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Samstag, 12. Oktober 2019

Witzlos: Joker (1/10)

Joker beginnt widersprüchlich, steigert sich dann in eine Kakaphonie des Beliebigen und kriecht dann in einem jämmerlichen Anticlimax über die Schlusslinie. Seine Spannung beschränkt sich auf die Hoffnung, dass die Tortur bald vorbei sei, und seine Pointen sind so vorhersehbar wie der Bart eines alten Witzes. Der Trailer suggeriert einen operettenhaften Thriller, der Film dümpelt für 122 Minuten vor sich hin. Am Ende wird aus der Hauptfigur ein vages Symbol der Unzufriedenheit, mit einem holprigem Manifest zur Anarchie. Bis dahin liegt über jeder Szene eine bleierne Bedeutungsschwere, denn dies soll ja die Comicverfilmung werden, die auch Martin Scorsese als Film anerkennt (der Meister hat gerade eine Kontroverse ausgelöst, indem er sich abfällig über das Marvel-MCU geäußert hat). Und die Massen fallen drauf rein, erst recht die Über-Nerds, die dieses Machwerk in die Top10 der IMDB gewuchtet haben.



Regisseur und Co-Autor (mit Scott Silver, 8 Mile) Todd Phillips etabliert sich hier als Anti-Tarantino. Er zitiert und paraphrasiert die Filmgeschichte, hat seine Vorbilder aber nicht verstanden und verhunzt jeglichen Bezug. Robert De Niro spielt einen Talkshow-Host wie einst sein Co-Star Jerry Lewis in King of Comedy, nur völlig ohne Ironie oder Chuzpe (wenngleich natürlich kompetent). Es gibt  Gewaltexzesse wie in Taxi Driver, aber sie sind nicht als Spannungsentladungen konzipiert, sondern als willkürliche Ausschläge des Drehbuchseismographen. Einfachste Regeln werden missachtet, so etwa diese: Werden Superratten in einem Film eingeführt, müssen diese irgendwann auch zubeissen! Die Auflösung des ohnehin nicht besonders originellen Twists um die hübsche Nachbarin (Deadpools Domino Zazie Beetz) ist so unfassbar missglückt, dass ich die Leistung des Cutters Jeff Groth extra herausheben muss. Als Komödienspezialist sollte Phillips eigentlich etwas von Timing verstehen, aber aus den Hangover-Filmen hat er offenbar nur sein mangelndes Gespür für Subitilität mitgebracht. Nicht dass ich Fan dieser erfolgreichen Brachialkomödien wäre, die immerhin Bradley Cooper und Zach Galifianakis zu Stars machten (wobei es strittig ist, ob letzterer wirklich eine Bereicherung ist). Die Hangover-Trilogie setzt Komplizenschaft des Zuschauers voraus. Wer nicht über die Demütigung von Minderheiten lachen kann, bleibt außen vor.

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Joaquin Phoenix möchte soo gern einen Oscar gewinnen! In seinen drei bisherigen Nominierungsjahren gab es aber immer jemand, der klar besser war: Benicio Del Toro (Traffic) im Gladiator-Jahr 2001, Philip Seymour Hoffman (Capote) 2006 gegen seinen Johnny Cash in Walk the Line, und Daniel Day-Lewis (Lincoln) 2013 gegen Freddie Quell in The Master. Ich mag Joaquin durchaus, sein Johnny Cash war spot-on, und in der Hauptrolle von Her war er fabelhaft. Aber gegen das Potential seines jüngeren Bruders River wirkte er immer etwas blass. Dieses kann man etwa in der brandneuen 4K-Ausgabe von Rob Reiners gelungener King-Verfilmung Stand By Me erkennen, doppelt bittersüß, weil sowohl River als auch seine Figur Chris früh sterben mussten. Ein anderer Vergleich wiegt schwerer - Heath Ledgers Joker wirkte wie gewaltsam einem Comic entsprungen, brillant und verstörend, over the top und doch nachvollziehbar. Mir ist der Dark Knight zu düster, aber Ledgers Performance bleibt für die Ewigkeit. Phoenix' Joker kann man gerade mal attestieren, Jared Leto aus dem Suicide Squad übertroffen zu haben (aber da lag die Messlatte schon ganz am Boden). Schauspielern ist halt mehr als Mut zur Hysterie. Für die kommenden Academy Awards gilt Joaquin trotzdem vielen als Favorit, aber es sind ja noch ein paar Monate bis dahin. Meine Hoffnung ist, dass die immer noch überaltete Akademie vor den Gewaltszenen zurückschreckt und sich für jemand anders entscheidet. Wie auch immer,  den MTV-Award für das beste Lachen hat Phoenix bereits sicher.

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Joker steht weder als Psychodrama für sich allein, noch fügt es sich in das Batman-Universum ein, Bei vielen Kartenspielen ist der Joker Platzhalter für eine beliebige Karte. Hier steht er für eine Karte, die es gar nicht gibt: die Null. Und da der Film auch weder Trümpfe noch Geheimnisse zu bieten hat, handelt es sich für mich um einen Null ouvert. Es lebe der Nihilismus! Ärgerlich (1/10)

Samstag, 14. September 2019

Manege frei: Amazons "Carnival Row"

Momentan werfen Netflix und Amazon Prime in so schneller Folge neue Serien auf den Markt, dass kein normaler (arbeitender) Mensch da hinterherkommen kann, selbst wenn er sich nur auf Science Fiction & Fantasy beschränkt. Demnächst kommen dann noch Apple (November) und Disney (Frühjahr) hinzu. Und die meisten Streaming-Ergüsse werden von der Kritk wohlwollend aufgenommen, wenn nicht sogar umjubelt. Eine seltene Ausnahme war jüngst der Netflix-Rohrkrepierer Another Life, der kaum Fürsprecher gefunden hat. Was tut mir Starbuck Katee Sackhoff in der Hauptrolle leid, die aufgrund ihres Fitness-Regimes ohnehin schon älter als ihre 39 Jahre aussieht und dann zur Dompteurin einer Raumschiffbesatzung von 20jährigen verdonnert wird, die sich eher wie 10jährige verhalten.



Aber auch mit dem Netflix-Prestigeprojekt Der dunkle Kristall: Ära des Widerstands konnte ich nichts anfangen. Jim Hensons Film von 1982 ist auch heute noch hübsch anzusehen (bei Netflix in UHD-Qualität verfügbar), Handlung und Figuren haben seitdem aber eher noch an Komplexität verloren. Die Neuauflage (eigentlich eine Vorgeschichte) mäandert zwischen albern und leblos - unglaublich viel Aufwand wurde in die Modernisierung der Puppentechnik gesteckt, aber der Charme der Vorlage ist damit verloren gegangen.



Da hat diesmal Amazon Prime die Nase vorn, mit der ersten Staffel der neuen Fantasyserie Carnival Row. Sie spielt in einer dem viktorianischen London nachempfundenen Metropole mit einem Flüchtlingsproblem: Nach einem verheerenden Krieg strömen Feen, Faune, Zentauren und andere Fabelwesen in die Burgue. Anders als bei Bright kann Lindsay Ellis Carnival Row kein Lazy Worldbuilding vorwerfen. Die Welt beruht auf einem Konzept von Travis Beacham, der bislang eher für dumpfe Actionabenteuer (Pacific Rim) bekannt ist, diesmal aber eine stimmige Mythologie ausgearbeitet hat. Bei der Umsetzung wurde er unterstützt von René Echevarria, der als Produzent von Deep Space Nine bekannt ist, sich allerdings zwischenzeitlich mit Terra Nova ziemlich blamiert hatte. Herausgekommen ist eine düstere, atmosphärische Kulisse mit hohen Produktionsstandards und gediegenen Computereffekten, dazu weitgehend nachvollziehbare Figuren und eine spannende, einigermaßen schlüssige Geschichte. Da sind die Amazon-Millionen mal in die richtige Richtung geflossen.



Nicht billig waren sicher auch die Hauptdarsteller, die absolut gegen ihr Image besetzt sind. Orlando Bloom als Polizeidetektiv Philo ist mit ungepflegtem Bart und grummeliger Stimme kilometerweit vom ätherischen Legolas entfernt. Das ehemalige Top-Model und Valerians Laureline Cara Delevingne als Fee Vignette wird mancher überhaupt nicht erkennen. Sie ist mit dunklen Haaren, buschigen Augenbrauen, und zumeist grimmigem Gesichtsausdruck das Gegenteil vom Feenklischee. An die eher an Kolibris erinnernden Flügel übrigens muss man sich gewöhnen, denn sie widersprechen jedem Gefühl von Schwerkraft und Physik. Auch sprechen Feen offenbar mit schmutzigem englischem Akzent und fluchen gern - ade Tinkerbell!  Mir jedenfalls hat das verhinderte Liebespaar gut gefallen, auch wenn die Drehbücher ihnen gelegentlich merkwürdig unlogische Handlungen vorschreiben (warum lässt sich Vignette in der Bibliothek gefangennehmen?) Anfangs dachte ich übrigens, es gäbe nur weibliche Feen, oder nur diese könnten fliegen - später treten dann doch ein paar fliegende Männchen auf. Überhaupt ist Vignettes Einführung ein wenig konfus - zunächst wirkt sie wie eine taffe Soldatin, später geht sie ziemlich unbeholfen in Auseinandersetzungen.

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In den acht einstündigen Folgen geht es natürlich nicht nur um unsere romantischen Leads (auch wenn mir Folge 3 mit ihrem Rückblick auf das erste Treffen der beiden mit am besten gefallen hat). Es gibt verschiedene Handlungsstränge. Da wäre der politische: Jared Harris spielt den Kanzler Absolom Breakspear (die Burgue ist offenbar eine Art paralamentarischer Demokratie), Indira Varma (Ellaria Sand) seine intrigante Gattin, Artie Froushan seinen missratenen Sohn, und Caroline Ford die Tochter des Oppositionsführers Longerbane. Es wird hart gerungen um die Rechte der Flüchtlinge; manchmal mit Holzhammer-Parallelen zur heutigen Welt. Die Hauptreligion in Burgue verehrt übrigens den "Märtyrer", dessen Ebenbild an den Wänden hängt wie in Bayern die Cruzifixe, nur dass jener offenbar gehängt statt gekreuzigt wurde. Das ist eine plastische Illustration, wie Abbilder des Gekreuzigten auf Fremde wirken müssen...

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Dann gibt es den gesellschaftlichen Strang: Die Geschwister Imgogen (Tamzin Merchant) und Ezra (Andrew Gower) Spurnrose gehören zur Upper Class, wohnen im besten Viertel, haben Faun-Bedienstete (kurzzeitig muss sich auch Vignette als Dienstmädchen bei ihnen verdingen), aber nach unglücklichen Investitionen geraten sie in Geldnot. Da zieht gegenüber ein reicher junger Mann ein, den Imogen gern um die Finger wickeln würde  (Jane Austen lässt grüßen: Tamzin Merchant gab Georgiana Darcy gegenüber Keira Knightleys Eliza Bennet). Es gibt allerdings einen unerhörten Haken: der neue Nachbar ist ein Faun (mit Hufen und Gehörn) und damit gesellschaftlich natürlich nicht akzeptabel. Diese Geschichte hat ihre Stärken, wird dann aber leider etwas überhastet zum Abschluss gebracht.

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Und dann ist da Carnival Row, das Rotlichtviertel der Burgue. Hier treffen wir auf Vignettes Freundin und Ex-Geliebte, die Prostituierte Tourmaline (Karla Crome); den Schausteller Runyan Millworthy (Simon McBurney), der mit Kobolden eine Art Marionettentheater inszeniert; die Hellseherin Haruspex (Borg-Queen Alice Krige), Mitglieder eines Faun-Kults, und andere schillernde Figuren. Hier ermittelt auch Detektiv Philo, denn es geschehen Morde an nicht-menschlichen Immigranten. Schnell ist ein Verschnitt von Jack the Ripper gestoppt, aber für die schlimmsten Morde scheint ein übernatürliches Wesen verantwortlich zu sein, welches weder Mensch noch bekanntes Fabelwesen ist. Und die Mordopfer scheinen alle eine Verbindung zu Philo zu haben...

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Carnival Row versucht das Publikum von Game of Thrones zu ködern, mit unkaschierter Gewalt, überraschenden Wendungen, und auch einigen Sexszenen. Also Orlando Bloom kann auch mit über 40 Jahren noch ohne Scham seinen Oberkörper entblößen, und wer bin ich, mich zu beschweren, dass die 27jährige Cara Delevigne ihre Brüste zur Schau stellt (übrigens: die Flügel von Feen leuchten beim Orgasmus - ein Detail, welches in der Filmgeschichte bislang sträflich vernachlässigt wurde). Nicht alle Handlungsstränge funktionieren gleich gut, manche Dialoge knirschen gewaltig, aber immerhin wird versucht, die Geschichte von den Figuren her aufzubauen, nicht umgekehrt. Strittig ist das Pacing. Einige Folgen wurden als langweilig empfunden, weil "nichts passiert". Leider ist dies Symptom einer um sich greifenden Krankheit. Zuschauer haben keine Geduld mehr, lassen sich auf subtile Figurenentwicklungen nicht mehr ein. Mir persönlich waren viele Entwicklungen immer noch zu überhastet, ich hätte gern mehr Zeit mit den Charakteren verbracht. Natürlich ist es viel schwieriger, pfiffige Dialoge und überzeugenden Charakterbögen zu schreiben als Action und Twists. Kaum eine Serie kann auf so geniales Material wie die Romane von George R.R. Martin zurückgreifen. Man erinnere sich, dass in GoT viele der interessantesten Figuren nie eine Waffe in die Hand nahmen (Littlefinger, die Queen of Thorns). Aber nein, es muss Blut fließen, es muss geprügelt oder wenigstens gebumst werden. Aber ich als Senior gehöre eh nicht mehr zur Zielgruppe moderner Serien. Da ist es schon erstaunlich, dass ich in Carnival Row immerhin gediegene Unterhaltung gefunden habe. So bin ich doch gespannt auf die bereits beschlossene zweite Staffel.

Samstag, 6. Juli 2019

Spidey in Europa: Far From Home (8/10)

Nach einigen faden Beiträgen gibt es pünktlich zum US-amerikanischen Nationalfeiertag doch noch ein Comic-Feuerwerk. Das war auch notwendig nach dem dilettantischen Hellboy-Remake, das auch von Paul W. S. Anderson hätte stammen können (inklusive Auftritt seiner Ehefrau Milla Jovovitch), sowie Dark Phoenix, dem abschließenden, arg oberflächlichen X-Men-Abenteuer von Sony, ein Universum, das nun ebenfalls in Disney aufgeht (oder untergeht?) Ganz zu schweigen vom uninspirierten vierten Teil der Men in Black, das durch seine sympathischen Darsteller immerhin einen soliden Unterhaltungswert bot. Aber wer hätte gedacht, dass ausgerechnet die letzte Fußnote zur Avengers-Phase 3 nochmal einen Höhepunkt liefern würde? Noch besser hätte es mir allerdings gefallen, wenn die Geschichte wirklich in sich abgeschlossen wäre und nicht nach den Credits noch zwei Megatwists geliefert hätte, die mir den Spaß ziemlich versauert haben. Aber es muss ja noch eine Phase 4 geben...

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Für die Amerikaner ist offenbar Europa viel weiter von zu Hause entfernt als etwa Titan, Heimatplanet von Thanos, auf dem sich Spidey nach dem zweiten Snap ja wohl eigentlich gestrandet hätte wiederfinden müssen? Stattdessen gibt es einen Haufen Europa-Klischees: das romantische Venedig, das malerische Prag, freundliche Niederländer, umtriebige Londoner, und mal wieder den Berliner Hauptbahnhof (wird der eigentlich jedesmal neu abgefilmt, oder gibt es Archivmaterial, aus dem sich Hollywood bei Bedarf bedient?) Sei's drum, es macht einfach Spaß, Peter Parker, Ned, MJ und Kumpanen auf Klassenfahrt zu begleiten. Natürlich nicht unbeobachtet, dafür sorgen Nick Fury und sein Sidekick Maria Hill (erfreulich, dass Cobie Smulders diesmal etwas länger zu sehen ist). Und Samuel L. Jackson ist mit seinen 70 Jahren immer noch in Hochform: Seine Blicke können töten, seine Sprüche foltern (Ned kommt dabei gut weg, er wird nur in Schlaf versetzt). Und das alles mit nur einem Auge (wer sich von ihm ohne Augenklappe bespaßen lassen will, dem sei die hübsche, allerdings auch blutige Buddy-Komödie The Hitman's Bodyguard empfohlen).

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Und dann gibt es noch das größte Spannungselement des Films: Was passiert zwischen Tante May (Marisa Tomei) und Happy (Jon Favreau)? Letzterer taucht jedenfalls immer wieder auf, auch wenn er die Vaterfigur nicht so draufhat. Es ist unklar, woher er seine Ressourcen hat - arbeitet er jetzt für SHIELD oder gehört sein Jet Stark Industries (sprich: Pepper Potts)? Aber wie man das von Happy gewohnt ist, kann er am Ende nicht mal einen Speer von einer Hellebarde unterscheiden. Ein weiteres Rätsel hat den passenden Namen Mysterio. Jake Gyllenhaal spielt nach mehreren moralinsauren Rollen endlich mal wieder locker auf (Fun Fact: 1991 war er in City Slickers Billy Crystals Sohn). Der Soldatenheld aus einer Paralleldimension entpuppt sich als geschickterer Mentor des jungen Peter Parker als Nick Fury, mit unvorhersehbaren Folgen...

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Dem Konzept der Paralleluniversen (Multiverse) kann ich nichts abgewinnen. Mir scheint die Idee, dass sich das Universum bei jeder Entscheidung verzweigt, nur eine Entschuldigung für Beliebigkeit. Schlimmstes Beispiel hierfür ist Marvels erster Oscar-Gewinner (!), Spider-Man: Into the Spiderverse. Dieses Machwerk ist ein übelkeiterregender Brei aus Erdbeeren und Erbsen, Ananas und Pilzen. Für einen Comic ist es eine nette Idee, Spider-Man im Chandler-Stil in Schwarzweiss zu inszenieren. Eine solche Figur mit anderen farbigen Inkarnationen interagieren zu lassen ist einfach nur Schwachsinn. Und damit habe ich mich noch nicht mal über Spiderschweinchen ausgelassen, oder das Mangamädel. Der Erfolg dieses handlungsfreien Traktats für politische Korrektheit ist der beste Beleg für die zunehmende Verdummung der westlichen Gesellschaft. Zum Glück gibt es trotz anfänglicher Bedenken keine Verknüpfung dieser Gurke mit dem Avengers-Universum (Disney hat immer schon die Zeichentrickvarianten separat von den Realfilmen gehalten, siehe auch Star Wars).

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Zur Mitte des Films nimmt Spider-Man: Far From Home eine recht düstere Wende, die die Marvel-typischen Materialschlachten einleitet. Macht aber nichts, damit musste man rechnen. Der Sieg über die Schurken ist ja eine Notwendigkeit. Aber kommt es am Ende zum Kuss zwischen Peter und MJ? Spideys Flamme ist mit Zendaya übrigens perfekt besetzt. Mit 22 sehen die Jungstars nicht mehr unbedingt wie 16 aus, aber ihr Verhalten passt super. Tom Holland ist mir nach anfänglichem Unbehagen doch ans Herz gewachsen, und Neds Liebesabenteuer mit Betty ist einfach herrlich. Darstellerin Angourie Rice ist übrigens die einzige Klassenkameradin mit korrektem Alter - sie überzeugte schon in Nice Guys als Ryan Goslings kecke Tochter Holly und in der ansonsten mittelmäßigen Black-Mirror-Episode Rachel, Jack and Ashley Too.

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Wenn Far From Home weniger ein Glied in der Avengers-Kette und mehr in sich geschlossen wäre, würde er sogar dem ersten Auftritt von Tobey Maguire Konkurrenz machen können. So ist dies für mich immerhin der beste Avengers-Film seit Thor: Ragnarök, und Spider-Man entwickelt sich immer mehr vom Comic Relief zum Herz des Teams. Sehr gut (8/10).

Sonntag, 16. Juni 2019

Hugo-Finalisten 2019: Novellen und Kurzformen

Novellen

Bei den Novellen sind in diesem Jahr drei Neulinge und drei Wiederholungstäter im Rennen (nämlich die Gewinner der letzten drei Jahre).

6. Gods, Monsters and the Lucky Peach (Kelly Robson)
Eine Satire, bei der die Autorin den Witz vergessen hat. Zeitreisen als Kommerz, mit dem Handbuch für Projektmanagement statt der Bibel im Gepäck (es lebe Microsoft Project!)

5. Binti: The Night Masquerade (Nnedi Okorafor)
Der Abschluss der Trilogie, eigentlich zweiter Teil eines Romans, ist immer noch hübsch, kann aber kaum für sich allein stehen, wie ich schon im Vorjahr ausgeführt habe.

4. The Black God's Drums (Djèlí Clark)
Djèlí Clark ist zwar keine Frau, dafür aber schwarz und schwul. Die Stärke der Novelle liegen in der ethnischen Verwurzelung in einem alternativen New Orleans des 19. Jahrhunderts. Französischkenntnisse bei der Lektüre hilfreich.

3. The Tea Master and the Detective (Aliette de Bodard)
Bodard ist dieses Jahr mit ihrem Universe of Xuya, einer Reihe locker verbundener Novellen und Kurzgeschichten, auch Finalist für die Beste Serie. Vietnamesen im Weltall! Mal was anderes, aber auch anstrengend, vor allem der erste Band, "On a Red Station, Drifting". Die aktuelle Novelle "The Tea Master and the Detective" dagegen ist eine amüsante Variation des Doyleschen Rezepts, mit einer geheimnisvollen Gelehrten als Holmes und einer Raumschiff-KI als kriegsversehrtem Watson (ja, das Raumschiff brüht Tee). Gewann bereits den Nebula.

2. Artificial Condition (Martha Wells)
Die Fortsetzung der Murderbot-Memoiren ist nicht ganz so packend wie der Hugo-Gewinner vom Vorjahr, und natürlich ist der Überraschungseffekt flöten gegangen, sie macht aber immer noch Spaß. Martha Wells' "The Death of the Necromancer" habe ich allerdings nach der Hälfte wieder aufgegeben.

1. Beneath the Sugar Sky (Seanan McGuire)
Es sind einfach wunderbare, märchenhafte Geschichten, die Seanan McGuire in ihrer Reihe um die "Wayward Children" schreibt. "Unter dem Zuckerhimmel" ist eine magische Reise durch gleich mehrere Fabelwelten.

Noveletten

Hier wie bei den Kurzgeschichten fällt es mir wie immer schwer, eine Reihenfolge zu bestimmen. Die Beiträge sind übrigens auch in der Länge sehr unterschiedlich (+- 10.000 Wörter).

1. “If at First You Don’t Succeed, Try, Try Again” (Zen Cho)
Über Hartnäckigkeit, die Werdung eines Drachen und eine Art lesbische Liebe

2. When We Were Starless (Simone Heller)
Aliens treffen auf das Planetarium einer untergegangenen Zivilisation; das Führungshologramm erscheint ihnen als Geist und soll exorziert werden. Englischsprachige Geschichte einer Münchner Schriftstellerin!

3. “Nine Last Days on Planet Earth”  (Daryl Gregory)
Es regnet außerirdische Pflanzen, aber das Leben geht weiter. 

4. “The Last Banquet of Temporal Confections” (Tina Connolly)
Zutaten, die lebensechte Erinnerungen heraufbeschwören - 5D-Kino inklusive den Empfindungen der Opfer

No Award

5. "The Only Harmless Great Thing" (Brooke Bolander)
Elephantische Dystopie. Bolander ist einfach nicht mein Fall. Hat aber den Nebula gewonnen und gilt wohl als Favorit.

6. “The Thing About Ghost Stories” (Naomi Kritzer)
Meta-Geistergeschichte mit echter Geistergeschichte - leider weder gruselig noch sonstwie unterhaltsam

Kurzgeschichten

“The Secret Lives of the Nine Negro Teeth of George Washington” (P. Djèlí Clark)
 Facetten von Rassismus anhand der allegorischen neun Beutezähne des ersten amerikanischen Präsidenten. Gewann bereits den Nebula.

“The Court Magician” (Sarah Pinsker)
Pinsker hat zumindest nette Ideen. Hier geht es um einen Magier, der für jeden Zauberspruch ein Körperteil verlieren muss.

No Award

“The Tale of the Three Beautiful Raptor Sisters, and the Prince Who Was Made of Meat” (Brooke Bolander)

Für Bolander ganz amüsant, aber mir immer noch zu aggressiv feministisch.

“The Rose MacGregor Drinking and Admiration Society” (T. Kingfisher)
Rose MacGregor hat offenbar eindrucksvolle Brüste.

“A Witch’s Guide to Escape: A Practical Compendium of Portal Fantasies” (Alix E. Harrow)
Bibliothekare sind entweder Hexen oder?

6. “STET” (Sarah Gailey)
Hä?

Beste Serie

Wo ich schon mal dabei bin, hier ein paar Worte zur Besten Serie (eine Kategorie, von der ich immer noch nicht überzeugt bin). Diesmal habe ich mir ein ganz gutes Bild machen können.

1. The Laundry Files (Charles Stross)
Auch wenn ich die letzten Bände nicht mehr gelesen habe, war diese Reihe am Anfang doch ziemlich toll, wovon ich mich durch die Lektüre einer frühen Kurzgeschichte aus der Voters Package nochmals überzeugen konnte. Siehe auch meine Kritik zur Gewinner-Novelle Equoid von 2014.

2. The October Daye Series (Seanan McGuire)
Ich lese gerade Band fünf (von inzwischen 15, glaube ich), und mehr als gediegene Unterhaltung kommt immer noch nicht dabei rum. Aber na ja...

No Award

3. The Universe of Xuya (Aliette de Bodard)
Die Reihe erfüllt gerade so die geforderte Wortezahl. Das ist mir zu dünn.

4. Wayfarers (Becky Chambers)
Bestes Beispiel, warum ich die Kategorie nicht mag. Das ist einfach kein Hugo-Material. Siehe meine Gedanken zu den Roman-Finalisten.

5. The Centenal Cycle (Malka Older)
60 Jahre in der Zukunft gibt es eine Weltregierung, die in Bezirken à 100.000 Einwohnern gewählt wird. Mehr ein weltfernes politisches Manifest denn eine SF-Geschichte der Ethik-Expertin, bin ich da nicht reingekommen.

6. Machineries of Empire (Yoon Ha Lee)
 Die bisherigen drei Romane sind alle unter die Finalisten gekommen. Warum? Ist mir schleierhaft.

Samstag, 25. Mai 2019

Valar morghulis

Menschen denken in Geschichten.

So Tyrion Lannister, schillerndste Fernsehfigur der letzten zehn Jahre, und wer wollte ihm widersprechen? Auch wenn seine Weisheit als Hand der Königin doch arg gelitten zu haben scheint.

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Menschen tendieren dazu, Geschichten nach ihrem Ende zu beurteilen, dem Ausgang. Am beliebtesten ist das Happy End ("und wenn sie nicht gestorben sind...") Dieses Prinzip wird auch gern auf die Realität angewandt. Eine nach zwanzig Jahren geschiedene Ehe gilt als gescheitert, auch wenn sie vielleicht 18 Jahre lang glücklich war, bis die Partner sich auseinander gelebt haben. Ein Kriegsverbrecher bekommt mit 90 Jahren doch noch seine gerechte Strafe, auch wenn er bis dahin den Häschern entkommen konnte. Und umgekehrt: Hauptsache, man versöhnt sich vor dem Tode noch mit seinen Angehörigen, auch wenn man sich zuvor jahrzehntelang nur gezankt hat.

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Wie das Leben, so sind auch die besten Geschichten nicht derart schematisch. Und wer erinnert sich schon daran, wie die Odyssee endet? So kann mir auch eine lausige achte Staffel die Freude an Game of Thrones nur kurzzeitig nehmen. Übrigens ist nicht der Ausgang an sich lausig, sondern nur die Art, wie D&D (David Benioff und Daniel B. Weiss) darauf hinarbeiten. Die Scripte der finalen Staffel wirken so, als ob sie per Malen nach Zahlen entstanden sind. Erst wurden die Eckpunkte definiert, und dann hat man sie dilettantisch verbinden lassen. Das Dilemma Gärtner vs. Architekt haben andere schon ausführlich erhellt. Leider führt die Vorgehensweise dazu, dass jegliche emotionale Bindung zu den Figuren verlorengeht. Lediglich in der zweiten Episode (A Knight of the Seven Kingdoms) gab es ein paar rührende Momente. Entgegen den IMDB-Wertungen ist die allerletze Episode dann für mich nicht die schlechteste (ich würde sie mit 6/10 bewerten), aber insgesamt sind die Zuschauermeinungen vernichtend und können von D&D auch nicht auf Dauer geleugnet werden (auch wenn trotz 1,5 Millionen Unterzeichnern der Petition die achte Staffel nicht neu gedreht werden wird). D&D selbst haben offenbar soviel Plot Armour angehäuft, dass sie nun mit der Fortsetzung der Star-Wars-Saga beauftragt wurden. Noch ein Projekt, das mich nicht die Bohne interessiert.

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Der Titel der Abschlussfolge, The Iron Throne, sagt eigentlich schon alles. Game of Thrones war in der Buchreihe A Song of Ice and Fire nur der Titel des ersten Bandes. Es ging in der Saga nie darum, wer am Ende auf dem eisernen Thron landet. So gehen in der letzten Staffel auch alle Metaphern flöten. Die Bedrohung durch die White Walkers kann schließlich auch als Personifizierung einer Klimakatastrophe interpretiert werden, die von den Menschen inmitten ihrer Machtintrigen ignoriert oder sogar instrumentalisiert wird ("Das Chaos ist eine Leiter!") Davon bleibt am Ende leider nichts übrig (und müssten wir am Ende nicht immer noch Winter haben?) Und auch wenn Meister Martin Fantasy-Konventionen untergraben will, muss Foreshadowing doch einen Payoff haben (sorry für die Anglizismen). In Hardhome sieht der Nachtkönig in Jon Snow wenn nicht einen gefürchteten Targaryen, dann zumindest einen ernstzunehmenden Gegner (erst recht, nachdem dieser durch Melisandre von den Toten erweckt wurde). Leider verraten D&D diese spannende Beziehung zugunsten einer Teenager-Romanze. Und auch wenn man Prophezeiungen und Mythen durchaus als Humbug entlarven darf, ergibt die Geschichte des dreiäugigen Rabens am Ende keinen Sinn. Vielleicht existiert dieser in den Köpfen von D&D, er ist am Bildschirm aber nicht zu erkennen. Auch wenn es genug Fans gibt, die uns das nachträglich zu erklären versuchen - es gilt das gesprochene Wort (bzw. das gezeigte Bild).

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So reiht sich Game of Thrones ein in die Top-Serien mit schwachem Finale und ist damit in guter Gesellschaft: Die zweite Staffel von Twin Peaks war durchwachsen bis zum fulminanten Ende, zu dem sich Schöpfer Mark Frost und David Lynch noch einmal zusammenrauften. The West Wing bot nach dem Weggang von Aaron Sorkin nur noch ein Schattenkabinett, Buffy hätte besser nach Staffel 5 geendet (auch wenn wir dann auf das Geschenk Once More, With Feeling hätten verzichten müssen). Auch Lost wird gern zum Vergleich herangezogen, aber dessen Ende hat mich persönlich nicht besonders gestört (die offensichtliche Erklärung war für mich durchaus ausreichend). Bei den besten Fernsehserien geht es halt nicht um das Ziel, sondern um die Reise und die Wegbegleiter. Und  in dieser Hinsicht wird Game of Thrones lange unübertroffen bleiben.

Valar dohaeris.

Samstag, 4. Mai 2019

Die Hugo-Finalisten der Kategorie Roman 2019

Irgendwie hat sich die SF-Community in eine politisch korrekte Ecke steuern lassen. Unter den 30 Finalisten in den fünf Belletristik-Kategorien sind in diesem Jahr gerade mal drei männliche Autoren dabei, dazu mit Yoon Ha Lee eine quere Person. Diese Über-Kompensation bringt allerdings aus meiner Sicht einen erheblichen Qualitätsverlust mit sich. Sie ist auch nicht auf die Hugos beschränkt: Bei den Nebulas der amerikanischen Autorenschaft ergibt sich ein ähnliches Bild. Dort ist mit Witchmark von C.L. Polk sogar ein besserer Groschenroman in der Auswahl, mit einer farblosen Liebesgeschichte zwischen zwei männlichen Wesen (aus Zeitgründen war das im Vorfeld leider mein einziger Versuch, nominierungswürdige Werke zu finden). Bei den Romanen kann ich maximal drei preiswürdige Kandidaten erkennen:

1. Spinning Silver (Naomi Novik): siehe meine ausführliche Rezension.

2. Trail of Lightning (Rebecca Roanhorse)



Rebecca Roanhorse hat im letzten Jahr mit ihrer Kurzgeschichte "Welcome to your Authentic Indian Experience™" gewonnen. Dieser erste Band einer Urban Fantasy ist auch ihr erster veröffentlichter Roman. Er spielt in einer nahen Zukunft, nachdem weite Teile der USA überschwemmt und unbewohnbar geworden sind, in einem erweiterten Navajo-Reservat. Die präzise ethnische Einordnung der Heldin ist dann auch die Stärke dieses Debuts. Ansonsten entspringt die Ich-Erzählerin leider der Standardschablone der Urban Fantasy: eine Heldin ohne Selbstachtung, aber mit überirdischen Kräften, übermächtigen Freunden und überdurchschnittlichen Popkulturkenntnissen. Eher zweitrangig, aber für eine Einführung doch stark. Wohingegen mich Seanan McGuires October Daye auch nach drei (von bislang 12) Romanen noch nicht überzeugt hat (die Reihe ist in diesem Jahr wiederum als Beste Serie im Rennen). Was lobe ich mir doch Aaronovichs Peter Grant (inzwischen immerhin vom Constable zum Detective befördert), der auch nach sieben Bänden noch keine Halbgötter in seinem Stammbaum entdeckt hat und sich auch nicht zur Weltrettung berufen fühlt.

3. Space Opera (Catherynne M. Valente)



Die Erde muss an einem intergalaktischen Musikwettbewerb teilnehmen, um den Wert der Menschheit zu belegen (die Spezie, die den letzten Platz einnimmt, wird eliminiert). Dies ist die satirisch auf die Spitze getriebene Sicht einer Amerikanerin auf den European Song Contest. Bereits in der Vorrunde gibt es freundschaftliche Attentatsversuche. Und da Yoko Ono in dieser Zukunft leider schon verstorben ist, muss die abgehalfterte Punk-Glam-Band Decibel Jones & the Zeros antreten. Das ist amüsant, aber aufgrund der poetischen Allüren der Autorin auf Dauer auch ziemlich anstrengend. Die Hälfte hätte ich gern mehr als halbwegs verstanden, und weniger als die Hälfte weiß ich nicht halb so gut zu würdigen, wie sie es verdient hätte.

No Award

4. The Calculating Stars (Mary Robinette Kowal)



Die Puppenspielerin und Gelegenheitsautorin erzählt hier (und im angekündigten Folgeband) die Vorgeschichte der Lady Astronaut of Mars, ihrer Hugo-prämierten Novelette von 2014. Sie spielt in einem Parallelwelt-Amerika, dessen Hauptstadt 1952 von einem Meteor zerstört wird, was aufgrund verheerender Klimaprognosen zu einem Wettrennen bei der Besiedlung der Nachbarplaneten führt. Das ist zunächst packend erzählt, aber die SF-Seite dieses beschleunigten Weltraumprogramms wird immer mehr zum belanglosen Hintergrund der Lebens- und Leidensgeschichte der weinerlichen Ich-Erzählerin, die sich anfühlt, als wäre eine moderne Frau des 21. Jahrhunderts in die 50er Jahre zurücktransportiert worden und wunderte sich nun, warum sie von den Männern nicht als ebenbürtig anerkannt wird. Das ist ein fatal falscher Feminismus, der weder die historische Periode noch heutige Ungerechtigkeiten erhellt.

5. Record of a Spaceborn Few (Becky Chambers)



Dies ist der dritte Roman im weitgehend friedlichen Universum einer fernen Zukunft. Den Vorgänger A Closed and Common Orbit hatte ich vor zwei Jahren noch einigermaßen wohlwollend beurteilt. Dies ist nun ein Langweiler ersten Grades, dessen Konzept, Episoden aus dem Leben einfacher Bewohner eines Generationenschiffs zu erzählen, einfach nicht aufgeht.

6. Revenant Gun (Yoon Ha Lee)
Diesen dritten Band um Kriegsführung mittels mathematischer Magie werde ich nicht einmal lesen, wenn er im Voters Package enthalten sein sollte (welches noch nicht verfügbar ist). Zu allem Überfluss ist die Reihe nun auch noch als Beste Serie im Rennen...

Samstag, 27. April 2019

Avengers: Endgame (7/3000)

Avengers: Endgame konzentriert sich auf die Ursprungs-Avengers und gibt ihnen einen würdevollen Abgesang. Captain Marvel hat eine überraschend kleine Rolle (aber trotzdem drei Frisuren) und spielt auch NICHT die befürchtete Dea ex machina. Was ist mit Thanos? Ohne zuviel zu verraten: Da der Titan das Hinspiel gewonnen hatte, muss er diesmal gleich zwei Rückspiele verlieren.

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Das Endspiel hat drei Halbzeiten, als da wären:

1. "The Revenge of the Avengers", oder "Die Suche nach Ant-Man", oder "The Day After" (dieser Tag dauert allerdings fünf Jahre). Hawkeye lässt seinen inneren Badass raus, Thor trinkt sich einen Bierbauch an, Steve Rogers gründet die Anonymen Hinterbliebenen, Romanoff gibt die zweiäugige Furie, Iron Man wird zum (3000fach geliebten) Familienmensch, und der Hulk - ist sich endlich grün. Der Rest ist Staub...

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2. "Zurück in die Zukunft" (nur ohne Gitarrensolo) - der Film mit den Walen. Nur dass diesmal die Unendlichkeitssteine die Rolle der Buckelwale übernehmen. Tony und Thor treffen verstorbene Familienmitglieder, der Hulk bekommt die Doktor-Seltsam-Lektion, Captain America infiltriert Hydra, Nebula prügelt sich mit sich selbst, Romanoff und Barton entdecken ihre Gefühle füreinander. Niemand möchte ein Selfie mit Scott Lang.

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Ein Paradoxon kann selbst Kevin Feige nicht lösen: Von Jarvis kannten wir bisher nur die Stimme. Paul Bettany sprach Tony Starks KI, und als diese mit Ultron verschmolz, wurde Bettany zu Vision. Das Vorbild von Jarvis war Howard Starks Butler. Den konnte man aber nicht mehr mit Bettany besetzen, also bediente man sich ausnahmsweise bei der leider nach zwei Staffeln abgesetzten Fernsehserie (pfui) Agent Carter und zog James D'Arcy aus dem Zylinder. Als Howard Stark selbst ist aber (wie in den Vorgängerfilmen) John Slattery zu sehen und keineswegs Dominic Cooper. Alles klar? Wenigstens Hayley Atwell bleibt eine Konstante.

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3. "Vom Winde verweht", oder "Die Rückkehr der Jung-Avenger". Hat irgend jemand geglaubt, das würde nicht passieren? Nicht nur, dass bereits im Juli mit Spider-Man: Far From Home die Coda der MCU-Phase III mit dem jüngsten Avenger anläuft (dessen Schulabschluss sich wohl um fünf Jahre verschoben hat), auch Fortsetzungen von Black Panther und Doctor Strange sind von der Disney-Buchhaltung fest eingeplant. Und für das Solo-Abenteuer "Rocket, Guardian of the Galaxy" hätte Disney James Gunn sicher nicht wieder angeheuert (leider müssen wir wegen dieser Komplikation noch Jahre auf Guardians 3 warten).

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Auch für die Avengers gilt die neue Diversitätsquote, und so ist der Eignungstest für schwarze Helden getürkt. Auch peinlich und manipulativ: Captain Marvel stöhnt: "Das schaffe ich nicht allein", und schon scharen sich all die über zehn Jahre und 22 Filme etablierten weiblichen Helden um sie. Als da wären - äh - Gwyneth Paltrow mit modischem Helm, die Damenriege mit den unaussprechlichen Namen aus Black Panther, die Walküre (Tessa Thompson - yay!) auf ihrem fliegenden Pferd Aragorn (haha), die Guardiandame mit den Antennen, die rote Hexe, die Wespe. War's das? Vielleicht - mehr möchte ich nicht spoilern...

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Für sich allein ist Avengers: Endgame ein heilloses Chaos, das keiner vernünftigen Dramaturgie folgt und ein Netz von Logiklöchern webt. Trotzdem bietet es drei recht kurzweilige Stunden. Und als Abschlussfilm für einige Alt-Avenger entlockt es auch den hartgesottensten Fans ein paar Tränen und ist bis dahin vor allem eine Retrospektive der MCU-Phasen I - III. Ehrenvoll ist immerhin das Fehlen einer Post-Credit-Szene. Auf das Teasern zukünftiger Bedrohungen wird diesmal verzichtet. Stattdessen steuert jeder der sechs ursprünglichen Avenger sein Autogramm bei. Einige werden wir wohl trotzdem in Zukunft wiedersehen, andere höchstens in Rückblenden. Mehr darf ich hier nicht verraten. Ach ja, die Bewertung. Keine Ahnung. Wie beim Vorgänger entscheide ich mich für einen Mittelwert. Gut (7/10).

Samstag, 6. April 2019

Kein Remake von Oli7er! - Shazam! (6/10)

So sehr ich auch Comicverfilmungen mag - es gibt viele Comicserien, die ich nie gelesen habe, und noch mehr Comichelden, von denen ich nie etwas gehört habe. Zu letzteren gehört definitiv Shazam - der 14jährige Lausbube Billy, der sich mittels des Zauberworts in den trotz Cape unzerstörbaren Muskelprotz Captain Marvel verwandeln kann. Aber Verzeihung, diesen Namen hat Marvel seinem Rivalen DC verbieten lassen. Auch wenn Billys Kumpel Freddie im Minutentakt neue Vorschläge macht ("Captain Sparklefingers"), bleibt es bei: Shazam.



Hat man das oberflächliche Waisendrama der ersten halben Stunde überstanden (das im obigen Trailer ganz gut zusammengefasst ist), beginnt die Geschichte doch Spaß zu machen. Wie im 50 Jahre alten Oscar-Gewinner Oliver! (Dickens' Oliver Twist als Musical) bewegt sich die Mischung aus Drama und Tanz (bzw. Superhelden-Action) hart an der Grenze zur Albernheit. Aber das DC-Universum kann die Komikspritze ganz gut vertragen. Ein spritziger Aquaman allein kann die bleierne Bedeutungsschwere der bisherigen Batman- und Superman-Geschichten nicht ausgleichen (vom Dark Knight ganz zu schweigen).

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Als Shazam ist Zachary Levi ganz in seinem Element. Den unbeholfenen Charme des Teenagers im Erwachsenenkörper hat er im Grunde schon als Chuck perfektioniert. Den Körper hat er allerdings inzwischen mit reichlich Muskeln angereichert (auch wenn der Spandex-Anzug keinen freien Blick erlaubt). Diese neue Statur war bereits in seiner Gastrolle in The Marvelous Mrs. Maisel ein großes Geheimnis: Woher hatte ein vielgefragter Chirurg in den 50ern Zeit für Bodybuilding?

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Ziemlich humorlos agiert dagegen Kingsmans Merlin Mark Strong als Billys Widersacher. Die Zweikämpfe der beiden fliegenden Blitze erinnern zudem an Superman vs. Zod. Die eigentlichen Bösewichte sind ohnehin die sieben Todsünden, hier materialisiert als wolkig-amorphe Kreaturen ohne Kontur. Es wäre doch eigentlich naheliegend gewesen, ihre Symbolik mit den Schwächen der Waisenkinder zu verknüpfen und den Sieg im bombastischen Finale damit auch zum Sieg über ihre Laster zu gestalten. Stattdessen bekommen wir die übliche Prügelei, allerdings mit einem netten Twist, den zumindest ich nicht erwartet hätte, und überdeutlicher Betonung der Familienwerte. Finchers Se7en war hier offenbar kein Vorbild.

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Ansonsten bleiben die Darsteller recht blass, in schematisch angelegten Figuren. Die Pflegeeltern (Cooper Andrews aus The Walking Dead und die Spanierin Marta Milans) sind überperfekt, die Kinder meist erträglich. Asher Angel als Billy und Jack Dylan Grazer als Freddie sind ok, wobei Freddie so manche Szene stiehlt. Ansonsten gibt es das übergewichtige Kind, das hyperaktive Kind, das forsche Kind und eine 17jährige Harvard-Aspirantin, die mal wieder dem Hollywood-Klischee von Nerdigkeit entspricht, indem die 21jährige Darstellerin Grace Fulton keine klassische Schönheit ist, sondern eine interessante Schönheit.

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Meine Meinung weicht mal wieder vom Kritikerspiegel ab, der Shazam! auf einen Podest hebt, auf dem dieser nette, aber deutlich zu lange Film nichts zu suchen hat. Ich ermutige durchaus zum Kinobesuch, werde ihn mir im Heimkino auch nochmals anschauen, aber zum Oscar-Gewinn wird es trotz des Rufzeichens nicht ausreichen, und DC tritt meines Erachtens eher auf der Stelle. Ordentlich (6/10).

Ceterum censeo tertiam dimensionem ignorandam esse.

Samstag, 16. März 2019

Mein erster Hugo-Favorit 2019: "Spinning Silver" von Naomi Novik

Schon vor drei Jahren zeigte Naomi Novik mit dem Hugo-nominierten Uprooted, dass ihr Talent auch jenseits der kommerziell erfolgreichen, am Ende aber ziemlich abgenudelten Temeraire-Serie noch tolle Garne spinnen kann. Spinning Silver ist nun der zweite Roman dieser Webart, irgendwo zwischen Fantasy und Märchen einzuordnen, fest in einem mystisch angehauchten Europa des 19. Jahrhunderts angesiedelt. Eher der Fantasy zugehörig sind die Ich-Erzähler (von denen es diesmal gleich mehrere gibt), ein detaillierter Weltenaufbau und die Ausarbeitung der Figuren über den Archetyp hinaus. Eher märchenhaft erscheint mir die Darstellung von Magie und die schicksalsbestimmte Handlung (die allerdings mit reichlich Überraschungen aufwartet)



Nach der polnisch beeinflussten Landschaft von Uprooted finden wir uns in Spinning Silver nun eher in einem zaristischen Russland wieder. Neben der Macht des Zaren gibt es allerdings das Reich der Staryk, kalte, arrogante Fremdlinge, die in einer parallelen Feenwelt hausen und im Winter die Wälder des Zarenreichs heimsuchen und so manche Bauerschaft tyrannisieren. Vor diesem Hintergrund sind alle möglichen Märchenmotive verwoben: Aschenputtel, Goldesel, Rumpelstilzchen, Schneekönigin. Es gibt Prinzessinnen, die eine ungehörige Eigeninitiative entwickeln, und Prinzen, die weniger edel als erwartet agieren.

Der Hauptteil der Geschichte ist erzählt aus der Sicht dreier junger Frauen: Miryem, Wanda und Irina. Später kommen einige Passagen aus der Sicht des jungen Zaren Mirnatius, Irinas Zofe Magreta und Wandas jüngerem Bruder Stepon hinzu. Hauptfigur und am plastischsten gezeichnet ist die etwa 19jährige Miryem (Miriam), Tochter eines jüdischen Geldverleihers, der sich allerdings aufgrund seiner Gutmütigkeit als schlechter Geschäftsmann herausstellt. Als die Familie, die von allen Dorfbewohnern nur ausgenutzt wird, nahe dem Hungertod ist, nimmt Miryem die Sache selbst in die Hand und fordert persönlich die Zahlungen der Schuldner ein, mit wachsendem Erfolg. Allerdings erweckt ihre Fähigkeit, auf diese Weise Silber in Gold zu verwandeln, die Aufmerksamkeit eines Staryk-Lords, der Gold über alles begehrt...

Einer von Miryems Schuldnern ist ein Alkoholiker und Witwer, der seine drei Kinder tyrannisiert, bis sich schließlich als Rückzahlung seine älteste Tochter Wanda als Dienstmädchen bei Miryems Familie verdingt. Wanda ist robust und fleißig, aber vollkommen ungebildet; Miryems Buchhaltung hält sie zunächst für Magie. Aber bald entwickelt sie, und später auch ihre Brüder Sergey und Stepon (was ein russischer Name sein mag, oder auch ein Wortspiel), freundschaftliche Bande mit Miryem, deren tagträumerischen Vater und der kränklichen Mutter. Deren Vater wiederum lebt übrigens als reicher Geschäftsmann in der Regionshauptstadt Vysnia, allerdings im jüdischen Viertel, welches noch kein Ghetto ist, aber doch abgegrenzt vom Rest der Stadt, die von einem Grafen regiert wird. Dessen Tochter Irina ist die dritte Erzählerin; sie ist zwar nicht besonders hübsch und überhaupt widerspenstig, aber der Graf hegt doch Hoffnungen, sie mittels einer List mit dem jungen Zaren zu verheiraten. Der birgt allerdings ein dunkles Geheimnis (und hier kommt Rumpelstilzchen ins Spiel)...

Mit seinen unterschiedlichen Erzählstimmen ist Spinning Silver komplexer als Uprooted und erfordert vielleicht etwas mehr Aufmerksamkeit. Ich persönlich hatte allerdings (anders als einige Rezensenten bei Amazon) keine Probleme, jeweils zu Beginn eines Abschnitts die Erzählerin zu identifizieren. Aufgrund der unterschiedlichen Bildungshintergründe unterscheidet sich auch ihr Sprachstil (besonders einfach drückt sich der vielleicht zwölfjährige Stepon aus). Es hat durchaus eine Weile gedauert, bis ich mich in der Geschichte zurechtfand. Besonders gefallen hat mir dann, wie schon beim Vorgänger, dass der Handlungsverlauf überhaupt nicht vorhersehbar ist. Die Welt ist faszinierend geschildert, das Schicksal der Figuren ist packend, und gegen Ende wird reichlich Spannung aufgebaut. Robin Hobb hätte die Charaktere sicherlich viel tiefgründiger ausgelotet, aber das wäre dann waschechte Fantasy (und mindestens in Trilogie-Länge). Auch die Romanze(n), hier nur angedeutet, hätte man mit viel Herzschmerz auspolstern können. Naomi Novik bleibt standfest und gibt ihrem Märchen nach knapp 500 kurzweiligen Seiten das gebührende Happy End, welches allerdings anders aussieht als bei den Gebrüdern Grimm.



Und wenn sie nicht erfroren sind, dann leben sie noch heute - zufrieden, wohlversorgt und im Kreise ihrer Freunde und Familien.

Freitag, 8. März 2019

Mehr Supergirl als Wonder Woman: Captain Marvel (7/10)

Captain Marvel hat alles, was das Herz eines Genre-Fans begehrt: Raumschiffe, Aliens, Laserduelle, Piloten, Agenten, Prügeleien, und sogar eine coole Katze. Das wäre ein toller Film, wenn es nicht bereits das 21. Marvel-Abenteuer wäre (mit Avengers: Endgame ist ihm der 22. dicht auf den Fersen). Im Kino habe ich mich schon gut amüsiert, aber im Nachhinein stellt sich ein gewisser Ermüdungseffekt ein. Zumal die Heldin, auch das ein Gesetz der Serie, gegenüber ihren Vorgängern nochmals einen draufsetzen muss: stärker als der Hulk,  technisch versierter als Iron Man, edler als Captain America, mystischer als Thor, beweglicher als Black Widow, nützlicher als Hawkeye ;-) Das ist mehr Supergirl als Wonder Woman, und ihre schier unendliche Macht könnte zumindest in einer Fortsetzung schnell langweilig werden. In den Foren wird schon diskutiert, ob Carol Danvers im Kampf gegen Superman bestehen könnte. Falsches Universum natürlich; gegen Thanos allerdings - wieviel wiegen die Unendlichkeitssteine?

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Nichts auszusetzen habe ich an der Hauptdarstellerin Brie Larson. Auch andere hochgehandelte Kandidatinnen, etwa Emily Blunt (Edge of Tomorrow), hätten sich dem Drehbuch unterwerfen müssen. Der Hass, der der Oscar-Gewinnerin (Raum) nun entgegenschlägt, hat ohnehin nichts mit ihrer schauspielerischen Leistung zu tun. Da wird ihr doch tatsächlich vorgeworfen, dass Spider-Man Tom Holland den knackigeren Hintern hat. Und dass sie zu wenig lächelt! Immerhin wird sie einmal im natürlichen Habitat der Frauen gezeigt: in der Küche, beim Abwasch. Aber dann auch wieder als Kampfpilotin, wobei in dieser Rolle mehr ihre Freundin Maria Rambeau (Neuling Lashana Lynch) glänzen darf. So wird denn doch noch ein passender Beitrag zum Internationalen Frauentag draus.

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Captain Marvel spielt 1995, und es spielt mit den technischen Wundern der 90er: Telefonzellen, Pager, Videocassetten, Audiodateien am Computer. Das ist für manchen Schmunzler gut, und überhaupt liegen die Stärken des Abenteuers in den intimen Momenten, etwa den Familienszenen mit Maria und ihrer knuffigen 11jährigen Tochter. Bei den Actionszenen hingegen verlor ich öfter die Orientierung; hier zeigt sich der Mangel an Erfahrung (oder Eignung) des Regie-Teams von Anna Boden und Ryan Fleck, die bislang für (meiner Meinung nach) mittelmäßige Indie-Filme bekannt waren. Sie verantworten auch gemeinsam mit Geneva Robertson-Dworet, die bereits die jüngste Tomb-Raider-Inkarnation verwurschtelt hatte, das zweckdienliche Drehbuch, das wie bei Marvel üblich viele weitere Handschriften erkennen lässt. Schön ist der Bezug zu den Guardians, aber im Endeffekt braucht man vor allem einen Protector, der die Avengers aus der Bredouille befreien kann...

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Immerhin gibt uns die Zeitebene Gelegenheit, einen jüngeren Nick Fury kennenzulernen, noch ohne die Aura von Coolness und mit zwei gesunden Augen. Hier hat die Computertechnik des 21. Jahrhunderts ganze Arbeit geleistet, um Samuel L. Jackson zu verjüngen. Nur bei seinem Sidekick Phil Coulsen (Clark Gregg) gibt es gelegentlich einen WTF-Moment.

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Nicht manipulieren musste man Annette Benings Alter, sie macht auch mit 60 noch eine gute Figur und hat sichtlich Spaß an ihrer Rolle (für eine fünfte Oscar-Nominierung wird's diesmal wohl trotzdem nicht reichen). Jude Law darf als Kree ohne Blaufärbung seinen spitzbübigen Charme spielen lassen, während Gemma Chan (Crazy Rich Asians) hinter ihrem Make-up zwar kaum zu erkennen ist, aber trotzdem noch die Blicke (zumindest dieses männlichen Zuschauers) anzieht. Ohnehin werden all diese Stars von einem Flerken in den Schatten gestellt, dessen Darsteller ich zur Vermeidung von Spoilern hier nicht nennen werde (unbedingt auf die zweite Post-Credit-Szene warten!). Oh, und es gibt gleich zu Beginn ein liebevolles Tribut an Stan Lee, welches ich ebenfalls nicht spoilern möchte.

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Obschon schematisch, macht Captain Marvel doch viel Spaß und bietet einige visuelle Wunder, dazu sympathische Figuren und einige (zumindest für mich) überraschende Wendungen. Trotz der Querverweise ist es in sich geschlossener als die jüngste Avengers-Extravaganz. Daher (ohne vergleichen zu wollen) vergebe ich die gleiche Wertung wie für das überbewertete Spektakel des letzten Jahres: Gut (7/10).

Ceterum censeo tertiam dimensionem ignorandam esse.

Freitag, 21. Dezember 2018

Der Wassermann kommt: Aquaman (7/10)

Mit Aquaman haben die DC-Filme den Spaß wiedergefunden, den Batman und Superman so gar nicht verstehen. Solange man gleich zu Beginn sein Hirn fluten läßt, ist dies ein buntes Unterwasserabenteuer der Extraklasse. Das man wie gesagt mit verwässertem Verstand genießen sollte. Denn selbst unser Held wundert sich, dass er sich unter Wasser unterhalten kann. Und das ist noch die geringste Unwahrscheinlichkeit, in einer Welt bevölkert von wiehernden Seepferdchen, trommelnden Kraken und putzigen Urzeitwesen. Der Atlantier heißt übrigens eigentlich Arthur, ist selbstverständlich Sohn einer Königin (und eines trinkfesten Maori-Leuchtturmwärters, mit Herz verkörpert von Temuera Morrison) und fast so unverletzlich wie ein Asgardier.



Jason Momoa hatte mir schon in Justice League gefallen (gerade erst habe ich entdeckt, dass er mit der hinreißenden Lisa Bonet verheiratet ist!) In seinem Soloabenteuer, welches nach dem Sieg über Steppenwolf spielt, perfektioniert er seine bärbeißige Lässigkeit, seine Sprüche sind oft das Salz im Meerwasser. Und trotz seiner eindrucksvollen, kugelsicheren Muskelpakete spürt man doch gelegentlich die innere Verletzlichkeit des verstoßenen Bastards, der mit dem Unterseereich eigentlich nichts zu tun haben will. Bei seiner Leading Lady Amber Heard war ich zunächst sehr skeptisch. Durch ihre stürmische Kurzehe mit Johnny Depp nebst Scheidungskrieg hat sie sich keine Freunde gemacht, auch wenn sie dann die ihr zugesprochenen Millionen gespendet hat. Aber mit ihren langen, algenroten Haaren und enganliegendem Schuppenkostüm ist ihre Prinzessin Mera doch mehr als nur eine Barbie am Haken zweiter Fischmänner. Der zweite ist übrigens Arthurs Halbbruder Orm, eine blasse Figur, die Patrick Wilson (nicht mit Owen verwandt) gerade so über Wasser halten kann.

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Angenehm überrascht hat mich Nicole Kidman als Arthurs Vater. Die 51jährige hat inzwischen (sicherlich dank Hautstraffungen und viel Schminke) eine Aura der Alterslosigkeit und wirkt daher oft überheblich oder deplatziert. Hier macht sie in ihrem Muschelkostüm eine gute Figur, gelegentlich blitzt sogar der Schalk aus ihren wasserblauen Augen. Dann gibt es da noch Willem Dafoe als Arthurs Mentor Vulko mit fließender Agenda. Er ist ein seltener Überläufer von Marvel, für die er 2001 im originalen Spider Man einen erinnerungswürdigen Green Goblin gab, gerade im Vergleich mit Neuling Yahya Abdul-Mateen II, der hier als Ford Prefect Manta (warum nicht Mantis? Rechtestreit mit Marvel?) als ziemlich generischer schwarzer Schurke daherkommt. Einen der (vier bis sieben) Unterwasserkönige und Vater von Mera spielt übrigens Dolph Lundgren, ein Besetzungscoup, der an mir vorbeiging, da ich kein Kenner von B-Action bin.

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Kern von Aquaman sind allerdings die Schauwerte, und davon gibt es reichlich. Das versunkene Reich ist so eine Art Wakanda in der Tiefsee, das mit irrsinnigen Kamerafahrten präsentiert wird. Auch hier leben Traditionen neben hochentwickelten Technologien (lustig übrigens die mit Wasser gefüllten "Taucheranzüge" der Meersoldaten, ohne die sie an Land ersticken würden). Aber während wir Wakanda durch die Augen seiner Bewohner (und des CIA-Gasts) entdecken durften, ist Atlantis mehr eine Lightshow für Taucher, mit allerdings immer wieder neuen Überraschungen. Wohlgemerkt visueller Art, denn die Handlung ist nicht einfallsreicher als etwa die der Neuauflage von Tomb Raider (die ich nur wegen Alicia Vikander mochte). Nach 20 Minuten weiß man schon, was in der letzten Szene passieren wird (selbst die Postcredit-Szene ist vorhersehbar).

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Gelegentlich plätschert die Handlung nur so vor sich hin, und dann wirken die 143 Minuten doch etwas lang. Und abgesehen von Roy Orbisons She's a Mystery To Me möchte ich die Musikbeiträge gnädig ignorieren. Macht insgesamt nichts. Aquaman ist nicht Wonder Woman, auch nicht Black Panther (trotz einiger ethnischer Rollen sind die Protagonisten doch überwiegend schneeweiß), aber doch zehnmal unterhaltsamer als etwa Man of Steel. Gut (7/10).

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Ceterum censeo tertiam dimensionem ignorandam esse.

Samstag, 8. Dezember 2018

Oh weh! Mowgli: Legende des Dschungels (4/10)

Zwei Jahre nach Jon Favreaus gelungener Realverfilmung von Disneys Dschungelbuch läuft nun seit Freitag die lange erwartete Parallelproduktion Mowgli von Andy Serkis bei Netflix, nachdem Warner Bros. sie unzeremoniell an den Streaminganbieter verhökert hat. Man kann wohl vermuten, dass sie an den Kinokassen gnadenlos untergegangen wäre: zu düster für Kinder, zu zerfahren für Erwachsene.



Wenn ich eine Goldene Himbeere für die schlechteste stimmliche Darbietung des Jahres zu verleihen hätte, ginge diese an die zweifache Oscar-Preisträgerin Cate Blanchett. Ihr Voiceover, mit dem die Python Kaa als Erzählerin zu Beginn und Ende der Geschichte von Mowgli einen Rahmen gibt., ist tierisch peinlich. Sie versucht an die Weisheit der äonenalten Elbin Galadriel anzuknüpfen, kommt aber leider nur wie die pompöse Ansagerin eines Schmierentheaters rüber. Die meisten ihrer Kollegen können etwas mehr überzeugen, so etwa Christian Bale als erstaunlich rumpeliger Panther Bagheera und Benedict Cumberbatch als bedrohlicher, Smaug artverwandter Tiger Shere Khan. Aber die meisten kleinen Rollen, inklusive Andy Serkis' Bär Baloo, wirken fehlbesetzt oder zumindest farblos.



Den Stimmkünstlern kann ich allerdings nicht die Hauptschuld an dieser Naturkatastrophe geben. In zwei weiteren entscheidenden Aspekten versagt die Neuinterpretation von Andy Serkis, der ja bei Peter Jackson in die Lehre ging. Für ihn verkörperte er nicht nur Gollum und King Kong, sondern übernahm oft auch die Regie des zweiten Units. Zum einen geht das Konzept der computergenerierten tierischen Darsteller nicht auf, und zum anderen entfernt sich die Handlung nicht weit genug von der berühmten Disney-Version.

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Was bei Gollum und Caesar (in der erfolgreichen neuen Trilogie um den Planet der Affen) eindrucksvoll wirkte, klappt mit Wölfen und Raubkatzen nur bedingt. Über den Motion-Capture-Prozess wurde die Mimik der menschlichen Darsteller auf die computergenerierten Tiere übertragen. Das führt zu verstörenden Chimäreneffekten. Die Figuren werden vermenschlicht, ohne dass sie sich (wie bei Disney) in liebevolle Karikaturen verwandeln. Matt Zoller Seitz nennt das in seiner klugen Kritik (2/4 Sterne) "uncanny valley feeling". Shere Khan ist eben nicht photorealistisch wie sein Argenosse aus Das Leben des Pi, sondern sieht aus wie Cumberbatch im Tigerfell. Die Tierdarsteller sind nicht mehr so putzig wie in der Realverfilmung von Disneys Dschungelbuch, aber doch noch zu vermenschlicht, um als wilde Wesen durchzugehen.

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Ähnliches gilt für die Handlung. Ziel der Produktion war es, sich näher an Rudyard Kiplings Buch zu orientieren (allein schon aus rechtlichen Gründen). Das Drehbuch stammt von der völlig unerfahrenen Callie Kloves, Tochter von Steve Kloves (Harry Potter, Wonder Boys, The Fabulous Baker Boys). Es gelingt ihr einfach nicht, Kiplings sparsamer Prosa Fleisch auf die Knochen zu zaubern. Nehmen wir nur Mowglis Entführung durch die Affenbande. Das ist im Buch eine kleine Episode, in der unser kleine Held die Äffchen als Zerrspiegel seiner selbst begreift. Im Film wird daraus eine kurze Actionsequenz, in der die Primaten wie gruselige Gremlins wirken. Oder der immerhin vom Regisseur selbst gespielte Baloo: Er entspricht zwar eher der literarischen Vorlage, gewinnt aber kaum Kontur (vielleicht kann ich auch einfach den gemütlichen Disney-Bären nicht aus meiner Erinnerung verdrängen). In der zweiten Hälfte der Handlung wird's zwar etwas besser, aber die dazuerfundene Figur des Jägers Lockwood (Matthew Rhys) fand ich am Ende nur ärgerlich, vor allem weil die indischen Dorfbewohner nur Kulisse für den weißen Wichtigtuer sein dürfen (inklusive der bezaubernden Freida Pinto, die in einer sehr merkwürdigen Szene dem hübschen Jungdarsteller Rohan Chand die Haare waschen durfte).

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So sehr ich Andy Serkis mag (der gerade in Black Panther einen denkwürdigen Schurken gab), so wenig konnte ich mit seiner ersten Regiearbeit anfangen (inzwischen gibt es mit Solange ich atme eine zweite, die bei der Kritik besser weggekommen ist). Und das, obwohl er viele Kollegen aus seinen Mittelerde-Jahren zur Mitarbeit bewegen konnte. Natürlich reicht es für ein paar schöne Bilder (bei entsprechendem Equipment in Dolby Vision und UHD-Auflösung), und es gibt auch spannende und komische Elemente, aber ein überzeugendes Ganzes ergibt das nicht. Vielleicht waren in diesem Fall 100 Minuten tatsächlich zu kurz. Erträglich (4/10).

Samstag, 29. September 2018

Auf den zweiten Blick: Logan (6/10)

Wolverine war noch nie der fröhlichste der X-Men. Vielleicht ist seine Schwermut für mich sogar seine attraktivste Eigenschaft. Logan geht allerdings einen Schritt weiter. Hugh Jackmans Abschiedsvorstellung ist ein trauriger Film, der den Zuschauer in eine dystopische Gesellschaft katapultiert. Mutanten sind fast ausgerottet, für die letzten X-Men gilt es, um jeden Preis zu überleben: Wir gegen Sie. Spoiler: Nicht ein einziger sympathischer Nicht-Mutant wird bis zum Ende überleben (gibt es dafür eigentlich eine Bezeichnung, so wie Muggles?) Die Anfangsszene setzt den Ton. Logan will sich eigentlich nicht prügeln, hat dann aber auch keine Gewissensbisse, als er, in die Ecke gedrängt, eine räuberische Gang massakriert. Und so geht es weiter, Komparsen werden links und rechts zerfetzt, Blut spritzt, Körperteile fliegen durch die Luft. Johnny Cashs bewegende Interpretation des Nine-Inch-Nails-Songs "Hurt" (aus seinen späten American Recordings) dominiert den Trailer, erzeugt aber vielleicht auch zu hohe Erwartungen:



Schon in Der Weg des Kriegers musste Logan sich mit seiner eigenen Sterblichkeit auseinandersetzen. Jetzt wirkt er mit bald 150 Jahren sichtlich älter, schwächer, Narben schmerzen, die Haare werden grau - das Adamantium-Skelett vergiftet seinen Körper von innen, seine Selbstheilungskräfte schwinden. Verbissen widmet er sich seiner letzten Aufgabe - er kümmert sich um den über 90jährigen Xavier (Patrick Stewart), den einst so mächtigen Professor X, dessen Kräfte nun in epileptischen Anfällen zur Bedrohung für seine Umgebung werden (tatsächlich wird er als Massenvernichtungswaffe eingestuft). Zu Beginn wird Logan dabei vom lichtscheuen Caliban (Stephen Merchant) unterstützt, einer Figur, die wohl nur bei Comiclesern Kontur entwickelt. Und dann taucht die elfjährige Laura (Dafne Keene) auf, eine Art Mini-Me-Wolverine. Es stellt sich heraus, dass sie aus dem genetischen Experiment X23 entstand, um Supersoldaten mit Mutantengenen zu produzieren. Nun versucht sie zu einem Eden nahe der kanadischen Grenze zu gelangen (für US-Amerikaner liegt das Paradies in Kanada). Ihr auf den Fersen sind der Projektleiter Dr. Rice (Richard E. Grant), der seinem Vorbild Mengele alle Ehre macht, und dessen Handlanger Pierce (Boyd Holbrook mit Cyborg-Arm). Beim sich entwickelnden malerischen Roadmovie dominiert weiterhin das Blutrot.

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Mit dem Drehbuch von Scott Frank (Out of Sight), Michael Green (Green Lantern - wie hat der denn jemals wieder einen Job bekommen?) und Regisseur James Mangold, deren Oscar-Nominierung als Meilenstein gefeiert wurde, habe ich so meine Probleme. Der Grad an Brutalität, der das R-Rating (nur für Erwachsene) ausreizt, ist sicherlich Geschmackssache. Logans realistische und  bitterernste Action.steht jedenfalls in unversöhnlichem Gegensatz zu den Eskapaden seines Möchtegernkumpels Deadpool,  der fantastisch und ironisch überzogen daherkommt. Dazu kommen dann noch Handlungslöcher, die wohl nur Comicfans erklären können. Im Kino schien mir, dass X24 praktisch vom Himmel gefallen war, kurz glaubte ich sogar, er sei nur eine Ausgeburt von Wolverines Schizophrenie. Beim zweiten Sehen fällt auf, dass der Auftritt dieser Figur durchaus, wenngleich dürftig, vorbereitet war. Trotzdem ist mir nicht klar, warum sich die Schurken mit den nervigen X23-Kindern abgegeben haben, wenn sie doch die Technologie für einen X24 parat hatten...

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Und dann ist das alles so schwer zu ertragen, und damit meine ich nicht einmal das vorhersehbare tragische Ende der Hauptfiguren. Das Schicksal der Farmerfamilie ging mir viel näher. Zudem ist mir bei Logan besonders aufgefallen, mit welcher Skrupellosigkeit die Henchmen der Schurken eliminiert werden. Ich muss dann immer an eine Szene in Austin Powers denken, in der Mike Myers mal die Konsequenzen durchdacht hat: "The Henchman's Wife". Ironischerweise sollte Boyd Holbrook, hier Darsteller des Hauptschurken Pierce, in seiner nächsten Rolle die Perspektive wechseln. In The Predator ist es sein Team, das skrupellos reihenweise "feindliche" Soldaten entsorgt.


Wenn man sich mit den geschilderten Voraussetzungen arrangiert, ist Logan ein fabelhaft gespieltes Abenteuer mit beeindruckenden Bildern und der passend verstörenden Musikuntermalung. Man kann sich längst niemand anders als Hugh Jackman als Wolverine vorstellen. Als sein Mentor ist Patrick Stewart wohl nur knapp an einer Oscar-Nominierung gescheitert. Der heute 78jährige Shakespeare-Mime hat für die Rolle wohl sogar abgespeckt und wurde von der Maske auf älter getrimmt. Die elfjährige Neuentdeckung Dafne Keen kann mit den beiden Veteranen durchaus mithalten, und die Interaktionen zwischen den drei Generationen machen auch den Hauptreiz dieser Geschichte aus. Meine Wertung: Ordentlich (6/10).

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Nach langem Zögern habe ich mir nun doch die UHD-Blu-ray des Films besorgt, und neben der tollen Bild- und Tonqualität lohnt schon die hochinteressante Making-Of-Dokumentation den Kauf.