Kurzgeschichten sind nicht so mein Ding. Vielleicht liegt es daran, daß ich mehr an Charakteren als an Ideen interessiert bin, und mich zudem eher klassische als experimentelle Erzählformen ansprechen. Wie auch immer, abgesehen von einigen Meistern (Sturgeon, Dick, Böll, LeGuin) lese ich Kurzgeschichten nur sporadisch und tue mich daher ein wenig schwer, diese Kategorie zu beurteilen.
In den goldenen Jahrzehnten der SF war auch für etablierte Autoren die Veröffentlichung in den damals zahlreichen SF-Magazinen überlebenswichtig. Heute scheinen sich viele Genrevertreter gleich mit epischen Trilogien etablieren zu wollen. Trotzdem sind die Kurzformen sicher auch heute noch eine Spielwiese für junge Talente. Dank des elektronischen Voter-Packets werde ich die Gelegenheit nutzen, alle nominierten Werke zu sichten. Zufällig stehen sie bereits in der Reihenfolge meiner Wertung, von Platz 4 bis Platz 1:
- “If You Were a Dinosaur, My Love”, Rachel Swirsky (Apex Magazine, Mar-2013)
Dieses versponnene Liebesgedicht hat sich in diese Kategorie verirrt und so bereits den Nebula gewonnen. Amüsant und phantasievoll, aber auch nicht mehr. Kann man
hier online lesen.
- “The Ink Readers of Doi Saket”, Thomas Olde Heuvelt (Tor.com, 04-2013)
Eine Art thailändische Fabel eines niederländischen (ins Englische übersetzten) Autors, ganz nett, aber ohne Hintergrundwissen auch verwirrend. Der Titel bezieht sich auf das Lesen von Wunschbriefen, die zu einem bestimmten Feiertag dem Fluß übergeben werden.
- “Selkie Stories Are for Losers”, Sofia Samatar (Strange Horizons, Jan-2013)
Parabelartig (Selkies sind verwunschene Robben) verarbeitet die Ich-Erzählerin den Weggang ihrer Mutter und die Befürchtung, daß auch ihre neue (noch unausgesprochene) Liebe Mona sie eines Tages verlassen könnte. Hübsch.
- “The Water That Falls on You from Nowhere”, John Chu (Tor.com, 02-2013)
Diese bewegende Geschichte ist mein Favorit: Ein chinesischstämmiger Amerikaner nimmt sich vor, zu Weihnachten seiner traditionsbewußten Familie endlich seinen Partner und zukünftigen Ehemann vorzustellen. Bislang hatte ihm das Fehlen von geschlechtsspezifischen Personalpronomen im Mandarin die Täuschung der Eltern leicht gemacht, die sich sehnsüchtig ein Enkelkind erhoffen. Die Schwierigkeiten dieses Coming Out werden durch einen SF-Kunstgriff illustriert: Bei jeder ausgesprochenen Lüge ergießt sich ein Strom Wasser auf den Lügner, und nur durch eine tiefgründige Wahrheit kann dieser Effekt umgekehrt werden.
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