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Wenn zu Halloween allerorts Horrorfeste gefeiert werden, möchte ich mich nicht völlig ausschließen. Das Genre, insbesondere seine jüngeren Auswüchse, gruselt mich zwar eher unfreiwillig. Doch der Faszination des Vampirs konnte ich mich nie so recht entziehen. Als Jugendlicher hatte mir Christopher Lee als Graf Dracula Alpträume bereitet. Das Wiedersehen mit der britischen Billig-Produktionen aus dem Jahr 1958 fand ich allerdings recht enttäuschend. Lee gab den Grafen bis 1976 noch mehr als zehnmal, mehrfach mit Peter Cushing als Gegenspieler van Helsing (beide sind der jüngeren Generation nun als Star-Wars-Bösewichter bekannt). Die Horror-Ikone gefällt mir allerdings viel besser als bloßer Lord im einzigartigen Mystery-Thriller The Wicker Man von 1973 (inzwischen auch hierzulande restauriert als Blu-ray erhältlich - bitte nicht mit dem allseitig verrissenen Nicolas-Cage-Remake verwechseln!)
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Vielleicht bin ich auch verwöhnt von den expressionistischen Vorgängern aus der Frühzeit des Kinos. Max Schreck in Murnaus Nosferatu: Eine Symphonie des Grauens (1922, 8/10) kann auch heute noch erschrecken, und auch Bela Lugosi in Tod Brownings erstem mit Ton gedrehten Dracula (1931, 7/10) läßt dem Zuschauer erst das Blut in den Adern erfrieren, bevor er ihm bei seinem tragischen Ende das Herz bricht. Gleiches gelang 1979 auch Klaus Kinski in Werner Herzogs versponnenem Nosferatu: Phantom der Nacht, mit Isabelle Adjani als zartestem Blutopfer der Filmgeschichte (gerade merke ich, dass der deutsche Wunderling Mina und Lucy vertauscht hat). Und dann kam (heute vor 25 Jahren) Francis Ford Coppola...
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So wie Murnau und Herzog den Namen Dracula nicht verwenden durften, musste Coppola seinen Film aus rechtlichen Gründen Bram Stokers Dracula nennen. Das Script von James V. Hart, auch sonst für leichte Kost bekannt (Hook, Contact), greift mehr Elemente aus Stokers Roman auf als die meisten Vorgänger, trifft vor allem aber ein gehöriges Stück Substanz des Originals. Coppola stellt zum einen die tragische Liebesgeschichte in den Mittelpunkt, darf zum anderen aber gut 100 Jahre nach der Entstehung der spätviktorianischen Abenteuergeschichte die sexuellen Metaphern betonen. Da werden gleich zu Beginn sehr freizügig die Vorzüge von Lucys Liebhabern diskutiert, später werden Vergleiche zwischen Vampirismus und der Syphilis gezogen, und Harker darf ausführlich mit den drei "Schwestern" (darunter Monica Belluci in ihrem US-Debut) im Bett umhertollen.
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Für mich ist Coppolas Dracula (mit dem inoffiziellen, von Kenneth Branagh inszenierten Sequel Mary Shelleys Frankenstein) so etwas wie ein Wendepunkt in der Darstellung der klassischen Horror-Figuren, übrigens drei Jahre später von Mel Brooks in seinem letzten Film mit mäßigem Erfolg verulkt als Dracula: Tot aber glücklich ("Dead and loving it", mit Leslie Nielsen als Titelheld!). Danach begannen die Studios, Dracula, Frankensteins Monster, die Mumie und andere zu mehr und mehr generischen Actionstoffen zu verwursten. Damit war Coppola der letzte, der den Expressionisten Tribut zollte, mit wunderbaren Schattenspielen, die die heftigen Gewaltszenen entschärfen, und reichhaltigen Tricks aus der Effekttüte: Wolkenbilder, aus denen plötzlich bedrohlich die Augen des Grafen herabschauen; Schatten, die sich verselbständigen; Draculas Metamorphosen von Mensch zu Wolf zu Fledermaus zu grünem Dampf. Das sind phantastische Bilder, atmosphärisch unterstützt von Oscar-prämierten Soundeffekten, bei denen gelegentlich der Spannungsbogen der Abenteuergeschichte verloren geht. Das ist nicht weiter tragisch - es macht einfach großen Spaß zuzusehen. Und das liegt natürlich auch an den Darstellern.
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Bei der Besetzung konnte der Altmeister aus dem vollen schöpfen. Gary Oldman in der Titelrolle sehe ich ein bisschen zwiespältig. Ich finde, die (mit dem Oscar ausgezeichnete) Maske hat ihm gelegentlich keinen Gefallen getan, insbesondere als alter Mann wirkt er auf mich leicht lächerlich. Aber als verzweifelter Liebhaber ist er durchaus anrührend, obwohl er sonst eher für seine extravaganten Schurken bekannt war, zuletzt allerdings leicht gegen den Typ als Sirius Black (der heute 59jährige Brite wird gerade für seine Darstellung von Winston Churchill als heißer Oscar-Kandidat gehandelt). Keanu Reeves als Harker kommt seine typische Blässe einmal gelegen, und Winona Ryder als eher biedere Mina agiert geschickt im Kontrast zu Sadie Frost als mannestoller Lucy. Anthony Hopkins als van Helsing hat offensichtlich große Freude, wissenschaftsverbrämten Unsinn von sich zu geben und dann den hungrigen Helden zu spielen. Gleiches gilt für Tom Waits als Renfield, der mit Genuss Maden und Insekten vertilgt und nach seinem Meister heult. Dazu kommen Cary Elwes, Richard E. Grant und Bill Campbell als Lucys Beaus, Niemand nimmt seine Rolle allzu ernst, und so sollte es sein.
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Die Mischung war 1992 ein ordentlicher Hit und landete unter den zehn erfolgreichsten Filmen des Jahres. Für mich war es leider das letzte gelungene Werk von Francis Ford Coppola. Er hatte in den 70ern fünf Oscars gewonnen und mindestens drei Meisterwerke für die Ewigkeit geschaffen: Der Pate, Der Pate Teil 2, Apocalypse Now. Danach ging er aber mit der merkwürdig-misslungenen Musical-Romanze Einer mit Herz finanziell baden, wovon er sich nie wieder so recht erholte. Gelegentlich gelangen ihm noch unterhaltsame Filme (Peggy Sue hat geheiratet, Tucker, Der Pate Teil 3), aber davon war Bram Stokers Dracula dann auch der letzte. Sehr gut (8/10).
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Zum Jubiläum wurde der Film neu in 4K abgetastet und jetzt auch als UHD-Blu-ray veröffentlicht. Der Aufwand hat sich gelohnt, das Ergebnis wirkt frischer als viele aktuelle Produktionen. Leider liegt der Vertrieb der UHD-Scheibe exklusiv bei Saturn und MediaMarkt, die nicht nur überhöhte Preise dafür verlangen, sondern auch zu knausrig sind, um (wie sonst üblich) die Blu-ray beizulegen. Dadurch bekommt man auch keine Extras geboten (die alle auf der Blu-ray zu finden wären). Gleiches gilt übrigens auch für Spielbergs Unheimliche Begegnung der Dritten Art (die nach 40 Jahren zwar toll aussieht, aber noch genauso langweilig ist). So wird sich das neue Format nie durchsetzen!
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