Als Stan Laurel im Februar 1965 starb, waren Steve Coogan (*14.10.1965) und John C. Reilly (*24.5.1965) noch nicht geboren. Genauso wie ich müssen sie ihn über Fernsehausstrahlungen entdeckt haben, anders als ich immerhin unter dem Label Laurel & Hardy. In Deutschland wurden sie als Dick & Doof ins Kinderprogramm verbannt, insbesondere ihre Kurzfilme vom Ende der Stummfilmzeit (1927/28). Dabei boten insbesondere ihre "langen" Tonfilme (selten länger als 60 Minuten) Unterhaltung für die ganze Familie.
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Ihre Geschichten beruhten oft auf Wiederholung und Eskalation. Selten wurde Spannung oder Pathos aufgebaut, und doch sind sie auch heute noch faszinierend. Ihre Zeitlosigkeit verdanken sie vor allem den komischen Einfällen von Stan Laurel, der zwar praktisch nie als Autor, geschweige denn als Regisseur aufgeführt wurde, aber unermüdlich Situationen und Gimmicks erfand und in allen Phasen des Drehs der kreative Kopf war. Seine Einfälle ergänzten die handfesten Prügeleien und Zerstörungsorgien um eine surreale Komponente. Da gibt es sein Daumenfeuerzeug aus Way Out West, das er ein Jahr später in Blockheads pfiffig zitierte beim Versuch, seine Handpfeife zu entzünden. Im Blockheads-Treppenhaus ist es Stans raffiniertes Spiel mit Schattenjalousien. Mehr noch als Sons of the Desert von 1933 (der unter anderem Pate stand für den auch heute noch aktiven Fanclub) ist für mich Way Out West von 1937 mein Lieblingsfilm von Laurel & Hardy. Es gibt dort einen irrsinnigen Stunt mit einem Maultier, aber die wärmste Erinnerung gilt dem Tänzchen und anschließenden Lied der beiden Komödianten.
Mit diesem Tänzchen beginnt und endet auch Jon S. Bairds Biographie Stan & Ollie (Drehbuch: Jeff Pope nach einem Tatsachenbericht von A.J. Marriot). Nach einem kurzen Einblick auf die Dreharbeiten ihres berühmten (und damals megaerfolgreichen) Westerns springen wir ins Jahr 1953. Nachdem Stan Laurel sich 1939 im Streit vom ausbeuterischen Produzenten Hal Roach (Danny Huston) getrennt hatte, war das Duo vom Glück verlassen und lieferte nur noch eine Handvoll mittelmäßige Filme. Tragischer war, dass sie keinerlei Rechte und damit auch keine finanziellen Erträge aus ihren frühen Erfolgen hatten. In dieser Situation starteten sie eine Theatertour durch Großbritannien und Irland, die zur Abschiedstournee geraten sollte (Oliver Hardy erlitt gegen Ende einen Herzinfarkt und starb im August 1957). Das ist eine herzzerreißende Geschichte, die nur erträglich ist durch die authentische Rekonstruktion ihrer komischen Auftritte und das Porträt der tiefen Freundschaft dieser zwei so unterschiedlichen Männer. Und obwohl ich so viel Lob über Laurel ausgeschüttet habe (der wie Chaplin, Keaton, Lloyd und Groucho Marx zu den großen Komikern seiner Zeit gezählt werden muss), so ist sein Erfolg doch untrennbar mit Ollie verknüpft, dem Tollpatsch mit dem weichen Äußeren und weichen Kern, den alle nur Babe nannten. Trotz seiner Statur war der übrigens der Frauenheld der zwei und konnte mit seinem niedlichen Winken bis zum Schluss noch die Frauen betören.
Steve Coogan ist im UK einer der beliebtesten Komiker, im Ausland allerdings weniger bekannt. Sein Versuch, in David Nivens Fußstapfen zu treten, scheiterte 2004 spektakulär im Remake von In 80 Tagen um die Welt, welches allerdings ohnehin mehr als Jackie-Chan-Vehikel konzipiert war. Als Stan Laurel ist er ideal besetzt (der wurde übrigens in Lancashire geboren und emigrierte mit etwa 20 Jahren in die USA). Er trifft dessen Manierismen perfekt, so etwa das typische Haareraufen, nähert sich gekonnt dessen Tonfall an und lässt doch stets die Intelligenz hinter der Fassade des Blödian erkennen. John C. Reilly, der ebenfalls Erfahrung als Witzfigur hat (Walk Hard), aber auch dramatische Rollen stemmen und für Chicago sogar eine Oscar-Nominierung vorweisen kann, ist ihm ebenbürtig, muss allerdings gegen heftige Prothesen und einen schweren Fettanzug anspielen. Die berühmten Double Takes und die typische Missbilligung von Stans Eskapaden gelingen ihm trotzdem tadellos.
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Stan & Ollie war an den Kinokassen nicht besonders erfolgreich. Keine Ahnung, ob das daran liegt, dass die beiden Legenden längst vergessen sind, oder ob dem Publikum die Handlung zu deprimierend war. Sicherlich ist die Geschichte recht konventionell und ohne großes filmisches Flair erzählt, aber das passt eigentlich sehr gut zum Thema. Ich war jedenfalls mehr davon angetan als von den erfolgreichen Musikerbiographien der letzen Jahre (Bohemian Rhapsody, Rocketman). Sehr gut (8/10).
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Gerade ist hierzulande immerhin die Blu-ray von Stan & Ollie veröffentlicht worden, wenngleich ohne viele Extras. Nur im UK gibt es eine Blu-ray-Ausgabe mit fünf der besten Stan&Ollie-Filmen, die allerdings vermutlich auf den gleichen Mastern wie die deutschen DVD-Ausgaben beruhen. Eine saubere Restauration ihrer Klassiker steht noch aus, was leider auch für Chaplins Meisterwerke gilt (merkwürdigerweise gilt die Aufmerksamkeit der Verlage in letzter Zeit eher Buster Keaton, der lange Zeit komplett in Vergessenheit geraten war).
Neben Kinofilmen bespreche ich auch TV-Serien, Musik und Bücher, mit dem Schwerpunkt Science Fiction.
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Sonntag, 20. Oktober 2019
Samstag, 2. März 2019
Wahnsinnig reiche ASIATEN (6/10)
Neben Black Panther gab es im amerikanischen Kinojahr 2018 noch ein weiteres kulturelles Phänomen. Crazy Rich Asians ist angeblich der erste amerikanische Film mit rein asiatischen Darstellern seit Jahrzehnten. Gemeint ist natürlich "der erste amerikanische Blockbuster". In den 90ern gab es schließlich durchaus profitable Filme von Ang Lee (seine Einwanderer-Trilogie mit dem Höhepunkt Das Hochzeitsbankett) und Wayne Wang (Töchter des Himmels - The Joy Luck Club). Trotzdem: Mit ähnlichem Enthusiasmus, mit dem Afroamerikaner Black Panther feierten, schlossen "Asienamerikaner" offenbar Crazy Rich Asians in ihr Herz. Viele zog es zum ersten Mal in ihrem Leben ins Kino. Da gibt es eine Marketinglücke, die jetzt zumindest mit Fortsetzungen ausgebeutet werden soll (die Romanvorlage von Kevin Kwan ist erster Band einer Trilogie).
Niemand würde auf die Idee kommen, einen Film namens "Wahnsinnig reiche Europäer" zu drehen und den dann um das schwedische Königshaus kreisen zu lassen (mit ein paar Dänen und Norwegern als exotischen Nebendarstellern). In Crazy Rich Asians kommen weder Inder noch Japaner vor, keine Vietnamesen, Koreaner und noch nicht einmal "echte" Chinesen. Es spielt im Stadtstaat Singapur, wo Malaisisch und Mandarin gesprochen wird, und die Hauptdarsteller sind zum Teil Amerikaner oder Briten mit ungefähr passender Herkunft, zum Teil Asiaten mit zumeist westlicher Filmerfahrung aus dem Großraum China. Doch selbst Singapur fühlte sich nicht angemessen repräsentiert. So wie es in Black Panther nicht um Afrikaner geht, interessiert sich Crazy Rich Asians nicht für Asiaten, sondern nur für das Selbstwertgefühl asienstämmiger US-Einwanderer. Das führte dann in den USA zum für eine romantische Komödie unerhörten Kassenumsatz von 175 Millionen Dollar (eine ansonsten für schwache Comicverfilmungen typische Größenordnung, siehe etwa X-Men: Apokalypse).
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Anderswo machte der Film niemanden reich. In Deutschland fiel der Marketingabteilung nichts besseres ein, als die Asiaten aus dem Titel zu entfernen. Als "Crazy Rich" gelangte die damit belanglose 08/15-Komödie nicht einmal in die Top100. Gern würde ich jetzt berichten, dass den deutschen Zuschauern da etwas entgangen ist. Ich wollte den Film mögen und hatte mir sogar die britische UHD-Blu-ray kommen lassen. Aber wenn man sich den kulturellen Ballast einmal wegdenkt, bleibt nur eine sehr schematische Komödie übrig, zwar mit sympathischen Darstellern, aber wenig Romanze, eher zum Schmunzeln als zum Lachen. Und wer sein Selbstwertgefühl darin findet, dass es auch in Asien fiese Milliardäre gibt, der tut mir schon ein wenig leid. Für den Vergleich mit dem schwedischen Königshaus muss ich mich schon fast entschuldigen, denn Gustav und Silvia leben sicher nicht im selben Prunk wie die vornehmste (=reichste) Familie von Singapur, unter matriarchischem Vorsitz von Eleanor Young (Michelle Yeoh) und ihrer greisen Mutter Ah Ma (die inzwischen 92jährige Lisa Lu) - die zu allem Überfluss auch noch Christen sind und damit für eine weitere Minderheit stehen (auch in Singapur weniger als 20 Prozent).
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Das adrette junge Paar im Zentrum der Romanze, Rachel und Nick, wird gespielt von Constance Wu (Fresh Off the Boat) und Neuling Henry Golding, und mit einem besseren Script hätten sie sicher ein paar Funken schlagen können. So sind die Nebenfiguren weitaus interessanter, wenngleich ihre Handlungsstränge dann auch eher frustrierend zerfleddern. Michelle Yeoh (Tiger & Dragon) als Nicks Mutter Eleanor zeigt ihre Starqualität (sie hätte bessere Rollen verdient), und die Londonerin Gemma Chan als Nicks Schwester Astrid ist nicht nur bildhübsch, sondern vermag auch eine unterschwellige Melancholie zu vermitteln (sie hat mir auch gut gefallen im ansonsten oberflächlichen amerikanischen Remake von Echte Menschen). Die Show stiehlt allerdings eine gewisse Awkwafina, Rapperin, Trompetenvirtuosin, Mandarin-Expertin, die schon als nerdiger Hacker in Ocean's Eight ein spaßiger Farbtupfer war und hier die Leinwand zum Explodieren bringt (was bei der dahinplätschernden Geschichte und der augenermüdenden Ausstattung hochwillkommen ist).
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Das Spannungsfeld zwischen der in New York aufgewachsenen Ökonomieprofessorin und dem Kronprinz der Milliardärsfamilie aus Singapur hätte sicher besser ausgeschlachtet werden können (und ist es nicht bezeichnend, dass Aschenputtel heutzutage einen akademischen Grad haben kann?) Die Regie von Jon M. Chu (Die Unfassbaren 2) wirkte auf mich ziemlich uninspiriert. Einzig die Musikauswahl mit einer Mischung aus Ost und West ist ganz nett. Ich habe eine Schwäche für angelsächsische Hits in chinesischer Interpretation: Money - oder auch hybride Originale: Waiting for Your Return. Und wer schon immer mal sehen wollte, wie man eine katholische Kirche für eine Hochzeit in einen Dschungel verwandelt (inklusive Bächlein, durch das die Braut zum Altar flaniert), der ist hier richtig aufgehoben. Ich selbst war vom Gebaren der Superreichen gelegentlich angeekelt, habe mich dann aber doch immer wieder von den netten Darstellern einfangen lassen. Nur das (Spoiler!) Happy End habe ich nicht so recht verstanden. Wird Rachel nun ihre Professur aufgeben, Nick sein Firmenerbe, oder wie will man sich arrangieren? Na ja, es müssen wohl noch Probleme für die Fortsetzung offenbleiben. Für die "erfolgreichste romantische Komödie seit einer Dekade" ziemlich mau. Tatsächlich hat das Genre eine Durststrecke (zuletzt herausragend war 2011, welch ein wahnsinniger Zufall, Crazy, Stupid, Love). Daher noch Ordentlich (6/10).
Niemand würde auf die Idee kommen, einen Film namens "Wahnsinnig reiche Europäer" zu drehen und den dann um das schwedische Königshaus kreisen zu lassen (mit ein paar Dänen und Norwegern als exotischen Nebendarstellern). In Crazy Rich Asians kommen weder Inder noch Japaner vor, keine Vietnamesen, Koreaner und noch nicht einmal "echte" Chinesen. Es spielt im Stadtstaat Singapur, wo Malaisisch und Mandarin gesprochen wird, und die Hauptdarsteller sind zum Teil Amerikaner oder Briten mit ungefähr passender Herkunft, zum Teil Asiaten mit zumeist westlicher Filmerfahrung aus dem Großraum China. Doch selbst Singapur fühlte sich nicht angemessen repräsentiert. So wie es in Black Panther nicht um Afrikaner geht, interessiert sich Crazy Rich Asians nicht für Asiaten, sondern nur für das Selbstwertgefühl asienstämmiger US-Einwanderer. Das führte dann in den USA zum für eine romantische Komödie unerhörten Kassenumsatz von 175 Millionen Dollar (eine ansonsten für schwache Comicverfilmungen typische Größenordnung, siehe etwa X-Men: Apokalypse).
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Anderswo machte der Film niemanden reich. In Deutschland fiel der Marketingabteilung nichts besseres ein, als die Asiaten aus dem Titel zu entfernen. Als "Crazy Rich" gelangte die damit belanglose 08/15-Komödie nicht einmal in die Top100. Gern würde ich jetzt berichten, dass den deutschen Zuschauern da etwas entgangen ist. Ich wollte den Film mögen und hatte mir sogar die britische UHD-Blu-ray kommen lassen. Aber wenn man sich den kulturellen Ballast einmal wegdenkt, bleibt nur eine sehr schematische Komödie übrig, zwar mit sympathischen Darstellern, aber wenig Romanze, eher zum Schmunzeln als zum Lachen. Und wer sein Selbstwertgefühl darin findet, dass es auch in Asien fiese Milliardäre gibt, der tut mir schon ein wenig leid. Für den Vergleich mit dem schwedischen Königshaus muss ich mich schon fast entschuldigen, denn Gustav und Silvia leben sicher nicht im selben Prunk wie die vornehmste (=reichste) Familie von Singapur, unter matriarchischem Vorsitz von Eleanor Young (Michelle Yeoh) und ihrer greisen Mutter Ah Ma (die inzwischen 92jährige Lisa Lu) - die zu allem Überfluss auch noch Christen sind und damit für eine weitere Minderheit stehen (auch in Singapur weniger als 20 Prozent).
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Das adrette junge Paar im Zentrum der Romanze, Rachel und Nick, wird gespielt von Constance Wu (Fresh Off the Boat) und Neuling Henry Golding, und mit einem besseren Script hätten sie sicher ein paar Funken schlagen können. So sind die Nebenfiguren weitaus interessanter, wenngleich ihre Handlungsstränge dann auch eher frustrierend zerfleddern. Michelle Yeoh (Tiger & Dragon) als Nicks Mutter Eleanor zeigt ihre Starqualität (sie hätte bessere Rollen verdient), und die Londonerin Gemma Chan als Nicks Schwester Astrid ist nicht nur bildhübsch, sondern vermag auch eine unterschwellige Melancholie zu vermitteln (sie hat mir auch gut gefallen im ansonsten oberflächlichen amerikanischen Remake von Echte Menschen). Die Show stiehlt allerdings eine gewisse Awkwafina, Rapperin, Trompetenvirtuosin, Mandarin-Expertin, die schon als nerdiger Hacker in Ocean's Eight ein spaßiger Farbtupfer war und hier die Leinwand zum Explodieren bringt (was bei der dahinplätschernden Geschichte und der augenermüdenden Ausstattung hochwillkommen ist).
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Das Spannungsfeld zwischen der in New York aufgewachsenen Ökonomieprofessorin und dem Kronprinz der Milliardärsfamilie aus Singapur hätte sicher besser ausgeschlachtet werden können (und ist es nicht bezeichnend, dass Aschenputtel heutzutage einen akademischen Grad haben kann?) Die Regie von Jon M. Chu (Die Unfassbaren 2) wirkte auf mich ziemlich uninspiriert. Einzig die Musikauswahl mit einer Mischung aus Ost und West ist ganz nett. Ich habe eine Schwäche für angelsächsische Hits in chinesischer Interpretation: Money - oder auch hybride Originale: Waiting for Your Return. Und wer schon immer mal sehen wollte, wie man eine katholische Kirche für eine Hochzeit in einen Dschungel verwandelt (inklusive Bächlein, durch das die Braut zum Altar flaniert), der ist hier richtig aufgehoben. Ich selbst war vom Gebaren der Superreichen gelegentlich angeekelt, habe mich dann aber doch immer wieder von den netten Darstellern einfangen lassen. Nur das (Spoiler!) Happy End habe ich nicht so recht verstanden. Wird Rachel nun ihre Professur aufgeben, Nick sein Firmenerbe, oder wie will man sich arrangieren? Na ja, es müssen wohl noch Probleme für die Fortsetzung offenbleiben. Für die "erfolgreichste romantische Komödie seit einer Dekade" ziemlich mau. Tatsächlich hat das Genre eine Durststrecke (zuletzt herausragend war 2011, welch ein wahnsinniger Zufall, Crazy, Stupid, Love). Daher noch Ordentlich (6/10).
Samstag, 16. Februar 2019
Schwarzer Humor: BlacKkKlansman (9/10)
Das Internet wimmelt nur so von "Experten", die dem Kassenknüller und Kultphänomen Black Panther jetzt auch den Oscar als Besten Film zusprechen wollen (einer von acht Nominierten ist er bereits). Dabei gibt es einen künstlerisch viel besseren Konkurrenten, der auch von Schwarzen Panthern handelt, allerdings nur ein Vierzehntel des Umsatzes gemacht hat: BlacKkKlansman. In Deutschland war das Zuschauerverhältnis nur 1:5, aber das Interesse am Kino hat hierzulande ohnehin stark nachgelassen. Die Werke von Ryan Coogler und Spike Lee haben übrigens in den USA jeweils mehr Umsatz gemacht als im Rest der Welt zusammen (das ist gerade wegen des stark wachsenden asiatischen Marktes ungewöhnlich).
BlacKkKlansman hat auf politischer Ebene genau das, was ich bei Black Panther vermisst hatte: eine spezifische, nachvollziehbare Geschichte, die ein Schlaglicht auf den alltäglichen amerikanischen Rassismus bis zum heutigen Tag wirft. Trotzdem bietet die Komödie, die man auch ein Drama mit komischen Untertönen nennen könnte, ebenfalls süffige Unterhaltung, über die fast exakt gleiche Laufzeit von 135 Minuten (und nicht so albern, wie der deutsche Trailer vermuten lässt). Das ist aber auch eine dolle Geschichte, die Spike Lee mit folgender Einblendung einführt:
Es gab ihn wirklich: Ron Stallworth, erster schwarzer Polizeidetektiv in Colorado Springs, der (mithilfe eines weißen Kollegen, im Film "Flip Zimmerman") den Ku-Klux-Klan infiltrierte und so mehrere Anschläge verhindern konnte. Erst 2014 veröffentlichte er seine Geschichte als Tatsachenbericht. Spike Lees Autorenteam verlegt die Handlung um ein paar Jahre zurück (von 1978 nach 1971), um sie stärker mit Schlüsselmomenten der Bürgerrechtsbewegung verknüpfen zu können, erfand ihm als Freundin die Präsidentin eines Studentenverbands und machte aus seinem weißen Kollegen einen jüdiischen Polizisten, um ein erhöhtes Spannungspotential zu erzeugen. Solche Veränderungen halte ich nicht nur für legitim, sondern begrüße sie bei der Umsetzung von Büchern in Filmen. Für buchstäbliche Übertragungen gibt es Dokumentationen, und selbst die sind immer nur ein Blickpunkt auf die Wahrheit. Kinofilme müssen unterhalten und sollten dabei (wenn man Glück hat) ihre zugrundeliegenden Wahrheiten herausarbeiten. Und allein schon die aberwitzige Diskussion im Klan (bei der einem das Lachen im Halse steckenbleibt), ob man den Holocaust nun leugnen oder feiern sollte, rechtfertigt die Umdeutung von Flip Zimmermann.
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Spike Lee ist einer der tragischen Helden des amerikanischen Kinos. Er wird im März 62 Jahr alt, und nach meinem Gefühl konnte er sein Potential in seiner Karriere bislang kaum realisieren. Filmtechnisch und als Geschichtenerzähler halte ich ihn für ebenbürtig mit seinen eine gute Dekade älteren New Yorker Kollegen Martin Scorsese und Francis Ford Coppola. Aber nicht nur seine Hautfarbe hat ihm im Weg gestanden. Immerhin hat er sich seit seinem Debut mit unabhängigen, kleinen Filmen (1986: She's Gotta Have It) hochgearbeitet zu mittelgroßen Studioproduktionen (1998: Malcolm X; 2006: Inside Man). Viele Stars gaben sich bei ihm die Ehre, oft mehrfach: Laurence Fishburn (School Daze), Samuel L. Jackson (Do the Right Thing), Denzel Washington (nach Mo' Better Blues noch dreimal), Wesley Snipes (Jungle Fever), Alfre Woodard (Crooklyn), Delroy Lindo (Clockers), Isaiah Washington (Girl 6), sowie auch gern seine Geschwister Joie, Cinqué und David und sein Vater Bill Lee (der hauptberufliche Bassist spielte u.a. für Bob Dylan und Peter, Paul & Mary). Dazu natürlich auch mal ein paar Weiße, darunter Danny Aiello, John Turturro, Harvey Keitel und Mira Sorvino.
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Auch Spike Lee selbst spielte am Anfang regelmäßig mit, wobei ich schon den Eindruck habe, dass der 1,65 Meter kleine Schauspieler vor und hinter der Kamera mit Minderwertigkeitskomplexen zu kämpfen hatte. Mehr geschadet hat ihm wohl sein wütender, oft militanter Umgang mit Rassismus. Er tendiert ja unverhohlen eher zu Malcolm X als zu Martin Luther King. Da sein politischer Aktionismus ihn zeitweise künstlerisch beeinträchtigt hat, habe ich seine jüngsten Filme bislang gemieden (darunter auch das wohlwollend aufgenommene Chi-Raq und das Remake von Chan-Wook Parks Oldboy, das mir schon im Original nicht so zugesagt hatte). Umso größer meine Überraschung, welch wunderbarer Balanceakt ihm mit BlacKkKlansman gelungen ist. Ich sehe es eher als gelassenes Drama, das trotz des ernsten Stoffs zum Schmunzeln einlädt und sogar mit einem Happy End aufwartet. Der Regisseur lässt aber keinen Zweifel daran, dass hier zwar eine Schlacht gewonnen wurde, der Krieg aber noch in vollem Gange ist. Das hätte ich aber auch ohne den aufgesetzten Epilog erkannt, der Spike-Lee-typisch einen direkten Bezug zu rechsextremen Kundgebungen im Jahr 2017 herstellt.
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Bei der Besetzung zeigt Spike Lee mal wieder ein feines Händchen. Die Titelrolle teilen sich John David Washington und Adam Driver. John David zeigt ähnliche Präsenz, wenngleich (noch?) nicht die gleiche Starqualität wie sein Vater Denzel Washington. Vielleicht liegt es auch an Bart und Afro, die sein Gesicht verstecken. Adam Driver mag ich selten, aber hier ist er einfach hervorragend. Star-Wars-Fans werden sicher dankbar vernehmen, dass er als Flip Zimmerman niemals sein Hemd auszieht. Übrigens muss man vielleicht erklären: Ron trat in Telefonaten mit dem KKK in Verbindung, zuletzt sogar mit dessen Bundeschef David Duke, während Flip ihn bei Meetings "vertrat". Als streithafte Black-Power-Studentenführerin Patrice brilliert Laura Harrier, in der ich niemals Spider-Man-Gespielin (und Vulture-Tochter) Liz wiedererkannt hätte. Auch die weiteren Polizeikollegen (darunter Veteran Robert John Burke und Steves Bruder Michael Buscemi) und die Klanmitglieder sind stimmig besetzt.
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Der Film beginnt mit einer Hetzrede eines gewissen "Dr. Kennebrew Beauregard", den Alec Baldwin genüsslich in Saturday-Night-Live-Manier interpretiert. Als Gegengewicht gibt es gegen Ende einen besonderer Gastauftritt der 91jährige Bürgerrechtsikone Harry Belafonte (Matilda), als Zeitzeuge eines Lynchmordes.
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Dazu gibt es zu Beginn und gegen Ende des Films zwei ungleiche Vorträge, die sicher absichtlich als ideologische Bookends platziert wurden. Rons erster Einsatz führt ihn zu einer Rede des Gewerkschaftsorganisators Kwame Ture (Corey Hawkins aus Kong: Skull Island und Straight Outta Compton), der mit geschliffener Rhetorik und warmherzigem Engagement die Black Power ausruft. Gegen Ende wird Ron dann als Leibwächter des Klanchefs David Duke Zeuge von dessen holpriger, in der Ausführung fast bemitleidenswerten Rede, die die White Supremacy zu beschwören versucht. Es ist ein besonderer Coup, David Duke vom unbeholfenen Star der Wilden Siebziger Topher Grace spielen zu lassen, der dafür auch nur eine ältere Variante von Eric Forman zum besten geben muss.
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Es ist eine Schande, dass Spike Lee in diesem Jahr bei den Academy Awards seine erste Nominierung als bester Regisseur bekommen hat. Zuvor war nur seine Dokumentation 4 Little Girls nominiert, sowie sein Drehbuch von Do The Right Thing. Gewonnen hat die Kategorie 1990 der (vergleichsweise) schwächste Film im Wettbewerb, der gefällige Club der Toten Dichter. Do The Right Thing halte ich für einen der besten Filme der 80er, und immer noch einen der besten Filme über Rassismus. Er ging damals nicht einmal für den Besten Film des Jahres ins Oscar-Rennen. Im Zuge der neuen politischen Korrektheit vergab die amerikanische Akademie 2016 einen Ehrenpreis an Spike Lee - immerhin. Für BlacKkKlansman stehen die Chancen auch nicht besonders - bei den BAFTAs hat es gerade für den Drehbuchpreis gereicht. Ich persönlich würde lieber einen Marathon mit Spike Lees schwächsten Werken schauen als auch nur 10 Minuten des haushohen Favoriten für den Besten Film (und BAFTA-Gewinners) Roma. Für mich ist BlacKkKlansman Spike Lees bester Joint seit eben Do The Right Thing. Herausragend (9/10).
Dies ist meine Rangliste der Oscar-Kandidaten:
BlacKkKlansman (9/10)
The Favourite (8/10)
Green Book (8/10)
A Star Is Born (8/10)
Black Panther (8/10)
Bohemian Rhapsody (5/10)
Roma (3/10)
Vice (? - kommt erst im März in unsere Kinos)
BlacKkKlansman habe ich mir übrigens als UHD-Blu-ray aus England besorgen müssen. Bild- und Tonqualität sind exzellent, aber die Extras leider mehr als mager.
BlacKkKlansman hat auf politischer Ebene genau das, was ich bei Black Panther vermisst hatte: eine spezifische, nachvollziehbare Geschichte, die ein Schlaglicht auf den alltäglichen amerikanischen Rassismus bis zum heutigen Tag wirft. Trotzdem bietet die Komödie, die man auch ein Drama mit komischen Untertönen nennen könnte, ebenfalls süffige Unterhaltung, über die fast exakt gleiche Laufzeit von 135 Minuten (und nicht so albern, wie der deutsche Trailer vermuten lässt). Das ist aber auch eine dolle Geschichte, die Spike Lee mit folgender Einblendung einführt:
Dis joint is based on some fo‘ real, fo‘ real sh*t
Es gab ihn wirklich: Ron Stallworth, erster schwarzer Polizeidetektiv in Colorado Springs, der (mithilfe eines weißen Kollegen, im Film "Flip Zimmerman") den Ku-Klux-Klan infiltrierte und so mehrere Anschläge verhindern konnte. Erst 2014 veröffentlichte er seine Geschichte als Tatsachenbericht. Spike Lees Autorenteam verlegt die Handlung um ein paar Jahre zurück (von 1978 nach 1971), um sie stärker mit Schlüsselmomenten der Bürgerrechtsbewegung verknüpfen zu können, erfand ihm als Freundin die Präsidentin eines Studentenverbands und machte aus seinem weißen Kollegen einen jüdiischen Polizisten, um ein erhöhtes Spannungspotential zu erzeugen. Solche Veränderungen halte ich nicht nur für legitim, sondern begrüße sie bei der Umsetzung von Büchern in Filmen. Für buchstäbliche Übertragungen gibt es Dokumentationen, und selbst die sind immer nur ein Blickpunkt auf die Wahrheit. Kinofilme müssen unterhalten und sollten dabei (wenn man Glück hat) ihre zugrundeliegenden Wahrheiten herausarbeiten. Und allein schon die aberwitzige Diskussion im Klan (bei der einem das Lachen im Halse steckenbleibt), ob man den Holocaust nun leugnen oder feiern sollte, rechtfertigt die Umdeutung von Flip Zimmermann.
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Spike Lee ist einer der tragischen Helden des amerikanischen Kinos. Er wird im März 62 Jahr alt, und nach meinem Gefühl konnte er sein Potential in seiner Karriere bislang kaum realisieren. Filmtechnisch und als Geschichtenerzähler halte ich ihn für ebenbürtig mit seinen eine gute Dekade älteren New Yorker Kollegen Martin Scorsese und Francis Ford Coppola. Aber nicht nur seine Hautfarbe hat ihm im Weg gestanden. Immerhin hat er sich seit seinem Debut mit unabhängigen, kleinen Filmen (1986: She's Gotta Have It) hochgearbeitet zu mittelgroßen Studioproduktionen (1998: Malcolm X; 2006: Inside Man). Viele Stars gaben sich bei ihm die Ehre, oft mehrfach: Laurence Fishburn (School Daze), Samuel L. Jackson (Do the Right Thing), Denzel Washington (nach Mo' Better Blues noch dreimal), Wesley Snipes (Jungle Fever), Alfre Woodard (Crooklyn), Delroy Lindo (Clockers), Isaiah Washington (Girl 6), sowie auch gern seine Geschwister Joie, Cinqué und David und sein Vater Bill Lee (der hauptberufliche Bassist spielte u.a. für Bob Dylan und Peter, Paul & Mary). Dazu natürlich auch mal ein paar Weiße, darunter Danny Aiello, John Turturro, Harvey Keitel und Mira Sorvino.
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Auch Spike Lee selbst spielte am Anfang regelmäßig mit, wobei ich schon den Eindruck habe, dass der 1,65 Meter kleine Schauspieler vor und hinter der Kamera mit Minderwertigkeitskomplexen zu kämpfen hatte. Mehr geschadet hat ihm wohl sein wütender, oft militanter Umgang mit Rassismus. Er tendiert ja unverhohlen eher zu Malcolm X als zu Martin Luther King. Da sein politischer Aktionismus ihn zeitweise künstlerisch beeinträchtigt hat, habe ich seine jüngsten Filme bislang gemieden (darunter auch das wohlwollend aufgenommene Chi-Raq und das Remake von Chan-Wook Parks Oldboy, das mir schon im Original nicht so zugesagt hatte). Umso größer meine Überraschung, welch wunderbarer Balanceakt ihm mit BlacKkKlansman gelungen ist. Ich sehe es eher als gelassenes Drama, das trotz des ernsten Stoffs zum Schmunzeln einlädt und sogar mit einem Happy End aufwartet. Der Regisseur lässt aber keinen Zweifel daran, dass hier zwar eine Schlacht gewonnen wurde, der Krieg aber noch in vollem Gange ist. Das hätte ich aber auch ohne den aufgesetzten Epilog erkannt, der Spike-Lee-typisch einen direkten Bezug zu rechsextremen Kundgebungen im Jahr 2017 herstellt.
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Bei der Besetzung zeigt Spike Lee mal wieder ein feines Händchen. Die Titelrolle teilen sich John David Washington und Adam Driver. John David zeigt ähnliche Präsenz, wenngleich (noch?) nicht die gleiche Starqualität wie sein Vater Denzel Washington. Vielleicht liegt es auch an Bart und Afro, die sein Gesicht verstecken. Adam Driver mag ich selten, aber hier ist er einfach hervorragend. Star-Wars-Fans werden sicher dankbar vernehmen, dass er als Flip Zimmerman niemals sein Hemd auszieht. Übrigens muss man vielleicht erklären: Ron trat in Telefonaten mit dem KKK in Verbindung, zuletzt sogar mit dessen Bundeschef David Duke, während Flip ihn bei Meetings "vertrat". Als streithafte Black-Power-Studentenführerin Patrice brilliert Laura Harrier, in der ich niemals Spider-Man-Gespielin (und Vulture-Tochter) Liz wiedererkannt hätte. Auch die weiteren Polizeikollegen (darunter Veteran Robert John Burke und Steves Bruder Michael Buscemi) und die Klanmitglieder sind stimmig besetzt.
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Der Film beginnt mit einer Hetzrede eines gewissen "Dr. Kennebrew Beauregard", den Alec Baldwin genüsslich in Saturday-Night-Live-Manier interpretiert. Als Gegengewicht gibt es gegen Ende einen besonderer Gastauftritt der 91jährige Bürgerrechtsikone Harry Belafonte (Matilda), als Zeitzeuge eines Lynchmordes.
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Dazu gibt es zu Beginn und gegen Ende des Films zwei ungleiche Vorträge, die sicher absichtlich als ideologische Bookends platziert wurden. Rons erster Einsatz führt ihn zu einer Rede des Gewerkschaftsorganisators Kwame Ture (Corey Hawkins aus Kong: Skull Island und Straight Outta Compton), der mit geschliffener Rhetorik und warmherzigem Engagement die Black Power ausruft. Gegen Ende wird Ron dann als Leibwächter des Klanchefs David Duke Zeuge von dessen holpriger, in der Ausführung fast bemitleidenswerten Rede, die die White Supremacy zu beschwören versucht. Es ist ein besonderer Coup, David Duke vom unbeholfenen Star der Wilden Siebziger Topher Grace spielen zu lassen, der dafür auch nur eine ältere Variante von Eric Forman zum besten geben muss.
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Es ist eine Schande, dass Spike Lee in diesem Jahr bei den Academy Awards seine erste Nominierung als bester Regisseur bekommen hat. Zuvor war nur seine Dokumentation 4 Little Girls nominiert, sowie sein Drehbuch von Do The Right Thing. Gewonnen hat die Kategorie 1990 der (vergleichsweise) schwächste Film im Wettbewerb, der gefällige Club der Toten Dichter. Do The Right Thing halte ich für einen der besten Filme der 80er, und immer noch einen der besten Filme über Rassismus. Er ging damals nicht einmal für den Besten Film des Jahres ins Oscar-Rennen. Im Zuge der neuen politischen Korrektheit vergab die amerikanische Akademie 2016 einen Ehrenpreis an Spike Lee - immerhin. Für BlacKkKlansman stehen die Chancen auch nicht besonders - bei den BAFTAs hat es gerade für den Drehbuchpreis gereicht. Ich persönlich würde lieber einen Marathon mit Spike Lees schwächsten Werken schauen als auch nur 10 Minuten des haushohen Favoriten für den Besten Film (und BAFTA-Gewinners) Roma. Für mich ist BlacKkKlansman Spike Lees bester Joint seit eben Do The Right Thing. Herausragend (9/10).
Dies ist meine Rangliste der Oscar-Kandidaten:
BlacKkKlansman (9/10)
The Favourite (8/10)
Green Book (8/10)
A Star Is Born (8/10)
Black Panther (8/10)
Bohemian Rhapsody (5/10)
Roma (3/10)
Vice (? - kommt erst im März in unsere Kinos)
BlacKkKlansman habe ich mir übrigens als UHD-Blu-ray aus England besorgen müssen. Bild- und Tonqualität sind exzellent, aber die Extras leider mehr als mager.
Mittwoch, 2. Januar 2019
Jahresrückblick 2018
2018 war das Jahr, in dem weltweit die Streamingumsätze die der Lichtspielhäuser überschritten. Nach der Musikbranche muss nun auch die Filmindustrie umdenken. Das hat für die Verbraucher zunächst einige ärgerliche Folgen. So versiegt trotz des Siegeszugs von 4K-Fernsehern mit großen Diagonalen die Veröffentlichung von UHD-Medien, vor allem klassischer Filme. Insbesondere Disney sitzt auf seinem Riesenschatz filmhistorischer Perlen wie ein eifersüchtiger Drache auf seinen Goldmünzen. Das ist natürlich Kalkül für den geplanten Start eines eigenen Streamingservice. Aber wenn ein Studio Filme in Topqualität (Dolby Atmos/Dolby Vision) bei iTunes verkauft, die zugehörigen UHD-Blu-rays aber (wenn überhaupt) mit minderwertigen Codecs zu überhöhten Preisen auf den Markt bringt, verbrennt dieses Vorgehen schnell auch die Fangemeinde. Und übrigens Disney: Der marktführende Drache hat aus fadenscheinigen Gründen den liebenswerten James Gunn geschasst (so dass die Zukunft der Guardians noch unsicher ist). Wie man auch am verhinderten Oscar-Moderator Kevin Hart sieht, kann man offenbar Komikern nicht mehr trauen. Am besten alle an die Wand stellen!
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Zum Glück gibt es auch Ausnahmen bei den Studios. Vor allem Warner hat sich um das neue Format verdient gemacht, mit Top-Veröffentlichungen aller acht Harry-Potter-Filme etwa (aber wo bleibt der Herr der Ringe?), und insbesondere mit der Jubliäumsausgabe von Kubricks 2001 - Odyssee im Weltall, deren neue 8K-Abtastung auf moderner Hardware auch nach 50 Jahren atemberaubend aussieht (wobei ich vermute, dass ein 8K-Fernseher hier nur marginale Verbesserungen bringen könnte). Universal hingegen hat die 4K-Abtastung von Spartacus bislang nur als schnöde Blu-ray herausgebracht. Und was ist mit Lawrence von Arabien? Hier müssen wir hoffentlich nicht noch drei Jahre bis zum 60jährigen Jubiläum warten?
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Jubiläen gab es auch bei einigen klassischen Musikalben. Glanzpunkt des Jahres war hier unumstritten das ebenfalls 50 Jahre alte Weisse Album der Beatles, nun genial in Surroundsound neugemischt, ohne das Original dadurch zu verfälschen. Jetzt müssen wir nochmals ein Jahr auf Abbey Road warten... Weitere Höhepunkte: Heavy Horses von Jethro Tull (40 Jahre) und Electric Ladyland (50 Jahre) von Jimi Hendrix.
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Leider schielen auch die bestehenden Streaminganbieter zunehmend auf den Kommerz. Es tut weh, dass ein wunderbares Nischenprodukt wie Mozart in the Jungle nun von Amazon eingestellt wurde. Netflix hat dem SF-Epos Sense8 immerhin ein fulminantes Finale finanziert (Amor Vincit Omnia). Dafür bekommen wir nun haufenweise Albernheiten von Will Ferrell und Adam Sandler. Was die Eigenproduktionen anbelangt, hat Netflix so schnell wie kein anderes Studio die übliche Corporate Stupidity erreicht. So hat man nach Meinungsverschiedenheiten über die Fortsetzung des Megahits Bright den Autor Max Landis gefeuert und sich auf die Seite des Regisseurs David Ayer gestellt, nicht gerade eine helle Entscheidung. Und bislang konnte mich auch keine der weiteren Eigenproduktionen überzeugen, trotz Emma Stone auch nicht die vieldiskutierte Miniserie Maniac.
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Zurück zum Kino: Während in den USA Black Panther und die Avengers irrsinnig durchgestartet sind, gaben sich die deutschen Zuschauer mit Mittelmäßigkeit zufrieden. Während früher der Herr der Ringe oder Harry Potter schon mal die Zehnmillionenmarke überschritten, reichten den Avengers dieses Jahr schon gut 3 Millionen verkaufter Karten für Platz 1 an den Kinokassen. Noch peinlicher: Auf den weiteren Plätzen folgen mit "Phantastische Tierwesen 2", "Fifty Shades of Grey 3", "Hotel Transsilvanien 3", Jurassic World 2, Deadpool 2, Mamma Mia! 2 und "Die Unglaublichen 2" lauter (meist maue) Fortsetzungen, vor dem ersten (leider auch nicht tollen) Original "Bohemian Rhapsody" und auf Platz 10 dem ersten deutschen Film, "Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer". Schlimm auch: Vor dem Actionkracher des Jahres, Mission Impossible 6, konnten sich sogar die Megagurken "Venom" und Solo platzieren. Weltweit in den Milliardenclub aufgestiegen sind übrigens nur Avengers: Infinity War, Black Panther, Jurassic World: Fallen Kingdom und "Die Unglaublichen 2", wobei Aquaman wohl noch eine Anschlusschance hat (und damit DCs erfolgreichster Titel ist!)
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Mit 19 Besuchen 2018 zähle ich zwar immer noch zu den treuesten Kinokunden, das ist aber kein Vergleich etwa zu den 85 gekauften Karten von 2004. Meine Jahreswertung speist sich nun aus allen 80 im vergangenen Jahr gesehenen Filme der Jahre 2017 und 2018, ob im Kino, auf Blu-ray oder gestreamt.
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Zum Glück gibt es auch Ausnahmen bei den Studios. Vor allem Warner hat sich um das neue Format verdient gemacht, mit Top-Veröffentlichungen aller acht Harry-Potter-Filme etwa (aber wo bleibt der Herr der Ringe?), und insbesondere mit der Jubliäumsausgabe von Kubricks 2001 - Odyssee im Weltall, deren neue 8K-Abtastung auf moderner Hardware auch nach 50 Jahren atemberaubend aussieht (wobei ich vermute, dass ein 8K-Fernseher hier nur marginale Verbesserungen bringen könnte). Universal hingegen hat die 4K-Abtastung von Spartacus bislang nur als schnöde Blu-ray herausgebracht. Und was ist mit Lawrence von Arabien? Hier müssen wir hoffentlich nicht noch drei Jahre bis zum 60jährigen Jubiläum warten?
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Jubiläen gab es auch bei einigen klassischen Musikalben. Glanzpunkt des Jahres war hier unumstritten das ebenfalls 50 Jahre alte Weisse Album der Beatles, nun genial in Surroundsound neugemischt, ohne das Original dadurch zu verfälschen. Jetzt müssen wir nochmals ein Jahr auf Abbey Road warten... Weitere Höhepunkte: Heavy Horses von Jethro Tull (40 Jahre) und Electric Ladyland (50 Jahre) von Jimi Hendrix.
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Leider schielen auch die bestehenden Streaminganbieter zunehmend auf den Kommerz. Es tut weh, dass ein wunderbares Nischenprodukt wie Mozart in the Jungle nun von Amazon eingestellt wurde. Netflix hat dem SF-Epos Sense8 immerhin ein fulminantes Finale finanziert (Amor Vincit Omnia). Dafür bekommen wir nun haufenweise Albernheiten von Will Ferrell und Adam Sandler. Was die Eigenproduktionen anbelangt, hat Netflix so schnell wie kein anderes Studio die übliche Corporate Stupidity erreicht. So hat man nach Meinungsverschiedenheiten über die Fortsetzung des Megahits Bright den Autor Max Landis gefeuert und sich auf die Seite des Regisseurs David Ayer gestellt, nicht gerade eine helle Entscheidung. Und bislang konnte mich auch keine der weiteren Eigenproduktionen überzeugen, trotz Emma Stone auch nicht die vieldiskutierte Miniserie Maniac.
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Zurück zum Kino: Während in den USA Black Panther und die Avengers irrsinnig durchgestartet sind, gaben sich die deutschen Zuschauer mit Mittelmäßigkeit zufrieden. Während früher der Herr der Ringe oder Harry Potter schon mal die Zehnmillionenmarke überschritten, reichten den Avengers dieses Jahr schon gut 3 Millionen verkaufter Karten für Platz 1 an den Kinokassen. Noch peinlicher: Auf den weiteren Plätzen folgen mit "Phantastische Tierwesen 2", "Fifty Shades of Grey 3", "Hotel Transsilvanien 3", Jurassic World 2, Deadpool 2, Mamma Mia! 2 und "Die Unglaublichen 2" lauter (meist maue) Fortsetzungen, vor dem ersten (leider auch nicht tollen) Original "Bohemian Rhapsody" und auf Platz 10 dem ersten deutschen Film, "Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer". Schlimm auch: Vor dem Actionkracher des Jahres, Mission Impossible 6, konnten sich sogar die Megagurken "Venom" und Solo platzieren. Weltweit in den Milliardenclub aufgestiegen sind übrigens nur Avengers: Infinity War, Black Panther, Jurassic World: Fallen Kingdom und "Die Unglaublichen 2", wobei Aquaman wohl noch eine Anschlusschance hat (und damit DCs erfolgreichster Titel ist!)
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Mit 19 Besuchen 2018 zähle ich zwar immer noch zu den treuesten Kinokunden, das ist aber kein Vergleich etwa zu den 85 gekauften Karten von 2004. Meine Jahreswertung speist sich nun aus allen 80 im vergangenen Jahr gesehenen Filme der Jahre 2017 und 2018, ob im Kino, auf Blu-ray oder gestreamt.
Herausragend (9/10)
- Three Billboards Outside Ebbing, Missouri (Martin McDonagh)
- Shape of Water (Guillermo Del Toro)
- Your Name: Gestern, heute und für immer (Makoto Shinkai)
Unbeschreiblich traurig. Unbeschreiblich romantisch. Unbeschreiblich hoffnungsvoll.
Ein Animationsfilm für Erwachsene (auch für ältere Kinder geeignet).
Unbeschreiblich schön.
Sehr gut (8/10)
- Black Panther (Ryan Coogler)
- Die Taschendiebin (Chan-wook Park)
Ungewöhnliche, überraschende Erzählstrukturen kommen bei IMDB-Nutzern gut an (Score: 8,1/10). Dieser südkoreanische Film bietet aber Spannung und Herz, eher ungewöhnlich für den Regisseur von Gewaltorgien wie Old Boy und Lady Vengeance. Die gleiche Liebesgeschichte wird dreimal aus sehr subjektiven Perspektiven erzählt, und jedesmal fügen sich die Puzzle-Teile sehr unterschiedlich zusammen, bis es dann zu einem schönen Happy-End kommt. - Bad Times at the El Royale (Drew Goddard)
- A Star is Born (Bradley Cooper)
- Deadpool 2 (David Leitch)
- Borg McEnroe (Janus Metz)
- Bright (David Ayer)
- Coco (Lee Unkrich, Adrian Molina)
Endlich mal wieder ein überzeugendes Original von Pixar. Vielleicht nicht ganz auf gleichem Niveau wie andere sehr gute Klassiker (Monster AG, Findet Nemo, Wall-E), aber für mich Pixars bester Film seit zehn Jahren. - I, Tonya (Craig Gillespie)
- Körper und Seele (Ildikó Enyedi)
Unsentimental erzählte Liebesgeschichte zwischen einem 65jährigen, körperlich versehrten Mann und einer 30jährigen Autistin. Beide arbeiten in einem Schlachthof (und wer die dokumentarischen Bilder nicht vertragen kann, verliert auch das Recht auf ein gutes Steak), und nachts träumen sie von winterlichen Begegnungen als Hirsche. Mal eine gute Wahl für den Goldenen Bären, ungewöhnlich inszeniert von einer ungarischen Regisseurin.
- Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer (Dennis Gansel)
In einer besseren Welt wäre das ein Knüller geworden. So ist diese Neuverfilmung des genialen Kinderbuchs von Michael Ende mit 1,8 Millionen Zuschauern immerhin der erfolgreichste deutsche Film des (schlappen) Kinojahres. Warum musste sie zu Ostern in Konkurrenz zu Peter Hase laufen? Für Nostalgiker kommt sie natürlich nicht an die charmante Fassung der Augsburger Puppenkiste heran, aber trotz der episodischen Struktur macht die Abenteuerreise von Jim und Lukas auf Emma, der Lokomotive, einen Riesenspaß (nicht nur einen Scheinriesenspaß - äh, na ja). Wohlausgesuchte Darsteller, versponnene computergenerierte Kulissen, schöne Musik, ein paar Filmzitate für Erwachsene - was will man mehr? Einzig der Liedtext war den Machern wohl zu altmodisch (oder die Puppenkiste wollte ihn nicht hergeben). Und jetzt alle:
Ei---ne Insel mit zwei Bergen
Und dem tiefen, weiten Meer
Mit vier Tunnels und Geleisen
Und dem Eisenbahnverkehr
Nun, wie mag die Insel heißen?
Ringsherum ist schöner Strand
Jeder sollte einmal reisen
In das schöne Lummerland
Gut (7/10)
- Ant-Man and the Wasp (Peyton Reed)
- Aquaman (James Wan)
- Avengers: Infinity War (die Russo-Brüder)
- Battle of the Sexes (Valerie Faris & Jonathan Dayton)
- Call Me By Your Name (Luca Guadagnino)
Irgendwie hat mich diese Liebesgeschichte vor den herrlichen lombardischen Landschaften nicht so recht gepackt. Vielleicht verstehe ich die Menschen nicht gut genug - in der ersten Hälfte gibt es keinerlei Indiz, dass Oliver und Elio die Erwiderung der Gefühle des Gegenübers erkennen, und plötzlich fallen sie übereinander her, als gäbe es kein Morgen? Na ja, trotz ein paar peinlicher Situationen ist es eine schöne Geschichte, und Adapteur James Ivory, der im Juni stolze 90 Jahre alt geworden ist, sei die Krönung dieses Ehrenjahrs mit einem Oscar mehr als gegönnt (unvorstellbar, dass er bis dahin weder einen Oscar noch einen Golden Globe gewonnen hatte). Ivory ist ja zeit seines Lebens gegen den Strom geschwommen, hat aber mit seinem (Lebens-)Partner Ismail Merchant (1936-2005) und in Zusammenarbeit mit Autorin Ruth Prawer Jhabvala (1927-2013) den Filmolymp immer wieder mit prächtig ausgestatteten, tief empfundenen Meisterwerken bereichert. Meine Lieblinge: Zimmer mit Aussicht (1986), Howards End (1992), Was vom Tage übrig blieb (1993). - Der Wein und der Wind (Cédric Klapisch)
Unaufgeregte Familiengeschichte, ruhig erzählt über vier Jahreszeiten. Attraktive Schauspieler und schöne Landschaften, dazu halbdokumentarische Informationen über den Weinanbau im Burgund. - Dunkirk (Christopher Nolan)
- Jumanji - Willkommen im Dschungel (Jake Kasdan)
The Rock + Kevin Hart + Jack Black + Karen "Nebula" Gillan + Bobby Cannavale = bestes Popcorn-Kino. Annehmbare Alternative: Rampage (5/10). - Little Sister (Zach Clark)
Nicht zu verwechseln mit Sister Act. Addison Timlin spielt eine Nonne mit Goth-Vergangenheit. Ich mag die Kleine (1,55m) einfach. Verfügbar auf Netflix. - Mamma Mia! Here We Go Again (Ol Parker)
- Mission Impossible: Fallout (Christopher McQuarrie)
- Ocean's Eight (Gary Ross)
- Professor Marston and the Wonder Women (Angela Robinson)
Hübsche, gut gespielte Dreiecksgeschichte der anderen Art. - Ready Player One (Steven Spielberg)
Bunt und unterhaltsam - vielleicht folgt noch irgendwann eine längere Kritik. - The Florida Project (Sean Baker)
- Tully (Jason Reitman)
Von Jason Reitman lasse ich mich schon lange nicht mehr enttäuschen. Das Drama um eine Mutter mit postnataler Depression ist trotz glänzend aufgelegter Darsteller (Charlize Theron, Mackenzie Davis) und Diablo Codys bestem Script seit Juno erneut nicht massentauglich.
Enttäuschungen
- Auslöschung (Alex Garland, 6/10)
Das Netflix-Ereignis mit Natalie Portman hat mich noch weniger als das Buch überzeugt. - Predator: Upgrade (Shane Black, 6/10)
- The Ballad of Buster Scruggs (Joel & Ethan Coen via Netflix, 6/10)
Erste Episode mit Tim Blake Nelson: Herrlich - 9/10
Zweite Episode mit James Franco: bester Kalauer des Jahres - 8/10
Dritte Episode mit Liam Neeson: deprimierend/merkwürdig - 4/10
Vierte Episode mit Tom Waits: spaßig (7/10)
Fünfte Episode mit Zoe Kazan: überlang, eintönig (5/10)
Sechste Episode mit Brendan Gleeson: schwach (3/10) - Bad Moms 2 (5/10)
Überhastet konzipierte, unnötige Fortsetzung. - Red Sparrow (Francis Lawrence, 5/10)
Manche nackten Tatsachen sollte man wohl besser der Fantasie überlassen. Ein Karrieretief für Jennifer Lawrence. - Bohemian Rhapsody (5/10)
Getragen nur von der tollen Musik und der chamäleonartigen Darstellung von Rami Malek. Ausführliche Kritik folgt vielleicht noch. - Mord im Orient-Express (Kenneth Branagh, 5/10)
Tolle Bilder, schöne Darsteller, aber im Ergebnis weniger als die Summe der Teile. Tip: Besser das Original anschauen! - Phantastische Tierwesen: Grindelwalds Verbrechen (5/10)
Unbeholfen strukturiert, überladen. Das eigentliche Verbrechen: dass die Paarung von Muggle Kowalski und der spinnerten Queenie derart im Nebel verlorengeht! - Ataris Reise ("Isle of Dogs", Wes Anderson, 3/10)
Ein Höhepunkt des Stop-Motion-Films, ein Tiefpunkt des Geschichtenerzählens.
Egal (Auswahl)
- A Quiet Place (John Krasinski, 6/10)
Der überraschende "Horror"-Hit mit Emily Blunt fing gut an, hatte dann aber zu viele Logiklöcher. - Tomb Raider (Roar Uthaug, 6/10)
Alicia Vikander ist eine tolle Lara Croft, eine Heldin, die blutet und leidet, aber sich immer wieder aufrappelt. Wenn doch das Script der Hauptdarstellerin angemessen gewesen wäre! - Logan Lucky (Steven Soderbergh, 4/10)
Me unlucky. - Alles Geld der Welt (Ridley Scott, 4/10)
Auch Kevin Spacey hätte diese konfuse biographische Geschichte um die Entführung von Milliardärsenkel Getty nicht retten können. - Atomic Blonde (David Leitch, 3/10)
So sehr ich Charlize Theron mag, so übel ist mir diese Actiongurke aufgestoßen. - Roman J. Israel, Esq. (Dan Gilroy, 3/10)
So langatmig und wichtig, dass ich das Denzel-Washington-Vehikel nicht mal zu Ende schauen konnte.
Ärgernis des Jahres
- Venom (Ruben Fleischer, 2/10)
Nachrufe
- Ursula K. Le Guin war nicht nur die First Lady der Science Fiction, sondern eine der wichtigsten Autorinnen des 20. Jahrhunderts. Ihre Erdsee-Romane (nominell für Jugendliche gedacht) sind Fantasy-Klassiker, ihre Hugo-Gewinner "Die linke Hand der Dunkelheit" (1969) und "Planet der Habenichtse" (1974) beeinflussten Generationen. Die Kalifornierin starb 88jährig bereits im Januar.
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- Kurz darauf verstarb auch die 89jährige Kate Wilhelm, nach Le Guin die zweite Frau, die einen Hugo für den besten Roman gewann ("Hier sangen früher Vögel", 1976).
- William Goldman war einer der ersten Drehbuchautoren, die von der Öffentlichkeit wahrgenommen wurden. Seine Oscars gewann er für Butch Cassidy and the Sundance Kid ("Zwei Banditen", 1969) sowie Die Unbestechlichen (1976, 9/10), aber Unsterblichkeit sichert ihm die warmherzige Abenteuerpersiflage Die Braut des Prinzen (1987), für die er seinen eigenen fabelhaften Roman adaptierte, congenial von Rob Reiner inszeniert. Die popkulturelle Relevanz des Films wurde jüngst noch unterstrichen durch die inoffizielle Fortsetzung Once Upon a Deadpool. Goldman hat neben Romanen und Drehbüchern auch kluge Hintergrundberichte geschrieben, etwa Das Hollywood-Geschäft. Er starb 87jährig im November. Embed from Getty Images
- Der Tscheche Milos Forman drehte nur ein Dutzend Filme, gewann dafür aber allein zwei Regieoscars, nämlich für die überwältigenden Meisterwerke Einer flog übers Kuckucksnest und Amadeus. Mit seinen drei in der Heimat entstandenen Filmen konnte ich nicht so viel anfangen (ganz nett: Die Liebe einer Blondine), aber unter seinen Exilfilmen sind nur wenige Nieten, dafür weitere sehenswerte Werke: Taking Off, Hair, Larry Flynt, Der Mondmann (ich warte immer noch auf die Blu-ray-Veröffentlichung dieser wunderbaren Andy-Kaufman-Biographie). Forman starb im April mit 86 Jahren.
Klassische Rezension: Butch Cassidy and the Sundance Kid (7/10)
Eine kluge Freundin hat mir einmal erklärt, daß es nur drei Arten von Frauen gibt: diejenigen, die auf Paul Newman stehen, diejenigen, die Robert Redford verehren, und diejenigen, die - beide lieben. Dies mag zum Teil die Publikumswirkung der gemeinsamen Projekte der beiden erklären. Ich selbst will zugeben (und mich nicht nur in diesem Punkt Pauline Kaels Meinung anschließen), daß es Spaß macht, die beiden Stars in Aktion zu sehen. Leider muß ich aber sowohl bei "Butch Cassidy" als auch beim Nachfolgeprojekt "Der Clou" ("The Sting") feststellen, daß da ein gewaltiges Potential verschenkt wurde. Die Western-Komödie, die u.a. dem Autor William Goldman und dem Komponisten Burt Bacharach ("Raindrops Keep Falling on my Head") Oscars einbrachte, hat neben bravourösen, unvergeßlichen Szenen (der Fahrrad-Balztanz Newmans, der mangels Sprachkenntnissen zu scheitern drohende erste Banküberfall in Bolivien) auch gravierende Schwächen. So orientierungslos wie die beiden Helden fühlte ich mich auch als Zuschauer. Über eine halbe Stunde hat es gedauert, bis ich ein grobes Bild der Hauptpersonen und der Zeitumstände vor Augen hatte. Der historische Hintergrund bleibt blaß. Es ist kein Handlungsbogen zu erkennen, keine Entwicklung der Figuren. Als Komödie nicht witzig, als Tragödie nicht packend genug, zeugt es eher von Hilflosigkeit, von einer Charakterstudie zu sprechen. Charme versprühende Stars und ein paar gute Dialoge reichen dazu nicht aus. Wo bitte ist denn herausgearbeitet, wie unterschiedlich Butch und Sundance gewesen sein sollen? Wo kommt die Tragik der Edelganoven zum Ausdruck, die im Zuge der kapitalistisch-industriellen Revolution plötzlich die letzten ihrer Art waren? Ich neige dazu, dies dem Regisseur George Roy Hill vorzuwerfen, der Genie im Detail beweist, aber kein Talent fürs große Werk hat. Der Erfolg scheint aber die Kritiker nachhaltig zum Schweigen gebracht zu haben (Maltin und Halliwell geben Höchstwertungen). Zum Glück hat bei den Oscar-Verleihungen 1970 Schlesingers Meisterwerk "Midnight Cowboy" die Hauptpreise einkassiert (was das AFI nicht hinderte, "Butch Cassidy" auf Platz 50 der Top 100 des 20. Jahrhunderts zu setzen). Nun ja - unterhaltsam war's schon (7/10).
Samstag, 8. Dezember 2018
Oh weh! Mowgli: Legende des Dschungels (4/10)
Zwei Jahre nach Jon Favreaus gelungener Realverfilmung von Disneys Dschungelbuch läuft nun seit Freitag die lange erwartete Parallelproduktion Mowgli von Andy Serkis bei Netflix, nachdem Warner Bros. sie unzeremoniell an den Streaminganbieter verhökert hat. Man kann wohl vermuten, dass sie an den Kinokassen gnadenlos untergegangen wäre: zu düster für Kinder, zu zerfahren für Erwachsene.
Wenn ich eine Goldene Himbeere für die schlechteste stimmliche Darbietung des Jahres zu verleihen hätte, ginge diese an die zweifache Oscar-Preisträgerin Cate Blanchett. Ihr Voiceover, mit dem die Python Kaa als Erzählerin zu Beginn und Ende der Geschichte von Mowgli einen Rahmen gibt., ist tierisch peinlich. Sie versucht an die Weisheit der äonenalten Elbin Galadriel anzuknüpfen, kommt aber leider nur wie die pompöse Ansagerin eines Schmierentheaters rüber. Die meisten ihrer Kollegen können etwas mehr überzeugen, so etwa Christian Bale als erstaunlich rumpeliger Panther Bagheera und Benedict Cumberbatch als bedrohlicher, Smaug artverwandter Tiger Shere Khan. Aber die meisten kleinen Rollen, inklusive Andy Serkis' Bär Baloo, wirken fehlbesetzt oder zumindest farblos.
Den Stimmkünstlern kann ich allerdings nicht die Hauptschuld an dieser Naturkatastrophe geben. In zwei weiteren entscheidenden Aspekten versagt die Neuinterpretation von Andy Serkis, der ja bei Peter Jackson in die Lehre ging. Für ihn verkörperte er nicht nur Gollum und King Kong, sondern übernahm oft auch die Regie des zweiten Units. Zum einen geht das Konzept der computergenerierten tierischen Darsteller nicht auf, und zum anderen entfernt sich die Handlung nicht weit genug von der berühmten Disney-Version.
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Was bei Gollum und Caesar (in der erfolgreichen neuen Trilogie um den Planet der Affen) eindrucksvoll wirkte, klappt mit Wölfen und Raubkatzen nur bedingt. Über den Motion-Capture-Prozess wurde die Mimik der menschlichen Darsteller auf die computergenerierten Tiere übertragen. Das führt zu verstörenden Chimäreneffekten. Die Figuren werden vermenschlicht, ohne dass sie sich (wie bei Disney) in liebevolle Karikaturen verwandeln. Matt Zoller Seitz nennt das in seiner klugen Kritik (2/4 Sterne) "uncanny valley feeling". Shere Khan ist eben nicht photorealistisch wie sein Argenosse aus Das Leben des Pi, sondern sieht aus wie Cumberbatch im Tigerfell. Die Tierdarsteller sind nicht mehr so putzig wie in der Realverfilmung von Disneys Dschungelbuch, aber doch noch zu vermenschlicht, um als wilde Wesen durchzugehen.
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Ähnliches gilt für die Handlung. Ziel der Produktion war es, sich näher an Rudyard Kiplings Buch zu orientieren (allein schon aus rechtlichen Gründen). Das Drehbuch stammt von der völlig unerfahrenen Callie Kloves, Tochter von Steve Kloves (Harry Potter, Wonder Boys, The Fabulous Baker Boys). Es gelingt ihr einfach nicht, Kiplings sparsamer Prosa Fleisch auf die Knochen zu zaubern. Nehmen wir nur Mowglis Entführung durch die Affenbande. Das ist im Buch eine kleine Episode, in der unser kleine Held die Äffchen als Zerrspiegel seiner selbst begreift. Im Film wird daraus eine kurze Actionsequenz, in der die Primaten wie gruselige Gremlins wirken. Oder der immerhin vom Regisseur selbst gespielte Baloo: Er entspricht zwar eher der literarischen Vorlage, gewinnt aber kaum Kontur (vielleicht kann ich auch einfach den gemütlichen Disney-Bären nicht aus meiner Erinnerung verdrängen). In der zweiten Hälfte der Handlung wird's zwar etwas besser, aber die dazuerfundene Figur des Jägers Lockwood (Matthew Rhys) fand ich am Ende nur ärgerlich, vor allem weil die indischen Dorfbewohner nur Kulisse für den weißen Wichtigtuer sein dürfen (inklusive der bezaubernden Freida Pinto, die in einer sehr merkwürdigen Szene dem hübschen Jungdarsteller Rohan Chand die Haare waschen durfte).
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So sehr ich Andy Serkis mag (der gerade in Black Panther einen denkwürdigen Schurken gab), so wenig konnte ich mit seiner ersten Regiearbeit anfangen (inzwischen gibt es mit Solange ich atme eine zweite, die bei der Kritik besser weggekommen ist). Und das, obwohl er viele Kollegen aus seinen Mittelerde-Jahren zur Mitarbeit bewegen konnte. Natürlich reicht es für ein paar schöne Bilder (bei entsprechendem Equipment in Dolby Vision und UHD-Auflösung), und es gibt auch spannende und komische Elemente, aber ein überzeugendes Ganzes ergibt das nicht. Vielleicht waren in diesem Fall 100 Minuten tatsächlich zu kurz. Erträglich (4/10).
Wenn ich eine Goldene Himbeere für die schlechteste stimmliche Darbietung des Jahres zu verleihen hätte, ginge diese an die zweifache Oscar-Preisträgerin Cate Blanchett. Ihr Voiceover, mit dem die Python Kaa als Erzählerin zu Beginn und Ende der Geschichte von Mowgli einen Rahmen gibt., ist tierisch peinlich. Sie versucht an die Weisheit der äonenalten Elbin Galadriel anzuknüpfen, kommt aber leider nur wie die pompöse Ansagerin eines Schmierentheaters rüber. Die meisten ihrer Kollegen können etwas mehr überzeugen, so etwa Christian Bale als erstaunlich rumpeliger Panther Bagheera und Benedict Cumberbatch als bedrohlicher, Smaug artverwandter Tiger Shere Khan. Aber die meisten kleinen Rollen, inklusive Andy Serkis' Bär Baloo, wirken fehlbesetzt oder zumindest farblos.
Den Stimmkünstlern kann ich allerdings nicht die Hauptschuld an dieser Naturkatastrophe geben. In zwei weiteren entscheidenden Aspekten versagt die Neuinterpretation von Andy Serkis, der ja bei Peter Jackson in die Lehre ging. Für ihn verkörperte er nicht nur Gollum und King Kong, sondern übernahm oft auch die Regie des zweiten Units. Zum einen geht das Konzept der computergenerierten tierischen Darsteller nicht auf, und zum anderen entfernt sich die Handlung nicht weit genug von der berühmten Disney-Version.
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Was bei Gollum und Caesar (in der erfolgreichen neuen Trilogie um den Planet der Affen) eindrucksvoll wirkte, klappt mit Wölfen und Raubkatzen nur bedingt. Über den Motion-Capture-Prozess wurde die Mimik der menschlichen Darsteller auf die computergenerierten Tiere übertragen. Das führt zu verstörenden Chimäreneffekten. Die Figuren werden vermenschlicht, ohne dass sie sich (wie bei Disney) in liebevolle Karikaturen verwandeln. Matt Zoller Seitz nennt das in seiner klugen Kritik (2/4 Sterne) "uncanny valley feeling". Shere Khan ist eben nicht photorealistisch wie sein Argenosse aus Das Leben des Pi, sondern sieht aus wie Cumberbatch im Tigerfell. Die Tierdarsteller sind nicht mehr so putzig wie in der Realverfilmung von Disneys Dschungelbuch, aber doch noch zu vermenschlicht, um als wilde Wesen durchzugehen.
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Ähnliches gilt für die Handlung. Ziel der Produktion war es, sich näher an Rudyard Kiplings Buch zu orientieren (allein schon aus rechtlichen Gründen). Das Drehbuch stammt von der völlig unerfahrenen Callie Kloves, Tochter von Steve Kloves (Harry Potter, Wonder Boys, The Fabulous Baker Boys). Es gelingt ihr einfach nicht, Kiplings sparsamer Prosa Fleisch auf die Knochen zu zaubern. Nehmen wir nur Mowglis Entführung durch die Affenbande. Das ist im Buch eine kleine Episode, in der unser kleine Held die Äffchen als Zerrspiegel seiner selbst begreift. Im Film wird daraus eine kurze Actionsequenz, in der die Primaten wie gruselige Gremlins wirken. Oder der immerhin vom Regisseur selbst gespielte Baloo: Er entspricht zwar eher der literarischen Vorlage, gewinnt aber kaum Kontur (vielleicht kann ich auch einfach den gemütlichen Disney-Bären nicht aus meiner Erinnerung verdrängen). In der zweiten Hälfte der Handlung wird's zwar etwas besser, aber die dazuerfundene Figur des Jägers Lockwood (Matthew Rhys) fand ich am Ende nur ärgerlich, vor allem weil die indischen Dorfbewohner nur Kulisse für den weißen Wichtigtuer sein dürfen (inklusive der bezaubernden Freida Pinto, die in einer sehr merkwürdigen Szene dem hübschen Jungdarsteller Rohan Chand die Haare waschen durfte).
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So sehr ich Andy Serkis mag (der gerade in Black Panther einen denkwürdigen Schurken gab), so wenig konnte ich mit seiner ersten Regiearbeit anfangen (inzwischen gibt es mit Solange ich atme eine zweite, die bei der Kritik besser weggekommen ist). Und das, obwohl er viele Kollegen aus seinen Mittelerde-Jahren zur Mitarbeit bewegen konnte. Natürlich reicht es für ein paar schöne Bilder (bei entsprechendem Equipment in Dolby Vision und UHD-Auflösung), und es gibt auch spannende und komische Elemente, aber ein überzeugendes Ganzes ergibt das nicht. Vielleicht waren in diesem Fall 100 Minuten tatsächlich zu kurz. Erträglich (4/10).
Montag, 26. November 2018
Mamma Mia! Here We Go Again. (7/10)
Die beiden Mamma-Mia-Musicals sind randvoll mit guter Laune gefüllte Partyfilme, die man am besten leicht beschwipst genießt (mich haben ein paar Pinnchen westfälischer Pflaumenschnaps in Stimmung gebracht). Eine wirkliche Handlung gibt es nicht, stattdessen erfreut man sich an der herrlichen Insellandschaft (deren satte Farben auf den Zuschauer insbesondere in Dolby Vision einen zusätzlichen Extasy-Effekt haben), den schönen, ausgelassen tanzenden Menschen aller Generationen und natürlich den zeitlosen ABBA-Melodien, die von den Darstellern (teilweise mit erstaunlichem Erfolg) selbst geträllert und in den Arrangements erfreulicherweise weitgehend vom Disco-Gestampfe befreit wurden (unter der Regie Ihrer Hoheiten Björn Ulvaeus und Benny Andersson persönlich, die auch beide kleine Cameos haben).
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Der erste Film (der weitgehend dem Bühnenmusical entspricht) handelte von Sophie (Amanda Seyfried), die mit ihrer Mutter Donna (Meryl Streep) auf einer kleinen griechischen Insel aufgewachsen ist. Zu ihrer Hochzeit mit Sky (Dominic Cooper), die im kleinen Touristenhotel des Gespanns stattfinden soll, lädt Sophie anhand vager Informationen aus Donnas alten Tagebuch heimlich ihre drei potentiellen Väter ein, dargestellt von Pierce Brosnan, Colin Firth und Stellan Skarsgard. Entsprechend komische Verwicklungen folgen...
Zehn Jahre später gibt es nun die Fortsetzung (Here We Go Again). Der hinzugezogene Romanzenspezialist Richard Curtis (Vier Hochzeiten und ein Todesfall, Alles eine Frage der Zeit) ließ sich vom Paten, Teil II inspirieren und entwarf mit Regisseur Ol Parker (Autor des Best Exotic Marigold Hotel) und der Mamma-Mia-Erfindern Catherine Johnson und Judy Craymer eine Rückblendenstruktur, in der Lily James als junge Donna glänzt, während in der Gegenwart Sophie der Neueröffnung des Hotels entgegenfiebert. Den Hotelmanager gibt übrigens der Pate der dritten Generation, Andy Garcia (ob Pacino und DeNiro abgesagt hatten?) Donna ist inzwischen gestorben - vielleicht war Meryl Streep zu teuer, für ein Cameo an Schluß reichte es dann aber doch. Abgesehen von diesem ein Jahr zurückliegenden Trauerfall passiert natürlich wieder nix Schlimmes. Am dramatischsten ist noch der Sturm, der dafür sorgt, dass nicht die erhofften Millionäre, sondern nur eine Flotte gut gelaunter Fischersleute zur Eröffnung erscheinen. Plus Überraschungsgäste...
Ich vermute, es gibt kaum jemanden in der westlichen Welt, der nicht wenigstens eine Handvoll Lieder dieser zu den erfolgreichsten Bands unserer Zeit gehörenden Gruppe kennt: Waterloo, Dancing Queen, Thank You For The Music, ... In meiner Schulzeit war es nicht cool, ABBA zu hören. Aber einer gute Melodie konnte ich mich noch nie entziehen (na gut, bei den Bee Gees ziehe ich die Grenze). Es stimmt allerdings, dass die Disco-lastige Produktion so manche schöne Lieder verschandelt hat, etwa auf dem Album Super Trouper (1980). Was flüchtigen Hörern nicht so bewusst sein wird: Die Texte von Björn und (meist) Benny, gelegentlich unter Mitwirkung von Manager Stig Anderson entstanden, sind durchaus nicht alle oberflächliche Schlager. Viele ihrer besten Songs beschreiben persönliche Erlebnisse und Gefühle aus dem Leben der Musiker. Und die Liebeslieder haben oft einen pfiffigen Twist, etwa When I Kissed The Teacher:
Und Hand aufs Herz, wie viele Hörer wissen, dass The Winner Takes It All die Folgen einer Scheidung beschreibt? Mein Lieblingsalbum von ABBA war auch ihr letztes: The Visitors (1981). Es entstand, nachdem beide Bandehen in die Brüche gegangen waren und hat einen deutlich melancholischen Anstrich. Da erzählt dann Slipping From My Fingers die Gefühle der Mutter, die ihr Kind aufwachsen sieht, One of Us und When All Is Said And Done von Trennungsschmerz und Einsamkeit. Daneben gibt es aber auch eine letzte Elegie auf die Musik: I Let The Music Speak, und das witzige Two for the Price of One. Insgesamt ein perfektes Album für kalte Winterabende. Und wieviel Substanz die Melodien auch ohne Gesang und Band haben, kann man auf Benny Anderssons wunderschöner CD Piano hören (die auch Lieder des Ausnahmemusicals Chess und anderer Projekte beinhaltet).
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Für den zweiten Durchgang von Mamma Mia waren die großen Hits zwar fast schon abgegrast. Das hat aber den Vorteil, dass einige Lieder aus der zweiten Reihe zur Geltung kommen, die damit auch noch nicht so abgenudelt erscheinen, etwa Andante Andante, I've Been Waiting For You und (fast unkenntlich von der lokalen "Mariachi"-Band interpretiert) Hole in Your Soul.
Daneben gibt es einige Wiederholungen im neuen Kleid, neben dem Titelsong natürlich auch Dancing Queen, I Have a Dream und im grandiosen Finale (mit den Darstellern aller Generationen vereint) Super Trouper:
Aber in der ABBA-Schatztruhe waren durchaus auch noch ungenutzte Hits zu finden, so etwa Fernando, ein ungewöhnliches Liebeslied aus der mexikanischen Revolution, das nun mittels eines wackligen Kniffs in die Handlung eingebaut wurde. Was macht's, wenn niemand anders als Cher den Gesang übernimmt! Die inzwischen über 70jährige Sängerin war ja schon in den 60ern erfolgreich als Aushängeschild von Sonny & Cher (I Got You Babe). In den 80ern krönte sie eine kurze Schauspielkarriere mit dem Oscar für ihre Hauptrolle im märchenhaft-schönen Mondsüchtig (1987), bevor sie sich wieder (ähnlich erfolgreich) der Musik widmete (auch in Die Hexen von Eastwick und Meerjungfrauen küssen besser war sie toll). Trotz ihres leicht zombiehaften Auftretens hat sie immer noch eine tolle Stimme. Dass die Diva Donnas Mutter spielt, aber nur drei Jahre älter als Meryl Streep ist, darüber denkt man besser nicht nach.
Beim übrigen Cast muss ich zunächst mal die großartigen Gesangsstimmen der Damen herausheben. Von Meryl Streep wusste man das, und Amanda Seyfried überzeugte bereits im ersten Film. Nun überrascht noch Lily James, die ich bislang nicht besonders mochte, nun aber gewillt bin, ihre farblosen Auftritte in Cinderella und insbesondere dem gruseligen Stolz, Vorurteil und Zombies zu vergessen. Einen weiteren Reiz der Fortsetzung macht die Besetzung der beiden Haupttrios in den unterschiedlichen Zeitebenen aus. Im Original waren es Donnas beste Freundinnen, die für Komik und Pfiff sorgten: Julie Walters (Molly Weasley) als Rosie und Christine Baranski (Cybill) als Tanya. In jungen Jahren werden sie nun von Alexa Davies und Jessica Keenan Wynn gespielt, wobei gerade letztere, Spross einer illustren Schauspielerdynastie, Baranskis Posen erheiternd genau imitiert.
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Die Väter ("Sam" Pierce Brosnan, "Harry" Colin Firth und "Bill" Stellan Skarsgard) dagegen waren schon im Original vor allem Eye Candy, weniger Ohrenschmaus (auch wenn ich finde, dass gerade der emeritierte Bond trotz mangelndem Stimmtalent ganz viel Emotion in seine Gesangspassagen einbringen konnte). Bei der Besetzung ihrer jüngeren Versionen konnte man natürlich aus dem Vollen schöpfen, und so überzeugen Jeremy Irvine (Sam), Hugh Skinner (Harry) und Josh Dylan (Bill) auch durch Gesangstalent. Hier fiel mir besodners der bereits TV-erfahrene Hugh Skinner mit seiner amüsanten Firth-Imitation auf.
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Auch wenn im zweiten Teil die Originalidee bereits ein wenig abgestanden ist und ein paar Tanzszenen doch eher gezwungen wirken, kann auch dieser noch prächtig unterhalten. Nochmals loben muss ich die Ton- und Bildqualität der UHD-Präsentation (beider Filme). Beim zweiten Teil haben es übrigens, ein seltenes Vorkommnis, alle Extras auch auf die UHD-Scheibe geschafft, so dass ich die beiliegende Blu-ray gar nicht einlegen musste. Da gibt es dann noch mehr Gesangsnummern und spaßige Interviews mit den Machern und Darstellern, die offenbar alle viel Freude an ihrem Unterfangen hatten, sowie zwei Kommentare und eine Sing-along-Variante (nichts für mich, aber trotzdem eine schöne Zugabe). Daher ziehe ich vom Original auch nur einen Stern ab und lande bei einem Gut (7/10).
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Der erste Film (der weitgehend dem Bühnenmusical entspricht) handelte von Sophie (Amanda Seyfried), die mit ihrer Mutter Donna (Meryl Streep) auf einer kleinen griechischen Insel aufgewachsen ist. Zu ihrer Hochzeit mit Sky (Dominic Cooper), die im kleinen Touristenhotel des Gespanns stattfinden soll, lädt Sophie anhand vager Informationen aus Donnas alten Tagebuch heimlich ihre drei potentiellen Väter ein, dargestellt von Pierce Brosnan, Colin Firth und Stellan Skarsgard. Entsprechend komische Verwicklungen folgen...
Zehn Jahre später gibt es nun die Fortsetzung (Here We Go Again). Der hinzugezogene Romanzenspezialist Richard Curtis (Vier Hochzeiten und ein Todesfall, Alles eine Frage der Zeit) ließ sich vom Paten, Teil II inspirieren und entwarf mit Regisseur Ol Parker (Autor des Best Exotic Marigold Hotel) und der Mamma-Mia-Erfindern Catherine Johnson und Judy Craymer eine Rückblendenstruktur, in der Lily James als junge Donna glänzt, während in der Gegenwart Sophie der Neueröffnung des Hotels entgegenfiebert. Den Hotelmanager gibt übrigens der Pate der dritten Generation, Andy Garcia (ob Pacino und DeNiro abgesagt hatten?) Donna ist inzwischen gestorben - vielleicht war Meryl Streep zu teuer, für ein Cameo an Schluß reichte es dann aber doch. Abgesehen von diesem ein Jahr zurückliegenden Trauerfall passiert natürlich wieder nix Schlimmes. Am dramatischsten ist noch der Sturm, der dafür sorgt, dass nicht die erhofften Millionäre, sondern nur eine Flotte gut gelaunter Fischersleute zur Eröffnung erscheinen. Plus Überraschungsgäste...
Ich vermute, es gibt kaum jemanden in der westlichen Welt, der nicht wenigstens eine Handvoll Lieder dieser zu den erfolgreichsten Bands unserer Zeit gehörenden Gruppe kennt: Waterloo, Dancing Queen, Thank You For The Music, ... In meiner Schulzeit war es nicht cool, ABBA zu hören. Aber einer gute Melodie konnte ich mich noch nie entziehen (na gut, bei den Bee Gees ziehe ich die Grenze). Es stimmt allerdings, dass die Disco-lastige Produktion so manche schöne Lieder verschandelt hat, etwa auf dem Album Super Trouper (1980). Was flüchtigen Hörern nicht so bewusst sein wird: Die Texte von Björn und (meist) Benny, gelegentlich unter Mitwirkung von Manager Stig Anderson entstanden, sind durchaus nicht alle oberflächliche Schlager. Viele ihrer besten Songs beschreiben persönliche Erlebnisse und Gefühle aus dem Leben der Musiker. Und die Liebeslieder haben oft einen pfiffigen Twist, etwa When I Kissed The Teacher:
Und Hand aufs Herz, wie viele Hörer wissen, dass The Winner Takes It All die Folgen einer Scheidung beschreibt? Mein Lieblingsalbum von ABBA war auch ihr letztes: The Visitors (1981). Es entstand, nachdem beide Bandehen in die Brüche gegangen waren und hat einen deutlich melancholischen Anstrich. Da erzählt dann Slipping From My Fingers die Gefühle der Mutter, die ihr Kind aufwachsen sieht, One of Us und When All Is Said And Done von Trennungsschmerz und Einsamkeit. Daneben gibt es aber auch eine letzte Elegie auf die Musik: I Let The Music Speak, und das witzige Two for the Price of One. Insgesamt ein perfektes Album für kalte Winterabende. Und wieviel Substanz die Melodien auch ohne Gesang und Band haben, kann man auf Benny Anderssons wunderschöner CD Piano hören (die auch Lieder des Ausnahmemusicals Chess und anderer Projekte beinhaltet).
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Für den zweiten Durchgang von Mamma Mia waren die großen Hits zwar fast schon abgegrast. Das hat aber den Vorteil, dass einige Lieder aus der zweiten Reihe zur Geltung kommen, die damit auch noch nicht so abgenudelt erscheinen, etwa Andante Andante, I've Been Waiting For You und (fast unkenntlich von der lokalen "Mariachi"-Band interpretiert) Hole in Your Soul.
Daneben gibt es einige Wiederholungen im neuen Kleid, neben dem Titelsong natürlich auch Dancing Queen, I Have a Dream und im grandiosen Finale (mit den Darstellern aller Generationen vereint) Super Trouper:
Aber in der ABBA-Schatztruhe waren durchaus auch noch ungenutzte Hits zu finden, so etwa Fernando, ein ungewöhnliches Liebeslied aus der mexikanischen Revolution, das nun mittels eines wackligen Kniffs in die Handlung eingebaut wurde. Was macht's, wenn niemand anders als Cher den Gesang übernimmt! Die inzwischen über 70jährige Sängerin war ja schon in den 60ern erfolgreich als Aushängeschild von Sonny & Cher (I Got You Babe). In den 80ern krönte sie eine kurze Schauspielkarriere mit dem Oscar für ihre Hauptrolle im märchenhaft-schönen Mondsüchtig (1987), bevor sie sich wieder (ähnlich erfolgreich) der Musik widmete (auch in Die Hexen von Eastwick und Meerjungfrauen küssen besser war sie toll). Trotz ihres leicht zombiehaften Auftretens hat sie immer noch eine tolle Stimme. Dass die Diva Donnas Mutter spielt, aber nur drei Jahre älter als Meryl Streep ist, darüber denkt man besser nicht nach.
Beim übrigen Cast muss ich zunächst mal die großartigen Gesangsstimmen der Damen herausheben. Von Meryl Streep wusste man das, und Amanda Seyfried überzeugte bereits im ersten Film. Nun überrascht noch Lily James, die ich bislang nicht besonders mochte, nun aber gewillt bin, ihre farblosen Auftritte in Cinderella und insbesondere dem gruseligen Stolz, Vorurteil und Zombies zu vergessen. Einen weiteren Reiz der Fortsetzung macht die Besetzung der beiden Haupttrios in den unterschiedlichen Zeitebenen aus. Im Original waren es Donnas beste Freundinnen, die für Komik und Pfiff sorgten: Julie Walters (Molly Weasley) als Rosie und Christine Baranski (Cybill) als Tanya. In jungen Jahren werden sie nun von Alexa Davies und Jessica Keenan Wynn gespielt, wobei gerade letztere, Spross einer illustren Schauspielerdynastie, Baranskis Posen erheiternd genau imitiert.
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Die Väter ("Sam" Pierce Brosnan, "Harry" Colin Firth und "Bill" Stellan Skarsgard) dagegen waren schon im Original vor allem Eye Candy, weniger Ohrenschmaus (auch wenn ich finde, dass gerade der emeritierte Bond trotz mangelndem Stimmtalent ganz viel Emotion in seine Gesangspassagen einbringen konnte). Bei der Besetzung ihrer jüngeren Versionen konnte man natürlich aus dem Vollen schöpfen, und so überzeugen Jeremy Irvine (Sam), Hugh Skinner (Harry) und Josh Dylan (Bill) auch durch Gesangstalent. Hier fiel mir besodners der bereits TV-erfahrene Hugh Skinner mit seiner amüsanten Firth-Imitation auf.
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Auch wenn im zweiten Teil die Originalidee bereits ein wenig abgestanden ist und ein paar Tanzszenen doch eher gezwungen wirken, kann auch dieser noch prächtig unterhalten. Nochmals loben muss ich die Ton- und Bildqualität der UHD-Präsentation (beider Filme). Beim zweiten Teil haben es übrigens, ein seltenes Vorkommnis, alle Extras auch auf die UHD-Scheibe geschafft, so dass ich die beiliegende Blu-ray gar nicht einlegen musste. Da gibt es dann noch mehr Gesangsnummern und spaßige Interviews mit den Machern und Darstellern, die offenbar alle viel Freude an ihrem Unterfangen hatten, sowie zwei Kommentare und eine Sing-along-Variante (nichts für mich, aber trotzdem eine schöne Zugabe). Daher ziehe ich vom Original auch nur einen Stern ab und lande bei einem Gut (7/10).
Samstag, 6. Oktober 2018
Klassiker auf Blu-ray #22: Gosford Park (Robert Altman, 2001)
Gosford Park war Robert Altmans letztes Meisterwerk. Mit dem schönsten Film seines anglophilen Landsmanns James Ivory, (Wiedersehen in) Howards End (1992), hat es gemein, dass es nach einem Herrschaftshaus benannt ist, und mit dessen kongenialer Ishiguro-Verfilmung Was vom Tage übrig blieb (1993), dass es eine Upstairs-Downstairs-Geschichte erzählt. Anders als für seinen drei Jahre jüngerer Kollege (der mit 90 Jahren immer noch aktiv ist), blieb dies der einzige Ausflug des amerikanischen Urgesteins in die britische Klassengesellschaft. Der englischer Autor Julian Fellowes dagegen, der für das Drehbuch einen Oscar gewann, walzte später das Format mit der erfolreichen Fernsehserie Downton Abbey auf Seifenoperlänge aus (ich entschuldige mich bei den Fans, aber ich persönlich konnte mit der erfolgreichen Prestigeserie einfach nichts anfangen).
1932 war das englische Klassenmodell noch einigermaßen intakt. In Gosford Park findet sich zu einem Jagd-Wochenende eine gemischte Gesellschaft zusammen. Sie besteht in der Hauptsache aus der Familie des reichen, grantigen Gastgebers Sir William ("Dumbledore" Michael Gambon) und seiner besonders exzentrischen Frau Sylvia (Kristin Scott Thomas, Vier Hochzeiten und ein Todesfall). Zusätzliche Würze gibt der Runde ein kleine Gruppe Amerikaner, angeführt von Morris Weissman (Bob Balaban, der mit Altman auch die Idee zum Film hatte und produzierte). Der entfernte Cousin ist verantwortlich für die beliebten Charlie-Chan-Filme, sein Job "Filmproduzent" gilt bei den englischen Snobs aber eher als Schimpfwort. Er bringt einen Bediensteten mit Geheimnis (Ryan Phillippe) und seinen Freund Ivor Novello mit. Den gutaussehenden Musik- und Schauspielstar gab es wirklich, er wird sogar als Drehbuchautor eines frühen Hitchcock-Films (Abwärts, 1927) gelistet. Darsteller Jeremy Northam gibt im Film mit zartschmelzender Stimme und kompetenten Pianokünsten ein paar schöne Beispiele seiner selbstkomponierten Lieder zum besten. Wie dereinst John Ford und Howard Hawks, lässt Robert Altman selten eine Gelegenheit für musikalische Zwischenspiele aus.
Die Begeisterung für das Hollywood-Idol durchbricht allerdings mühelos die Klassenschranken, und so lauscht auch die Dienerschaft den Darbietungen, natürlich versteckt hinter den Türen, in den Vorzimmern und Treppenhäusern. Und wenn Altmans Collage von Eindrücken und Situationen einen roten Faden besitzt, dann findet man den am ehesten Downstairs, beim Schicksal der Bediensteten. Viele haben sich mit ihrer Situation arrangiert, aber etliche leiden auch unter dem Joch ihrer arroganten Arbeitgeber. Einige können ihre Gefühle nicht länger unterdrücken, was am Ende zu einer bewegenden, tränenreichen Katharsis führt. Diese Ebene war jedenfalls mir als Zuschauer wichtiger als der Mord, der so nach etwa zwei Dritteln der Handlung passiert. Aber wie Altman es ausdrückte, war er weniger am Whodunnit interessiert als vielleicht am Whatdunnit. Was führte zum Mord, und wie wurde er bei den Beteiligten aufgenommen? Zu diesem Zeitpunkt werden dann zwei weitere spannende Figuren eingeführt, nämlich der ermittelnde Inspektor (Stephen Fry), der sich selbst eher Upstairs verortet, ohne zu bemerken,wie der Adel auf ihn herabblickt, und sein pragmatischer Constable (Ron Webster), dessen Faktensuche ignoriert wird.
Es ist eines der Vergnügen beim Wiedersehen eines "älteren" Werks, bekannte Schauspieler in frühen Rollen zu beobachten. Die Oscar-Nominierungen gingen zwar an die damals bereits zweifach prämierte Grande Dame Maggie Smith und die spätere Gewinnerin Helen Mirren (welch eine Karriere: binnen sechs Jahren von der Hausdame zur Queen). Aber genauso gut gefielen mir der spätere Bond-Kandidat Clive Owen (Sin City, Shoot 'em Up) in seiner ersten größeren Kinorolle, Kelly MacDonald (Trainspotting) als persönliches Nadelkissen von Dame Maggie Smith und Emily Watson (Der Boxer) als fehlgeleitete Geliebte des Hausherrn. Dazu gesellten sich die Bühnenveteranen Derek Jacobi, Alan Bates und Dame Eileen Atkins. Und das war erst das Untergeschoss! Darüber muss man neben den Gastgebern noch James Wilby (Howards End), "Tywin Lannister" Charles Dance und Tom Hollander nennen (er ärgerte Keira Knightley in Fluch der Karibik 2+3 sowie als Mr. Collins in Stolz und Vorurteil). Welch ein Ensemble! Einzig Ryan Phillippe, damals Teenie-Schwarm (Eiskalte Engel) und mit Kollegin Reese Witherspoon verheiratet, konnte mich nicht 100%ig überzeugen - vielleicht lag's auch am Drehbuch, gerade was seine merkwürdigen Avancen gegenüber den jungen Hausmädchen betrifft.
Robert Altman ist nie die Anerkennung seiner Mitstreiter wie Coppola, Scorsese und Allen zuteil geworden, mit denen er in den 70ern das Hollywood-Kino erneuerte (ganz zu schweigen von Spielberg). Er tobte sich mit wechselhaftem Erfolg in den unterschiedlichsten Genres aus, sammelte auch eine Handvoll Oscar-Nominierungen, war dem heimischen Publikum aber meist zu sperrig. Nach seinem Überraschungserfolg M.A.S.H. (1970: da war er bereits 45) scheiterte er mit einigen Kritikerlieblingen am dumpfen amerikanischen Publikum, so etwa 1971 mit seiner subversiven Westerntragödie McCabe & Mrs. Miller (um dies zu verhindern, gab es sogar einen seltenen Talkshow-Auftritt der berühmten Kritikerin Pauline Kael, die Altmans Werk über alles liebte - siehe die Criterion-Veröffentlichung). Ähnliches galt zwei Jahre später für Der Tod kennt keine Wiederkehr, eine Chandler-Verfilmung, in der Elliot Gould als Philip Marlowe mit langem Gesicht durch eine sinnlose Krimihandlung stolpert. 1975 dann hatte er die Ehre, mit seinem ersten großen Meisterwerk Nashville im vielleicht besten Kinojahr des neuen Hollywoods anzutreten. Mitkonkurrenten waren damals Hundstage ("Dog Day Afternoon", Sidney Lumet), Barry Lyndon (Stanley Kubrick) und Der weiße Hai (Steven Spielberg). Es gewann ein anderes Werk für die Ewigkeit: Einer flog übers Kuckucksnest (Milos Forman). Pech für Altman, Glück für die Zuschauer.
Nach dieser Enttäuschung ging es dann recht wechselhaft weiter. Manche seiner Experimente gingen gnadenlos daneben, so etwa 1980 seine alberne Popeye-Komödie mit Robin Williams. Überhaupt hatte er in den 80ern keine glückliche Hand, so daß sein nächster Erfolg, die nette Hollywood-Satire The Player, 1992 schon als Comeback gefeiert wurde. Dem ließ er sein nächstes Meisterwerk folgen: Short Cuts verquirlte einige Kurzgeschichten von Raymond Carver und folgte grob einem ähnlichem Rezept wie Nashville oder eben später Gosford Park. Aber diese drei Eckpfeiler von Altmans Oeuvre haben genauso viele Unterschiede wie Gemeinsamkeiten. Niemand konnte Altman vorwerfen, dass er sich wiederholte. Und wenn, dann scheiterte er auch spektakulär, siehe etwa: H.E.A.L.T.H. (1979), Prêt-à-Porter (1994), Dr. T und die Frauen (2000). Aber dazwischen gelang ihm doch so viel, und wenn Altman gut war, dann war er einfach außergewöhnlich gut!
Als Altman 2006, kurz vor seinem Tod, endlich ein Ehrenoscar verliehen wurde, war er nur ein wenig bitter, aber doch auch dankbar. Dann enthüllte er, dass er zehn Jahre zuvor eine Herztransplantation erhalten habe. Ich persönlich bin eigentlich gegen teure lebensverlängernde Transplanationen, die doch nur einem privilegierten Promille der Menschheit zu gute kommen, aber in diesem Fall hat es sich gelohnt. Nach der Operation gelangen Altman neben Gosford Park noch zwei sehr unterhaltsame kleinere Komödien, nämlich 1999 Aufruhr in Holly Springs ("Cookies Fortune") und 2006 sein melancholischer Abschiedsfilm Robert Altmans Last Radio Show ("A Prairie Home Companion"). Und so bleibt Altman für mich einer meiner Lieblingsregisseure, auch wenn ich Pauline Kael in ihrer Verteidigung selbst seiner mittelmäßigen Projekte nicht unbedingt folgen kann.
Gosford Park erscheint jetzt erstmalig, sogar auch in Deutschland, auf Blu-ray, als einer von wenigen so erhältlichen Filmen (die meisten genannten Werke musste ich aus den USA importieren). Nach dem Kinobesuch 2002 und der kurz darauf erschienenen DVD hatte ich den Film aus den Augen verloren. Das Warten hat sich jedenfalls gelohnt, die Bildqualität ist nach meinem Empfinden hervorragend. Zudem wurden zudem nach meiner Erinnerung alle interessanten Extras der DVDs übernommen (was heute leider nicht selbstverständlich ist).
Bonus: Meine damalige DVD-Kritik zu "Cookies Fortune"
Da hat's der Altmeister noch mal allen gezeigt. Nachdem man "Prête à Porter" zu Recht vorwerfen konnte, die Erzählweise, die Altman in "Short Cuts" so eindrucksvoll perfektioniert hatte, nur noch zu kopieren, aber nicht mehr mit genug Inhalt zu füllen (auch wenn Mastroianni und die Loren ein wunderbares Paar abgaben), so folgte nun eine ruhig und abgeklärt erzählte Geschichte, in der alles so ausgeht, wie man es sich wünscht, ohne daß man sich darüber ärgert. Wie immer versammelt Altman ein glänzendes Ensemble: Glenn Close spielt die Rolle, für die sie berühmt ist, nämlich die unsympathische Furie. Julianne Moore ist als ihre passive Schwester perfekt besetzt (was selten passiert, da ihre Wandlungsfähigkeit weit überschätzt wird). Liv Tyler und Chris O'Donnell geben ein wunderbar-erfrischendes junges Paar ab. Im Mittelpunkt der Geschehnisse steht aber Charles S. Dutton, der als Willis Wärme und Weisheit ausstrahlt und quasi synchron zum wunderbar relaxten Soundtrack von David A. Stewart agiert. Alles in allem ein großes Kinovergnügen zum Zurücklehnen und Genießen (8/10).
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