Dieses einzigartige Projekt haben viele Kritiker bejubelt, aber nur wenige Zuschauer gesehen. Über zwölf Jahre mit den gleichen Hauptdarstellern gedreht, schildert Boyhood die Kindheit und Jugend des zu Beginn etwa 6jährigen Mason (Ellar Coltrane). Es ist zwar eine überdurchschnittlich wechselhafte, aber durchaus vertraute Familiengeschichte.. Die Mutter (Patricia Arquette) fällt reihenweise auf die falschen Männer rein, der Vater (Ethan Hawke) bleibt ein entfernter Wochenendbezug, und man zieht von einer Kleinstadt nach Houston, dann wieder in eine texanische Kleinstadt. Neben Mason sieht man auch seine Schwester Samantha (Lorelei Linklater, Tochter des Regisseurs) die Pubertät durchlaufen. Die episodische Erzählstruktur bringt Vorteile: Wenn eine Szene peinlich oder banal zu werden droht, wird einfach weitergeblendet. So ergeben viele bekannte Puzzleteile doch ein neues Ganzes. Und nebenbei erkennt man, daß die Makeup- und Computertricks der üblichen Hollywood-Produktionen nicht mithalten können mit den Veränderungen, die zwölf reale Jahre vor allem bei den jungen Darstellern bewirken.
Wie gut das dem Zuschauer gefällt, hängt von jedem einzelnen ab. Es sind lange 166 Minuten, die aber immer wieder verblüffen und amüsieren können. Zwischendurch war ich mal wieder erschüttert über das selten porträtierte dröge amerikanische Kleinstadtleben mit seinen Alkoholikern und Gewaltausbrüchen, aber insgesamt hat die Geschichte doch einen optimistischen Dreh. Patricia, Jahrgang 68, die weniger hübsche, aber talentiertere der Arquette-Schwestern, mochte ich eigentlich noch nie (aber vielleicht vermisse ich einfach die schöne Rosanna: "Meet you all the way!"). Hier spielt sie aber authentisch und mutig eine Frau, die spät im Leben innere Stärke findet. Ein wenig muß sie wohl Ethan Hawke beneiden, der mit 44 Jahren noch wenig von seiner spitzbübisch-jugendlichen Ausstrahlung verloren hat, als planloser Vater aber ebenfalls glaubwürdig wirkt. Wie mit seiner "Before"-Trilogie schreibt Regisseur und Autor Richard Linklater hier Kinogeschichte.
So bin ich froh, daß ich diesen einzigartigen Film erlebt habe, möchte ihn so schnell aber auch nicht nochmals schauen. Sehr gut (8/10).
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