Suche im Blog

Samstag, 19. Januar 2019

Farb- und leblos: Roma (3/10)

Es ist schon ein Kreuz mit den Netflix-Filmen. Abgesehen vom gelungenen Fantasy-Abenteuer Bright hat mich noch kein Langfilm des Streamingvorreiters so recht überzeugen können (mein nächster Versuch wird Publikumsliebling Bird Box mit Sandra Bullock sein). Aber nun pumpt das junge Studio, das neuerdings Milliarden in Eigenproduktionen investiert, Millionen in die Oscar-Kampagne für das neue, bereits bei den Golden Globes preisgekrönte "Meisterwerk" Roma des zweifachen Oscar-Preisträgers Alfonso Cuarón (für Regie und Schnitt von Gravity). Das American Film Institute (AFI) fühlte sich sogar berufen, einen Special Award zu vergeben, da Mexiko ja nicht zum Homeland gehört und bald auch noch hinter einer Mauer verschwinden wird. Wenn von Kritikerseite überhaupt etwas negatives zu vermerken war, dann über die Veröffentlichungspolitik: Nach einer Woche in ausgewählten Arthouse-Kinos lief das Werk direkt bei Netflix, also "im Fernsehen". Meine Vermutung ist allerdings, dass die Zuschauer im Kino genauso eingeschlafen wären wie zu Hause im Fernsehsessel.



Es ist weniger so, dass der Kaiser keine Kleider anhat, als dass die Kleider keinen Kaiser enthalten. Es sind in der Tat exquisite Bilder, die Cuarón als sein eigener Kameramann komponiert hat. Die Schwarzweissbilder im Widescreen-Format von 2.35 : 1 (was auf einem 16:9-Fernseher mit schwarzen Balken oben und unten maskiert wird) sind ungeheuer detailliert und kontrastreich, die Kamerafahrten elegant, die Nahaufnahmen scharf bis in die Poren. Ein Großteil des Budgets von angeblich 15 Millionen Dollar ist offenbar in die authentische Ausstattung und CGI-Nachbildung des "historischen" Nobelviertels Roma in Mexico City geflossen (die Geschichte spielt Anfang der 70er). Von den Nippes auf den Kaminsimsen bis zur Ford-Galaxy-Limousine, den Wäscheleinen auf dem Dach bis zu den Fliesen im Eingangsbereich stimmt alles. Es ist, als ob man durch ein Fotoalbum der Familie Cuarón blättert, oder einem nostalgischen Diavortrag über Alfonsos Jugend beiwohnt. Aber für mich (und das liegt sicher im Auge des Betrachters) entwickeln sich daraus keine Geschichte, keine Spannung, keine große Sympathie für die Figuren. Alles ist gleichförmig schön und leblos. Das ist mehr ein gut zweistündiger Aufenthalt beim Kunsthandwerker als ein Museumsbesuch. Das beginnt gleich mit der Titelsequenz. Für eine lange Zeit sieht man nur Putzwasser auf den Fliesen der Einfahrt (und auch das erschließt sich erst nach und nach), aber selbst die geringe Spannung, die sich aufbaut, verpufft dann, wenn man aus mittlerer Entfernung schließlich das Putzmädchen mit Wischmop entdeckt. Und übrigens: Der extrem direktionale Dolby-Atmos-Surroundsound hat mich hier eher irritiert, insbesondere bei Perspektivenwechseln, wenn die Dialoge plötzlich von vorn nach rechts hinten wandern. Und die Untertitel (es wird natürlich spanisch und mixtekisch gesprochen) hätte man durchaus ausserhalb des Bildbereichs platzieren können.

Embed from Getty Images

Cuarón behauptet, Roma bestehe zu 90% aus seinen Erinnerungen. Es ist aber aus der Sicht des mixtekischen (darf man das so schreiben?) Dienstmädchens Cleo erzählt (deren Vorbild Libo ist der Film gewidmet). Wie gut kann sich der Sohn wohlsituierter Eltern wohl in dieses einfache Mädchen vom Land hineinversetzen, das zwar fast wie ein Familienmitglied behandelt wird, aber doch von der Willkür der Herrschaften abhängig ist? Einen genauen Eindruck davon, wie genau die Familie zu ihr steht, konnte ich übrigens lange nicht gewinnen. Klar, die Kinder lieben ihre Cleo, aber die Mutter Doña Sofia etwa erlebt man lange nur am Rande, und da kommt sie neurotisch und herrisch rüber (was auch durch die Besetzung mit der streng wirkenden Marina de Tavira unterstrichen wird). Umso größer die Überraschung, als sie nach einer Krise plötzlich Wärme und Mitgefühl für Cleo zeigt. Mir scheint das eine unzulässige nostalgische Verklärung, die mit den Realitäten wenig zu tun haben kann. Hinzu kommt, dass die Laiendarstellerin Yalitza Aparicio als Cleo zwar sympathisch rüberkommt und durchaus natürlich agiert, aber mangels Erfahrung ihrem Innenleben selten Ausdruck geben kann. So wirkt ihre Figur oft nur dumm und naiv. Auch eine Krise gegen Ende, aus der sie als kleine Heldin hervorgeht (und die für sie eine Katharsis bedeutet) kann diese Banalität nicht wieder gut machen (aber oft sind es ja die letzten Szenen, die die nachträgliche Beurteilung der Kinogänger am meisten beeinflussen). Mir sind nur wenige gute Momente im Gedächtnis geblieben. Allein die Einparkversuche mit der Limousine in der viel zu schmalen Einfahrt haben mich zum Schmunzeln gebracht (nicht verstanden habe ich allerdings, warum die Hundeköttel von den Dienstmädchen nicht sofort entsorgt wurden).

Embed from Getty Images

Es gibt ja Künstler, die werfen einen blauen Farbklecks an die Wand und bringen dann die Kunstkritiker dazu, diesen als die seit Deep Thought beste Antwort auf das Leben, das Universum und überhaupt alles zu interpretieren. In den für mich nicht enden wollenden 135 Minuten von Roma finden Kinokritiker offenbar genug ähnliche Bedeutungsschwere und Symbolik, um tausende von Kolumnen mit ihren Ergüssen zu füllen. Guillermo Del Toro zählt das Werk seines Landsmanns nun zu seinen fünf Lieblingsfilmen. Vielleicht erkennt er seine eigene Kindheit darin, wer weiss. Ich bin kein großer Fellini-Fan (abgesehen von seinem herzergreifenden Oscar-Gewinner La Strada), aber selbst dessen konfus-autobiographischer Namensvetter Roma hat mir mehr zugesagt, ganz zu schweigen von anderen Vorbildern wie Fellinis vergnüglichem internationalen Durchbruch Die Müßiggänger oder gar Buñuels Meisterwerk Die Vergessenen (Los Olvidados). Nun ja, das mexikanische Triumvirat aus Iñárritu, Del Toro und Cuarón hat vier der fünf jüngsten Regie-Oscars eingesackt, und der nächste erscheint zumindest möglich (wenn die Akademie sich nicht wegen der Netflix-Connection sträubt). Von Cuarón liebe ich eigentlich nur Gravity, bis dahin hatten mich sowohl seine Arthouse-Hits (2000: Y tu mamá tambien) als auch seine Hollywood-Beiträge (1998: Great Expectations, mit Gwyneth Paltrow) ziemlich kalt gelassen. Leider ist auch sein jüngster Oscar-Favorit nichts für mich. Mäßig interessant (3/10).

Embed from Getty Images

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen