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Samstag, 13. Februar 2016

Marvel-Großkotz: Deadpool (8/10)

Die folgende Besprechung ist nicht für Jugendliche geeignet. Ernsthaft Kinder, verpisst Euch! Ihr habt hier nichts zu suchen! Und was den Rest betrifft: Mein Text spoilert den derben Sprachgebrauch und den Mangel an politischer Korrektheit dieser Comic-Verfilmung. (Damit sollte ich fast zwei Drittel meiner fünf Leser vergrault haben - aber mal ehrlich, welcher normaler Mensch liest schon überhaupt noch Kritiken.) Was die Handlung von Deadpool betrifft, gibt es ansonsten nicht viel zu sehen, was nicht bereits in tausend Variationen von der Leinwand geflimmert ist. Junge trifft Mädchen, Junge verliebt sich in Mädchen, Mädchen nimmt Geld für Sex, Mädchen verliebt sich in den Jungen, die beiden haben noch viel mehr Sex (vorzugsweise an amerikanischen Nationalfeiertagen). Und wie bei romantischen Komödien notwendig, kommt dann ein kleines Hindernis ins Spiel: Der Junge erkrankt unheilbar an Krebs (für Hispanophile: El Cancer), Junge verläßt Mädchen, Junge wird vom Schurken unter unerträglicher Folter zum X-Man mutiert, was zwar den Krebs heilt, aber als Nebenwirkung unansehnliche Akne hinterläßt. Wird der Junge sich an seinem Quälgeist rächen und das Mädchen zurückgewinnen können? Aber es liegt mir fern, über dieses Schema F zu urteilen; ich schreibe schließlich auch immer den gleichen Scheiss...


Nach seinem ersten verpatzten Auftritt als Deadpool in Wolverines lahmarschiger Origin-Story von 2009 machte sich Ryan Reynolds zwei Jahre später als Star des unfassbar albernen Abenteuers The Green Lantern zum Gespött des Fandoms. Lange wollte ihm niemand dieses grüne Loch des DC-Universums verzeihen, doch schließlich gab Marvel ihm und dem bewährten Autorenteam Rhett Reese und Paul Wernick (Zombieland) dann doch noch eine Chance. Das mit 58 Millionen Dollar kümmerliche Budget vertraute man immerhin einem erfahrenen Regisseur an: Tim Miller durfte in den letzten 15 Jahren bereits zwei Kurzfilme selbst drehen und für weitere drei Kurzfilme als ausführender Produzent zeichnen. Um fair zu bleiben, muß man auch erwähnen, daß er als einer von etwa 250 Fachleuten für die (tatsächlich erstaunlichen) visuellen Effekte von Edgar Wrights abgefahrener romantischen Nerdkomödie Scott Pilgrim gegen den Rest der Welt verantwortlich war.

Nicht im Film: Hugh Jackman

Jedenfalls machte das Studio definitiv zu wenig Kohle locker, um irgendeinen Star der X-Men verpflichten zu können. Daher hat Hugh Jackman ("Sexiest Man Alive") nur ein Cameo als Magazincover. Seine Gage hätte ja ein Drittel des Budgets aufgefressen. Aber auch Professor X sucht man vergebens (nicht mal für die Billigvariante McAvoy hat's gereicht). Stattdessen muss den Fans sein berühmtes Schulgebäude genügen, nur der BX-Man Colossus gewährt Deadpool widerwillige Unterstützung (und spricht diesmal aus mithilfe von Zeitverschlingungen sicher erklärbaren Gründen mit russischem Akzent).


Auch bei den Schurken war Sparen angesagt. Den selbstredend britischen Folterer Francis (Verzeihung, Ajax - wie das Putzmittel) gibt Ed Skrein, der für drei Folgen in Game of Thrones Daenerys' Spielzeug Daario Naharis mimen durfte, bevor er aufmuckte und durch den niederländischen Softie Michiel Huisman ersetzt wurde. Um möglichst vielen Zielgruppen gerecht zu werden, haben beide einen weiblichen Sidekick: Colossus eine feurige junge Auszubildende, deren zungenbrecherischen Mutantennamen ich schon wieder vergessen habe, Ajax eine abgefuckte Amazone mit Titten, die Russ Meyer Freudentränen in die Augen getrieben hätten (und die ihr gegen den schüchternen Colossus als schärfste psychologische Waffe dienen).


Eine Entscheidung hat jedenfalls mitten ins Brünette getroffen. Morena Baccarin zeigt nach anfänglicher Sprödigkeit, dass ihr Herz am rechten Fleck sitzt, und auch sonst werden ihre ideal angeordnen Körperteile perfekt in Szene gesetzt.  Die schöne Brasilianerin hat schon für Joss Whedon eine Kurtisane gespielt, aber so geheimnisvoll und zerbrechlich ihre Inara aus Firefly war, so vulgär und erfrischend ist nun ihre Vanessa. Auch wenn die 36jährige im letzten Jahrzehnt meist in kleineren Fernsehrollen zu sehen war, empfiehlt sie sich hier für größere Auftritte (sie erwartet allerdings zunächst einmal ihr zweites Kind).


Jetzt die große Überraschung: Irgendwie ist es diesem zusammengewürfelten Team allen Unkenrufen zum Trotz gelungen, ein krass-spaßiges Filmerlebnis auszubrüten. Die Erzählstruktur ist pfiffig, alles beginnt mit einem überdrehten Actionspektakel, bevor dann in gut dosierten Rückblenden die Vorgeschichte präsentiert wird. Nachdem diese auserzählt ist, verliert die Handlung ein wenig an Fahrt, und das Showdown ist in alter Marvel-Tradition dann etwas ermüdend. Es gibt halt nur endlich viele Variationen, wie fünf praktisch unkaputtbare Mutanten aufeinander einprügeln können. Trotzdem ist Deadpool, wenn schon kein Heldenepos, dann doch ziemlich Super. Man muß einfach Respekt vor der dargebotenen Respektlosigkeit haben. Vielleicht war es Zeit, dass sich die Marvel-Maschine mal ordentlich auf die Schippe nahm. Im Mai wird der Ernst mit X-Men: Apocalypse und Captain America: Civil War schon früh genug zurückkehren. Und übrigens: Wer hätte gedacht, dass die Wham-Schnulze Careless Whisper ein Plätzchen in einem Actionfilm finden könnte? In diesem Sinne: Alles Gute zum Valentinstag! Sehr gut (8/10).

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