Den Erfolg von Tribute Bands habe ich noch nie verstanden. Was hat man davon, einer Beatles-Kopie dabei zuzusehen, die Originalhits Note für Note nachzududeln - mit Bonus, falls der Bassist linkshändig spielt? Vor allem, wenn es guterhaltene Konzertaufnahmen gibt - zugegeben, die sind bei den Beatles etwas rar. Das war aber keine Entschuldigung für Brian May und Roger Taylor, nach Freddie Mercurys Tod mit Adam Lambert ihre eigene Queen-Tribute-Band zu starten. John Deacon hielt sich klugerweise aus der Sache heraus, wie auch aus dem problemgeplagten Biopic Bohemian Rhapsody, das leider weder Rock noch Pop geworden, sondern eher zum Schlager geraten ist. Das Originellste an diesem Biopic ist noch die Neuaufnahme der Fox-Fanfare durch Brian May und Roger Taylor (à la God Save the Queen). Aber wen kümmert's bei einer halben Milliarde Umsatz weltweit und gut zwei Millionen Zuschauern allein in Deutschland?
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Das Projekt stand von Anfang an unter keinem guten Stern. Nach viel Hin und Her bezüglich der Besetzung ("Borat" Sacha Baron Cohen wollte die Hauptrolle übernehmen, was am Veto von Brian May scheiterte) wurde schließlich ein Drehbuch von Anthony McCarten (Die dunkelste Stunde) und Peter Morgan (The Queen) angefertigt, beide eher als Autoren braver Historienepen bekannt. Und Regisseur Bryan Singer hatte am Anfang vielleicht eine Vision (von ihm hätte ich erwartet, dass Mercurys Sexualität besser thematisiert worden wäre), diese ist aber offenbar seinen psychischen Problemen zum Opfer gefallen (nachdem schon mehrfach der Kamerachef Thomas Sigel einspringen musste, wurde der Film schließlich von Dexter Fletcher fertiggestellt). So konnten mich gerade die dramatischen Szenen nicht überzeugen, und bei Rami Malek hatte ich schon ab und zu das Gefühl, er spiele gegen seine Zahnprothese an.
Bohemian Rhapsody zeigt fast willkürlich ausgewählte Episoden und wird so weder dem Menschen Freddie Mercury noch der Band Queen gerecht. Und von diesen Episoden sind gefühlt die Hälfte auch noch erfunden, um nicht zu sagen: erlogen. Das beginnt mit Kleinigkeiten: Wir sind erst bei 1975 angekommen, und die Band spielt "Fat Bottomed Girls" von 1978. Oder, gravierender: Der Name des Albums "A Night at the Opera" wird dem Studioboss erklärt mit dem "opernhaften Sound". Tatsächlich rührt er natürlich vom gleichnamigen Film der Marx Brothers her; nicht zufällig hieß Queens nächstes Album "A Day at the Races" (wegen des rasanten Sounds?) Laut IMDB freundeten die Jungs sich deshalb sogar mit Groucho Marx an, der ja erst 1977 starb. Und die wichtigsten Ereignisse (u.a. Freddies Coming Out, AIDS-Diagnose) werden chronologisch durcheinandergewirbelt und in ein dramatisches Korsett gezwängt. Auch hier würde ich weniger von dramatischer Freiheit als von Geschichtsfälschung sprechen. Die "Trennung" von Queen und Freddies Solovertrag werden aufgebauscht und müssen als Kernkonflikt herhalten. Allerdings ergibt sich daraus eine der schönsten Sequenzen des Films, nämlich die "Versöhnung" beim Manager. Wer Freddies mäßiges Soloalbum kennt, wird hier nur zustimmen können, wenn der Sänger zugibt, dass seine beste Arbeit nur mit Brian, John und Roger gemeinsam entstehen konnte. Dazu gehören die Szenen im Studio zu den besten des Films, davon hätte ich gern mehr gesehen. Die Bandkollegen sind mit Gwilym Lee (May), Ben Hardy (Taylor) und Joseph Mazzello ("Tim" aus Jurassic Park als "Deaky") übrigens überzeugend besetzt.
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Die Single Bohemian Rhapsody landet regelmäßig auf den vorderen Plätzen der besten Songs aller Zeiten. Er bietet eine perfekte Mischung aus Progressive Rock und Pop, hat einen spannenden Aufbau, geheimnisvollen Text, ins Ohr gehende Melodien, mitreißende Rhythmik und natürlich brillante Gesangs- und Instrumentalparts. Mit A Night at the Opera meldeten Queen sich als legitime Nachfolger der Beatles an. In seiner Vielfalt und Experimentierfreude, in der vielschichtigen Produktion und der musikalischen Substanz erinnert es tatsächlich an das Weisse Album, dessen Brillanz es natürlich nicht erreichen kann (trotzdem gehört es zu meinen zehn Lieblingsalben). Mit den Beatles gemeinsam hatte Queen auch, dass sich hier vier Kreative auf Augenhöhe gefunden hatten, wobei Mercurys exaltierter Gesang und Mays Gitarrenzauber doch oft im Vordergrund standen, die beiden steuerten auch die meisten Kompositionen bei. Dabei kann man John Deacon ein wenig mit George Harrison vergleichen. Er schrieb nicht viele Songs für die Gruppe, aber die hatten es in sich. Auf A Night at the Opera war das die zweite Single You're My Best Friend.
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Für einen Film, der "Bohemian Rhapsody" heißt, kommt das gleichnamige Lied merkwürdig schlecht weg. Der Film zeigt die Entstehung und den Kampf um die Single-Veröffentlichung des Sechsminutentitels (die Studiobosse wurden mithilfe von DJ Kenny Everett listig übertölpelt). Den Rest muss man sich denken - geht der Film davon aus, dass die Zuschauer das bereits wissen? Selbst wenn das auf viele zutrifft, ist das unzulässig. Die Single stand in England neun Wochen auf Nummer Eins (und ist laut Wikipedia immer noch die drittmeistverkaufte Single dort). Diese Diskrepanz ist für mich ein weiteres Indiz für das Chaos bei Dreh und Schnitt.
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Der Erfolg des Films beruht also wohl auf den perfekt nachgestellten Konzertszenen, ist also eher ein Tribut als eine Biographie. Das hat für mich aber wenig künstlerischen Wert. So leid es mir um Rami Malek und Komparsen tut, kann ich doch nur empfehlen, statt dieses Films ein Originalkonzert anzuschauen. Da gibt es etwa auf Blu-ray perfekt festgehalten einen technisch großartigen Mitschnitt von 1981, mit dem Live-Aid-Auftritt als Bonus: Rock Montreal. Für Bohemian Rhapsody selbst kann ich mich gerade noch zu einem Annehmbar durchringen (5/10).
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