In den 70ern war die Nische des Jugendromans (YA = Young Adult) noch nicht kommerziell entdeckt. Andernfalls hätte Michael Coney vielleicht mehr Erfolg mit diesem wundervollen Roman gehabt. Er erzählt eine Geschichte vom Erwachsenwerden, vom Generationenkonflikt, vom Klassenkampf, der Entdeckung einer geheimnisvollen Ökologie, und nicht zuletzt eine zarte Romanze. Und das alles auf gut 200 Seiten (des deutschen Taschenbuchs). Heute würde man das natürlich zu einer Trilogie aufblähen, die Poesie in Pathos ersticken und die Konflikte mit blutigen Kämpfen anreichern. Doch wer das Glück hatte, in jungen Jahren auf Der Sommer geht zu stoßen, wird dieses Leseerlebnis niemals vergessen können.
Der Teenager Drove reist mit seinen Eltern zum Sommerurlaub zur Hafenstadt Pallahaxi. Er steckt in einer Lebensphase, die viele aufgeschlossene und überdurchschnittlich begabte Heranwachsende nachvollziehen können. Er beginnt die Lebenslügen seiner Eltern zu durchschauen und muß seine Ideale gegen die Erosion der Gewohnheit verteidigen. Seine herankeimende Beziehung zur örtlichen Wirtstochter Braunauge stößt nicht nur bei seinem Vater, dem Regierungsbeamten, auf Widerstand. Er gerät zunehmend in den Fokus des politisch hochbrisanten Konflikts zwischen den lokalen Küstenbewohnern und den Funktionären aus dem Inland. Denn diese haben offenbar eine geheime Agenda, die wohl mit der neu erbauten Konservenfabrik in Verbindung steht...
Ein großer Reiz der Erzählung liegt darin, daß die Exposition ausschließlich indirekt erfolgt. Wir erleben die Welt durch die Augen des Ich-Erzählers und erkennen nur allmählich, daß es sich um einen fremden Planeten mit eigenwilligen Jahreszeiten und ungewohnter Tierwelt handelt. Die "Loxen" gingen vielleicht noch als Abart unserer Ochsen durch, aber die geheimnisvollen, allgegenwärtigen Lorin und die gefährlichen Eisteufel sind Beispiele für eine einfallsreichen exotische Fauna. Und dann gibt es noch das "Grum", eine jährliche wiederkehrende komplexe Wandlung des Meers, auf die sich die Fischer aber offenbar perfekt eingestellt haben. Ganz zu schweigen vom düsteren Himmelsgestirn Rax, auf dessen Zusammenspiel mit der Sonne Phu eine komplette Schöpfungsmythologie basiert.
Der Engländer Michael Coney emigrierte 1972 40jährig nach Kanada und veröffentlichte in kurzer Folge fast ein Dutzend SF-Romane. Hello Summer, Goodbye, seine achte Veröffentlichung, gilt als sein bester Roman. Es gab zwar ein positives kritisches Echo, aber finanziell blieb der große Erfolg wohl aus, so daß in den nächsten Jahren nur wenig Werke hinzukamen. Die (lose) Fortsetzung I Remember Pallahaxi erschien daher erst nach seinem Krebstod im November 2005.
Träume von Pallahaxi ist für sich gesehen ein sehr schöner Roman, verblaßt aber im Vergleich mit dem Vorgänger und sollte eher als dessen Epilog angesehen werden. Die Handlung spielt viele hundert Jahre später. Inzwischen ist der Planet von Menschen entdeckt worden, die eine kleine Repräsentanz etabliert haben. Dieser Kunstgriff ermöglicht viele explizite Erklärungen der ökologischen Situation, die man sich vorher selbst zusammenreimen mußte. Ansonsten werden die Themen des ersten Romans geschickt variiert, und die Perspektive ist wieder die eines (nicht-menschlichen) Teenagers, möglicherweise eines fernen Nachkommens von Drove. Der Clou ist die Fähigkeit der Aliens, auf eidetische Erinnerungen ihrer Vorfahren zurückgreifen zu können. Es gibt auch wieder eine bewegende Liebesgeschichte, aber insgesamt tritt die Poesie zugunsten einer direkteren Erzählweise zurück.
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