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Samstag, 1. Februar 2020

Drei Hochzeiten und ein Todesfall: Little Women (9/10)

Es gibt Stoffe, die vertragen eine regelmäßige Neuinterpretation. Louisa May Alcotts Roman Little Women aus dem Jahr 1869 gehört sicherlich dazu. Er erzählt von der Jugend der vier March-Schwestern Meg, Jo, Beth und Amy in Massachusetts, die unter der Führung ihrer patenten, liebevollen Mutter Marmee zu jungen Erwachsenen werden. Sie hadern mit ihrer relativen Armut und ihren Zukunftssorgen in einer Zeit, in der für Frauen eigentlich nur die Heirat als Lebensziel galt. Der Vater kämpft im amerikanischen Bürgerkrieg und bleibt selbst nach seiner Rückkehr nur Randfigur. Wichtigere Bezugspersonen sind die reiche, exzentrische Tante und der Nachbarsjunge Laurie mit seinem grimmigen Großvater (der sich natürlich als herzensgut entpuppt). Den ersten Teil des Romans habe ich vor Urzeiten mal gelesen, in Buchform war mir die Geschichte aber doch zu sentimental.



Obwohl alle vier Hollywood-Verfilmungen (es gibt dazu auch noch etliche TV-Adaptionen) der historischen Periode mehr oder weniger treu bleiben, spiegeln die Interpretationen selbstverständlich ihre Entstehungszeit.wider. Es ist schließlich eine Emanzipationsgeschichte der Hauptfigur Jo, die mit ihrem burschikosen Auftreten und ihren schriftstellerischen Ambitionen die gesellschaftlichen Erwartungen unterläuft und als Alter Ego der Autorin gesehen wird. Meine erste Berührung mit dem Stoff war die gut 25 Jahre alte Verfilmung von Gillian Armstrong mit Winona Ryder als Jo. Der deutsche Verleihtitel Betty und ihre Schwestern betont, dass die musikalische Betty (Beth) das emotionale Zentrum der vier Schwestern bildet, und in Claire Danes fand man auch eine ideale Darstellerin. Als Küken Amy brilliert Kirsten Dunst, gegen die ihre ältere Version Samantha Mathis deutlich abfällt. Aber es ist eine wunderbare Adaption, die allein schon durch die damalige Popularität von Winona Ryder auch ihr Publikum fand. Sie ist wunderbar restauriert in 4K-Qualität u.a. im iTunes-Store erhältlich.



Natürlich muss sich jede Jo-Darstellerin messen lassen an der Legende, die die Verfilmung von 1933 (Vier Schwestern) dominierte. Katharine Hepburn war damals erst 25 Jahre alt, und sie agierte noch recht theatralisch (manche sagen: übertrieben) unter der sicheren Regie von Frauenversteher George Cukor. Ein Tiefpunkt war leider Spring Byington als klebrik-sentimentale Marmee. Ansonsten litt das damals überraschend erfolgreiche Projekt unter den technisch eingeschränkten Möglichkeiten des frühen Tonfilms. Beim Wiedersehen, zu dem ich meine vor zwölf Jahren aus England importierte DVD bemühen musste, mindert dies leider etwas das Sehvergnügen, genauso wie die Besetzung mit Mittzwanzigern als Teenager. Auch wenn ich sie einem jungen Publikum heutzutage nicht empfehlen kann, liebe ich diese Version noch immer.



Gleiches gilt leider nicht für die Star-gespickte Technicolor-Neuverfilmung von 1949, Kleine tapfere Jo. June Allyson hatte zwar eine verführerisch-rauchige Stimme und ein bezauberndes Lächeln, welches sie auch in diversen Musicals gewinnbringend zeigen durfte, aber als Jo war sie ein Leichtgewicht, das gegen die Superstars Margaret O'Brien als Beth, Janet Leigh (Psycho) als Meg und die hinreißende 17jährige Liz Taylor als Amy nicht so recht bestehen konnte.



Nun nimmt sich  25 Jahre nach Gillian Armstrong (die leider seitdem kein vergleichbares Projekt stemmen konnte) Greta Gerwig als zweite Frau dieses Projektes an. Die wichtigste Neuerung ihrer Adaption ist das Aufbrechen der chronologischen Erzählung in zwei Zeitebenen. So beginnt sie mit Jos erstem Verkauf eines Manuskripts, bevor zu ihren Kindheitserinnerungen sieben Jahre zurückgeschwenkt wird. Das bedeutet, dass der Film Teile seiner Geschichte gleich am Anfang spoilert, da man kaum davon ausgehen kann, dass die Generation der 36jährigen Regisseurin mit der Handlung vertraut ist. Des weiteren nähert sie Jos Geschichte weiter an die Alcotts Biographie an, etwa indem der Verleger darauf besteht, dass ihre Heldinnen am Ende heiraten (oder sterben). Das funktioniert für mich eigentlich ganz gut, bis auf die paar eingestreuten feministischen Manifeste, die Jo und einmal auch Amy von sich geben müssen. Aber ansonsten ist dies eine wunderbar luftige, spaßige Angelegenheit. Sie ist dem Stoff entsprechend angemessen sentimental (mir jedenfalls sind öfter die Tränen gekommen), vielleicht einen Tick zu gut unterstützt durch Alexandre Desplats herzergreifende Musikuntermaltung. Die Ausstattung, Kostüme und Lokationen sind höchst detailliert, ohne inszeniert zu wirken - der Effekt ist, dass der Zuschauer in die realistische Darstellung einer vergangenen Ära katapultiert wird. Und, selbstverständlich am wichtigsten, die Darstellerinnen sind phänomenal, und ihr fortgeschrittenes Alter ist mir diesmal nicht negativ aufgestoßen (die jüngste Schwesterndarstellerin ist gerade 21 geworden).

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Es ist nur eine Frage der Zeit, wann Saoirse Ronan ihren ersten Oscar gewinnt. Die New Yorkerin mit irischen Wurzeln wird im April erst 26 und kann bereits vier Nominierungen vorweisen. Sie hat Präsenz und wirkt doch absolut natürlich, ist keine klassische Schönheit und doch magnetisch. Ihre Leistung als Jo steht der von Winona Ryder in nichts nach, die für Little Women damals ihre zweite Nominierung in Folge gewann (nach Scorseses Zeit der Unschuld), bevor ihre Karriere ins Straucheln geriet. Nach Jo am besten ausgearbeitet ist diesmal die Rolle der Amy. Die gerade 24 gewordene Engländerin Florence Pugh (gesprochen: "Pjuh", auf dem Foto in Blau) schafft es irgendwie, als junger Teen und als Erwachsene glaubwürdig zu bleiben, so dass einem die an sich unsympathischste Schwester doch ans Herz wächst. Laut IMDB spielt sie auch Gitarre und Klavier und singt ihre eigenen Lieder. Im Film ist sie das Maltalent, aber ihre tiefe Stimme, offenbar durch eine Luftröhrenkrankheit geformt, gibt ihr eine geheimnisvolle Aura. Dritte im Bunde ist Emma Watson als älteste und hübscheste Schwester Meg. Wie viele ehemalige Kinderstars hat die Hermione-Darstellerin ihre Niedlichkeit noch nicht ganz abgelegt (Natalie Wood war das bis zu ihrem frühen Tod nicht gelungen). Es wird noch dauern, bis ich ihr Die Schöne und das Biest verzeihe, aber als eitle Meg, die dann doch ihrem Herzen folgt und einen einfachen Tutor ohne Karrierechancen heiratet, ist sie effektiv und manchmal sogar anrührend. Auch ihrer Rolle vermag Gerwig ein paar neue Nuancen abgewinnen. Eliza Scanlen als Beth ist dagegen unauffällig und rückt lange nicht so in den Mittelpunkt wie dereinst Claire Danes.

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Dann gibt es noch Laura Dern als Marmee, und ich muss gestehen, dass sie hier der von mir verehrten Susan Sarandon ebenbürtig ist. Obwohl für Marriage Story Oscar-nominiert, trägt dieser Auftritt natürlich zu ihren Chancen bei. Es ist halt nicht so, dass nur die Rolle zählt, wie einige Akademie-Mitglieder jüngst sogar zugegeben haben, in einer Erklärung, warum sie Adam Sandler in diesem Jahr nicht berücksichtigt haben (er war wohl im gerade erst veröffentlichten Netflix-Thriller Der schwarze Diamant sehr überzeugend). Als Nachbarsjunge Laurie zeigt sich Timothée Chamalet gewohnt charmant-zerbrechlich, und als sein Großvater verschwindet Oscar-Gewinner Chris Cooper (Adaption) ganz hinter seinem grauen Bart. Nennenswert ist noch der 36jährige Charmeur Louis Garrel als Jos New Yorker Bewunderer Friedrich Bhaer, immerhin deutlich jugendlicher als Gabriel Byrne im Vorgänger, auch wenn dieser Beziehung etwas mehr Leinwandzeit gut getan hätte (aber das war wahrscheinlich Gerwigs Absicht). Ach ja, und dann gibt es noch Tante March, gespielt von einer rüstigen 70jährigen namens Meryl Streep.

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Es ist sicher richtig, dass Greta Gerwig als Regisseurin noch lernen kann. Dies ist schließlich erst ihr zweiter Studiofilm nach Lady Bird, für das sie vor zwei Jahren eine Doppelnominierung erhielt. Die Coming-of-age-Geschichte mit ebenfalls Saoirse Ronan in der Hauptrolle war nicht so mein Fall, was aber nicht bedeutet, dass ich ihre Leistung nicht anerkennen will. Sie entwickelt sich zur Stimme ihrer Generation, und wenn sie noch mehr dem Motto "Show, don't tell" folgt, steht der erste Oscar für eine Regisseurin durchaus in den Sternen. Was Little Women (heuer nicht mehr übersetzt) betrifft, kann ich mich nicht so recht für einen Favoriten entscheiden und habe für alle drei Varianten (die mit June Allyson mal ausgenommen) die gleiche Wertung vergeben: Herausragend (9/10).

Damit ist meine Berichterstattung über die diesjährigen Oscar-Kandidaten abgeschlossen. Für den Besten Film treten am 9. Februar an:

Little Women (9/10)
Jojo Rabbit (8/10)
Once Upon a Time in Hollywood (7/10)
1917 (7/10)
The Irishman (6/10)
Marriage Story (4/10)
Joker (1/10)
Le Mans 66 (?)
Auf dieses Autorennen mit Christian Bale und Matt Damon bin ich nicht besonders scharf, werde es mir demnächst aber trotzdem in optimaler Schärfe auf UHD-Scheibe anschauen.
Parasite (?)
Dieser südkoreanische Geheimtip läuft leider nur in Schuhschachtelkinos, auch hier warte ich aufs Heimkino.

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