Mit seinen drei Prestigefilmen konnte Netflix in diesem Jahr 15 Golden-Globe-Nominierungen herausschlagen, und am Montag werden sicher auch ein paar Oscar-Nominierungen folgen. Leider kam bei mir so recht keine Begeisterung auf.
Marriage Story (4/10)
Marriage Story hieße besser Divorce Story. Regisseur und Autor Noah Baumbach versucht hier, seine Scheidung von Jennifer Jason Lee zu verarbeiten, sicherlich mit dem Versuch, das persönliche Drama zu verallgemeinern. Für mich ergibt das nur eine anstrengende Szene nach der nächsten, mit Figuren, zu denen ich keine Beziehung aufbauen konnte: verwöhnte erfolgreiche Künstler mit aufgeblasenem Ich, die an unser Mitgefühl appellieren, weil sie die 2000 Dollar Anwaltskosten pro Stunde nicht sofort in bar bezahlen können. Am unsympathischsten kommt denn auch Laura Dern als Staradvokatin daher, was auch eine Leistung ist und bereits mit einem Golden Globe belohnt wurde. Vize-Admiral Holdo steuert wohl nach zwei Nominierungen auf ihren ersten Oscar hin. Den würde ich viel eher Scarlett Johansson gönnen, die in der Hauptrolle zwar auch zickig wirkt, aber immerhin so etwas wie eine glaubwürdige Figur schafft. Ihr zur Seite steht Kylo RenAdam Driver, dessen Erfolg ich auch nach einem Dutzend Filmen nicht so recht nachvollziehen kann. Die Scheidungsgeschichte um Noah Baumbachs Eltern in The Squid and the Whale hatte ich vor 15 Jahren noch wohlwollend aufgenommen, aber seitdem kann ich mit seinen Filmen immer weniger anfangen. Erträglich (4/10).
Die Meinungen schwanken zwischen "Scorseses bestem Film" und "Gähnfest". Für mich liegt die Wahrheit leider irgendwo in der Mitte. Dreieinhalb Stunden sind für diesen Stoff einfach zu lang, und bei einer traditionellen Kinoauswertung hätte man Marty sicher auch genötigt, eine Stunde rauszuschneiden. So ist das Ding selbst für einen Fernsehabend zu aufgedunsen. Inhaltlich ist The Irishman eine merkwürdige Interpretation einer ohnehin schon wenig glaubwürdigen Vorlage (den Erinnerungen des Mafiakillers Frank Sheeran "I heard you paint houses", der angeblich auch mit Jimmy Hoffas Blut gemalt hatte). Trotzdem bietet er natürlich starke Szenen. Mit am besten haben mir die fast wortlosen Szenen mit Sheerans Tochter Peggy gefallen (Lucy Gallina und später Anna Paquin), sowie Joe Pesci als bedrohliche Eminenz im Hintergrund.
Womit wir schon bei des Pudels Kern angekommen wären. Ein Großteil des Budgets und der Publicity dreht sich um die Verjüngung der Hauptdarsteller. Das funktioniert bei Joe Pesci ziemlich gut, bei Robert DeNiro so la la (solange er sich nicht viel bewegen musste) und bei Al Pacino überhaupt nicht (was die Hollywood Foreign Press Association nicht davon abhielt, ihn für einen Golden Globe zu nominieren). Es gibt auch keinen Grund, den bei seinem Verschwinden 63 Jahre alten Jimmy Hoffa mit einem 80jährigen zu besetzen (und dann hätte man auch Jack Nicholson nehmen können, der ja bereits Erfahrung mit dieser Figur hat). Einzige Erklärung ist, dass dies Scorseses letzte Chance war, mit der Legende Pacino zusammenzuarbeiten. Sam Mendes stellte bei seiner Dankesrede für den Golden Globe als bester Regisseur fest, dass alle lebenden Regisseure im Schatten von Martin Scorsese ständen. Kann es sein, das Marty nur noch ein Schatten seiner selbst ist? Ordentlich (6/10).
Die zwei Päpste (7/10)
Wer hätte gedacht, dass zwei Stunden erdachte Gespräche zwischen zwei Klerikern derart unterhaltsam sein könnten? Denn viel mehr passiert nicht in Die zwei Päpste, in dem die historischen Ereignisse nur Hintergrund sind, nämlich die Wahl und spätere Abdankung von Papst Benedict ("Wir sind Papst!") und die Nachfolge durch seinen größten innerkirchlichen Kritikers (wenn man dem Drehbuch trauen darf) Jorge Bergoglio (aka Francis). Als Bonus unterhalten sich die beiden alten Herren allerdings vor verblüffend echt wirkenden Kulissen, so ein atemberaubender Studionachbau der sixtinischen Kapelle. Zwischendurch gibt es ein paar meist in Schwarzweiss gehaltene Rückblenden aus Argentinien insbesondere in den Junta-Jahren (lobenswerterweise wie viele Passagen des Films mit Untertiteln; für Spanisch, Latein, Italienisch).
Die zwei Päpste ist Schauspielerkino par excellence, vollkommen getragen von den Darbietungen der beiden Altstars Jonathan Pryce, zuletzt bereits ein Kirchenvater in Game of Thrones, und Anthony Hopkins, dem religiöse Epen auch nicht fremd sind - neben Methusalem in Darren Aronofskys Totaluntergang Noah verkörperte er schließlich jüngst noch den Gottvater Odin. Es ist herrlich, den Veteranen zuzuschauen und zuzuhören. Sie machen vergessen, dass es sich im Grunde um ein manipulatives Märchen handelt, das die Personen und Ereignisse verklärt. Kein Wunder bei einem Drehbuch von Anthony McCarten, der bereits in Die Entdeckung der Unendlichkeit und Bohemian Rhapsody Geschichtsfälschungen vornahm. Regie führte der brasilianische Katholik Fernando Meirelles, der 2002 durch das wuchtige City of God berühmt wurde, seitdem aber weniger Glück und Erfolg hatte- sein letztes hochkarätiges Projekt von 2008, die Stadt der Blinden nach einem Roman von Nobelpreisträger José Saramoga, muss man als gescheitert ansehen. Mit Die zwei Päpste liefert er nun wieder große Unterhaltung. Aufgrund des geschönten Drehbuchs kann ich leider nur ein Gut vergeben (7/10).
Bird Box ist ein Zombiefilm ohne Zombies, der die Stärken des Genres in höchst unterhaltsamer Weise variiert: die Angst vor den Nachbarn, der Belagerungszustand, Helden und Feiglinge, unkonventionelle Todesarten und die Flucht ins Unbekannte. Es ist aber kein Splatterfilm, auch wenn natürlich reichlich Blut fließt. Offiziell ab 16 freigegeben, ist es durchaus auch für jüngere Jugendliche geeignet, wenn sie nicht gerade in den USA leben (es wird geflucht, um Himmels willen!)
Das Konzept ist denkbar einfach und funktioniert im Film deshalb auch fabelhaft: Weltweit treten geheimnisvolle Phänomene auf, die Menschen bei Sichtkontakt direkt in den Wahnsinn und den Selbstmord treiben. Monster, die man nicht zu sehen bekommt, waren in der Filmgeschichte schon immer am effektivsten. Hier kündigen sie sich nur durch Lichterspiele, aufgewehte Blätter und das Kreischen von Vögeln an (daher die titelgebende Kiste). Nun kommen die aus der Werbung bekannten Augenbinden ins Spiel (Stevie Wonders Sonnenbrille war wohl nicht verfügbar). In der realen Welt hat dies Nachahmer via der "Bird Box Challenge" schon umgebracht - ich kann nur alle Dummköpfe auffordern, auch mal das Autofahren mit verbundenen Augen auszuprobieren! Aber bitte nur, wenn vernünftige Menschen schlafen...
Den 2014 veröffentlichten Debutroman des Rocksängers Josh Malerman hat Eric Heisserer besser als zuletzt Arrival umgesetzt. Der Hauptteil des Abenteuers, die Ereignisse ab dem Auftreten der Phänomene, wird als Rückblende erzählt, ausgehend von einer atemberaubenden Bootsfahrt fünf Jahre später. Offenbar hat der Adapteur das Ende des Films etwas positiver als in der Vorlage gestaltet, was ich nur begrüßen kann. Deprimierende apokalyptische Alpträume gibt es schon genug. Den kleinen Aha-Moment zum Schluss hätte man übrigens durchaus vorher erraten können, wenn man denn Zeit zum Nachdenken bekommen hätte. Dazu ist die Geschichte aber einfach zu spannend erzählt. Die dänische Regisseurin Susanne Bier, deren Oscar-Gewinner von 2011, In einer besseren Welt, mir weitaus weniger gefallen hatte als die Vorgänger Zwischen Brüdern (2004, mit HippolytaConnie Nielsen) und Nach der Hochzeit (2006, mit Mads Mikkelsen und Sidse Babett Knudsen), inszeniert diesmal geschickt und lässt ihr fabelhaftes Ensemble glänzen (auch wenn man keine große psychologische Tiefe erwarten sollte). Und das ist natürlich der Hauptgrund, warum dieser Horrorthriller funktioniert.
Hauptdarstellerin Sandra Bullock wird im Juli 55 Jahre alt. Wenn man ihr zusieht, kann man es nicht so recht glauben. Sie spielt inzwischen nicht mehr das nette Mädchen von nebenan, sondern starke Frauen, ist aber immer noch höllisch attraktiv (auch ohne viel Makeup). Und wenn Cary Grant mit 60 noch 30jährige becircen durfte, muss es wohl möglich sein, Sandy als werdende Mutter zu besetzen! Sie ist immer noch einer der Stars mit der größten Leinwandpräsenz und zieht Millionen Zuschauer an. Die zehn Jahre jüngere Sarah Paulsen sieht dagegen alt aus, ist als Sandys Schwester (in einer kleinen Rolle) aber überzeugend besetzt. In einer zweiten Hauptrolle glänzt der junge Moonlight-Star Trevante Rhodes (er war schon der ältere Black, jung nur im Vergleich zu seiner Leading Lady). Dann agieren da John Malkovitch (der zwar nur seine bekannte Persona variiert, aber trotzdem immer sehenswert ist), die pfiffige Jacki Weaver (Silver Linings Playbook), die quirlige Rosa Salazar (die demnächst als Alita zu sehen sein wird), der spinnerte Tom Hollander (der sich jüngst gefühlt in jeden dritten Film mogelt), die warmherzige Parminder Nagra (die Hauptdarstellerin aus Bend it like Beckham hat anders als ihr Co-Star Keira Knightley zwar eine solide, aber doch etwas enttäuschende Karriere) und, stets willkommen, Pruitt Taylor Vince (Die Legende vom Ozeanpianisten) in einer leider selten gewordenen sympathischen Rolle.
Bird Box ist nach Bright der zweite Netflix-Blockbuster. Es ist nicht ganz einfach, Streaming mit Kino zu vergleichen, aber die veröffentlichten Zahlen scheinen plausibel. Netflix hat inzwischen ca. 140 Millionen Nutzer weltweit. Bright hatte in den ersten drei Tagen bereits 11 Millionen Zuschauer, Bird Box binnen zwei Wochen schon 45 Millionen Abrufe (was deutlich mehr Zuschauer bedeutet). In Kinoumsätzen ausgedrückt würde ich das mal locker mit 500 Millionen Dollar gleichsetzen. Die Zukunft des Kinos ist angekommen! Netflix ist gerade der MPAA beigetreten (nicht der Monty-Python-Zweig der Anonymen Alkoholiker, sondern der einflussreiche amerikanische Filmverband) und platziert sich auf Augenhöhe mit den sechs anderen Mitgliedern: Paramount, Warner, Fox, Universal, Columbia, Walt Disney. Hier kehrt sich ein 70 Jahre alter Paradigmenwechsel um. 1948 entschied der Supreme Court der USA, dass die Produktion und Verbereitung von Kinofilmen nicht in gleicher Hand liegen dürfe, und zerschlug das Kartell der Studios, die gleichzeitig auch die großen Kinoketten besaßen. Jetzt haben die Studios mittels Streaming wieder die Möglichkeit, die komplette Produktkette zu beherrschen. Und diesmal wird kein Gericht diese globale Entwicklung stoppen können...
Bird Box wird gern mit dem Überraschungshit des letzten Jahres, A Quiet Place, verglichen. Gemeinsam haben die beiden Horrorthriller aber nur, dass sie auf einem einfachen Konzept beruhen (na ja, und dass es eine Geburt gibt, Opfertode, etc.) Bird Box ist keinesfalls eine Kopie, schließlich erschien der Roman vor dem Drehbuch des Krasinski-Projekts. Darüber hinaus fand ich A Quiet Place viel weniger plausibel (es geht hier nur um innere Logik, es ist ja Horror und keine SF), und es begang den Fehler, seine Monster zu zeigen (merkwürdige, spinnenartige Aliens, die auf leisteste Geräusche reagieren, menschliches Atmen jedoch nicht hören können). Im Endeffekt ist es eine Frage des Geschmacks, und Bird Box hat mich einfach viel mehr begeistert. Das erste Geschenk des jungen Kinojahrs: Sehr gut (8/10).
Übrigens eine Bitte an Netflix: Wenn schon Kino, dann will ich auch die Option haben, den Abspann bis zum Ende zu sehen! Momentan muss man da schon sehr schnell und kontraintuitiv reagieren, um nicht stattdessen plötzlich den Trailer für den nächsten Film auf dem Schirm zu haben!
Es ist schon ein Kreuz mit den Netflix-Filmen. Abgesehen vom gelungenen Fantasy-Abenteuer Bright hat mich noch kein Langfilm des Streamingvorreiters so recht überzeugen können (mein nächster Versuch wird Publikumsliebling Bird Box mit Sandra Bullock sein). Aber nun pumpt das junge Studio, das neuerdings Milliarden in Eigenproduktionen investiert, Millionen in die Oscar-Kampagne für das neue, bereits bei den Golden Globes preisgekrönte "Meisterwerk" Roma des zweifachen Oscar-Preisträgers Alfonso Cuarón (für Regie und Schnitt von Gravity). Das American Film Institute (AFI) fühlte sich sogar berufen, einen Special Award zu vergeben, da Mexiko ja nicht zum Homeland gehört und bald auch noch hinter einer Mauer verschwinden wird. Wenn von Kritikerseite überhaupt etwas negatives zu vermerken war, dann über die Veröffentlichungspolitik: Nach einer Woche in ausgewählten Arthouse-Kinos lief das Werk direkt bei Netflix, also "im Fernsehen". Meine Vermutung ist allerdings, dass die Zuschauer im Kino genauso eingeschlafen wären wie zu Hause im Fernsehsessel.
Es ist weniger so, dass der Kaiser keine Kleider anhat, als dass die Kleider keinen Kaiser enthalten. Es sind in der Tat exquisite Bilder, die Cuarón als sein eigener Kameramann komponiert hat. Die Schwarzweissbilder im Widescreen-Format von 2.35 : 1 (was auf einem 16:9-Fernseher mit schwarzen Balken oben und unten maskiert wird) sind ungeheuer detailliert und kontrastreich, die Kamerafahrten elegant, die Nahaufnahmen scharf bis in die Poren. Ein Großteil des Budgets von angeblich 15 Millionen Dollar ist offenbar in die authentische Ausstattung und CGI-Nachbildung des "historischen" Nobelviertels Roma in Mexico City geflossen (die Geschichte spielt Anfang der 70er). Von den Nippes auf den Kaminsimsen bis zur Ford-Galaxy-Limousine, den Wäscheleinen auf dem Dach bis zu den Fliesen im Eingangsbereich stimmt alles. Es ist, als ob man durch ein Fotoalbum der Familie Cuarón blättert, oder einem nostalgischen Diavortrag über Alfonsos Jugend beiwohnt. Aber für mich (und das liegt sicher im Auge des Betrachters) entwickeln sich daraus keine Geschichte, keine Spannung, keine große Sympathie für die Figuren. Alles ist gleichförmig schön und leblos. Das ist mehr ein gut zweistündiger Aufenthalt beim Kunsthandwerker als ein Museumsbesuch. Das beginnt gleich mit der Titelsequenz. Für eine lange Zeit sieht man nur Putzwasser auf den Fliesen der Einfahrt (und auch das erschließt sich erst nach und nach), aber selbst die geringe Spannung, die sich aufbaut, verpufft dann, wenn man aus mittlerer Entfernung schließlich das Putzmädchen mit Wischmop entdeckt. Und übrigens: Der extrem direktionale Dolby-Atmos-Surroundsound hat mich hier eher irritiert, insbesondere bei Perspektivenwechseln, wenn die Dialoge plötzlich von vorn nach rechts hinten wandern. Und die Untertitel (es wird natürlich spanisch und mixtekisch gesprochen) hätte man durchaus ausserhalb des Bildbereichs platzieren können.
Cuarón behauptet, Roma bestehe zu 90% aus seinen Erinnerungen. Es ist aber aus der Sicht des mixtekischen (darf man das so schreiben?) Dienstmädchens Cleo erzählt (deren Vorbild Libo ist der Film gewidmet). Wie gut kann sich der Sohn wohlsituierter Eltern wohl in dieses einfache Mädchen vom Land hineinversetzen, das zwar fast wie ein Familienmitglied behandelt wird, aber doch von der Willkür der Herrschaften abhängig ist? Einen genauen Eindruck davon, wie genau die Familie zu ihr steht, konnte ich übrigens lange nicht gewinnen. Klar, die Kinder lieben ihre Cleo, aber die Mutter Doña Sofia etwa erlebt man lange nur am Rande, und da kommt sie neurotisch und herrisch rüber (was auch durch die Besetzung mit der streng wirkenden Marina de Tavira unterstrichen wird). Umso größer die Überraschung, als sie nach einer Krise plötzlich Wärme und Mitgefühl für Cleo zeigt. Mir scheint das eine unzulässige nostalgische Verklärung, die mit den Realitäten wenig zu tun haben kann. Hinzu kommt, dass die Laiendarstellerin Yalitza Aparicio als Cleo zwar sympathisch rüberkommt und durchaus natürlich agiert, aber mangels Erfahrung ihrem Innenleben selten Ausdruck geben kann. So wirkt ihre Figur oft nur dumm und naiv. Auch eine Krise gegen Ende, aus der sie als kleine Heldin hervorgeht (und die für sie eine Katharsis bedeutet) kann diese Banalität nicht wieder gut machen (aber oft sind es ja die letzten Szenen, die die nachträgliche Beurteilung der Kinogänger am meisten beeinflussen). Mir sind nur wenige gute Momente im Gedächtnis geblieben. Allein die Einparkversuche mit der Limousine in der viel zu schmalen Einfahrt haben mich zum Schmunzeln gebracht (nicht verstanden habe ich allerdings, warum die Hundeköttel von den Dienstmädchen nicht sofort entsorgt wurden).
Es gibt ja Künstler, die werfen einen blauen Farbklecks an die Wand und bringen dann die Kunstkritiker dazu, diesen als die seit Deep Thought beste Antwort auf das Leben, das Universum und überhaupt alles zu interpretieren. In den für mich nicht enden wollenden 135 Minuten von Roma finden Kinokritiker offenbar genug ähnliche Bedeutungsschwere und Symbolik, um tausende von Kolumnen mit ihren Ergüssen zu füllen. Guillermo Del Toro zählt das Werk seines Landsmanns nun zu seinen fünf Lieblingsfilmen. Vielleicht erkennt er seine eigene Kindheit darin, wer weiss. Ich bin kein großer Fellini-Fan (abgesehen von seinem herzergreifenden Oscar-Gewinner La Strada), aber selbst dessen konfus-autobiographischer Namensvetter Roma hat mir mehr zugesagt, ganz zu schweigen von anderen Vorbildern wie Fellinis vergnüglichem internationalen Durchbruch Die Müßiggänger oder gar Buñuels Meisterwerk Die Vergessenen (Los Olvidados). Nun ja, das mexikanische Triumvirat aus Iñárritu, Del Toro und Cuarón hat vier der fünf jüngsten Regie-Oscars eingesackt, und der nächste erscheint zumindest möglich (wenn die Akademie sich nicht wegen der Netflix-Connection sträubt). Von Cuarón liebe ich eigentlich nur Gravity, bis dahin hatten mich sowohl seine Arthouse-Hits (2000: Y tu mamá tambien) als auch seine Hollywood-Beiträge (1998: Great Expectations, mit Gwyneth Paltrow) ziemlich kalt gelassen. Leider ist auch sein jüngster Oscar-Favorit nichts für mich. Mäßig interessant (3/10).
Zwei Jahre nach Jon Favreaus gelungener Realverfilmung von Disneys Dschungelbuch läuft nun seit Freitag die lange erwartete Parallelproduktion Mowgli von Andy Serkis bei Netflix, nachdem Warner Bros. sie unzeremoniell an den Streaminganbieter verhökert hat. Man kann wohl vermuten, dass sie an den Kinokassen gnadenlos untergegangen wäre: zu düster für Kinder, zu zerfahren für Erwachsene.
Wenn ich eine Goldene Himbeere für die schlechteste stimmliche Darbietung des Jahres zu verleihen hätte, ginge diese an die zweifache Oscar-Preisträgerin Cate Blanchett. Ihr Voiceover, mit dem die Python Kaa als Erzählerin zu Beginn und Ende der Geschichte von Mowgli einen Rahmen gibt., ist tierisch peinlich. Sie versucht an die Weisheit der äonenalten Elbin Galadriel anzuknüpfen, kommt aber leider nur wie die pompöse Ansagerin eines Schmierentheaters rüber. Die meisten ihrer Kollegen können etwas mehr überzeugen, so etwa Christian Bale als erstaunlich rumpeliger Panther Bagheera und Benedict Cumberbatch als bedrohlicher, Smaug artverwandter Tiger Shere Khan. Aber die meisten kleinen Rollen, inklusive Andy Serkis' Bär Baloo, wirken fehlbesetzt oder zumindest farblos.
Den Stimmkünstlern kann ich allerdings nicht die Hauptschuld an dieser Naturkatastrophe geben. In zwei weiteren entscheidenden Aspekten versagt die Neuinterpretation von Andy Serkis, der ja bei Peter Jackson in die Lehre ging. Für ihn verkörperte er nicht nur Gollum und King Kong, sondern übernahm oft auch die Regie des zweiten Units. Zum einen geht das Konzept der computergenerierten tierischen Darsteller nicht auf, und zum anderen entfernt sich die Handlung nicht weit genug von der berühmten Disney-Version.
Was bei Gollum und Caesar (in der erfolgreichen neuen Trilogie um den Planet der Affen) eindrucksvoll wirkte, klappt mit Wölfen und Raubkatzen nur bedingt. Über den Motion-Capture-Prozess wurde die Mimik der menschlichen Darsteller auf die computergenerierten Tiere übertragen. Das führt zu verstörenden Chimäreneffekten. Die Figuren werden vermenschlicht, ohne dass sie sich (wie bei Disney) in liebevolle Karikaturen verwandeln. Matt Zoller Seitz nennt das in seiner klugen Kritik (2/4 Sterne) "uncanny valley feeling". Shere Khan ist eben nicht photorealistisch wie sein Argenosse aus Das Leben des Pi, sondern sieht aus wie Cumberbatch im Tigerfell. Die Tierdarsteller sind nicht mehr so putzig wie in der Realverfilmung von Disneys Dschungelbuch, aber doch noch zu vermenschlicht, um als wilde Wesen durchzugehen.
Ähnliches gilt für die Handlung. Ziel der Produktion war es, sich näher an Rudyard Kiplings Buch zu orientieren (allein schon aus rechtlichen Gründen). Das Drehbuch stammt von der völlig unerfahrenen Callie Kloves, Tochter von Steve Kloves (Harry Potter, Wonder Boys, The Fabulous Baker Boys). Es gelingt ihr einfach nicht, Kiplings sparsamer Prosa Fleisch auf die Knochen zu zaubern. Nehmen wir nur Mowglis Entführung durch die Affenbande. Das ist im Buch eine kleine Episode, in der unser kleine Held die Äffchen als Zerrspiegel seiner selbst begreift. Im Film wird daraus eine kurze Actionsequenz, in der die Primaten wie gruselige Gremlins wirken. Oder der immerhin vom Regisseur selbst gespielte Baloo: Er entspricht zwar eher der literarischen Vorlage, gewinnt aber kaum Kontur (vielleicht kann ich auch einfach den gemütlichen Disney-Bären nicht aus meiner Erinnerung verdrängen). In der zweiten Hälfte der Handlung wird's zwar etwas besser, aber die dazuerfundene Figur des Jägers Lockwood (Matthew Rhys) fand ich am Ende nur ärgerlich, vor allem weil die indischen Dorfbewohner nur Kulisse für den weißen Wichtigtuer sein dürfen (inklusive der bezaubernden Freida Pinto, die in einer sehr merkwürdigen Szene dem hübschen Jungdarsteller Rohan Chand die Haare waschen durfte).
So sehr ich Andy Serkis mag (der gerade in Black Panther einen denkwürdigen Schurken gab), so wenig konnte ich mit seiner ersten Regiearbeit anfangen (inzwischen gibt es mit Solange ich atme eine zweite, die bei der Kritik besser weggekommen ist). Und das, obwohl er viele Kollegen aus seinen Mittelerde-Jahren zur Mitarbeit bewegen konnte. Natürlich reicht es für ein paar schöne Bilder (bei entsprechendem Equipment in Dolby Vision und UHD-Auflösung), und es gibt auch spannende und komische Elemente, aber ein überzeugendes Ganzes ergibt das nicht. Vielleicht waren in diesem Fall 100 Minuten tatsächlich zu kurz. Erträglich (4/10).
Vor 2.000 Jahren hat eine Allianz von Menschen, Elben und abtrünnigen Orcs den Dunklen Herrscher besiegt. Nun leben ihre Nachkommen in einem modernen Los Angeles. Allerdings sind die Rassengrenzen nicht überwunden: Elben sind die Reichen und Schönen, Orcs leben in von Gangsterbanden beherrschten Ghettos, und Menschen bilden eine Art Mittelschicht (von Zwergen und Hobbits ist bislang nichts bekannt). Daher ist Officer Daryl Ward (Will Smith) auch nicht begeistert, als ihm mit Nick Jacoby (Joel Edgerton) der erste Orc-Polizist von L.A. als Partner zugeteilt wird. Der macht sich gleich verdächtig, als er einen orcischen (ist das die politisch korrekte Bezeichnung?) Räuber nicht dingfest machen kann, der zuvor Ward eine Schrotladung in die kugelsichere Weste verpasst hatte. Selbst die interne Revision möchte den Fremdkörper loswerden, doch dann spitzen sich die Ereignisse zu...
Alles klar, oder? Ein x-ter neuer Aufguss der Buddy-Komödie, mit einem Twist, der 1991 als Spacecop L.A. 1991 ("Alien Nation") schon kläglich gescheitert war, trotz der sympathischen Stars James Caan und Mandy Patinkin (ich kann gar nicht genug betonen, wie grauenvoll dieses Machwerk nach einem Buch von Rockne S. O'Bannon war, welches trotzdem eine kurzlebige Fernsehserie auskotzte). Die Brachialgewalt, mit der Netflix seit einem Monat versuchte, mir dieses Prestigeobjekt Bright in den Schlund zu rammen, hatte meine Skepsis nur verstärkt (über Wochen startete der Film jedesmal durch, sobald ich auf meinem Samsung-Fernseher die Netflix-App aufrief).
Soweit die Vorurteile. Aber dann habe ich erkannt, wer denn hinter dem 90-Millionen-Projekt steckt. Drehbuchautor Max Landis hat sich mal eben 3,5 Millionen vom Kuchen einverleibt - selbstredend nur ein Bruchteil der Gage für den Star Will Smith, aber ein dickes Tortenstück für einen Schreiberling. Und eines sind die Werke von Max Landis niemals: vorhersehbar. Klar spielt er mit gängigen Klischees, setzt diese aber mit ungeheurem Erfindungsgeist neu zusammen, nach dem bewährten Tarantino-Prinzip. Der Sohn von Kultregisseur John Landis (Blues Brothers) und seiner Kostümdesignerin Deborah Nadoolman (Oscar-nominiert für Der Prinz aus Zamunda) ist gerade 32 Jahre alt und für Autorenverhältnisse schon ein Veteran. American Ultra mit Jesse Eisenberg und Kristen Stewart sowie Mr. Right mit Sam Rockwell und Anna Kendrick waren zwar keine Publikumsrenner, aber ragen aus dem Studioeinerlei der letzten Jahre allemal heraus.
Ein "Bright" ist ein magisches Wesen, meist eine Elbenfrau, dessen Kernfähigkeit erstmal darin besteht, nicht zu explodieren, wenn es einen Zauberstab berührt. Man müsste das mit "Lichtwesen" übersetzen, auch wenn die Brights, denen wir in Bright begegnen, eher der Dunkelheit zugetan sind (und den Dunklen Herrscher von den Toten auferwecken wollen). Hier findet sich endlich einmal wieder eine passende Rolle für Noomi Rapace, die eindrucksvolle Originalbesetzung der Lisbeth Salander in Verblendung, deren schwedische Merkwürdigkeit und Intensität zuletzt in Prometheus verschenkt waren. Hier leuchtet sie als Antagonistin Leilah mit mindestens 10.000 Lumen. Will Smith dagegen macht ein klein wenig auf Tommy Lee Jones, spielt aber doch nur eine mürrische Variante seiner patentierten Persona. Max Landis hat ihm aber tolle Dialoge auf den Leib geschrieben ("Wir sind nicht in einer Prophezeiung, sondern in einem Toyota Corolla"). Und die Chemie zwischen ihm und Joel Edgerton stimmt. Der verschwindet zwar fast hinter der Orc-Maske, was aber ein Vorteil ist, denn etwa als Ehemann der wunderbaren Ruth Negga im auch sonst sehr konventionellen Loving war er doch arg farblos. Den Tolkien-Analogien darf man übrigens nicht zu weit folgen, sonst landet man im Land der Copyright-Verletzungen. Also wohl doch keine Hobbits, auch nicht in der (bereits beauftragten) Fortsetzung...
Bright ist sicher nicht perfekt. Ich hätte gern noch intensiver das allegorische Alternativ-L.A. ausgekostet, in das man übrigens fast ohne dröge Erklärungen hineinkatapultiert wird. Aber mehr noch hätte ich mir eine kompetentere Regie gewünscht (Landis selbst hat sich bislang erst an einem Langfilm versucht, der noch auf meiner Liste steht). Warum er ausgerechnet Suicide-Squad-Hack David Ayer favorisiert hat, entzieht sich meinem Verständnis - dessen schmutzige Erzählweise, die Denzel Washington in Training Day 2002 immerhin einen Oscar einbrachte, entspricht einfach nicht meinem Geschmack. In den Händen etwa von Edgar Wright hätte dies ein kleines Meisterwerk werden können. Wenn ein Autor solch komplexe Welten wie Max Landis erfindet, sollte ein Regisseur eher gegensteuern und den Zuschauer nicht durch unklare Schnitte noch weiter verwirren. So bin ich mir immer noch nicht sicher, wer wen wo umgebracht hat - aber das ist auch nicht die Hauptsache. Stattdessen gibt es massenhaft Spannung und Spaß, wenn man sich auf die aberwitzigen, übrigens ziemlich blutigen Geschehnisse einlässt. Sehr gut (8/10)!
Vielleicht ist das Fernsehen das bessere Medium für die Ausgeburten von Max Landis' verquerer Phantasie. Sie benötigen Raum, um sich auszubreiten, und Darsteller, die nicht davor zurückschrecken, mal über die Stränge zu schlagen. Daher bin ich auch besonders betrübt, dass BBC America seine Serie Dirk Gentlys holistische Detektei nun nach der zweiten Staffel einstellt (Netflix war nur Ko-Produzent und Zweitauswerter, wie inzwischen bei den meisten BBC-Produktionen). Nach der Freischaltung der letzten Staffel gehörte die Show zwar zu den meistnachgefragten in der IMDB, die Zahlen scheinen aber trotzdem nicht zu genügen. Wie alle Stoffe von Max Landis polarisiert auch diese Serie (Bright hat einen riesigen Zuschauerzuspruch, aber nur einen Kritikerscore von 29/100). Was die Douglas-Adams-Fans anbelangt, wäre man vielleicht besser beraten gewesen, sie nur als "inspiriert von Douglas Adams Romanen" statt "nach den Romanen von" zu bewerben.
Man stelle sich vor, es hätte Dirk Gently nach seinen Abenteuern mit dem elektrischen Mönch und der langen Tee-Zeit der Seele nach Amerika verschlagen. Plausibel, dass er mit der feinen englischen Art überall aneckt und sich schließlich einen einheimischen Assistenten sucht. Mangels sozialer Fähigkeiten wählt er den holistischen Ansatz - er zerstört systematisch das Leben des Hotelpagen Todd, bis dieser mangels Alternativen und höchst unfreiwillig nachgibt. Es entwickelt sich eine höchst unkonventionelle Freundschaft, und nebenbei werden ein paar phantastische Fälle aufgeklärt. Nacherzählen kann man die allerdings nicht, und allein die Aufzählung der Figuren würde Seiten verschlingen. Da gibt es gewöhnliche Polizisten, Bundespolizisten, CIA-Agenten, Mitglieder einer geheimen Regierungsorganisation, Kriminelle, Privatdetektive, Psychovampire und unangenehme Nachbarn. Und damit sind wir noch nicht bei den wirklich merkwürdigen Personen. Es gibt mit Dirk nicht nur einen holistischen Detektiv, sondern in Bart auch eine holistische Attentäterin und (kleiner Spoiler für die zweite Staffel) eine holistische Schauspielerin 😏
All das presst Landis in die 8+10 Episoden der zwei Staffeln - die erste kreist um eine Zeitmaschine und eine 15jährige Millionenerbin, deren Bewußtsein in einen Hund verpflanzt wird, die zweite um eine Taschenmärchendimension mit Schmunzelmond, einem bösen Magier (mit noch böserer Assistentin) und die ineinander verliebten Prinzen zweier verfeindeter Clans. Für soviel Skurrilität muss man schon aufnahmebereit sein. Erzählkonventionen gehen gleich den Bach runter, und es dauert mehrere Folgen, bevor man überhaupt grob versteht, worum es hier geht. Aber man wird reichlich belohnt, mit liebenswerten Figuren, schönen Dialogen und herrlichen Situationen. In der ersten Staffel sorgt Bart für einige der schönsten. Es ist beispielsweise nicht empfehlenswert, eine holistische Attentäterin an einen Baum zu fesseln und mit einer Pistole auf sie zu zielen - im Gegenteil, in der Welt von Max Landis ist das eine sichere Selbstmordmethode.
Im Zentrum der Geschichte steht nicht, wie man erwarten würde, die Titelfigur, sondern als naheliegendere Bezugsperson für den Zuschauer eher Assistent Todd, perfekt besetzt mit "Frodo" Elijah Wood. Er hat mit Mitte 30 immer noch diese anbetungswürdigen Telleraugen, vermag aber auch die Frustration und die Verwirrtheit des verhinderten Rockstars zu vermitteln, der plötzlich in Dirks verrückte Welt versetzt wird. Dirk selbst (Samuel Barnett - ihn kannte ich bislang nicht) nervt gelegentlich den Zuschauer noch mehr als Todd, gewinnt in der zweiten Staffel aber an Profil, natürlich durch eine Sinnkrise (er kommt auf die aberwitzige und fast fatale Idee, den Fall doch mal konventionell durch Kombinieren zu lösen). Dritte im Bunde und zuständig für phyische Konfrontationen (denen Dirk und Todd nicht so recht gewachsen sind) wird Farah, ursprünglich Bodyguard der erwähnten Millionenerbin, verschmitzt taff gespielt von der jungen Jade Eshete mit mörderischer Afrofrisur.
Im Orbit des Trios befinden sich auch Hannah Marks als Todds Schwester Amanda (die aber schnell mit den Psychovampiren durchbrennt) und Mpho Koaho (Falling Skies) als lakonischer IT-Experte Ken, der versehentlich von Bart nicht umgebracht wird (Als sie in der 2. Staffel nach ihm sucht, muss sie entgeistert feststellen: "Es gibt mehr als einen Ken?") Überhaupt Bart: Wenn man auf ein Klischee ein weiteres packt, neutralisieren sich die beiden dann? Offenbar schon, denn Brad Dourifs Tochter Fiona kann ihre Gene nicht verleugnen, ist aber einfach herrlich als Bart mit ihren ewig-blutverschmierten wirren Haaren, ihrer Alles-Egal-Einstellung und der schmutzigen Schnauze. Auch hier muss ich wieder die Dialoge von Max Landis erwähnen, die jeder Figur passgenau auf den Mund geschrieben sind. So hat auch jeder Nebendarsteller mal Gelegenheit zu glänzen, und die meisten nehmen die Chance bravourös wahr.
Es gehört sicher eine gehörige Portion Mut dazu, einen Hund in Menschengestalt, einen Ritter mit pinken Haaren oder eine Hexe mit Chitinpanzer zu spielen. Die Effekte und Kostüme sind ja gewollt grellbunt, für eine Fernsehproduktion konnte man sich zumindest aus einer prallgefüllten Phantasietüte bedienen. Hervorheben möchte ich noch Michael Eklund als charismatischen Anführer der Psychovampire, der schon in Wynonna Earp als Bobo Del Rey beeindruckte und in Mr. Right als Gangster auftaucht. Dazu kommen in Staffel 2 einige Schwergewichte als wichtige Gäste: John Hannah (Vier Hochzeiten und ein Todesfall, Agents of SHIELD) als verrückter Magier, Amanda Walsh als seine durchgeknallte Assistentin Suzie und "Wash" Alan Tudyk als Blackwing-Kommando "Priest" (ist das ein Nod zur geistesverwandten Amazon-Serie Preacher? Die hat man übrigens noch nicht abgesetzt.) Mit Sicherheit keine Einheitskost, allerdings auch recht blutig (aber brutal nur in überzeichneter Weise), kann ich Dirk Gently's Holistic Detective Agency trotz der Absetzung uneingeschränkt empfehlen (es gibt nur kleine unaufgelöste Cliffhanger).
Nach einem Jahrzehnt der Spazierengehenden Toten bin ich nun auch vom Virus infiziert. Nicht vom Dallas-inspirierten Original, nicht von der hirnlos-brutalen Variante Z Nation, nicht von der hochrangig besetzten (durchaus sehenswerten) Sitcom-Version Santa Clarita Diet. Gepackt hat mich vielmehr eine sonnige CW-Variante, die in Seattle spielt, aber in Vancouver gefilmt wird: iZombie
Basierend auf den Klassikern, entwickelt jede übernatürliche Show ihre eigene Mythologie mit der gewünschten Zielgruppe und Dramaturgie angepassten Abweichungen. Während Vampire bei Buffy noch (mit wenigen Ausnahmen) rein dämonengesteuert waren, behielten sie in True Blood bereits ihre Persönlichkeiten (ggf. nach einigen Jahrhunderten megalomanisch aufgebläht). In den Vampire Diaries unterliegen sie sogar Jahrtausende lang ihren pubertären Hormonschwankungen (wie sonst wollte man die Kapriolen von Urvampir "Klaus" erklären?) Das gleiche gilt für Zombies. In iZombie werden Infizierte nur dann zu Romeros Monstern, wenn sie nicht regelmäßig menschliche Gehirne verspeisen können. Die Ansteckungsgefahr ist allerdings hoch, was Liebesbeziehungen kompliziert macht. Ansonsten hat der Tod auch Vorteile...
Medizinstudentin Olivia "Liv" Moore hat die Not zur Tugend gemacht und arbeitet nun in der Pathologie, wo sie sich regelmäßig mit ihrem Grundnahrungsmittel versorgt (tot darf die Nahrungsquelle schon sein). Die Zubereitung wird übrigens, nur mäßig eklig, mit der Ästhetik eines hippen Kochstudios zelebriert. Dies ist einer von etlichen visuellen Kniffen, mit denen Schöpfer Rob Thomas (Veronica Mars) der Serie seinen Stempel aufdrückt (und sich an die Ursprungs-Comic von Chris Roberson and Michael Allred anlehnt). Gelungen sind auch die Zwischentitel, in denen sich aus einem gezeichneten Standbild jeweils die nächste Szene entwickelt, untermalt von eingeblendeten Kalauern (gleiches gilt auch für die Episodentitel, etwa "Brother, can you spare a Brain?"): "Dead Giveaway", "Major Buzzkill", " Zom-Boy and his Dog", "Pawn of the Dead", etc. Dazu passt die Titelsequenz, auch wenn die Musik (von "Deadboy & the Elephant Men") diskussionswürdig wäre:
Der mit dem Tod einhergehende Albinolook steht Liv übrigens ausgezeichnet - ihre Mit-Zombies greifen gelegentlich zu Färbemitteln und Makeup und sind dann nur schwer von lebenden Menschen zu unterscheiden (sicheres Indiz ist allerdings, dass sie durch ein Messer ins Herz nicht zu stoppen sind). Eine kuriose Begleiterscheinung nutzt Liv nun "beruflich": Die verspeisten Gehirne lösen in ihr kurze Visionen mit Erinnerungs-Flashbacks der Opfer aus. So kann sie Detective Babineaux bei der Aufklärung diverser Morde helfen. Eine weitere Nebenwirkung möchte ich als zentralen Kniff der Serie hervorheben: Liv nimmt während einer solchen Diät (ein Gehirn langt offenbar für mehrere Tage) Persönlichkeitsmerkmale der Vorbesitzer an. Natürlich ist dieses Ermittlungsteam noch absurder als das Bones-Duo. "Ich bin Detektiv Beabineaux, und das ist die Leichenbeschauerin Moore (für den Fall, dass wir bei Ihnen noch Tote unter'm Sofa finden)". Livs ganz spezielle Einsichten ins Leben der Opfer gibt der ansonsten eher drögen, in hunderten von Cop-Shows bereits durchgespielten Aufklärung der Kriminalfälle eine besondere Würze, die gefühlt für ein Drittel des Spaßes sorgt. Die anderen Drittel gehen aufs Konto von Livs sympathischen Mitstreitern und das der charismatischen Schurken.
Livs engster Vertrauer ist Ravi, ihr Chef in der Pathologie, mit britische Eleganz gespielt vom Londoner (mit offenbar indischen Vorfahren) Rahul Kohli. Er ist von Anfang an in ihr Geheimnis eingeweiht und forscht fieberhaft nach einer Heilungsmöglichkeit für den Virus. Dazu züchtet er eine lange Versuchsreihe von Zombie-Ratten, die ihrerseits viel Verwirrung stiften. Detektiv Clive Babineaux habe ich bereits erwähnt. Er ist zwar misstrauisch ob Livs Wunderseher-Fähigkeiten, die Erfolge bei den Ermittlungen stellen ihn aber zunächst zufrieden. Obwohl seine Figur weniger entwickelt ist, versieht Malcolm Goodwin sie mit trockenem Humor, aber auch zielstrebiger Kompetenz. Dritter Mann im Spiel ist Livs (Ex-)Verlobter namens "Major Lilywhite", gemäß seinem Namen das einzige Weissbrot des Trios. Mit dem Sozialarbeiter mit Model-Look und Bodybuilder-Muskeln wurde ich am wenigsten warm. Dafür gibt es noch eine Reihe interessanter (und attraktiver) Frauen, so Livs Mitbewohnerinnen Peyton und (in der zweiten Staffel) die geheimnisvolle Gilda, nicht ohne Grund nach Rita Hayworths Paraderolle benannt.
Und dann wären da noch die Schurken - nicht die Verbrecher, die wöchentlich den Ermittlern ins Netz gehen, sondern diejenigen, die die langfristigen Handlungsbogen speisen. Der übelste und beste und hinterlistigste und charmanteste von ihnen ist Blaine, der die Untoten als Geschäftsmodell begreift und reiche Mitbürger zombifiziert, um sie dann zu überhöhten Preisen mit Gehirnnahrung zu versorgen (in der zweiten Staffel hat er sich clevererweise als Beerdigungsunternehmer etabliert). Thomas Anders spielt Blaine mit soviel Elan und Doppelbödigkeit, dass er inzwischen als Hauptdarsteller genannt wird. Der Genre-Veteran hat seinen schmierigen Charme bereits erfolgreich in Alias, Heroes und die Vampire Diaries (als Elenas Vater John Gilbert) eingebracht. Blaine ist inzwischen lange nicht mehr der einzige Bösewicht, denn mit seinem Vater (Robert Knepper), dem Crime-Lord Mr. Boss (Eddie Jemison) und insbesondere dem "Max Rager"-CEO Vaughn Du Clark (Steven Weber), der den Virus für seinen Energy Drink "Super Max" ausschlachten möchte, werden erfolgreich weitere starke Player eingeführt. Bei einem solch gemischtem Spielfeld findet sich Liv durchaus ab und zu auf der Seite von Blaine wieder, denn beiden ist nichts an der Zombie-Apokalypse gelegen.
Herz der Geschichte bleibt trotzdem Liv, und Rose McIver hätte ähnliche Beachtung verdient wie Tatjana Maslani für Orphan Black, die jüngst überraschend einen Emmy gewann. Die noch nicht 30jährige Neuseeländerin (sie spielte bereits 2009 für Peter Jackson eine Nebenrolle in The Lovely Bones) muss zwar nicht gleichzeitig mehrere Klone darstellen, aber doch fast jede Woche in eine andere Haut schlüpfen. Von der Nörglerin ("Grumpy Old Liv") über die notorische Lügnerin hin zur ewig-fröhlichen Kaffeehausbesitzerin hat sie alle Nuancen drauf. In "Even Cowgirls Get the Black and Blues" verblüfft sie sogar mit authentischem Country-Gesang und passender Gitarrenbegleitung. Es ist überaus beeindruckend, wie subtil sie ihre Körperhaltung und ihre Sprachrhythmen anpassen kann. Trotz mancher Rückschläge und Depressionen bleibt Liv in ihrer Grundpersönlichkeit zum Glück immer noch ein hinreissender Sonnenschein. Hatte ich schon erwähnt, dass sie auch mit weissen Haaren und blassem Gesicht sehr attraktiv ist?
Mit seinem heiteren Grundton, den sympathischen Figuren und herrlichen, mit Popkultur-Referenzen gespickten Dialogen ist iZombie für mich ein würdiger Nachfolger für Grimm, spaßige Unterhaltung mit Spannung und Herz. Mit Veronica Mars konnte ich trotz einer ansprechenden Hauptfigur (Kristen Bell) nicht sonderlich viel anfangen, aber hier hat Schöpfer Rob Thomas gemeinsam mit Diane Ruggiero ein höchst unterhaltsam Konzept entwickelt. Natürlich gibt es noch genug Möglichkeiten, den Spaß zu ruinieren, und der Höhepunkt der zweiten Staffel lässt befürchten, das es in Zukunft süsterer weitergehen könnte. Bis dahin aber vermisse ich Liv, Ravi, Clive und Blaine bereits - die zweite Staffel kann man seit einigen Monaten bei Netflix streamen, die dritte läuft im US-TV gerade aus, und eine vierte ist angekündigt.
Sense8 ist sensationelles Fernsehen, und das meine ich nicht als sinnentleertes Superlativ. Den Begriff "Fernsehen" nutze ich allerdings nur in Ermangelung einer modernen Bezeichnung für diese neue Art Kino: ein zehnstündiges Seh- und Hörerlebnis, aufgeteilt in zwölf Teile, nicht in wöchentlichen Happen, sondern in seiner Gesamtheit seit Juni zum Streamen bei Netflix verfügbar. Was nicht heißt, daß man die Serie am Stück konsumieren sollte (in moderner Lingo: Binge-Watching). Besser verteilt man diesen Genuß auf mehrere Abende, auch um eine Sinnesüberladung zu vermeiden.
Anläßlich ihrer jüngsten Kino-Extravaganz (Jupiter Ascending) hatte ich die Wachowskis bereits abgeschrieben, allerdings auch erwähnt, daß sie jemand benötigen, der ihre überbordende Fantasie in vernünftige Bahnen zu lenken weiß. Mit J. Michael Straczynski konnten sie einen solchen ordnenden Co-Autor gewinnen. Der gerade 61 gewordene TV-Veteran hat in den letzten Jahren mit durchwachsenem Erfolg fürs Kino geschrieben (u.a. trug er zur Story von Thor und dem mittelmäßigen Brad-Pitt-Zombie-Spektakel World War Z bei, schrieb außerdem das Buch zum grauenhaften Clint-Eastwood-Debakel Der fremde Sohn). Aber natürlich hat er seinen Platz im SF-Pantheon bereits sicher, und zwar als Schöpfer der grandiosen Space Opera Babylon 5 (1994 - 1998). Ein Geheimnis ihres Erfolges war ein von vornherein auf fünf Staffeln angelegter Handlungsbogen mit geschickter, stufenweiser Enthüllung der unterliegenden Mythologie, ein trotz störender Einflußnahme des produzierenden Senders aufgegangenes Konzept (nach der ersten Staffel mußte der Hauptdarsteller gewechselt werden, die vierte Staffel brachte die eigentliche Haupthandlung aufgrund einer drohenden Absetzung überhastet zu Ende). Es mag manchen verwundern (wer beginnt schon einen Roman zu schreiben, ohne das Ende zu kennen), aber diese Vorgehensweise ist bei Fernsehserien ungewöhnlich; selten planen ihre Macher ("Schöpfer") mehr als ein bis zwei Jahre im voraus. Und noch seltener ergibt sich daraus ein zufriedenstellendes Ganzes (wie bei Lost); manchmal kann man hoffen, daß die Serie erst nach einigen Jahren in sich zusammenbricht (wie das neue Battlestar Galactica), aber meist stellt das Ergebnis eine amorphe Ansammlung von beliebigen Miniaturhandlungssträngen dar (Star Trek DS 9). Im schlimmsten Fall werden die Geschichten wild zusammengewürfelt, wie etwa in der katastrophalen zweiten Staffel von Sleepy Hollow, nachdem die Assistenten die Show übernommen hatten ;-)
Zurück zu Sense8. Andy und Lana (vormals Larry) Wachowski und Straczynski haben ihr neues Projekt offenbar sorgfältig geplant. Ebenfalls auf fünf Jahre angelegt, hat Netflix immerhin gerade die zweite Staffel beauftragt. Neben der Zusammenarbeit beim Drehbuch war allerdings noch mehr Kollaboration von Nöten. Sense8 ist nämlich eine cineastische Weltreise mit Handlungsorten in neun Städten auf vier Kontinenten. Viele Szenen wurde an Originalschauplätzen gedreht, und so mußte sich das Produktionsteam aufteilen, und die Regie übernahmen je nach Drehort (unabhängig von den Episoden) neben den Wachowskis Tom Tykwer (der sich mit den Geschwistern ja bereits in Cloud Atlas glänzend verstanden hatte) in Berlin und Nairobi, James McTeigue (der mit V wie Vendetta bereits vor zehn Jahren ein Wachowski-Script erfolgreich umsetzen konnte) in Mexico City und Mumbai, außerdem der Zauberer der visuellen Effekte, Dan Glass, in Seoul. Tykwer steuerte zudem mit seinem langjährigen Bandkollegen Johnny Klimek die hypnotische Musik bei.
Worum geht es? Zunächst mal werden acht separate Geschichten erzählt, um acht Figuren Anfang 30, die mal mehr, mal weniger typisch für ihre jeweilige Heimatstadt stehen. Dabei wird sicher so manches Klischees gestreift, und aus dramaturgischen Gründen gelegentlich dick aufgetragen. Es sind Außenseiter, die schnell in kriminelle oder zumindest gewalttätige Situationen verstrickt werden. Jede denkbare Schattierung von Gangstern, aber auch faszinierende Lebensläufe werden uns hier präsentiert. Oft agieren die Darsteller, mindestens die Nebendarsteller in ihrer Heimatstadt, was ihr Spiel auf eine intime Ebene hebt. Zwar filtern die amerikanischen Autoren die für uns exotischen Schauplätze notgedrungen durch eine westliche Sichtweise, aber trotzdem hat man noch nie soviel Vielfalt in einer Fernsehserie zu Gesicht bekommen (und das in atemberaubend schönen Bildern; die Kameraführung ist Oscar-würdig). Dies sind die Hauptfiguren:
Da ist der idealistische Chicagoer Polizist Will (Brian J. Smith, Genre-Fans bekannt aus Stargate Universe). Als er einen angeschossenen schwarzen Teenager ins Krankenhaus bringt, werden wir gleich mit der vollen Wucht der US-amerikanischen Hybris konfrontiert. Kaum jemand rührt einen Finger für den verletzten Jungen; selbst Wills Kollege und Freund erklärt ihm, daß dieser schließlich zu einem Gangster heranwachsen und (weiße) Polizisten umbringen werde...
DJ Riley mit flippig weißgefärbten Haaren (Tuppence Middleton, mir eher durch ihren Namen als bisherige Rollen geläufig) gerät in London mit Drogenhändlern aneinander und flieht in ihre Heimat Island. Ihr Vater, ein übriggebliebener Hippie und gefeierter Konzertpianist, nimmt sie freudig auf, aber ihre Vergangenheit birgt ein traumatisches Ereignis...
Sun (Doona Bae aus Cloud Atlas) ist Vizepräsidentin im Konzern ihres Vaters, neben Tabellenkalkulationen beherrscht sie jedoch auch asiatische Kampfkünste. Als sie Unterschlagungen ihres nichtsnutzigen Bruders aufdeckt, soll sie sich für die Ehre ihrer Familie opfern...
Capheus (der Brite Aml Ameen, in Maze Runner unauffällig wie das gesamte Ensemble) schlägt sich in Kenia als kleiner Busunternehmer durch. Um Medikamente für seine AIDS-kranke Mutter zu besorgen, läßt er sich mit einem Crime Lord ein. Seine Geschichte ist zum einen die traurigste aufgrund der verzweifelten Situation in den Slums von Nairobi (niemand weiß, ob die teuren Schwarzmarktmedikamente nicht wirkungslose Kopien sind), anderseits zeigt er auch den größten Lebenswillen, wenn er seinem Vorbild Jean-Claude Van Damme nacheifert...
Kala (Tina Desai aus dem sehenswerten Best Exotic Marigold Hotel) hat in Mumbai einen guten Job als Chemikerin und soll den Sohn eines privilegierten zwielichtigen Geschäftsmannes heiraten. Wird dies wirklich die erste Liebesheirat in der Familie? Traditionen (Ganesh-Tempel) und Moderne (Bollywood-Tanz) prallen aufeinander...
Wolfgang (Max Riemelt aus Die Welle, deutschen Fernsehzuschauern wahrscheinlich bekannter als mir) betreibt in Berlin einen vom Vater geerbten Schlüsseldienst, ist im Nebenjob allerdings Spezialist fürs Safe-Knacken und kommt durch einen Diamantenraub seinem schwerkriminellen Onkel ins Gehege. Auch seine Vergangenheit birgt ein dunkles Geheimnis...
Lito (der Spanier Miguel Ángel Silvestre, er war in Fliegende Liebende der "Verlobte") ist ein berühmter Actionheld des mexikanischen Kinos, ein Macho par excellence - nur ist er privat mit einem Mann liiert, was im konservativen Mexico City natürlich nicht bekannt werden darf. Als allerdings seine Kollegin Daniela bei ihm Zuflucht vor einem Gangster sucht und sich mit Lito und seinem Geliebten anfreundet, muß er sich zwischen Ruhm und Liebe entscheiden...
Nomi (sexy Stimme: Jamie Clayton) wurde als Michael geboren, lebt jetzt aber in der Stadt der Liebe (und der Toleranz?) San Francisco mit ihrer Geliebten, wo sie von einem fragwürdigen Doktor für eine freundschaftliche Lobotomie zwangseingewiesen wird. In einer der am schwersten zu ertragenden Szenen versucht Nomis Mutter ihrem "Michael" zu erklären, wie die Operation "ihn" von den Wahnvorstellungen befreien wird (Jamie Clayton ist selbst, wie Lana Wachowski, Transgender, was dem Handlungsstrang zu einer beklemmende Authentizität verhilft).
Diese acht ungewöhnlichen Menschen kennenzulernen, wäre allein schon lohnenswert. Doch ihr Schicksal ist auf eine geheimnisvolle Weise verknüpft. Sie bilden einen Cluster von "Sensates", die unabhängig von Entfernung und kulturellem Hintergrund in einer Art telepathischer Verbindung stehen, die sich ihnen erst allmählich erschließt (warum dies erst jetzt passiert, wurde bisher nicht erklärt). Zunächst glauben sie Halluzinationen zu erleben, finden sich plötzlich in fremden Umgebungen wieder. Die ersten Kontakte geschehen paarweise, dann baut sich ein immer komplexeres Netzwerk auf. Die Sensates lernen, Kenntnisse und Fähigkeiten auszutauschen, zunächst eher instinktiv, dann immer zielstrebiger. Filmisch wird dies erst durch fremde Reflexionen im Spiegel, dann durch virtuelle Gespräche gezeigt, bei denen die Teilnehmer mal in die Umgebung des einen, dann des anderen Partners auftauchen. Es ist wunderbar spannend, diesen langsamen Prozeß zu beobachten und herbeizusehnen, und zur Belohnung gibt es einige grandiose Szenen, wie ich sie nie für möglich gehalten hätte. Das reicht von einer nachdenkliche Unterhaltung zwischen den Stelen des Berliner Holocaust-Denkmals über achtstimmiges Karaoke zu einer ungeheuer sinnlichen Sexszene (einer intime Orgie) bis hin zu einem einzigartigen Konzerterlebnis in der Harpa Hall in Reykjavik.
Doch Sense8 ist beileibe kein trockenes intellektuelles Werk mit Seifenopern-Komponenten. Es gibt genug Prügeleien, Verfolgungsjagden und Shootouts, um den Actionfan in uns allen zu befriedigen, und mehr und mehr muß der Cluster alle seine Fähigkeiten integrieren, um einzelne Sensates aus verzwickten Situationen zu retten. Er hat nämlich mächtige Feinde, die bereits in der ersten Episode ihren Auftritt haben, als nämlich Angelica (keine Jungfrau am Haken mehr: Daryl Hannah) sich nur durch Selbstmord vor dem finsteren Mr. Whispers (Terrence Mann, "Bob" aus den Dresden Files) retten kann (und damit möglicherweise den neuen Cluster gebiert). Und dann ist der der zwielichtige Jonas (Naveen Andrews aus Lost), der eine spezielle Verbindung zu Will hat - steht er auf der Seite der Sensates, oder hilft er Mr. Whispers bei der Jagd nach ihnen? So kann man die Serie auch einfach als spannendes Abenteuer betrachten. Mich spricht allerdings besonders an, daß hier bei allen dargestellten Konflikten und sogar Tragödien endlich mal wieder eine positive Utopie präsentiert wird. Die Verbindung der Sensates postuliert zumindest die Möglichkeit der Kommunikation über Kultur- und Geschlechterschranken hinweg, eine Fähigkeit, die uns die Evolution an sich nicht mitgegeben hat.
Es dauert eine Weile, bis man sich in der komplexen Welt von Sense8 orientiert hat. Die Pilotfolge hat bestimmt nicht nur mich etwas verwirrt und ratlos zurückgelassen. Ich glaube nicht, daß man dann diese Folge ein zweites Mal schauen sollte. Stattdessen empfehle ich, direkt die zweiten Folge anzuschließen. Ich verspreche, daß alles spätestens ab der dritten Folge nachträglich einen Sinn ergibt und ab dann den aufnahmebereiten Zuschauer komplett in seinen Bann schlägt. Vielleicht wäre es besser gewesen, nicht alle acht Hauptfiguren sofort einzuführen, vor allem da die wenigsten Schauspieler dem Zuschauer geläufig sein dürften. Im Nachhinein mag es aber besser sein, daß man beim Start dem gleichen Schock wie die acht Sensates ausgesetzt ist. Und Sense8 ist eine Serie, die man sicher mehrfach anschauen wird. Vielleicht hilft Einsteigern auch dieses Interview mit J. Michael Straczynski, in dem er auch die Art der Zusammenarbeit mit den Wachowskis erläutert (und übrigens Wert darauf legt, daß die Transgender-Figur seine und nicht Lanas Idee war und sich logisch aus ihrer Rolle im Cluster ergab).
Sense8 ist keine Show für Fans von Teenie-Serien, die unendlich darüber diskutieren können, wer wann wie oft mit wem verbändelt werden sollte. Sie wird auch nicht die Breitenwirkung von House of Cards haben, welches ich aufgrund seines zynischen Grundtons nicht besonders schätze. Und natürlich gibt es für die einen "zu viel Sex", für die anderen "zu wenig Action". Aufgrund der Kommentare in der IMDB muß man schließen, daß der Kern der Geschichte an vielen Zuschauern völlig vorbeigeht. Das ist aber in Ordnung, Qualität kann man leider nicht am Konsenzvermögen messen. Frank Darabonts geniale Stephen-King-Verfilmung Die Verurteilten (The Shawshank Redemption) steht ja nicht deshalb an der Spitze der IMDB Top 250, weil sie der beste Film aller Zeiten ist, sondern weil sie offenbar viele unterschiedliche Menschen anspricht (mich eingeschlossen). Sense8 ist gedacht für eine Generation von Science-Fiction-Fans, die neben coolen Weltraumschlachten auch an menschlichen Schicksalen, vielleicht sogar am Schicksal der Menschheit interessiert ist. Es ist gedacht für meine Generation und die ihrer Regisseure, gerade endgültig aus den Zielgruppen der Werbewirtschaft herausgefallen und doch noch aufgeschlossen für neue Stoffe, die neuartig präsentiert werden. Insofern macht sich Netflix (neben HBO, Showtime und anderen) verdient um das Fernsehen der Zukunft. Inzwischen bietet Netflix übrigens einen interessanten 20minütigen Blick hinter die Kulissen der Produktion.