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Samstag, 25. Januar 2020

Klassische Rezension: Das Leben ist schön (Roberto Benigni, 1997)

Ein Film, der viele verschiedene Emotionen auslöst. Beobachtet man zunächst mit einem Schmunzeln Guidos Streiche und erfreut sich an seiner Unbekümmertheit, kann man sich wenig später vor Lachen kaum halten (wunderbar die Orchestrierung der Tricks, mit denen er Dora verzaubert). Und auch wenn einige Vorboten des Unheils zu erkennen sind (die Zwillinge mit Namen "Adolpho" und "Benito"), so fühlt man sich doch beschwingt durch diese Komödie vor romantischer italienischer Kulisse. Doch dann schlägt das Schicksal zu, und das Lachen bleibt einem im Halse stecken. Der lebensfrohe Guido wird zum Held, um seinen Sohn durch die Zeit in einem Vernichtungslager zu bringen, dessen Grausamkeit gerade genug angedeutet wird, um als Dokument des dunkelsten Punktes in der Geschichte des 20. Jahrhunderts bestehen zu können (Benigni arbeitete eng mit jüdischen Gemeinschaften zusammen, um keine groben Fehler in der Darstellung zu machen). Doch das Thema des Films ist die Liebe; die Liebe zwischen Guido, Dora und ihrem Sohn und die Liebe zum Leben schlechthin. Und das versteht Benigni so gut, daß es kaum einen Zuschauer geben wird, der bei der Schlußszene nicht den Tränen nahe ist.

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Horst Buchholz gibt einen in seiner Gleichgültigkeit erschütternden deutschen KZ-Arzt. Nicoletta Braschi, von manchen als Schwachpunkt des Films genannt, findet genau die richtigen Nuancen für die Rolle der Dora. Daß sie weder die strahlende Schönheit noch das komische Talent ist, macht die Liebesgeschichte erst glaubhaft und bewahrt sie vor Kitschigkeit. Man bedenke, daß sie im ersten Teil den Part des "Straight Man" für den Komiker Benigni übernimmt, im zweiten Teil dann die Emotionen zeigen muß, die Benigni selbst nicht ausdrücken kann. Ein Meisterwerk und mein Lieblingsfilm des Jahres (10/10).

Klassische Rezension: Die Verurteilten (The Shawshank Redemption, 1994)

Eine Meditation über Menschlichkeit, Hoffnung und Freundschaft. In der IMDB ist "The Shawshank Redemption" nach dem "Paten" der bestbewertete Film. Natürlich ist er nicht der zweitbeste Film des Jahrhunderts. Aber seine Qualität ist offenbar selten unumstritten (etwas im Gegensatz zum anderen Meisterwerk von 1994, "Pulp Fiction"). Er hat eine einfache Botschaft, die man mit Worten nicht ausdrücken kann. Und genau das ist es, was ein bedeutendes Kunstwerk ausmacht.



Doch auch wer "nur" Unterhaltung sucht, wird sie hier finden. Wenige Filme können den Zuschauer für zweieinhalb Stunden derart fesseln. Und das erreicht Frank Darabont völlig ohne Action! Ruhig, bedächtig läßt er 20 Jahre vor uns abrollen. In der geschlossenen Gesellschaft des Gefängnisses wird der Lauf der Zeit nur an Kleinigkeiten deutlich - etwa an der alle fünf Jahre erfolgenden Ablehnung eines Bewährungsantrages, oder dem Wechseln der Pinup-Girls von Rita Hayworth über Marilyn Monroe zu Raquel Welsh. Diese sind übrigens die einzigen weiblichen Wesen, die eine Rolle spielen: Nicht mal eine Liebesgeschichte gibt es. Doch auch das läßt die Freundschaft zwischen den Sträflingen Andy und Red vergessen.

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Die Intensität der Darstellung ist auch das Verdienst zweier großer Schauspieler: In Tim Robbins' Gesicht spiegeln sich alle Empfindungen, die ein Mensch in 20 Jahren haben kann, und in Morgan Freemans Stimme liegt die Weisheit dessen, der all dies beobachtet und verarbeitet hat (glücklich, wer die englische Originalfassung erleben darf). Übrigens sind beide noch ohne Oscar-Ehrungen (Morgan Freeman mußte sich 1994 Tom Hanks für "Forrest Gump" geschlagen geben; an Zemeckis' Film gingen auch die weiteren Nominierungen verloren). Wie ungerecht doch manchmal die Akademie sein kann...

Man fragt sich, wie die Hollywood-Maschinerie Frank Darabont einen solchen Erstling hat drehen lassen. Manchmal geschehen solche Unfälle; Costner war immerhin schon ein Schauspieler-Star, als er "Der mit dem Wolf tanzt" drehte; mit "American Beauty" ist ein ähnliches Kunststück fünf Jahre später Sam Mendes geglückt. Was nur zeigt, daß Qualität selbst in Hollywood nicht immer untergehen muß. Man fragt sich zweitens, ob die Romanvorlage von Stephen King genauso gut ist. Kings Werke sind ja mit sehr unterschiedlichem Ausgang verfilmt worden - vom ausgezeichneten "Stand By Me" über den Erfolg "Misery" zum miserablen zweiten Versuch von Darabont, "The Green Mile". Es zeigt sich wieder einmal, daß Kino eine unabhängige und unberechenbare Kunstform ist.

Bem.: Inzwischen steht der Film an der Spitze der IMDB-Top250.

Meine Anmerkung zu "Green Mile" von damals:

Hier hat Frank Darabont so ziemlich alles falsch gemacht, was seinen Erstling "Die Verurteilten" ("The Shawshank Redemption") zu einem Meisterwerk gemacht hatte. Die Handlung ist vorhersehbar, die Charaktere sind unglaublich eindimensional und lassen sich sofort in "Gut" und "Böse" einordnen. Wenn eine Botschaft beabsichtigt war, versucht "The Green Mile" sie uns mit dem Holzhammer einzuprügeln. Das ist Kitsch in Reinkultur - schade, daß derart gute Schauspieler ihr Talent hierfür vergeudet haben.

Freitag, 3. Januar 2020

Klassische Rezension: Ein süßer Fratz (1957, 7/10)



Funny Face ist ein gutes Beispiel dafür, daß ein schwaches Drehbuch durch brillante Darsteller und einen einfallsreichen Regisseur (Stanley Donen) noch zu einem guten Film verarbeitet werden kann. Umso ironischer, daß ausgerechnet Autor Leonard Gershe für den Oscar nominiert wurde. Die Paarung Audrey Hepburn - Fred Astaire hat aber durchaus ihren Charme. Leider wird aus ihren Gegensätzen nicht mehr Kapital geschlagen. Die moderne Performance der Hepburn in einer Pariser Kneipe (ein absoluter Höhepunkt)  wäre ein guter Ansatz gewesen, ihr den "klassischen" Tanz Astaires entgegenzustellen - eine vertane Chance. Auch bemerkt Pauline Kael sehr scharfsinnig, daß dessen Alter durch die Nichterwähnung noch betont wird. Hier hätte die Geschichte ansetzen müssen. Was bleibt, ist eine Sammlung von teilweise hervorragenden Vignetten, zusammengehalten mehr von der Musik der Gershwins als von einer überzeugenden Romanze. Gut (7/10).

Klassische Rezension: Ladyhawke (1985, 8/10)



Ladyhawke ist so einer dieser Filme, an die man sich gern aus seiner Jugend erinnert, die man aber eigentlich nicht verteidigen kann. Die Idee der tragischen Liebesgeschichte böte Raum für eine epische Inszenierung, ist aber weitgehend ideenlos umgesetzt. Die Hindernisse, die sich den Protagonisten in den Weg stellen, sind großenteils belanglos. Allerdings gibt es auch schöne Landschaftsaufnahmen und zumindest eine sehr berührende Szene, in der sich Navarre und Isabeau zum Sonnenaufgang für einen kurzen Glücksmoment in Menschengestalt wahrnehmen.
Die Musik, quasi vom Alan Parsons Project (ohne Eric Woolfson) eingespielt, wirkt heute noch anachronistischer als damals, die stampfenden Syntho-Rhythmen erzeugen immerhin ab und zu einen Adrenalinschub, den die Geschehnisse auf der Leinwand nicht unbedingt rechtfertigen. Insgesamt schafft es Richard Donner nicht, einen durchgängigen Ton für den zudem zu langen Film zu finden. Slapstick-Momente lösen sich ab mit holprigen Kampfszenen, dramatische Action wird entwertet durch unlogisches Verhalten und unklare Schnittsequenzen.
Die Nebendarsteller (u.a. Alfred Molina in einer frühen Rolle als Wolfsjäger) geben eher die Knallchargen. Die Hauptdarsteller jedoch stehen über all dem. Rutger Hauer, nur wenige Jahre nach seiner Paraderolle als Android im Blade Runner, spielt den tragischen Held mit Würde und Zurückhaltung. Michelle Pfeiffer strahlt in ihren wenigen Szenen in überirdischer Schönheit, hat aber auch den notwendigen Schalk im Auge. Matthew Broderick mag vom Typ her nicht ins Mittelalter gehören, ist aber stets von magnetischem Interesse (dies war wohl sein Durchbruch, ein Jahr später wurde er mit "Ferris macht blau" zum Teenie-Idol).
Alles in allem hatte ich auch beim Wiedersehen noch meinen Spaß, vermischt mit einem Schuß Nostalgie.

Sonntag, 29. September 2019

Klassiker auf Blu-ray #23: Local Hero (Bill Forsyth, 1983)

1982 war in Großbritannien die Welt schon nicht mehr in Ordnung. Das war zwar lange vor dem Brexit, aber Margaret Thatcher war schon einige Jahre im Amt, hatte den Falklandkrieg angezettelt, damit begonnen, das soziale Netz rigoros abzubauen und eine schonungslose Industrialisierung voranzutreiben. Da kommt in einem kleinen schottischen Fischerdorf der junge Amerikaner Mac MacIntire (Peter Riegert) an, Akquisiteur des Ölkonzerns Knox von Felix Happer (Burt Lancaster). Er soll das Dorf, den Strand und überhaupt alles bis eine Meile inland aufkaufen, für den Endpunkt einer Pipeline und den Bau einer Raffinerie. Entgegen den Erwartungen hängen die Dorfbewohner, repräsentiert vom Hotelier, Buchhalter und gelegentlichen Barkeeper Urquhart (Denis Lawson), überhaupt nicht an ihrem Lebensstil und ihren Fischgründen und geben in Gedanken bereits die verheißenen Millionen aus. Wer also wird zum Helden auserkoren, der die Idylle vor dem Ausverkauf retten kann?



Local Hero entspricht so gar nicht den gängigen Klischees. Es gibt kein Aufbäumen Davids gegen Goliath, keine überhitzten politische Diskussionen, keine Rettung in letzter Sekunde. Regisseur und Autor Bill Forsyth (Jahrgang 1946) hatte zuvor mit That Sinking Feeling (1979) und Gregory's Girl (1980) hübsche kleine Sozialdramen gedreht (die auch "Kitchen Sink Dramas" genannt wurden), doch niemand hatte von ihm ein solch lyrisches, universellen Werk erwartet. Es war ein Glücksfall des britischen Kinos, begünstigt von einem ansehnlichen, obwohl immer noch bescheidenen Budget von etwa vier Millionen Pfund, möglich durch den Sog des überraschenden Oscargewinners des Vorjahrs, die Stunde des Siegers ("Chariots of Fire"). Dieses konventionelle Sportdrama bleibt vor allem durch seinen Vangelis-Triumphmarsch im Gedächtnis, welchen Forsyth übrigens in einer kleinen Hommage kurz zitiert. Forsyth selbst hat das Filmemachen offenbar bereits 1999 aufgegeben, offenbar konnte er die Diskrepanz zwischen erforderlicher Anstrengung und künstlerischem Erfolg nicht überbrücken (das lese ich jedenfalls aus dem aktuellen Interview, welches das Kronjuwel der Jubiläumsedition ist).

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Local Hero lebt ganz von seinen Figuren, die vielleicht auch deshalb authentisch wirken, weil abgesehen von Burt Lancaster keine Stars besetzt wurden. Für mich ist dies allerdings, neben der Hauptrolle in Louis Malles Atlantic City, Lancasters bewegendste Altersrolle (er war gerade 70 und starb zehn Jahre später). Ansonsten ist allein der Glasgower Peter Capaldi berühmt geworden, damals als 24jähriger der schottische Vertreter Oldsen des Konzerns, inzwischen natürlich der 12. Doctor Who. Frauen lernen wir übrigens in dieser schottischen Männergesellschaft wenig kennen. Es gibt lediglich Urquharts bezaubernde Frau Stella (zu Darstellerin Jennifer Black bietet die IMDB nicht einmal ein Porträtfoto) und die diplomierte Meerjungfrau Marina (Jenny Seagrove), in die Oldsen verschossen ist. Die sich entwickelnde Romanze ist aber nur leise angedeutet, wie man überhaupt viel zwischen den Zeilen lesen muss. All das geschieht vor dem Hintergrund der herrlichen schottischen Locations (Forsyth gibt im Interview verschämt zu, dass er gemogelt und Bilder der West- und Ostküste gemischt hat). Ein besonderer Clou ist Happers Leidenschaft für den Sternenhimmel. Er hofft, einen Kometen zu entdecken und sinniert noch über den richtigen Namen: "Happers Komet" oder "Komet Happer" vielleicht? Daher hat Mac auch einen Nebenauftrag, nämlich auf gewisse Sternbilder zu achten und Sichtungen sofort zu melden. Hier kommt die rote Telefonzelle des Dorfs ins Spiel, ein Relikt, welches jungen Leuten heute höchstens noch als Tardis bekannt ist.



Und dann gibt es noch die besondere Zutat, die für sich allein vielleicht bereits Local Hero zu fortwährendem Ruhm gereicht. Und das ist natürlich die Filmmusik von Dire-Straits-Mastermind Mark Knopfler. Soundtracks waren mehr ein Hobby des Weltklassegitarristen. Sein berühmtester Film in dieser Funktion war 1987 Die Braut des Prinzen, aber dessen effektive Klanguntermalung unterschied sich grundsätzlich von Local Hero, in dem die Musik fast als eigener Charakter auftritt, sowohl bei der Untermalung der Landschaftsaufnahmen als auch bei den folkloristischen Amateur-Darbietungen beim Ceilidh-Tanz. Erst ganz am Ende ertönt das triumphale Saxofonsolo von Mike Brecker zum Titelsong. Knopfler war damals, nach dem Erfolg von Love over Gold (meines Lieblingsalbums von Dire Straits), auf der Höhe seiner Kompositionskunst, und Going Home bot im Folgejahr auch ein passendes Finale für das grandiose Live-Album Alchemy. Bill Forsyth gewann 1984 für Local Hero den BAFTA als bester Regisseur, Mark Knopfler ging leider leer aus. Die Amerikaner konnten mit der versponnenen schottischen Geschichte nichts anfangen (obwohl die Darsteller ihren schottischen Akzent stark unterdrückt hatten), bei den Oscars war von Local Hero nicht die Rede. Immerhin vergab Roger Ebert in seiner liebevollen Rezension die Höchstwertung von vier Sternen.

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Ich selbst habe Local Hero erst in meiner Studienzeit lieben gelernt, bei einer der vielen Retrospektiven in den Münsteraner Programmkinos. Erst jetzt, nachdem ich die mäßige DVD schon vor Jahren abgestoßen hatte, wurde der Film sorgfältig in 2K-Qualität neu abgetastet und ist nun in den USA (via Criterion) und im UK (via Spirit Entertainment) in hochwertigen Blu-ray-Ausgaben erschienen. Zum erwähnten halbstündigen Interview mit Bill Forsyth gesellt sich in meiner UK-Ausgabe ein Gespräch mit Mark Knopfler - die 70jährige Legende erinnert sich auch heute noch gern an die Zusammenarbeit und arbeitet gerade an einer Musical-Version der Geschichte. Vielleicht erbarmt sich ja noch ein deutscher Verlag dieses Kleinods - bis dahin empfehle ich den Import, möglichst vor dem Brexit (bei dem Zollprobleme vorprogrammiert sind).

Samstag, 24. August 2019

Aus der Klamottenkiste gestreamt: Matchstick Men ("Tricks", 2003: 8/10)

Durch den Siegeszug des Streamingmarktes gibt es inzwischen viele ältere Filme aus der zweiten Reihe, die gar nicht mehr oder (wie gerade Addams Family Values) nur nachgelagert als Blu-ray veröffentlicht werden. Dafür kann man sie oft bei iTunes oder Amazon Prime für kleines Geld in HD-Qualität erstehen (wenn sie gerade nicht per Flatrate erhältlich sind). Man muss allerdings achtgeben, ob die Originalversion mitgeliefert wird (das ist leider wie in den Anfangszeiten von DVDs nicht selbstverständlich). Da ich nicht auf die Apple-App für meinen LG-Fernseher warten wollte, habe ich mir also zähneknirschend ein Apple TV danebengestellt und besitze inzwischen mehr digitale Filmkopien als DVDs. So habe ich etwa Shazam! fürs Heimkino bei iTunes gekauft, mit Dolby Vision, Dolby Atmos und 90 Minuten unterhaltsamen Extras. Aber mehr noch als bei aktuellen Filmen bieten die Anbieter eine Fundgrube für vergessene ältere Filme. Beim mauen Angebot des modernen Kinos finde ich immer mehr Trost beim Griff in die Klamottenkiste.



Matchstick Men sind Con-Artists, Trickbetrüger, was auch ein besserer deutscher Titel gewesen wäre als das schnöde Tricks. Roy (Nicolas Cage) und sein Protegé Frank (Sam Rockwell) gehören zu den besten ihres Fachs. Sie nehmen Geld von den Gierigen und verteilen es an die Bedürftigen (im Verhältnis 50/50). Abgesehen von diesem zweifelhaften Berufsethos könnten sie als Persönlichkeiten allerdings nicht unterschiedlicher sein. Frank ist ein extrovertierter, impulsiver Lebemann, Roy dagegen ein von Neurosen geplagter Einzelgänger mit Hygienefimmel. Das ändert sich allerdings, als die 14jährige Angela (Alison Lohman) in sein Leben tritt, eine Tochter aus einer vor langer Zeit gescheiterten Beziehung, über deren Existenz er bislang höchstens heimlich spekuliert hatte. Sie trägt Unruhe in sein Leben, Schmutz auf den Teppich und Fastfood in die Küche. Nicht dass Roys bisherige Diät gesünder war, trotz all der guten Inhaltsstoffen von Dosen-Thunfisch. Aber mithilfe seines neuen Therapeuten (Bruce Altman) beginnt er an der neuen Vaterrolle aufzublühen. Es sieht so aus, als ob jede Änderung in Roys Routine eine Besserung sein könnte. Er lässt sich sogar von Frank breitschlagen, endlich wieder einen größeren Coup zu wagen. Der dann natürlich gehörig schief geht: Wer schwimmen geht, muss damit rechnen, nass zu werden.

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Matchstick Men war 2003 ein Flop an den Kinokassen, was ich wie so oft nicht so recht verstehe. Roger Ebert schrieb eine begeisterte ****-Rezension (seine Höchstwertung), aber die meisten Kritiker störten sich entweder an den Plotmechanismen (für mich funktioniert der Film allerdings auch noch, wenn man die Twists kennt) und der Darstellung von Nicolas Cage als psychisch labilem Sonderling. Wann immer solche psychischen Störungen ("mental illness") im Film porträtiert werden, gibt es extrem unterschiedliche Reaktionen und unversöhnliche Meinungen. Zum einen wird erwartet, dass die Störung repräsentativ für eine Patientengruppe ist, zum zweiten wird dem Darsteller schnell vorgeworfen zu chargieren. Sie wird nicht korrekt dargestellt, sie wird nicht ernstgenommen, sie wird übertrieben, das Porträt ist nicht typisch. Hier ist meine Meinung: Es gibt keine korrekte Art, eine solche Störung darzustellen. Jedes Krankheitsbild ist individuell, weder Neurotiker noch Autisten lassen sich über einen Kamm scheren. Wichtig ist mir die Konsistenz innerhalb der Erzählung. Und so verstehe ich nicht, warum das Publikum Jack Nicholson in Besser geht's nicht und Tom Hanks in Forrest Gump liebt, nicht aber Sigourney Weaver in Snow Cake oder Ben Affleck in The Accountant. Na ja, Zuschauer sind im Idealfall so individuell wie die Protagonisten.

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Uno, dos, tres. Was Matchstick Men betrifft, find ich, dass Nic Cage Roys Neurosen sogar klug unterspielt. Regisseur Ridley Scott unterstützt den Effekt oft mit raffinierten Kamera- und Schneide-Tricks. Wunderbar auch die kontrastierende Musikauswahl, etwa mit Sinatra-Liedern (Roy besitzt natürlich eine Vinyl-Sammlung). Es ist auch spaßig, Sam Rockwell (Three Billboards) in einer frühen Rolle zu sehen, kurz nach seinem herrlichen Auftritt als Redshirt in Galaxy Quest. Kein falscher Lotteriegewinn war auch das Casting der 23jährigen (!) Alison Lohman, die die 14jährige Angela verblüffend authentisch spielt, nur mit Zöpfen und einer Zahnspange ausgestattet. Sie ist inzwischen wohl zweifache Mutter, konzentriert sich laut IMDB auf  "Coaching" und nimmt nur noch gelegentlich Rollen an - schade!

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Wie ich schon mehrfach ausgeführt habe, ist die Filmographie von Regisseur Ridley Scott recht durchwachsen. Trotzdem ist es schade, dass es nie für den Regie-Oscar gereicht hat (nicht einmal bei Gladiator konnte sich die Akademie für ihn entscheiden). In den letzten 20 Jahren gefielen mir eher seine "kleinen" Filme, neben Matchstick Men vor allem Ein gutes Jahr (2006), eine schöne Romanze zwischen Russell Crowe und Marion Cotillard. Tricks ist bei iTunes und Amazon für kleines Geld (momentan 3,99 Euro) in HD mit OV erhältlich, in guter Bild- und Tonqualität. Sehr gut (8/10).

Klassische Rezension: Galaxy Quest (2000)

Die meisten Parodien scheitern daran, daß sie zwar einen Gag nach dem anderen liefern, den Zuschauer aber nicht über die ganze Filmlänge hinweg bei der Stange halten können. Um dies zu vermeiden, ist eine eigenständige Handlung nötig, die eine solide Grundlage bietet. Dies ist in Galaxy Quest gelungen - und dies gleich auf mehreren Ebenen. Das Abenteuer selbst hat durchaus das Niveau einer durchschnittlichen Star-Trek-Folge. Doch wie in der Serie ist die äußere Handlung weniger wichtig als die Herausforderungen, die sich daraus für die Figuren ergeben. "Captain" Tim Allen lernt, daß er ohne seine Crew nichts wert ist; und "Alien" Alan Rickman gewinnt seine Selbstachtung zurück. Nebenbei darf Allen hemmungslos die Shatner-Kampftechnik demonstrieren, Sigourney Weaver ausführlich Blödsinn von sich geben, das Crewmitglied ohne Nachnamen um sein Leben bangen. Diejenigen Fans, die das Schiff besser als die Produktionsdesigner kennen, bekommen genauso ihr Fett weg wie die Werbebranche, die den Rummel geschickt vor ihren Schlitten spannt. Und bei exzellenten schauspielerischen Leistungen und einem guten Script sei es auch gestattet, sich an den grandiosen Spezialeffekten zu erfreuen. Nach dem Abspann möchte man am liebsten den Omega 6.000 starten, um den Film gleich nochmal zu genießen (8/10).

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Samstag, 6. April 2019

Klassische Rezension: Se7en (1995, 6/10)



Eine packende, originelle Geschichte, mit Schwächen in der Charakterisierung der Figuren. Leider fehlen Fincher sowohl Vorstellungskraft als auch das Gefühl für Schauspieler und Dialoge, um daraus ein Meisterwerk zu machen. Ein Beispiel dafür ist die nichtssagende erste Begegnung der beiden Cops. Ein weiteres, gravierenderes die mißlungene Darstellung der  Beziehung des jungen Polizisten zu seiner Frau, die ja ein wichtiges Element für die Handlung ist. Wenn man jedoch die Liebe zweier Menschen durch einen trivialen Dialog zeigen muß ("Ich liebe dich wahnsinnig" - "Ich weiß"), zeugt das schon von viel Hilflosigkeit des Regisseurs. Auch der große Morgan Freeman weiß seiner Rolle keine Tiefe zu verleihen - als einziger beeindruckend ist Kevin Spacey als kühler Psychopath. Und wenn sich keine Sympathie für die Charaktere entwickelt, ist dem Zuschauer der Ausgang der Geschichte auch schon fast egal. Was bleibt, ist eine gute Grundidee, die einigermaßen spannend, wenn auch ohne Zuspitzung auf die Höhepunkte, ziemlich konventionell verfilmt wurde - die offenbar für Fincher typische negative Grundhaltung scheint aber eine große Fangemeinde anzuziehen. Die eigentlich passende "7" als Bewertung kann ich  leider nicht vergeben.

Klassische Rezension: Oliver! (1968, 7/10)


Erstaunlich, wie man aus einem so umfangreichen, komplexen und in jeder Hinsicht außergewöhnlichen Roman ein solches amüsantes Nichts produzieren kann. Ich glaube nicht, daß Charles Dickens besonders glücklich mit dieser oberflächlichen Verfilmung gewesen wäre; die Musik plätschert so dahin, kaum ein Song bleibt im Gedächtnis haften, und der historische Hintergrund ist derart romantisiert, daß man sich in ein Märchen versetzt fühlt. Das ist natürlich auch eine Funktion von Musicals (dieses war übrigens das letzte, das den Oscar für den besten Film ergattern konnte). Und um nun auch Positives zu nennen, gibt es schon etliche sehenswerte Choreographien (Ehren-Oscar für Onna White), charmante Lausbuben (vor allem Jack Wild als "The Artful Dodger") und einen überragenden Ron Moody als Mr. Fagin. Er allein ist das Zuschauen (und Zuhören) wert, seine Auftritte haben die Spritzigkeit, die dem Film insgesamt fehlt, in ihm wird eine Dickenssche Karikatur lebendig. Gut auch Shani Wallis als Nancy, nicht so überzeugend dagegen Oliver Reed als Bill Sikes. Carol Reed hat seinen Oscar zwar zu Recht, aber (wie das so oft passiert) für den falschen Film erhalten (7/10).

Mittwoch, 2. Januar 2019

Jahresrückblick 2018

2018 war das Jahr, in dem weltweit die Streamingumsätze die der Lichtspielhäuser überschritten. Nach der Musikbranche muss nun auch die Filmindustrie umdenken. Das hat für die Verbraucher zunächst einige ärgerliche Folgen. So versiegt trotz des Siegeszugs von 4K-Fernsehern mit großen Diagonalen die Veröffentlichung von UHD-Medien, vor allem klassischer Filme. Insbesondere Disney sitzt auf seinem Riesenschatz filmhistorischer Perlen wie ein eifersüchtiger Drache auf seinen Goldmünzen. Das ist natürlich Kalkül für den geplanten Start eines eigenen Streamingservice. Aber wenn ein Studio Filme in Topqualität (Dolby Atmos/Dolby Vision) bei iTunes verkauft, die zugehörigen UHD-Blu-rays aber (wenn überhaupt) mit minderwertigen Codecs zu überhöhten Preisen auf den Markt bringt, verbrennt dieses Vorgehen schnell auch die Fangemeinde. Und übrigens Disney: Der marktführende Drache hat aus fadenscheinigen Gründen den liebenswerten James Gunn geschasst (so dass die Zukunft der Guardians noch unsicher ist). Wie man auch am verhinderten Oscar-Moderator Kevin Hart sieht, kann man offenbar Komikern nicht mehr trauen. Am besten alle an die Wand stellen!

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Zum Glück gibt es auch Ausnahmen bei den Studios. Vor allem Warner hat sich um das neue Format verdient gemacht, mit Top-Veröffentlichungen aller acht Harry-Potter-Filme etwa (aber wo bleibt der Herr der Ringe?), und insbesondere mit der Jubliäumsausgabe von Kubricks 2001 - Odyssee im Weltall, deren neue 8K-Abtastung auf moderner Hardware auch nach 50 Jahren atemberaubend aussieht (wobei ich vermute, dass ein 8K-Fernseher hier nur marginale Verbesserungen bringen könnte). Universal hingegen hat die 4K-Abtastung von Spartacus bislang nur als schnöde Blu-ray herausgebracht. Und was ist mit Lawrence von Arabien? Hier müssen wir hoffentlich nicht noch drei Jahre bis zum 60jährigen Jubiläum warten?

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Jubiläen gab es auch bei einigen klassischen Musikalben. Glanzpunkt des Jahres war hier unumstritten das ebenfalls 50 Jahre alte Weisse Album der Beatles, nun genial in Surroundsound neugemischt, ohne das Original dadurch zu verfälschen. Jetzt müssen wir nochmals ein Jahr auf Abbey Road warten... Weitere Höhepunkte: Heavy Horses von Jethro Tull (40 Jahre) und Electric Ladyland (50 Jahre) von Jimi Hendrix.

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Leider schielen auch die bestehenden Streaminganbieter zunehmend auf den Kommerz. Es tut weh, dass ein wunderbares Nischenprodukt wie Mozart in the Jungle nun von Amazon eingestellt wurde. Netflix hat dem SF-Epos Sense8 immerhin ein fulminantes Finale finanziert (Amor Vincit Omnia). Dafür bekommen wir nun haufenweise Albernheiten von Will Ferrell und Adam Sandler. Was die Eigenproduktionen anbelangt, hat Netflix so schnell wie kein anderes Studio die übliche Corporate Stupidity erreicht. So hat man nach Meinungsverschiedenheiten über die Fortsetzung des Megahits Bright den Autor Max Landis gefeuert und sich auf die Seite des Regisseurs David Ayer gestellt, nicht gerade eine helle Entscheidung. Und bislang konnte mich auch keine der weiteren Eigenproduktionen überzeugen, trotz Emma Stone auch nicht die vieldiskutierte Miniserie Maniac.

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Zurück zum Kino: Während in den USA Black Panther und die Avengers irrsinnig durchgestartet sind, gaben sich die deutschen Zuschauer mit Mittelmäßigkeit zufrieden. Während früher der Herr der Ringe oder Harry Potter schon mal die Zehnmillionenmarke überschritten, reichten den Avengers dieses Jahr schon gut 3 Millionen verkaufter Karten für Platz 1 an den Kinokassen. Noch peinlicher: Auf den weiteren Plätzen folgen mit "Phantastische Tierwesen 2", "Fifty Shades of Grey 3", "Hotel Transsilvanien 3", Jurassic World 2, Deadpool 2, Mamma Mia! 2 und "Die Unglaublichen 2" lauter (meist maue) Fortsetzungen, vor dem ersten (leider auch nicht tollen) Original "Bohemian Rhapsody" und auf Platz 10 dem ersten deutschen Film, "Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer". Schlimm auch: Vor dem Actionkracher des Jahres, Mission Impossible 6, konnten sich sogar die Megagurken "Venom" und Solo platzieren. Weltweit in den Milliardenclub aufgestiegen sind übrigens nur Avengers: Infinity War, Black Panther, Jurassic World: Fallen Kingdom und "Die Unglaublichen 2", wobei Aquaman wohl noch eine Anschlusschance hat (und damit DCs erfolgreichster Titel ist!)

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Mit 19 Besuchen 2018 zähle ich zwar immer noch zu den treuesten Kinokunden, das ist aber kein Vergleich etwa zu den 85 gekauften Karten von 2004. Meine Jahreswertung speist sich nun aus allen 80 im vergangenen Jahr gesehenen Filme der Jahre 2017 und 2018, ob im Kino, auf Blu-ray oder gestreamt.

Herausragend (9/10)



Sehr gut (8/10)

  • Black Panther (Ryan Coogler)
  • Die Taschendiebin (Chan-wook Park)
    Ungewöhnliche, überraschende Erzählstrukturen kommen bei IMDB-Nutzern gut an (Score: 8,1/10). Dieser südkoreanische Film bietet aber Spannung und Herz, eher ungewöhnlich für den Regisseur von Gewaltorgien wie Old Boy und Lady Vengeance. Die gleiche Liebesgeschichte wird dreimal aus sehr subjektiven Perspektiven erzählt, und jedesmal fügen sich die Puzzle-Teile sehr unterschiedlich zusammen, bis es dann zu einem schönen Happy-End kommt.
  • Bad Times at the El Royale (Drew Goddard)
  • A Star is Born (Bradley Cooper)
  • Deadpool 2 (David Leitch)
  • Borg McEnroe (Janus Metz)
  • Bright (David Ayer)
  • Coco (Lee Unkrich, Adrian Molina)
    Endlich mal wieder ein überzeugendes Original von Pixar. Vielleicht nicht ganz auf gleichem Niveau wie andere sehr gute Klassiker (Monster AG, Findet Nemo, Wall-E), aber für mich Pixars bester Film seit zehn Jahren.
  • I, Tonya (Craig Gillespie)
  • Körper und Seele (Ildikó Enyedi)
    Unsentimental erzählte Liebesgeschichte zwischen einem 65jährigen, körperlich versehrten Mann und einer 30jährigen Autistin. Beide arbeiten in einem Schlachthof (und wer die dokumentarischen Bilder nicht vertragen kann, verliert auch das Recht auf ein gutes Steak), und nachts träumen sie von winterlichen Begegnungen als Hirsche. Mal eine gute Wahl für den Goldenen Bären, ungewöhnlich inszeniert von einer ungarischen Regisseurin.
  • Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer (Dennis Gansel)
    In einer besseren Welt wäre das ein Knüller geworden. So ist diese Neuverfilmung des genialen Kinderbuchs von Michael Ende mit 1,8 Millionen Zuschauern immerhin der erfolgreichste deutsche Film des (schlappen) Kinojahres. Warum musste sie zu Ostern in Konkurrenz zu Peter Hase laufen? Für Nostalgiker kommt sie natürlich nicht an die charmante Fassung der Augsburger Puppenkiste heran, aber trotz der episodischen Struktur macht die Abenteuerreise von Jim und Lukas auf Emma, der Lokomotive, einen Riesenspaß (nicht nur einen Scheinriesenspaß - äh, na ja). Wohlausgesuchte Darsteller, versponnene computergenerierte Kulissen, schöne Musik, ein paar Filmzitate für Erwachsene - was will man mehr? Einzig der Liedtext war den Machern wohl zu altmodisch (oder die Puppenkiste wollte ihn nicht hergeben). Und jetzt alle:

    Ei---ne Insel mit zwei Bergen
    Und dem tiefen, weiten Meer
    Mit vier Tunnels und Geleisen
    Und dem Eisenbahnverkehr
    Nun, wie mag die Insel heißen?
    Ringsherum ist schöner Strand
    Jeder sollte einmal reisen
    In das schöne Lummerland

 Gut (7/10)

  • Ant-Man and the Wasp (Peyton Reed)
  • Aquaman (James Wan)
  • Avengers: Infinity War (die Russo-Brüder)
  • Battle of the Sexes (Valerie Faris & Jonathan Dayton)
  • Call Me By Your Name (Luca Guadagnino)
    Irgendwie hat mich diese Liebesgeschichte vor den herrlichen lombardischen Landschaften nicht so recht gepackt. Vielleicht verstehe ich die Menschen nicht gut genug - in der ersten Hälfte gibt es keinerlei Indiz, dass Oliver und Elio die Erwiderung der Gefühle des Gegenübers erkennen, und plötzlich fallen sie übereinander her, als gäbe es kein Morgen? Na ja, trotz ein paar peinlicher Situationen ist es eine schöne Geschichte, und Adapteur James Ivory, der im Juni stolze 90 Jahre alt geworden ist, sei die Krönung dieses Ehrenjahrs mit einem Oscar mehr als gegönnt (unvorstellbar, dass er bis dahin weder einen Oscar noch einen Golden Globe gewonnen hatte). Ivory ist ja zeit seines Lebens gegen den Strom geschwommen, hat aber mit seinem (Lebens-)Partner Ismail Merchant (1936-2005) und in Zusammenarbeit mit Autorin Ruth Prawer Jhabvala (1927-2013) den Filmolymp immer wieder mit prächtig ausgestatteten, tief empfundenen Meisterwerken bereichert. Meine Lieblinge: Zimmer mit Aussicht (1986), Howards End (1992), Was vom Tage übrig blieb (1993).
  • Der Wein und der Wind (Cédric Klapisch)
    Unaufgeregte Familiengeschichte, ruhig erzählt über vier Jahreszeiten. Attraktive Schauspieler und schöne Landschaften, dazu halbdokumentarische Informationen über den Weinanbau im Burgund.
  • Dunkirk (Christopher Nolan)
  • Jumanji - Willkommen im Dschungel (Jake Kasdan)
    The Rock + Kevin Hart + Jack Black + Karen "Nebula" Gillan + Bobby Cannavale = bestes Popcorn-Kino. Annehmbare Alternative: Rampage (5/10).
  • Little Sister (Zach Clark)
    Nicht zu verwechseln mit Sister Act. Addison Timlin spielt eine Nonne mit Goth-Vergangenheit. Ich mag die Kleine (1,55m) einfach. Verfügbar auf Netflix.
  • Mamma Mia! Here We Go Again (Ol Parker)
  • Mission Impossible: Fallout (Christopher McQuarrie)
  • Ocean's Eight (Gary Ross)
  • Professor Marston and the Wonder Women (Angela Robinson)
    Hübsche, gut gespielte Dreiecksgeschichte der anderen Art.
  • Ready Player One (Steven Spielberg)
    Bunt und unterhaltsam - vielleicht folgt noch irgendwann eine längere Kritik.
  • The Florida Project (Sean Baker)
  • Tully (Jason Reitman)
    Von Jason Reitman lasse ich mich schon lange nicht mehr enttäuschen. Das Drama um eine Mutter mit postnataler Depression ist trotz glänzend aufgelegter Darsteller (Charlize Theron, Mackenzie Davis) und Diablo Codys bestem Script seit Juno erneut nicht massentauglich.

Enttäuschungen

  • Auslöschung (Alex Garland, 6/10)
    Das Netflix-Ereignis mit Natalie Portman hat mich noch weniger als das Buch überzeugt.
  • Predator: Upgrade (Shane Black, 6/10)
  • The Ballad of Buster Scruggs (Joel & Ethan Coen via Netflix, 6/10)
    Erste Episode mit Tim Blake Nelson: Herrlich - 9/10
    Zweite Episode mit James Franco: bester Kalauer des Jahres - 8/10
    Dritte Episode mit Liam Neeson: deprimierend/merkwürdig - 4/10
    Vierte Episode mit Tom Waits: spaßig (7/10)
    Fünfte Episode mit Zoe Kazan: überlang, eintönig (5/10)
    Sechste Episode mit Brendan Gleeson: schwach (3/10)
  • Bad Moms 2 (5/10)
    Überhastet konzipierte, unnötige Fortsetzung.
  • Red Sparrow (Francis Lawrence, 5/10)
    Manche nackten Tatsachen sollte man wohl besser der Fantasie überlassen. Ein Karrieretief für Jennifer Lawrence.
  • Bohemian Rhapsody (5/10)
    Getragen nur von der tollen Musik und der chamäleonartigen Darstellung von Rami Malek. Ausführliche Kritik folgt vielleicht noch.
  • Mord im Orient-Express (Kenneth Branagh, 5/10)
    Tolle Bilder, schöne Darsteller, aber im Ergebnis weniger als die Summe der Teile. Tip: Besser das Original anschauen!
  • Phantastische Tierwesen: Grindelwalds Verbrechen (5/10)
    Unbeholfen strukturiert, überladen. Das eigentliche Verbrechen: dass die Paarung von Muggle Kowalski und der spinnerten Queenie derart im Nebel verlorengeht!
  • Ataris Reise ("Isle of Dogs", Wes Anderson, 3/10)
    Ein Höhepunkt des Stop-Motion-Films, ein Tiefpunkt des Geschichtenerzählens.

Egal (Auswahl)

  • A Quiet Place (John Krasinski, 6/10)
    Der überraschende "Horror"-Hit mit Emily Blunt fing gut an, hatte dann aber zu viele Logiklöcher.
  • Tomb Raider (Roar Uthaug, 6/10)
    Alicia Vikander ist eine tolle Lara Croft, eine Heldin, die blutet und leidet, aber sich immer wieder aufrappelt. Wenn doch das Script der Hauptdarstellerin angemessen gewesen wäre!
  • Logan Lucky (Steven Soderbergh, 4/10)
    Me unlucky.
  • Alles Geld der Welt (Ridley Scott, 4/10)
    Auch Kevin Spacey hätte diese konfuse biographische Geschichte um die Entführung von Milliardärsenkel Getty nicht retten können.
  • Atomic Blonde (David Leitch, 3/10)
    So sehr ich Charlize Theron mag, so übel ist mir diese Actiongurke aufgestoßen.
  • Roman J. Israel, Esq. (Dan Gilroy, 3/10)
    So langatmig und wichtig, dass ich das Denzel-Washington-Vehikel nicht mal zu Ende schauen konnte.

Ärgernis des Jahres

  • Venom (Ruben Fleischer, 2/10)

Nachrufe

  • Ursula K. Le Guin war nicht nur die First Lady der Science Fiction, sondern eine der wichtigsten Autorinnen des 20. Jahrhunderts. Ihre Erdsee-Romane (nominell für Jugendliche gedacht) sind Fantasy-Klassiker, ihre Hugo-Gewinner "Die linke Hand der Dunkelheit" (1969) und "Planet der Habenichtse" (1974) beeinflussten Generationen. Die Kalifornierin starb 88jährig bereits im Januar.

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  • Kurz darauf verstarb auch die 89jährige Kate Wilhelm, nach Le Guin die zweite Frau, die einen Hugo für den besten Roman gewann ("Hier sangen früher Vögel", 1976).
  • William Goldman war einer der ersten Drehbuchautoren, die von der Öffentlichkeit wahrgenommen wurden. Seine Oscars gewann er für Butch Cassidy and the Sundance Kid ("Zwei Banditen", 1969) sowie Die Unbestechlichen (1976, 9/10), aber Unsterblichkeit sichert ihm die warmherzige Abenteuerpersiflage Die Braut des Prinzen (1987), für die er seinen eigenen fabelhaften Roman adaptierte, congenial von Rob Reiner inszeniert. Die popkulturelle Relevanz des Films wurde jüngst noch unterstrichen durch die inoffizielle Fortsetzung Once Upon a Deadpool. Goldman hat neben Romanen und Drehbüchern auch kluge Hintergrundberichte geschrieben, etwa Das Hollywood-Geschäft. Er starb 87jährig im November.
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  • Der Tscheche Milos Forman drehte nur ein Dutzend Filme, gewann dafür aber allein zwei Regieoscars, nämlich für die überwältigenden Meisterwerke Einer flog übers Kuckucksnest und Amadeus. Mit seinen drei in der Heimat entstandenen Filmen konnte ich nicht so viel anfangen (ganz nett: Die Liebe einer Blondine), aber unter seinen Exilfilmen sind nur wenige Nieten, dafür weitere sehenswerte Werke: Taking Off, Hair, Larry Flynt, Der Mondmann (ich warte immer noch auf die Blu-ray-Veröffentlichung dieser wunderbaren Andy-Kaufman-Biographie). Forman starb im April mit 86 Jahren.
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Samstag, 6. Oktober 2018

Klassiker auf Blu-ray #22: Gosford Park (Robert Altman, 2001)


Gosford Park war Robert Altmans letztes Meisterwerk. Mit dem schönsten Film seines anglophilen Landsmanns James Ivory, (Wiedersehen in) Howards End (1992), hat es gemein, dass es nach einem Herrschaftshaus benannt ist, und mit dessen kongenialer Ishiguro-Verfilmung Was vom Tage übrig blieb (1993), dass es eine Upstairs-Downstairs-Geschichte erzählt. Anders als für seinen drei Jahre jüngerer Kollege (der mit 90 Jahren immer noch aktiv ist), blieb dies der einzige Ausflug des amerikanischen Urgesteins in die britische Klassengesellschaft. Der englischer Autor Julian Fellowes dagegen, der für das Drehbuch einen Oscar gewann, walzte später das Format mit der erfolreichen Fernsehserie Downton Abbey auf Seifenoperlänge aus (ich entschuldige mich bei den Fans, aber ich persönlich konnte mit der erfolgreichen Prestigeserie einfach nichts anfangen).



1932 war das englische Klassenmodell noch einigermaßen intakt. In Gosford Park findet sich zu einem Jagd-Wochenende eine gemischte Gesellschaft zusammen. Sie besteht in der Hauptsache aus der Familie des reichen, grantigen Gastgebers Sir William ("Dumbledore" Michael Gambon) und seiner besonders exzentrischen Frau Sylvia (Kristin Scott Thomas, Vier Hochzeiten und ein Todesfall). Zusätzliche Würze gibt der Runde ein kleine Gruppe Amerikaner, angeführt von Morris Weissman (Bob Balaban, der mit Altman auch die Idee zum Film hatte und produzierte). Der entfernte Cousin ist verantwortlich für die beliebten Charlie-Chan-Filme, sein Job "Filmproduzent" gilt bei den englischen Snobs aber eher als Schimpfwort. Er bringt einen Bediensteten mit Geheimnis (Ryan Phillippe) und seinen Freund Ivor Novello mit. Den gutaussehenden Musik- und Schauspielstar gab es wirklich, er wird sogar als Drehbuchautor eines frühen Hitchcock-Films (Abwärts, 1927) gelistet. Darsteller Jeremy Northam gibt im Film mit zartschmelzender Stimme und kompetenten Pianokünsten ein paar schöne Beispiele seiner selbstkomponierten Lieder zum besten. Wie dereinst John Ford und Howard Hawks, lässt Robert Altman selten eine Gelegenheit für musikalische Zwischenspiele aus.




Die Begeisterung für das Hollywood-Idol durchbricht allerdings mühelos die Klassenschranken, und so lauscht auch die Dienerschaft den Darbietungen, natürlich versteckt hinter den Türen, in den Vorzimmern und Treppenhäusern. Und wenn Altmans Collage von Eindrücken und Situationen einen roten Faden besitzt, dann findet man den am ehesten Downstairs, beim Schicksal der Bediensteten. Viele haben sich mit ihrer Situation arrangiert, aber etliche leiden auch unter dem Joch ihrer arroganten Arbeitgeber. Einige können ihre Gefühle nicht länger unterdrücken, was am Ende zu einer bewegenden, tränenreichen Katharsis führt. Diese Ebene war  jedenfalls mir als Zuschauer wichtiger als der Mord, der so nach etwa zwei Dritteln der Handlung passiert. Aber wie Altman es ausdrückte, war er weniger am Whodunnit interessiert als vielleicht am Whatdunnit. Was führte zum Mord, und wie wurde er bei den Beteiligten aufgenommen? Zu diesem Zeitpunkt werden dann zwei weitere spannende Figuren eingeführt, nämlich der ermittelnde Inspektor (Stephen Fry), der sich selbst eher Upstairs verortet, ohne zu bemerken,wie der Adel auf ihn herabblickt, und sein pragmatischer Constable (Ron Webster), dessen Faktensuche ignoriert wird.



Es ist eines der Vergnügen beim Wiedersehen eines "älteren" Werks, bekannte Schauspieler in frühen Rollen zu beobachten. Die Oscar-Nominierungen gingen zwar an die damals bereits zweifach prämierte Grande Dame Maggie Smith und die spätere Gewinnerin Helen Mirren (welch eine Karriere: binnen sechs Jahren von der Hausdame zur Queen). Aber genauso gut gefielen mir der spätere Bond-Kandidat Clive Owen (Sin City, Shoot 'em Up) in seiner ersten größeren Kinorolle, Kelly MacDonald (Trainspotting) als persönliches Nadelkissen von Dame Maggie Smith und Emily Watson (Der Boxer) als fehlgeleitete Geliebte des Hausherrn. Dazu gesellten sich die Bühnenveteranen Derek Jacobi, Alan Bates und Dame Eileen Atkins. Und das war erst das Untergeschoss! Darüber muss man neben den Gastgebern noch James Wilby (Howards End), "Tywin Lannister" Charles Dance und Tom Hollander nennen (er ärgerte Keira Knightley in Fluch der Karibik 2+3 sowie als Mr. Collins in Stolz und Vorurteil). Welch ein Ensemble! Einzig Ryan Phillippe, damals Teenie-Schwarm (Eiskalte Engel) und mit Kollegin Reese Witherspoon verheiratet, konnte mich nicht 100%ig überzeugen - vielleicht lag's auch am Drehbuch, gerade was seine merkwürdigen Avancen gegenüber den jungen Hausmädchen betrifft.



Robert Altman ist nie die Anerkennung seiner Mitstreiter wie Coppola, Scorsese und Allen zuteil geworden, mit denen er in den 70ern das Hollywood-Kino erneuerte (ganz zu schweigen von Spielberg). Er tobte sich mit wechselhaftem Erfolg in den unterschiedlichsten Genres aus, sammelte auch eine Handvoll Oscar-Nominierungen, war dem heimischen Publikum aber meist zu sperrig. Nach seinem Überraschungserfolg M.A.S.H. (1970: da war er bereits 45) scheiterte er mit einigen Kritikerlieblingen am dumpfen amerikanischen Publikum, so etwa 1971 mit seiner subversiven Westerntragödie McCabe & Mrs. Miller (um dies zu verhindern, gab es sogar einen seltenen Talkshow-Auftritt der berühmten Kritikerin Pauline Kael, die Altmans Werk über alles liebte - siehe die Criterion-Veröffentlichung). Ähnliches galt zwei Jahre später für Der Tod kennt keine Wiederkehr, eine Chandler-Verfilmung, in der Elliot Gould als Philip Marlowe mit langem Gesicht durch eine sinnlose Krimihandlung stolpert. 1975 dann hatte er die Ehre, mit seinem ersten großen Meisterwerk Nashville im vielleicht besten Kinojahr des neuen Hollywoods anzutreten. Mitkonkurrenten waren damals Hundstage ("Dog Day Afternoon", Sidney Lumet), Barry Lyndon (Stanley Kubrick) und Der weiße Hai (Steven Spielberg). Es gewann ein anderes Werk für die Ewigkeit: Einer flog übers Kuckucksnest (Milos Forman). Pech für Altman, Glück für die Zuschauer.



Nach dieser Enttäuschung ging es dann recht wechselhaft weiter. Manche seiner Experimente gingen gnadenlos daneben, so etwa 1980 seine alberne Popeye-Komödie mit Robin Williams. Überhaupt hatte er in den 80ern keine glückliche Hand, so daß sein nächster Erfolg, die nette Hollywood-Satire The Player, 1992 schon als Comeback gefeiert wurde. Dem ließ er sein nächstes Meisterwerk folgen: Short Cuts verquirlte einige Kurzgeschichten von Raymond Carver und folgte grob einem ähnlichem Rezept wie Nashville oder eben später Gosford Park. Aber diese drei Eckpfeiler von Altmans Oeuvre haben genauso viele Unterschiede wie Gemeinsamkeiten. Niemand konnte Altman vorwerfen, dass er sich wiederholte. Und wenn, dann scheiterte er auch spektakulär, siehe etwa: H.E.A.L.T.H. (1979), Prêt-à-Porter (1994), Dr. T und die Frauen (2000). Aber dazwischen gelang ihm doch so viel, und wenn Altman gut war, dann war er einfach außergewöhnlich gut!



Als Altman 2006, kurz vor seinem Tod, endlich ein Ehrenoscar verliehen wurde, war er nur ein wenig bitter, aber doch auch dankbar. Dann enthüllte er, dass er zehn Jahre zuvor eine Herztransplantation erhalten habe. Ich persönlich bin eigentlich gegen teure lebensverlängernde Transplanationen, die doch nur einem privilegierten Promille der Menschheit zu gute kommen, aber in diesem Fall hat es sich gelohnt. Nach der Operation gelangen Altman neben Gosford Park noch zwei sehr unterhaltsame kleinere Komödien, nämlich 1999 Aufruhr in Holly Springs ("Cookies Fortune") und 2006 sein melancholischer Abschiedsfilm Robert Altmans Last Radio Show ("A Prairie Home Companion"). Und so bleibt Altman für mich einer meiner Lieblingsregisseure, auch wenn ich Pauline Kael in ihrer Verteidigung selbst seiner mittelmäßigen Projekte nicht unbedingt folgen kann.



Gosford Park erscheint jetzt erstmalig, sogar auch in Deutschland, auf Blu-ray, als einer von wenigen so erhältlichen Filmen (die meisten genannten Werke musste ich aus den USA importieren). Nach dem Kinobesuch 2002 und der kurz darauf erschienenen DVD hatte ich den Film aus den Augen verloren. Das Warten hat sich jedenfalls gelohnt, die Bildqualität ist nach meinem Empfinden hervorragend. Zudem wurden zudem nach meiner Erinnerung alle interessanten Extras der DVDs übernommen (was heute leider nicht selbstverständlich ist).

Bonus: Meine damalige DVD-Kritik zu "Cookies Fortune"


Da hat's der Altmeister noch mal allen gezeigt. Nachdem man "Prête à Porter" zu Recht vorwerfen konnte, die Erzählweise, die Altman in "Short Cuts" so eindrucksvoll perfektioniert hatte, nur noch zu kopieren, aber nicht mehr mit genug Inhalt zu füllen (auch wenn Mastroianni und die Loren ein wunderbares Paar abgaben), so folgte nun eine ruhig und abgeklärt erzählte Geschichte, in der alles so ausgeht, wie man es sich wünscht, ohne daß man sich darüber ärgert. Wie immer versammelt Altman ein glänzendes Ensemble: Glenn Close spielt die Rolle, für die sie berühmt ist, nämlich die unsympathische Furie. Julianne Moore ist als ihre passive Schwester perfekt besetzt (was selten passiert, da ihre Wandlungsfähigkeit weit überschätzt wird). Liv Tyler und Chris O'Donnell geben ein wunderbar-erfrischendes junges Paar ab. Im Mittelpunkt der Geschehnisse steht aber Charles S. Dutton, der als Willis Wärme und Weisheit ausstrahlt und quasi synchron zum wunderbar relaxten Soundtrack von David A. Stewart agiert. Alles in allem ein großes Kinovergnügen zum Zurücklehnen und Genießen (8/10).

Samstag, 20. Januar 2018

Klassiker auf Blu-ray #21: Kleine Haie (Sönke Wortmann, 1992)

Lang, lang ist's her, dass ich regelmäßig freiwillig für deutsche Komödien ins Kino gegangen bin. Aber so um 1990 herum gab es plötzlich neben der etablierten Kost (Otto, Loriot) freche Filme von jungen Regisseuren mit Typen, mit denen man sich identifizieren konnte. Das gab es vorher nur punktuell, etwa 1980 (und für mich zu früh) mit Marius Müller-Westernhagen in Theo gegen den Rest der Welt. Dann kam 1985 Doris Dörrie (*1955) mit ihrem Megahit Männer (über 5 Millionen Zuschauer). Aber mich persönlich haben vor allem die frühen Filme von Detlev Buck (*1962) und Sönke Wortmann (*1959) begeistert, die ich teilweise wohl erst als Wiederaufführung in den Programmkinos erlebt habe (ich habe aus dieser Zeit keine Aufzeichnungen über meine Kinobesuche). Ein früher Höhepunkt ist nun zum 25jährigen Jubiläum als schöne Blu-ray-Edition wiederveröffentlicht worden: Kleine Haie.



Ingo, Johannes und Ali sind tatsächlich nur sehr kleine Fische im Aquarium Deutschland. Ingo, Tellerwäscher aus Gelsenkirchen, will eigentlich Schriftsteller werden, Johannes und Ali Schauspieler. Der Filmtitel ist denn auch ein Wortspiel auf den "Kleinen Hey", ein Standardwerk zum Sprachtraining ("Es grünt so grün" - nein, falscher Film). Die Jungs sind Anfang 20 und treffen sich bei der Aufnahmeprüfung an der Folkwang-Schule in Essen bzw. per Anhalter auf dem Weg nach München, wo die nächste Prüfung stattfindet. Für ein Roadmovie sind die Jungs eigentlich zu wenig unterwegs, die Entdeckungsreise bezieht sich eher aufs Innenleben der drei so unterschiedlichen Kumpel (zu denen sich in München dann noch die Straßenmusikerin Herta zugesellt). Das ist aber überhaupt nicht abgehoben - Ingo erfindet lausiges SF-Garn, Johannes deklamiert hinreißend unnuanciert Schiller, und Schönling Ali ist eigentlich mehr am Aufreißen von Frauen (am besten mit Übernachtungsmöglichkeit) interessiert. Je weniger man ansonsten von der Geschichte weiß, umso spaßiger ist das ganze. Sei noch erwähnt, dass in einem Anflug von magischem Realismus gelegentlich ein Rettungsengel in Gestalt von Ford-Mustang-Fahrer Ulf vorfährt - Kampfname "Bierchen": "Fahrbier ist ok!" Diese Paraderolle durfte Armin Rohde in Wortmanns nur teilweise geglückten Folgefilm Mr. Bluesman noch einmal aufgreifen. Die Figur wurde übrigens von Wortmanns Co-Autor Jürgen Egger (1959-2009) erfunden.

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Selbst wer von den Kleinen Haien noch nie etwas gehört hat, kennt doch die Darsteller: Für Jürgen Vogel (*1968) als Ingo, schon damals mit Vorzeigegebiss, war es der Durchbruch, ebenso für Kai Wiesinger (*1966) als Johannes, hier tatsächlich noch mit Babyspeck. Gedeon Burkhard (*1969) als smarter Ali konnte schon auf eine kleine Fernsehkarriere zurückblicken. Meret Becker (*1969) als Herta, inzwischen natürlich deutscher Schauspiel-Adel, war zuvor schon in Werner - Beinhart und Wortmanns Erstling Allein unter Frauen zu sehen. Diese ursprünglich fürs Fernsehen auf 16mm gedrehte Klamotte traf wohl einen Nerv und zog über eine Million Zuschauer ins Kino. Das konnte Kleine Haie nicht wiederholen, die ca. 500.000 Tickets waren gemessen am immer noch bescheidenen Budget aber trotzdem ein Erfolg. Wortmanns übernächster Film schoss 1994 dann allerdings den Vogel ab. Der bewegte Mann wurde mit 6,6 Millionen Zuschauern der erfolgreichste deutsche Film der 90er und machte weitere Jungdarsteller berühmt, so Katja Riemann, Joachim Król und leider auch Til Schweiger 😓

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Leider versiegte dann irgendwann der Quell autobiographischer Geschichten, bei Wortmann wie auch bei Buck. Der deutsche Film leidet einfach unter einem Mangel an guten Büchern. Buck war nach seinen in der norddeutschen Tiefebene verwurzelten Beiträgen Karniggels und Wir können auch anders und seinem nachträglich verbreiteten Abschlussfilm Erst die Arbeit und dann?, der die Stallarbeit auf dem elterlichen Hof auf einmalige Weise mit der Hamburger Schickimickiszene kontrastrierte, nie wieder so authentisch (und macht inzwischen vor allem Kinderfilme). Wortmann aus dem Ruhrpott hatte ein wenig mehr Glück, ihm gelang u.a. 2003 mit Das Wunder von Bern noch ein schöner Publikumserfolg. Aber die neue deutsche Komödie war schnell wieder Geschichte. Heute dominieren die aus Klischees zusammengeschusterten Komödien von Til Schweiger (der in dieser Hinsicht so etwas wie der deutsche Stallone ist) und Starvehikel etwa für Matthias Schweighöfer (dem auch der Absturz als Roter Baron nichts geschadet hat). Aber vielleicht schreibt ja in 20 Jahren jemand ähnlich nostalgisch über Fack Ju Göhte...

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Wie auch immer, schön, dass Kleine Haie jetzt hervorragend aufgefrischt auf Blu-ray veröffentlicht wurde, mit einer Einleitung, einem halbstündigen Interview und einem Audiokommentar vom Regisseur und einem kurzen, knackigen Videogruß von Jürgen Vogel. Da verzeihe ich auch gern, dass im informativen, umfangreichen Booklet Jörg Schallenberg den von Heinrich Schafmeister (Comedian Harmonists) gespielten "Mercedes-Fahrer" in leider noch immer typisch schwammiger Wortwahl als "Pädophilen" bezeichnet, obwohl dieser nur ein (allerdings ekliger) schwuler Geschäftsmann ist, der versucht, junge Anhalter aufzureissen ("Schau mal ins Handschuhfach!").

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Bleibt zu hoffen, dass auch weitere Höhepunkte dieser Ära ausgegraben werden. Auf meiner Wunschliste ständen die genannten Filme von Buck und Wortmann (Der bewegte Mann!) und, einer meiner Favoriten, Keiner liebt mich von 1994, wo die Sache mal aus weiblicher Sicht geglückt ist, mit Maria Schrader in der Hauptrolle und Doris Dörrie auf dem Regiestuhl (es gab damals auch noch Katja von Garnier, Rainer Kaufmann und andere). Kleine Haie jedenfalls wirkt nicht nur von der Bild- und Tonqualität immer noch frisch, auch wenn natürlich die Autos wie Oldtimer und die Kommunikationstechnik vorsintflutlich erscheinen mögen. Filmwertung: Sehr gut (8/10).

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Bemerkung: Bei den Fotos muss man jeweils gedanklich 25 Jahre abziehen - GettyImages kennt deutsche Schauspieler noch nicht so lang...

Donnerstag, 28. Dezember 2017

Klassische Rezension: Das Leben ist eine Baustelle (Wolfgang Becker, 1997)

Komödie, Drama, Romanze in einem? Das gelingt normalerweise nur den Briten, vor allem Mike Leigh und Ken Loach. Vielleicht kein Zufall, daß dessen Hauptdarsteller aus "RiffRaff" und "Raining Stones", der wunderbare Ricky Tomlinson, hier mitspielt. Ein seltener Fall eines deutschen Films über die sogenannte Unterschicht, der überhaupt nicht trocken akademisch daherkommt und trotz einiger komischer Überspitzungen glaubhaft bleibt. Die Besetzungsliste liest sich wie ein Who Is Who des deutschen Films (nicht der Stars, sondern der Könner). Neben den beiden Hauptdarstellern, Jürgen Vogel und Christiane Paul, glänzen in den Nebenrollen u.a. Martina Gedeck, Armin Rhode, Meret Becker und (ein Glücksgriff) die kleine Rebecca Hessing. Trotzdem sei mir erlaubt, die damals 21jährige Laienschauspielerin Christiane Paul hervorzuheben. Nicht wegen der offenherzigen Liebesszene (eigentlich schon, würde ich aber nie zugeben), sondern weil sie ihre Rolle mit so erstaunlich viel Leben erfüllt hat. Sie kann mit sparsamen Gesten und Blicken so viel ausdrücken... Wollen wir hoffen, daß sie Hollywood und die Medizin links liegenläßt und dem deutschen Kino erhalten bleibt - das bietet zwar nicht viele gute weibliche Rollen, aber diese wenigen kann man ihr getrost alle anvertrauen. Den Rest des Lobes muß ich nun Wolfgang Becker aussprechen, der (mit ein bißchen Hilfe von Tom Tykwer) eine originelle Geschichte (die nur ab und zu auf Klischees zurückgreift) erfunden und grandios inszeniert hat. Herausragend (9/10).

Samstag, 9. Dezember 2017

Klassische Rezension: Heaven (Tom Tykwer 2002, 8/10)

Tom Tykwer hat das Pech, durch einen Film international bekannt geworden zu sein, der in seiner Art ebenso einmalig wie unwiederholbar ist. Nicht einmal in Hollywood gibt es die Schublade "Rennende Rothaarige". Bei der Aufregung um die rote Lola wurde gern übersehen, daß das Regietalent mit Die tödliche Maria und vor allem Winterschläfer bereits zwei hervorragende Werke abgeliefert hatte, ganz zu schweigen von seinem Beitrag zu Das Leben ist eine Baustelle. Nach dem (auf hohem Niveau) gescheiterten Der Krieger und die Kaiserin meisterte Tykwer nun mit Heaven seine erste internationale Produktion.

Das Drehbuch stammt von Krzystof Kieslowski, der wenige Jahre nach seinem frühen Tod bereits zum Genie verklärt wird, obwohl selbst seine berühmten Drei-Farben-Filme von durchaus unterschiedlicher Qualität sind. Es ist eine schlichte Geschichte um zwei Menschen und ein schwieriges ethische Problem. Zur Handlung möchte ich nicht viel verraten, nur eines klarstellen, was in manchen Beschreibungen falsch dargestellt wurde. Philippa geht es nicht um die Rache am (mittelbaren) Mörder ihres Mannes. Vielmehr möchte die Lehrerin ihre Schüler vor diesem Drogenboß schützen; nur wenige Tage vor ihrer Verzweiflungstat hat sich eines dieser jugendlichen Opfer umgebracht.

"Heaven" erinnert in seiner Art am ehesten an "Winterschläfer". Es ist emotional fesselnd, arbeitet mit ruhigen, hypnotischen Bildern und kommt mit sehr wenigen Dialogen aus (die italienischen sind untertitelt, die englischen synchronisiert). Die Kameraführung ist brillant, aber unaufdringlich, die Musikuntermalung minimalistisch (sie stammt vor allem von Arvo Pärt) und zweckdienlich. Cate Blanchett, deren Nicht-Oscar für Elisabeth die offensichtlichste Fehlentscheidung der US-Akademie der letzten Jahre war, füllt ihre Rolle perfekt aus. Ihr Partner Giovanni Ribisi wirkt dagegen etwas blaß, aber er soll ja vor allem Jugendlichkeit und die Unbedingtheit einer ersten Liebe ausstrahlen, was man ihm abnimmt.

Tykwers Verdienst ist es für mich, die Geschichte auf das Wesentliche reduziert zu belassen. Wie einfach wäre es gewesen, aus der Flucht dramatisches Kapital zu schlagen oder die Romanze zu verkitschen. Man muß schon etwas genauer hinsehen, um zu wissen, was in den Figuren vorgeht (wunderbar, was alles zwischen den Worten im Gespräch mit Filipos Vater gesagt wird). Um das Ende zu begreifen, sollte man sich übrigens an den Vorspann (die Hubschrauber-Simulation) erinnern...

Tom Tykwer gelingt es also auch unter erschwerten Bedingungen, gute Arbeit zu leisten. Angeblich hat er 30 abgedrehte Stunden auf die nun 95 Minuten zusammengeschnitten, allein drei Drehtage wurden auf die drei Minuten des entscheidenden ersten Verhörs verwandt. Meiner Meinung nach hätte der Stoff auch nicht die Substanz für mehr gehabt, so daß ihm sozusagen eine optimale Auswertung gelungen ist. Sicher kein Film für jeden Zuschauer, aber nicht nur Cineasten zu empfehlen. Sehr gut (8/10).

Samstag, 25. November 2017

Klassiche Rezension: Memento (Christopher Nolan, 2000)

Um zu zeigen, dass ich nicht immer ein Nolan-Hasser war, und wegen der wesentlichen Beteiligung seines Bruders Jonathan Nolan, der nach der eher unter dem Radar gelaufenen SF-Actionserie Person of Interest nun bei HBO mit Westworld einen Hit bei Kritikern und Publikum gelandet hat, hier meine damalige Kinokritik zu Memento. Wenn das Kino des 21. Jahrhunderts doch gehalten hätte, was jenes Jahr versprach! (Meine Meinung zu Fincher habe ich übrigens inzwischen deutlich revidiert.)
Wenn ich in Vorankündigungen und Kritiken Begriffe wie "revolutionärer Filmsprache" finde, gehe ich mit sehr viel Skepsis ins Kino. Dazu muß ich erklären, daß ich in Cineasten-Kreisen eher ein Outcast bin: Ich mag nämlich den berühmten und vielgeliebten Klassiker Citizen Kane nicht besonders. Weder die Geschichte noch die Charaktere vermochten mich in diesem Erstling von Orson Welles zu überzeugen, und bei aller Anerkennung für seine technische Virtuosität konnte ich mich doch nur zu einer knapp überdurchschnittlichen Wertung entschließen. (Daß das Wunderkind erzählen konnte, hat er mir allerdings mit seinem nächsten Film, The Magnificent Ambersons, bewiesen, den ich trotz entstellender Kürzungen tatsächlich für ein kleines Meisterwerk halte.)

Und wenn ich auch noch von einem überraschenden Ende höre, erinnere ich mich mich Grauen an Sixth Sense, dessen tatsächlich origineller Schluß für mich keineswegs die banalen Dialoge und die größtenteils dröge Handlung entschuldigt. Diese Art Trickserei funktioniert für mich nicht. Niemand würde einen Maler allein aufgrund seiner technischen Brillanz für ein Genie halten - warum fallen Filmliebhaber trotzdem immer wieder auf die (David) Finchers, (Oliver) Stones und (Michael) Manns herein?

Also, ich bin altmodisch, ich mag die traditionelle Erzählform, Stil allein genügt mir nicht. In diesem deutschen Kinojahr habe ich bereits für drei eher herkömmlich strukturierte Werke mit gut ausgeführten Figuren und starkem Anliegen die Höchstwertung vergeben: Traffic von Soderbergh, Almost Famous von Crowe und Das Experiment von Hirschbiegel (!). Jetzt kommt zu meiner Verblüffung ein vierter, ganz anderer Film hinzu: Memento von einem gewissen Christopher Nolan, bei den Oscars nicht mal erwähnt, ohne Stars und sicherlich mit geringem Budget abgedreht. Was gefällt mir daran?

Ich glaube, daß die Sache mit der "revolutionären Filmsprache" falsch ist. Vielmehr haben wir hier eine geniale Geschichte, die nur auf eine einzige Art erzählt werden kann - nämlich (fast möchte ich sagen, zufällig) rückwärts. Und genau das macht Nolan - zugegeben die technischen Möglichkeiten recht geschickt ausnutzend. Nur die allererste (und chronologisch letzte) Szene wird tatsächlich entgegen unserem Zeitsinn gezeigt (was übrigens sehr reizvoll ist), danach werden lediglich die kurzen Episoden in umgekehrter Reihenfolge hintereinandergeschnitten, durchbrochen von einer längeren, in fahlem Schwarzweiß abgesetzten, den Rahmen erklärenden Handlung, deren zeitliche Einordnung etwas schwer fällt.

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Das Thema des ganzen ist das menschliche Gedächtnis, mit seinen Möglichkeiten und seinen Beschränktheiten. Wahrscheinlich werden bei genauer Analyse der Konstruktion Logikbrüche und Ungereimtheiten sichtbar werden. Das ist aber für die Qualität des Filmes bedeutungslos. Was zählt, sind die vielfältigen Anregungen zum Nachdenken und die schöpferische Kraft, die sich hier offenbart. Das Ergebnis ist ungeheuer spannend, allerdings auch absolute Aufmerksamkeit fordernd. Das muß nicht als anstrengend empfunden werden, eignet sich aber nicht als Popcorn-Kino für ein samstägliches Rendezvous (was übrigens auch auf Traffic zutraf). Bleibt zu erwähnen, daß alle Darsteller perfekt agieren, allen voran Guy Pearce in der Hauptrolle. Also haben wir hier das vierte Meisterwerk der Saison, allen empfohlen, die intelligentes Kino mögen. Ob der "Herr der Ringe" noch einen draufsetzen wird?

Auf Blu-ray ist Nolans Durchbruch (es war sein zweiter Film) in Deutschland leider ein Stiefkind, die Edition zum zehnjährigen Jubiläum ist hier nicht erschienen (ich besitze die amerikanische Ausgabe). Auch die angekündigte Nolan-Edition mit sieben Filmen in UHD-Qualität wird seinen für mich immer noch besten Film nicht enthalten, genauso wenig wie den tollen Nachfolger Insomnia mit Al Pacino und Robin Williams.