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Samstag, 16. Februar 2019

Schwarzer Humor: BlacKkKlansman (9/10)

Das Internet wimmelt nur so von "Experten", die dem Kassenknüller und Kultphänomen Black Panther jetzt auch den Oscar als Besten Film zusprechen wollen (einer von acht Nominierten ist er bereits). Dabei gibt es einen künstlerisch viel besseren Konkurrenten, der auch von Schwarzen Panthern handelt, allerdings nur ein Vierzehntel des Umsatzes gemacht hat: BlacKkKlansman. In Deutschland war das Zuschauerverhältnis nur 1:5, aber das Interesse am Kino hat hierzulande ohnehin stark nachgelassen. Die Werke von Ryan Coogler und Spike Lee haben übrigens in den USA jeweils mehr Umsatz gemacht als im Rest der Welt zusammen (das ist gerade wegen des stark wachsenden asiatischen Marktes ungewöhnlich).



BlacKkKlansman hat auf politischer Ebene genau das, was ich bei Black Panther vermisst hatte: eine spezifische, nachvollziehbare Geschichte, die ein Schlaglicht auf den alltäglichen amerikanischen Rassismus bis zum heutigen Tag wirft. Trotzdem bietet die Komödie, die man auch ein Drama mit komischen Untertönen nennen könnte, ebenfalls süffige Unterhaltung, über die fast exakt gleiche Laufzeit von 135 Minuten (und nicht so albern, wie der deutsche Trailer vermuten lässt). Das ist aber auch eine dolle Geschichte, die Spike Lee mit folgender Einblendung einführt:
Dis joint is based on some fo‘ real, fo‘ real sh*t

Es gab ihn wirklich: Ron Stallworth, erster schwarzer Polizeidetektiv in Colorado Springs, der (mithilfe eines weißen Kollegen, im Film "Flip Zimmerman") den Ku-Klux-Klan infiltrierte und so mehrere Anschläge verhindern konnte. Erst 2014 veröffentlichte er seine Geschichte als Tatsachenbericht. Spike Lees Autorenteam verlegt die Handlung um ein paar Jahre zurück (von 1978 nach 1971), um sie stärker mit Schlüsselmomenten der Bürgerrechtsbewegung verknüpfen zu können, erfand ihm als Freundin die Präsidentin eines Studentenverbands und machte aus seinem weißen Kollegen einen jüdiischen Polizisten, um ein erhöhtes Spannungspotential zu erzeugen. Solche Veränderungen halte ich nicht nur für legitim, sondern begrüße sie bei der Umsetzung von Büchern in Filmen. Für buchstäbliche Übertragungen gibt es Dokumentationen, und selbst die sind immer nur ein Blickpunkt auf die Wahrheit. Kinofilme müssen unterhalten und sollten dabei (wenn man Glück hat) ihre zugrundeliegenden Wahrheiten herausarbeiten. Und allein schon die aberwitzige Diskussion im Klan (bei der einem das Lachen im Halse steckenbleibt), ob man den Holocaust nun leugnen oder feiern sollte, rechtfertigt die Umdeutung von Flip Zimmermann.

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Spike Lee ist einer der tragischen Helden des amerikanischen Kinos. Er wird im März 62 Jahr alt, und nach meinem Gefühl konnte er sein Potential in seiner Karriere bislang kaum realisieren. Filmtechnisch und als Geschichtenerzähler halte ich ihn für ebenbürtig mit seinen eine gute Dekade älteren New Yorker Kollegen Martin Scorsese und Francis Ford Coppola. Aber nicht nur seine Hautfarbe hat ihm im Weg gestanden. Immerhin hat er sich seit seinem Debut mit unabhängigen, kleinen Filmen (1986: She's Gotta Have It) hochgearbeitet zu mittelgroßen Studioproduktionen (1998: Malcolm X; 2006: Inside Man). Viele Stars gaben sich bei ihm die Ehre, oft mehrfach: Laurence Fishburn (School Daze), Samuel L. Jackson (Do the Right Thing), Denzel Washington (nach Mo' Better Blues noch dreimal), Wesley Snipes (Jungle Fever), Alfre Woodard (Crooklyn), Delroy Lindo (Clockers), Isaiah Washington (Girl 6), sowie auch gern seine Geschwister Joie, Cinqué und David und sein Vater Bill Lee (der hauptberufliche Bassist spielte u.a. für Bob Dylan und Peter, Paul & Mary). Dazu natürlich auch mal ein paar Weiße, darunter Danny Aiello, John Turturro, Harvey Keitel und Mira Sorvino.

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Auch Spike Lee selbst spielte am Anfang regelmäßig mit, wobei ich schon den Eindruck habe, dass der 1,65 Meter kleine Schauspieler vor und hinter der Kamera mit Minderwertigkeitskomplexen zu kämpfen hatte. Mehr geschadet hat ihm wohl sein wütender, oft militanter Umgang mit Rassismus. Er tendiert ja unverhohlen eher zu Malcolm X als zu Martin Luther King. Da sein politischer Aktionismus ihn zeitweise künstlerisch beeinträchtigt hat, habe ich seine jüngsten Filme bislang gemieden (darunter auch das wohlwollend aufgenommene Chi-Raq und das Remake von Chan-Wook Parks Oldboy, das mir schon im Original nicht so zugesagt hatte). Umso größer meine Überraschung, welch wunderbarer Balanceakt ihm mit BlacKkKlansman gelungen ist. Ich sehe es eher als gelassenes Drama, das trotz des ernsten Stoffs zum Schmunzeln einlädt und sogar mit einem Happy End aufwartet. Der Regisseur lässt aber keinen Zweifel daran, dass hier zwar eine Schlacht gewonnen wurde, der Krieg aber noch in vollem Gange ist. Das hätte ich aber auch ohne den aufgesetzten Epilog erkannt, der Spike-Lee-typisch einen direkten Bezug zu rechsextremen Kundgebungen im Jahr 2017 herstellt.

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Bei der Besetzung zeigt Spike Lee mal wieder ein feines Händchen. Die Titelrolle teilen sich John David Washington und Adam Driver. John David zeigt ähnliche Präsenz, wenngleich (noch?) nicht die gleiche Starqualität wie sein Vater Denzel Washington. Vielleicht liegt es auch an Bart und Afro, die sein Gesicht verstecken. Adam Driver mag ich selten, aber hier ist er einfach hervorragend. Star-Wars-Fans werden sicher dankbar vernehmen, dass er als Flip Zimmerman niemals sein Hemd auszieht. Übrigens muss man vielleicht erklären: Ron trat in Telefonaten mit dem KKK in Verbindung, zuletzt sogar mit dessen Bundeschef David Duke, während Flip ihn bei Meetings "vertrat". Als streithafte Black-Power-Studentenführerin Patrice brilliert Laura Harrier, in der ich niemals Spider-Man-Gespielin (und Vulture-Tochter) Liz wiedererkannt hätte. Auch die weiteren Polizeikollegen (darunter Veteran Robert John Burke und Steves Bruder Michael Buscemi) und die Klanmitglieder sind stimmig besetzt.

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Der Film beginnt mit einer Hetzrede eines gewissen "Dr. Kennebrew Beauregard", den Alec Baldwin genüsslich in Saturday-Night-Live-Manier interpretiert. Als Gegengewicht gibt es gegen Ende einen besonderer Gastauftritt der 91jährige Bürgerrechtsikone Harry Belafonte (Matilda), als Zeitzeuge eines Lynchmordes.

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Dazu gibt es zu Beginn und gegen Ende des Films zwei ungleiche Vorträge, die sicher absichtlich als ideologische Bookends platziert wurden. Rons erster Einsatz führt ihn zu einer Rede des Gewerkschaftsorganisators Kwame Ture (Corey Hawkins aus Kong: Skull Island und Straight Outta Compton), der mit geschliffener Rhetorik und warmherzigem Engagement die Black Power ausruft. Gegen Ende wird Ron dann als Leibwächter des Klanchefs David Duke Zeuge von dessen holpriger, in der Ausführung fast bemitleidenswerten Rede, die die White Supremacy zu beschwören versucht. Es ist ein besonderer Coup, David Duke vom unbeholfenen Star der Wilden Siebziger Topher Grace spielen zu lassen, der dafür auch nur eine ältere Variante von Eric Forman zum besten geben muss.

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Es ist eine Schande, dass Spike Lee in diesem Jahr bei den Academy Awards seine erste Nominierung als bester Regisseur bekommen hat. Zuvor war nur seine Dokumentation 4 Little Girls nominiert, sowie sein Drehbuch von Do The Right Thing. Gewonnen hat die Kategorie 1990 der (vergleichsweise) schwächste Film im Wettbewerb, der gefällige Club der Toten Dichter. Do The Right Thing halte ich für einen der besten Filme der 80er, und immer noch einen der besten Filme über Rassismus. Er ging damals nicht einmal für den Besten Film des Jahres ins Oscar-Rennen. Im Zuge der neuen politischen Korrektheit vergab die amerikanische Akademie 2016 einen Ehrenpreis an Spike Lee - immerhin. Für BlacKkKlansman stehen die Chancen auch nicht besonders - bei den BAFTAs hat es gerade für den Drehbuchpreis gereicht. Ich persönlich würde lieber einen Marathon mit Spike Lees schwächsten Werken schauen als auch nur 10 Minuten des haushohen Favoriten für den Besten Film (und BAFTA-Gewinners) Roma. Für mich ist BlacKkKlansman Spike Lees bester Joint seit eben Do The Right Thing. Herausragend (9/10).

Dies ist meine Rangliste der Oscar-Kandidaten:

BlacKkKlansman (9/10)
The Favourite (8/10)
Green Book (8/10)
A Star Is Born (8/10)
Black Panther (8/10)
Bohemian Rhapsody (5/10)
Roma (3/10)
Vice (? - kommt erst im März in unsere Kinos)

BlacKkKlansman habe ich mir übrigens als UHD-Blu-ray aus England besorgen müssen. Bild- und Tonqualität sind exzellent, aber die Extras leider mehr als mager.

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