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Samstag, 23. Februar 2019

Bitterböse Komödie: Vice (9/10)





Vice führt unwiderlegbare Beweise an für eine Tatsache, die in gewissen Kreisen natürlich als Fake News gebrandmarkt werden wird: Dick Cheney hat ein Herz. Zugegeben, es musste mehrere Infarkte durchleiden und wurde schließlich durch ein jüngeres ersetzt. Aber es existiert, es schlägt, es pumpt Blut durch seine Leibesfülle (immer noch - der ehemalige Vizepräsident ist gerade 78 geworden). Reine Spekulation von Adam McKays filmischer Biographie ist es hingegen, dass Cheney jemals Entscheidungen aufgrund von Gefühlen oder gar Empathie getroffen hat. Die herzerwärmende Szene, in der Cheney nach dem Coming Out seine lesbische Tochter Mary in die Arme schließt, ist allerdings ein raffinierter Drehbuchkniff, um ein Minimum an Sympathie für diesen unbeliebtesten Politiker der letzten fünfzig Jahre zu erzeugen. Damit nenne ich bewusst einen Zeitraum, der auch einen anderen Tricky Dick einschließt. Kaum zu glauben, dass 2009, zum Ende von Cheneys Amtszeit, noch 13 Prozent der Amerikaner zu ihm hielten!

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Vor drei Jahren nahm sich der 50jährige Regisseur und Drehbuchautor Adam McKay mit The Big Short die Bankenkrise vor. Im Nachfolger Vice geht es nun nicht nur um Dick Cheney, sondern um die US-amerikanische Politikkultur der letzten 30 Jahre. Und wieder zieht McKay alle satirischen Register, mit noch größerem künstlerischen Erfolg. Die Machart erinnert an Michael Moores polemische Dokumentationen (Fahrenheit 9/11), aber mit hochkarätig nachgespielten und dazuerfundenen Dramaszenen. Diesmal gibt es zwar nicht Margot Robbie in der Badewanne, aber immerhin Naomi Watts als Fox-Nachrichtensprecherin, dazu an Shakespeare angelehnte Dialoge und Jesse Plemmons als Kommentator aus dem einfachen Volk. Das ist stellenweise höchst komisch; am besten das "falsche" Ende nach einer Stunde, als alles auf ein Happy End weist, bis zu jenem fatalen Anruf von Bush Jr., der einen erfahrenen Mitstreiter sucht. Aber meist bleibt einem das Lachen im Halse stecken. Unfassbar ist der Kontrast zur idealisierten Utopie von The West Wing, wo der Vizepräsident tatsächlich nur eine fotogene Schießbudenfigur war, nicht der Strippenzieher im Hintergrund, im Dienst der Rüstungs- und Energiekonzerne, insbesondere natürlich des Molochkonzerns Halliburton, als dessen CEO Cheney zwischen seinen Posten als Verteidigungsminister (unter Bush Sr.) und Vizepräsident (über Bush Jr.) ein kleines Vermögen anhäufte (wobei ihm Macht offenbar stets wichtiger war als Geld). Um seine Schlussrede im Film zu zitieren: Man muss sich mit der Realität auseinandersetzen, dass es Monster gibt in dieser Welt.

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Christian Bale gehört nicht zu meinen Lieblingsschauspielern. Der 45jährige Dark Knight gab sein Debut im zarten Alter von 13 Jahren in Spielbergs Reich der Sonne, hat sich 2004 für Der Maschinist 30 Kilo runtergehungert und nun für Vice 20 Kilo zugefuttert, dazwischen 2011 als Muskelpaket einen Oscar für The Fighter gewonnen. Mit seiner diesjährigen vierten Nominierung ist er der Geheimfavorit hinter Rami Malek (obwohl mein Herz immer noch für Viggo Mortensen schlägt). Ich muss zugeben, dass Bale (und den Maskenbildnern) in der Darstellung von Dick Cheney über vier Jahrzehnte hinweg nicht nur eine verblüffende Mimikry gelungen ist, sondern dass er der Figur soviel Leben einhaucht, wie dies bei einem solchen undurchschaubaren Monster überhaupt möglich ist. Ihm zur Seite steht ein glänzendes Ensemble. McKay schöpft aus einem Fundus von Komikern mit dramatischem Potential, so etwa Steve Carell als schmieriger Donald Rumsfeld und Blödelbarde Tyler Perry als Colin Powell (Will Ferrell hat zum Glück nur produziert). Spot-on sind die Oscar-nominierten Nebendarsteller Sam Rockwell als George W. und Amy Adams als Cheneys Ehefrau Lynne (wenngleich mir ihre merkwürdigen Perücken aufgefallen sind). Ebenfalls hervorheben möchte ich Jesse Plemmons (übrigens mit Kirsten Dunst verlobt) als Erzähler Kurt mit einer mysteriösen Verbindung zur Hauptfigur (er spielte bereits in Hostiles an der Seite von Bale, ein vollkommen misslungener Western, über den ich ansonsten schweigen möchte), dazu Alison Pill (Scott Pilgrim, Midnight in Paris) als Mary Cheney, Justin Kirk (Weeds) als Cheneys schleimiger Chief of Staff und Eddie Marsan als Cheneys Chefberater (der Londoner mit dem Wieselgesicht taucht immer öfter in amerikanischen Filmen auf). In McKays nächstem Projekt soll Jennifer Lawrence die Hauptrolle übernehmen, ich bin schon sehr gespannt!

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Am Boxoffice ist Vice natürlich mehr oder weniger gefloppt. Lehrreiche Filme werden fast nie von denjenigen angeschaut, denen es nützen könnte. Und die jüngste Presidency hat der Farce ja noch einen draufgesetzt. Trump ist Cheney ohne den Mittelsmann. Ohne jedwede Subtilität treibt er jenes fragwürdige politische Kontrukt (Unitary Executive Theory) auf die Spitze, nach dem jede Handlunge des Präsidenten rechtmäßig ist, "da sie vom Präsidenten ausgeht". Das ist quasi die Unfehlbarkeitsdoktrin der katholischen Kirche auf die amerikanische "Demokratie" angewandt.

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Bei den Globes gewann Bale als Komödiendarsteller (Green Book siegte in der Kategorie Musical/Komödie), ansonsten ging Vice bei den Preisverleihungen meist leer aus. Bei den Oscars wird es nicht anders aussehen. Von den Kandidaten haben mir dieses Jahr die Komödien, vor allem BlacKkKlansman und Vice, am besten zugesagt, vielleicht weil man den Realitäten unserer Welt ohnehin nur noch mit Humor ins Auge sehen kann. Herausragend (9/10).

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