Es stellt sich heraus, dass im Kinosaal doch Männer zugelassen sind. Und niemand sonst ist im Wonder-Woman-Kostüm erschienen. Aber Spaß beiseite: Anlässlich der Reaktionen einiger junger Männer in meiner Sitzreihe wünschte ich mir, man müsste beim Einlass eine Mindestreife nachweisen. Dieses Mosern bei Knutschszenen kenne ich von Zwölfjährigen, aber ab 20 sollte diese Phase vorbei sein. Scheinbar nicht, wie auch viele IMDB-Kommentare junger Männer zeigen, die wohl besser mit Fließband-Action à la Die Mumie versorgt wären. Die kennen die Physiologie von Wonder Woman so genau wie den Transporter der Enterprise, und erläutern wissenschaftlich genau, dass Diana Prince in dieser und jener Szene eigentlich hätte sterben müssen, so wie sie auch die exakte Entfernung kennen, ab welcher Beamen nicht mehr möglich ist, weil dann der Partikelstrahl seine Kohärenz verliert. Obwohl ich es eigentlich müde bin, hier eine kleine Gegenrede: Gene Roddenberry hat das Beamen nur erfunden, weil Shuttle-Flüge im Budget nicht drin waren, und die Stärke von Wonder Woman kommt von Innen und ist nicht durch physikalische Gesetze bestimmt, sondern nur durch die Kraft ihres Selbstbewusstseins.
Darüber hinaus zeigt sich, dass die Gerüchteküche Hollywood immer mehr zur Schmähküche wird. Im Vorfeld hieß es, die Produktion sei in Schwierigkeiten und die Regisseurin Patty Jenkins überfordert (die immerhin vor 14 Jahren mit ihrem brillanten Mörderporträt Monster Charlize Theron zu ihrem Oscar führte). Tatsächlich kommt nun ein Cut in die Kinos, der fast genau ihrem Rohentwurf entspricht, und nach dem ersten Sehen kann ich nicht erkennen, wie man diese Fassung übertreffen könnte. Selten bietet das moderne Kino 140 solch kurzweilige Minuten, für mich die besten seit Scorseses Wolf of Wall Street. Komponist Rupert Gregson-Williams steigert mit seiner Musik die Spannung, indem er uns das inzwischen berühmte, nur aus sechs Tönen bestehende Motiv (von Hans Zimmer) möglichst lange vorenthält. Nur der Vorteil einer 3D-Version hat sich mir nicht erschlossen, aber sei's drum. Im Heimkino wird ohnehin die UHD-Version trumpfen.
Wonder Woman ist alles, was ich mir von einem Superheldenfilm erhoffen könnte, und mehr. Dass eine Frau im Mittelpunkt steht, ist dabei fast nebensächlich. Es wird so manches Klischee auf den Kopf gestellt. Während herkömmliche Origin-Geschichten die Entwicklung eines Menschen zum Superhelden beschreiben, findet hier eine Heldin ihre Bestimmung als Mensch. Regisseurin Patty Jenkins erzählt das in einer perfekten Balance zwischen Mythologie und Realität. Klar gibt es da Amazonen, Götter gar, Wunderwaffen und übermenschliche Stunts, und doch ist die Handlung fest in der Zeit zu Ende des Ersten Weltkrieges verwurzelt, dessen Schrecken hier ganz und gar nicht verharmlost werden. Vor diesem historischen Hintergrund muss Diana Prince lernen, das das Besiegen eines einzelnen Übeltäters einen solchen Krieg nicht beenden kann. Was bin ich dankbar, dass die Autoren die Handlungszeit entgegen den Comicvorlagen vorverlegt haben, denn gegen Nazis haben Superhelden schon oft genug gekämpft (und der Erste Weltkrieg hatte keinen zentralen Bösewicht). Den IMDB-Trollen, denen diese Verfilmung "nicht amerikanisch genug" ist, kann ich nur entgegnen, dass wir schon bei Captain America eine Überdosis amerikanischen Patriotismus zu ertragen hatten.
Während man in Batman vs. Superman Gal Gadots Potential in dieser ikonischen Rolle nur erahnen konnte, zeigt sie in ihrem eigenen Film eine Oscar-reife Leistung. Sie hat eine atemberaubende physische Präsenz in den Actionszenen, komisches Timing insbesondere in ihrem Zusammenspiel mit Chris Pine, und erdet ihre Figur gleichzeitig mit glaubwürdigen Emotionen. Chris Hemsworth hat per Twitter bereits zugegeben, dass sie seinem Thor jederzeit den Hintern versohlen könnte. Die 32jährige Israelin hat das notwendige exotische Aussehen, aber ihr nimmt man auch die Unschuld einer behütet aufgewachsenen Frau ab, die in Steve Trevor zum ersten Mal in ihrem Leben einem Mann begegnet. Dabei gleitet sie nie in Naivität oder albernen Slapstick ab und überzeugt auch in potentiell kitschigen Situationen, von ihrer Begeisterung über ein Kind in London bis zur Erschütterung über die Flüchtlingsströme in Belgien.
Nach seinen jämmerlichen Auftritten im Star-Drek-Reboot hätte ich nicht gedacht, dass ich Chris Pine noch einmal loben würde. Dabei hat er mir zu Anfang als Captain Kirk durchaus gefallen. Aber seit der inzwischen 36jährige in Star Trek: Into Darkness vergeblich versuchte, die Gravitas des 50jährigen Shatners zu imitieren, hatte ich ihn aufgegeben. Vielleicht wird er aber nur regelmäßig fehlbesetzt, worin im Falle des Oscar-nominerten Hell or High Water viele Kritiker mit mir übereinstimmten. Als amerikanischer Soldat, der im Auftrag des britischen Geheimdienstes den Machenschaften eines deutschen Generals auf die Schliche kommt und bei der Flucht eine Bruchlandung bei den Amazonen macht, kommen ihm jedenfalls sein spitzbübiger Charme und sein überdurchschnittliches Aussehen 😏 gelegen. Herrlich auch sein überdrehter "deutscher" Akzent, der hollywood-üblich untertitelte deutschsprachige Dialoge ersetzt.
Auch in den Nebenrollen können fein ausgewählte Asse trumpfen. "Prof. Lupin" David Thewlis als britischer General zeigt unerwartete Widerhaken, Angelicas weniger berühmter Halbbruder Danny Huston ist passend perfide als sein deutsche Gegenspieler von Ludendorff. Ihm zur Seite steht die aparte, hier mit entstelltem Gesicht kaum erkennbare Spanierin Elena Anaya (aus Julio Medems herausragendem erotischen Kammerspiel Room in Rome) als besessene Wissenschaftlerin. Bei den Amazonen bleibt Connie Nielsen als Dianas Mutter Hippolyta ein wenig blass (die Dänin ist wohl nicht verwandt mit ihrer Landsfrau Brigitte aka Red Sonja), was allerdings Robin Wright als Schwester und Generälin der Königin wieder gutmacht. Der 51jährige House of Cards-Superstar hat an der Fitness wohl hart gearbeitet und geht die martialische Lehrerrolle mit sichtlicher Freude an.
Bleibt noch Steves Howling Commando zu erwähnen - oops, falscher Comic-Verlag. Aber wirklich: dort Steve Rogers, hier Steve Trevor - wer hat von wem abgeschrieben? Vom Schild mal ganz zu schweigen - kann es sein, dass Wonder-Woman-Erfinder William Moulton Marston bereits 1942 die Standards absichtlich umkehrte? Jedenfalls haben wir auf den Trupp bereits letztes Jahr einen Blick erhaschen können, auf jener berühmten, von Bruce Wayne entdeckten Daguerreotypie, und trotz kurzer Auftritte bleiben die Herren durchaus im Gedächtnis, Als da wären: der kanadische Blackfoot-Indianer und hauptberufliche Stuntman Eugene Brave Rock als Chief, der sangeslustige Schotte Ewen Bremner ("Spud" aus Trainspotting) als tattriger Scharfschütze Charlie und der Franco-Marokkaner Saïd Taghmaoui (La Haine) als wortgewandter Schmuggler Sameer.
Der (tatsächlich alleinige) Drehbuchautor Allan Heinberg war zuvor laut IMDB ausschließlich fürs Fernsehen tätig, allerdings in hochkarätigen, oft frauenzentrierten Serien wie Gilmore Girls oder Sex and the City. Er hat aus dem reichhaltigen Comicfundus mit Input von Zack Snyder und Jason Fuchs (Ice Age 4 - wtf?) eine geradlinige Geschichte gewoben, die für den Zuschauer eine wunderbare Reise bereithält, ohne die Düsternis vielgelobter Vorgänger (The Dark Knight), die künstliche Kompliziertheit der bisherigen Justice-League-Filme und die Selbstzweifel praktisch aller übrigen Comicverfilmungen. Wonder Woman macht mindestens so viel Spaß wie die beiden Guardians-Filme, hat für mich aber mehr Resonanz und könnte sich über die Jahrzehnte ähnlichen Kultstatus verdienen wie etwa Star Wars oder Der Herr der Ringe. James Gunn hat bereits sein Lob ausgesprochen, genauso wie Joss Whedeon (" a goddam delight"), der nicht nur mit Buffy die prägende weibliche TV-Heldin schlechthin erfunden hat, sondern vor Jahren (vor den Avengers) auch mit einem eigenen, wohl recht eigenwilligen Wonder-Woman-Script hausieren ging. Jetzt ist er gerade von Marvel zu DC übergelaufen, und schon setzt Patty Jenkins hohe Hürden für sein kommendes Batgirl-Projekt (da Zack Snyder wegen einer familiären Tragödie indisponiert ist, hat Whedon auch weitreichende Änderungen und Nachdrehs für das im November kommende Justice-League-Spektakel verantwortet). Wenn selbst für einen ollen Zyniker wie mich ein Film so packend und emotional aufwühlend ist, kann ich nur das tun, wofür ich mich noch bei keinem Superhelden-Film aufraffen konnte (nicht mal bei meinen Lieblingen, X-Men 2+4, Avengers 1+2, Guardians 1+2): Ich vergebe die (gemäß meiner bescheidenen Meinung) für Meisterwerke reservierte Höchstnote (10/10).
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