Johannes bekommt den Spitznamen Jojo Rabbit, als er es nicht über sich bringt, einem Kaninchen den Hals umzudrehen. Das wäre nicht schlimm, er ist erst zehn, aber doch auch ein stolzer Nazi mit deutscher Seele! Aber in die Hitlerjugend passt er wohl doch nicht, vor allem nach jenem Zwischenfall mit der Granate. Nur sein eingebildeter bester Freund Adolf hält zu ihm, auch wenn der ein wenig launenhaft ist und am liebsten jeden Misserfolg auf Churchill schieben will...
"Komödie ist Tragödie plus Zeit", so Alan Alda als selbsternannter Experte in Woody Allens Verbrechen und andere Kleinigkeiten. Nach 75 Jahren sollte genug Zeit vergangen sein, um eine weitere Nazi-Satire zu vertragen, auch wenn uns Fachleute die einzige Art des Umgangs mit dem Holocaust erklären wollen: weihevoll. Aber bekommt man nicht ein besseres Bild von einem historischen Ereignis, wenn man es unter verschiedenen Blickwinkeln betrachtet? Und so erhellen für mich neben Schindlers Liste und Der Pianist auch Das Leben ist schön und The Producers (von dem mir auch das Muscial-Remake gefallen hat) diese schreckliche europäische Vergangenheit (der 93jährige Altmeister Mel Brooks hat sich bei den AFI-Awards übrigens begeistert über Jojo Rabbit geäußert). Und man sollte nicht vergessen, dass die Geschichte aus der Perspektive eines Zehnjährigen erzählt wird!
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Jojo Rabbit konzentriert sich auf eine kleine, überschaubare Situation, nämlich eine deutsche Kleinstadt gegen Ende des Krieges. Auf der einen Seite knüpft die SS jeden Tag "Vaterlandsverräter" auf, auf der anderen wissen die Verantwortlichen sehr wohl, dass die Sache verloren und die Durchhalteparolen absurd sind. Herrlich fand ich das schrille Paar Captain Kleinzendorf (Sam Rockwell) und Finkel (Theon Greyjoy Alfie Allen), komisch auch Rebel Wilsons Fraulein Rahm. Alle Darsteller sprechen übrigens Englisch mit deutschen Akzenten, die mit Absicht zwischen authentisch und albern angesiedelt sind. Wie eine Synchronisation das einfangen will, ist mir schleierhaft, genau wie einen der besten Witze des Films, als Finkel "German Shepherds" auftreibt (so nennen Angelsachsen Schäferhunde, aber leider auch: deutsche Schäfer). Herrlich auch die Einrahmung des Films mit den deutschsprachigen (Original!)Versionen zweier Klassiker: "Komm gib mir deine Hand" von den Beatles und "Helden" von David Bowie.
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Jojo Rabbit liefert aber durchaus nicht nur Klamauk, sondern wird dem ernsten Hintergrund durchaus gerecht. Hierfür sorgt die sorgfältig ausgearbeitete Beziehung zwischen Jojo, seiner Mutter und dem jüdischen Mädchen Elsa (pfiffig: die 19jährige Thomasin McKenzie), das diese auf dem Dachboden des Hauses versteckt. Das alles und (wie immer) viel zu viel erfährt man bereits im Trailer (der als Bonus eine deutsche Version von Neil Diamonds I'm a Believer enthält, die im Film nicht verwendet wurde). Das Drehbuch schrieb der selbsterklärte polynesische Jude Taika Waititi, bevor er berühmt wurde mit der Vampirdokumentation 5 Zimmer Küche Sarg und natürlich Thor: Ragnarok. Ich finde, der geographische und zeitliche Abstand tut dem Ergebnis gut. Wenn ich richtig gesehen habe, war übrigens Waititis Stammschauspielerin Rachel House für das Dialect Coaching des kleinen Londoners Roman Griffith Davis verantwortlich, der seine Sache übrigens sehr gut macht.
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Keine Überraschung, aber endlich einmal anerkannt ist die Leistung von Scarlett Johansson als Jojos Mutter. Sie spielt weder die verhärmte Kriegswitwe noch eine Gluckenmutter, sondern einen Freigeist, der sich gegen den Strom stemmt und doch von den Ereignissen überrollt wird. Allein die Szene, in der sie für den kleinen Jojo einen Dialog zwischen Mutter und Vater spielt, ist ein Kinoticket wert. 2020 ist definitiv das Jahr der erst 35jährigen, die ich bereits in 34 Filmen gesehen bzw. (in her und im Dschungelbuch) gehört habe! Sie begann gleich an der Spitze, im Pferdeflüsterer an der Seite von Robert Redford, für die Coens in The Man Who Wasn't There und in Terry Zwigoffs leider wenig bekannter Comicverfilmung ohne Superhelden, Ghost World. Unter anderem für Sofia Coppolas Lost in Translation und Woody Allens Match Point war sie immerhin für Golden Globes nominiert, aber nie für den Oscar. Bis jetzt, denn in diesem Jahr steht sie gleich zweimal auf der Liste: für Marriage Story als Hauptdarstellerin und für Jojo Rabbit als Nebendarstellerin. Leider hat sie starke Konkurrenz in Laura Dern (Nebenrolle) und Bridget Jones Renée Zellweger, der in Judy offenbar eine großartige Darstellung der alternden Judy Garland gelungen ist. Aber noch ist nichts entschieden! Selbst wenn es mit einem Oscar nichts wird, kann Scarlett es wie Robert Downey Jr. halten, wenn im Frühjahr ihr Black-Widow-Abenteuer durchstartet: Besser ein Zuschauer-Magnet als ein preisgekrönter Künstler am Hungertuch ;-)
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Jojo Rabbit ist nach Knives Out wieder ein Kandidat im Oscar-Rennen, der mir besser gefallen hat als die großen Favoriten, hat aber wohl wenig Chancen auf einen Gewinn. Macht nichts, das mindert seine Qualität nicht, auch nicht der bislang moderate Erfolg an den Kinokassen. In Berlin zeigen zum Glück etliche Kinos die Originalfassung. Sehr gut (8/10).
Neben Kinofilmen bespreche ich auch TV-Serien, Musik und Bücher, mit dem Schwerpunkt Science Fiction.
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Samstag, 25. Januar 2020
Samstag, 23. Februar 2019
Bitterböse Komödie: Vice (9/10)
Vice führt unwiderlegbare Beweise an für eine Tatsache, die in gewissen Kreisen natürlich als Fake News gebrandmarkt werden wird: Dick Cheney hat ein Herz. Zugegeben, es musste mehrere Infarkte durchleiden und wurde schließlich durch ein jüngeres ersetzt. Aber es existiert, es schlägt, es pumpt Blut durch seine Leibesfülle (immer noch - der ehemalige Vizepräsident ist gerade 78 geworden). Reine Spekulation von Adam McKays filmischer Biographie ist es hingegen, dass Cheney jemals Entscheidungen aufgrund von Gefühlen oder gar Empathie getroffen hat. Die herzerwärmende Szene, in der Cheney nach dem Coming Out seine lesbische Tochter Mary in die Arme schließt, ist allerdings ein raffinierter Drehbuchkniff, um ein Minimum an Sympathie für diesen unbeliebtesten Politiker der letzten fünfzig Jahre zu erzeugen. Damit nenne ich bewusst einen Zeitraum, der auch einen anderen Tricky Dick einschließt. Kaum zu glauben, dass 2009, zum Ende von Cheneys Amtszeit, noch 13 Prozent der Amerikaner zu ihm hielten!
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Vor drei Jahren nahm sich der 50jährige Regisseur und Drehbuchautor Adam McKay mit The Big Short die Bankenkrise vor. Im Nachfolger Vice geht es nun nicht nur um Dick Cheney, sondern um die US-amerikanische Politikkultur der letzten 30 Jahre. Und wieder zieht McKay alle satirischen Register, mit noch größerem künstlerischen Erfolg. Die Machart erinnert an Michael Moores polemische Dokumentationen (Fahrenheit 9/11), aber mit hochkarätig nachgespielten und dazuerfundenen Dramaszenen. Diesmal gibt es zwar nicht Margot Robbie in der Badewanne, aber immerhin Naomi Watts als Fox-Nachrichtensprecherin, dazu an Shakespeare angelehnte Dialoge und Jesse Plemmons als Kommentator aus dem einfachen Volk. Das ist stellenweise höchst komisch; am besten das "falsche" Ende nach einer Stunde, als alles auf ein Happy End weist, bis zu jenem fatalen Anruf von Bush Jr., der einen erfahrenen Mitstreiter sucht. Aber meist bleibt einem das Lachen im Halse stecken. Unfassbar ist der Kontrast zur idealisierten Utopie von The West Wing, wo der Vizepräsident tatsächlich nur eine fotogene Schießbudenfigur war, nicht der Strippenzieher im Hintergrund, im Dienst der Rüstungs- und Energiekonzerne, insbesondere natürlich des Molochkonzerns Halliburton, als dessen CEO Cheney zwischen seinen Posten als Verteidigungsminister (unter Bush Sr.) und Vizepräsident (über Bush Jr.) ein kleines Vermögen anhäufte (wobei ihm Macht offenbar stets wichtiger war als Geld). Um seine Schlussrede im Film zu zitieren: Man muss sich mit der Realität auseinandersetzen, dass es Monster gibt in dieser Welt.
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Christian Bale gehört nicht zu meinen Lieblingsschauspielern. Der 45jährige Dark Knight gab sein Debut im zarten Alter von 13 Jahren in Spielbergs Reich der Sonne, hat sich 2004 für Der Maschinist 30 Kilo runtergehungert und nun für Vice 20 Kilo zugefuttert, dazwischen 2011 als Muskelpaket einen Oscar für The Fighter gewonnen. Mit seiner diesjährigen vierten Nominierung ist er der Geheimfavorit hinter Rami Malek (obwohl mein Herz immer noch für Viggo Mortensen schlägt). Ich muss zugeben, dass Bale (und den Maskenbildnern) in der Darstellung von Dick Cheney über vier Jahrzehnte hinweg nicht nur eine verblüffende Mimikry gelungen ist, sondern dass er der Figur soviel Leben einhaucht, wie dies bei einem solchen undurchschaubaren Monster überhaupt möglich ist. Ihm zur Seite steht ein glänzendes Ensemble. McKay schöpft aus einem Fundus von Komikern mit dramatischem Potential, so etwa Steve Carell als schmieriger Donald Rumsfeld und Blödelbarde Tyler Perry als Colin Powell (Will Ferrell hat zum Glück nur produziert). Spot-on sind die Oscar-nominierten Nebendarsteller Sam Rockwell als George W. und Amy Adams als Cheneys Ehefrau Lynne (wenngleich mir ihre merkwürdigen Perücken aufgefallen sind). Ebenfalls hervorheben möchte ich Jesse Plemmons (übrigens mit Kirsten Dunst verlobt) als Erzähler Kurt mit einer mysteriösen Verbindung zur Hauptfigur (er spielte bereits in Hostiles an der Seite von Bale, ein vollkommen misslungener Western, über den ich ansonsten schweigen möchte), dazu Alison Pill (Scott Pilgrim, Midnight in Paris) als Mary Cheney, Justin Kirk (Weeds) als Cheneys schleimiger Chief of Staff und Eddie Marsan als Cheneys Chefberater (der Londoner mit dem Wieselgesicht taucht immer öfter in amerikanischen Filmen auf). In McKays nächstem Projekt soll Jennifer Lawrence die Hauptrolle übernehmen, ich bin schon sehr gespannt!
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Am Boxoffice ist Vice natürlich mehr oder weniger gefloppt. Lehrreiche Filme werden fast nie von denjenigen angeschaut, denen es nützen könnte. Und die jüngste Presidency hat der Farce ja noch einen draufgesetzt. Trump ist Cheney ohne den Mittelsmann. Ohne jedwede Subtilität treibt er jenes fragwürdige politische Kontrukt (Unitary Executive Theory) auf die Spitze, nach dem jede Handlunge des Präsidenten rechtmäßig ist, "da sie vom Präsidenten ausgeht". Das ist quasi die Unfehlbarkeitsdoktrin der katholischen Kirche auf die amerikanische "Demokratie" angewandt.
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Bei den Globes gewann Bale als Komödiendarsteller (Green Book siegte in der Kategorie Musical/Komödie), ansonsten ging Vice bei den Preisverleihungen meist leer aus. Bei den Oscars wird es nicht anders aussehen. Von den Kandidaten haben mir dieses Jahr die Komödien, vor allem BlacKkKlansman und Vice, am besten zugesagt, vielleicht weil man den Realitäten unserer Welt ohnehin nur noch mit Humor ins Auge sehen kann. Herausragend (9/10).
Samstag, 16. Februar 2019
Schwarzer Humor: BlacKkKlansman (9/10)
Das Internet wimmelt nur so von "Experten", die dem Kassenknüller und Kultphänomen Black Panther jetzt auch den Oscar als Besten Film zusprechen wollen (einer von acht Nominierten ist er bereits). Dabei gibt es einen künstlerisch viel besseren Konkurrenten, der auch von Schwarzen Panthern handelt, allerdings nur ein Vierzehntel des Umsatzes gemacht hat: BlacKkKlansman. In Deutschland war das Zuschauerverhältnis nur 1:5, aber das Interesse am Kino hat hierzulande ohnehin stark nachgelassen. Die Werke von Ryan Coogler und Spike Lee haben übrigens in den USA jeweils mehr Umsatz gemacht als im Rest der Welt zusammen (das ist gerade wegen des stark wachsenden asiatischen Marktes ungewöhnlich).
BlacKkKlansman hat auf politischer Ebene genau das, was ich bei Black Panther vermisst hatte: eine spezifische, nachvollziehbare Geschichte, die ein Schlaglicht auf den alltäglichen amerikanischen Rassismus bis zum heutigen Tag wirft. Trotzdem bietet die Komödie, die man auch ein Drama mit komischen Untertönen nennen könnte, ebenfalls süffige Unterhaltung, über die fast exakt gleiche Laufzeit von 135 Minuten (und nicht so albern, wie der deutsche Trailer vermuten lässt). Das ist aber auch eine dolle Geschichte, die Spike Lee mit folgender Einblendung einführt:
Es gab ihn wirklich: Ron Stallworth, erster schwarzer Polizeidetektiv in Colorado Springs, der (mithilfe eines weißen Kollegen, im Film "Flip Zimmerman") den Ku-Klux-Klan infiltrierte und so mehrere Anschläge verhindern konnte. Erst 2014 veröffentlichte er seine Geschichte als Tatsachenbericht. Spike Lees Autorenteam verlegt die Handlung um ein paar Jahre zurück (von 1978 nach 1971), um sie stärker mit Schlüsselmomenten der Bürgerrechtsbewegung verknüpfen zu können, erfand ihm als Freundin die Präsidentin eines Studentenverbands und machte aus seinem weißen Kollegen einen jüdiischen Polizisten, um ein erhöhtes Spannungspotential zu erzeugen. Solche Veränderungen halte ich nicht nur für legitim, sondern begrüße sie bei der Umsetzung von Büchern in Filmen. Für buchstäbliche Übertragungen gibt es Dokumentationen, und selbst die sind immer nur ein Blickpunkt auf die Wahrheit. Kinofilme müssen unterhalten und sollten dabei (wenn man Glück hat) ihre zugrundeliegenden Wahrheiten herausarbeiten. Und allein schon die aberwitzige Diskussion im Klan (bei der einem das Lachen im Halse steckenbleibt), ob man den Holocaust nun leugnen oder feiern sollte, rechtfertigt die Umdeutung von Flip Zimmermann.
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Spike Lee ist einer der tragischen Helden des amerikanischen Kinos. Er wird im März 62 Jahr alt, und nach meinem Gefühl konnte er sein Potential in seiner Karriere bislang kaum realisieren. Filmtechnisch und als Geschichtenerzähler halte ich ihn für ebenbürtig mit seinen eine gute Dekade älteren New Yorker Kollegen Martin Scorsese und Francis Ford Coppola. Aber nicht nur seine Hautfarbe hat ihm im Weg gestanden. Immerhin hat er sich seit seinem Debut mit unabhängigen, kleinen Filmen (1986: She's Gotta Have It) hochgearbeitet zu mittelgroßen Studioproduktionen (1998: Malcolm X; 2006: Inside Man). Viele Stars gaben sich bei ihm die Ehre, oft mehrfach: Laurence Fishburn (School Daze), Samuel L. Jackson (Do the Right Thing), Denzel Washington (nach Mo' Better Blues noch dreimal), Wesley Snipes (Jungle Fever), Alfre Woodard (Crooklyn), Delroy Lindo (Clockers), Isaiah Washington (Girl 6), sowie auch gern seine Geschwister Joie, Cinqué und David und sein Vater Bill Lee (der hauptberufliche Bassist spielte u.a. für Bob Dylan und Peter, Paul & Mary). Dazu natürlich auch mal ein paar Weiße, darunter Danny Aiello, John Turturro, Harvey Keitel und Mira Sorvino.
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Auch Spike Lee selbst spielte am Anfang regelmäßig mit, wobei ich schon den Eindruck habe, dass der 1,65 Meter kleine Schauspieler vor und hinter der Kamera mit Minderwertigkeitskomplexen zu kämpfen hatte. Mehr geschadet hat ihm wohl sein wütender, oft militanter Umgang mit Rassismus. Er tendiert ja unverhohlen eher zu Malcolm X als zu Martin Luther King. Da sein politischer Aktionismus ihn zeitweise künstlerisch beeinträchtigt hat, habe ich seine jüngsten Filme bislang gemieden (darunter auch das wohlwollend aufgenommene Chi-Raq und das Remake von Chan-Wook Parks Oldboy, das mir schon im Original nicht so zugesagt hatte). Umso größer meine Überraschung, welch wunderbarer Balanceakt ihm mit BlacKkKlansman gelungen ist. Ich sehe es eher als gelassenes Drama, das trotz des ernsten Stoffs zum Schmunzeln einlädt und sogar mit einem Happy End aufwartet. Der Regisseur lässt aber keinen Zweifel daran, dass hier zwar eine Schlacht gewonnen wurde, der Krieg aber noch in vollem Gange ist. Das hätte ich aber auch ohne den aufgesetzten Epilog erkannt, der Spike-Lee-typisch einen direkten Bezug zu rechsextremen Kundgebungen im Jahr 2017 herstellt.
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Bei der Besetzung zeigt Spike Lee mal wieder ein feines Händchen. Die Titelrolle teilen sich John David Washington und Adam Driver. John David zeigt ähnliche Präsenz, wenngleich (noch?) nicht die gleiche Starqualität wie sein Vater Denzel Washington. Vielleicht liegt es auch an Bart und Afro, die sein Gesicht verstecken. Adam Driver mag ich selten, aber hier ist er einfach hervorragend. Star-Wars-Fans werden sicher dankbar vernehmen, dass er als Flip Zimmerman niemals sein Hemd auszieht. Übrigens muss man vielleicht erklären: Ron trat in Telefonaten mit dem KKK in Verbindung, zuletzt sogar mit dessen Bundeschef David Duke, während Flip ihn bei Meetings "vertrat". Als streithafte Black-Power-Studentenführerin Patrice brilliert Laura Harrier, in der ich niemals Spider-Man-Gespielin (und Vulture-Tochter) Liz wiedererkannt hätte. Auch die weiteren Polizeikollegen (darunter Veteran Robert John Burke und Steves Bruder Michael Buscemi) und die Klanmitglieder sind stimmig besetzt.
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Der Film beginnt mit einer Hetzrede eines gewissen "Dr. Kennebrew Beauregard", den Alec Baldwin genüsslich in Saturday-Night-Live-Manier interpretiert. Als Gegengewicht gibt es gegen Ende einen besonderer Gastauftritt der 91jährige Bürgerrechtsikone Harry Belafonte (Matilda), als Zeitzeuge eines Lynchmordes.
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Dazu gibt es zu Beginn und gegen Ende des Films zwei ungleiche Vorträge, die sicher absichtlich als ideologische Bookends platziert wurden. Rons erster Einsatz führt ihn zu einer Rede des Gewerkschaftsorganisators Kwame Ture (Corey Hawkins aus Kong: Skull Island und Straight Outta Compton), der mit geschliffener Rhetorik und warmherzigem Engagement die Black Power ausruft. Gegen Ende wird Ron dann als Leibwächter des Klanchefs David Duke Zeuge von dessen holpriger, in der Ausführung fast bemitleidenswerten Rede, die die White Supremacy zu beschwören versucht. Es ist ein besonderer Coup, David Duke vom unbeholfenen Star der Wilden Siebziger Topher Grace spielen zu lassen, der dafür auch nur eine ältere Variante von Eric Forman zum besten geben muss.
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Es ist eine Schande, dass Spike Lee in diesem Jahr bei den Academy Awards seine erste Nominierung als bester Regisseur bekommen hat. Zuvor war nur seine Dokumentation 4 Little Girls nominiert, sowie sein Drehbuch von Do The Right Thing. Gewonnen hat die Kategorie 1990 der (vergleichsweise) schwächste Film im Wettbewerb, der gefällige Club der Toten Dichter. Do The Right Thing halte ich für einen der besten Filme der 80er, und immer noch einen der besten Filme über Rassismus. Er ging damals nicht einmal für den Besten Film des Jahres ins Oscar-Rennen. Im Zuge der neuen politischen Korrektheit vergab die amerikanische Akademie 2016 einen Ehrenpreis an Spike Lee - immerhin. Für BlacKkKlansman stehen die Chancen auch nicht besonders - bei den BAFTAs hat es gerade für den Drehbuchpreis gereicht. Ich persönlich würde lieber einen Marathon mit Spike Lees schwächsten Werken schauen als auch nur 10 Minuten des haushohen Favoriten für den Besten Film (und BAFTA-Gewinners) Roma. Für mich ist BlacKkKlansman Spike Lees bester Joint seit eben Do The Right Thing. Herausragend (9/10).
Dies ist meine Rangliste der Oscar-Kandidaten:
BlacKkKlansman (9/10)
The Favourite (8/10)
Green Book (8/10)
A Star Is Born (8/10)
Black Panther (8/10)
Bohemian Rhapsody (5/10)
Roma (3/10)
Vice (? - kommt erst im März in unsere Kinos)
BlacKkKlansman habe ich mir übrigens als UHD-Blu-ray aus England besorgen müssen. Bild- und Tonqualität sind exzellent, aber die Extras leider mehr als mager.
BlacKkKlansman hat auf politischer Ebene genau das, was ich bei Black Panther vermisst hatte: eine spezifische, nachvollziehbare Geschichte, die ein Schlaglicht auf den alltäglichen amerikanischen Rassismus bis zum heutigen Tag wirft. Trotzdem bietet die Komödie, die man auch ein Drama mit komischen Untertönen nennen könnte, ebenfalls süffige Unterhaltung, über die fast exakt gleiche Laufzeit von 135 Minuten (und nicht so albern, wie der deutsche Trailer vermuten lässt). Das ist aber auch eine dolle Geschichte, die Spike Lee mit folgender Einblendung einführt:
Dis joint is based on some fo‘ real, fo‘ real sh*t
Es gab ihn wirklich: Ron Stallworth, erster schwarzer Polizeidetektiv in Colorado Springs, der (mithilfe eines weißen Kollegen, im Film "Flip Zimmerman") den Ku-Klux-Klan infiltrierte und so mehrere Anschläge verhindern konnte. Erst 2014 veröffentlichte er seine Geschichte als Tatsachenbericht. Spike Lees Autorenteam verlegt die Handlung um ein paar Jahre zurück (von 1978 nach 1971), um sie stärker mit Schlüsselmomenten der Bürgerrechtsbewegung verknüpfen zu können, erfand ihm als Freundin die Präsidentin eines Studentenverbands und machte aus seinem weißen Kollegen einen jüdiischen Polizisten, um ein erhöhtes Spannungspotential zu erzeugen. Solche Veränderungen halte ich nicht nur für legitim, sondern begrüße sie bei der Umsetzung von Büchern in Filmen. Für buchstäbliche Übertragungen gibt es Dokumentationen, und selbst die sind immer nur ein Blickpunkt auf die Wahrheit. Kinofilme müssen unterhalten und sollten dabei (wenn man Glück hat) ihre zugrundeliegenden Wahrheiten herausarbeiten. Und allein schon die aberwitzige Diskussion im Klan (bei der einem das Lachen im Halse steckenbleibt), ob man den Holocaust nun leugnen oder feiern sollte, rechtfertigt die Umdeutung von Flip Zimmermann.
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Spike Lee ist einer der tragischen Helden des amerikanischen Kinos. Er wird im März 62 Jahr alt, und nach meinem Gefühl konnte er sein Potential in seiner Karriere bislang kaum realisieren. Filmtechnisch und als Geschichtenerzähler halte ich ihn für ebenbürtig mit seinen eine gute Dekade älteren New Yorker Kollegen Martin Scorsese und Francis Ford Coppola. Aber nicht nur seine Hautfarbe hat ihm im Weg gestanden. Immerhin hat er sich seit seinem Debut mit unabhängigen, kleinen Filmen (1986: She's Gotta Have It) hochgearbeitet zu mittelgroßen Studioproduktionen (1998: Malcolm X; 2006: Inside Man). Viele Stars gaben sich bei ihm die Ehre, oft mehrfach: Laurence Fishburn (School Daze), Samuel L. Jackson (Do the Right Thing), Denzel Washington (nach Mo' Better Blues noch dreimal), Wesley Snipes (Jungle Fever), Alfre Woodard (Crooklyn), Delroy Lindo (Clockers), Isaiah Washington (Girl 6), sowie auch gern seine Geschwister Joie, Cinqué und David und sein Vater Bill Lee (der hauptberufliche Bassist spielte u.a. für Bob Dylan und Peter, Paul & Mary). Dazu natürlich auch mal ein paar Weiße, darunter Danny Aiello, John Turturro, Harvey Keitel und Mira Sorvino.
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Auch Spike Lee selbst spielte am Anfang regelmäßig mit, wobei ich schon den Eindruck habe, dass der 1,65 Meter kleine Schauspieler vor und hinter der Kamera mit Minderwertigkeitskomplexen zu kämpfen hatte. Mehr geschadet hat ihm wohl sein wütender, oft militanter Umgang mit Rassismus. Er tendiert ja unverhohlen eher zu Malcolm X als zu Martin Luther King. Da sein politischer Aktionismus ihn zeitweise künstlerisch beeinträchtigt hat, habe ich seine jüngsten Filme bislang gemieden (darunter auch das wohlwollend aufgenommene Chi-Raq und das Remake von Chan-Wook Parks Oldboy, das mir schon im Original nicht so zugesagt hatte). Umso größer meine Überraschung, welch wunderbarer Balanceakt ihm mit BlacKkKlansman gelungen ist. Ich sehe es eher als gelassenes Drama, das trotz des ernsten Stoffs zum Schmunzeln einlädt und sogar mit einem Happy End aufwartet. Der Regisseur lässt aber keinen Zweifel daran, dass hier zwar eine Schlacht gewonnen wurde, der Krieg aber noch in vollem Gange ist. Das hätte ich aber auch ohne den aufgesetzten Epilog erkannt, der Spike-Lee-typisch einen direkten Bezug zu rechsextremen Kundgebungen im Jahr 2017 herstellt.
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Bei der Besetzung zeigt Spike Lee mal wieder ein feines Händchen. Die Titelrolle teilen sich John David Washington und Adam Driver. John David zeigt ähnliche Präsenz, wenngleich (noch?) nicht die gleiche Starqualität wie sein Vater Denzel Washington. Vielleicht liegt es auch an Bart und Afro, die sein Gesicht verstecken. Adam Driver mag ich selten, aber hier ist er einfach hervorragend. Star-Wars-Fans werden sicher dankbar vernehmen, dass er als Flip Zimmerman niemals sein Hemd auszieht. Übrigens muss man vielleicht erklären: Ron trat in Telefonaten mit dem KKK in Verbindung, zuletzt sogar mit dessen Bundeschef David Duke, während Flip ihn bei Meetings "vertrat". Als streithafte Black-Power-Studentenführerin Patrice brilliert Laura Harrier, in der ich niemals Spider-Man-Gespielin (und Vulture-Tochter) Liz wiedererkannt hätte. Auch die weiteren Polizeikollegen (darunter Veteran Robert John Burke und Steves Bruder Michael Buscemi) und die Klanmitglieder sind stimmig besetzt.
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Der Film beginnt mit einer Hetzrede eines gewissen "Dr. Kennebrew Beauregard", den Alec Baldwin genüsslich in Saturday-Night-Live-Manier interpretiert. Als Gegengewicht gibt es gegen Ende einen besonderer Gastauftritt der 91jährige Bürgerrechtsikone Harry Belafonte (Matilda), als Zeitzeuge eines Lynchmordes.
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Dazu gibt es zu Beginn und gegen Ende des Films zwei ungleiche Vorträge, die sicher absichtlich als ideologische Bookends platziert wurden. Rons erster Einsatz führt ihn zu einer Rede des Gewerkschaftsorganisators Kwame Ture (Corey Hawkins aus Kong: Skull Island und Straight Outta Compton), der mit geschliffener Rhetorik und warmherzigem Engagement die Black Power ausruft. Gegen Ende wird Ron dann als Leibwächter des Klanchefs David Duke Zeuge von dessen holpriger, in der Ausführung fast bemitleidenswerten Rede, die die White Supremacy zu beschwören versucht. Es ist ein besonderer Coup, David Duke vom unbeholfenen Star der Wilden Siebziger Topher Grace spielen zu lassen, der dafür auch nur eine ältere Variante von Eric Forman zum besten geben muss.
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Es ist eine Schande, dass Spike Lee in diesem Jahr bei den Academy Awards seine erste Nominierung als bester Regisseur bekommen hat. Zuvor war nur seine Dokumentation 4 Little Girls nominiert, sowie sein Drehbuch von Do The Right Thing. Gewonnen hat die Kategorie 1990 der (vergleichsweise) schwächste Film im Wettbewerb, der gefällige Club der Toten Dichter. Do The Right Thing halte ich für einen der besten Filme der 80er, und immer noch einen der besten Filme über Rassismus. Er ging damals nicht einmal für den Besten Film des Jahres ins Oscar-Rennen. Im Zuge der neuen politischen Korrektheit vergab die amerikanische Akademie 2016 einen Ehrenpreis an Spike Lee - immerhin. Für BlacKkKlansman stehen die Chancen auch nicht besonders - bei den BAFTAs hat es gerade für den Drehbuchpreis gereicht. Ich persönlich würde lieber einen Marathon mit Spike Lees schwächsten Werken schauen als auch nur 10 Minuten des haushohen Favoriten für den Besten Film (und BAFTA-Gewinners) Roma. Für mich ist BlacKkKlansman Spike Lees bester Joint seit eben Do The Right Thing. Herausragend (9/10).
Dies ist meine Rangliste der Oscar-Kandidaten:
BlacKkKlansman (9/10)
The Favourite (8/10)
Green Book (8/10)
A Star Is Born (8/10)
Black Panther (8/10)
Bohemian Rhapsody (5/10)
Roma (3/10)
Vice (? - kommt erst im März in unsere Kinos)
BlacKkKlansman habe ich mir übrigens als UHD-Blu-ray aus England besorgen müssen. Bild- und Tonqualität sind exzellent, aber die Extras leider mehr als mager.
Samstag, 9. Februar 2019
Driving Dr. Shirley: Green Book (8/10)
Das Grüne Buch für motorisierte Neger (so benannt nach dem Herausgeber, Victor Hugo Green, aber auch dem grünen Cover) war zwischen 1936 und 1966 ein wichtiger Begleiter für Schwarzamerikaner, insbesondere wenn sie in die Südstaaten reisten. Es listet Motels und Restaurants auf, in denen sie willkommen sind, und warnt u.a. vor "Sundown towns", in denen es Schwarzen verboten ist, sich nach Sonnenuntergang innerhalb der Stadtgrenzen zu bewegen. Das war offenbar auch 1962 noch gängige Praxis, als der Jamaika-stämmige Pianovirtuose Dr. Don Shirley zu einer Tour durch den "Tiefen Süden" aufbrach. Als Fahrer und Bodyguard engagierte er den Bouncer Tony "Lip" Vallelonga, und der musste sowohl seine Lippe (er nennt sich selbst einen genialen "Bullshitter") als auch seine Muskeln spielen lassen, um seinen Boss heil durch die Rassismushölle zu chauffieren. Die Konzertauftritte selbst, oft in Herrschaftshäusern, mit Unterstützung zweier russischer Kollegen an Kontrabass und Cello, wirken zunächst wie Kunstoasen in einer Wüste von Banausen, aber hinter der Fassade der Superreichen und Mächtigen verbergen sich die gleichen Dünkel und Vorurteile wie im Hinterland ("Wir haben die [farbigen] Bediensteten gefragt, was Ihnen wohl schmecken könnte...")
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Green Book basiert auf Interviews, die Tonys Sohn Nick Vallelonga mit seinem Vater und Dr. Shirley (mit Titeln u.a. in Musik und Psychologie) geführt hatte (die beide 2013 verstarben). Das nach langer Entwicklungszeit mit Regisseur Peter Farrelly und dessen Kumpel Brian Hayes Currie fertiggestellte Produkt geht nun bei der Akademie als Originaldrehbuch ins Oscar-Rennen. Niemand muss sich also wundern, dass die Hauptfigur des Films Nicks Vater Tony ist. Es handelt sich nicht um eine Biographie von Don Shirley, und die nachträglichen Einwände von Shirleys Familie halte ich daher für sinnlos. Natürlich ist anzunehmen, dass die Freundschaft der beiden ungleichen Männer im Film stark übertrieben wird (auch wenn es durchaus verbriefte Aussagen Shirleys in diese Richtung gibt). Aber es ist nun mal Hollywood-Praxis, eine solche "wahre" Geschichte in zwei Stunden auf einen unterhaltsamen Kern zu reduzieren. Und die Begegnung zwischen dem derben, ungebildeten Italoamerikaner mit Mafia-Verbindungen und dem mehrsprachigen, vielgereisten Feingeist bietet genug Potential für Sentiment, aber auch Überraschungen. Immer wieder kollidieren die Welten des Familienmenschen und die des einsamen Künstlers, und dabei lernen beide dazu.
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Schwerer als die Frage nach der Echtheit der Freundschaft wiegt schon der Vorwurf, dass der Film den alltäglichen Rassismus des Jahres 1962 verharmlost, oft verbunden mit Anfeindungen an den Regisseur, der bislang gemeinsam mit seinem Bruder Bobby Farrelly für meist überalberne Komödien bekannt ist (einsamer Glanzpunkt 1998: Verrückt nach Mary). Für mich wurden durchaus genug Repressalien gezeigt. Für meinen Geschmack hat Peter Farrelly genau den richtigen Ton für diesen Film getroffen, der weder Politthriller noch Anprangerung sein will, sondern nur eine kleine, warmherzige Geschichte erzählt, einen winzigen Mosaikstein im Porträt der 60er Jahre durch das Hollywood-Kino, welches sicher noch nicht abgeschlossen ist. Und er hat zwei glanzvolle Darsteller zu Oscar-Nominierungen geführt.
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Mahershala Ali, in Hidden Figures noch Eye Candy, müsste eigentlich ein großer Star sein. Er hat eine Ausstrahlung, die mich an James Stewart erinnert, aber aufgrund seiner Hautfarbe ist er bislang auf Nebenrollen beschränkt. Das könnte ihm in diesem Jahr immerhin (nach Moonlight) den zweiten Oscar einbringen. Nächste Woche wird er schon 45, aber vielleicht klappt's ja noch mit den Hauprollen. Und, ich widerspreche mir, eigentlich spielt er in Green Book die zweite Hauptrolle, und stärker als zuvor zeigt er, was in ihm steckt. Sein Porträt eines Genies zwischen allen Stühlen, weder in der schwarzen Kultur verwurzelt noch vom weißen Publikum als Mensch anerkannt, ist absolut erstaunlich. Seinen Gegenpart hatte ich im Trailer erst gar nicht erkannt. Viggo Mortensen hat sich für die Rolle des Bodyguards nicht nur zehn Kilo angefuttert, sondern ist auch sonst in Tonys Haut geschlüpft, in seinen Sprachrhythmen und der Körpersprache, ohne jemals in Richtung Karikatur zu geraten. Das wäre wohl einfach gewesen, denn Tony Lip war nach seiner Chauffeurskarriere als Schauspieler u.a. in den Sopranos zu sehen. Aber Viggo schafft eine ganz eigene Figur, gerade zu Beginn nicht gerade sympathisch, aber immer nachvollziehbar. Und dafür, dass er 2001 bereits einen 87jährigen gespielt hat, trumpft der 60jährige mit unerschöpflicher Energie auf und überzeugt nun als junger Familienvater. Ihm zur Seite steht die wunderbare Linda Cardellini (Hawkeyes Ehefrau) in einer kleinen, aber wichtigen Rolle, auch als Empfängerin von Tonys (historisch verbürgten) Liebesbriefen, die mit etwas Poesienachhilfe von Don entstanden.
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Es ist jetzt 30 Jahre her, dass Morgan Freeman die damals 80jährige Jessica Tandy zu ihrem Oscar-Gewinn chauffierte. Driving Miss Daisy ("Miss Daisy und ihr Chauffeur") war auch damals schon kein Meisterwerk, setzte aber ein Zeichen mit seinem Gewinn als Bester Film. In diesem Jahr sind die Voraussetzungen umgekehrt. Aber wieder gilt der Passagier als sicherer Oscar-Kandidat, und wieder würde ich diese Ehre eher dem Fahrer gönnen. Außerdem hoffe ich nicht, dass die Akademie in zwei Wochen diese Mücke einer Botschaft zum Elefanten des Besten Films macht. Das würde in meinen Augen das Verdienst dieses schönen Films eher schmälern, und wenn man schon um Proporz bemüht ist, sollte man den Hauptpreis eher an Black Panther vergeben. Viel wichtiger finde ich, dass mit Octavia Spencer eine schwarze Produzentin an Green Book beteiligt ist. Und übrigens: Ich hätte Peter Farrelly ja eine Nominierung als bester Regisseur gegönnt, aber viel erschrockener war ich, dass Urgestein Spike Lee in diesem Jahr zum ersten Mal in dieser Kategorie nominiert ist (vor drei Jahren wurde er bereits mit dem Ehrenoscar abgespeist, aber dazu voraussichtlich nächste Woche mehr). In einem Jahr ohne herausragenden Beitrag gilt der Golden-Globe-Gewinner immer noch als Top-Favorit für die Oscars. Bei mir kommt es wie die bisher gesichteten Konkurrenten über ein Sehr gut nicht hinaus (8/10).
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Mittwoch, 2. Januar 2019
Klassische Rezension: Butch Cassidy and the Sundance Kid (7/10)
Eine kluge Freundin hat mir einmal erklärt, daß es nur drei Arten von Frauen gibt: diejenigen, die auf Paul Newman stehen, diejenigen, die Robert Redford verehren, und diejenigen, die - beide lieben. Dies mag zum Teil die Publikumswirkung der gemeinsamen Projekte der beiden erklären. Ich selbst will zugeben (und mich nicht nur in diesem Punkt Pauline Kaels Meinung anschließen), daß es Spaß macht, die beiden Stars in Aktion zu sehen. Leider muß ich aber sowohl bei "Butch Cassidy" als auch beim Nachfolgeprojekt "Der Clou" ("The Sting") feststellen, daß da ein gewaltiges Potential verschenkt wurde. Die Western-Komödie, die u.a. dem Autor William Goldman und dem Komponisten Burt Bacharach ("Raindrops Keep Falling on my Head") Oscars einbrachte, hat neben bravourösen, unvergeßlichen Szenen (der Fahrrad-Balztanz Newmans, der mangels Sprachkenntnissen zu scheitern drohende erste Banküberfall in Bolivien) auch gravierende Schwächen. So orientierungslos wie die beiden Helden fühlte ich mich auch als Zuschauer. Über eine halbe Stunde hat es gedauert, bis ich ein grobes Bild der Hauptpersonen und der Zeitumstände vor Augen hatte. Der historische Hintergrund bleibt blaß. Es ist kein Handlungsbogen zu erkennen, keine Entwicklung der Figuren. Als Komödie nicht witzig, als Tragödie nicht packend genug, zeugt es eher von Hilflosigkeit, von einer Charakterstudie zu sprechen. Charme versprühende Stars und ein paar gute Dialoge reichen dazu nicht aus. Wo bitte ist denn herausgearbeitet, wie unterschiedlich Butch und Sundance gewesen sein sollen? Wo kommt die Tragik der Edelganoven zum Ausdruck, die im Zuge der kapitalistisch-industriellen Revolution plötzlich die letzten ihrer Art waren? Ich neige dazu, dies dem Regisseur George Roy Hill vorzuwerfen, der Genie im Detail beweist, aber kein Talent fürs große Werk hat. Der Erfolg scheint aber die Kritiker nachhaltig zum Schweigen gebracht zu haben (Maltin und Halliwell geben Höchstwertungen). Zum Glück hat bei den Oscar-Verleihungen 1970 Schlesingers Meisterwerk "Midnight Cowboy" die Hauptpreise einkassiert (was das AFI nicht hinderte, "Butch Cassidy" auf Platz 50 der Top 100 des 20. Jahrhunderts zu setzen). Nun ja - unterhaltsam war's schon (7/10).
Samstag, 23. Juni 2018
Spielberg Light: Die Verlegerin (6/10)
In den USA heißt Spielbergs jüngstes Oscar-Futter einfach The Post - die Amerikaner wissen, dass damit die "Washington Post" gemeint ist. 1971 war das die immerhin auflagenstärkste Lokalzeitung im (für US-Verhältnisse) Kaff Washington D.C. Zeitgleich zum Börsengang folgte die Post der New York Times in der Veröffentlichung der sogenannten "Pentagon Papers" (trotz gerichtlicher Verfügungen gegen die Times) und etablierte sich bundesweit als Sprachrohr für Pressefreiheit und regierungskritische Berichterstattung. Die Pentagon Papers enthielten eine über 6000 Seiten lange, streng geheime Studie über den Vietnamkrieg, waren vom ehemaligen Verteidigungsminister Robert McNamara in Auftrag gegeben und dann unter Verschluss gehalten worden ("für die Nachwelt"). Da die Ergebnisse in direktem Widerspruch zu den öffentlichen Aussagen der Regierungen seit Kennedy standen, riskierte Daniel Ellsberg, einer der Autoren der Studie, eine Anklage wegen Hochverrats und machte sie den beiden Zeitungen zugänglich. Das war übrigens damals lange nicht so einfach wie in unseren Zeiten von WikiLeaks - er musste die Papiere nach und nach aus dem Verteidigungsministerium herausschmuggeln und auf einen Kopierer legen.
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Der deutsche Verleihtitel Die Verlegerin verdeutlicht den Fokus des Drehbuchs von Josh Singer (Spotlight) und seiner jungen Kollegin Liz Hannah und stellt natürlich gleichzeitig werbewirksam die Hauptdarstellerin Meryl Streep in den Vordergrund. Tatsächlich wurde Katharine "Kay" Graham, Herausgeberin der Post seit dem Tode ihres Mannes Phil, 1972 der erste weibliche Chef einer Fortune-500-Firma. Leider bauscht Spielberg diesen Meilenstein künstlich auf. Es gibt zwar eindrückliche Momente, etwa wenn Kay Graham zum ersten Mal einen Börsenraum vollgestopft mit würdevollen weißen Männern betritt. Meryl Streep weiß auch Kays anfängliche Unsicherheit im Umgang mit den Alphamännern darzustellen. Von den Aufsichtsratmitgliedern über ihren Chefredakteur Benjamin Bradlee (Tom Hanks) bis zu ihrem Anwalt wird sie immer wieder belächelt und herablassend behandelt. Trotzdem hat sie die Entscheidungsbefugnis und nimmt sie im wichtigsten Moment auch wahr. Aber der Weg dahin wirkt auf mich nicht wahrhaftig und wird dann in typischer Spielberg-Manier am Ende untergraben durch das Spalier von bewundernden Frauen nach der Entscheidung des Supreme Courts für die Pressefreiheit. Kay Graham wurde bestimmt zum Vorbild für viele Frauen, aber dieser Prozess war sicher gradueller - und weniger kinotauglich. Der Pulitzer-Preis ging 1972 übrigens an die New York Times, erst ein Jahr später an die Post: für die Enthüllung der Watergate-Affäre. Einen weiteren Pulitzer gewann Kay Graham 1998 - für ihre Memoiren. Sie starb 2001.
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Neben Streep verblassen dann auch die männlichen Kollegen, die natürlich alle solide agieren (weniger würde man bei Spielberg nie erwarten). Tom Hanks' Chefredakteur wird auf einen reinen Handlungsträger reduziert, obwohl ihm das Script sogar Szenen mit seiner Ehefrau (Sarah Paulson) spendiert. Am überzeugendsten fand ich noch Bob Odenkirk (Better Call Saul) als Chefreporter, Bruce Greenwood als McNamara und Bradley Whitford (The West Wing, Cabin in the Woods) als Aufsichtsrat Arthur Parsons. Dank Spielbergs flüssiger Erzählweise und Januscz Kaminskis eleganter Kameraführung wird die Geschichte nie wirklich langweilig, bekommt aber auch nie den mitreißenden Schwung etwa des verwandten Oscar-Gewinners Spotlight. Das Zeitkolorit wird zwar ganz gut eingefangen, wirkt aber nie so beklemmend echt wie etwa in Mad Men (trotz dessen satirischer Sichtweise - vielleicht fehlt der Zigarettenqualm). Und den bedeutungsschweren Score von John Williams fand ich diesmal besonders manipulativ. So wirken sowohl das Lob auf die Pressefreiheit als auch der Ruf nach Geschlechtergleichheit aufgesetzt. Ein wenig hat mich das an Oprah Winfreys begeisternde #Time's-Up-Rede bei den diesjährigen Golden Globes erinnert. Das reine Heraufbeschwören von Veränderungen beschleunigt diese nicht unbedingt. Die TV-Milliardärin ist bestes Symbol, dass sich seit 1971 die Rolle von Frauen stark verändert hat. Was die Pressefreiheit betrifft, gibt es in den USA nur noch wenige Bastionen, die sich gegen das Establishment halten. Vor diesem Hintergrund ist Die Verlegerin einfach zu brav, Spielberg Light sozusagen. Ordentlich (6/10).
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Der deutsche Verleihtitel Die Verlegerin verdeutlicht den Fokus des Drehbuchs von Josh Singer (Spotlight) und seiner jungen Kollegin Liz Hannah und stellt natürlich gleichzeitig werbewirksam die Hauptdarstellerin Meryl Streep in den Vordergrund. Tatsächlich wurde Katharine "Kay" Graham, Herausgeberin der Post seit dem Tode ihres Mannes Phil, 1972 der erste weibliche Chef einer Fortune-500-Firma. Leider bauscht Spielberg diesen Meilenstein künstlich auf. Es gibt zwar eindrückliche Momente, etwa wenn Kay Graham zum ersten Mal einen Börsenraum vollgestopft mit würdevollen weißen Männern betritt. Meryl Streep weiß auch Kays anfängliche Unsicherheit im Umgang mit den Alphamännern darzustellen. Von den Aufsichtsratmitgliedern über ihren Chefredakteur Benjamin Bradlee (Tom Hanks) bis zu ihrem Anwalt wird sie immer wieder belächelt und herablassend behandelt. Trotzdem hat sie die Entscheidungsbefugnis und nimmt sie im wichtigsten Moment auch wahr. Aber der Weg dahin wirkt auf mich nicht wahrhaftig und wird dann in typischer Spielberg-Manier am Ende untergraben durch das Spalier von bewundernden Frauen nach der Entscheidung des Supreme Courts für die Pressefreiheit. Kay Graham wurde bestimmt zum Vorbild für viele Frauen, aber dieser Prozess war sicher gradueller - und weniger kinotauglich. Der Pulitzer-Preis ging 1972 übrigens an die New York Times, erst ein Jahr später an die Post: für die Enthüllung der Watergate-Affäre. Einen weiteren Pulitzer gewann Kay Graham 1998 - für ihre Memoiren. Sie starb 2001.
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Neben Streep verblassen dann auch die männlichen Kollegen, die natürlich alle solide agieren (weniger würde man bei Spielberg nie erwarten). Tom Hanks' Chefredakteur wird auf einen reinen Handlungsträger reduziert, obwohl ihm das Script sogar Szenen mit seiner Ehefrau (Sarah Paulson) spendiert. Am überzeugendsten fand ich noch Bob Odenkirk (Better Call Saul) als Chefreporter, Bruce Greenwood als McNamara und Bradley Whitford (The West Wing, Cabin in the Woods) als Aufsichtsrat Arthur Parsons. Dank Spielbergs flüssiger Erzählweise und Januscz Kaminskis eleganter Kameraführung wird die Geschichte nie wirklich langweilig, bekommt aber auch nie den mitreißenden Schwung etwa des verwandten Oscar-Gewinners Spotlight. Das Zeitkolorit wird zwar ganz gut eingefangen, wirkt aber nie so beklemmend echt wie etwa in Mad Men (trotz dessen satirischer Sichtweise - vielleicht fehlt der Zigarettenqualm). Und den bedeutungsschweren Score von John Williams fand ich diesmal besonders manipulativ. So wirken sowohl das Lob auf die Pressefreiheit als auch der Ruf nach Geschlechtergleichheit aufgesetzt. Ein wenig hat mich das an Oprah Winfreys begeisternde #Time's-Up-Rede bei den diesjährigen Golden Globes erinnert. Das reine Heraufbeschwören von Veränderungen beschleunigt diese nicht unbedingt. Die TV-Milliardärin ist bestes Symbol, dass sich seit 1971 die Rolle von Frauen stark verändert hat. Was die Pressefreiheit betrifft, gibt es in den USA nur noch wenige Bastionen, die sich gegen das Establishment halten. Vor diesem Hintergrund ist Die Verlegerin einfach zu brav, Spielberg Light sozusagen. Ordentlich (6/10).
Samstag, 17. Februar 2018
Anger begets Anger: Three Billboards Outside Ebbing, Missouri (9/10)
Die dümmste Figur in Three Billboards outside Ebbing, Missouri sagt den klügsten Satz, so abgegriffen er klingen mag: "Zorn erzeugt nur größeren Zorn". Mildred (Frances McDormand) hat allen Grund, zornig zu sein: Ihre 16jährige Tochter Angela wurde vor sieben Monaten vergewaltigt und umgebracht, und der Schuldige ist immer noch nicht ermittelt. So mietet sie also die titelgebenden drei Werbetafeln, mit weitreichenden Folgen für die Bewohner der Kleinstadt Ebbing in Missouri ...
Dies ist so ein Film, bei dem man vorher so wenig wie möglich über die Handlung wissen sollte. Eine reine Nacherzählung würde der Sache ohnehin nicht gerecht werden. Nur soviel sei verraten: Dies ist nicht die erbauliche Geschichte einer amerikanischen Bürgerin, die mit viel Courage und entgegen allen Widerständen der Gerechtigkeit zum Sieg verhilft. Aber auch nicht die Rachegeschichte der unverstandenen Wutbürgerin, die den Täter eigenhändig der gerechten Strafe zuführt. Beide Klischees werden geschickt umschifft, und so ergibt sich ein wahrhaftiges Bild der braven Kleinstädter und damit eines durchaus repräsentativen Querschnitts der Menschheit.
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Autor und Regisseur Martin McDonagh, geboren 1970 in London, nimmt sich Zeit für seine Filme. 2006 gewann er einen Oscar für sein Kurzfilm-Debut Six Shooter. Es folgten 2008 Brügge sehen... und sterben?, urkomisch, unvorhersehbar und mit tiefschwarzem Humor duchsetzt, und 2012 7 Psychos, welches das gleiche Konzept ein wenig überfrachtet fortzusetzen versuchte. Im dritten Streich regelt McDonagh die Farce nun klug herunter. Three Billboards bleibt stets Tragödie - niemand macht sich über die tote Angela oder die Erkrankung von Polizeichef Willoughby lustig. Aber es ist kein Tränenfest - es gibt herrlich komische Szenen, und auch geschickte Übertreibungen und gut konstruierte Zufälle. Das Drama nimmt unerbittlich seinen Lauf, jede Handlung hat Konsequenzen, und doch ist das Kinoerlebnis keinesfalls deprimierend. Dieser traurig-komische Balanceakt ist eine echte Meisterleistung, und daher hätte ich Martin McDonagh lieber als Jordan Peele oder Christopher Nolan unter den fünf Kandidaten für den Regie-Oscar gesehen. So wird er womöglich leer ausgehen, denn beim Originaldrehbuch ist die Konkurrenz in diesem Jahr ungleich stärker als bei den Adaptionen.
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Punkten könnten wohl eher die Darsteller, allen voran Frances McDormand. Sie ist ohne Zweifel eine der großen Darstellerinnen des amerikanischen Kinos. Während Meryl Streep (in diesem Jahr ihre Konkurrentin mit den geringsten Siegeschancen) gern und mit verblüffender Mimikri in die Haut außergewöhnlicher Frauen schlüpft, verkörpert Frances McDormand gewöhnliche Frauen in außergewöhnlicher Weise. Dieses nicht greifbare Talent zeigte sie bereits 1984 in ihrem Debut Blood Simple. Gerade 26jährig, hatte sie bereits diese lakonische Qualität, unter der sie je nach Bedarf tiefe Empfindungen erkennbar machen konnte. Der Beginn der durchgeknallten Filmlaufbahn der Coen-Brüder ist gerade in perfekt restaurierter Fassung neu aufgelegt wurde. Er war auch der Startpunkt ihres privaten Glücks in der Ehe mit Joel Coen. Ihren ersten Oscar gewann sie dann passenderweise 1997 für die Rolle der schwangeren Polizistin in Fargo. Aber obwohl sie in den meisten Coen-Filmen auftaucht, kann sie auf eine weitgefächerte Karriere zurückblicken und war in wichtigen Nebenrollen u.a. zu sehen in Short Cuts (Robert Altman, 1993), Wonder Boys (Curtis Hanson, 2000), Almost Famous (Cameron Crowe, 2000) und Moonrise Kingdom (Wes Anderson, 2012). In Three Billboards kann man sich wieder nicht sattsehen an ihrem ausdrucksstarken Gesicht. Sie ist Identifikationsfigur, ohne um die Sympathie des Zuschauers zu buhlen, und sie macht Mildreds teilweise fragwürdige Entscheidungen nachvollziehbar, ohne sie zu entschuldigen.
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Um sie herum agiert ein brillantes Ensemble, welches in der Gesamtheit bereits von der Screen Actors Guild ausgezeichnet wurde, angeführt von den Oscar-Nominierten Woody Harrelson (Zombieland, Die Unfassbaren) als Polizeichef und Sam Rockwell (Galaxy Quest, Iron Man 2) als Deputy. Letzterer hat bei den Preisverleihungen nur deshalb die Nase vorn, weil er im Grunde die zweite Hauptrolle spielt und viel mehr Leinwandzeit als Harrelson hat, wodurch sich seine Figur stärker entwickeln kann (er nahm den Golden Globe mit nach Hause). Ansonsten gilt, dass gute Drehbücher auch gute Schauspieler anziehen, übrigens neben Harrelson und Rockwell noch weitere Wiederholungstäter aus McDonaghs ersten beiden Filmen. Darunter sind Abbie Cornish als Willoughbys patente jüngere Ehefrau und Zeljko Ivanek als Desk Sergeant. Erwähnenswert ebenfalls Caleb Landry Jones (Twin Peaks, Get Out), der differenzierter als sonst agiert, dessen Figurenname "Welby" für meine Ohren allerdings ähnlich klang wie "Willoughby", was mich einige Zeit irritiert hat; Lucas Hedges (Manchester by the Sea) als Mildreds verstörter Sohn, Clarke Peters (der korrupte Bürgermeister aus Person of Interest) als Willoughbys Nachfolger und in einer kleinen Rolle (sorry!) Peter Dinklage mit imposantem Schnäuzer (auf den Promo-Fotos allerdings schon wieder mit Tyrion-Bartpracht), der hier von Jordan Prentice (In Bruges) die Zwergenrolle übernimmt.
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Es sieht so aus, als ob dieses Jahr bei den Oscars mal ein paar würdige Filme ins Rennen gehen. Drei Werbetafeln ausserhalb Ebbing, Missouri erinnert mich in seiner wuchtigen Kommentierung der menschlichen Natur an No Country For Old Men, auch wenn es vielleicht nicht ganz die erschütternde Wirkung meines Lieblingsfilms der Coens hat. Herausragend (9/10).
Nächste Woche: der härteste Konkurrent um die Oscars - Guillermo del Toros Shape of Water.
Dies ist so ein Film, bei dem man vorher so wenig wie möglich über die Handlung wissen sollte. Eine reine Nacherzählung würde der Sache ohnehin nicht gerecht werden. Nur soviel sei verraten: Dies ist nicht die erbauliche Geschichte einer amerikanischen Bürgerin, die mit viel Courage und entgegen allen Widerständen der Gerechtigkeit zum Sieg verhilft. Aber auch nicht die Rachegeschichte der unverstandenen Wutbürgerin, die den Täter eigenhändig der gerechten Strafe zuführt. Beide Klischees werden geschickt umschifft, und so ergibt sich ein wahrhaftiges Bild der braven Kleinstädter und damit eines durchaus repräsentativen Querschnitts der Menschheit.
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Autor und Regisseur Martin McDonagh, geboren 1970 in London, nimmt sich Zeit für seine Filme. 2006 gewann er einen Oscar für sein Kurzfilm-Debut Six Shooter. Es folgten 2008 Brügge sehen... und sterben?, urkomisch, unvorhersehbar und mit tiefschwarzem Humor duchsetzt, und 2012 7 Psychos, welches das gleiche Konzept ein wenig überfrachtet fortzusetzen versuchte. Im dritten Streich regelt McDonagh die Farce nun klug herunter. Three Billboards bleibt stets Tragödie - niemand macht sich über die tote Angela oder die Erkrankung von Polizeichef Willoughby lustig. Aber es ist kein Tränenfest - es gibt herrlich komische Szenen, und auch geschickte Übertreibungen und gut konstruierte Zufälle. Das Drama nimmt unerbittlich seinen Lauf, jede Handlung hat Konsequenzen, und doch ist das Kinoerlebnis keinesfalls deprimierend. Dieser traurig-komische Balanceakt ist eine echte Meisterleistung, und daher hätte ich Martin McDonagh lieber als Jordan Peele oder Christopher Nolan unter den fünf Kandidaten für den Regie-Oscar gesehen. So wird er womöglich leer ausgehen, denn beim Originaldrehbuch ist die Konkurrenz in diesem Jahr ungleich stärker als bei den Adaptionen.
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Punkten könnten wohl eher die Darsteller, allen voran Frances McDormand. Sie ist ohne Zweifel eine der großen Darstellerinnen des amerikanischen Kinos. Während Meryl Streep (in diesem Jahr ihre Konkurrentin mit den geringsten Siegeschancen) gern und mit verblüffender Mimikri in die Haut außergewöhnlicher Frauen schlüpft, verkörpert Frances McDormand gewöhnliche Frauen in außergewöhnlicher Weise. Dieses nicht greifbare Talent zeigte sie bereits 1984 in ihrem Debut Blood Simple. Gerade 26jährig, hatte sie bereits diese lakonische Qualität, unter der sie je nach Bedarf tiefe Empfindungen erkennbar machen konnte. Der Beginn der durchgeknallten Filmlaufbahn der Coen-Brüder ist gerade in perfekt restaurierter Fassung neu aufgelegt wurde. Er war auch der Startpunkt ihres privaten Glücks in der Ehe mit Joel Coen. Ihren ersten Oscar gewann sie dann passenderweise 1997 für die Rolle der schwangeren Polizistin in Fargo. Aber obwohl sie in den meisten Coen-Filmen auftaucht, kann sie auf eine weitgefächerte Karriere zurückblicken und war in wichtigen Nebenrollen u.a. zu sehen in Short Cuts (Robert Altman, 1993), Wonder Boys (Curtis Hanson, 2000), Almost Famous (Cameron Crowe, 2000) und Moonrise Kingdom (Wes Anderson, 2012). In Three Billboards kann man sich wieder nicht sattsehen an ihrem ausdrucksstarken Gesicht. Sie ist Identifikationsfigur, ohne um die Sympathie des Zuschauers zu buhlen, und sie macht Mildreds teilweise fragwürdige Entscheidungen nachvollziehbar, ohne sie zu entschuldigen.
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Um sie herum agiert ein brillantes Ensemble, welches in der Gesamtheit bereits von der Screen Actors Guild ausgezeichnet wurde, angeführt von den Oscar-Nominierten Woody Harrelson (Zombieland, Die Unfassbaren) als Polizeichef und Sam Rockwell (Galaxy Quest, Iron Man 2) als Deputy. Letzterer hat bei den Preisverleihungen nur deshalb die Nase vorn, weil er im Grunde die zweite Hauptrolle spielt und viel mehr Leinwandzeit als Harrelson hat, wodurch sich seine Figur stärker entwickeln kann (er nahm den Golden Globe mit nach Hause). Ansonsten gilt, dass gute Drehbücher auch gute Schauspieler anziehen, übrigens neben Harrelson und Rockwell noch weitere Wiederholungstäter aus McDonaghs ersten beiden Filmen. Darunter sind Abbie Cornish als Willoughbys patente jüngere Ehefrau und Zeljko Ivanek als Desk Sergeant. Erwähnenswert ebenfalls Caleb Landry Jones (Twin Peaks, Get Out), der differenzierter als sonst agiert, dessen Figurenname "Welby" für meine Ohren allerdings ähnlich klang wie "Willoughby", was mich einige Zeit irritiert hat; Lucas Hedges (Manchester by the Sea) als Mildreds verstörter Sohn, Clarke Peters (der korrupte Bürgermeister aus Person of Interest) als Willoughbys Nachfolger und in einer kleinen Rolle (sorry!) Peter Dinklage mit imposantem Schnäuzer (auf den Promo-Fotos allerdings schon wieder mit Tyrion-Bartpracht), der hier von Jordan Prentice (In Bruges) die Zwergenrolle übernimmt.
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Es sieht so aus, als ob dieses Jahr bei den Oscars mal ein paar würdige Filme ins Rennen gehen. Drei Werbetafeln ausserhalb Ebbing, Missouri erinnert mich in seiner wuchtigen Kommentierung der menschlichen Natur an No Country For Old Men, auch wenn es vielleicht nicht ganz die erschütternde Wirkung meines Lieblingsfilms der Coens hat. Herausragend (9/10).
Nächste Woche: der härteste Konkurrent um die Oscars - Guillermo del Toros Shape of Water.
Samstag, 11. März 2017
Würdiger Oscar-Gewinner: Moonlight (8/10)
Jimmy Kimmel brachte es bei der Oscar-Verleihung auf den Punkt. Nachdem sein Moonlight-Witz nur zaghaftes Gelächter auslöste, stellte er fest, dass dieses später am Abend im zweiten Versuch als Bester Film des Jahres ausgezeichnete Werk wohl kaum jemand gesehen habe. Und tatsächlich wird wohl so manches Akademiemitglied das für lächerliche 1,5 Millionen Dollar in wenigen Wochen abgedrehte Drama über einen schwulen Schwarzen wohl nur aus politischem Kalkül auf dem Stimmzettel platziert haben. Unter den mehr als 5.000 Stimmberechtigten finden sich zwar auch dollarjonglierende Exekutivmanager und Werbefuzzis, aber gerade bei den vielbeschäftigten berühmten Schauspieler darf man Terminprobleme unterstellen. Der Hollywood Reporter hat in den letzten Jahren immer wieder anonym Ranglisten kommentieren lassen ("Brutally honest Oscar ballot"), und da kamen oft Begründungen wie "den Film habe ich zwar nicht gesehen, aber viel Gutes darüber gehört" (so etwa letztes Jahr zu Pixars Alles steht Kopf). Daher ist die bestimmt knappe Entscheidung in diesem Jahr ein Glücksfall im doppelten Sinne.
Der Witz übrigens war auch ein Seitenhieb auf die oft deprimierenden Mitkandidaten: Moonlight sei der einzige Film mit "Happy Ending", was sich auf die zarte, sehr vorsichtig inszenierte Liebesszene am Strand zwischen den Teenagern Chiron und Kevin bezog. Es ist die einzige romantische unter vielen eindrucksvollen Sequenzen des Dramas in drei Teilen. Das auf einem unproduzierten, von der eigenen Biographie inspirierten Theaterstück von Tarell Alvin McCraney beruhende Drehbuch verteilt die Hauptrolle an die überzeugenden Darsteller Alex R. Hibbert (ca. 10 Jahre), Ashton Sanders (als Teenager) und Trevante Rhodes (als Erwachsener). Nur Naomie "Moneypenny" Harris als Chirons Mutter taucht in allen drei Akten auf und wurde für ihre emotionale, in drei Tagen abgedrehte Darstellung mit einer Oscar-Nominierung belohnt. Heimlicher Star ist allerdings Mahershala Ali (preisgekrönt für die Beste Nebenrolle) als Chirons väterliches Vorbild Juan. Ali glänzt eher mit seiner würdevollen Leinwandpräsenz, zeigt aber durchaus subtile Zerknirschung, als er von Chiron mit seinen Drogendeals konfrontiert wird (das ist der Clip, der in allen Preisverleihungen gezeigt wurde).
Ein wenig schwierig fand ich es, die äußeren Zusammenhänge zu erfassen. Dazu kam, dass ich mangels Kontext manche Dialoge nicht komplett verstanden habe. Bis zum erwähnten Gespräch hätte ich Juan eher für einen Sozialarbeiter oder gar einen Undercover-Cop gehalten. Für meinen Geschmack ist die Erzählweise zu elliptisch - viele nennen das poetisch, aber mir fehlt dadurch eine universell verständliche Ebene. Gerade der dritte Teil leidet unter mangelnder Exposition. Begrüßt habe ich allerdings, wie das Sozialdrama immer wieder durch technische Tricks gebrochen wird, so etwa durch Unterdrückung der Dialoge und gegensteuernde Musikauswahl. Und das Finale fand ich atemberaubend spannend und bewegend. Die von vielen gelobte Kameraführung war hingegen nicht so mein Ding. Das Drehen mit (oft wackeliger) Handkamera kann man noch mit Kostengründen erklären, aber die vielen Schwenks, so etwa die Einführungsszene von Juan mit ihrer Kreiselbewegung, schienen mir affektiert und vor allem anstrengend. Mag sein, dass dies auf jüngere Augen anders wirkt (aber auch in einigen IMDB-Kommentaren wird das als übelkeiterregend geschildert).
Moonlight wird also wohl nicht jeden Zuschauer ansprechen, aber sicher nicht nur schwule Schwarze aus Miami. Aus Kosten-Nutzen-Sicht ist es zwar ein Hit, die Umsätze in den USA von inzwischen ca. 25 Millionen Dollar sind vergleichbar mit denen von B-Horror-Filmen. Rogue One allerdings hat dort 20mal, Hidden Figures immer noch fünfmal so viel eingenommen. Typisch ist die Diskrepanz zwischen Kritikermeinungen (Metascore: 99/100) und der IMDB-Gemeinde (momentaner Schnitt: 7,7), wobei dort zusätzlich viele unqualifizierte Hasskommentare zu finden sind. Aber was soll man schon halten von diesem Mob, der Hugh Jackmans brutal-oberflächlichen Schwanengesang Logan zur Filmkunst verklärt. In Deutschland wird wohl höchstens der Oscar-Gewinn einige Neugierige ins Kino treiben - dabei könnten auch wir von Moonlight noch etwas über Real Men lernen (wenn ich mal Joe Jacksons wundervollen Hit aus den 80ern zitieren darf). Sehr gut (8/10).
Der Witz übrigens war auch ein Seitenhieb auf die oft deprimierenden Mitkandidaten: Moonlight sei der einzige Film mit "Happy Ending", was sich auf die zarte, sehr vorsichtig inszenierte Liebesszene am Strand zwischen den Teenagern Chiron und Kevin bezog. Es ist die einzige romantische unter vielen eindrucksvollen Sequenzen des Dramas in drei Teilen. Das auf einem unproduzierten, von der eigenen Biographie inspirierten Theaterstück von Tarell Alvin McCraney beruhende Drehbuch verteilt die Hauptrolle an die überzeugenden Darsteller Alex R. Hibbert (ca. 10 Jahre), Ashton Sanders (als Teenager) und Trevante Rhodes (als Erwachsener). Nur Naomie "Moneypenny" Harris als Chirons Mutter taucht in allen drei Akten auf und wurde für ihre emotionale, in drei Tagen abgedrehte Darstellung mit einer Oscar-Nominierung belohnt. Heimlicher Star ist allerdings Mahershala Ali (preisgekrönt für die Beste Nebenrolle) als Chirons väterliches Vorbild Juan. Ali glänzt eher mit seiner würdevollen Leinwandpräsenz, zeigt aber durchaus subtile Zerknirschung, als er von Chiron mit seinen Drogendeals konfrontiert wird (das ist der Clip, der in allen Preisverleihungen gezeigt wurde).
Ein wenig schwierig fand ich es, die äußeren Zusammenhänge zu erfassen. Dazu kam, dass ich mangels Kontext manche Dialoge nicht komplett verstanden habe. Bis zum erwähnten Gespräch hätte ich Juan eher für einen Sozialarbeiter oder gar einen Undercover-Cop gehalten. Für meinen Geschmack ist die Erzählweise zu elliptisch - viele nennen das poetisch, aber mir fehlt dadurch eine universell verständliche Ebene. Gerade der dritte Teil leidet unter mangelnder Exposition. Begrüßt habe ich allerdings, wie das Sozialdrama immer wieder durch technische Tricks gebrochen wird, so etwa durch Unterdrückung der Dialoge und gegensteuernde Musikauswahl. Und das Finale fand ich atemberaubend spannend und bewegend. Die von vielen gelobte Kameraführung war hingegen nicht so mein Ding. Das Drehen mit (oft wackeliger) Handkamera kann man noch mit Kostengründen erklären, aber die vielen Schwenks, so etwa die Einführungsszene von Juan mit ihrer Kreiselbewegung, schienen mir affektiert und vor allem anstrengend. Mag sein, dass dies auf jüngere Augen anders wirkt (aber auch in einigen IMDB-Kommentaren wird das als übelkeiterregend geschildert).
Moonlight wird also wohl nicht jeden Zuschauer ansprechen, aber sicher nicht nur schwule Schwarze aus Miami. Aus Kosten-Nutzen-Sicht ist es zwar ein Hit, die Umsätze in den USA von inzwischen ca. 25 Millionen Dollar sind vergleichbar mit denen von B-Horror-Filmen. Rogue One allerdings hat dort 20mal, Hidden Figures immer noch fünfmal so viel eingenommen. Typisch ist die Diskrepanz zwischen Kritikermeinungen (Metascore: 99/100) und der IMDB-Gemeinde (momentaner Schnitt: 7,7), wobei dort zusätzlich viele unqualifizierte Hasskommentare zu finden sind. Aber was soll man schon halten von diesem Mob, der Hugh Jackmans brutal-oberflächlichen Schwanengesang Logan zur Filmkunst verklärt. In Deutschland wird wohl höchstens der Oscar-Gewinn einige Neugierige ins Kino treiben - dabei könnten auch wir von Moonlight noch etwas über Real Men lernen (wenn ich mal Joe Jacksons wundervollen Hit aus den 80ern zitieren darf). Sehr gut (8/10).
Samstag, 25. Februar 2017
Konserviertes Theater: Fences (7/10)
Über Fences, mit 139 Minuten längster Beitrag im diesjährigen Oscar-Rennen, habe ich am wenigsten zu sagen, mal abgesehen von Mel Gibsons pazifistischem Pazifikgemetzel Hacksaw Ridge, welches genauso lang ist, aber getrost ignoriert werden kann. Fences ist ein Theaterstück von August Wilson (1945 - 2005), welches sowohl 1987 bei seiner Uraufführung mit drei Tonys prämiert wurde (damals u.a. für James Earl Jones, die Stimme von Darth Vader) als auch beim Revival 2010. Dessen fünf Hauptdarsteller sind nun in der Verfilmung zu sehen, nach einem "Script" des Autors, der nun posthum für eine Adaption nominiert ist, die keine ist, von Denzel Washington originalgetreu abgefilmt. Bis auf wenige Ausnahmen spielt die Handlung in Haus und Garten des Müllmanns Troy - ehrlicher wäre es gewesen, ein paar Kameras im Theater zu platzieren.
Ich verstehe nichts von Theater, aber Fences ist bestimmt ein tolles Stück, in dem, wie das auf der Bühne so üblich ist, ohne Unterbrechung geredet wird. Ja, das sind brillante Dialoge und Monologe, die von faszinierenden Figuren dargebracht werden, aber für einen Film genügt mir das nicht. Im Gegenteil wirken die Charaktere durch die nun möglichen Nahaufnahmen gelegentlich wie Karikaturen - gerade Troy, nicht gerade einer sympathischen Figur, rückt die Kamera oft unangenehm nah auf den Pelz.
Denzel Washington als Troy und Viola Davis als seine leidgeplagte Frau Rose gewannen für ihre Darstellungen bereits den Tony, zusätzliche Oscars wären damit Overkill. Es ist auch richtig, dass Denzel nicht für die Regie nominiert ist, aber die Nominierung von Viola Davis in einer Nebenrolle ist eine weitere von vielen Merkwürdigkeiten der diesjährigen Preissaison. Ich bin mir sicher, dass sie sich auch unter den Hauptdarstellerinnen behauptet hätte. Jedenfalls wird ihr ab Montag nur noch ein Grammy zum EGOT fehlen.
So sollte man Fences als Konservierung einer historischen Broadway-Aufführung verstehen, und die Leistungen von Denzel Washington, Viola Davis, Mykelti Williamson (als Troys verstörter Bruder Gabriel), Stephen Henderson (als Troys bester Freund Bono) und Russell Hornsby (in Grimm als Nicks Partner oft unterfordert) als Troys ältester Sohn Lyons sind nun für alle Zeiten auf Zelluloid gebannt. Ein Resultat, das ich respektieren, aber nicht lieben kann. Gut (7/10).
Zwei Tage vor den Oscars gibt es immer noch keinen klaren Favoriten für den Besten Film des Jahres 2016. Begeistert hat mich keiner der Beiträge - hier das müde Bewerberfeld:
Moonlight (läuft hier erst übernächste Woche an)
Hidden Figures (7/10)
Fences (7/10)
La La Land (6/10)
Hell or High Water (6/10)
Lion (6/10)
Arrival (5/10)
Manchester by the Sea (3/10)
Hacksaw Ridge (?)
Ich verstehe nichts von Theater, aber Fences ist bestimmt ein tolles Stück, in dem, wie das auf der Bühne so üblich ist, ohne Unterbrechung geredet wird. Ja, das sind brillante Dialoge und Monologe, die von faszinierenden Figuren dargebracht werden, aber für einen Film genügt mir das nicht. Im Gegenteil wirken die Charaktere durch die nun möglichen Nahaufnahmen gelegentlich wie Karikaturen - gerade Troy, nicht gerade einer sympathischen Figur, rückt die Kamera oft unangenehm nah auf den Pelz.
Denzel Washington als Troy und Viola Davis als seine leidgeplagte Frau Rose gewannen für ihre Darstellungen bereits den Tony, zusätzliche Oscars wären damit Overkill. Es ist auch richtig, dass Denzel nicht für die Regie nominiert ist, aber die Nominierung von Viola Davis in einer Nebenrolle ist eine weitere von vielen Merkwürdigkeiten der diesjährigen Preissaison. Ich bin mir sicher, dass sie sich auch unter den Hauptdarstellerinnen behauptet hätte. Jedenfalls wird ihr ab Montag nur noch ein Grammy zum EGOT fehlen.
So sollte man Fences als Konservierung einer historischen Broadway-Aufführung verstehen, und die Leistungen von Denzel Washington, Viola Davis, Mykelti Williamson (als Troys verstörter Bruder Gabriel), Stephen Henderson (als Troys bester Freund Bono) und Russell Hornsby (in Grimm als Nicks Partner oft unterfordert) als Troys ältester Sohn Lyons sind nun für alle Zeiten auf Zelluloid gebannt. Ein Resultat, das ich respektieren, aber nicht lieben kann. Gut (7/10).
Zwei Tage vor den Oscars gibt es immer noch keinen klaren Favoriten für den Besten Film des Jahres 2016. Begeistert hat mich keiner der Beiträge - hier das müde Bewerberfeld:
Moonlight (läuft hier erst übernächste Woche an)
Hidden Figures (7/10)
Fences (7/10)
La La Land (6/10)
Hell or High Water (6/10)
Lion (6/10)
Arrival (5/10)
Manchester by the Sea (3/10)
Hacksaw Ridge (?)
Montag, 29. Februar 2016
Nach den Oscars
Herzlichen Glückwunsch, Leonardo DiCaprio!
Es ist geschafft. Nachdem er den ganzen Abend einen leicht gequälten Eindruck hinterlassen hatte, nahm Leo das Ereignis nicht als selbstverständlich hin. Er hat er in dieser Saison immerhin oft genug proben können, um eine flüssige, nur leicht einstudiert wirkende Rede zu halten. Die Standing Ovation kam jedenfalls von Herzen, und sichtlich bewegt bedankte er sich artig bei Marty und vielen anderen Mentoren. Auch Kate war gerührt ob seines mit dem Dank verknüpften Aufrufs, den Klimawandel ernst zu nehmen.Bravo, Chris Rock!
Das war die beste Oscar-Moderation seit langem (besonders der Monolog). Es ist wohl leider so, dass Komiker von Konflikten leben. Jedenfalls habe ich mehrfach laut lachen müssen. Trotzdem haben manche seiner Einwürfe das Thema Diversität klüger kommentiert als z.B. die (ebenfalls schwarze) Akademiepräsidentin. Überhaupt war die Show einigermaßen kurzweilig, bis auf den Auftritt von Sam Smith, dessen Bond-Song mich immer noch nicht überzeugt. Aber das mag ein Generationenproblem sein.
Hurra Brie Larson, Mark Rylance und Alicia Vikander!
Da haben in den Nebenrollen einmal meine Favoriten und nicht die Gesetzten gewonnen. Was die Hauptrolle betrifft, bin ich jetzt sehr gespannt auf Brie Larsons Film Raum.Mark Rylance war ganz britische Eloquenz und dankte vor allem Steven Spielberg, "einem der besten Geschichtenerzähler unserer Zeit". Wer wollte ihm da widersprechen. Und - würde es etwas ändern?
Wie Brie Larson ist auch Alicia Vikander noch keine 30, und lange nach Ingrid Bergman müssen sich die Amerikaner wieder an einen schwer auszusprchenden Namen und die Spur eines schwedischen Akzents gewöhnen. Während Kate Winslet mit Heimvorteil bereits ihren dritten BAFTA einheimsen konnte, würdigte die Akademie die Richtige, wenngleich eigentlich in der falschen Kategorie (sie spielt im Dänischen Mädchen definitiv die zweite Hauptrolle).
Willkommen zurück, Tracy Morgan!
Nach langer Krankheit spielt der Star aus 30 Rock in einem kurzen Spot das alternative Danish Girl.Gute Reihenfolge (fast)
Die Idee, die Reihenfolge der Preisverleihung dem Entstehungsprozess eines Filmes anzupassen, hat bis zu einem gewissen Punkt funktioniert. Aus Spannungsgründen wurden Regisseur und Schauspieler aber entgegen dem Konzept zu spät ausgezeichnet.![]() |
| Sacha Baron Cohen und Olivia Wilde |
Molto bene, Ennio Morriocone!
Selten gelingt es einem Gewinner des Ehrenoscars, danach noch einen regulären Preis zu gewinnen. Zuletzt vollbrachte meiner Erinnerung nach Paul Newman dieses Kunststück, den man 1986 offenbar zu früh ehrte, denn im Folgejahr gewann er für Die Farbe des Geldes, und war darüber hinaus bis 2003 noch zweimal nominiert. Dem 84jährigen John Williams wäre es diesmal mit seiner 35. Nominierung wohl selbst peinlich gewesen, wenn er den noch drei Jahre älteren Kollegen ausgestochen hätte. Der Maestro musste fast auf die Bühne getragen werden und hielt seine Dankesrede mit Hilfe eines Dolmetschers auf Italienisch. War dann auch egal, für welchen Film die Auszeichnung galt. Die Statue übergab die Musiklegende Quincy Jones, auch schon jenseits der 80.Schade, Lady Gaga!
Ihr nominiertes Lied sang sie mit Leidenschaft, und zum Schluss geriet ihr Auftritt noch zu einer Mini-Demo gegen sexuelle Gewalt an amerikanischen Universitäten. Selbst Gewinner Sam Smith fühlte sich berufen, ihr zu gratulieren.Gut gebrüllt, Mad Max!
Die "technischen" Preise gingen fast alle an Mad Max: Fury Road: Schnitt, Makeup, Kostüme (Jenny Beavan gewann bereits 1994 für Zimmer mit Aussicht), Ausstattung, Sound (Schnitt und Mix, was kaum jemand unterscheiden kann). Geht in Ordnung - warum ausgerechnet die Bildgestaltung des Rückkehrers gewann, und damit zum dritten Mal in Folge der Mexikaner Emmanuel Lubezki, erschließt sich mir nicht.![]() |
| Costume Design mit Range: Jenny Beavan |
Wow, Ex Machina!
Die größte Überraschung des Abends war der Preis für die Spezialeffekte, der nicht an einen der Bombastfilme Mad Max, Star Wars, Der Marsianer und Der Rückkehrer ging, sondern mit Ex Machina an den besten SF-Film des Jahres, dessen fast unauffälligen Effekte nahtlos die Geschichte unterstützen.![]() | ||
| Andy Serkis präsentiert den Preis für die besten Spezialeffekte |
Basta, Alejandro!
Während ich mich für Leo noch freuen kann, ist der Regie-Oscar für Iñárritu einfach übertrieben. Strapazen allein machen noch keine künstlerische Leistung aus. Wenn Linklater letztes Jahr gewonnen hätte, könnte ich dieses Ergebnis vielleicht eher verstehen. So scheint mir dieser mexikanische Hatrick ziemlich hohl.Ende gut, alles gut!
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| Morgan Freeman verliest den Gewinner |
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| Michael Keaton freut sich |
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| Der Beste Film 2015: Spotlight |
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