Es ist sicher ein nobles Unterfangen, auch 100 Jahre später die Schrecken des Ersten Weltkriegs in Erinnerung zu halten. Aber kann Sam Mendes' selbst ausgedachtes Traumprojekt, welches er seinem Großvater widmet (der damals selbst "gedient" hatte), dem Stoff wirklich Neues abgewinnen? Schließlich gab es dazu jüngst erst Peter Jacksons offenbar eindrucksvolle Dokumentation They Shall Not Grow Old, mit technisch verblüffend gut restaurierten Orginalaufnahmen (das gleiche Verfahren wendet PJ gerade auf das Bildmaterial zum letzten Beatles-Album Let It Be an).
1917 basiert auf einem Gimmick, nämlich der Illusion, dass die zwei Stunden Handlung in Realzeit in einer kontinuierlichen Einstellung gezeigt werden, unterbrochen nur durch ein nächtliches Blackout. Tatsächlich wurden die Schnitte natürlich einfach geschickt versteckt, wenn z.B. die Figuren kurz hinter einem Hindernis verschwinden. Auf mich wirkte das leider hochkünstlich, insbesondere in der ersten Hälfte, in der die Kamera die beiden Korporale hartnäckig verfolgt, sie nie aus dem Blick verliert, auch auf Kosten der aufwendig gestalteten Kulissen, zumal oft ohne Tiefenschärfe gedreht wurde und nur die beiden Soldaten im Fokus sind; es ist keine Handkamera, aber doch eine sich stets bewegende Kamera, die ihren Objekte mal vorauseilt, mal die Position eines dritten Begleiters einnimmt. Diese Perspektive scheint mir eher verwandt mit Computerspielen, insbesondere vom Typ Third Person Shooter (man sieht die zu steuernde Figur vor sich) - nicht dass ich damit irgendeine Erfahrung hätte. Bei mir jedenfalls hat dies für eine kritische Distanz zu den Charakteren geführt, so dass mir ihr Schicksal im Endeffekt egal war. Man weiss ja, wie viele Menschen damals auf übelste Weise umkamen - warum sollen mir diese beiden nun besonders wichtig sein? Man erfährt im Laufe des Films einfach zu wenig über sie.
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Wenn die Kamera ab der Mitte des Films mal ab und an das Blickfeld der Protagonisten im Fokus hat, wird man als Zuschauer durchaus mit eindrucksvollen Bildern belohnt. Insbesondere die Schattenspiele in einer brennenden Kleinstadt bei Nacht bleiben in Erinnerung. Kamerachef Roger Deakins hat hierfür seine 15. Oscar-Nominierung bekommen. Seine erste erhielt er übrigens 1995 für Die Verurteilten, aber erst 2018 konnte er eine Statue gewinnen (ausgerechnet für Blade Runner 2049). Ebenfalls seine 15. Nominierung bekam jetzt Thomas Newman für seine sparsame Musikuntermalung; seine erste ebenfalls für Die Verurteilten. Er hat bislang noch nie gewonnen!
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Sehr untypisch für einen Oscar-Favoriten ist, dass es keine Schauspieler-Nominierungen gibt. Die Stars (Colin Firth, Benedict Cumberbatch) haben eher irritierende Cameos, als Nebendarsteller hinterlassen allenfalls Mark Strong (Merlin in Kingsman) als Captain und Andrew Scott (Moriarty in Sherlock) als Leutnant einen Eindruck. In den beiden Hauptrollen schlagen sich die beiden jungen Darsteller beachtlich. Dean-Charles Chapman ist bekannt als Tommen Baratheon (-Lannister) aus Game of Thrones, während der 27jährige George McKay bereits in einigen kleinen Filmrollen zu sehen war. Aufgrund der Drehart ist ihre Leistung aber eher technischer Art.
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1917 bleibt leider an der Oberfläche, ohne doppelten Boden, ohne einen Bezug zu heutigen Kriegen herzustellen. Dazu schaut man sich besser Lewis Milestones Remarque-Verfilmung Im Westen nichts Neues (1930) oder Kubricks Wege zum Ruhm (1957) an. 1917 ist dagegen eine leidlich spannende Abenteuergeschichte, die vor allem durch ihre Machart interessant ist. Vor 20 Jahren hat uns Regisseur Sam Mendes, basierend auf dem Drehbuch von Alan Ball, mit American Beauty das definitive Meisterwerk der 90er geschenkt, welches bei der Oscar-Verleihung vier der fünf Hauptpreise einheimsen konnte (und die Akademie ärgert sich inzwischen sicher, dass man damals Hilary Swank Annette Bening vorzog). Dieses Jahr ist sein Beitrag wieder haushoher Favorit, aber diesmal bin ich nicht sehr begeistert davon. Tatsächlich schlägt mein Herz eher für Tarantinos Once Upon a Time in Hollywood (und gebt dem Mann endlich einen Regie-Oscar und tröstet ihn nicht wieder mit dem Drehbuchpreis!), auch wenn ich beiden Filmen die gleiche Punktewertung zukommen lasse: Gut (7/10).
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