In der Anfangsszene der Star-Trek-Episode Descent (1994, TNG S06E26) spielt Data auf dem Holodeck eine Runde Poker mit Isaac Newton, Albert Einstein und Stephen Hawking. Letzterer spielt sich selbst, gewinnt natürlich die Partie und fühlt sich sichtlich geschmeichelt, dieser illustren Gesellschaft anzugehören. Tatsächlich ist Hawking zwar ein Popstar unter den modernen Wissenschaftlern, kommt an Bedeutung aber nicht annähernd an seine fiktiven Mitspieler heran. Kosmologie ist ohnehin ein undankbares Feld, nirgendwo werden Theorien so oft angefeindet, widerrufen, verworfen. Hawking hat jedenfalls keinesfalls die Unendlichkeit entdeckt, und auch von der Theory of Everything (so der Originaltitel), der Relativität und Quantenphysik verbindenden Weltformel, ist seine Forschung weit entfernt.
Nicht nur darin ist der Titel des bisher eher durch Dokumentarfilme bekannt gewordenen James Marsh irreführend. Das Drehbuch des recht unbekannten Autors Anthony McCarten beruht auf den Erinnerungen von Hawkings erster Frau Jane (mit der er drei Kinder hat) und stellt daher eher den Familienmenschen als den Physiker in den Mittelpunkt. Hawking selbst spricht ungern über seine Krankheit, aber hier dienen die Stationen seines Verfalls fast als roter Faden durch eine Erzählung, die ansonsten offenbar eher für Jane wichtige Episoden herausgreift (etwa eine Ehrung durch die Queen, an der sie teilnehmen durfte). Der Verlauf von Hawkings akademischer Laufbahn bleibt unklar - seine Berufung auf den bedeutenden Lucasischen Lehrstuhl von Cambridge, im Geburtsjahr 1979 seines Sohnes Timothy, wird zum Beispiel kaum erwähnt.
Was bleibt (aber das ist allerhand), ist eine höchst ungewöhnliche Liebesgeschichte, die nur durch die fast unmenschliche Willenskraft beider Partner so lange gehalten hat. Getragen wird sie durch die beiden jungen Hauptdarsteller (beide sind kaum älter als 30). Felicity Jones, bisher vor allem durch Fernsehserien und als Austen-Heldin bekannt, agiert zurückhaltend und überzeugend, wirkt aber fast notgedrungen blaß gegenüber Eddie Redmayne (der 2011 der junge Liebhaber von Marilyn war). Redmaynes Darstellung ist technisch absolut brillant, und man meint passagenweise, per Zeitfernglas den wirklichen Hawking zu sehen. Auch die u.a. mit David Thewlis und Emily Watson prominent besetzten Nebenfiguren treten dabei in den Hintergrund.
Ich kann mich des Gefühls nicht erwehren, daß hier Stoff für mehr als nur eine Liebesgeschichte gewesen wäre. Hätte man Hawkings Lebensumstände nicht mehr mit seinen kosmologischen Erkenntnissen verknüpfen können? Und hätte man den (übrigens in Jane und Stephens Ehe zentralen) Konflikt, das Ringen um die Existenz eines Gottes, nicht stärker thematisieren können? So ist Die Entdeckung der Unendlichkeit für mich zwar keine Enttäuschung, aber doch eine vertane Chance. Noch Gut (7/10).
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