Die nur leicht futuristische Welt von her ist bevölkert mit überwiegend attraktive Menschen, die schon auf dem Weg zur Arbeit stetig vor sich hin murmeln - Computer und Mobilgeräte sind sprach- und gestengesteuert, Werbung ist gelegentlich aufdringlich persönlich, aber direkte zwischenmenschliche Kontakte scheinen schwierig. Das alles ist eigentlich nicht viel anders als die Gegenwart, bis Samantha in Theodores Leben tritt. Theodore ist ein einsamer, in Trennung lebender Autor von Grußbotschaften, Poet in einer digital durchgestylten Gesellschaft. Samantha ist jedoch kein Mensch - sie ist ein "OS", also ein "Betriebssystem", eine künstliche Intelligenz.
Genau heißt das Programm OS1, nicht zu verwechseln mit OS/2, IBMs gescheiterter Alternative zu MS-Windows, an das sich wahrscheinlich nur noch ältere Semester erinnern. Und streng genommen ist es natürlich kein Betriebssystem, sondern ein Dienstprogramm, das Computer und Handy nach den Wünschen des Besitzers steuert und per Kamera und Ohrstöpsel mit der Außenwelt kommuniziert- eine Siri mit eigener Persönlichkeit. Doch her will keine technische Science Fiction sein, sondern konzentriert sich auf die sozialen Aspekte dieses unwahrscheinlichen Fortschritts.
Die ungleiche Beziehung ist spannend, komisch, dramatisch, romantisch, ja sogar erotisch. Samantha scheint perfekt auf die Wünsche ihres Partners eingestellt zu sein. Zunächst reagiert sie auf die Welt neugierig wie ein Kind und erweckt mit ihrer Begeisterung für die alltäglichen kleinen Wunder Theodores Lebensmut. Im Lauf der Zeit wandelt sie sich von der Gefährtin zur Freundin zur Liebhaberin, dann fast zu einer Mentorin. Und die Entwicklung ist noch nicht zu Ende...
Joaquin Phoenix versteckt als Theodore seine charakteristische Oberlippennarbe hinter einem Schnauzbart und verwandelt sich mit passender Perücke in einen ziemlich durchschnittlichen Enddreißiger. Es ist die Art Rolle, für die vor 60 Jahren Jimmy Stewart engagiert worden wäre, und er ist erstaunlich effektiv. Gerade deswegen wundert man sich ein wenig, was all die umwerfenden Frauen in ihm sehen: Da sind als seine Jugendliebe und Ex-Frau die mysteriöse Rooney Mara (Verblendung), als seine Nachbarin die etwas biedere Schönheit Amy Adams (deutlich zugeknöpfter als in American Hustle) und in einem leicht unglaubwürdig endenden Date mit Olivia Wilde eine der schönsten Frauen der Welt. Das ist nicht unbedingt eine subtile Art zu zeigen, daß Theodore den möglichen Beziehungen zu "echten" Menschen seine Samantha vorzieht, eine Stimme aus dem Computer.
Aber was für eine Stimme das ist! Im Original (und das ist hier Pflicht) wird Samantha von Scarlett "Black Widow" Johansson (Lost in Translation) gesprochen. Auch wenn viele Männer an ihre anderen Attribute denken werden, halte ich doch ihre Stimme für ihr bestes Feature. Rauchig und brüchig, warm und sexy stattet sie ihre Sprechrolle mit soviel Emotion aus, daß letztes Jahr schon diskutiert wurde, ob die Rolle den Statuten für eine Oscar-Nominierung entsprechen könnte. Hier ein Vorschlag an die Akademie: Führt endlich den Oscar für die beste stimmliche Darstellung ein! Da gibt es ja regelmäßig würdige Kandidaten: ob Eddy Murphy als Donkey in Shrek, Andy Serkis als Gollum, Ellen DeGeneres als Dory in Findet Nemo, Benedict Cumberbatch als Smaug - alles künstlerische Leistungen, die zwischen den bestehenden Kategorien unter den Tisch fallen.
Nebenbei klärt sich hier auch eine der Merkwürdigkeiten der diesjährigen Oscar-Show. Das nominierte Liedchen "The Moon Song" bewegt im Filmzusammenhang, von Samantha gesungen, die Herzen. Für sich allein, im Abspann und bei den Oscars von der Komponistin Karen O mit dünner Stimme dargeboten, wirkt seine Schlichtheit reichlich peinlich. (Ich persönlich hätte ja Pharell Williams für seine energetische Performance von "Happy" den Preis gegönnt, stattdessen gewann die generische Broadway-Schnulze aus dem unerklärlich megaerfolgreichen Frozen).
Der heute 44jährige Regisseur Spike Jonze ist nach Erfolgen mit Musikvideos (u.a. für R.E.M.) berühmt geworden durch seine kongenialen Charlie-Kaufman-Verfilmungen Being John Malkovich (1999) und Adaption (2002). Seine Kinderbuchverfilmung Wo die wilden Kerle wohnen (2009) hat mir persönlich nicht so zugesagt, aber mit her hat scheint er nun seine Stimme als Auteur gefunden zu haben. Die zahlreichen Preise für sein Drehbuch sind hochverdient, und als Science-Fiction-Geschichte stellt das Ergebnis locker die oft mit irrsinnig teuren Effekten ausgestatteten Genrekollegen des letzten Jahres in den Schatten (Gravity zählt, wie bereits erläutert, für mich nicht zur SF). Herausragend (9/10)!
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