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Samstag, 21. Oktober 2017

Dilettantisch: Blade Runner 2049 (1/10)

Vielleicht ist die Zeit der originalen Stoffe vorbei. Vielleicht gibt es keine neuen Ideen mehr. Aber wenn man schon alte Kamellen aufwärmt, sollte man zumindest wissen wie. Hauptkompetenz heutiger Regisseure scheint aber zu sein, innerhalb von Budget und Zeitrahmen zu bleiben. Der Francokanadier Denis (gesprochen: "Denny") Villeneuve ist ein gutes Beispiel dafür. Nach den 164 Minuten IMAX-Bedröhnung seiner von Ridley Scott produzierten Fortsetzung meines Lieblingsfilms erkenne ich, dass meine bisherigen Kritiken (Sicario, Arrival) viel zu wohlwollend waren. Villeneuves Werken wird gern audiovisuelle Kraft unterstellt. Aber ein paar expressive Farbtupfer ergeben noch kein meisterhaftes Gemälde, und ein paar schräge Akkorde noch keinen Progrock. Gleich die erste Szene von Blade Runner 2049 ist ihm misslungen. Die Konfrontation von K (Ryan Gosling) und Sapper (Dave Bautista) sollte wohl cool sein, wirkt aber nur konfus. Und so geht es leider weiter. Ja, es gibt tolle Bilder, aber Atmosphäre will sich trotzdem nicht einstellen. Und die Musikuntermalung aus der industriellen Hans-Zimmer-Schmiede "zitiert" gelegentlich Vangelis mit einem Synthesizerklang, bleibt aber vor allem als Hintergrunddröhnen im Gedächtnis.

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Filmemachen ist ja so einfach. Man hält die Kamera auf die Schauspieler drauf und reiht die Bilder danach aneinander. An Filmhochschulen kann man das Handwerk lernen: Totale, Halbtotale, Nahaufnahme. Dolly, Schwenk, Handkamera. Fokus, Tiefenschärfe, Framing. Farbgebung, Beleuchtung, Ausstattung. Aber niemand kann so recht lehren, wie man mit diesen Mitteln eine Geschichte erzählt. Und viele junge (und auch etliche ältere) Regisseure können das einfach nicht. Es ist ein nicht fassbares Talent, das Studioleitern und Produzenten nicht messen können und deshalb weitgehend ignorieren. Schlimmer noch: Viele Zuschauer bemerken gar nicht mehr, ob eine Geschichte gut oder schlecht erzählt wird! Auch bei vielen Kritikern kann man beobachten, dass sie das Gesehene im Nachhinein nach Gutdünken uminterpretieren. So wird dann in einer Rezension plötzlich Luv zur Hauptfigur, ihren Tränen emotionale Bedeutung unterstellt (für mich sah es eher so aus, dass der Darstellerin gelegentlich unmotiviert das Wasser in den Augen stand). Das ist dann so wie in Computer- oder Rollenspielen, wo jeder sich aus einem Baukasten von Klischees Zutaten entnimmt und seine eigene Fantasie erzeugt. Das ist aber keine Art Kino, an der ich interessiert bin. Dann sind wir bald soweit, dass man statt der Kinoleinwand eine Fassade von Spiegeln installieren kann, so dass sich jeder Zuschauer selbst zwei Stunden lang aus interessanten Blickwinkeln begutachten kann.

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Viele Musikstudenten können heute "im Stil von Mozart" komponieren, viele angehende Maler "wie Van Gogh" malen. Hörens- oder Sehenswertes kommt dabei trotzdem nicht raus. Kino ist zudem viel komplizierter als die bildenden Künste. Es ist nie nur der Regisseur, der einen Film formt. Manchmal gebiert der chaotische Schmelztiegel von herausragenden Talenten ein Meisterwerk, bei dessen Fertigsteller der Regisseur nur Motor war (siehe etwa Casablanca). Und natürlich waren schon immer die handwerkliche gediegenen Regisseure in der Überzahl, die ein gutes Script gelegentlich auch mal zu einem herausragenden Film verarbeiten konnten. Auch das sinnentleerte Kopieren von Stilmitteln hat Tradition. Bestes Beispiel hierfür ist Peter Bogdanovich, der die Methoden seiner Helden (insbesondere Hawks und Hitchcock) akribisch kopierte, dabei aber vielleicht zweimal etwas eigenständiges zur Filmgeschichte beitrug (mit Die letzte Vorstellung und Paper Moon). Da lobe ich mir Ed Wood, der zwar keinerlei handwerkliche Fähigkeiten hatte, aber immerhin einen unbändigen Willen, seine eigenen Geschichten zu erzählen. Das ist der Grund, warum Plan 9 From Outer Space trotz an Fäden aufgehängter UFOs und Styropor-Grabsteinen auch heute noch zu unterhalten weiss. Villeneuve hingegen kann seine teuren Hilfsmittel und sein begabtes Team (inklusive Drehbuchbeteiligung von Originalautor Hampton Fancher) nicht in den Dienst eines ordentlichen Films stellen. Sein Kamerachef Roger Deakins zum Beispiel, der nach 13 Nominierungen noch immer auf seinen ersten Oscar wartet, hat mit O Brother, Where Art Thou? und No Country For Old Men zwei der schönsten Coen-Filme photographiert.

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Die Replikanten aus Blade Runner waren Pinocchios: Kunstwesen mit fast kindlicher Persönlichkeit, entwickelt in nur wenigen Jahren Lebenszeit, verwandt mit Sebastians mechanischen Spielzeugautomaten, und doch menschlicher als die meisten ihrer Gegenspieler. Da war Leon, der sein Leben riskiert für die gefälschten Fotos seiner erfundenen Kindheit; Pris, die vor Lebensfreude übersprudelt und doch bei Sebastians Verführung ihre Unsicherheit kaum übertreiben muss; Rachael, äußerlich elegant, innerlich todtraurig und zerrissen. Und natürlich Roy, der scheinbar so sadistische herzlose Mörder, der beim Tod seiner Geliebten in Tränen ausbricht (und melancholisch ihr Blut kostet). Am Ende ist ihm Leben in jeder Form so wertvoll, dass er seinem Gegenspieler Deckard das seine schenkt.

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Die Replikanten von 2049 hingegen sind Kampfmaschinen: Terminatoren, wie ein anderer Rezensent bemerkte. Sie sind ideale Ausführende für die typisch orchestrierten Actionszenen, die wir inzwischen selbst in romantischen Komödien geboten bekommen. Aber Empathie kann man als Zuschauer für sie nicht aufbringen. Es ist schon der Hohn, dass K's Gegenspielerin Luv mit einer Niederländerin besetzt ist. Ihr holländisches Englisch lässt mich nur wehmütig Rutger Hauer vermissen. Harrison Ford taucht erst in der letzten halben Stunde auf, zeigt Ryan Gosling dann aber, wie man auch mit begrenzten mimischen Fähigkeiten den Zuschauer für eine Figur einnehmen kann. Aber schon wieder wird ihm ein sehr merkwürdiges Kind untergeschoben! Am meisten Eindruck hinterlassen Dave "Drax" Bautista und Mackenzie Davis in ihren Kurzauftritten. Davis, die nach den Emmy-Gewinnen für San Junipero jetzt hoffentlich bald zum Star aufsteigt, agiert zwar auch im luftleeren Raum, schmuggelt aber eine verblüffend bewegende Hommage an Daryl Hannahs Pris in die quietschende Mechanik ihres Handlungsstranges. Die hübsche Kubanerin Ana de Armas als Joi dagegen wird auf ihr Äußeres reduziert, ihrer Figur wirkt zweidimensional (so weit ist die Hologramm-Technik wohl doch noch nicht).

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Die vorkommenden Menschen sind so bizarr wie die Replikanten, aber auch so vergessenswert. Am schlimmsten chargiert Oscar-Preisträger Jared Leto als Tyrell-Nachfolger Wallace, aber er ist nur einer von vielen. Robin Wright spielt inzwischen nur noch Variationen ihrer Kartenhaus-First-Lady - je öfter ich sie als kaltherzige Manipulatorin sehe, desto weniger mag ich sie. Lobenswert, dass der wahrscheinlich ärmste und unbekannteste Oscar-nominierte Darsteller Hollywoods, Barkhad Abdi (Captain Phillips), eine Rolle bekam, aber an sein Pendant James Hong (der Augen-Erfinder) kommt auch er nicht ran. Edward James Olmos zeigt in seinem Cameo Gravitas und immer noch Origami-Geschick  (und darf wie Harrison Ford alt aussehen), während Sean Youngs Rachael mittels digitaler Tricks immer noch 30 ist. Keine Ahnung, ob die 57jährige überhaupt selbst beteiligt war oder ihr Kurzauftritt komplett am Computer entstand. Sie galt ja immer schon als "schwierig", aber inzwischen erfahren wir ja mehr und mehr, was das in Hollywood heissen mag. Frauen kommen jedenfalls auch im Jahr 2049 nicht gut weg - trotzt nominell vieler Frauenrollen fällt der Film durch beim entsprechenden Lackmus-Test: Gibt es Szenen, in denen zwei Frauen eine sinnvolle Unterhaltung führen, ohne nur über Männer zu reden?

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Würden die Menschen Schlange stehen für die "Mona Lisa: 30 Jahre später" eines Schülers von Da Vinci? Würden sie die Kopie dem Original vorziehen, weil sie großformatiger und bunter ist? Wie sich herausstellt, ist das Zuschauerinteresse für Blade Runner 2049 zwar nicht übermäßig, aber glaubt man der IMDB oder den diversesn Kritikerspiegeln (was ich schon lange aufgegeben habe), so übertrifft das Sequel das Original offenbar bei weitem. Was ist das für ein Kinojahr, in dem ein seelenloses Remake eines herzigen Disney-Klassikers mit einem fehlbesetzten Teenie-Schwarm mit Piepsstimme in der Hauptrolle weltweit die meisten Dollars eingespielt hat und die Kritiker sich überschlagen ob einer ultrabrutalen, nihilistischen Comicverfilmung mit genug Handlungslöchern, um alle X-Men darin zu versenken? Bei all den müden Fortsetzungen, Reboots und Remakes bringe ich kaum noch die Energie auf, mich darüber zu mokieren. Abgesehen von Wonder Woman und den Guardians hätte ich mir in diesem Jahr viele Kinogänge lieber gespart. Ärgerlich (1/10).

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