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Sonntag, 16. Juni 2019

Hugo-Finalisten 2019: Novellen und Kurzformen

Novellen

Bei den Novellen sind in diesem Jahr drei Neulinge und drei Wiederholungstäter im Rennen (nämlich die Gewinner der letzten drei Jahre).

6. Gods, Monsters and the Lucky Peach (Kelly Robson)
Eine Satire, bei der die Autorin den Witz vergessen hat. Zeitreisen als Kommerz, mit dem Handbuch für Projektmanagement statt der Bibel im Gepäck (es lebe Microsoft Project!)

5. Binti: The Night Masquerade (Nnedi Okorafor)
Der Abschluss der Trilogie, eigentlich zweiter Teil eines Romans, ist immer noch hübsch, kann aber kaum für sich allein stehen, wie ich schon im Vorjahr ausgeführt habe.

4. The Black God's Drums (Djèlí Clark)
Djèlí Clark ist zwar keine Frau, dafür aber schwarz und schwul. Die Stärke der Novelle liegen in der ethnischen Verwurzelung in einem alternativen New Orleans des 19. Jahrhunderts. Französischkenntnisse bei der Lektüre hilfreich.

3. The Tea Master and the Detective (Aliette de Bodard)
Bodard ist dieses Jahr mit ihrem Universe of Xuya, einer Reihe locker verbundener Novellen und Kurzgeschichten, auch Finalist für die Beste Serie. Vietnamesen im Weltall! Mal was anderes, aber auch anstrengend, vor allem der erste Band, "On a Red Station, Drifting". Die aktuelle Novelle "The Tea Master and the Detective" dagegen ist eine amüsante Variation des Doyleschen Rezepts, mit einer geheimnisvollen Gelehrten als Holmes und einer Raumschiff-KI als kriegsversehrtem Watson (ja, das Raumschiff brüht Tee). Gewann bereits den Nebula.

2. Artificial Condition (Martha Wells)
Die Fortsetzung der Murderbot-Memoiren ist nicht ganz so packend wie der Hugo-Gewinner vom Vorjahr, und natürlich ist der Überraschungseffekt flöten gegangen, sie macht aber immer noch Spaß. Martha Wells' "The Death of the Necromancer" habe ich allerdings nach der Hälfte wieder aufgegeben.

1. Beneath the Sugar Sky (Seanan McGuire)
Es sind einfach wunderbare, märchenhafte Geschichten, die Seanan McGuire in ihrer Reihe um die "Wayward Children" schreibt. "Unter dem Zuckerhimmel" ist eine magische Reise durch gleich mehrere Fabelwelten.

Noveletten

Hier wie bei den Kurzgeschichten fällt es mir wie immer schwer, eine Reihenfolge zu bestimmen. Die Beiträge sind übrigens auch in der Länge sehr unterschiedlich (+- 10.000 Wörter).

1. “If at First You Don’t Succeed, Try, Try Again” (Zen Cho)
Über Hartnäckigkeit, die Werdung eines Drachen und eine Art lesbische Liebe

2. When We Were Starless (Simone Heller)
Aliens treffen auf das Planetarium einer untergegangenen Zivilisation; das Führungshologramm erscheint ihnen als Geist und soll exorziert werden. Englischsprachige Geschichte einer Münchner Schriftstellerin!

3. “Nine Last Days on Planet Earth”  (Daryl Gregory)
Es regnet außerirdische Pflanzen, aber das Leben geht weiter. 

4. “The Last Banquet of Temporal Confections” (Tina Connolly)
Zutaten, die lebensechte Erinnerungen heraufbeschwören - 5D-Kino inklusive den Empfindungen der Opfer

No Award

5. "The Only Harmless Great Thing" (Brooke Bolander)
Elephantische Dystopie. Bolander ist einfach nicht mein Fall. Hat aber den Nebula gewonnen und gilt wohl als Favorit.

6. “The Thing About Ghost Stories” (Naomi Kritzer)
Meta-Geistergeschichte mit echter Geistergeschichte - leider weder gruselig noch sonstwie unterhaltsam

Kurzgeschichten

“The Secret Lives of the Nine Negro Teeth of George Washington” (P. Djèlí Clark)
 Facetten von Rassismus anhand der allegorischen neun Beutezähne des ersten amerikanischen Präsidenten. Gewann bereits den Nebula.

“The Court Magician” (Sarah Pinsker)
Pinsker hat zumindest nette Ideen. Hier geht es um einen Magier, der für jeden Zauberspruch ein Körperteil verlieren muss.

No Award

“The Tale of the Three Beautiful Raptor Sisters, and the Prince Who Was Made of Meat” (Brooke Bolander)

Für Bolander ganz amüsant, aber mir immer noch zu aggressiv feministisch.

“The Rose MacGregor Drinking and Admiration Society” (T. Kingfisher)
Rose MacGregor hat offenbar eindrucksvolle Brüste.

“A Witch’s Guide to Escape: A Practical Compendium of Portal Fantasies” (Alix E. Harrow)
Bibliothekare sind entweder Hexen oder?

6. “STET” (Sarah Gailey)
Hä?

Beste Serie

Wo ich schon mal dabei bin, hier ein paar Worte zur Besten Serie (eine Kategorie, von der ich immer noch nicht überzeugt bin). Diesmal habe ich mir ein ganz gutes Bild machen können.

1. The Laundry Files (Charles Stross)
Auch wenn ich die letzten Bände nicht mehr gelesen habe, war diese Reihe am Anfang doch ziemlich toll, wovon ich mich durch die Lektüre einer frühen Kurzgeschichte aus der Voters Package nochmals überzeugen konnte. Siehe auch meine Kritik zur Gewinner-Novelle Equoid von 2014.

2. The October Daye Series (Seanan McGuire)
Ich lese gerade Band fünf (von inzwischen 15, glaube ich), und mehr als gediegene Unterhaltung kommt immer noch nicht dabei rum. Aber na ja...

No Award

3. The Universe of Xuya (Aliette de Bodard)
Die Reihe erfüllt gerade so die geforderte Wortezahl. Das ist mir zu dünn.

4. Wayfarers (Becky Chambers)
Bestes Beispiel, warum ich die Kategorie nicht mag. Das ist einfach kein Hugo-Material. Siehe meine Gedanken zu den Roman-Finalisten.

5. The Centenal Cycle (Malka Older)
60 Jahre in der Zukunft gibt es eine Weltregierung, die in Bezirken à 100.000 Einwohnern gewählt wird. Mehr ein weltfernes politisches Manifest denn eine SF-Geschichte der Ethik-Expertin, bin ich da nicht reingekommen.

6. Machineries of Empire (Yoon Ha Lee)
 Die bisherigen drei Romane sind alle unter die Finalisten gekommen. Warum? Ist mir schleierhaft.

Samstag, 4. Mai 2019

Die Hugo-Finalisten der Kategorie Roman 2019

Irgendwie hat sich die SF-Community in eine politisch korrekte Ecke steuern lassen. Unter den 30 Finalisten in den fünf Belletristik-Kategorien sind in diesem Jahr gerade mal drei männliche Autoren dabei, dazu mit Yoon Ha Lee eine quere Person. Diese Über-Kompensation bringt allerdings aus meiner Sicht einen erheblichen Qualitätsverlust mit sich. Sie ist auch nicht auf die Hugos beschränkt: Bei den Nebulas der amerikanischen Autorenschaft ergibt sich ein ähnliches Bild. Dort ist mit Witchmark von C.L. Polk sogar ein besserer Groschenroman in der Auswahl, mit einer farblosen Liebesgeschichte zwischen zwei männlichen Wesen (aus Zeitgründen war das im Vorfeld leider mein einziger Versuch, nominierungswürdige Werke zu finden). Bei den Romanen kann ich maximal drei preiswürdige Kandidaten erkennen:

1. Spinning Silver (Naomi Novik): siehe meine ausführliche Rezension.

2. Trail of Lightning (Rebecca Roanhorse)



Rebecca Roanhorse hat im letzten Jahr mit ihrer Kurzgeschichte "Welcome to your Authentic Indian Experience™" gewonnen. Dieser erste Band einer Urban Fantasy ist auch ihr erster veröffentlichter Roman. Er spielt in einer nahen Zukunft, nachdem weite Teile der USA überschwemmt und unbewohnbar geworden sind, in einem erweiterten Navajo-Reservat. Die präzise ethnische Einordnung der Heldin ist dann auch die Stärke dieses Debuts. Ansonsten entspringt die Ich-Erzählerin leider der Standardschablone der Urban Fantasy: eine Heldin ohne Selbstachtung, aber mit überirdischen Kräften, übermächtigen Freunden und überdurchschnittlichen Popkulturkenntnissen. Eher zweitrangig, aber für eine Einführung doch stark. Wohingegen mich Seanan McGuires October Daye auch nach drei (von bislang 12) Romanen noch nicht überzeugt hat (die Reihe ist in diesem Jahr wiederum als Beste Serie im Rennen). Was lobe ich mir doch Aaronovichs Peter Grant (inzwischen immerhin vom Constable zum Detective befördert), der auch nach sieben Bänden noch keine Halbgötter in seinem Stammbaum entdeckt hat und sich auch nicht zur Weltrettung berufen fühlt.

3. Space Opera (Catherynne M. Valente)



Die Erde muss an einem intergalaktischen Musikwettbewerb teilnehmen, um den Wert der Menschheit zu belegen (die Spezie, die den letzten Platz einnimmt, wird eliminiert). Dies ist die satirisch auf die Spitze getriebene Sicht einer Amerikanerin auf den European Song Contest. Bereits in der Vorrunde gibt es freundschaftliche Attentatsversuche. Und da Yoko Ono in dieser Zukunft leider schon verstorben ist, muss die abgehalfterte Punk-Glam-Band Decibel Jones & the Zeros antreten. Das ist amüsant, aber aufgrund der poetischen Allüren der Autorin auf Dauer auch ziemlich anstrengend. Die Hälfte hätte ich gern mehr als halbwegs verstanden, und weniger als die Hälfte weiß ich nicht halb so gut zu würdigen, wie sie es verdient hätte.

No Award

4. The Calculating Stars (Mary Robinette Kowal)



Die Puppenspielerin und Gelegenheitsautorin erzählt hier (und im angekündigten Folgeband) die Vorgeschichte der Lady Astronaut of Mars, ihrer Hugo-prämierten Novelette von 2014. Sie spielt in einem Parallelwelt-Amerika, dessen Hauptstadt 1952 von einem Meteor zerstört wird, was aufgrund verheerender Klimaprognosen zu einem Wettrennen bei der Besiedlung der Nachbarplaneten führt. Das ist zunächst packend erzählt, aber die SF-Seite dieses beschleunigten Weltraumprogramms wird immer mehr zum belanglosen Hintergrund der Lebens- und Leidensgeschichte der weinerlichen Ich-Erzählerin, die sich anfühlt, als wäre eine moderne Frau des 21. Jahrhunderts in die 50er Jahre zurücktransportiert worden und wunderte sich nun, warum sie von den Männern nicht als ebenbürtig anerkannt wird. Das ist ein fatal falscher Feminismus, der weder die historische Periode noch heutige Ungerechtigkeiten erhellt.

5. Record of a Spaceborn Few (Becky Chambers)



Dies ist der dritte Roman im weitgehend friedlichen Universum einer fernen Zukunft. Den Vorgänger A Closed and Common Orbit hatte ich vor zwei Jahren noch einigermaßen wohlwollend beurteilt. Dies ist nun ein Langweiler ersten Grades, dessen Konzept, Episoden aus dem Leben einfacher Bewohner eines Generationenschiffs zu erzählen, einfach nicht aufgeht.

6. Revenant Gun (Yoon Ha Lee)
Diesen dritten Band um Kriegsführung mittels mathematischer Magie werde ich nicht einmal lesen, wenn er im Voters Package enthalten sein sollte (welches noch nicht verfügbar ist). Zu allem Überfluss ist die Reihe nun auch noch als Beste Serie im Rennen...

Samstag, 16. März 2019

Mein erster Hugo-Favorit 2019: "Spinning Silver" von Naomi Novik

Schon vor drei Jahren zeigte Naomi Novik mit dem Hugo-nominierten Uprooted, dass ihr Talent auch jenseits der kommerziell erfolgreichen, am Ende aber ziemlich abgenudelten Temeraire-Serie noch tolle Garne spinnen kann. Spinning Silver ist nun der zweite Roman dieser Webart, irgendwo zwischen Fantasy und Märchen einzuordnen, fest in einem mystisch angehauchten Europa des 19. Jahrhunderts angesiedelt. Eher der Fantasy zugehörig sind die Ich-Erzähler (von denen es diesmal gleich mehrere gibt), ein detaillierter Weltenaufbau und die Ausarbeitung der Figuren über den Archetyp hinaus. Eher märchenhaft erscheint mir die Darstellung von Magie und die schicksalsbestimmte Handlung (die allerdings mit reichlich Überraschungen aufwartet)



Nach der polnisch beeinflussten Landschaft von Uprooted finden wir uns in Spinning Silver nun eher in einem zaristischen Russland wieder. Neben der Macht des Zaren gibt es allerdings das Reich der Staryk, kalte, arrogante Fremdlinge, die in einer parallelen Feenwelt hausen und im Winter die Wälder des Zarenreichs heimsuchen und so manche Bauerschaft tyrannisieren. Vor diesem Hintergrund sind alle möglichen Märchenmotive verwoben: Aschenputtel, Goldesel, Rumpelstilzchen, Schneekönigin. Es gibt Prinzessinnen, die eine ungehörige Eigeninitiative entwickeln, und Prinzen, die weniger edel als erwartet agieren.

Der Hauptteil der Geschichte ist erzählt aus der Sicht dreier junger Frauen: Miryem, Wanda und Irina. Später kommen einige Passagen aus der Sicht des jungen Zaren Mirnatius, Irinas Zofe Magreta und Wandas jüngerem Bruder Stepon hinzu. Hauptfigur und am plastischsten gezeichnet ist die etwa 19jährige Miryem (Miriam), Tochter eines jüdischen Geldverleihers, der sich allerdings aufgrund seiner Gutmütigkeit als schlechter Geschäftsmann herausstellt. Als die Familie, die von allen Dorfbewohnern nur ausgenutzt wird, nahe dem Hungertod ist, nimmt Miryem die Sache selbst in die Hand und fordert persönlich die Zahlungen der Schuldner ein, mit wachsendem Erfolg. Allerdings erweckt ihre Fähigkeit, auf diese Weise Silber in Gold zu verwandeln, die Aufmerksamkeit eines Staryk-Lords, der Gold über alles begehrt...

Einer von Miryems Schuldnern ist ein Alkoholiker und Witwer, der seine drei Kinder tyrannisiert, bis sich schließlich als Rückzahlung seine älteste Tochter Wanda als Dienstmädchen bei Miryems Familie verdingt. Wanda ist robust und fleißig, aber vollkommen ungebildet; Miryems Buchhaltung hält sie zunächst für Magie. Aber bald entwickelt sie, und später auch ihre Brüder Sergey und Stepon (was ein russischer Name sein mag, oder auch ein Wortspiel), freundschaftliche Bande mit Miryem, deren tagträumerischen Vater und der kränklichen Mutter. Deren Vater wiederum lebt übrigens als reicher Geschäftsmann in der Regionshauptstadt Vysnia, allerdings im jüdischen Viertel, welches noch kein Ghetto ist, aber doch abgegrenzt vom Rest der Stadt, die von einem Grafen regiert wird. Dessen Tochter Irina ist die dritte Erzählerin; sie ist zwar nicht besonders hübsch und überhaupt widerspenstig, aber der Graf hegt doch Hoffnungen, sie mittels einer List mit dem jungen Zaren zu verheiraten. Der birgt allerdings ein dunkles Geheimnis (und hier kommt Rumpelstilzchen ins Spiel)...

Mit seinen unterschiedlichen Erzählstimmen ist Spinning Silver komplexer als Uprooted und erfordert vielleicht etwas mehr Aufmerksamkeit. Ich persönlich hatte allerdings (anders als einige Rezensenten bei Amazon) keine Probleme, jeweils zu Beginn eines Abschnitts die Erzählerin zu identifizieren. Aufgrund der unterschiedlichen Bildungshintergründe unterscheidet sich auch ihr Sprachstil (besonders einfach drückt sich der vielleicht zwölfjährige Stepon aus). Es hat durchaus eine Weile gedauert, bis ich mich in der Geschichte zurechtfand. Besonders gefallen hat mir dann, wie schon beim Vorgänger, dass der Handlungsverlauf überhaupt nicht vorhersehbar ist. Die Welt ist faszinierend geschildert, das Schicksal der Figuren ist packend, und gegen Ende wird reichlich Spannung aufgebaut. Robin Hobb hätte die Charaktere sicherlich viel tiefgründiger ausgelotet, aber das wäre dann waschechte Fantasy (und mindestens in Trilogie-Länge). Auch die Romanze(n), hier nur angedeutet, hätte man mit viel Herzschmerz auspolstern können. Naomi Novik bleibt standfest und gibt ihrem Märchen nach knapp 500 kurzweiligen Seiten das gebührende Happy End, welches allerdings anders aussieht als bei den Gebrüdern Grimm.



Und wenn sie nicht erfroren sind, dann leben sie noch heute - zufrieden, wohlversorgt und im Kreise ihrer Freunde und Familien.

Samstag, 1. September 2018

The Good Place: Die Hugo-Gewinner 2018

Es ist schon ein wenig peinlich, wenn man sich die Preisverleihung des Worldcon 76 auf YouTube anschaut. Das ist halt eine Veranstaltung von Nerds für Nerds, oder besser: von Fans für Fans. Es gibt ein paar Veteranen wie Bob Silverberg oder George R.R. Martin, die mit ihren Präsentationen zu fesseln wissen (selbst wenn es um den Preis für die beste Fan-Kunst geht), aber ansonsten bleibt der Unterhaltungswert gering. Ausnahme war dieses Jahr der Auftritt der Queen of Nerds, Multitalent Felicia Day, die souverän den neuen Preis für das beste Jugendbuch ("Young Adult") präsentieren und gleichzeitig von ihrer Begegnung mit N.K. Jemisin schwärmen konnte.

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Romane

Der Königspreis ging wie erwartet an N.K. Jemisin für The Stone Sky, in einem historischen Hattrick, der leider auch ein schlechtes Bild der Konkurrenz zeichnet. Ihre Nominierung in der Kategorie "Beste Serie" hat sie übrigens im Vorfeld abgelehnt, obwohl diese passender gewesen wäre. Trotzdem Glückwunsch an die brillante Autorin, die nebenbei auch eine engagierte Dankesrede hielt.




Kein Zufall, dass ich bisher keinem der sonstigen Finalisten eine Rezension gewidmet habe. Als da waren:

New York 2140, Kim Stanley Robinson

Nachdem ich mich vor Jahren durch seine Mars-Trilogie gequält hatte ("Red Mars" war 1993 nominiert, "Green Mars" und "Blue Mars" gewannen 1994 und 1997), ignoriere ich seine weiteren Romane regelmäßig. Er hat viele gute Ideen, auch bessere als Andy Weir in "The Martian", aber seine Figuren lassen mich kalt, und seine Plots langweilen mich. Ich bevorzuge Spider Robinson, der in diesem Jahr Ehrengast war.

Raven Strategem, Yoon Ha Lee

Die Fortsetzung von Ninefox Gambit habe ich nur gelesen (bzw. ab der 2. Hälfte quergelesen), weil sie in der Voters Package enthalten war. Die zentrale Figur ist durchaus interessant, erstickt aber wiederum in komplizierten politischen Intrigen. Und Schande, wieder eine geschlechtslose Figur ohne Kontur...

Six Wakes, Mur Lafferty

Mur Lafferty hat eine treue Fanbasis, zu der auch Jo Walton gehört. Ich wurde nicht warm mit der Geschichte der sechs Raumfahrer, die ohne Erinnerungen aus dem Tiefschlaf aufwachen und den Mord an sich selbst (bzw. ihren Klonen) untersuchen müssen. Nicht übel, aber auch nicht wirklich preiswürdig.

The Collapsing Empire, John Scalzi

John Scalzis bester Roman bleibt Old Man's War, der 2006 leider gegen Robert Charles Wilsons Spin verlor. Über seinen Gewinner Redshirts habe ich mich bereits genug aufgeregt. "The Collapsing Empire", der erste Band einer neuen Trilogie, ist enttäuschend routiniert und vorhersehbar aufgesetzt, mit recyceltem Weltenaufbau. Kann man lesen, muss man aber nicht.

Provenance, Ann Leckie

Selbst die Fans der Gewinnerin von 2014 geben zu, dass Provenance nicht ihr bestes Werk ist. Statt Tee-Ritualen gibt es diesmal eine Besessenheit mit historischen Urkunden. Durchschnittsware. Und auch wenn diesmal den meisten Figuren wieder Geschlechter zugeordnet werden, gibt es wieder eine Person unspezifizierten Geschlechts, mit vielen holprigen Pronomina. Ich halte es für eine billige Anbiederung an die quere Gemeinschaft, wenn so eine Figur plakativ eingeführt wird und wir dann nichts über die Hintergründe erfahren. Und woher weiß eigentlich jede andere Figur, dass diese Person geschlechtsneutral anzusprechen ist? 

Kurzformen

Hier gewannen meine Favoriten, nur bei den Noveletten hatte Suzanne Palmer mit "The Secret Life of Bots" die Nase vorn. Glückwunsch auch an Martha Wells und Rebecca Roanhorse.

Beste Serie

So haben sich die Organisatoren das bestimmt nicht vorgestellt - die neue Kategorie gewann erneut Altmeisterin Lois McMaster Bujold, diesmal mit ihrer Fantasy-Reihe "The World of the Five Gods", deren ursprünglicher Roman-Trilogie (inklusive Hugo-Gewinner "Paladin of Souls" von 2003) sie jüngst um eine Handvoll Novellen um den Tempeldiener Penric und seine Dämonin Desdemona erweiterte. Das war's dann zum Glück, mehr Serien hat sie nicht in petto - Bujold nahm den Hugo nicht selbst entgegen (vielleicht war's ihr selbst peinlich), ihre Dankesbotschaft verlas ihre Kollegin und Freundin Catherine Asaro, selbst erfolgreich mit der Skolian-Serie, die allerdings scharf an der Grenze zur Schnulze angesiedelt ist.

Mein Favorit (und zugleich die einzige Reihe, die ich vorab kannte) waren Brandon Sandersons "Stormlight Archives". Mit dieser epischen Fantasy, nach deren gerade erschienener dritter Band noch lange kein Ende abzusehen ist, versucht er in die Fußstapfen von Robert Jordan (dessen "Wheel of Time" er ja bekanntlich zum Abschluss gebracht hatte) und George R.R. Martin zu treten. Ich bin nicht mehr von allem begeistert, was Sanderson veröffentlicht; vor allem seine Jugendromane sind mir zu schematisch, und er macht schon in jungen Jahren (er wurde 1975 geboren) den Fehler, seine mit toll konstruierten Magiesystemen gestalteten Welten überzustrapazieren. In den "Stormlight Archives" jedoch erreicht er eine sagenhafte Erzähldichte und schafft schillernde dreidimensionale Figuren, die überlebensgroß und trotzdem erkennbar menschlich sind. Und mehr und mehr verschwimmen die Grenzen von Gut und Böse - man stelle sich vor, bei Tolkien würde man erfahren, dass die Orcs die Ureinwohner von Mittelerde waren, bevor Elben, Menschen und Zwerge das Land eroberten...

Da ich so begeistert von Martha Wells' nun preisgekrönter Novelle Murderbot Diaries war, habe ich inzwischen die ursprüngliche Trilogie ihrer Raksura-Reihe gelesen. Das sind geradlinige Abenteuer in einer reichhaltig ausgestatteten Fantasiewelt, mit einer faszinierenden Hauptfigur (wenngleich sie gelegentlich ein bißchen weinerlich daherkommt). Die ersten beiden Bände waren in der Voters Package, den dritten habe ich dazugekauft. Allerdings verstehe ich die Preispolitik des Verlages (Tor) nicht. Für die Kindle-Version älterer Romane über zehn Euro zu verlangen, grenzt an Wucher. Gleiches gilt für die Fortsetzungen der Murderbot-Diaries Für die Novellen verlangen die Händler ebenfalls bis zu zehn Euro.

Vielschreiberin Seanan McGuire hatte auch wieder eine Serie im Rennen ("InCryptid"), da komme ich aber beim besten Willen nicht hinterher. Gerade erst habe ich mir die Folgebände von Parasite gekauft...

Von einem weiteren Finalisten habe ich immerhin den ersten Band gelesen: Marie Brennans "The Memoirs of Lady Trent". Sie erzählt amüsant in (loser) Tagebuchform aus einer Parallelwelt, die technologisch ungefähr im Victorianischen Zeitalter angekommen ist, mit allerdings stark abweichender Fauna. Es ist erstaunlich, dass beim Thema Drachen noch Originalität möglich ist. Leider bleiben Figurenzeichnung und Vielschichtigkeit etwas auf der Strecke - das ist höchstens Anne Brontë, keinesfalls Charlotte.

Dramatische Formen

Nachdem ich schon befürchtet hatte, dass die öde Blade-Runner-Fortsetzung sich bei den Langformen durchsetzen könnte, hat nun doch mein Favorit gewonnen: Wonder Woman. Das passt schön zu einem Jahr, in dem es fast nur Gewinnerinnen gibt. Leider werden die Hugos in Hollywood nicht beachtet, so dass niemand aus dem Filmteam den Preis entgegennahm.

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Die große Überraschung gab es bei den Kurzformen, bereits bei den Finalisten. Neben der obligatorischen Doctor-Who-Episode und dem staffelbesten und doch mittelmäßigen Black-Mirror-Beitrag "U.S.S. Callister", einem naiv-verqueren Rap-Song von The Clipping (zum zweiten Mal: wird das ein Trend?) und einer Folge von Star Trek: Discovery (für diesen Mist kamen dann aber kaum Stimmen zusammen) gab es zwei Finalisten der Comedy-Serie The Good Place. Die war mir völlig unbekannt, was sich aber leicht beheben ließ: Die 25 zwanzigminütigen Episoden der ersten beiden Staffeln sind zwar nicht per Flatrate, aber zu sehr fairem Preis bei Amazon Prime erhältlich.




Welch ein Vergnügen! Visuell erinnert die Serie mich an Bryan Fullers ähnlich verschrobenes Kleinod Pushing Daisies, die vor zehn Jahren auch niemand verstanden hatte und nach 22 Episoden fallengelassen wurde. Das Konzept von The Good Place klingt zunächst arg bekannt, ergibt für mich aber etwas völlig Neues: Eleanor (Kristen Bell) wird nach ihrem überraschenden Tod vom Behördenleiter Michael (Ted Danson) überaus freundlich begrüßt. Sie ist am "Guten Ort" gelandet, eine Belohnung, die nur einem winzigen Promillteil der Verstorbenen zuteil wird. Michael hat diesen Ort (es gibt verschiedene) höchstpersönlich als kitschige Kleinstadt konstruiert, mit Frozen-Yoghurt-Cafes, Palästen und Hütten (je nach Vorliebe).

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Es gibt allerdings einen Haken: Eleanor erkennt schnell, dass sie nicht wirklich hier hingehört. Nicht, dass sie den "Schlechten Ort" bevorzugen würde, aber müsste es nicht wenigstens für einen "Mittleren Ort" reichen? Jedenfalls behält sie ihre Bedenken für sich und versucht sich einzuordnen. Nicht so einfach für eine egozentrische, eigennützige Egoistin wie Eleanor. Zum Glück gibt es Chidi (William Jackson Harper), einen ehemaligen Ethikprofessor, der sie mit philosophischer Nachhilfe unterstützt. Was in der zweiten Staffel zur Diskussion des Trolley-Problems führt (dieses Gedankenexperiment ist im Zuge von Autopilot-Fahrzeugen übrigens hochaktuell): Je nach Weichenstellung wird die Straßenbahn diese oder jene Menschengruppe überfahren: Nach welchen Kriterien entscheide ich? Der Teufel hat die Lösung natürlich parat, indem er nach dem Überfahren der ersten Gruppe die Bahn entgleisen läßt und so auch die zweite Gruppe erwischt...

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Das Charmante an The Good Place ist eigentlich, dass es jeder Beschreibung spottet. Erfinder Michael Schur, der zuvor auch die herrliche "Office"-Variante Parks and Recreation aus der Taufe gehoben hatte, hat hier jedenfalls einen Volltreffer gelandet. Allein wie der 70jährige Altstar Ted Danson (Cheers) sich seine herrlich absurden Dialoge auf der Zunge zergehen läßt, ist preiswürdig. Aber auch der Rest des Ensembles, teilweise mit Neulingen besetzt, schlägt sich fabelhaft. Oh, und hatte ich Janet (D'Arcy Carden) erwähnt? Sie ist so eine Art Enzyklopädie allen Wissens des Universums, fungiert zur Not aber auch als Telefon - was Jason (Manny Jacinto), den buddhistischen Mönch mit Schweigegelübde (lange Geschichte), nicht daran hindert, sich in sie zu verlieben...

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Es ist Vor- und Nachteil zugleich, dass sich die Serie nicht in ein Schema pressen läßt. So wird im furiosen Abschluss der ersten Staffel, im Hugo-Finalisten "Michael's Gambit", die komplette Situation auf den Kopf gestellt. Was zu einer etwas durchwachsenen zweiten Staffel führt, die allerdings mit der Episode 5, "The Trolley Problem", einen tollen Höhepunkt aufzuweisen hat, der verdient (und auch mit meiner Stimme) den diesjährigen Hugo einheimsen konnte. Jetzt bin ich wahnsinnig gespannt auf die dritte Staffel, die Ende des Monats anlaufen soll.

Samstag, 30. Juni 2018

Die Hugo-Finalisten 2018: Kurzformen

Hugo-Gewinnerin Jo Walton (Among Others) beschreibt in ihrem Blog ein wichtiges Merkmal von SF und Fantasy: Der Weltenaufbau wird zu einem eigenen Charakter. Was nicht heißt, dass die menschlichen (oder un-menschlichen) Figuren unwichtig werden sollten. Je kürzer allerdings die Geschichten werden, desto mehr stehen die Ideen im Vordergrund. Dagegen ist nichts zu sagen, aber ich persönlich möchte beim Lesen Personen kennenlernen und mit ihnen mitfiebern. Vielleicht deshalb sagen mir nur wenige Kurzgeschichten zu. In den letzten Jahren hat es kaum Beispiele auf dem Niveau von Sturgeon, Dick oder LeGuin gegeben. Bei den diesjährigen Nominierungen bin ich jedenfalls nicht fündig geworden. Es drängt sich auch keine Rangfolge auf, trotz ein paar netter Beiträge.

Noveletten


6. "Children of Thorns" Aliette de Bodard
Dieses Abenteuer in einem verwunschenen Palast ist eine Coda zu einer mir unbekannten umfangreichen Fantasy-Serie. Für sich allein konnte ich damit nichts anfangen.

5. "Extracurricular Activities" Yoon Ha Lee
Diese Military SF um den Helden Shuos Jedao ist quasi ein Flashback zur Hugo-nominierten Romantrilogie der Autoren Yoon Ha Lee (Ninefox Gambit im letzten Jahr, "Raven Strategem" in diesem). Shuos Jedao ist offenbar ein intergalaktischer Ethan Hunt, der nur mit einem Kugelschreiber bewaffnet eine gegnerische Garnison infiltrieren kann und dabei nur einen leichten Schnupfen davonträgt. Seine Gegenspieler duellieren sich nämlich mit Viren. Wenn das nicht so bierernst geschrieben wäre, hätte ich mich vielleicht amüsiert. Punktabzug auch für eine weitere beliebig geschlechtslose Figur ("they").

No Award

4. "A Series of Steaks" Vina Jie-Min Prasad

Schmecken Steaks aus dem 3D-Printer weniger gut als "echte" Schlachterzeugnisse? Wäre interessanter gewesen, wenn mich die beiden weiblichen Hauptfiguren und ihre angedeutete Romanze überzeugt hätten.

3. "Small Changes Over Long Periods" K.M. Szpara
In der Nachfolge von Chuck Tingle und Stix Hiscock bietet der Transgender-Aktivist K.M. Szpara (der angeblich einen Master in Theologie abgeschlossen hat) derbe Erotik und erörtert die wichtige philosophische Frage, wie bei einem Trans-Mann die Wandlung zum Vampir vonstatten geht. Es stellt sich heraus, dass neben Blut gewaltige Zugaben Testosteron notwendig sind.

2. "The Secret Life of Bots" Suzanne Palmer
Dieses nette Nichts ist eine Variation auf den Animationsfilm The Secret Life of Pets, im Deutschen einfach nur "Pets" (den ich unterhaltsamer fand als den ambitionierten Disney-Zwilling Zootopia). Hauptfigur ist ein in die Jahre gekommener Wartungsroboter, der trotz seiner Winzigkeit (er misst nur wenige Zentimeter) fast im Alleingang sein Raumschiff und das Sonnensystem rettet. Tatsächlich bilden die Bots eine verschworene Gemeinschaft und legen schon mal eine Gedenkmillisekunde für außer Dienst gestellte Kameraden ein.

1. "Wind Will Rove" Sarah Pinsker
Als Folk-Freund habe ich mich für diese Reflektion auf Tradition und Wandlung entschieden. Sarah Pinsker (die mit dem Ego so groß wie ein Planet, siehe ihre nominierte Novelle) beschreibt, wie Musiker auf einem Generationenraumschiff verzweifelt versuchen, ihr traditionelles Liedgut zu bewahren (es gab einen Blackout und Speicherverluste). So gibt es dogmatische Folk-Sessions, bei denen immer und immer wieder die alten Tunes heruntergedudelt werden (eine Tradition besonders der Iren, der ich nicht viel abgewinnen kann). Aber Folk-Musik muss leben, muss ihre Lieder weiterentwickeln und auf aktuelle Situationen beziehen. So jedenfalls interpretiere ich den Weg der Hauptfigur (einer Fiddlerin) und die Evolution ihres Lieblingsliedes, eben jenes "Winds Will Rove".

Short Stories


6. "Clearly Lettered in a Mostly Steady Hand" Fran Wilde
Eine poetische Allegorie, zu der ich keinen Zugang finden konnte.

5. "Carnival Nine" Caroline M. Yoachim
Und noch ein Abklatsch von The Secret Life of Pets, diesmal mit Aufziehpuppen. Der "Maker" zieht allmorgendlich das Gewinde der Puppen auf, was je nach Anzahl der Windungen zu unterschiedlich langen Aktivitätsdauern führt. Die Geschichte selbst ist leider schematisch-kitschig.

No Award

4. "Sun, Moon, and Dust" Ursula Vernon
Ursula Vernons Tomatendieb gewann letzes Jahr als beste Novelette. Diese Fantasy um einen Kartoffelfarmer und drei Heldengeister, die in einem magischen Schwert gefangen sind, fand ich deutlich schwächer, insbesondere den vagen homoerotischen Funken am Ende.

3. "Fandom for Robots" Vina Jie-Min Prasad
Die zweite diesjährige Nominierung der Autorin aus Singapur, die "gegen die Weltmaschine schreibt", ist ähnlich belanglos, hat aber wie mein Favorit bei den Novellen als Hauptfigur einen Roboter mit zweifelhaftem TV-Geschmack (in diesem Fall Anime), was sogar in eigenen Fangeschichten mündet.

2. "The Martian Obelisk" Linda Nagata
Linda Nagata lebt in Hawaii und schreibt vor allem "Nanopunk", wie ich aus der Wikipedia erfahre. Der Obeliks auf dem Mars soll ein Denkmal werden für die aussterbende menschliche Zivilisation. Aber ist dieses wichtiger als das Überleben der letzten Menschen auf dem Nachbarplaneten?

1. "Welcome to your Authentic Indian Experience™" Rebecca Roanhorse
Fast zufällig landet dieses Garn um virtuelle Erlebniswelten und indianische Tradition auf dem ersten Platz. Es gewann bereits den Nebula (die Nominierungen überschneiden sich nur noch bei Wilde und Prasad). Ein bisschen sperrig erzählt, hat es dann doch etwas von Phil Dicks Splittern der Realität. Authentische Ureinwohner hat Amerika ja nicht mehr zu bieten, aber Rebecca Roanhorse gibt ihre Wurzeln an mit Ohkay Owingeh (mit "schwarzer" Beimischung). Wie Prasad ist sie in diesem Jahr auch für den Campbell als "beste neue Autorin" nominiert.

Sonntag, 17. Juni 2018

Die Hugo-Finalisten 2018: Novellen

Während die Auswahl in der Kategorie "Roman" in diesem Jahr sehr enttäuschend ist - es sieht nach einem Hatrick für N.K. Jemisin aus - hatte ich an den Novellen überwiegend Freude. Es handelt sich eigentlich um Kurzromane, zwischen 100 und 200 Seiten lang, abgeschlossen oder Teil einer Serie. Nicht unter die Finalisten gekommen sind übrigens die beiden jüngsten Penric-Erzählungen von Lois McMaster Bujold, dafür ist ihre "World of the Five Gods" bei den Serien im Rennen. Hier meine Abstimmungsreihenfolge:

6. River of Teeth: Sarah Gailey

Die Grundidee ist eigentlich ganz nett: Im 19. Jahrhundert werden am Mississippi Flusspferde angesiedelt und lösen bald gewöhnliche Pferde als Reittiere ab. Vor diesem Hintergrund gibt es dann eine Wildwestgeschichte, die vor allem in der Figurenzeichnung jämmerlich scheitert. Insbesondere die wild durcheinandergeworfenen Gender-Typisierungen reiben sich mit dem historischen Hintergrund, vom bisexuellen Helden, der zu Beginn des Abenteuers erstmal einen blauäugigen Buchhalter vernascht, über die taffe, schwangere Kopfgeldjägerin bis hin zu einer Person, die das Geschlechterroulette verloren hat und deshalb nur mit "they" referenziert wird. Das ist reine Anbiederung an die LGBT-Gemeinde. Die bereits erhältliche Fortsetzung kann mir gestohlen bleiben!

5. The Black Tides of Heaven: JY Yang

Die quere Autor*in erfindet ein unwahrscheinliches Zwillingspaar, das sich in einer mittelalterlichen Fantasywelt auf unterschiedlichen Seiten eines weltumspannenden Konfliktes wiederfindet. Auch hier gibt es Abzüge für die beliebigen Geschlechtertypisierungen. Während manche Personen schon mit vier (4!) Jahren ein Geschlecht zugewiesen bekommen, warten die Zwillinge damit 17 Jahre, also ca. bis zur Halbzeitpause der Erzählung. Bis dahin werden sie einzeln mit "they" angesprochen, was zu Verwirrung und Verärgerung führt. Ansonsten sind Weltenaufbau wie Charakterisierungen hier aufgrund der Kürze nicht besonders überzeugend. Auch hierzu soll es eine Fortsetzung/Erweiterung geben - pah.

NO AWARD

4. And then there were (N-One): Sarah Pinsker

Das Ego der Autorin muss größer als ein Planet sein, denn wie sonst hätte sie sich trauen können, uns diese Geschichte vorzusetzen, in der sie alle Haupt- und Nebenrollen mit sich selbst besetzt. In Ich-Form erzählt Sarah von einem Kongress, an dem Sarahs aus ausgewählten parallelen Dimensionen teilnehmen. Da ist nämlich die Physikerin (oder "Quantologin") Sarah, die mal eben nicht nur Kommunikation, sondern auch Reisen zwischen alternativen Realitäten erfunden hat. Daneben haben die Sarahs trotz identischer Gene offenbar unendliche Talente, denn es gibt preisgekrönte Autorinnen genauso wie Grammy-gewinnende Musikerinnen - allerdings keine Ärztinnen. Unsere Erzählerin ist eine schnöde Versicherungsdetektivin, was aber praktisch ist, denn eine Sarah wurde gerade tot aufgefunden - ermordet? Das erklärt die an Agatha Christie angelehnte Titelvariation. Eigentlich führt die Autorin die so beliebte Multiverse-Theorie ad absurdum, aber sie zeigt eindrücklich die reale Wahrheit, dass kleinste Entscheidungen und Zufälle einen Lebenslauf aufs nachdrücklichste beeinflussen können. Spaßig und anregend!

3. Binti - Home: Nnedi Okorafor

Dies ist die Fortsetzung des Hugo-Gewinners vom vorletzen Jahr, genauso toll geschrieben, mit einer detailliert ausgemalten, exotischen Zukunft und einer faszinierenden Hauptfigur. Mein Hauptkritikpunkt ist, dass "Home" eigentlich die erste Hälfte eines Romans darstellt. Es endet mit einem Cliffhanger und bildet damit keine abgeschlossene Geschichte wie der erste Teil. Der Abschluss ist für faire 2 Euro als eBook erhältlich (ein Preismodell, das für Novellen leider nicht üblich ist), und daher werde ich ihn direkt als nächstes lesen (er käme dann in die Auswahl für nächstes Jahr). Ein weiterer Aspekt der Binti-Saga hat mich zudem gestört. Es ist in Ordnung, dass auch in einer Zukunft mit Raumschiffen und Alienkontakten Traditionen bewahrt werden. Aber müssen dazu auch abergläubische Rituale gehören? Was ich meine (nur ein Beispiel, kommt im Buch nicht vor!): Die Aufführung eines traditionellen Regentanzes ist schön, solange die Qualität der Darbietung nicht an der Regenmenge des folgenden Monats gemessen wird. Besonders genervt hat mich, dass Binti (und übrigens nur die Himba-Frauen) nicht ohne auf die Haut aufgetragenen Schutzschlamm (otjize) in die Öffentlichkeit gehen kann - auch auf dem Universitätsplaneten, der kein Wüstenklima hat. Das ist keine zu verteidigende Tradition mehr, sondern eine angelernte Neurose, und ein gutes Beispiel, wie eine an sich vernünftige Vorschrift verknöchert und nicht mehr hilft, sondern behindert.

2. Down Among the Sticks and Bones: Seanan McGuire

Seanan McGuire ist eine Vielschreiberin, was der Qualität ihres Werks nicht unbedingt bekommt. Bisher kenne ich nur einen kleinen Querschnitt, aber zum einen vermute ich, dass sie im Laufe der Jahre besser geworden ist, zum anderen gibt es wohl Erzählungen, in die sie mehr Arbeit hineinsteckt. So gewann sie mit ihrer Novelle Every Heart a Doorway letztes Jahr verdient ihren ersten Hugo. "Down Among the Sticks and Bones" ist nun eine Art (abgeschlossene) Vorgeschichte, um die Zeit der Zwillingsschwestern Jack (Jacqueline) und Jill(ian) in ihrer Fantasiewelt. Besonders reizvoll ist das Spiel mit den Geschlechterrollen (und dies ist ein Beispiel dafür, wie man das thematisieren kann, ohne penetrant zu wirken). Der Vater hat sich einen Sohn gewünscht und unterstützt Jills Tom-Boy-Verhalten, die Mutter dagegen formt Jack zu einer neurotischen Ballerina (und ach, wie wünschen sie sich, die Schwestern könnten die Namen tauschen!) In der Fantasiewelt, in die sie mit 11 Jahren gelangen und erst mit 17 wieder verlassen, lösen sich die Schwestern dann von den Erwartungen der Eltern. Jack wird das Mündel des herrschenden Vampir-Barons, während Jill beim ortsansässigen Frankenstein-Verschnitt in die Lehre geht. Das ist spannend, komisch und traurig zugleich. Bravo!

1. All Systems Red: Martha Wells

In einer fernen Zukunft besiedelt und terraformt die Menschheit ferne Planeten. Das ist ein kommerziell gesteuertes Verfahren. Mit der Bewertung eines neuen Siedlungsplaneten wird ein kleiner Trupp von Wissenschaftlern beauftragt, bewacht von einem Standard-Kampfandroiden (nach den Regeln der federführenden Gesellschaft muss den Prospektoren pro zehn Personen eine solche Maschine zugeteilt werden). Dieser Android ist allerdings nur nach außen ein Standardmodell. Nach einem traumatischen Einsatz, bei dem er aufgrund eines Programmierfehlers Unschuldige niedergemetzelt hatte, hat er kurzerhand sein eigenes Steuerprogramm gehackt und ist nun sein eigener Herr, auch wenn er seinen Auftrag, die Wissenschaftler zu beschützen, immer noch sehr ernst nimmt. Mit typischer Künstlicher Ironie nennt er sich den "Murderbot" und erzählt in Tagebuchform seine Erlebnisse. Sogleich sympathisch wird er uns, weil er in seiner Freizeit Fernsehserien konsumiert, insbesondere Seifenopern (die leider auch sein Menschenbild prägen). Außerdem ist er in seinen Fähigkeiten eingeschränkter als wir das sonst in der SF gewohnt sind. Er ist halt als Sparmodell konzipiert, das den Vorgaben genügen muss, aber auch nicht allzu teuer in der Produktion sein darf. So ist offenbar seine Multitasking-Fähigkeit stark eingeschränkt (im Gegensatz zu Data, der bei einem Gespräch mit Menschen zeitgleich noch Shakespeares Werk analysieren kann). Zudem ist er, auch aufgrund seiner Traumatisierung, extrem schüchtern im Umgang mit Menschen. Aber gerade diese Beschränkungen machen ihn zu einer faszinierenden Figur.

Die Texanerin Martha Wells, Jahrgang 1964, kann bereits auf umfangreiche Veröffentlichungen im SF- und Fantasy-Genre zurückblicken. Vor Jahren habe ich mal eine Urban Fantasy von ihr begonnen und nach ein paar Kapiteln wieder aufgegeben ("The Death of the Necromancer"). Vielleicht war das voreilig, jedenfalls werde ich ihr jetzt noch ein paar Chancen geben. Sie ist mit ihren Raksura-Fantasy-Romanen in diesem Jahr auch für die Beste Serie im Rennen. "All Systems Red", die erste Novelle in ihren "Murderbot Diaries", hat in diesem Jahr bereits den Nebula gewonnen und ist auch mein Favorit für den Hugo. Das ist mal waschechte Science Fiction, humorvoll und actiongeladen (auch wenn ich nicht so weit wie andere Rezensenten gehen würde, dies als Military SF zu klassifizieren).

Samstag, 23. September 2017

Triumphaler Abschluss von N.K. Jemisins Hugo-prämierter Trilogie: The Stone Sky

Zu Beginn ist es mir schwergefallen, mich mit der "Broken Earth"-Trilogie der gerade 45 Jahre gewordenen Afroamerikanerin N.K. Jemisin anzufreunden. Sie erschien mir stilistisch sperrig, die Figuren waren mir zunächst unsympathisch. Es stellt sich heraus, dass sich die anfängliche Anstrengung gelohnt hat. Der Hugo-Gewinn des ersten Bandes gegen meinen Favoriten, Naomi Noviks Märchen Uprooted, hatte vielleicht tatsächlich politische Gründe. Schon der zweite Band landete allerdings auf Platz Eins meines eigenen Stimmzettels und gewann erneut den begehrten Preis als Bester Roman des Jahres. Nun ist mit The Stone Sky der Abschlussband erschienen, der die Geschichte spannend und bewegend zu einem glücklichen Ende bringt.

Nach ihrem Pyrrhussieg über die feindliche Enklave verwandelt sich Essun wie ihr Ex und Mentor Alabaster Körperteil für Körperteil in Stein. Sie muss mit ihren Kräften haushalten, um noch eine Chance zu haben, mit Hilfe der Obelisken das seismische Gleichgewicht der Welt wieder in Ordnung zu bringen. Das bedeutet aber, dass sie für die Castrima-Gemeinschaft auf der Suche nach einem neuen Zufluchtsort nur eine Bürde ist. Zunächst geht es also ums nackte Überleben.

Nassun und der ehemalige Guardian Schaffa haben sich dem Einfluss der übrigen Guardians entzogen und entdecken mit Hilfe des Steinfressers ("Stone Eater") Steel funktionierende Überbleibsel einer uralten Zivilisation. Essuns 11jährige Tochter entwickelt bereits erstaunliche orogenische Kräfte und findet einen intuitiven Zugang zur Magie der Obelisken. Das Ziel des traumatisierten Kindes ist allerdings nicht Heilung, sondern Rache...

In Zwischenkapiteln erzählt der Steinfresser Hoa (oder Houwha), der sich als der bisher versteckte Ich-Erzähler entpuppt, die Jahrtausende zurückliegende Geschichte der hochmütigen Zivilisation von Syl Anagist, deren rücksichtslose Suche nach einer unerschöpflichen Energiequelle die "Fünfte Saison" auslöste und zudem durch den Beinahverlust des Mondes "Vater Erde" zum Feind der Menschen gemacht hatte. Es ist die Historie eines Genozids, der kapitalistischen Ausbeutung von Individuen und blinder Technologiegläubigkeit. Dass die ursprünglich als Werkzeuge "gezüchteten" Steinfresser unverschämterweise begannen, Persönlichkeiten zu entwickeln, war einer der entscheidenden Faktoren bei der Zerstörung von Syl Anagist, deren Bewohner übrigens alle orogenische Fähigkeiten hatten...

Die Autorin verarbeitet eine Vielzahl von schwerwiegenden Themen: Sklaverei, Pogrome, Diskriminierung, rücksichtslose Umweltzerstörung, Raubkapitalismus. Zentral waren für sie allerdings (wie sie im Nachwort zugibt, geprägt vom Leidensweg ihrer eigenen Mutter) unterschiedliche Ausprägungen von Mutterschaft. Ihre Figurenzeichnung leidet allerdings darunter, dass diese gleich eine ganze Welt retten müssen. Diese Überhöhung steht im Widerspruch zur Erörterung grundlegender menschlicher Wesenszüge, und dadurch verliert der Leser nie eine gewisse Distanz zu den Charakteren. Der Weltenbau ist allerdings phänomenal, und ich würde das Werk nachträglich eher der Science Fiction als der Fantasy zuordnen. Der SF-Geschichte wird eigentlich nur eine phantastische Ebene übergestülpt, in Gestalt der magisch anmutenden Fähigkeiten der Bewohner von Syl Anagist, unterschiedlich vererbt an die Orogene und die Steinfresser, und natürlich der Zeichnung von "Vater Erde" als eigenständige Intelligenz.

Grundsätzlich verstehe ich die Trilogie als einen einzigen Roman in drei nicht in sich abgeschlossenen Teilen, und das ist mein Hauptproblem mit den vergebenen Preisen. Falls "The Stone Sky" das bisher nicht dagewesene Kunststück gelingen sollte, dass ein Autor den Hugo dreimal hintereinander gewinnt (und das hängt natürlich stark von der Konkurrenz ab), so handelt es sich dann eigentlich um drei Auszeichnungen für das gleiche Werk. Die Situation ist also ganz anders als die bisherigen vergleichbaren Fälle in der Hugo-Geschichte. Der erste Autor, der zweimal hintereinander für den Besten Roman gewann, war Orson Scott Card: 1986 für "Ender's Game" und 1987 für die Fortsetzung "Speaker for the Dead". Dies sind aber zwei in sich abgeschlossene, sehr unterschiedliche Meisterwerke, die erst nachträglich in das sogenannten "Ender-Quartett" eingeordnet wurden (inzwischen hat Card leider aus rein kommerziellen Gründen noch etliche weitere Romane im Ender-Universum veröffentlicht). Ähnlich verhält es sich mit den Vorkosigan-Romanen von Lois McMaster Bujold, die 1991/92 und 1995 den Preis gewannen, wobei übrigens der Gewinner von 1992, Barrayar, in der Timeline von Miles Vorkosigan ein Prequel des Vorgängers war (wenn ich es richtig verstehe, entstanden die Bände konzeptionell schon chronologisch, aber "The Vor Game" kam als kommerziell vielversprechender zuerst heraus).

Es bleibt zu hoffen, dass J.K. Jemisin sich in ihren nächsten Projekten vielleicht besser auf glaubwürdige Charaktere fokussiert, die nicht gleich eine ganze Welt retten müssen. Aber wie auch immer, sie ist eine fantastische neue Stimme in der SF, die das Genre mit ungewohnten Sichtweisen bereichert. Dafür lohnt sich auch ein wenig Lese-Arbeit, bis man von ihrem Erzählstil mitgerissen wird.

Nachtrag: Die Hugos für 2017


Bei den literarischen Formen haben sich zu meiner Freude stets meine Favoriten durchgesetzt, entweder Platz Eins oder Zwei meines Stimmzettels, übrigens mit knappem Ergebnis bei den Romanen. Bei den dramatischen Formen sieht es wie so oft anders aus. Für die Langform gewann Arrival (auf Platz Zwei abgeschlagen Hidden Figures), für die Kurzform die Expanse-Episode, die immerhin meine Anerkennung als SF für Erwachsene fand (mal sehen, was die zweite Staffel zu bieten hat, die inzwischen auf Netflix verfügbar ist). Hier landete mein Favorit San Junipero auf Platz 2, die Black-Mirror-Episode konnte zum Trost allerdings gerade zwei Emmys einheimsen.

Wen's interessiert: Hier sind alle Nominierungen und das genaue Abstimmungsergebnis.

Samstag, 8. Juli 2017

Die Hugo-Finalisten 2017: Serien

Dies ist eine neue Kategorie, die dieses Jahr testweise eingeführt wurde. Die Voraussetzungen (mindestens drei Bände, von denen einer im Vorjahr veröffentlicht wurde) sind bereits von anderen kritisiert worden. Schön wäre es, nur abgeschlossene Serien zuzulassen, wie etwa Robert Jordans "Wheel of Time", welches vor einigen Jahren aufgrund einer Lücke in den Statuten als Roman nominiert war. Und darf eine Serie wieder und wieder nominiert werden?

Von den sechs Finalisten waren mir nur vier geläufig, nur die "Rivers of London" habe ich mitnominiert. Mein zweiter Vorschlag, die bisher dreibändige Fantasy-Reihe "Wall of Night" von Helen Lowe, fand keine Berücksichtigung. Inzwischen habe ich mich in vertretbarem Maß kundig gemacht. Hier meine Rangfolge:

(6) The Craft Sequence, by Max Gladstone

Die bisher fünf Bände dieser Fantasy-Reihe sind günstig für den Kindle erhältlich, waren aber auch Teil des Voters Package. Ich habe allerdings nach etwa 50 Seiten aufgegeben. Gladstone entwirft eine komplexe Welt mit eindimensionalen Figuren, für die ich einfach kein Interesse entwickeln konnte.

(5) The Expanse, by James S.A. Corey

Von dieser bisher sechsteiligen SF-Serie hatte ich vor Jahren den ersten Band gelesen, der zwar eine anregende Zukunft präsentiert, mich dramaturgisch aber auch nicht überzeugen konnte. Die erste Staffel der Fernsehserie (bei Netflix streambar) fand ich etwas besser.

(No Award)

(4) The October Daye Books, by Seanan McGuire

Seanan McGuire ist dieses Jahr in einer anderen Kategorie mein Favorit. Ihre Newsfeed-Reihe (als Mira Grant) hatte mich nicht vom Hocker gerissen, aber die Abenteuer der Halb-Fae October "Toby" Daye scheinen Potential zu haben. Alle zehn Romane und etliche Kurzgeschichten waren Teil des Voters Package, zu mehr als dem Erstling bin ich bisher noch nicht gekommen. Seit Potter und Twilight gibt es Urban Fantasy inzwischen in Massenproduktion, aber diese scheint lesenswert zu sein.

(3) The Temeraire series, by Naomi Novik

Naomi Noviks Märchen Uprooted war im letzten Jahr mein Favorit bei den Romanen. Von ihrer mit neun Bänden nun abgeschlossenen Fantasy um den Drachen Temeraire hatte ich immerhin sechs Bände (noch in Papierform!) gelesen, bevor ich wie offenbar die Autorin die Lust verlor. Trotzdem ist diese Alternativwelt der um eine Drachenluftwaffe erweiterten Napoleonischen Kriege ein erstaunliches Konstrukt, und Temeraire und sein Reiter Laurence sind unvergessliche Figuren.

(2) The Peter Grant / Rivers of London series, by Ben Aaronovitch

Gerade lese ich mit ungemindertem Vergnügen den sechsten Band dieser Urban Fantasy, die trotz offensichtlicher Parallelen ihre Qualität gerade in den Unterschieden zu Jim Butchers "Dresden Files" zeigt. Hier wie dort steht die Entwicklung eines jungen Magiers im Mittelpunkt, hier wie dort wird die Handlungsstadt (Chicago bzw. London) zu einem wesentlichen Charakter. Aber während Harry Dresden trotz seines Day Jobs als Privatdetektiv fest in der magischen Welt verhaftet ist, steht PC (Police Constable) Peter Grant  mit beiden Polizeistiefeln fest auf dem Boden des 21. Jahrhunderts. Gerade die Passagen, in denen er sich gewitzt durch die Wirrnisse der Polizeibürokratie manövriert, sind satirische Highlights (und lange nicht so übertrieben und selbstgefällig wie in den Laundry-Erzählungen von Charles Stross).

Aaronovitch, Jahrgang 1964, war in seiner ersten Karriere als Drehbuchautor u.a. für Doctor Who tätig. Seinen Romanen merkt man die Liebe zu seinem Heimatort an - zur Architektur, zu den Bewohnern, aber vor allem zur Multikulti-Gesellschaft, zu der auch Grant selbst einen Beitrag leistet: Seine Mutter stammt aus Sierra Leone, sein Vater, noch exotischer, ist ein weisser Jazz-Musiker. Grant ist übrigens trotz wachsender Fähigkeiten immer noch der kleine Azubi seines Chefs Nightingale, seines Zeichens Leiters der "Folly", einer inoffiziellen Abteilung der Londoner Polizei, die sich mit übernatürlichen Fällen beschäftigt (und nebenbei auf Sir Isaac Newton zurückgeht). Er ist ein Ausbilder der altmodischen Art, der noch regelmäßig die Eltern seines Lehrlings über dessen Fortschritte informiert. Grund mag sein, dass er im 19. Jahrhundert geboren wurde. Trotzdem sollte man den Veteranen nicht unterschätzen, der es im Zweiten Weltkrieg, wie es die Anekdote will, mal allein mit einem Tigerpärchen aufgenommen hatte (nicht die putzigen Raubkatzen, sondern deutschen Kampfpanzer). Er rekrutierte Peter für die Folly, als dieser versehentlich ein Gespenst als Zeugen eines Verbrechens angab.

Die Flüsse von London, nach der die Reihe benannt ist, schlängeln sich tatsächlich durch die komplette Handlung, personifiziert von mehr oder minder mächtigen Flussgöttinnen, von denen eine (nun gut, mehr eine Bachgöttin: Beverly Brook) sogar in Herz und Bett unseres jungen Helden geplätschert ist. Es sind jedenfalls liebevoll gezeichnete Figuren, mit denen ich gern Zeit verbringe (momentan etwa Grants Hidschab-tragende Kollegin Guleed, die "Muslim Ninja"). Dass Aaronovitch nicht die atemlose Spannung der Dresden Files aufbaut, sehe ich eher als erholsam an. Spannungsmomente gibt es trotzdem, nur eben punktuell, etwa wenn das Team auf den dunklen, (bisher) gesichtslosen Magier "Mr. Punch" trifft, der seine Kräfte offenbar vor allem zur Befriedigung seiner sadistischen Gelüste entwickelt hat. Ansonsten ist es einfach herrlich, Grant bei der Entwicklung seiner unkonventionellen Zauberformeln und der gleichzeitigen wissenschaftlichen Untersuchung derselben zu folgen: Praktizierte Magie zerstört z.B. elektronische Geräte in der Umgebung, etwa Mobiltelefone. Aber diese Zerstörung genügt dem Entfernungsgesetz 1/r², was Peter durch Experimentieren bestätigen kann.

(1) The Vorkosigan Saga, by Lois McMaster Bujold

Ich hatte gar nicht gewagt, diese Serie zu nominieren, genauso wenig wie den nominierungsrelevanten siebzehnten (17!) Band der Reihe, "Gentleman Jole and the Red Queen". Bujold hat bereits mehr als genug Hugos gewonnen, aber wenn diese meine Lieblingsserie nun zur Auswahl steht, kann ich nicht anders als auch für sie stimmen.

Die "Rote Königin" ist natürlich Cordelia, inzwischen Dowager Countess Vorkosigan und Vice Reine von Sergyar, des Planeten, auf dem sie in "Shards of Honor" ihren "Klingonen" Aral kennengelernt hatte. Mit kaum 70 Jahren hat sie nach Beta-Standards noch rüstige Jahrzehnte vor sich. Im Roman geht es um ihre Beziehung zu Admiral Jole, mit dem sie und Aral zu seinen Lebzeiten eine Dreiecksbeziehung gelebt hatten. Finden die beiden einsam Hinterbliebenen zueinander? Zweites Thema ist eine schwindelerregende Anzahl von möglichen Kindern, die dank moderner Fortpflanzungstechnologie  "ausgebrütet" werden könnten...

Samstag, 1. Juli 2017

Die Hugo-Finalisten 2017: Romane

Den großen Wurf gab es dieses Jahr nicht. Frauen und Fantasy dominieren mehr und mehr. Hier meine Rangliste:

(6) Too Like the Lightning, by Ada Palmer

Ada Palmer ist keine Schriftstellerin, sondern Historikerin, und ihr Debut "Too Like the Lightning" ist kein Roman, sondern der erste Teil eines Traktats. Sie konstruiert die unwahrscheinliche Weltordnung einer entfernten Zukunft, in der es zwar Umfragen und Wahlen gibt, aber hinter den Kulissen wirken einflussreiche Lenker der Geschicke, die historischen Figuren nachempfunden sind: Könige, Päpste, Philosophen. In der undurchdringlichen Prosa verbergen sich gelegentlich interessante Ideen, so etwa die Ablösung organisierter Religionen (die streng verboten sind) durch private Therapiesitzungen zur Erörterung spiritueller Fragen. Lesbar oder gar lesenswert ist das trotzdem nicht. Bis zum Schluss tauchen immer wieder neue wichtige Figuren auf, aber keine davon hat etwas mit realen Menschen gemein. Wenig hilfreich ist auch die Genderverwirrung (hier im Englischen mit der dritten Person Plural - "they" umschrieben). Selten habe ich mich derart über ein Buch geärgert (Ada Palmer ist in diesem Jahr als Neuling auch für den Campbell nominiert).

(5) Ninefox Gambit, by Yoon Ha Lee

 Yoon Ha Lee ist ein Korea-stämmiger Texaner. Der Mathematiker publiziert seit fast 20 Jahren Kurzgeschichten, dies ist sein erster Roman. Soweit ich verstanden habe, werden in einer fernen Zukunft Schlachten durch die Manipulation geometrischer Figuren gewonnen. Hurrah, endlich hat unsere abstrakte Kunst mal einen realen Nutzen! Leider ist das Result immer noch das gleiche - Menschen leiden und sterben. Im Zentrum der verworrenen Geschichte stehen durchaus interessante Figuren, aber lohnt sich dafür die Lesearbeit? Kompliziert ist nicht gleich literarisch.

(4) Death’s End, by Cixin Liu, translated by Ken Liu

Siehe meine ausführliche Kritik: Nicht preiswürdig

 (No Award)

(3) A Closed and Common Orbit, by Becky Chambers

 Enid Blyton im Weltall. So könnte man polemisch den zweiten Roman der jungen Kalifornierin Becky Chambers beschreiben. Der Vorgänger, "The Long Way to a Small, Angry Planet", war eine Art Firefly ohne Konflikte (selbst die Raumpiraten waren höflich und zuvorkommend), aber diese Geschichte einer sich findenden künstlichen Intelligenz hat etwas mehr Substanz. Erzählt wird in abwechselnden Kapiteln die "Jugend" der A.I. Sidra in ihrem neuen, fremden Androidenkörper, und der entflohenen Klonsklavin Jane, die von einer Schiffs-A.I. erzogen wird. Aufgrund der einfachen Sprache und übersichtlich konstruierten Geschichte ist der Roman eher für Jugendliche geeignet, beschäftigt sich aber durchaus mit aktuellen Themen wie Geschlechteridentität. Tatsächlich kann man Sidras Fremdeln mit ihrem Körper sowohl mit den Erscheinungen der Pubertät allgemein als auch mit dem Leidensweg von Transsexuellen vergleichen. Sidra hat nämlich vorher ein komplettes Raumschiff gesteuert, und die Autorin schildert sehr überzeugend den Übergang zum Androidenkörper, der noch nicht einmal eine Rückkamera hat...

(2) All the Birds in the Sky, by Charlie Jane Anders

Das Time Magazine zählte den ersten Roman der Hugo-Preisträgerin Charlie Jane Anders (beste Novelette 2012) zu den zehn Top-Romanen 2016, unabhängig vom Genre. "All the Birds in the Sky" ist eine Mischung aus SF-und Fantasy, sollte aber eher als Fabel oder Parabel gesehen werden, in der die Fantasy-Elemente für Naturverbundenheit und die SF-Elemente für Technologie stehen. Im Zentrum steht die Freundschaft der "Hexe" Patricia und des Tech-Wizards Laurence. Es ist eine wilde Geschichte mit etlichen tonalen Sprüngen, die als Jugendromanze beginnt und etwas verquer mit der Verhinderung der Apokalypse endet. Trotzdem ist das Buch spannend und unterhaltsam, wenngleich vielleicht etwas überschätzt. Es gewann bereits den Nebula und ist wohl auch der Hugo-Favorit des Jahres.

(1) The Obelisk Gate, by N. K. Jemisin

Der Vorgänger war  letztes Jahr nicht mein Favorit. In der Fortsetzung sind naturgemäß die Anfangsschwierigkeiten verschwunden. Die Erzählstruktur hat sich vereinfacht, es wird nur noch im Wechsel aus der Sicht von Essun und ihrer Tochter erzählt. Es wird sogar erklärt, warum die Essun-Kapitel in der zweiten Person stehen: Es gibt einen bisher verborgenen Ich-Erzähler, der nun gelegentlich seinen Schleier lüftet. Ansonsten erzählt Jemisin fesselnd und mit großer Empathie für ihre Figuren und rechtfertigt nachträglich den eher politisch motivierten Gewinn des letzten Jahres (als "erste schwarze Autorin" etc.) Den Abschlussband habe ich bereits vorbestellt, ich bin sehr gespannt!

Montag, 5. Juni 2017

Die Hugo-Finalisten 2017: Kurzgeschichten

Wieder (fast) nur Frauen, (fast) nur Fantasy. Trotzdem ein nicht übler bunter Strauß.

(6) “An Unimaginable Light”, by John C. Wright

John C. Wright lese ich nicht mehr, seit der Schwemme von 2015. Trifft sich gut, dass seine Geschichte der Voters Package auch nicht im Kindle-gerechten Format beilag.

(5) “Our Talons Can Crush Galaxies”, by Brooke Bolander

Brooke Bolander mag ich auch nicht besonders, ihre Prosa ist mir zu negativ. Diese Rachegeschichte eines misshandelten Engels ist immerhin die kürzeste in der diesjährigen Auswahl.

(No Award)

(4) “A Fist of Permutations in Lightning and Wildflowers”, by Alyssa Wong

Der zweite diesjährige Beitrag von Alyssa Wong ist eine stilistisch brillante Allegorie auf eine junge Frau, die mit dem Tod ihrer Schwester zurechtkommen muss.

(3) “The City Born Great”, by N. K. Jemisin

Die Stadt ist New York, und die frischgebackene Hugo-Gewinnerin aus Brooklyn erzählt von einem hispanischen Straßenjungen, der als Geburtshelfer die Lieblingsstadt der Autorin zum Leben erweckt. Diese wird damit in die Gesellschaft solch ehrwürdiger Geschwister wie Mexico City und Paris aufgenommen. Ob Los Angeles diesen Schritt auf schaffen wird?

(2) “Seasons of Glass and Iron”, by Amal El-Mohtar

Die Kanadierin Amal El-Mohtar baut aus dem "Glashügel" und den "eisernen Schuhen" ihr eigenes Märchen zusammen, mit einer klugen Botschaft und einer anrührenden Frauenfreundschaft. Ihrer siebenjährigen Nichte Lara gewidmet, ist dies auch für Erwachsene ein hübsches Lesevergnügen.

(1) “That Game We Played During the War”, by Carrie Vaughn

Das Spiel heisst Schach, aber wie spielt man dieses, wenn einer der Kontrahenten Gedanken lesen kann? Trotzdem haben die Enith den telepathischen Gaan einen Waffenstillstand abgetrotzt, so dass die Krankenschwester Calla mit dem feindlichen Major Larn das Spiel fortsetzen kann, welches sie im Gefangenencamp begonnen hatten (und über das sich eine unwahrscheinliche Freundschaft entwickelte).
Das Ziel ist, "kleine Kriege" zu kämpfen, ohne jemanden zu verletzen.
Carrie Vaughn ist bekannt durch ihre romantische Werwolf-Fantasyreihe "Kitty Norville", liefert hier aber eine kluge SF-Geschichte.

Sonntag, 4. Juni 2017

Die Hugo-Finalisten 2017: Noveletten

Die ernstzunehmenden wählbaren Noveletten (typischerweise unter einer Stunde lesbar) stammen alle von Teilzeit-Autorinnen. Höchstens zwei davon kann man der Science Fiction zuordnen. Hier meine Rangfolge:

(6) Alien Stripper Boned From Behind By The T-Rex, by Stix Hiscock

Von vorne wäre auch fatal, denn aus den drei Brüsten der Ich-Erzählerin schießen beim Orgasmus Laserstrahlen. Ansonsten ist dies eine konservativ-romantische Geschichte: Die Stripperin Kelly trauert noch ihrem Tentakel-Liebhaber nach, und der T-Rex Tyrone (dank futuristischem Body-Building mit durchaus muskulösen Armen ausgestattet) hat seine Brontosaurus-Frau beim Meteor-Einschlag verloren. "Stix Hiscock" ist wohl Chuck Tingles Pseudonym für Hetero-Sexromane, auch wenn ich keine direkte Bestätigung gefunden habe. Der "schizophrene Autist" Tingle hat offenbar tatsächlich einen Fan-Kreis, die letztjährige Nominierung für "Space Raptor Butt Invasion" kommentierte er in "Slammed in the Butt by My Hugo Award Nomination". Also gebührt mein Dank den Trollen für diesen amüsanten Beitrag.

(No Award)

(5) “You’ll Surely Drown Here If You Stay”, by Alyssa Wong

Die aparte Amerikanerin Alyssa Wong war letztes Jahr bereits Finalistin für den Campbell Award als bester Neuling. Ihr poetischer Schreibstil liegt mir leider nicht, genauso wenig diese Fantasygeschichte im Wilden Westen um einen Teenager, der mit den Toten kommunizieren und sie kurzzeitig sogar zum Leben erwecken kann. Auch wenn seine Freundschaft mit einer jungen Prostituierten durchaus anrührend ist.

(4) “Touring with the Alien”, by Carolyn Ives Gilman

Endlich mal SF! Die Aliens sind gelandet, aber niemand weiss wie. Bis einer mit seinem menschlichen "Übersetzer" eine Bustour mietet. Nette Idee, von der Historikerin Carolyn Ives Gilman mit bescheidenen stilistischen Mitteln geradlinig umgesetzt.

(3) "The Jewel and Her Lapidary", by Fran Wilde

Ambitionierte, tragische Fantasy-Geschichte um den Fall einer Herrscherfamilie eines Tals, in dem alle Macht von der Manipulation bestimmter magischer Edelsteine ausgeht. Erzählt, als ob inspiriert von der fiktiven Ruine des Königshauses, aus der Sicht der jugendlichen letzten Überlebenden Lin und Sima (Juwel und Edelsteinschleiferin). Fran Wilde lebt in Philadelphia.

Die Beiträge von Alyssa Wong und Fran Wilde sind übrigens die einzigen Finalisten dieser Kategorie, die auch für einen Nebula nominiert waren (gewonnen hat ein anderer Beitrag).

(2) “The Tomato Thief”, by Ursula Vernon

Ursula Vernon hat bereits einen Hugo gewonnen, für ihren "Web comic" "Digger" (Graphic Novels bilden eine Kategorie, in der ich mich überhaupt nicht auskenne oder wohlfühle). Ansonsten schreibt sie meist für Jugendliche. Auch die "Tomatendiebin" ist aufgrund der einfachen Sprache für Jugendliche zumindest geeignet. Es ist ein Märchen um eine alte Tomatenzüchterin, die aufgrund des titelgebenden Diebstahls noch einmal zu einem kleinen Abenteuer in die Wüste aufbricht. Es stellt sich heraus, dass sie den Gefahren dieser magischen Welt durchaus gewachsen ist, in der Eisenbahnen als Götter verehrt werden (und Bahnbeamte Priesterstatus haben und in Trance mit ihren Göttern kommunizieren). Hübsch und unterhaltsam.

(1) “The Art of Space Travel”, by Nina Allan

Nina Allan ist eine 51jährige britische Autorin, die mit dem renommierten 73jährigen SF-Autor Christopher Priest in Devon lebt. Sie erzählt eine Episode aus dem Jahr 2070, aus der Sicht der jungen Hotelangestellten Emily, die mit ihrer dementen Mutter in der Nähe von Heathrow Airport lebt. Gerade soll eine zweite Marsexpedition starten (die übrigens ohne Rückkehr der Astronauten geplant ist), und zwei Teilnehmer werden eine Nacht in Emilys Hotel verbringen. Emily spekuliert, dass einer der Astronauten der gescheiterten ersten Expedition ihr Vater sein könnte, aber die Antwort auf diese Frage ist naheliegender, als sie denkt.

Nina Allan zeichnet mit wenigen Strichen ein überzeugendes Porträt einer selbstbewussten jungen Frau, die am wenigsten dadurch charakterisiert wird, dass ihre Mutter aus Afrika stammt. Der Science-Fiction-Aspekt ist allerdings vernachlässigbar. Bis auf die Marsexpeditionen und den Absturz eines radioaktiv verseuchten Flugzeuges, dessen Untersuchung die Krankheit von Emilys Mutter verursacht hat, unterscheidet sich die Welt in 50 Jahren kaum von unserer. Aber wie in allen Literaturgattungen stehen auch bei der SF menschliche Schicksale im Mittelpunkt.

Sonntag, 28. Mai 2017

Die Hugo-Finalisten 2017: Novellen

Spät passe ich mich dem offiziellen Sprachgebrauch an. Für den Hugo-Gernsback-Award nominieren darf jedes Mitglied des WeltCons bis zu fünf Werke pro Kategorie. Die Finalisten sind diejenigen mit den meisten Nominierungen. Nach einer klugen Regeländerung sind dies nun sechs Gesetzte, aus denen der Gewinner gewählt wird.

Noch wichtiger, es greift nun eine Regeländerung, die Slate-Voting in diesem Jahr ziemlich erfolgreich verhindert hat, so dass nur wenige Puppy-Kandidaten ins Rennen gehen. Allerdings setzt sich der Trend zur Bevorzugung von Minderheiten und LGBT-Autoren fort. Für den Besten Roman (dazu später vielleicht mehr) sind 2017 nominiert: eine amerikanische Transgender-Frau, ein Chinese, ein Korea-amerikanischer Transgender-Mann, eine schwarze amerikanische Frau, und zwei weitere weisse Amerikanerinnen, deren Werke zumindest Gender-bewusst sind. Das ist auf der einen Seite erfreulich, auf der anderen schränkt es vielleicht ebenfalls die künstlerische Vielfalt ein.

Die seit Jahren zunehmende Konzentration auf Fantasy spiegelt hingegen lediglich den Buchmarkt wieder. Trotzdem ist es ein trauriger Rekord, dass in diesem Jahr alle sechs Novellen (mit jeweils einer Länge von ca. 100-200 Seiten) dem Fantasy-Genre zuzuordnen sind. Im einzelnen sind dies (in meinem Stimmzettel entsprechend aufsteigender Reihenfolge):

 (6) This Census-Taker, by China Miéville 


Der Brite China Miéville ist einfach nicht mein Fall. "The City & the City" gewann 2010 als vierter seiner fünf nominierten Romanen den Hauptpreis, aber stilistisch und erzählerisch kann ich mit seinen Büchern nichts anfangen. Da diese Fantasy-Novelle zudem dem Voters Package nur als PDF beiliegt, habe ich mir das Lesen gespart.

 (5) The Ballad of Black Tom, by Victor LaValle


Die erste von zwei Lovecraft-Nacherzählungen mit Twist in dieser Kategorie handelt von einem 20jährigen schwarzen Blues-Gitarristen im New York der 20er, der zwischen die Fronten mächtiger Zauberkräfte gerät. Atmosphärisch, aber trotz der Kürze unfokussiert erzählt und dadurch nicht besonders fesselnd. Der Twist ist natürlich die gelungene Perspektive des Jugendlichen aus Harlem. Der Assistenzprofessor an der Columbia University Victor LaValle ist in Queens aufgewachsen und schreibt offenbar nur im Nebenjob - daran gemessen ist er recht erfolgreich.

 (4) Penric and the Shaman, by Lois McMaster Bujold


Meine SF-Lieblingsautorin geht langsam auf die 70 zu, und darin liegt vermutlich der Grund für diese kürzeren Ausflüge in ihre Fantasy-Welt der Sechs Götter (inzwischen sind bereits zwei weitere Novellen um Pendric und Desdemona erschienen). Spannende, sympathische Unterhaltung ohne viel Tiefe.

 (3) The Dream-Quest of Vellitt Boe, by Kij Johnson


Diese zweite Lovecraft-Adaption der 57jährigen Akademikerin Kij Johnson hat es in sich. Eine Mathematik-Professorin versucht einer ausgebüxten Schülerin aus der "Traumwelt" in die reale Welt zu folgen und sie zur Rückkehr zu bewegen, bevor deren Großvater, ein seniler Gott, aus Wut ihre Heimat zerstört. Die durchaus spannende Erzählung lebt von der übersprudelnden Phantasie der Autorin, die die mysteriöse Traumwelt mit immer neuen Details ausschmückt, dabei allerdings bis auf die Hauptfigur keine überzeugenden Charaktere aufbaut. Für meinen Geschmack ein zu komplexer Weltenaufbau für eine kurze Erzählung. Der Twist ist hier die weibliche Perspektive. H.P. Lovecraft, 1890 - 1937, wurde postum als Meister des Horros verklärt, seine Welten sind aber wie die seiner meisten Zeitgenossen männlich und zumindest Rassen-elitär (dies nur aus dritter Hand erschlossen).


 (2) A Taste of Honey, by Kai Ashante Wilson


"A Taste of Honey" ist eine "Romeo & Julius"-Geschichte in einer komplexen Fantasy-Welt verschiedener Rassen, Kulturen und Götter, die Kai Ashante Wilson bereits in einem Roman eingeführt hatte. Die Erzählstruktur ist ein wenig kompliziert, mit vielen Zeitsprüngen, und der Stil des schwarzen New Yorkers ist gelegentlich allzu selbstverliebt, mit Zitaten in Latein und Sprüngen zwischen Umgangssprache und Hochsprache. Im Mittelpunkt steht die Kontemplation einer wegweisenden Entscheidung im Leben des Protagonisten (für die Familie oder den Geliebten) und ist trotz erzählerischer Holprigkeiten überaus anrührend. Trotzdem bin ich nicht besonders auf den zugehörigen Roman erpicht.

 (1) Every Heart a Doorway, by Seanan McGuire


Seanan McGuire, die auch als Mira Grant schreibt, ist sicher eine der sympathischsten und rührigsten Autorinnen des Genres. Die 39jährige Kalifornierin ist dieses Jahr auch in der neuen (fragwürdigen) Kategorie "Beste Serie" Finalistin. "Every Heart a Doorway" gewann in diesem Jahr bereits den Nebula Award der amerikanischen Autorenschaft, und ein erster Hugo wäre ihr wirklich zu gönnen. Ihre sprachlichen Mittel sind im Vergleich zur Konkurrenz eher einfach, ihre Erzählstruktur konventionell, und doch ist ihre Geschichte keineswegs trivial, und die stets überzeugend weibliche Perspektive der Autorin nicht selbstverständlich.

Die 17jährige Nancy trifft in einem Internat für "gestörte" Kinder ein; "gestört" jedenfalls in den Augen der Eltern - tatsächlich sind dies alles Jugendliche (zumeist Mädchen), die ähnlich wie "Alice im Wunderland" eine Zeit in einer Phantasiewelt verbracht haben, von den Erwachsenen interpretiert als traumatische Entführungen. Die meisten betroffenen Kinder möchten nichts lieber als wieder in ihre jeweilige Welt zurückkehren, aber dies ist offenbar nur selten möglich. Im Internat lernen sie nun, dass sie in ihrem Schicksal nicht allein sind, auch wenn es sehr verschiedene Phantasiewelten gibt. Tatsächlich kann man diese grob anhand eines Kompasses mit den Hauptrichtungen Logik, Unsinn, Tugend und Laster einordnen (die Welt von Alice liegt wohl klar in Richtung Unsinn). Doch bevor sich Nancy auch nur richtig eingelebt hat, wird bereits ihre Zimmerkameradin ermordet, und sie findet sich im Zentrum der Untersuchung wieder...



Montag, 16. Januar 2017

SF-Klassiker #11: Way Station (Clifford D. Simak, 1963)

Clifford D. Simak (1904-1988, reimt sich auf Grzimek) war einer der produktivsten SF-Autoren des 20. Jahrhunderts. Er schrieb bereits im Goldenen Zeitalter der SF, ab den 30ern, unzählige Kurzgeschichten, und veröffentlichte bis zu seinem Tode etwa 30 Romane. 1977 wurde er von der amerikanischen Autorengemeinschaft, nach Robert A. Heinlein und Jack Williamson, zu deren drittem Grand Master ernannt. Trotzdem ist sein Name heute kaum noch ein Begriff, im Gegensatz zu den in den 80ern ernannten Großmeistern. Simak war nicht so wagemutig wie sein Freund Isaac Asimov, nicht so wissenschaftsorientiert wie Arthur C. Clarke, nicht so experimentierfreudig wie Alfred Bester oder so stilsicher wie Ray Bradbury. Vielleicht hat er einfach nicht laut genug geklappert, vielleicht war er zu "Middle of the Road" mit seiner sanften Erzählweise und seinen kleinen Geschichten, die sich auf Ideen und Figuren konzentrierten, aber nicht den üblichen Actionformeln genügten. Auf die Leinwand bzw. den Bildschirm haben es lediglich zwei seiner Romane (in Russland und Ungarn) und eine Handvoll Geschichten als Vorlagen von TV-Folgen einschlägiger Anthologieserien geschafft.

Simak schrieb nie den "großen" Roman, der die Fantasie auch der Nachfolgegenerationen hätte beflügeln können (wie etwa Larry Niven mit Ringwelt, dem er ansonsten durchaus ebenbürtig war). "Way Station", von den Fans 1964 mit dem Hugo für den Besten Roman ausgezeichnet, ist jedoch eine Wiederentdeckung wert (Simak gewann zwei weitere Hugos für Kurzformen). Im Mittelpunkt steht Enoch, ehemaliger Soldat aus dem amerikanischen Bürgerkrieg, der seit fast hundert Jahren unerkannt eine galaktische Station auf der Erde betreut. Nun aber spitzen sich die Ereignisse zu; der Erde droht ein Atomkrieg, der CIA beginnt Enoch zu beobachten, und in den galaktischen Zivilisationen gibt es Unruhe um eine legendäre Maschine, die den Völkern den Zugang zu einer sprituellen Kraft des Universums ermöglichen soll.

Simak verbindet geschickt eine ganze Reihe von zunächst unabhängigen Ideen, die er ohne viel äußere Spannung in einem mild-kathartischen Finale zusammenführt. Trotzdem hat es dieser schmale, keine 200 Seiten umfassende Roman in sich. Er enthält ein plausibles futuristisches Szenario mit vielen faszinierenden, oft fast nebenbei erwähnten Details. Die Geschichte beginnt mit der Schilderung eines CIA-Agenten, der sich in die Dorfgemeinschaft eingeschleust hat, die Enoch als verschrobenen Sonderling akzeptiert hat, obwohl er seit vielen Jahrzehnten wie ein 30jähriger aussieht und bis auf den Postboten auch keine Kontakte pflegt. Doch schnell wechselt die Perspektive zum eigentlichen Helden und seiner geheimnisvollen Station. Enoch ist sicher einer der einsamsten Menschen der Welt, hat allerdings auch Zugang zu einem beneidenswerten Schatz von Informationen und Artefakten. Trotz seiner Isolation informiert er sich regelmäßig durch Zeitungen und Magazine über die Entwicklung der Menschheit. Nach der Kuba-Krise rechnet er sich fast mit Sicherheit den Dritten Weltkrieg aus.

Der Autor ist allerdings niemand, der diese pessimistische Ausgangslage in einen bedrohlichen Text wandelt (anders als Kurt Vonnegut, dessen tolle apokalyptische Satire "Cat's Cradle" im gleichen Jahr für den Hugo nominert war). Bei Simak sind die meisten Aliens gutmütig, und selbst der CIA-Agent zeigt sich verständnisvoll. Die Ereignisse werden ohne Hast in einem wohltuend-optimistischen Grundton geschildert (Simak hätte bestimmt gute Star-Trek-Folgen erfunden). Dabei ist der Hauptkonflikt eher in Enochs psychologischer Situation als den äußeren Umständen zu finden. Dazu macht die Sehnsucht nach einem friedlichen Zusammenleben und kulturellem Austausch "Way Station" auch heute noch zu einem zeitgemäßen Lesevergnügen.

Samstag, 31. Dezember 2016

Jahresrückblick 2016

Kino

Wenn Jimmy Kimmel, der schon bei der Emmy-Verleihung nicht besonders aufgefallen war, am 26. Februar die Academy Awards moderiert, werden die Präsentatoren wieder von einem tollen Kinojahr schwärmen und von all seinen fabelhaften, anspruchsvollen Filmen. Leider sind mir die irgendwie entgangen. Genauso wenig kann ich die Inflation der positiven Kritikermeinungen nachvollziehen, etwa bei den Metascores. Mit Gauss'scher Normalverteilung hat das nichts mehr zu tun.

Auch das internationale Boxoffice ist immer schwieriger zu interpretieren. In den deutschen Medien wird oft schon von einem Hit gejubelt, wenn ein Film die Nummer Eins in Amerika ist. Das ist aber bei den heutigen Kosten von Blockbustern nur das erwartete Minimum. Klar ist die Dominanz von Disney, die mit Captain America, Finding Dory, Zootopia und dem Dschungelbuch (welches bestimmt niemand dort erwartet hatte) die besten Einnahmen erzielten. Weniger klar ist, dass die jeweils rund 750 Millionen Dollar Umsatz für Batman vs. Superman und Suicide Squad von DC/Warner als enttäuschend gewertet werden. Dabei muss man bedenken, dass zu einem Budget von 250 Millionen Dollar oft nochmals die gleiche Summe für Marketing rausgeworfen wird. Damit relativieren sich solche Umsatzzahlen. Nach gleicher Rechnung gilt übrigens auch Star Trek Beyond mit 343 Millionen Dollar Einnahmen als Flop. Andere Möchtegern-Blockbuster waren nur durch ihren Erfolg in China nicht ruinös, so etwa Warcraft, X-Men, Independence Day 2, Now You See Me 2, die in den USA weniger als ein Drittel ihres weltweiten Umsatzes einspielten (in China gibt es seit jüngstem mehr Kinoleinwände als in den Vereinigten Staaten). Besonders deutlich zeigt sich diese Umverteilung nach Asien in Stephen Chows chinesischem Megahit Die Meerjungfrau, der in den USA noch gar nicht gelaufen ist, aber mit 550 Millionen Dollar Umsatz weltweit bereits an der zwölften Stelle der umsatzstärksten Filme des Jahres steht.

Immerhin wurden in diesem Kinojahre eine Menge Apokalypsen abgewendet: von den X-Men, dem Suicide Squad, Batman und Superman (mit willkommener Hilfe von Wonder Woman) den farblosen jungen Leuten von Independence Day: Die Rückkehr, den Ghostbusters, und natürlich Dr. Strange, der das Magieduell des Jahres gegen Newt Scamander klar für sich entscheiden konnte. Hier ist die bescheidene Liste meiner Lieblingsfilme des Jahres:

Herausragend (9/10)

Sehr gut (8/10)

Im Gegensatz zum ungarischen Besten Fremdsprachigen Film von 2015, Son of Saul, hat mich der kolumbianische Beitrag El abrazo de la serpienta überzeugt: malerische Schwarzweiss-Bilder des (noch) unberührten Amazonasgebiets, authentische eingeborene Nebendarsteller und eine tiefschürfende spirituelle Suche, ohne allzusehr ins Esoterische abzudriften.

Ebenfalls sehenswert (7/10)

Nice Guys, Brooklyn, Bad Moms, Hail Caesar!, Ghostbusters, The Danish Girl, Whiskey Tango Foxtrot (Tina Fey, Margot Robbie in einem missverstandenen Biopic), Ein ganzes halbes Jahr (ein wunderschönes Stück Kitsch mit einer hinreißend-naiven Emilia Clarke), Money Monster (Foster-Clooney-Roberts!), American Ultra (schräger Geheimtip), Es ist kompliziert...! (Simon Pegg und Lake Bell in warmherziger RomCom), Mr. Collins' zweiter Frühling (Al Pacino als Tom-Jones-Verschnitt bezirzt Annette Bening), Der letzte Wolf (Jean-Jacques Annaud zeigt wunderschöne Bilder aus der Mongolei)

Der lausige Rest

Enttäuscht haben mich besonders mittelmäßige Filme meiner Lieblingsregisseure Woody Allen (Café Society), Jim Jarmusch (Paterson), Tom Tykwer (Hologramm für den König) und Pedro Almodóvar (Julieta). Von den vorhersehbaren Flops (Ben Hur, anyone?) habe ich mich ferngehalten, trotzdem musste ich einige Gurken ertragen:
  • Star Wars: Rogue One
    Der Film wirkt, als habe man ein Kleinkind mit einem Star-Wars-Legobaukasten spielen lassen und das Ergebnis dann zu einem Drehbuch verwurstet. Was nichts daran ändert, dass die Zuschauer wie von der dunklen Seite der Macht verführt in die Kinos drängen (These are not the thrills you are looking for!)
  • Star Trek Beyond
  • The Hateful Eight (Quentin Tarantino)

TV

Auch wenn das Fernsehen nicht der alles heilende Gegenpol zum Kino ist, als der es inzwischen verklärt wird, gab es doch einige Höhepunkte, zwei sogar für uns Deutsche: die internationalen Emmys für Deutschland 83 und Christiane Paul!



Ansonsten gab es auch beim TV viel unqualifiziertes Lob, so etwa für die Nostalgieserie Stranger Things. So sehr ich Winona Ryder liebe, so wenig hat mir ihre überzogene Darstellung darin gefallen. Den zu Recht umjubelten Jungdarstellern, besonders Millie Bobby Brown und Natalia Dyer, tut man mit den übertriebenen Vorschusslorbeeren allerdings keinen Gefallen.


Meine "alten" Lieblingsserien aus dem Genre, vielleicht die letzten, die noch als physische Medien in meinem Regal landen, laufen gerade aus. Person of Interest hat in der vorletzten Staffel immerhin noch eine Sternstunde des Fernsehens geliefert. If-Then-Else ist packende, intelligente Unterhaltung auf höchstem Niveau, nicht nur für Programmierer. Die letzte (Kurz)Staffel erscheint im Januar.



Dann laufen in den USA auch die letzten Folgen von Grimm. Dort würfeln die Showrunner nur noch aus, wer wann mit wem im Bett landet. Nachdem sich gerade Nick und Adalind gefunden haben, fehlt dann eigentlich nur noch die Paarung von Juliette und Wu...



Bei Game of Thrones erwarten uns noch 7 + 6 Folgen, von denen ich nicht mehr allzuviel erwarte. Es wird wie in Die Rückkehr des Königs eine ganze Reihe von Abschlüssen geben, denen dann aber die Doppelbödigkeit von Martins Vorlage abgeht.




Viele der Nachfolger kann ich höchstens noch als Guilty Pleasures betrachten, wobei aufgrund des schwindenden Einflusses der konservativen Senderbosse der Trend zur Skurrilität zunimmt. iZombie, Lucifer, Preacher (mit Ruth Negga, einem der Shooting Stars des Jahres), Dirk Gently machen durchaus Spaß, aber kontinuierliche Qualität erwarte ich nicht von ihnen.



Höhepunkte kamen eher aus unerwarteten Ecken, etwa durch Master of None, oder die durchwachsene, düstere Anthologieserie Black Mirror, die aus heiterem Himmel mit der schönsten Romanze des Jahres aufwarten konnte: San Junipero ist untypisch und doch sehr willkommen. Die Hauptdarstellerinnen Gugu Mbatha-Raw und Mackenzie Davis (die mir schon im Marsianer als lebhafteste Mime aufgefallen war und von Sir Ridley gleich für die unnötige Fortsetzung des Blade Runners verpflichtet wurde) empfehlen sich für Größeres.



Zum Jahreswechsel gab es dann noch Balsam in Form eines völlig unerwarteten "Weihnachtsspecials" von Sense8, das allerdings eher einen Übergang zur ab Mai verfügbaren zweiten Staffel darstellt. Trotzdem überwiegen die Wohlfühlmomente, wenn die Sensates erst Geburtstag feiern (am 8.8.), dann Weihnachten, untermalt von einer beseelten Version von Leonard Cohens "Hallelujah", und schließlich Silvester, u.a. mit dem traditionellen Feuerwerk über dem Brandenburger Tor. Schön, dass Lana Wachowski die Sache auch allein gut im Griff hat, natürlich mithilfe des Drehbuchkollegen J. Michael Straczynski.



Die Hugos


Bezeichnend für den kulturellen Grabenkampf, der gerade insbesondere in den USA ausgetragen wird, wurden die diesjährigen Hugos mehr aus politischem Kalkül als über die Qualität entschieden. Insbesondere beim Besten Roman war ich enttäuscht, denn Naomi Noviks Nebula- und Locus-Gewinner Uprooted hat mir sehr viel besser gefallen als der am Ende prämierte The Fifth Season von N.K. Jemisin. Für das kommende Jahr sind keine Änderungen in Sicht - bei mir selbst sind mit Death's End und Crosstalk leider bereits zwei mögliche Nominierungskandidaten durchgefallen. Offenbar bin ich zu anspruchsvoll.

Bei den dramatischen Präsentationen gewannen übrigens Jessica Jones und Der Marsianer (ein Film für den kleinsten gemeinsamen Nenner, der auch beim wiederholten Anschauen noch unterhaltsam ist); dem Autor der Vorlage Andy Weir wurde der Campbell-Award als bester Neuling zugesprochen.

And now their watch has ended

Peter Vaughan wird wohl immer als liebenswerter Greis in Erinnerung bleiben. Schon 1993 spielte er in Was vom Tage übrig blieb den tatterigen Vater von Anthony Hopkins; als blinder Maester Aemon und Großonkel der Drachenmutter Daenerys Targaryen lief er ein letztes Mal zur Hochform auf. Er wurde 93.



Carrie Fisher war in mehr Meilensteinen zu sehen als so mancher Superstar: Blues Brothers, Hannah und ihre Schwestern, Harry und Sally, Amazonen auf dem Mond... Ihre Mutter Debbie Reynolds wird allein schon durch ihre Hauptrolle neben Gene Kelly und Donald O'Connor in meinem Lieblingsmusical der Leinwand, Singin' in the Rain, in Erinnerung bleiben.



Er war als Shepherd Book das älteste Cast-Mitglied der Firefly, und seine Figur wurde im Kinofinale Serenity dann auch umgebracht - trotzdem werden wir Browncoats ihn vermissen: Ron Glass (1945 - 2016).



Nach Lee Hays (1914 - 1981), Pete Seeger (1919 - 2014) und Ronnie Gilbert (1926 - 2015) starb im September mit Fred Hellerman (1927 - 2016) das letzte Originalmitglied der Weavers. Sie hatten mit Goodnight Irene 1949 ihren einzigen Hit, bevor sie für ein Jahrzehnt auf McCarthys Schwarzer Liste landeten. Sie wehrten sich mit Liedern wie "Die Gedanken sind frei" und läuteten den Folk-Boom der 60er ein. Ihre Reunions wurden zu Legenden, zuletzt dokumentiert im großartigen Film (und Abschied von Lee Hays) Wasn't That A Time. Freddie produzierte u.a. Arlo Guthries Alice's Restaurant und spielte Gitarre auf Joan Baez' Debut.



Er wurde weltberühmt mit dem traumatisierenden Kinderbuch "Unten am Fluß", welches 1978 in einen Zeichentrickfilm umgesetzt wurde (Watership Down), und schrieb danach noch weitere Romane aus der (teilweisen) Perspektive von Tieren ("Shardik"). Mein Lieblingswerk von ihm ist aber der epische, unglaublich fesselnde erotische Fantasyroman Maia. Richard Adams starb am Heiligabend mit 96 Jahren.



Der tragischste Verlust des Jahres ist zweifelsohne der Tod des 27jährigen Anton Yelchin (Only Lovers Alive) durch einen dummen Unfall im vergangenen Juni.