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Freitag, 3. Januar 2020

Klassische Rezension: Ein süßer Fratz (1957, 7/10)



Funny Face ist ein gutes Beispiel dafür, daß ein schwaches Drehbuch durch brillante Darsteller und einen einfallsreichen Regisseur (Stanley Donen) noch zu einem guten Film verarbeitet werden kann. Umso ironischer, daß ausgerechnet Autor Leonard Gershe für den Oscar nominiert wurde. Die Paarung Audrey Hepburn - Fred Astaire hat aber durchaus ihren Charme. Leider wird aus ihren Gegensätzen nicht mehr Kapital geschlagen. Die moderne Performance der Hepburn in einer Pariser Kneipe (ein absoluter Höhepunkt)  wäre ein guter Ansatz gewesen, ihr den "klassischen" Tanz Astaires entgegenzustellen - eine vertane Chance. Auch bemerkt Pauline Kael sehr scharfsinnig, daß dessen Alter durch die Nichterwähnung noch betont wird. Hier hätte die Geschichte ansetzen müssen. Was bleibt, ist eine Sammlung von teilweise hervorragenden Vignetten, zusammengehalten mehr von der Musik der Gershwins als von einer überzeugenden Romanze. Gut (7/10).

Samstag, 7. Dezember 2019

Jetzt auch als Augwurm: Last Christmas (8/10)

Oft ist es am besten, einen Film ohne viel Vorwissen zu erleben. Drei Wochen nach Bundesstart (der ohnehin saisonal so verfrüht war wie Lebkuchen im November) übernahm ich also spontan den Altersvorsitz im kleinen Saal 6 des Cinestar Original im Sony Center für eine Vorstellung von Last Christmas. Ich verlinke diesmal bewusst keinen Trailer, denn der verrät schon viel zu viel über dieses weihnachtliche Kleinod, das leider kein großer Hit geworden ist. Selbst das weibliche Publikum, auch an diesem Abend traditionsgerecht in der Überzahl, strömte nicht wie erhofft in die Kinos. Dabei waren in diesem Jahrzehnt gelungene romantische Komödien Mangelware. Vielleicht sind Gefühle einfach aus der Mode gekommen.



Mag auch sein, dass das Konzept zu clever war, das Emma Thompson über Jahre hinweg gemeinsam mit ihrem Ehemann Greg Wise entwickelt hatte. (Er war übrigens der Schuft Willoughby in Sinn und Sinnlichkeit (1995), für dessen Adaption sie einen Oscar gewann.) Es ist in ungewöhnlicher Weise von Whams Weihnachtsklassiker inspiert. Nicht, dass der Erzählrahmen für die Romanze oder der "Twist" besonders originell wären, aber es kommt eben auf die Details und die Figuren an. Und dafür hat Dame Emma ein gutes Händchen. Und es gelingt ihr nebenbei auch auf unaufdringliche Weise ein Stimmungsbild der Brexit-Hauptstadt. In Paul Feig (Susan Cooper Undercover, Ghostbusters), dem britischsten aller amerikanischen Regisseure, fand sie einen gleichgesinnten Ausführenden für diese in London gefilmte Produktion. Wer den Paradiesvogel einmal in einem Making Of erlebt hat, weiß, dass er jeden Tag mit einem neuen Anzug zum Dreh kommt, ansonsten aber für jeden Schabernack zu haben ist. Er steht einfach für Eleganz und Esprit (auch wenn mir Brautalarm gar nicht gefallen hat). Wer allerdings George Michaels Popschnulzen gar nicht ertragen kann, ist hier falsch.

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Romanzen stehen und fallen mit ihren Hauptdarstellern, und ach, Emilia Clarke, die gerade 33 geworden ist, aber locker für 26 durchgeht, könnte von mir aus jedes Jahr zwei davon drehen. Niemand hat so ausdrucksstarke Augenbrauen und ein solch entwaffnendes Lachen wie die Drachenmutter außer Dienst. Und wer hätte gedacht, dass sie auch eine schöne Singstimme hat? Wie im Cape macht ihre Kate auch im Elfenkostüm eine gute Figur. Ihr Partner Tom ist überraschend mit Henry Golding besetzt, dem reichen Schönling aus Crazy Rich Asians, was aber fabelhaft funktioniert, wie überhaupt das ungewöhnliche Casting zum Gelingen des Films beiträgt (und den Kitsch in Grenzen hält). Höhepunkt ist erwartungsgemäß Emma Thompson selbst als Kates, Verzeihung, Katarinas Mutter, Immigrantin aus Jugoslawien (Kroatien, offenbar) mit komödiantisch gebrochenem Akzent. Ähnlich wunderbar ist Michelle Yeoh (Tiger & Dragon) als Kates Chefin "Santa". Lustigerweise hatte sie in Crazy Rich Asians Henry Goldings Mutter gespielt.

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Eigentlich nur als Ersatz für Woody Allens A Rainy Day in New York, den das Cinestar leider nicht zeigt, bin ich mit Last Christmas im regnerischen London gelandet. Bereut habe ich das keineswegs, insbesondere weil die Heimkino-Auswertung ja erst in der warmen Jahreshälfte erfolgen wird, und dafür ist die Geschichte vielleicht doch zu sentimental. Also vergebe ich ein festliches Sehr gut (8/10).

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Bonus: meine DVD-Rezension zu Sinn und Sinnlichkeit:

"Sinn und Sinnlichkeit" oder vielleicht besser "Verstand und Gefühl", dieser Titel steht für die beiden Schwestern Elinor und Marianne, grandios gespielt von Emma Thompson und Kate Winslet. Aber natürlich ist die Sache nicht ganz so einfach - Elinor bleibt nicht gefühllos, und Marianne kommt zum Schluß auch noch zu Verstand. Doch bis es soweit ist, martern uns Emma Thompson (Drehbuch) und Ang Lee (Regie) in Vertretung von Jane Austen fast mit falschen Hoffnungen, Mißverständnissen, peinlichen Situationen, versöhnen uns dann aber doch wieder mit Witz, Lebensmut und Poesie. Wer dies alles übersteht, wird am Ende reich belohnt und braucht sich seiner Tränen nicht zu schämen. Jede Nebenrolle ist hier perfekt besetzt, man achte besonders auf Alan Rickman als Colonel Brandon, der als Bösewicht ("Die Hard") bekannt wurde und zuletzt eine recht mürrische Stimme Gottes in Kevin Smiths Bravourstück "Dogma" abgab. Hier ist er plötzlich zerbrechlich und herzenswarm; wunderbar, wie gut manchmal eine Besetzung gegen den Typ aufgeht. Und am stammelnden Hugh Grant ("Excellent", "Perfect"), dem einzigen Briten der Welt mit lupenreinem Queens-English, kann man sich sowieso nie sattsehen. Man hat jederzeit das Gefühl, daß hier das Optimum aus diesem Stoff herausgeholt wurde - gäbe es doch mehr Literaturverfilmungen diesen Ranges (9/10).

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Samstag, 16. November 2019

Von vorgestern: Yesterday (5/10)

Eine Welt ohne die Beatles kann ich mir nicht vorstellen, aber ob sie so aussehen würde wie in Yesterday? Darin ist der Endzwanziger Jack Malik nach einem globalen Blackout offenbar der einzige, der sich an die Fab Four erinnern kann. Als (erfolgloser) Singer-Songwriter kann er etliche ihrer Klassiker rekonstruieren und kommt damit mächtig ins Geschäft. Merkwürdig, dass ihm ausgerechnet Can't Buy Me Love nicht einfällt, denn dieser frühe Titel enthält die bescheidene Moral des Films. Kleiner Gag am Rande: An seiner Pinwand mit den möglichen ausschlachtbaren Songs steht auch John Lennons Soundcollage Revolution No. 9...



Der aus Cambridgeshire stammende TV-Darsteller Himesh Patel ist keine schlechte Wahl für die Hauptrolle. Er singt und spielt alle Lieder selbst. Yesterday zur Gitarre und The Long and Winding Road am Klavier klingen hübsch, Back in the USSR rockt ganz gut ab, aber oft gehen die Nuancen flöten. Mit am besten gefiel mir übrigens seine gefühlvolle Something-Darbietung in der James-Corden-Show (inspiriert vom künftigen Bond-Girl Ana de Armas), die leider aus dem ohnehin schon zu langen Film rausgeschnitten wurde (zu sehen in den Extras der UHD-Blu-ray). Dazu ist es unwahrscheinlich, dass die frühen Knaller wie She Loves You und I Want To Hold Your Hand ein heutiges Publikum noch elektrisieren könnten. Jacks Help-Version schließlich klingt fast wie ein Grunge-Song und wäre damit vielleicht schon wieder hitfähig. Aber insgesamt halte ich es für eine Utopie, dass die rohen Songs bei Millennials eine Resonanz erzeugen könnten, auch wenn eine super aufgelegte Kate McKinnon (Ghostbusters) als Marketingspezialistin ihr übelstes tut, um Jacks eher an Bob Dylan angelehnte Persona den Massen zu verkaufen.

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Überhaupt glaube ich nicht an den Verlauf der Ereignisse. Im Film wird Superstar Ed Sheeran über einen lokale TV-Auftritt auf Jack aufmerksam und nimmt ihn fürs Vorprogramm mit auf Tour, bevor die Amerikaner ihn vereinnahmen. In der Realität hätte das Studio Jack wahrscheinlich in einen Kellerraum gesetzt und Songs schreiben lassen, die dann von Taylor Swift und anderen Stars mit markttauglichem Image verwurschtelt worden wären - und dabei wären sicherlich schlimmere Dinge rausgekommen als "Hey Dude". Jacks Karriereverlauf dient im Film allerdings nur als Hindernis in der Romanze mit seiner Jugendfreundin Ellie (Lily James aus Mamma Mia: Here We Go Again). Und ach, ist das alles brav, fast möchte ich sagen, feige konstruiert: You've Got To Hide Your Love Away! Einzig nette Idee ist es, Robert Carlyle als einen 76jährigen, abgeklärten John Lennon auftreten zu lassen (der ohne Ruhm natürlich nicht mit 40 von einem enttäuschten Fan erstochen wurde), auch wenn er am Ende doch nur die übliche Weisheit von sich gibt: All You Need is Love!

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Yesterday ist ein gutes Beispiel für destruktive Interferenz im Filmgeschäft. Da gab es eine nette Idee vom TV-Autor Jack Barth, die in die Hände von Romantik-Routinier Richard Curtis geriet. Der variiert aber inzwischen nur noch sein geniales Frühwerk, mit stark abfallenden Ergebnissen. Jack Malik hat weder den spitzbübigen Charme von Hugh Grant in Vier Hochzeiten und ein Todesfall noch dessen schrulligen Freundeskreis aus Notting Hill (Joel Fry als Jacks Roady Rocky ist wirklich eine schlechte Kopie von Rhys Ifans Spike) noch dessen unbeholfenenTanzkünste aus Tatsächlich... Liebe. Und nachdem Curtis mit seinen jüngeren Regieleistungen Radio Rock Revolution und Alles eine Frage der Zeit kommerziell nicht überzeugen konnte, wurde nun ausgerechnet Danny Boyle als Regisseur angeheuert, dessen trocken-realistischer Humor aus Trainspotting und Tontaubheit aus Slumdog Millionaire sich kaum stärker von Curtis' Empfindsamkeit unterscheiden könnten. Die Making-Of-Featuretten wollen uns weismachen, dass die beiden an einem Strang gezogen haben - höchstens im Sinne eines Seilziehen-Wettbewerbs. Curtis wird nächstes Jahr 64, und Paul McCartneys berühmte Frage müssen wir wohl mit Nein beantworten: Will you still need me, will you still feed me, when I'm 64? Annehmbar (5/10).

Sonntag, 29. September 2019

Klassiker auf Blu-ray #23: Local Hero (Bill Forsyth, 1983)

1982 war in Großbritannien die Welt schon nicht mehr in Ordnung. Das war zwar lange vor dem Brexit, aber Margaret Thatcher war schon einige Jahre im Amt, hatte den Falklandkrieg angezettelt, damit begonnen, das soziale Netz rigoros abzubauen und eine schonungslose Industrialisierung voranzutreiben. Da kommt in einem kleinen schottischen Fischerdorf der junge Amerikaner Mac MacIntire (Peter Riegert) an, Akquisiteur des Ölkonzerns Knox von Felix Happer (Burt Lancaster). Er soll das Dorf, den Strand und überhaupt alles bis eine Meile inland aufkaufen, für den Endpunkt einer Pipeline und den Bau einer Raffinerie. Entgegen den Erwartungen hängen die Dorfbewohner, repräsentiert vom Hotelier, Buchhalter und gelegentlichen Barkeeper Urquhart (Denis Lawson), überhaupt nicht an ihrem Lebensstil und ihren Fischgründen und geben in Gedanken bereits die verheißenen Millionen aus. Wer also wird zum Helden auserkoren, der die Idylle vor dem Ausverkauf retten kann?



Local Hero entspricht so gar nicht den gängigen Klischees. Es gibt kein Aufbäumen Davids gegen Goliath, keine überhitzten politische Diskussionen, keine Rettung in letzter Sekunde. Regisseur und Autor Bill Forsyth (Jahrgang 1946) hatte zuvor mit That Sinking Feeling (1979) und Gregory's Girl (1980) hübsche kleine Sozialdramen gedreht (die auch "Kitchen Sink Dramas" genannt wurden), doch niemand hatte von ihm ein solch lyrisches, universellen Werk erwartet. Es war ein Glücksfall des britischen Kinos, begünstigt von einem ansehnlichen, obwohl immer noch bescheidenen Budget von etwa vier Millionen Pfund, möglich durch den Sog des überraschenden Oscargewinners des Vorjahrs, die Stunde des Siegers ("Chariots of Fire"). Dieses konventionelle Sportdrama bleibt vor allem durch seinen Vangelis-Triumphmarsch im Gedächtnis, welchen Forsyth übrigens in einer kleinen Hommage kurz zitiert. Forsyth selbst hat das Filmemachen offenbar bereits 1999 aufgegeben, offenbar konnte er die Diskrepanz zwischen erforderlicher Anstrengung und künstlerischem Erfolg nicht überbrücken (das lese ich jedenfalls aus dem aktuellen Interview, welches das Kronjuwel der Jubiläumsedition ist).

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Local Hero lebt ganz von seinen Figuren, die vielleicht auch deshalb authentisch wirken, weil abgesehen von Burt Lancaster keine Stars besetzt wurden. Für mich ist dies allerdings, neben der Hauptrolle in Louis Malles Atlantic City, Lancasters bewegendste Altersrolle (er war gerade 70 und starb zehn Jahre später). Ansonsten ist allein der Glasgower Peter Capaldi berühmt geworden, damals als 24jähriger der schottische Vertreter Oldsen des Konzerns, inzwischen natürlich der 12. Doctor Who. Frauen lernen wir übrigens in dieser schottischen Männergesellschaft wenig kennen. Es gibt lediglich Urquharts bezaubernde Frau Stella (zu Darstellerin Jennifer Black bietet die IMDB nicht einmal ein Porträtfoto) und die diplomierte Meerjungfrau Marina (Jenny Seagrove), in die Oldsen verschossen ist. Die sich entwickelnde Romanze ist aber nur leise angedeutet, wie man überhaupt viel zwischen den Zeilen lesen muss. All das geschieht vor dem Hintergrund der herrlichen schottischen Locations (Forsyth gibt im Interview verschämt zu, dass er gemogelt und Bilder der West- und Ostküste gemischt hat). Ein besonderer Clou ist Happers Leidenschaft für den Sternenhimmel. Er hofft, einen Kometen zu entdecken und sinniert noch über den richtigen Namen: "Happers Komet" oder "Komet Happer" vielleicht? Daher hat Mac auch einen Nebenauftrag, nämlich auf gewisse Sternbilder zu achten und Sichtungen sofort zu melden. Hier kommt die rote Telefonzelle des Dorfs ins Spiel, ein Relikt, welches jungen Leuten heute höchstens noch als Tardis bekannt ist.



Und dann gibt es noch die besondere Zutat, die für sich allein vielleicht bereits Local Hero zu fortwährendem Ruhm gereicht. Und das ist natürlich die Filmmusik von Dire-Straits-Mastermind Mark Knopfler. Soundtracks waren mehr ein Hobby des Weltklassegitarristen. Sein berühmtester Film in dieser Funktion war 1987 Die Braut des Prinzen, aber dessen effektive Klanguntermalung unterschied sich grundsätzlich von Local Hero, in dem die Musik fast als eigener Charakter auftritt, sowohl bei der Untermalung der Landschaftsaufnahmen als auch bei den folkloristischen Amateur-Darbietungen beim Ceilidh-Tanz. Erst ganz am Ende ertönt das triumphale Saxofonsolo von Mike Brecker zum Titelsong. Knopfler war damals, nach dem Erfolg von Love over Gold (meines Lieblingsalbums von Dire Straits), auf der Höhe seiner Kompositionskunst, und Going Home bot im Folgejahr auch ein passendes Finale für das grandiose Live-Album Alchemy. Bill Forsyth gewann 1984 für Local Hero den BAFTA als bester Regisseur, Mark Knopfler ging leider leer aus. Die Amerikaner konnten mit der versponnenen schottischen Geschichte nichts anfangen (obwohl die Darsteller ihren schottischen Akzent stark unterdrückt hatten), bei den Oscars war von Local Hero nicht die Rede. Immerhin vergab Roger Ebert in seiner liebevollen Rezension die Höchstwertung von vier Sternen.

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Ich selbst habe Local Hero erst in meiner Studienzeit lieben gelernt, bei einer der vielen Retrospektiven in den Münsteraner Programmkinos. Erst jetzt, nachdem ich die mäßige DVD schon vor Jahren abgestoßen hatte, wurde der Film sorgfältig in 2K-Qualität neu abgetastet und ist nun in den USA (via Criterion) und im UK (via Spirit Entertainment) in hochwertigen Blu-ray-Ausgaben erschienen. Zum erwähnten halbstündigen Interview mit Bill Forsyth gesellt sich in meiner UK-Ausgabe ein Gespräch mit Mark Knopfler - die 70jährige Legende erinnert sich auch heute noch gern an die Zusammenarbeit und arbeitet gerade an einer Musical-Version der Geschichte. Vielleicht erbarmt sich ja noch ein deutscher Verlag dieses Kleinods - bis dahin empfehle ich den Import, möglichst vor dem Brexit (bei dem Zollprobleme vorprogrammiert sind).

Samstag, 6. April 2019

Klassische Rezension: Oliver! (1968, 7/10)


Erstaunlich, wie man aus einem so umfangreichen, komplexen und in jeder Hinsicht außergewöhnlichen Roman ein solches amüsantes Nichts produzieren kann. Ich glaube nicht, daß Charles Dickens besonders glücklich mit dieser oberflächlichen Verfilmung gewesen wäre; die Musik plätschert so dahin, kaum ein Song bleibt im Gedächtnis haften, und der historische Hintergrund ist derart romantisiert, daß man sich in ein Märchen versetzt fühlt. Das ist natürlich auch eine Funktion von Musicals (dieses war übrigens das letzte, das den Oscar für den besten Film ergattern konnte). Und um nun auch Positives zu nennen, gibt es schon etliche sehenswerte Choreographien (Ehren-Oscar für Onna White), charmante Lausbuben (vor allem Jack Wild als "The Artful Dodger") und einen überragenden Ron Moody als Mr. Fagin. Er allein ist das Zuschauen (und Zuhören) wert, seine Auftritte haben die Spritzigkeit, die dem Film insgesamt fehlt, in ihm wird eine Dickenssche Karikatur lebendig. Gut auch Shani Wallis als Nancy, nicht so überzeugend dagegen Oliver Reed als Bill Sikes. Carol Reed hat seinen Oscar zwar zu Recht, aber (wie das so oft passiert) für den falschen Film erhalten (7/10).

Sonntag, 6. Januar 2019

Tribut an Freddie: Bohemian Rhapsody (5/10)

Den Erfolg von Tribute Bands habe ich noch nie verstanden. Was hat man davon, einer Beatles-Kopie dabei zuzusehen, die Originalhits Note für Note nachzududeln - mit Bonus, falls der Bassist linkshändig spielt? Vor allem, wenn es guterhaltene Konzertaufnahmen gibt - zugegeben, die sind bei den Beatles etwas rar. Das war aber keine Entschuldigung für Brian May und Roger Taylor, nach Freddie Mercurys Tod mit Adam Lambert ihre eigene Queen-Tribute-Band zu starten. John Deacon hielt sich klugerweise aus der Sache heraus, wie auch aus dem problemgeplagten Biopic Bohemian Rhapsody, das leider weder Rock noch Pop geworden, sondern eher zum Schlager geraten ist. Das Originellste an diesem Biopic ist noch die Neuaufnahme der Fox-Fanfare durch Brian May und Roger Taylor (à la God Save the Queen). Aber wen kümmert's bei einer halben Milliarde Umsatz weltweit und gut zwei Millionen Zuschauern allein in Deutschland?

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Das Projekt stand von Anfang an unter keinem guten Stern. Nach viel Hin und Her bezüglich der Besetzung ("Borat" Sacha Baron Cohen wollte die Hauptrolle übernehmen, was am Veto von Brian May scheiterte) wurde schließlich ein Drehbuch von Anthony McCarten (Die dunkelste Stunde) und Peter Morgan (The Queen) angefertigt, beide eher als Autoren braver Historienepen bekannt. Und Regisseur Bryan Singer hatte am Anfang vielleicht eine Vision (von ihm hätte ich erwartet, dass Mercurys Sexualität besser thematisiert worden wäre), diese ist aber offenbar seinen psychischen Problemen zum Opfer gefallen (nachdem schon mehrfach der Kamerachef Thomas Sigel einspringen musste, wurde der Film schließlich von Dexter Fletcher fertiggestellt). So konnten mich gerade die dramatischen Szenen nicht überzeugen, und bei Rami Malek hatte ich schon ab und zu das Gefühl, er spiele gegen seine Zahnprothese an.



Bohemian Rhapsody zeigt fast willkürlich ausgewählte Episoden und wird so weder dem Menschen Freddie Mercury noch der Band Queen gerecht. Und von diesen Episoden sind gefühlt die Hälfte auch noch erfunden, um nicht zu sagen: erlogen. Das beginnt mit Kleinigkeiten: Wir sind erst bei 1975 angekommen, und die Band spielt "Fat Bottomed Girls" von 1978. Oder, gravierender: Der Name des Albums "A Night at the Opera" wird dem Studioboss erklärt mit dem "opernhaften Sound". Tatsächlich rührt er natürlich vom gleichnamigen Film der Marx Brothers her; nicht zufällig hieß Queens nächstes Album "A Day at the Races" (wegen des rasanten Sounds?) Laut IMDB freundeten die Jungs sich deshalb sogar mit Groucho Marx an, der ja erst 1977 starb. Und die wichtigsten Ereignisse (u.a. Freddies Coming Out, AIDS-Diagnose) werden chronologisch durcheinandergewirbelt und in ein dramatisches Korsett gezwängt. Auch hier würde ich weniger von dramatischer Freiheit als von Geschichtsfälschung sprechen. Die "Trennung" von Queen und Freddies Solovertrag werden aufgebauscht und müssen als Kernkonflikt herhalten. Allerdings ergibt sich daraus eine der schönsten Sequenzen des Films, nämlich die "Versöhnung" beim Manager. Wer Freddies mäßiges Soloalbum kennt, wird hier nur zustimmen können, wenn der Sänger zugibt, dass seine beste Arbeit nur mit Brian, John und Roger gemeinsam entstehen konnte. Dazu gehören die Szenen im Studio zu den besten des Films, davon hätte ich gern mehr gesehen. Die Bandkollegen sind mit Gwilym Lee (May), Ben Hardy (Taylor) und Joseph Mazzello ("Tim" aus Jurassic Park als "Deaky") übrigens überzeugend besetzt.

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Die Single Bohemian Rhapsody landet regelmäßig auf den vorderen Plätzen der besten Songs aller Zeiten. Er bietet eine perfekte Mischung aus Progressive Rock und Pop, hat einen spannenden Aufbau, geheimnisvollen Text, ins Ohr gehende Melodien, mitreißende Rhythmik  und natürlich brillante Gesangs- und Instrumentalparts. Mit A Night at the Opera meldeten Queen sich als legitime Nachfolger der Beatles an. In seiner Vielfalt und Experimentierfreude, in der vielschichtigen Produktion und der musikalischen Substanz erinnert es tatsächlich an das Weisse Album, dessen Brillanz es natürlich nicht erreichen kann (trotzdem gehört es zu meinen zehn Lieblingsalben). Mit den Beatles gemeinsam hatte Queen auch, dass sich hier vier Kreative auf Augenhöhe gefunden hatten, wobei Mercurys exaltierter Gesang und Mays Gitarrenzauber doch oft im Vordergrund standen, die beiden steuerten auch die meisten Kompositionen bei. Dabei kann man John Deacon ein wenig mit George Harrison vergleichen. Er schrieb nicht viele Songs für die Gruppe, aber die hatten es in sich. Auf A Night at the Opera war das die zweite Single You're My Best Friend.

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Für einen Film, der "Bohemian Rhapsody" heißt, kommt das gleichnamige Lied merkwürdig schlecht weg. Der Film zeigt die Entstehung und den Kampf um die Single-Veröffentlichung des Sechsminutentitels (die Studiobosse wurden mithilfe von DJ Kenny Everett listig übertölpelt). Den Rest muss man sich denken - geht der Film davon aus, dass die Zuschauer das bereits wissen? Selbst wenn das auf viele zutrifft, ist das unzulässig. Die Single stand in England neun Wochen auf Nummer Eins (und ist laut Wikipedia immer noch die drittmeistverkaufte Single dort). Diese Diskrepanz ist für mich ein weiteres Indiz für das Chaos bei Dreh und Schnitt.

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Der Erfolg des Films beruht also wohl auf den perfekt nachgestellten Konzertszenen, ist also eher ein Tribut als eine Biographie. Das hat für mich aber wenig künstlerischen Wert. So leid es mir um Rami Malek und Komparsen tut, kann ich doch nur empfehlen, statt dieses Films ein Originalkonzert anzuschauen. Da gibt es etwa auf Blu-ray perfekt festgehalten einen technisch großartigen Mitschnitt von 1981, mit dem Live-Aid-Auftritt als Bonus: Rock Montreal. Für Bohemian Rhapsody selbst kann ich mich gerade noch zu einem Annehmbar durchringen (5/10).

Mittwoch, 2. Januar 2019

Jahresrückblick 2018

2018 war das Jahr, in dem weltweit die Streamingumsätze die der Lichtspielhäuser überschritten. Nach der Musikbranche muss nun auch die Filmindustrie umdenken. Das hat für die Verbraucher zunächst einige ärgerliche Folgen. So versiegt trotz des Siegeszugs von 4K-Fernsehern mit großen Diagonalen die Veröffentlichung von UHD-Medien, vor allem klassischer Filme. Insbesondere Disney sitzt auf seinem Riesenschatz filmhistorischer Perlen wie ein eifersüchtiger Drache auf seinen Goldmünzen. Das ist natürlich Kalkül für den geplanten Start eines eigenen Streamingservice. Aber wenn ein Studio Filme in Topqualität (Dolby Atmos/Dolby Vision) bei iTunes verkauft, die zugehörigen UHD-Blu-rays aber (wenn überhaupt) mit minderwertigen Codecs zu überhöhten Preisen auf den Markt bringt, verbrennt dieses Vorgehen schnell auch die Fangemeinde. Und übrigens Disney: Der marktführende Drache hat aus fadenscheinigen Gründen den liebenswerten James Gunn geschasst (so dass die Zukunft der Guardians noch unsicher ist). Wie man auch am verhinderten Oscar-Moderator Kevin Hart sieht, kann man offenbar Komikern nicht mehr trauen. Am besten alle an die Wand stellen!

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Zum Glück gibt es auch Ausnahmen bei den Studios. Vor allem Warner hat sich um das neue Format verdient gemacht, mit Top-Veröffentlichungen aller acht Harry-Potter-Filme etwa (aber wo bleibt der Herr der Ringe?), und insbesondere mit der Jubliäumsausgabe von Kubricks 2001 - Odyssee im Weltall, deren neue 8K-Abtastung auf moderner Hardware auch nach 50 Jahren atemberaubend aussieht (wobei ich vermute, dass ein 8K-Fernseher hier nur marginale Verbesserungen bringen könnte). Universal hingegen hat die 4K-Abtastung von Spartacus bislang nur als schnöde Blu-ray herausgebracht. Und was ist mit Lawrence von Arabien? Hier müssen wir hoffentlich nicht noch drei Jahre bis zum 60jährigen Jubiläum warten?

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Jubiläen gab es auch bei einigen klassischen Musikalben. Glanzpunkt des Jahres war hier unumstritten das ebenfalls 50 Jahre alte Weisse Album der Beatles, nun genial in Surroundsound neugemischt, ohne das Original dadurch zu verfälschen. Jetzt müssen wir nochmals ein Jahr auf Abbey Road warten... Weitere Höhepunkte: Heavy Horses von Jethro Tull (40 Jahre) und Electric Ladyland (50 Jahre) von Jimi Hendrix.

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Leider schielen auch die bestehenden Streaminganbieter zunehmend auf den Kommerz. Es tut weh, dass ein wunderbares Nischenprodukt wie Mozart in the Jungle nun von Amazon eingestellt wurde. Netflix hat dem SF-Epos Sense8 immerhin ein fulminantes Finale finanziert (Amor Vincit Omnia). Dafür bekommen wir nun haufenweise Albernheiten von Will Ferrell und Adam Sandler. Was die Eigenproduktionen anbelangt, hat Netflix so schnell wie kein anderes Studio die übliche Corporate Stupidity erreicht. So hat man nach Meinungsverschiedenheiten über die Fortsetzung des Megahits Bright den Autor Max Landis gefeuert und sich auf die Seite des Regisseurs David Ayer gestellt, nicht gerade eine helle Entscheidung. Und bislang konnte mich auch keine der weiteren Eigenproduktionen überzeugen, trotz Emma Stone auch nicht die vieldiskutierte Miniserie Maniac.

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Zurück zum Kino: Während in den USA Black Panther und die Avengers irrsinnig durchgestartet sind, gaben sich die deutschen Zuschauer mit Mittelmäßigkeit zufrieden. Während früher der Herr der Ringe oder Harry Potter schon mal die Zehnmillionenmarke überschritten, reichten den Avengers dieses Jahr schon gut 3 Millionen verkaufter Karten für Platz 1 an den Kinokassen. Noch peinlicher: Auf den weiteren Plätzen folgen mit "Phantastische Tierwesen 2", "Fifty Shades of Grey 3", "Hotel Transsilvanien 3", Jurassic World 2, Deadpool 2, Mamma Mia! 2 und "Die Unglaublichen 2" lauter (meist maue) Fortsetzungen, vor dem ersten (leider auch nicht tollen) Original "Bohemian Rhapsody" und auf Platz 10 dem ersten deutschen Film, "Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer". Schlimm auch: Vor dem Actionkracher des Jahres, Mission Impossible 6, konnten sich sogar die Megagurken "Venom" und Solo platzieren. Weltweit in den Milliardenclub aufgestiegen sind übrigens nur Avengers: Infinity War, Black Panther, Jurassic World: Fallen Kingdom und "Die Unglaublichen 2", wobei Aquaman wohl noch eine Anschlusschance hat (und damit DCs erfolgreichster Titel ist!)

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Mit 19 Besuchen 2018 zähle ich zwar immer noch zu den treuesten Kinokunden, das ist aber kein Vergleich etwa zu den 85 gekauften Karten von 2004. Meine Jahreswertung speist sich nun aus allen 80 im vergangenen Jahr gesehenen Filme der Jahre 2017 und 2018, ob im Kino, auf Blu-ray oder gestreamt.

Herausragend (9/10)



Sehr gut (8/10)

  • Black Panther (Ryan Coogler)
  • Die Taschendiebin (Chan-wook Park)
    Ungewöhnliche, überraschende Erzählstrukturen kommen bei IMDB-Nutzern gut an (Score: 8,1/10). Dieser südkoreanische Film bietet aber Spannung und Herz, eher ungewöhnlich für den Regisseur von Gewaltorgien wie Old Boy und Lady Vengeance. Die gleiche Liebesgeschichte wird dreimal aus sehr subjektiven Perspektiven erzählt, und jedesmal fügen sich die Puzzle-Teile sehr unterschiedlich zusammen, bis es dann zu einem schönen Happy-End kommt.
  • Bad Times at the El Royale (Drew Goddard)
  • A Star is Born (Bradley Cooper)
  • Deadpool 2 (David Leitch)
  • Borg McEnroe (Janus Metz)
  • Bright (David Ayer)
  • Coco (Lee Unkrich, Adrian Molina)
    Endlich mal wieder ein überzeugendes Original von Pixar. Vielleicht nicht ganz auf gleichem Niveau wie andere sehr gute Klassiker (Monster AG, Findet Nemo, Wall-E), aber für mich Pixars bester Film seit zehn Jahren.
  • I, Tonya (Craig Gillespie)
  • Körper und Seele (Ildikó Enyedi)
    Unsentimental erzählte Liebesgeschichte zwischen einem 65jährigen, körperlich versehrten Mann und einer 30jährigen Autistin. Beide arbeiten in einem Schlachthof (und wer die dokumentarischen Bilder nicht vertragen kann, verliert auch das Recht auf ein gutes Steak), und nachts träumen sie von winterlichen Begegnungen als Hirsche. Mal eine gute Wahl für den Goldenen Bären, ungewöhnlich inszeniert von einer ungarischen Regisseurin.
  • Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer (Dennis Gansel)
    In einer besseren Welt wäre das ein Knüller geworden. So ist diese Neuverfilmung des genialen Kinderbuchs von Michael Ende mit 1,8 Millionen Zuschauern immerhin der erfolgreichste deutsche Film des (schlappen) Kinojahres. Warum musste sie zu Ostern in Konkurrenz zu Peter Hase laufen? Für Nostalgiker kommt sie natürlich nicht an die charmante Fassung der Augsburger Puppenkiste heran, aber trotz der episodischen Struktur macht die Abenteuerreise von Jim und Lukas auf Emma, der Lokomotive, einen Riesenspaß (nicht nur einen Scheinriesenspaß - äh, na ja). Wohlausgesuchte Darsteller, versponnene computergenerierte Kulissen, schöne Musik, ein paar Filmzitate für Erwachsene - was will man mehr? Einzig der Liedtext war den Machern wohl zu altmodisch (oder die Puppenkiste wollte ihn nicht hergeben). Und jetzt alle:

    Ei---ne Insel mit zwei Bergen
    Und dem tiefen, weiten Meer
    Mit vier Tunnels und Geleisen
    Und dem Eisenbahnverkehr
    Nun, wie mag die Insel heißen?
    Ringsherum ist schöner Strand
    Jeder sollte einmal reisen
    In das schöne Lummerland

 Gut (7/10)

  • Ant-Man and the Wasp (Peyton Reed)
  • Aquaman (James Wan)
  • Avengers: Infinity War (die Russo-Brüder)
  • Battle of the Sexes (Valerie Faris & Jonathan Dayton)
  • Call Me By Your Name (Luca Guadagnino)
    Irgendwie hat mich diese Liebesgeschichte vor den herrlichen lombardischen Landschaften nicht so recht gepackt. Vielleicht verstehe ich die Menschen nicht gut genug - in der ersten Hälfte gibt es keinerlei Indiz, dass Oliver und Elio die Erwiderung der Gefühle des Gegenübers erkennen, und plötzlich fallen sie übereinander her, als gäbe es kein Morgen? Na ja, trotz ein paar peinlicher Situationen ist es eine schöne Geschichte, und Adapteur James Ivory, der im Juni stolze 90 Jahre alt geworden ist, sei die Krönung dieses Ehrenjahrs mit einem Oscar mehr als gegönnt (unvorstellbar, dass er bis dahin weder einen Oscar noch einen Golden Globe gewonnen hatte). Ivory ist ja zeit seines Lebens gegen den Strom geschwommen, hat aber mit seinem (Lebens-)Partner Ismail Merchant (1936-2005) und in Zusammenarbeit mit Autorin Ruth Prawer Jhabvala (1927-2013) den Filmolymp immer wieder mit prächtig ausgestatteten, tief empfundenen Meisterwerken bereichert. Meine Lieblinge: Zimmer mit Aussicht (1986), Howards End (1992), Was vom Tage übrig blieb (1993).
  • Der Wein und der Wind (Cédric Klapisch)
    Unaufgeregte Familiengeschichte, ruhig erzählt über vier Jahreszeiten. Attraktive Schauspieler und schöne Landschaften, dazu halbdokumentarische Informationen über den Weinanbau im Burgund.
  • Dunkirk (Christopher Nolan)
  • Jumanji - Willkommen im Dschungel (Jake Kasdan)
    The Rock + Kevin Hart + Jack Black + Karen "Nebula" Gillan + Bobby Cannavale = bestes Popcorn-Kino. Annehmbare Alternative: Rampage (5/10).
  • Little Sister (Zach Clark)
    Nicht zu verwechseln mit Sister Act. Addison Timlin spielt eine Nonne mit Goth-Vergangenheit. Ich mag die Kleine (1,55m) einfach. Verfügbar auf Netflix.
  • Mamma Mia! Here We Go Again (Ol Parker)
  • Mission Impossible: Fallout (Christopher McQuarrie)
  • Ocean's Eight (Gary Ross)
  • Professor Marston and the Wonder Women (Angela Robinson)
    Hübsche, gut gespielte Dreiecksgeschichte der anderen Art.
  • Ready Player One (Steven Spielberg)
    Bunt und unterhaltsam - vielleicht folgt noch irgendwann eine längere Kritik.
  • The Florida Project (Sean Baker)
  • Tully (Jason Reitman)
    Von Jason Reitman lasse ich mich schon lange nicht mehr enttäuschen. Das Drama um eine Mutter mit postnataler Depression ist trotz glänzend aufgelegter Darsteller (Charlize Theron, Mackenzie Davis) und Diablo Codys bestem Script seit Juno erneut nicht massentauglich.

Enttäuschungen

  • Auslöschung (Alex Garland, 6/10)
    Das Netflix-Ereignis mit Natalie Portman hat mich noch weniger als das Buch überzeugt.
  • Predator: Upgrade (Shane Black, 6/10)
  • The Ballad of Buster Scruggs (Joel & Ethan Coen via Netflix, 6/10)
    Erste Episode mit Tim Blake Nelson: Herrlich - 9/10
    Zweite Episode mit James Franco: bester Kalauer des Jahres - 8/10
    Dritte Episode mit Liam Neeson: deprimierend/merkwürdig - 4/10
    Vierte Episode mit Tom Waits: spaßig (7/10)
    Fünfte Episode mit Zoe Kazan: überlang, eintönig (5/10)
    Sechste Episode mit Brendan Gleeson: schwach (3/10)
  • Bad Moms 2 (5/10)
    Überhastet konzipierte, unnötige Fortsetzung.
  • Red Sparrow (Francis Lawrence, 5/10)
    Manche nackten Tatsachen sollte man wohl besser der Fantasie überlassen. Ein Karrieretief für Jennifer Lawrence.
  • Bohemian Rhapsody (5/10)
    Getragen nur von der tollen Musik und der chamäleonartigen Darstellung von Rami Malek. Ausführliche Kritik folgt vielleicht noch.
  • Mord im Orient-Express (Kenneth Branagh, 5/10)
    Tolle Bilder, schöne Darsteller, aber im Ergebnis weniger als die Summe der Teile. Tip: Besser das Original anschauen!
  • Phantastische Tierwesen: Grindelwalds Verbrechen (5/10)
    Unbeholfen strukturiert, überladen. Das eigentliche Verbrechen: dass die Paarung von Muggle Kowalski und der spinnerten Queenie derart im Nebel verlorengeht!
  • Ataris Reise ("Isle of Dogs", Wes Anderson, 3/10)
    Ein Höhepunkt des Stop-Motion-Films, ein Tiefpunkt des Geschichtenerzählens.

Egal (Auswahl)

  • A Quiet Place (John Krasinski, 6/10)
    Der überraschende "Horror"-Hit mit Emily Blunt fing gut an, hatte dann aber zu viele Logiklöcher.
  • Tomb Raider (Roar Uthaug, 6/10)
    Alicia Vikander ist eine tolle Lara Croft, eine Heldin, die blutet und leidet, aber sich immer wieder aufrappelt. Wenn doch das Script der Hauptdarstellerin angemessen gewesen wäre!
  • Logan Lucky (Steven Soderbergh, 4/10)
    Me unlucky.
  • Alles Geld der Welt (Ridley Scott, 4/10)
    Auch Kevin Spacey hätte diese konfuse biographische Geschichte um die Entführung von Milliardärsenkel Getty nicht retten können.
  • Atomic Blonde (David Leitch, 3/10)
    So sehr ich Charlize Theron mag, so übel ist mir diese Actiongurke aufgestoßen.
  • Roman J. Israel, Esq. (Dan Gilroy, 3/10)
    So langatmig und wichtig, dass ich das Denzel-Washington-Vehikel nicht mal zu Ende schauen konnte.

Ärgernis des Jahres

  • Venom (Ruben Fleischer, 2/10)

Nachrufe

  • Ursula K. Le Guin war nicht nur die First Lady der Science Fiction, sondern eine der wichtigsten Autorinnen des 20. Jahrhunderts. Ihre Erdsee-Romane (nominell für Jugendliche gedacht) sind Fantasy-Klassiker, ihre Hugo-Gewinner "Die linke Hand der Dunkelheit" (1969) und "Planet der Habenichtse" (1974) beeinflussten Generationen. Die Kalifornierin starb 88jährig bereits im Januar.

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  • Kurz darauf verstarb auch die 89jährige Kate Wilhelm, nach Le Guin die zweite Frau, die einen Hugo für den besten Roman gewann ("Hier sangen früher Vögel", 1976).
  • William Goldman war einer der ersten Drehbuchautoren, die von der Öffentlichkeit wahrgenommen wurden. Seine Oscars gewann er für Butch Cassidy and the Sundance Kid ("Zwei Banditen", 1969) sowie Die Unbestechlichen (1976, 9/10), aber Unsterblichkeit sichert ihm die warmherzige Abenteuerpersiflage Die Braut des Prinzen (1987), für die er seinen eigenen fabelhaften Roman adaptierte, congenial von Rob Reiner inszeniert. Die popkulturelle Relevanz des Films wurde jüngst noch unterstrichen durch die inoffizielle Fortsetzung Once Upon a Deadpool. Goldman hat neben Romanen und Drehbüchern auch kluge Hintergrundberichte geschrieben, etwa Das Hollywood-Geschäft. Er starb 87jährig im November.
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  • Der Tscheche Milos Forman drehte nur ein Dutzend Filme, gewann dafür aber allein zwei Regieoscars, nämlich für die überwältigenden Meisterwerke Einer flog übers Kuckucksnest und Amadeus. Mit seinen drei in der Heimat entstandenen Filmen konnte ich nicht so viel anfangen (ganz nett: Die Liebe einer Blondine), aber unter seinen Exilfilmen sind nur wenige Nieten, dafür weitere sehenswerte Werke: Taking Off, Hair, Larry Flynt, Der Mondmann (ich warte immer noch auf die Blu-ray-Veröffentlichung dieser wunderbaren Andy-Kaufman-Biographie). Forman starb im April mit 86 Jahren.
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Freitag, 28. Dezember 2018

Supercalifragilisticexpialidocious NOT: Mary Poppins' Rückkehr (6/10)

Da habe ich mich gerade noch gewundert, dass Aquaman unter Wasser sprechen kann, dabei kann Mary Poppins dort sogar singen! Dass mir das aufgefallen ist, zeigt leider, dass mich die Disney-Fantasie nicht so recht einfangen konnte. Und das sogar zur Weihnachtszeit, in der man für sentimentalen Quatsch am ehesten zu haben ist (Schmalz-Tip: A Christmas Prince mit Rose McIver bei Netflix - das Original vom letzten Jahr, nicht die alberne Fortsetzung). Disneys Original von 1964 mag ich sehr wohl, auch wenn ich es beileibe nicht für deren bestes Werk halte (vielleicht, wenn ich damals Kind gewesen wäre - aber so alt bin ich auch wieder nicht). Leider hat das Team um Regisseur Rob Marshall (Chicago) und Autor David Magee (Life of Pi) auch dessen Schwächen ins 21. Jahrhundert hinübergerettet, vor allem die selbstverliebten überlangen Tanzszenen.


Aber im Endeffekt sind es die Lieder der Sherman-Brüder (Das Dschungelbuch), die den Klassiker auch heute noch so vergnüglich machen: A Spoonful of Sugar, Chim Chim Cheree, Feed the Birds, Let's Go Fly a Kite etc. Dagegen können Komponist Marc Shaiman und sein Texter Scott Wittman nur leise anpusten. Da werden dann der smogverdeckte Londoner Himmel besungen (Lovely London Sky), Binsenweisheiten heraufbeschworen (A Cover Is Not The Book), oder den Kindern der Bär aufgebunden, dass die verstorbene Mutter ja gar nicht fort, sondern nur irgendwie verschütt gegangen ist (The Place Where Lost Things Go). Bezeichnenderweise hat es nicht mal für den behaupteten Höhepunkt, Trip a Little Light Fantastic, zu einer Golden-Globe-Nominierung gereicht.


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Nichts auszusetzen habe ich an Emily Blunt in der Titelrolle, die Julie Andrews in Würde nachfolgt und sogar eine ganz nette Stimme hat. Für eine Oscar-Nominierung wird das nicht reichen, aber der Preis für Dame Julie war damals auch die Anerkennung für ihre Paraderolle als Eliza Doolittle auf der Bühne, die ihr für den (trotzdem schönen) Film Audrey Hepburn weggeschnappt hatte (mit Gesang von Marni Nixon). Weniger begeistert war ich von Lin-Manuel Miranda als Lampenwart Jack. Er ist offenbar ein Broadway-Star, bleibt im Vergleich zu Dick van Dyke als Schornsteinfeger Berti aber blass (von dessen Eleganz und Beweglichkeit sogar Fred Astaire geschwärmt hatte). Der 93jährige hat übrigens einen schönen Gastauftritt als Banker Dawes Jr., genauso wie die gleichaltrige Angela Lansbury als Ballonverkäuferin (ein Tribut an die vogelfütternde Jane Darwell). Colin Firth darf mal seine fiese Seite zeigen, und Meryl Streep - na ja, sie hat sich als Gag einen besonders schrägen Akzent ausgedacht, aber ihr Gesangstalent wird verschwendet an die Kröte Turning Turtle.

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Mit einer Rückkehr von Mary Poppins hat eigentlich niemand mehr gerechnet, und bis auf Disneys Kassen hat sie auch niemanden so recht bereichert. Sie hat der Geschichte und Botschaft von P.L. Travers nichts hinzuzufügen. Die 1996 verstorbene Autorin hätte die Fortsetzung übrigens genauso gehasst wie das Original, vor allem die auch diesmal wieder vorhandene Zeichentricksequenz. Für die schönen Bilder, netten Darsteller und die harmlose Musik kann ich mit viel Wohlwollen (und Weihnachtsbonus) noch ein Ordentlich vergeben (6/10).

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Montag, 26. November 2018

Mamma Mia! Here We Go Again. (7/10)

Die beiden Mamma-Mia-Musicals sind randvoll mit guter Laune gefüllte Partyfilme, die man am besten leicht beschwipst genießt (mich haben ein paar Pinnchen westfälischer Pflaumenschnaps in Stimmung gebracht). Eine wirkliche Handlung gibt es nicht, stattdessen erfreut man sich an der herrlichen Insellandschaft (deren satte Farben auf den Zuschauer insbesondere in Dolby Vision einen zusätzlichen Extasy-Effekt haben), den schönen, ausgelassen tanzenden Menschen aller Generationen und natürlich den zeitlosen ABBA-Melodien, die von den Darstellern (teilweise mit erstaunlichem Erfolg) selbst geträllert und in den Arrangements erfreulicherweise weitgehend vom Disco-Gestampfe befreit wurden (unter der Regie Ihrer Hoheiten Björn Ulvaeus und Benny Andersson persönlich, die auch beide kleine Cameos haben).

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Der erste Film (der weitgehend dem Bühnenmusical entspricht) handelte von Sophie (Amanda Seyfried), die mit ihrer Mutter Donna (Meryl Streep) auf einer kleinen griechischen Insel aufgewachsen ist. Zu ihrer Hochzeit mit Sky (Dominic Cooper), die im kleinen Touristenhotel des Gespanns stattfinden soll, lädt Sophie anhand vager Informationen aus Donnas alten Tagebuch heimlich ihre drei potentiellen Väter ein, dargestellt von Pierce Brosnan, Colin Firth und Stellan Skarsgard. Entsprechend komische Verwicklungen folgen...



Zehn Jahre später gibt es nun die Fortsetzung (Here We Go Again). Der hinzugezogene Romanzenspezialist Richard Curtis (Vier Hochzeiten und ein Todesfall, Alles eine Frage der Zeit) ließ sich vom Paten, Teil II inspirieren und entwarf mit Regisseur Ol Parker (Autor des Best Exotic Marigold Hotel) und der Mamma-Mia-Erfindern Catherine Johnson und Judy Craymer eine Rückblendenstruktur, in der Lily James als junge Donna glänzt, während in der Gegenwart Sophie der Neueröffnung des Hotels entgegenfiebert. Den Hotelmanager gibt übrigens der Pate der dritten Generation, Andy Garcia (ob Pacino und DeNiro abgesagt hatten?) Donna ist inzwischen gestorben - vielleicht war Meryl Streep zu teuer, für ein Cameo an Schluß reichte es dann aber doch. Abgesehen von diesem ein Jahr zurückliegenden Trauerfall passiert natürlich wieder nix Schlimmes. Am dramatischsten ist noch der Sturm, der dafür sorgt, dass nicht die erhofften Millionäre, sondern nur eine Flotte gut gelaunter Fischersleute zur Eröffnung erscheinen. Plus Überraschungsgäste...



Ich vermute, es gibt kaum jemanden in der westlichen Welt, der nicht wenigstens eine Handvoll Lieder dieser zu den erfolgreichsten Bands unserer Zeit gehörenden Gruppe kennt: Waterloo, Dancing Queen, Thank You For The Music, ... In meiner Schulzeit war es nicht cool, ABBA zu hören. Aber einer gute Melodie konnte ich mich noch nie entziehen (na gut, bei den Bee Gees ziehe ich die Grenze). Es stimmt allerdings, dass die Disco-lastige Produktion so manche schöne Lieder verschandelt hat, etwa auf dem Album Super Trouper (1980). Was flüchtigen Hörern nicht so bewusst sein wird: Die Texte von Björn und (meist) Benny, gelegentlich unter Mitwirkung von Manager Stig Anderson entstanden, sind durchaus nicht alle oberflächliche Schlager. Viele ihrer besten Songs beschreiben persönliche Erlebnisse und Gefühle aus dem Leben der Musiker. Und die Liebeslieder haben oft einen pfiffigen Twist, etwa When I Kissed The Teacher:



Und Hand aufs Herz, wie viele Hörer wissen, dass The Winner Takes It All die Folgen einer Scheidung beschreibt? Mein Lieblingsalbum von ABBA war auch ihr letztes: The Visitors (1981). Es entstand, nachdem beide Bandehen in die Brüche gegangen waren und hat einen deutlich melancholischen Anstrich. Da erzählt dann Slipping From My Fingers die Gefühle der Mutter, die ihr Kind aufwachsen sieht, One of Us und When All Is Said And Done von Trennungsschmerz und Einsamkeit. Daneben gibt es aber auch eine letzte Elegie auf die Musik: I Let The Music Speak, und das witzige Two for the Price of One. Insgesamt ein perfektes Album für kalte Winterabende. Und wieviel Substanz die Melodien auch ohne Gesang und Band haben, kann man auf Benny Anderssons wunderschöner CD Piano hören (die auch Lieder des Ausnahmemusicals Chess und anderer Projekte beinhaltet).

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Für den zweiten Durchgang von Mamma Mia waren die großen Hits zwar fast schon abgegrast. Das hat aber den Vorteil, dass einige Lieder aus der zweiten Reihe zur Geltung kommen, die damit auch noch nicht so abgenudelt erscheinen, etwa Andante Andante, I've Been Waiting For You und (fast unkenntlich von der lokalen "Mariachi"-Band interpretiert) Hole in Your Soul.



Daneben gibt es einige Wiederholungen im neuen Kleid, neben dem Titelsong natürlich auch Dancing Queen, I Have a Dream und im grandiosen Finale (mit den Darstellern aller Generationen vereint) Super Trouper:



Aber in der ABBA-Schatztruhe waren durchaus auch noch ungenutzte Hits zu finden, so etwa Fernando, ein ungewöhnliches Liebeslied aus der mexikanischen Revolution, das nun mittels eines wackligen Kniffs in die Handlung eingebaut wurde. Was macht's, wenn niemand anders als Cher den Gesang übernimmt! Die inzwischen über 70jährige Sängerin war ja schon in den 60ern erfolgreich als Aushängeschild von Sonny & Cher (I Got You Babe). In den 80ern krönte sie eine kurze Schauspielkarriere mit dem Oscar für ihre Hauptrolle im märchenhaft-schönen Mondsüchtig (1987), bevor sie sich wieder (ähnlich erfolgreich) der Musik widmete (auch in Die Hexen von Eastwick und Meerjungfrauen küssen besser war sie toll). Trotz ihres leicht zombiehaften Auftretens hat sie immer noch eine tolle Stimme. Dass die Diva Donnas Mutter spielt, aber nur drei Jahre älter als Meryl Streep ist, darüber denkt man besser nicht nach.



Beim übrigen Cast muss ich zunächst mal die großartigen Gesangsstimmen der Damen herausheben. Von Meryl Streep wusste man das,  und Amanda Seyfried überzeugte bereits im ersten Film. Nun überrascht noch Lily James, die ich bislang nicht besonders mochte, nun aber gewillt bin, ihre farblosen Auftritte in Cinderella und insbesondere dem gruseligen Stolz, Vorurteil und Zombies zu vergessen. Einen weiteren Reiz der Fortsetzung macht die Besetzung der beiden Haupttrios in den unterschiedlichen Zeitebenen aus. Im Original waren es Donnas beste Freundinnen, die für Komik und Pfiff sorgten: Julie Walters (Molly Weasley) als Rosie und Christine Baranski (Cybill) als Tanya. In jungen Jahren werden sie nun von Alexa Davies und Jessica Keenan Wynn gespielt, wobei gerade letztere, Spross einer illustren Schauspielerdynastie, Baranskis Posen erheiternd genau imitiert.

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Die Väter ("Sam" Pierce Brosnan,  "Harry" Colin Firth und "Bill" Stellan Skarsgard) dagegen waren schon im Original vor allem Eye Candy, weniger Ohrenschmaus (auch wenn ich finde, dass gerade der emeritierte Bond trotz mangelndem Stimmtalent ganz viel Emotion in seine Gesangspassagen einbringen konnte). Bei der Besetzung ihrer jüngeren Versionen konnte man natürlich aus dem Vollen schöpfen, und so überzeugen Jeremy Irvine (Sam),  Hugh Skinner (Harry) und Josh Dylan (Bill) auch durch Gesangstalent. Hier fiel mir besodners der bereits TV-erfahrene Hugh Skinner mit seiner amüsanten Firth-Imitation auf.

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Auch wenn im zweiten Teil die Originalidee bereits ein wenig abgestanden ist und ein paar Tanzszenen doch eher gezwungen wirken, kann auch dieser noch prächtig unterhalten. Nochmals loben muss ich die Ton- und Bildqualität der UHD-Präsentation (beider Filme). Beim zweiten Teil haben es übrigens, ein seltenes Vorkommnis, alle Extras auch auf die UHD-Scheibe geschafft, so dass ich die beiliegende Blu-ray gar nicht einlegen musste. Da gibt es dann noch mehr Gesangsnummern und spaßige Interviews mit den Machern und Darstellern, die offenbar alle viel Freude an ihrem Unterfangen hatten, sowie zwei Kommentare und eine Sing-along-Variante (nichts für mich, aber trotzdem eine schöne Zugabe). Daher ziehe ich vom Original auch nur einen Stern ab und lande bei einem Gut (7/10).

Sonntag, 20. Mai 2018

Alles nur Schau: Greatest Showman (5/10)

Die Kategorie "Comedy or Musical" der Golden Globes ist schon seit vielen Jahren ein ziemlicher Witz. Wann immer ein Musical oder gar ein Musikfilm (was für mich etwas vollkommen anderes ist, siehe etwa John Carneys Sing Street) in die Kinos kommt, wird dieser Film dann mit den Komödien des Jahres zusammengeworfen, sozusagen den anderen nicht ernstzunehmenden Werken des Jahres. Letztes Jahr hatte The Greatest Showman diese Ehre, nominal eine Biographie von P.T. Barnum (1810-1891), quasi dem Erfinder des Zirkus-Spektakels. Leider wirkt die Handlung eher wie ein tabellarischer Lebenslauf, bei dem sich die Autoren (Jenny Bicks und Bill Condon, der immerhin Chicago adaptiert hatte) reichlich Freiheiten nehmen. Das wäre in Ordnung, wenn dabei thematische Tiefe und spektakuläre Figuren entstanden wären. Aber das gezeigte victorianische New York bleibt bunte Kulisse, bevölkert von farblosen Protagonisten.



Nun ja, bei den meisten Kinomusicals ist eine durchdachte Handlung ohnehin ein unerwarteter Bonus, etwa bei Singin' in the Rain oder Cabaret, um zwei sehr unterschiedliche Beispiele anzuführen. Worauf es ankommt, sind Tanz und Musik, das Spektakel halt. Das Konzept stellt hier moderne Popmusik in anachronistischen Kontext. In Ordnung, das könnte funktionieren, wenn die Songs nicht so spannungslos wären! Sie stammen von Benji Pasek und Justin Paul, die für La La Land mindestens zwei hübsche Ohrwürmer komponiert hatten. Aber selbst diesen bescheidenen Vergleich verliert The Greatest Showman. Bezeichend, dass das einzige Lied mit Nachhall, das Oscar-nominierte This Is Me, unter Zeitdruck im Flieger auf dem Weg zur Präsentation entstand. Der schlimmste Beitrag ist die von Loren Allred eingespielte Schnulze Never Enough, die der damals weltberühmten "Schwedischen Nachtigall" Jenny Lind (M:I5-Widersacherin Rebecca Ferguson)  untergeschoben wird. Ich muss gestehen, dass ich den Kieksern und der Jodelakrobatik "moderner" Popsongs ohnehin nichts abgewinnen kann, aber für diese Scharade einer amerikanischen Krähe (das Vorbild hat damals immerhin die garantiert Opern-versierte High Society Manhattans begeistert) sollten sich die Filmemacher schämen!

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Ansonsten ist die Musik meist zweckdienlich und wird von den mit Elan auftrumpfenden Darstellern überzeugend dargeboten. Für Hugh Jackman in der Titelrolle war dies eine Herzensangelegenheit. Leider hat er sich mit der Besetzung des Regieposten durch seinen australischen Kumpel und Werbefilmer Michael Gracey arg vertan. In seinem ersten Langfilm gelingen Gracey zwar etliche solide, manchmal sogar begeisternde Szenen, die sich aber nie zu einem überzeugenden Ganzen fügen. Zu den besseren Momenten gehören Duette von Hugh Jackman und Zac Efron sowie die akrobatische Liebesszene zwischen Efron und Zendaya, die übrigens trotz ihrer kleinen Rolle Starqualitäten versprüht (Schnulzenkönig Zac Efron passt hier ansonsten leider gut rein).

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Die Botschaft von Inklusion und Selbstverwirklichung, die etwa bei den Oscars von der Sängerin Keala Settle (im Film die bärtige Dame) zelebriert wurde, bleibt ganz an der Oberfläche und ist weit entfernt von der Realität der "Freaks", die P.T. Barnum für seinen Zirkus ausbeutete. Aber vielleicht ist das bezeichnend für die #MeToo-Debatte, die sich nach einigen Anfangserfolgen nun an Äußerlichkeiten aufreibt. Aber die Amerikaner schein drauf reinzufallen. The Greatest Showman war in den USA jedenfalls ein schleichender Hit und hat nach anfänglich mäßigen Einnahmen über 170 Millionen Dollar eingespielt, weltweit sogar über 430 Millionen. So sehr ich den Erfolg von Leinwand-Musicals begrüße, halte ich The Greatest Showman doch nur für einen müden Nachfolger von La La Land (welches immerhin eine großartige Emma Stone zu bieten hatte) und kann mich gerade noch zu einem Annehmbar (5/10) durchringen.

Samstag, 26. August 2017

Klassiker auf Blu-ray #18: Die fabelhaften Baker Boys (Steve Kloves, 1989)

Sie sind keine Jungs mehr, und die fabelhaften Zeiten sind auch längst vorbei. Die Baker-Brüder Jack und Frank (Jeff & Beau Bridges) tingeln seit fünfzehn Jahren durch zweitklassige Hotelbars und andere Kleinbühnen, mit gefälliger Salonmusik für zwei Pianos. Das hat bisher für ein stetes Einkommen gesorgt, mit dem Frank seine kleinbürgerliche Existenz (Frau, Kinder, Haus) unterhält, während Jack - einfach nur vor sich hin lebt (er ist das Enigma des Films). Nachdem nun langsam auch die kleineren Auftrittsmöglichkeiten wegbrechen, beschließen die beiden, ihren Act mit einer Sängerin aufzupeppen. Die folgende Audition ist dann ein erster urkomischer Höhepunkt. in dem sich die 37 Kandidatinnen, angeführt von einer umwerfenden Jennifer Tilly ("Monica Moran", aber eigentlich heiße ich "Blanche"), in einer immer frentischer werdenden Collage durch diverse Standards krächzen,  säuseln und stöhnen. Showtalent gibt es also genug, nur die Töne trifft leider keine von ihnen. Natürlich ist es dann die Nummer 38, die engagiert wird. Sie kommt neunzig Minuten zu spät, im zerfledderten Kleid und mit abgebrochenem Absatz, und als erstes entfährt ihr ein "Goddammit". Sie macht keinen Hehl daraus, dass sie bislang für einen (AAA-)Escort-Service gearbeitet hat, aber wenn sie singt, schmelzen die Pianotasten dahin. Doch nein, es folgt keine konventionelle Dreiecksgeschichte...



Michelle Pfeiffer war im Vorjahr bereits für Dangerous Liaisons für einen Oscar nominiert, aber ihre Susie Diamond hätte sie eigentlich zum Superstar machen müssen (statt nur die zweite von bisher drei Nominierungen, dazu immerhin einen Golden Globe, abzuwerfen). Stattdessen wurde ein Jahr später Julia Roberts mit dem Kitschprodukt Pretty Woman zu America's Darling, die ich allerdings höchstens in Erin Brockovich toll fand. Michelle Pfeiffer war wohl zu schön und zu talentiert und zu klug, um ähnliche Klischees zu bedienen. Roger Ebert stellte sie damals in eine Reihe mit Rita Hayworth in Gilda und Marilyn Monroe in Manche mögen's heiss und spricht mir damit aus der Seele. Man vergleiche nur Susie Diamond mit der unschuldigen Madame Tourvel aus den Gefährlichen Liebschaften oder Selina Kyles feliner Sinnlichkeit  in Batmans Rückkehr. Michelle Pfeiffer war und ist für mich die schönste Hollywood-Schauspielerin ihrer Generation, und doch tut man ihr großes Unrecht, sie auf ihr Aussehen zu reduzieren. Sie brillierte in Kostümfilme genauso wie in albernen Komödien. Sie konnte würdevoll oder albern, stark oder zerbrechlich, intelligent oder dämlich sein. Sie inspirierte Scorsese in seinem Meisterwerk Zeit der Unschuld (an der Seite von Daniel Day-Lewis) zu seiner schönsten und komplexesten Frauenfigur, verzauberte Sean Connery (Das Russland-Haus) und Al Pacino (Frankie & Johnny) und verulkte Jeff Goldblum (Kopfüber in die Nacht) und Jack Nicholson (Die Hexen von Eastwick). Inzwischen macht sie sich rar, hat sich offenbar ohne Skandale ihrer Familie gewidmet, taucht aber doch immer wieder in hochwertigen Projekten auf, so 2007 gleich in zwei herausragenden Späßen: dem Ulkmusical Hairspray und dem Gaiman-Märchen Der Sternwanderer. Demnächst können wir uns über ein Wiedersehen freuen in der Star-gespickten Neuauflage vom Mord im Orient-Express und als Evangeline Lillys Mutter in Ant-Man and the Wasp.



Unangefochten stammt das zentrale, unvergessliche Bild von Michelle Pfeiffers Karriere aus den Baker Boys: wie sie sich im roten Kleid auf Jacks Piano räkelt und "Making Whoopee" darbietet. Und, anders als Rita Hayworth, sang Michelle Pfeiffer selbst. Was ihrer Stimme an Substanz fehlte, machte sie mit Emotion wett, aber auch mit Präzision - das war lange vor der Erfindung von Autotune, dem modernen Helferlein, welches jüngst auch Emma Stone und Ryan Gosling in La La Land zur Seite stand. Das Pianospiel allerdings wurde vom Komponisten Dave Grusin beigetragen, auch wenn Jeff und Beau die Stücke gekonnt fingersynchron nachspielen konnten. Grusins Soundtrack, in dem seine eigenen melancholischen Kompositionen gleichberechtigt mit den wohlausgesuchten Klassikern erklingen, muss man sicher als vierte Hauptfigur werten. Dies ist einer der seltenen Fälle, dass neben dem Film auch der Soundtrack in meinem Regal steht.



Kaum vorstellbar, dass zunächst die von mir ebenfalls hochgeschätzte Debra Winger für die Hauptrolle vorgesehen war, auch wenn  sie ähnliche Qualitäten mitgebracht hätte. Trotzdem glaube ich genauso wenig wie  Jack an seine Aussage, wenn er sagt: "There's always another girl." Was allerdings geworden wäre, wenn die Brüder Dennis und Randy Quaid als die Baker Boys besetzt worden wären, wage ich mir nicht vorzustellen. Niemand hätte Jack und Frank mit solchen Nuancen darstellen können wie die so unterschiedlichen Söhne der Legende Lloyd Bridges (Airplane!). Die Karrieren der Brüder spiegeln sehr gut ihre Charaktere wieder. Beau Bridges ist der solide Charakterdarsteller, seine beste weitere Kinorolle war wohl der Familienvater in der herrlich schrägen Irving-Verfilmung Hotel New Hampshire. Ansonsten war er vor allem im Fernsehen zu sehen und kann dafür bereits drei Emmys vorweisen. Sein acht Jahre jüngerer Bruder Jeff dagegen gilt seit seinem Durchbruch 1971 in Die letzte Vorstellung als einer der talentiertesten Darsteller Hollywoods. Pauline Kael schätzte ihn sehr und schrieb einmal, seine Darstellung allein lohne einen Kinobesuch. Tatsächlich ist er ein Naturtalent in der Tradition von Spencer Tracy, dem man auch nie anmerkte, dass er schauspielerte - eine nicht leicht zu erreichende Qualität. Jeff Bridges musste nach Hauptrollen in spannenden Projekten (Starman, Der König der Fischer) zunächst zur Kultfigur werden (The Dude), bevor ihm 2010 endlich ein Oscar zugesprochen wurde, übrigens auch für einen Musikfilm, diesmal als Gitarre-spielender Countrysänger in Crazy Heart.



Wenn man einmal zuschauen möchte, wie ein cleverer Regisseur eine Liebesszene ohne Körperkontakt inszenieren kann, wird bei den Baker Boys fündig. Jack und Susie haben benachbarte Hotelzimmer und teilen sich ein Badezimmer (Frank musste aufgrund einer Familienkrise nach Hause reisen). Zunächst sieht man Susie, wie sie Jacks Utensilien, insbesondere seinen Rasierpinsel beschnuppert. Kurz darauf ist es Jack, der sich an ihrem Parfumflakon zu schaffen macht. Das ist nur eine von vielen fabelhaften Sequenzen, mit der Kamera eingefangen übrigens vom im April verstorbenen Berliner Michael Ballhaus. der hierfür eine seiner drei Oscar-Nominierungen bekam (leider hat er die Trophäe nie gewonnen, trotz beeindruckender Filmographie mit Highlights von Fassbinder bis Scorsese). Schade, dass Autor Steve Kloves nur noch ein weiteres Mal (bei einem Flop) Regie führte und sich dann aufs Schreiben konzentrierte, wobei 2001 für Wonder Boys immerhin eine Oscar-Nominierung heraussprang. Danach zeichnete er erfolreich für die meisten Harry-Potter-Adaptionen verantwortlich, was sicher auch seinem Bankkonto zugute kam.



Ich bin selbst verwundert, wie mich Die Fabelhaften Baker Boys nach fast dreissig Jahren immer noch begeistern können. Ich hatte auch vergessen, wie komisch vor allem die erste Hälfte ist, allerdings nicht, welchen Eindruck Michelle Pfeiffer und die Musik auf mich machten. Natürlich besaß ich seit langem die DVD, aber eine Blu-ray ist erst seit kurzem als Spanien-Import erhältlich, mit ordentlichem Stereoton und gutem 16:9-Bild mit erkennbarem Filmkorn, das allerdings schärfer und farbenfroher sein könnte. Vielleicht gibt es zum 30jährigen Jubiläum doch noch eine verdiente Restaurierung. Bis dahin bin ich mit dem Import zufrieden, auch wenn er keine Extras bietet und nur ein spanischsprachiges Menü. Der Film ist ohnehin: Herausragend (9/10).