Suche im Blog

Sonntag, 21. Februar 2016

Nostalgietrip: Hail, Caesar!

Beginnend mit Broadway Melody, dem (mittelmäßigen) Oscar-Gewinner von 1929, bestanden Hollywood-Musicals oft nur aus einer Reihe von Revue-Nummern, halbherzig zusammengehalten durch eine dünne Rahmenhandlung. Mit Hail, Caesar! verfolgen Ethan und Joel Coen offenbar ein ähnliches Schema. In Gestalt des Studio-Managers Eddie Mannix (Josh Brolin), der wie ein Marlowe-Klon durch Hollywoods Nachtleben geistert, geben die Brüder noch einen Schuss Noir hinzu (inklusive des nicht unbedingt erhellenden Voice-Overs von "Dumbledore" Michael Gambon), und fertig ist ihre Hommage an das Studiosystem der 50er. Oder ist es eine Persiflage, die Studie des Zerfalls eben dieses Systems? Ich persönlich hätte mir einen stärkeren roten Faden gewünscht. So zerfällt die Geschichte in viele einzelne, verschachtelte Episoden, von denen die meisten allerdings durchaus amüsant sind.


Die Werbung hat sich dabei auf George Clooney als Baird Whitlock konzentriert, der durch die Hauptrolle eines Monumentalfilms à la Ben Hur stolpert und nebenbei in die Hände von kommunistischen Autoren fällt - der zelluloidgewordene Traum von Senator Joseph McCarthy, mit einem an Die Russen kommen! Die Russen kommen! erinnernden Höhepunkt. Die beste Szene dieses titelgebenden Handlungsstranges ist allerdings die der Zensur zuvorkommende Diskussionsrunde mit kirchlichen Würdenträgern. Punkten kann dort vor allem Voyager-Doktor Robert Picardo als zynischer Rabbi, dem eine pietätvolle Darstellung Christi mehr als egal ist.


Dann wäre da Channing Tatum im Matrosenanzug, in einer Tanznummer, die aus On The Town stammen könnte. Und tatsächlich steppt der Stripperprinz besser als Frank Sinatra und singt besser als Gene Kelly (umgekehrt wäre es allerdings ein Wunder). Trotzdem fehlt No Dames der Funke, den die Vorbilder in den 40ern noch hatten. Gleiches gilt für das Wasserballett nach Symmetrie-Fetischist Busby Berkley, in dem Scarlett Johansson als Badenixe eine herrliche Esther-Williams-Kopie gibt. Dies ist ihr erster Auftritt für die Coens, seit sie 2001 als 17jährige Billy Bob Thornton in The Man Who Wasn't There den Kopf verdrehte. Diesmal muß Jonah Hill dran glauben, dessen einzige Szene bereits im Trailer zu sehen war - was sie natürlich nicht weniger komisch macht.


Zwischendurch gibt es weitere Ablenkung durch Cameos von Mrs. Joel Coen Frances McDormand, als konfuse Cutterin in einem schönen Sketch, und Tilda Swinton als Klatschreporterinnen (sie hat schon praktisch alles gespielt: Hexen und Vampire, Männer und Frauen, Königinnen und Sozialarbeiterinnen - warum also nicht Zwillinge). Und immer wieder versucht Eddie Mannix Ordnung ins Chaos zu bringen. Dabei muß er eine schwere Lebensentscheidung treffen: Soll er weiter als "Zirkusdirektor" das Image von wasserstoffblonden Starlets schützen, oder lieber in ein handfestes, "einfaches" Fach wechseln und Wasserstoffbomben vermarkten?


Trotz des genannten Star-Aufgebots hinterläßt allerdings ein Nachwuchstalent den stärksten Eindruck. Der 26jährige Kalifornier Alden Ehrenreich hatte bisher immerhin die Hauptrolle in Beautiful Creatures, einem der weniger schmerzhaften Beiträge der aktuellen YA-Schwemme, und einen kleinen Auftritt in Woody Allens Blue Jasmine als Cate Blanchetts Stiefsohn. Hier spielt er mit breitem texanischen Akzent einen (verspäteten) Roy-Rogers-Verschnitt. Der singende Rodeokünstler soll plötzlich in einem Prestigeprojekt eine dramatische Rolle übernehmen, zur Verzweiflung von Regisseur Laurence Laurentz (Ralph Fiennes, der sich nach Grand Budapest Hotel weiter seiner komischen Ader hingibt). Seit Alec Baldwin in 30 Rock hat niemand so gut einen so schlechten Schauspieler verkörpert. Trotzdem ist der Naivling ein Sympathieträger, spätestens wenn er sein vom Studio arrangiertes Date (die erfrischende Veronica Osorio) mit einem Spaghetti-Lasso unterhält. Er ist es übrigens auch, der den richtigen Verdacht ob der Entführung von Baird Whitlock äußert, auch wenn dieser einem Vorurteil über Komparsen entspringt. Wer allerdings Wayne Knight (Newman!) mit einer Leier in eine römische Orgie setzt, darf sich nicht wundern...


Bei Hail, Caesar muss man den Verdacht haben, dass die Ausführenden mehr Spaß als die Zuschauer hatten. Es ist ein amüsanter Nostalgietrip durch die Filmgeschichte, aber viele Szenen strapazieren die Geduld und dauern lange über den Punkt hinaus an, zu dem man schmunzelnd die cineastischen Parallelen anerkennt. Für den Eröffnungsfilm der Berlinale ist das in Ordnung, das breite Publikum wird aber weniger Verständnis für solche Exzesse haben. Mir persönlich hat's schon gefallen, ein Meilenstein im Werk der Coens ist es aber kaum. Gut (7/10).

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen