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Samstag, 7. Oktober 2017

Queen Judi: Victoria & Abdul (6/10)

"There is nothing like a dame!" verkündete Robin Williams zur Oscar-Verleihung 1999, als er den Umschlag für die Beste Nebendarstellerin öffnete. Dame Judi Dench war es ein wenig peinlich, den Preis für ganze fünf Leinwandminuten zu bekommen. Von der amerikanischen Akademie wurde sie spät entdeckt. Bei ihrer ersten Nominierung ein Jahr zuvor für Mrs. Brown (ebenfalls unter der Regie von John Madden) war sie bereits 63 Jahre alt und in den USA vor allem als Chefin "M" von Pierce Brosnans James Bond bekannt. Den ersten "echten" BAFTA hatte sie bereits 1968 gewonnen, nach der Auszeichnung 1966 als vielversprechendste Debütantin. Im kommenden Jahr wird sie wohl für ihren 25. regulären BAFTA nominiert werden, neunmal gewann sie bereits, dazu kommt die Fellowship der britischen Akademie. Bei den Oscars wäre dies ihre achte Nominierung. Nur Meryl Streep, Katherine Hepburn und Bette Davis wurden öfter vorgeschlagen.

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Ihren Oscar gewann sie als Queen Elizabeth I. in Shakespeare in Love. Queen Victoria spielt sie jetzt nach Mrs. Brown zum zweiten Mal, jeweils in historisch verbürgtem, wenngleich natürlich künstlerisch ausgeschmücktem Kontext. Damals ging es um die Beziehung der frisch verwitweten Königin Anfang 40 zu ihrem schottischen Diener John Brown, nun in Victoria & Abdul um die (platonische) zum muslimischen Inder Abdul Karim in ihren letzten Lebensjahren (1887 - 1901). Und wie immer ist es ein Genuss, der 1988 zur "Dame Commander of the Order of the British Empire" ernannten Legende zuzuschauen, übrigens mit acht Oliviers auch die meistausgezeichnete britische Theaterschauspielerin. Die inzwischen 82jährige ist fast blind und muss sich zum Lernen ihre Dialoge vorlesen lassen. Man glaubt es nicht, wenn mal wieder der Schalk aus ihren wasserblauen Augen blitzt. Trotz Drehbuchschwächen schafft sie auch diesmal, eine glaubwürdige Figur zu erschaffen, mit der die Zuschauer mitfühlen können, ohne ins Sentimentale abzudriften.

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Leider kann man gleiches nicht über ihren Leinwandpartner Ali Fazal sagen. Daran ist der 30jährige, bis auf eine kleine Rolle in Fast & Furious 7 praktisch unbekannte Darsteller (geboren übrigens wie Cliff  Richard 😎 in der indischen Großstadt Lucknow), nicht einmal schuld. Das Drehbuch lässt ihn als das Rätsel stehen, als das er wohl dem Stab des britischen Königshauses erschienen sein muss. Ob das an der Adaption von Lee Hall (Billy Elliot) liegt, vermag ich nicht zu beurteilen. Obwohl der zugrunde liegende Roman von der in Indien aufgewachsenen Journalistin Shrabani Basu stammt, erfährt man fast nichts über das Indien der Kolonialzeit, geschweige denn über die Unterdrückung der Bevölkerung durch die Besatzung. Dafür ist das Porträt des britschen Königshofes erwartungsgemäß detailfreudig und wartet mit exzellenten Nebendarstellern auf (darunter Eddie Izzard als garstiger Thronfolger in Wartestellung - Prince Charles kann bestimmt mitfühlen).

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Abdul Karim war offenbar gebildet, er beherrschte Hindi und Urdu in Wort und Schrift, hatte (angeblich?) den kompletten Koran im Kopf und zitierte geschmackvolle Poesie. In Indien hatte er als Schreiber in einem Gefängnis der Kolonialherren gearbeitet - für die Präsentation zum Kronjubiläum wurde er aufgrund seiner hochgewachsenen Statur ausgewählt. War es nur Fassade, die ihm zur Position des "Munshi", also sprituellem Lehrers der Königin verhalf? Nach den Recherchen der eifersüchtigen Höflinge war er von einfacher Geburt, zudem litt er an einer Gonorrhoe. Wie passt das zusammen? Der Film gibt nicht einmal Erklärungsansätze. Vielleicht sah Regisseur Stephen Frears (Florence Foster Jenkins) das Thema als zeitgemäße Auseinandersetzung mit Rassismus, insbesonder gegenüber Muslimen an. Das kann ich aber nur als gescheitert betrachten. Abduls Glaube wird kaum thematisiert; die Ausnahme ist ausgerechnet die Ankunft seiner vollverschleierten Ehefrau und Schwiegermutter, eine mittelalterliche Erscheinung, die auch nicht ins Viktorianische Zeitalter passt.

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So bleibt Stephen Frears dritte Zusammenarbeit mit Judi Dench im Mittelmaß stecken. Auch wenn er durch die überragende Hauptdarstellerin noch sehenswert ist, gerät Victoria & Abdul für mich zum schwächsten Film dieses Trios, ergänzend zu Mrs. Henderson Presents (2005, 7/10, in herrlichem Zusammenspiel mit Bob Hoskins) und Philomena (2013, 7/10). Ordentlich (6/10).

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