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Samstag, 9. Februar 2019

Driving Dr. Shirley: Green Book (8/10)



Das Grüne Buch für motorisierte Neger (so benannt nach dem Herausgeber, Victor Hugo Green, aber auch dem grünen Cover) war zwischen 1936 und 1966 ein wichtiger Begleiter für Schwarzamerikaner, insbesondere wenn sie in die Südstaaten reisten. Es listet Motels und Restaurants auf, in denen sie willkommen sind, und warnt u.a. vor "Sundown towns", in denen es Schwarzen verboten ist, sich nach Sonnenuntergang innerhalb der Stadtgrenzen zu bewegen. Das war offenbar auch 1962 noch gängige Praxis, als der Jamaika-stämmige Pianovirtuose Dr. Don Shirley zu einer Tour durch den "Tiefen Süden" aufbrach. Als Fahrer und Bodyguard engagierte er den Bouncer Tony "Lip" Vallelonga, und der musste sowohl seine Lippe (er nennt sich selbst einen genialen "Bullshitter") als auch seine Muskeln spielen lassen, um seinen Boss heil durch die Rassismushölle zu chauffieren. Die Konzertauftritte selbst, oft in Herrschaftshäusern, mit Unterstützung zweier russischer Kollegen an Kontrabass und Cello, wirken zunächst wie Kunstoasen in einer Wüste von Banausen, aber hinter der Fassade der Superreichen und Mächtigen verbergen sich die gleichen Dünkel und Vorurteile wie im Hinterland ("Wir haben die [farbigen] Bediensteten gefragt, was Ihnen wohl schmecken könnte...")

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Green Book basiert auf Interviews, die Tonys Sohn Nick Vallelonga mit seinem Vater und Dr. Shirley (mit Titeln u.a. in Musik und Psychologie) geführt hatte (die beide 2013 verstarben). Das nach langer Entwicklungszeit mit Regisseur Peter Farrelly und dessen Kumpel Brian Hayes Currie fertiggestellte Produkt geht nun bei der Akademie als Originaldrehbuch ins Oscar-Rennen. Niemand muss sich also wundern, dass die Hauptfigur des Films Nicks Vater Tony ist. Es handelt sich nicht um eine Biographie von Don Shirley, und die nachträglichen Einwände von Shirleys Familie halte ich daher für sinnlos. Natürlich ist anzunehmen, dass die Freundschaft der beiden ungleichen Männer im Film stark übertrieben wird (auch wenn es durchaus verbriefte Aussagen Shirleys in diese Richtung gibt). Aber es ist nun mal Hollywood-Praxis, eine solche "wahre" Geschichte in zwei Stunden auf einen unterhaltsamen Kern zu reduzieren. Und die Begegnung zwischen dem derben, ungebildeten Italoamerikaner mit Mafia-Verbindungen und dem mehrsprachigen, vielgereisten Feingeist bietet genug Potential für Sentiment, aber auch Überraschungen. Immer wieder kollidieren die Welten des Familienmenschen und die des einsamen Künstlers, und dabei lernen beide dazu.

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Schwerer als die Frage nach der Echtheit der Freundschaft wiegt schon der Vorwurf, dass der Film den alltäglichen Rassismus des Jahres 1962 verharmlost, oft verbunden mit Anfeindungen an den Regisseur, der bislang gemeinsam mit seinem Bruder Bobby Farrelly für meist überalberne Komödien bekannt ist (einsamer Glanzpunkt 1998: Verrückt nach Mary). Für mich wurden durchaus genug Repressalien gezeigt. Für meinen Geschmack hat Peter Farrelly genau den richtigen Ton für diesen Film getroffen, der weder Politthriller noch Anprangerung sein will, sondern nur eine kleine, warmherzige Geschichte erzählt, einen winzigen Mosaikstein im Porträt der 60er Jahre durch das Hollywood-Kino, welches sicher noch nicht abgeschlossen ist. Und er hat zwei glanzvolle Darsteller zu Oscar-Nominierungen geführt.

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Mahershala Ali, in Hidden Figures noch Eye Candy, müsste eigentlich ein großer Star sein. Er hat eine Ausstrahlung, die mich an James Stewart erinnert, aber aufgrund seiner Hautfarbe ist er bislang auf Nebenrollen beschränkt. Das könnte ihm in diesem Jahr immerhin (nach Moonlight) den zweiten Oscar einbringen. Nächste Woche wird er schon 45, aber vielleicht klappt's ja noch mit den Hauprollen. Und, ich widerspreche mir, eigentlich spielt er in Green Book die zweite Hauptrolle, und stärker als zuvor zeigt er, was in ihm steckt. Sein Porträt eines Genies zwischen allen Stühlen, weder in der schwarzen Kultur verwurzelt noch vom weißen Publikum als Mensch anerkannt, ist absolut erstaunlich. Seinen Gegenpart hatte ich im Trailer erst gar nicht erkannt. Viggo Mortensen hat sich für die Rolle des Bodyguards nicht nur zehn Kilo angefuttert, sondern ist auch sonst in Tonys Haut geschlüpft, in seinen Sprachrhythmen und der Körpersprache, ohne jemals in Richtung Karikatur zu geraten. Das wäre wohl einfach gewesen, denn Tony Lip war nach seiner Chauffeurskarriere als Schauspieler u.a. in den Sopranos zu sehen. Aber Viggo schafft eine ganz eigene Figur, gerade zu Beginn nicht gerade sympathisch, aber immer nachvollziehbar. Und dafür, dass er 2001 bereits einen 87jährigen gespielt hat, trumpft der 60jährige mit unerschöpflicher Energie auf und überzeugt nun als junger Familienvater. Ihm zur Seite steht die wunderbare Linda Cardellini (Hawkeyes Ehefrau) in einer kleinen, aber wichtigen Rolle, auch als Empfängerin von Tonys (historisch verbürgten) Liebesbriefen, die mit etwas Poesienachhilfe von Don entstanden.

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Es ist jetzt 30 Jahre her, dass Morgan Freeman die damals 80jährige Jessica Tandy zu ihrem Oscar-Gewinn chauffierte. Driving Miss Daisy ("Miss Daisy und ihr Chauffeur") war auch damals schon kein Meisterwerk, setzte aber ein Zeichen mit seinem Gewinn als Bester Film. In diesem Jahr sind die Voraussetzungen umgekehrt. Aber wieder gilt der Passagier als sicherer Oscar-Kandidat, und wieder würde ich diese Ehre eher dem Fahrer gönnen. Außerdem hoffe ich nicht, dass die Akademie in zwei Wochen diese Mücke einer Botschaft zum Elefanten des Besten Films macht. Das würde in meinen Augen das Verdienst dieses schönen Films eher schmälern, und wenn man schon um Proporz bemüht ist, sollte man den Hauptpreis eher an Black Panther vergeben. Viel wichtiger finde ich, dass mit Octavia Spencer eine schwarze Produzentin an Green Book beteiligt ist. Und übrigens: Ich hätte Peter Farrelly ja eine Nominierung als bester Regisseur gegönnt, aber viel erschrockener war ich, dass Urgestein Spike Lee in diesem Jahr zum ersten Mal in dieser Kategorie nominiert ist (vor drei Jahren wurde er bereits mit dem Ehrenoscar abgespeist, aber dazu voraussichtlich nächste Woche mehr). In einem Jahr ohne herausragenden Beitrag gilt der Golden-Globe-Gewinner immer noch als Top-Favorit für die Oscars. Bei mir kommt es wie die bisher gesichteten Konkurrenten über ein Sehr gut nicht hinaus (8/10).

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