Berlinfilms Menschen am Sonntag beigetragen hatte, bevor er über Paris in die USA fliehen mußte.

Natürlich hat Wilder die Situation stilisiert, die Sicht auf das wahre Elend sollte Dokumentationen überlassen bleiben. Trotzdem teilt der Regisseur mit zynischem Humor kräftig in alle Richtungen aus. Im Entnazifizierungsbüro stellt sich ein unterwürfiger Vater mit seinem höchstens 10jährigen Sohn vor und entschuldigt sich vielmals für dessen Vorliebe für Hakenkreuzmalereien. Kaum aber verfällt der Captain in Kommandoton, so stehen Vater und Sohn schon stramm: "Jawohl, Herr Kommandant!". Auch den preußischen Behördenton trifft er zielgenau: "Man muß doch leben!" - "Was, Sie wollen leben? Ohne Erlaubnis?" Die Amerikaner bekommen ebenfalls ihr Fett weg, der pragmatische Colonol (der bärbeißige Charakterdarsteller Millard Mitchell erinnert ein wenig an John Wayne) wird den realitätsfernen Abgeordneten gegenübergestellt. "Vielleicht sollten wir mal eine Delegation nach Washington schicken, um deren Moral zu untersuchen!"

Im damals wie heute ungewöhnlichen Liebesdreieck agiert der ansonsten eher unbekannte John Lund zweckdienlich als hilfloser Spielball der beiden 10 Jahre älteren Diven. Über die Rivalität Jean Arthurs und Marlene Dietrichs kann man ausführlich in Hellmuth Karaseks Wilder-Interviews nachlesen. Arthur war eine ausdrucksstarke, furchtlose Komödiantin, die trotz Anfangserfolgen und einer Oscar-Nominierung für George Stevens' schöne Komödie "Immer mehr, immer fröhlicher" u.a. aufgrund von Lampenfieber leider nie ein großer Star wurde. Marlene Dietrich spielt hier mit großer Finesse genau das Gegenteil ihrer eigenen Persönlichkeit. Sie singt drei Lieder von Friedrich Hollaender, der ihr bereits für den Blauen Engel den Hit "Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt" komponiert hatte und sie hier persönlich in den Club-Szenen in der "Lorelei" am Klavier begleitet. Am besten gefiel mir "Illusion", das mehr als den typisch verrauchten Sprechgesang zu bieten hat. Erst seit kurzem besinnt sich Berlin mit Stolz dieser großartigen Frau und hat jetzt immerhin einen Marlene-Dietrich-Platz nahe dem Potsdamer Platz nach ihr benannt.

Subversiv, mit einem an sich tragischen historischen Hintergrund und nicht so flockig-leicht, wie es uns die Werbung weismachen will, ist Eine auswärtige Affäre für mich zwar kein Meisterwerk, bietet aber immer noch ein schönes, kurzweiliges Seherlebnis. Sehr gut (8/10).

Sonntag, 3. März 2013

Musical-Klassiker: Osterspaziergang (1948)

Wenn Fred Astaire einen Spielzeugladen betritt, verwandelt sich dieser zwangsläufig in einen Tanzsalon, mit einem genial in die Choreographie integrierten Kinderschlagzeug. Und wenn dieser eleganteste aller Leinwandtänzer das Spielfeld verläßt, kann man ihm kaum übelnehmen, daß er dabei einem kleinen Jungen seinen Plüschhasen abgeluchst hat. Diesen schenkt er seiner Tanzpartnerin Ann Miller, die aber bereits ihre Solokarriere plant. Um zu zeigen, daß er sie beliebig ersetzen kann, wählt er als neue Partnerin spontan die Bartänzerin Judy Garland aus. Sein bester Freund Peter Lawford versucht zu vermitteln und sitzt liebeskrank zwischen allen Stühlen.

So etwas passiert natürlich nur in der Traumfabrik, und es lohnt nicht, für den Handlungsumriß die Namen der Charaktere zu nennen. In bester Musical-Tradition gelingt es dem von Sidney Sheldon auf Heiterkeit getrimmten Szenario, die grandiosen Shownummern zu Hits von Irving Berlin nahtlos aneinanderzureihen. Immerhin beleidigt das Konstrukt den Zuschauer nicht, wenn er erst einmal den Altersunterschied zwischen Astaire und seinen halb so alten Partnerinnen akzeptiert hat. Für Ann Miller, die beste Leinwand-Steptänzerin seit Eleanor Powell, war es das MGM-Debut und ein grandioser Durchbruch, obwohl sie nur unter Schmerzen und mit einem Rückenkorsett auftreten konnte. Ihrer umwerfenden Nummer "The Girl on the Magazine Cover" merkt man das nicht an. Peter Lawford schlägt sich wacker mit seiner Interpretation von "A Fella with an Umbrella". Für die einzigen wirklichen Lacher sorgt Kellner Jules Munshin mit seinem gespielten Rezept für Salade François.

Der 48jährige Astaire befand sich eigentlich bereits im Ruhestand und sprang erst ein, als sein geschätzter junger Kollege und MGMs Top-Star Gene Kelly sich kurz vor Drehbeginn beim Volleyballspielen den Knöchel brach. Es war sicher ein Glücksfall für die Gesangsnummern, besonders wenn die traumhaften Stimmen von Astaire und Garland zusammenklangen. Berlin schrieb "It Only Happens When I Dance With You" speziell für ihn. Judy Garland sang u.a. die tiefempfundenen "I Want to Go Back to Michigan" und "Better Luck Next Time" sowie das ulkige "I Love a Piano". Sie war zwar auch eine mehr als kompetente Tänzerin, konnte hier aber eher mit ihrem komischen Talent glänzen, vor allem im wundervoll burlesken Duo "A Couple of Swells", in für den Gentleman Astaire ungewohnten Landstreicherkostümen. So reichhaltig war das Material, daß man Judys tolle Solonummer "Mr. Monotony" komplett aus dem Film schnitt - sie ist als Extra auf der Blu-ray enthalten und war bereits in den "That's Entertainment"-Filmen ans Licht gekommen.

Der Osterspaziergang ist vielleicht das letzte große klassische Musical, bevor Gene Kelly mit einer Reihe von Filmen das Genre erneuerte: Heute geh'n wir bummeln/On the Town (1949), Ein Amerikaner in Paris (1951), Du sollst mein Glücksstern sein/Singin' in the Rain (1952). Astaire schob seinen Ruhestand weiter auf und glänzte u.a. in seiner letzten Zusammenarbeit mit Ginger Rogers, Tänzer vom Broadway (1949), und dem herausragenden Klassiker Vorhang auf! (1953). Sehr gut (8/10).