Lindsay Ellis, Jahrgang 1984, hat in Filmschulen in New York und Los Angeles studiert und 2011 mit einem MFA (Master of Fine Arts) abgeschlossen. Seit 2008 hostet sie in verschiedenen Channeln Video-Essays mit Filmkritiken. Zeitweise war sie als Nostalgia Chick bekannt, bevor sie vor einigen Jahren mit ihrer Kollegin Angelina Meehan einen eigenen Channel gründete (Jüngere werden bemerken, dass ich mich nicht gut in dieser Medienlandschaft auskenne). Noch habe ich mich nicht allzu weit in die Vergangenheit zurückgearbeitet, aber ihre neueren Produktionen konzentrieren sich oft auf spezielle Aspekte von Filmen (und gelegentlich Fernsehserien), weniger auf die vollständige Analyse eines einzelnen Werks.
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Kennengelernt habe ich Ellis über ihre Hugo-Nominierung im aktuellen Jahr, in der Kategorie "Related Work", für ihre umfassende Analyse der Hobbit-Trilogie: The Hobbit Duology in 3 Parts. Zum ersten Mal habe ich mich benüßigt gefühlt, für diese Kategorie eine Stimme abzugeben, da ich dank des Voteres Package auch zwei weitere Beiträge gelesen habe: Jo Waltons informativ-unterhaltsame Informal History of the Hugos und Ursula LeGuins kluge Conversations on Writing. Gewonnen hat schließlich ein Regenbogen-Projekt, wie man überhaupt in diesem Jahr von den Regenbogen-Hugos sprechen kann, mit Entscheidungen, die ich persönlich absolut nicht unterschreiben kann.
Das Hobbit-Projekt fußt auf Ellis' Liebe für die HdR-Trilogie, die ihre Generation ähnlich geprägt hat wie Star Wars (oder in meinem Fall eher Star Trek) die meine. Umso größer ihre Enttäuschung über Peter Jacksons Mittelerde-Folgeprojekt. Minutiös und doch unterhaltsam erklärt sie die turbulente Entstehungsgeschichte und die verheerenden künstlerischen Konsequenzen. Für den dritten Teil ist sie dann sogar (allein, nur in Begleitung von Angelina) nach Neuseeland gereist und hat u.a. ein aufschlussreiches Interview mit John Callen geführt. Und dass dieser Name niemandem etwas sagt, spricht schon für sich, denn Callen war in der Rolle von Oin zu sehen, eines jener Zwerge, die in der Trilogie mehr und mehr zu Statisten degradiert wurden. Im Gespräch geht es vor allem um die Ausbeutung neuseeländischer Fachkräfte und das erpresserische Vorgehen der US-amerikanischen Studios, die schließlich die Bildung von Gewerkschaften verhindern und gleichzeitig noch etliche Millionen zusätzliche Steuerersparnisse bei der neuseeländischen Regierung durchdrücken konnten. Ellis' Urteil über die Hobbit-Trilogie fällt deutlich drastischer aus als meines, der ich in meiner Naivität bis zum Schluss noch gehofft hatte, dass sich zumindest eine abgerundete Geschichte aus dem Chaos schälen würde. Na ja, im Zweifel sind die Hormone Schuld, wenn ich Tauriel mochte...
Ausgehend von der Hugo-nominierten Duology habe ich mich also mal ein bisschen umgeschaut und war zunächst erschrocken von den vorherrschend behandelten Themen der letzten Jahre. Zunächst einmal hat Ellis diese Faszination mit Disney, insbesondere Disney-Trickfilmen der letzten 30 Jahre. Sie erklärt das selbst in ihrer Q&A damit, dass dies Thema ihrer ersten Seminare an der Filmhochschule war. Übrigens sind ihre Essays auch dann sehenswert, wenn man den speziellen Film selbst nicht gesehen hat oder auch je sehen möchte (etwa jener über den Glöckner von Notre Dame). Besonders aufschlussreich sind auch die kulturelle Einordnung bezüglich Rassismus- und Feminismusfragen (ohne dass das aufdringlich dogmatisch wird) und ihre Hintergrundinformationen zu den Vorgängen im Studio. Hervorzuheben ist ihr vernichtender Blick auf das Remake von Beauty and the Beast, und dabei erwähnt sie noch nicht einmal die überproduzierten, seelenlosen Neuaufnahmen der ursprünglich hübschen Lieder.
Ellis' zweite Obsession gilt merkwürdigerweise ... den Transformern. Es mag an traumatischen Kindheitserlebnissen liegen, sie scheint sich auch mit dem zugehörigen Spielzeug (eigentlich die Quelle der Tragödie) und den Comics auszukennen. Jedenfalls kann es kaum ein größeres Opfer für die Filmwissenschaft geben, als Michael Bays Transformer-Filme freiwillig mehrfach anzuschauen, wie es wohl notwendig war für ihre Reihe The Whole Plate (Transformers und Filmwissenschaften), in der sie jeweils ein theoretisches Konstrukt anhand dieser Blockbuster erörtert. Am besten hat mir dabei die Feminismus-Episode The Male Gaze gefallen, die sehr anschaulich erklärt, wie der Regisseur den Inhalt von Dialogen und Handlung untergräbt, indem er die Kamera auf die Schauwerte von Megan Fox fokussiert. Weniger gelungen vielleicht die Abhandlung über Marxismus, die doch sehr an der Oberfläche bleibt. Und dann vergleicht Ellis noch Star Wars mit der faschistischen Ästhetik von Leni Riefenstahl...
Neben diesen beiden Schwerpunkten gibt es natürlich auch immer wieder Essays zu anderen Filmen, die Ellis entweder angesprochen oder auch angewidert haben. Manchmal vermisse ich allerdings eine Leidenschaft für ihre Subjekte, ob positiv oder negativ. Selten gerät sie ins Schwärmen, meist verpackt sie ihre Gefühle in Ironie. Begeisterung ist am ehesten in ihrem Beitrag zu Guardians of the Galaxy, Vol. 2 zu bemerken, ein Film, der sie offenbar auf sehr persönlicher Ebene angesprochen hat. Manchmal versteckt sie sich auch hinter neutraler Theorie, etwa wenn sie in My Monster Boyfriend auf eine Wertung des Anlasses, nämlich The Shape of Water, komplett verzichtet und sich stattdessen in den Tiefen der (Horror-)Filmgeschichte verliert. Auf der anderen Seite kann sie vernichtend gut erklären, warum Bright der schlechteste Film der letzten zehn Jahre ist, übrigens ohne ein einziges Mal den Autor Max Landis zu nennen. Das ist natürlich Sarkasmus, sei es aufgrund seines schlechten Benehmens im Zuge der #MeToo-Bewegung oder weil eigentlich nur das Outline von ihm stammt und dann von Regisseuer David Ayer komplett verhunzt wurde. Jedenfalls stimme ich vollständig mit Ellis' Analyse überein und hatte doch auch beim zweiten Sehen großen Spaß am Netflix-Hit.
Ellis' Erfolg (mit momentan fast 800.000 Abonnenten und schon mal mehreren Millionen Abrufen pro Video) beruht natürlich auch auf ihrer Präsentation, dem satirischen Ton und dem cleveren Schnitt ihrer Co-Autorin Angelina Meehan. Wenn Ellis ein Aspekt besonders stört, hat sie eine patentwürdige Art sich zu winden etabliert. Anderseits kann sie in kürzester Zeit eine Höllenvielfalt von Informationen vermitteln. Dabei finde ich ihre Schneewittchen-Ästhetik eher zweifelhaft, mir gefällt Lindsay besser bei Aufnahmen außerhalb des Studios, mit natürlicher Hautfarbe, etwa in der örtlichen Cheese Factory (die offenbar in der Big Bang Theory katastrophal misrepräsentiert ist). Im genannten Auftritt erklärt sie übrigens das Thema Fair Use und Product Placement, welches natürlich auch zu ihrem Geschäftsmodell gehört Aber auch dies ist bei Ellis mit feiner Ironie gewürzt, wenn sie im jüngsten Video etwa wieder ihre Funyans futtert oder zum Ende auf die ihrer Faulheit entgegenkommenden Audible-Optionen von Amazon zu sprechen kommt. Schlussendlich will und soll sie natürlich auch Geld verdienen, und wer würde es ihr verübeln - insbesondere, wenn so aufschlussreiche Beiträge wie ihre jüngste Duologie zu Games of Thrones dabei rauskommt. Die sollte man übrigens wirklich erst nach der letzten Staffel anschauen!
Wem übrigens die beiden Episoden zu lang sind, gibt es hier eine kürzere, wenngleich etwas trocken erzählte Analyse aus einem anderen Channel, von Daniel Netzel (selbstverständlich ebenfalls mit Spoilern):
Neben Kinofilmen bespreche ich auch TV-Serien, Musik und Bücher, mit dem Schwerpunkt Science Fiction.
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Samstag, 31. August 2019
Sonntag, 16. Juni 2019
Hugo-Finalisten 2019: Novellen und Kurzformen
Novellen
Bei den Novellen sind in diesem Jahr drei Neulinge und drei Wiederholungstäter im Rennen (nämlich die Gewinner der letzten drei Jahre).6. Gods, Monsters and the Lucky Peach (Kelly Robson)
Eine Satire, bei der die Autorin den Witz vergessen hat. Zeitreisen als Kommerz, mit dem Handbuch für Projektmanagement statt der Bibel im Gepäck (es lebe Microsoft Project!)
5. Binti: The Night Masquerade (Nnedi Okorafor)
Der Abschluss der Trilogie, eigentlich zweiter Teil eines Romans, ist immer noch hübsch, kann aber kaum für sich allein stehen, wie ich schon im Vorjahr ausgeführt habe.
4. The Black God's Drums (Djèlí Clark)
Djèlí Clark ist zwar keine Frau, dafür aber schwarz und schwul. Die Stärke der Novelle liegen in der ethnischen Verwurzelung in einem alternativen New Orleans des 19. Jahrhunderts. Französischkenntnisse bei der Lektüre hilfreich.
3. The Tea Master and the Detective (Aliette de Bodard)
Bodard ist dieses Jahr mit ihrem Universe of Xuya, einer Reihe locker verbundener Novellen und Kurzgeschichten, auch Finalist für die Beste Serie. Vietnamesen im Weltall! Mal was anderes, aber auch anstrengend, vor allem der erste Band, "On a Red Station, Drifting". Die aktuelle Novelle "The Tea Master and the Detective" dagegen ist eine amüsante Variation des Doyleschen Rezepts, mit einer geheimnisvollen Gelehrten als Holmes und einer Raumschiff-KI als kriegsversehrtem Watson (ja, das Raumschiff brüht Tee). Gewann bereits den Nebula.
2. Artificial Condition (Martha Wells)
Die Fortsetzung der Murderbot-Memoiren ist nicht ganz so packend wie der Hugo-Gewinner vom Vorjahr, und natürlich ist der Überraschungseffekt flöten gegangen, sie macht aber immer noch Spaß. Martha Wells' "The Death of the Necromancer" habe ich allerdings nach der Hälfte wieder aufgegeben.
1. Beneath the Sugar Sky (Seanan McGuire)
Es sind einfach wunderbare, märchenhafte Geschichten, die Seanan McGuire in ihrer Reihe um die "Wayward Children" schreibt. "Unter dem Zuckerhimmel" ist eine magische Reise durch gleich mehrere Fabelwelten.
Noveletten
Hier wie bei den Kurzgeschichten fällt es mir wie immer schwer, eine Reihenfolge zu bestimmen. Die Beiträge sind übrigens auch in der Länge sehr unterschiedlich (+- 10.000 Wörter).1. “If at First You Don’t Succeed, Try, Try Again” (Zen Cho)
Über Hartnäckigkeit, die Werdung eines Drachen und eine Art lesbische Liebe
2. When We Were Starless (Simone Heller)
Aliens treffen auf das Planetarium einer untergegangenen Zivilisation; das Führungshologramm erscheint ihnen als Geist und soll exorziert werden. Englischsprachige Geschichte einer Münchner Schriftstellerin!
3. “Nine Last Days on Planet Earth” (Daryl Gregory)
Es regnet außerirdische Pflanzen, aber das Leben geht weiter.
4. “The Last Banquet of Temporal Confections” (Tina Connolly)
Zutaten, die lebensechte Erinnerungen heraufbeschwören - 5D-Kino inklusive den Empfindungen der Opfer
No Award
5. "The Only Harmless Great Thing" (Brooke Bolander)
Elephantische Dystopie. Bolander ist einfach nicht mein Fall. Hat aber den Nebula gewonnen und gilt wohl als Favorit.
6. “The Thing About Ghost Stories” (Naomi Kritzer)
Meta-Geistergeschichte mit echter Geistergeschichte - leider weder gruselig noch sonstwie unterhaltsam
Kurzgeschichten
“The Secret Lives of the Nine Negro Teeth of George Washington” (P. Djèlí Clark)Facetten von Rassismus anhand der allegorischen neun Beutezähne des ersten amerikanischen Präsidenten. Gewann bereits den Nebula.
“The Court Magician” (Sarah Pinsker)
Pinsker hat zumindest nette Ideen. Hier geht es um einen Magier, der für jeden Zauberspruch ein Körperteil verlieren muss.
No Award
“The Tale of the Three Beautiful Raptor Sisters, and the Prince Who Was Made of Meat” (Brooke Bolander)
Für Bolander ganz amüsant, aber mir immer noch zu aggressiv feministisch.
“The Rose MacGregor Drinking and Admiration Society” (T. Kingfisher)
Rose MacGregor hat offenbar eindrucksvolle Brüste.
“A Witch’s Guide to Escape: A Practical Compendium of Portal Fantasies” (Alix E. Harrow)
Bibliothekare sind entweder Hexen oder?
6. “STET” (Sarah Gailey)
Hä?
Beste Serie
Wo ich schon mal dabei bin, hier ein paar Worte zur Besten Serie (eine Kategorie, von der ich immer noch nicht überzeugt bin). Diesmal habe ich mir ein ganz gutes Bild machen können.1. The Laundry Files (Charles Stross)
Auch wenn ich die letzten Bände nicht mehr gelesen habe, war diese Reihe am Anfang doch ziemlich toll, wovon ich mich durch die Lektüre einer frühen Kurzgeschichte aus der Voters Package nochmals überzeugen konnte. Siehe auch meine Kritik zur Gewinner-Novelle Equoid von 2014.
2. The October Daye Series (Seanan McGuire)
Ich lese gerade Band fünf (von inzwischen 15, glaube ich), und mehr als gediegene Unterhaltung kommt immer noch nicht dabei rum. Aber na ja...
No Award
3. The Universe of Xuya (Aliette de Bodard)
Die Reihe erfüllt gerade so die geforderte Wortezahl. Das ist mir zu dünn.
4. Wayfarers (Becky Chambers)
Bestes Beispiel, warum ich die Kategorie nicht mag. Das ist einfach kein Hugo-Material. Siehe meine Gedanken zu den Roman-Finalisten.
5. The Centenal Cycle (Malka Older)
60 Jahre in der Zukunft gibt es eine Weltregierung, die in Bezirken à 100.000 Einwohnern gewählt wird. Mehr ein weltfernes politisches Manifest denn eine SF-Geschichte der Ethik-Expertin, bin ich da nicht reingekommen.
6. Machineries of Empire (Yoon Ha Lee)
Die bisherigen drei Romane sind alle unter die Finalisten gekommen. Warum? Ist mir schleierhaft.
Samstag, 4. Mai 2019
Die Hugo-Finalisten der Kategorie Roman 2019
Irgendwie hat sich die SF-Community in eine politisch korrekte Ecke steuern lassen. Unter den 30 Finalisten in den fünf Belletristik-Kategorien sind in diesem Jahr gerade mal drei männliche Autoren dabei, dazu mit Yoon Ha Lee eine quere Person. Diese Über-Kompensation bringt allerdings aus meiner Sicht einen erheblichen Qualitätsverlust mit sich. Sie ist auch nicht auf die Hugos beschränkt: Bei den Nebulas der amerikanischen Autorenschaft ergibt sich ein ähnliches Bild. Dort ist mit Witchmark von C.L. Polk sogar ein besserer Groschenroman in der Auswahl, mit einer farblosen Liebesgeschichte zwischen zwei männlichen Wesen (aus Zeitgründen war das im Vorfeld leider mein einziger Versuch, nominierungswürdige Werke zu finden). Bei den Romanen kann ich maximal drei preiswürdige Kandidaten erkennen:
1. Spinning Silver (Naomi Novik): siehe meine ausführliche Rezension.
2. Trail of Lightning (Rebecca Roanhorse)
Rebecca Roanhorse hat im letzten Jahr mit ihrer Kurzgeschichte "Welcome to your Authentic Indian Experience™" gewonnen. Dieser erste Band einer Urban Fantasy ist auch ihr erster veröffentlichter Roman. Er spielt in einer nahen Zukunft, nachdem weite Teile der USA überschwemmt und unbewohnbar geworden sind, in einem erweiterten Navajo-Reservat. Die präzise ethnische Einordnung der Heldin ist dann auch die Stärke dieses Debuts. Ansonsten entspringt die Ich-Erzählerin leider der Standardschablone der Urban Fantasy: eine Heldin ohne Selbstachtung, aber mit überirdischen Kräften, übermächtigen Freunden und überdurchschnittlichen Popkulturkenntnissen. Eher zweitrangig, aber für eine Einführung doch stark. Wohingegen mich Seanan McGuires October Daye auch nach drei (von bislang 12) Romanen noch nicht überzeugt hat (die Reihe ist in diesem Jahr wiederum als Beste Serie im Rennen). Was lobe ich mir doch Aaronovichs Peter Grant (inzwischen immerhin vom Constable zum Detective befördert), der auch nach sieben Bänden noch keine Halbgötter in seinem Stammbaum entdeckt hat und sich auch nicht zur Weltrettung berufen fühlt.
3. Space Opera (Catherynne M. Valente)
Die Erde muss an einem intergalaktischen Musikwettbewerb teilnehmen, um den Wert der Menschheit zu belegen (die Spezie, die den letzten Platz einnimmt, wird eliminiert). Dies ist die satirisch auf die Spitze getriebene Sicht einer Amerikanerin auf den European Song Contest. Bereits in der Vorrunde gibt es freundschaftliche Attentatsversuche. Und da Yoko Ono in dieser Zukunft leider schon verstorben ist, muss die abgehalfterte Punk-Glam-Band Decibel Jones & the Zeros antreten. Das ist amüsant, aber aufgrund der poetischen Allüren der Autorin auf Dauer auch ziemlich anstrengend. Die Hälfte hätte ich gern mehr als halbwegs verstanden, und weniger als die Hälfte weiß ich nicht halb so gut zu würdigen, wie sie es verdient hätte.
No Award
4. The Calculating Stars (Mary Robinette Kowal)
Die Puppenspielerin und Gelegenheitsautorin erzählt hier (und im angekündigten Folgeband) die Vorgeschichte der Lady Astronaut of Mars, ihrer Hugo-prämierten Novelette von 2014. Sie spielt in einem Parallelwelt-Amerika, dessen Hauptstadt 1952 von einem Meteor zerstört wird, was aufgrund verheerender Klimaprognosen zu einem Wettrennen bei der Besiedlung der Nachbarplaneten führt. Das ist zunächst packend erzählt, aber die SF-Seite dieses beschleunigten Weltraumprogramms wird immer mehr zum belanglosen Hintergrund der Lebens- und Leidensgeschichte der weinerlichen Ich-Erzählerin, die sich anfühlt, als wäre eine moderne Frau des 21. Jahrhunderts in die 50er Jahre zurücktransportiert worden und wunderte sich nun, warum sie von den Männern nicht als ebenbürtig anerkannt wird. Das ist ein fatal falscher Feminismus, der weder die historische Periode noch heutige Ungerechtigkeiten erhellt.
5. Record of a Spaceborn Few (Becky Chambers)
Dies ist der dritte Roman im weitgehend friedlichen Universum einer fernen Zukunft. Den Vorgänger A Closed and Common Orbit hatte ich vor zwei Jahren noch einigermaßen wohlwollend beurteilt. Dies ist nun ein Langweiler ersten Grades, dessen Konzept, Episoden aus dem Leben einfacher Bewohner eines Generationenschiffs zu erzählen, einfach nicht aufgeht.
6. Revenant Gun (Yoon Ha Lee)
Diesen dritten Band um Kriegsführung mittels mathematischer Magie werde ich nicht einmal lesen, wenn er im Voters Package enthalten sein sollte (welches noch nicht verfügbar ist). Zu allem Überfluss ist die Reihe nun auch noch als Beste Serie im Rennen...
1. Spinning Silver (Naomi Novik): siehe meine ausführliche Rezension.
2. Trail of Lightning (Rebecca Roanhorse)
Rebecca Roanhorse hat im letzten Jahr mit ihrer Kurzgeschichte "Welcome to your Authentic Indian Experience™" gewonnen. Dieser erste Band einer Urban Fantasy ist auch ihr erster veröffentlichter Roman. Er spielt in einer nahen Zukunft, nachdem weite Teile der USA überschwemmt und unbewohnbar geworden sind, in einem erweiterten Navajo-Reservat. Die präzise ethnische Einordnung der Heldin ist dann auch die Stärke dieses Debuts. Ansonsten entspringt die Ich-Erzählerin leider der Standardschablone der Urban Fantasy: eine Heldin ohne Selbstachtung, aber mit überirdischen Kräften, übermächtigen Freunden und überdurchschnittlichen Popkulturkenntnissen. Eher zweitrangig, aber für eine Einführung doch stark. Wohingegen mich Seanan McGuires October Daye auch nach drei (von bislang 12) Romanen noch nicht überzeugt hat (die Reihe ist in diesem Jahr wiederum als Beste Serie im Rennen). Was lobe ich mir doch Aaronovichs Peter Grant (inzwischen immerhin vom Constable zum Detective befördert), der auch nach sieben Bänden noch keine Halbgötter in seinem Stammbaum entdeckt hat und sich auch nicht zur Weltrettung berufen fühlt.
3. Space Opera (Catherynne M. Valente)
Die Erde muss an einem intergalaktischen Musikwettbewerb teilnehmen, um den Wert der Menschheit zu belegen (die Spezie, die den letzten Platz einnimmt, wird eliminiert). Dies ist die satirisch auf die Spitze getriebene Sicht einer Amerikanerin auf den European Song Contest. Bereits in der Vorrunde gibt es freundschaftliche Attentatsversuche. Und da Yoko Ono in dieser Zukunft leider schon verstorben ist, muss die abgehalfterte Punk-Glam-Band Decibel Jones & the Zeros antreten. Das ist amüsant, aber aufgrund der poetischen Allüren der Autorin auf Dauer auch ziemlich anstrengend. Die Hälfte hätte ich gern mehr als halbwegs verstanden, und weniger als die Hälfte weiß ich nicht halb so gut zu würdigen, wie sie es verdient hätte.
No Award
4. The Calculating Stars (Mary Robinette Kowal)
Die Puppenspielerin und Gelegenheitsautorin erzählt hier (und im angekündigten Folgeband) die Vorgeschichte der Lady Astronaut of Mars, ihrer Hugo-prämierten Novelette von 2014. Sie spielt in einem Parallelwelt-Amerika, dessen Hauptstadt 1952 von einem Meteor zerstört wird, was aufgrund verheerender Klimaprognosen zu einem Wettrennen bei der Besiedlung der Nachbarplaneten führt. Das ist zunächst packend erzählt, aber die SF-Seite dieses beschleunigten Weltraumprogramms wird immer mehr zum belanglosen Hintergrund der Lebens- und Leidensgeschichte der weinerlichen Ich-Erzählerin, die sich anfühlt, als wäre eine moderne Frau des 21. Jahrhunderts in die 50er Jahre zurücktransportiert worden und wunderte sich nun, warum sie von den Männern nicht als ebenbürtig anerkannt wird. Das ist ein fatal falscher Feminismus, der weder die historische Periode noch heutige Ungerechtigkeiten erhellt.
5. Record of a Spaceborn Few (Becky Chambers)
Dies ist der dritte Roman im weitgehend friedlichen Universum einer fernen Zukunft. Den Vorgänger A Closed and Common Orbit hatte ich vor zwei Jahren noch einigermaßen wohlwollend beurteilt. Dies ist nun ein Langweiler ersten Grades, dessen Konzept, Episoden aus dem Leben einfacher Bewohner eines Generationenschiffs zu erzählen, einfach nicht aufgeht.
6. Revenant Gun (Yoon Ha Lee)
Diesen dritten Band um Kriegsführung mittels mathematischer Magie werde ich nicht einmal lesen, wenn er im Voters Package enthalten sein sollte (welches noch nicht verfügbar ist). Zu allem Überfluss ist die Reihe nun auch noch als Beste Serie im Rennen...
Samstag, 23. März 2019
Endgültig Hugo-würdig: The Expanse
Die Qualitätskurve der TV-Serie The Expanse nimmt momentan den umgekehrten Verlauf der Neuauflage von Kampfstern Galactica (ab 2003). Die fing super-stark an, bot über zwei Staffeln die beste TV-Science-Fiction der Dekade und verlor sich dann in immer abstruseren (und düsteren) Handlungseinfällen. Zuletzt wurde uns verkauft, dass Starbuck und einige andere Hauptfiguren von Anfang an Zylonen-Schläfer gewesen sein sollten. Solche Twists um der Twists selbst sind leider typisch für das Fernsehen des 21. Jahrhunderts. Einer der Schuldigen ist J.J. Abrams, dessen Durchbruch, die Agentenserie Alias mit Jennifer Garner, anfangs ebenfalls tolle und gut vorbereitete Wendungen bot, bevor den Autoren dann nichts sinnvolles mehr einfiel (am Ende wurde dann sogar der langweiligsten Figur Michael Vaughn noch eine Geheimidentität untergeschoben).
The Expanse basiert allerdings auf einer auf neun Bände angelegten Serie von Romanen des Autorenteams James S.A. Corey. Das Pseudonym steht für Daniel Abraham und Ty Franck, die die Fernsehserie auch mitproduzieren. Und auch wenn mir der erste Band genauso wenig gefallen hatte wie die einführende Staffel, haben die beiden sicherlich ein Konzept für den Handlungsrahmen. In der nunmehr dritten Staffel (mit wie zuvor 13 Episoden) zahlt sich das nun langsam aus, und plötzlich flimmert endlich wieder eine würdige SF-Serie über unsere Bildschirme (na ja, flimmern tun moderne Fernseher eigentlich nicht mehr). Beinahe wäre es übrigens damit vorbei gewesen, aber nach der Absetzung durch SyFy (die nach der Umbenennung von SciFi vergessen haben, wie man gute Shows pflegt) ist glücklicherweise Amazon Prime Studios eingesprungen. Die ersten Staffeln hatte ich paradoxerweise noch auf Netflix gesehen (dort sind sie nicht mehr streambar), momentan gibt es nur die aktuelle dritte Staffel per Flatrate im Prime-Programm. Das wird sich sicher mit der kommenden vierten Staffel ändern.
Im 24. Jahrhundert hat die Menschheit das Sonnensystem weitgehend erschlossen. Es gibt drei Machtkonzentrationen: die von den Vereinten Nationen kapitalistisch-demokratisch geführte Erde, der militaristisch regierte Mars und den anarchistischen Asteroidengürtel ("Belt"). Die Raumfahrttechnik ist einigermaßen realistisch extrapoliert. Wir befinden uns allerdings nicht auf der Enterprise. Bei Notmanövern wird nicht einfach ein bisschen mit der Kamera gewackelt. Jene phantastischste aller Star-Trek-Techniken, nämlich die "Künstliche Schwerkraft" und der Beschleunigungsausgleich (bei Perry Rhodan heißt das Andruck-Konverter) werden uns nicht untergeschoben. Dafür kommt immer noch eine nützliche Erfindung des 20. Jahrhunderts zum Einsatz: der Sicherheitsgurt. Trotzdem sind die Beschleunigungen der Raketenantriebe von 5G und mehr gefährlich für Besatzung und Passagiere. Als Ausgleich hat die Medizintechnik Fortschritte gemacht. Knochenbrüche sind binnen Tagen geheilt, und sogar eine verletzte Wirbelsäule kann ersetzt werden. Allerdings ist dafür immer noch Schwerkraft Voraussetzung, entweder durch Beschleunigung oder (wie bei 2001: Odyssee im Weltall) durch einen rotierenden Zylinder.
Nachdem ich mir die Mühe gemacht hatte, diesen Abschnitt zu schreiben, fand ich bei Youtube folgende ausführliche Beschreibung des Expanse-Universums:
Im Zentrum der Erzählung steht die Rocinante, im Grunde ein Piratenschiff, nicht zufällig nach Don Quixotes treuem Gaul benannt, das die gemischte Besatzung sich von der marsianischen Marine ausgeliehen hat.Sie steht meist zwischen allen politischen Loyalitäten und hat entscheidenden Anteil an der Lösung der Krisen der bislang drei Handlungsstränge. In der ersten Staffel (10 Episoden, nach Leviathan Wakes) wird ein Protomolekül außersolarer Herkunft entdeckt, dessen Enträtselung wie ein Krimi-Thriller aufgebaut ist (mit Thomas Jane als Ermittler Joe Miller). In der zweiten Staffel wird diese Ermittlung zum Abschluss gebracht, und es entbrennt ein Krieg um die militärische Nutzung des Protomoleküls (Caliban's War). Mitte der dritten Staffel wird der Konflikt beigelegt, und die restlichen sieben Folgen (Abaddon's Gate) kreisen um das geheimnisvolle Objekt, das von einer Protomolekül-Konzentration konstruiert wird. Wahrscheinlich aufgrund der drohenden Absetzung wurde hier die Handlung stark beschleunigt. Fast zufällig sind dadurch ungeheuer packende 13 Folgen entstanden. Vermutlich noch in diesem Herbst soll es weitergehen.
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Ich habe hoffentlich nicht den Eindruck erzeugt, dass die Rocinante als primitive Enterprise durchs Weltall düst und Konflikte löst (am ehesten ist sie mit der Serenity verwandt). Die Handlungsträger sind über das gesamte Sonnensystem verteilt und oft auch hochkarätig besetzt. Da gibt es etwa politische Intrigen in der UN, wo Chrisjen Avasarala (die Iranerin mit der rauchigen Stimme Shohreh Aghdashloo) im Hintergrund die Fäden zieht und sich gegen Kriegstreiber Sadavir Errinwright (Shawn Doyle) behaupten muss, eine geheime Forschungsstation des Großindustriellen Jules-Pierre Mao (charismatisch: François Chau) auf dem Jupitermond Io, marsianische Space Marines und die zentrale Belter-Station Tycho mit ihrem Boss Fred Johnson (Chad L. Coleman). Aber immer wieder kehrt die Erzählung zum Kernteam der Rocinante zurück: Kapitän James Holden, Ingenieurin Naomi, Pilot Alex und Mechaniker (und "Mädchen für alles") Amos.
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Einer der Gründe für meine Einstiegsschwierigkeiten war sicher (neben der Tatsache, dass man mitten ins Belter-Chaos geworfen wird) die Besetzung von James Holden. Mit Steven Strait konnte ich mich einfach nicht anfreunden. Mit seiner (faktisch sicher korrekten) blassen Haut, seinem Mukkibudenkörper und den sinnlichen Lippen wirkt er mehr wie ein Gigolo als ein Kapitän. Holden soll natürlich kein James T. Kirk sein, aber ich habe mich immer noch nicht komplett an ihn gewöhnt (Steven Strait hat inzwischen einen Credit als Executive Producer und wird uns sicher erhalten bleiben). Auch mit Dominique Tipper als Naomi habe ich so meine Probleme, aber das liegt mehr an Naomis Persönlichkeit.. Dafür sind der abtrünnige Marsianer Alex (Cas Anvar) und "Jayne"-Variante Amos (Wes Chatham; harte Schale, weicher Kern) einfach fabelhaft.
In der dritten Staffel gibt es ein paar nennenswerte Neuzugänge. Zunächst ist da Bobbie Draper, eine der erwähnten marsianischen Space Marines. Wie cool ist das? Vielen Kritikern in der IMDB gefällt Frankie Adams nicht, aber mir ist sie schnell ans Herz gewachsen. Neben ihrer eindrucksvollen Statur und einem leicht exotischen Gesicht mit Aboriginee-Einschlag spricht die Neuseeländerin auch noch mit dem entzückenden Akzent ihrer Heimat (den ja Peter Jackson weltberühmt gemacht hat). Überhaupt scheint die Serie ihre Darsteller aus allen Ecken der Welt zu ermutigen, mit Akzent oder sogar Dialekt zu sprechen. Das macht das Zuhören zwar etwas mühsamer, aber auch unerhört authentisch. Gerade bei den Beltern geht mir das allerdings manchmal zu weit. Vielleicht war Gaststar Jared Harris (Staffel 1/2) schuld. Der Londoner, bekannt u.a. als Bösewicht in Codename U.N.C.L.E., spricht hier eher Gassen- als Queens-English. An sich ist es ja nachvollziehbar, dass sich die Sprache der Parias des Sonnensystems in ein hässliches Pigeon-English verwandelt (von den Hauptdarstellern spricht allein Naomi ähnlich).
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In diese Kerbe schlägt auch Cara Gee als Camina Drummer, Vize von Fred Johnson und nun Kommandantin des (einzigen) Belter-Kriegsschiffes Behemoth. Die Kanadierin ist gemäß ihren Fotos eigentlich eine attraktive, stylische Frau. Mit Goth-Makeup, Belter-typischen Tätowierungen, dem harten Akzent und ihrer heiseren Stimme entringt sie dem Begriff "herb" eine ganz neue Bedeutung. Aber ihr Machtkampf mit ihrem ersten Offizier Ashford (fabelhaft verkörpert vom 70jährigen Veteran David Strathairn) ist eines der Highlights der dritten Staffel. Auch wenn man gelegentlich Untertitel zuschalten muss, um die beiden zu verstehen. Da tröstet das gepflegte Amerikanisch der Texanerin Elizabeth Mitchell als Pastorin Anna Volovodov, die im Auftrag der inzwischen zur UN-Generalsekretärin (falls ich das richtig verstanden habe) aufgestiegenen Chrisjen mit der Erdmarine zu Abbaddons Gate unterwegs ist. In Lost hatte ich sie als Konkurrentin von Evangeline Lilly manchmal gehasst, diesmal formt sie eine der sympathischsten Figuren.
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2017 war ich noch unglücklich, dass der Folge Leviathan Wakes der Hugo als beste dramatische Präsentation (Kurzform) zugesprochen wurde (vor allem, weil der spätere Emmy-Gewinner San Junipero den Sieg verdient gehabt hätte). In diesem Jahr habe ich die Abschlussfolge Abaddon's Gate selbst nominiert, und sie ist noch vor Janet(s) mein Favorit, der besten Folge der ansonsten (auf hohem Niveau) durchwachsenen dritten Staffel von The Good Place. Jetzt hoffe ich, dass The Expanse bei Amazon noch lange Zeit die erreichte Qualität halten kann. Die Chancen stehen eigentlich gut, bei noch sechs verbleibenden Romanen als Vorlage.
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The Expanse basiert allerdings auf einer auf neun Bände angelegten Serie von Romanen des Autorenteams James S.A. Corey. Das Pseudonym steht für Daniel Abraham und Ty Franck, die die Fernsehserie auch mitproduzieren. Und auch wenn mir der erste Band genauso wenig gefallen hatte wie die einführende Staffel, haben die beiden sicherlich ein Konzept für den Handlungsrahmen. In der nunmehr dritten Staffel (mit wie zuvor 13 Episoden) zahlt sich das nun langsam aus, und plötzlich flimmert endlich wieder eine würdige SF-Serie über unsere Bildschirme (na ja, flimmern tun moderne Fernseher eigentlich nicht mehr). Beinahe wäre es übrigens damit vorbei gewesen, aber nach der Absetzung durch SyFy (die nach der Umbenennung von SciFi vergessen haben, wie man gute Shows pflegt) ist glücklicherweise Amazon Prime Studios eingesprungen. Die ersten Staffeln hatte ich paradoxerweise noch auf Netflix gesehen (dort sind sie nicht mehr streambar), momentan gibt es nur die aktuelle dritte Staffel per Flatrate im Prime-Programm. Das wird sich sicher mit der kommenden vierten Staffel ändern.
Im 24. Jahrhundert hat die Menschheit das Sonnensystem weitgehend erschlossen. Es gibt drei Machtkonzentrationen: die von den Vereinten Nationen kapitalistisch-demokratisch geführte Erde, der militaristisch regierte Mars und den anarchistischen Asteroidengürtel ("Belt"). Die Raumfahrttechnik ist einigermaßen realistisch extrapoliert. Wir befinden uns allerdings nicht auf der Enterprise. Bei Notmanövern wird nicht einfach ein bisschen mit der Kamera gewackelt. Jene phantastischste aller Star-Trek-Techniken, nämlich die "Künstliche Schwerkraft" und der Beschleunigungsausgleich (bei Perry Rhodan heißt das Andruck-Konverter) werden uns nicht untergeschoben. Dafür kommt immer noch eine nützliche Erfindung des 20. Jahrhunderts zum Einsatz: der Sicherheitsgurt. Trotzdem sind die Beschleunigungen der Raketenantriebe von 5G und mehr gefährlich für Besatzung und Passagiere. Als Ausgleich hat die Medizintechnik Fortschritte gemacht. Knochenbrüche sind binnen Tagen geheilt, und sogar eine verletzte Wirbelsäule kann ersetzt werden. Allerdings ist dafür immer noch Schwerkraft Voraussetzung, entweder durch Beschleunigung oder (wie bei 2001: Odyssee im Weltall) durch einen rotierenden Zylinder.
Nachdem ich mir die Mühe gemacht hatte, diesen Abschnitt zu schreiben, fand ich bei Youtube folgende ausführliche Beschreibung des Expanse-Universums:
Im Zentrum der Erzählung steht die Rocinante, im Grunde ein Piratenschiff, nicht zufällig nach Don Quixotes treuem Gaul benannt, das die gemischte Besatzung sich von der marsianischen Marine ausgeliehen hat.Sie steht meist zwischen allen politischen Loyalitäten und hat entscheidenden Anteil an der Lösung der Krisen der bislang drei Handlungsstränge. In der ersten Staffel (10 Episoden, nach Leviathan Wakes) wird ein Protomolekül außersolarer Herkunft entdeckt, dessen Enträtselung wie ein Krimi-Thriller aufgebaut ist (mit Thomas Jane als Ermittler Joe Miller). In der zweiten Staffel wird diese Ermittlung zum Abschluss gebracht, und es entbrennt ein Krieg um die militärische Nutzung des Protomoleküls (Caliban's War). Mitte der dritten Staffel wird der Konflikt beigelegt, und die restlichen sieben Folgen (Abaddon's Gate) kreisen um das geheimnisvolle Objekt, das von einer Protomolekül-Konzentration konstruiert wird. Wahrscheinlich aufgrund der drohenden Absetzung wurde hier die Handlung stark beschleunigt. Fast zufällig sind dadurch ungeheuer packende 13 Folgen entstanden. Vermutlich noch in diesem Herbst soll es weitergehen.
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Ich habe hoffentlich nicht den Eindruck erzeugt, dass die Rocinante als primitive Enterprise durchs Weltall düst und Konflikte löst (am ehesten ist sie mit der Serenity verwandt). Die Handlungsträger sind über das gesamte Sonnensystem verteilt und oft auch hochkarätig besetzt. Da gibt es etwa politische Intrigen in der UN, wo Chrisjen Avasarala (die Iranerin mit der rauchigen Stimme Shohreh Aghdashloo) im Hintergrund die Fäden zieht und sich gegen Kriegstreiber Sadavir Errinwright (Shawn Doyle) behaupten muss, eine geheime Forschungsstation des Großindustriellen Jules-Pierre Mao (charismatisch: François Chau) auf dem Jupitermond Io, marsianische Space Marines und die zentrale Belter-Station Tycho mit ihrem Boss Fred Johnson (Chad L. Coleman). Aber immer wieder kehrt die Erzählung zum Kernteam der Rocinante zurück: Kapitän James Holden, Ingenieurin Naomi, Pilot Alex und Mechaniker (und "Mädchen für alles") Amos.
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Einer der Gründe für meine Einstiegsschwierigkeiten war sicher (neben der Tatsache, dass man mitten ins Belter-Chaos geworfen wird) die Besetzung von James Holden. Mit Steven Strait konnte ich mich einfach nicht anfreunden. Mit seiner (faktisch sicher korrekten) blassen Haut, seinem Mukkibudenkörper und den sinnlichen Lippen wirkt er mehr wie ein Gigolo als ein Kapitän. Holden soll natürlich kein James T. Kirk sein, aber ich habe mich immer noch nicht komplett an ihn gewöhnt (Steven Strait hat inzwischen einen Credit als Executive Producer und wird uns sicher erhalten bleiben). Auch mit Dominique Tipper als Naomi habe ich so meine Probleme, aber das liegt mehr an Naomis Persönlichkeit.. Dafür sind der abtrünnige Marsianer Alex (Cas Anvar) und "Jayne"-Variante Amos (Wes Chatham; harte Schale, weicher Kern) einfach fabelhaft.
In der dritten Staffel gibt es ein paar nennenswerte Neuzugänge. Zunächst ist da Bobbie Draper, eine der erwähnten marsianischen Space Marines. Wie cool ist das? Vielen Kritikern in der IMDB gefällt Frankie Adams nicht, aber mir ist sie schnell ans Herz gewachsen. Neben ihrer eindrucksvollen Statur und einem leicht exotischen Gesicht mit Aboriginee-Einschlag spricht die Neuseeländerin auch noch mit dem entzückenden Akzent ihrer Heimat (den ja Peter Jackson weltberühmt gemacht hat). Überhaupt scheint die Serie ihre Darsteller aus allen Ecken der Welt zu ermutigen, mit Akzent oder sogar Dialekt zu sprechen. Das macht das Zuhören zwar etwas mühsamer, aber auch unerhört authentisch. Gerade bei den Beltern geht mir das allerdings manchmal zu weit. Vielleicht war Gaststar Jared Harris (Staffel 1/2) schuld. Der Londoner, bekannt u.a. als Bösewicht in Codename U.N.C.L.E., spricht hier eher Gassen- als Queens-English. An sich ist es ja nachvollziehbar, dass sich die Sprache der Parias des Sonnensystems in ein hässliches Pigeon-English verwandelt (von den Hauptdarstellern spricht allein Naomi ähnlich).
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In diese Kerbe schlägt auch Cara Gee als Camina Drummer, Vize von Fred Johnson und nun Kommandantin des (einzigen) Belter-Kriegsschiffes Behemoth. Die Kanadierin ist gemäß ihren Fotos eigentlich eine attraktive, stylische Frau. Mit Goth-Makeup, Belter-typischen Tätowierungen, dem harten Akzent und ihrer heiseren Stimme entringt sie dem Begriff "herb" eine ganz neue Bedeutung. Aber ihr Machtkampf mit ihrem ersten Offizier Ashford (fabelhaft verkörpert vom 70jährigen Veteran David Strathairn) ist eines der Highlights der dritten Staffel. Auch wenn man gelegentlich Untertitel zuschalten muss, um die beiden zu verstehen. Da tröstet das gepflegte Amerikanisch der Texanerin Elizabeth Mitchell als Pastorin Anna Volovodov, die im Auftrag der inzwischen zur UN-Generalsekretärin (falls ich das richtig verstanden habe) aufgestiegenen Chrisjen mit der Erdmarine zu Abbaddons Gate unterwegs ist. In Lost hatte ich sie als Konkurrentin von Evangeline Lilly manchmal gehasst, diesmal formt sie eine der sympathischsten Figuren.
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2017 war ich noch unglücklich, dass der Folge Leviathan Wakes der Hugo als beste dramatische Präsentation (Kurzform) zugesprochen wurde (vor allem, weil der spätere Emmy-Gewinner San Junipero den Sieg verdient gehabt hätte). In diesem Jahr habe ich die Abschlussfolge Abaddon's Gate selbst nominiert, und sie ist noch vor Janet(s) mein Favorit, der besten Folge der ansonsten (auf hohem Niveau) durchwachsenen dritten Staffel von The Good Place. Jetzt hoffe ich, dass The Expanse bei Amazon noch lange Zeit die erreichte Qualität halten kann. Die Chancen stehen eigentlich gut, bei noch sechs verbleibenden Romanen als Vorlage.
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Samstag, 1. September 2018
The Good Place: Die Hugo-Gewinner 2018
Es ist schon ein wenig peinlich, wenn man sich die Preisverleihung des Worldcon 76 auf YouTube anschaut. Das ist halt eine Veranstaltung von Nerds für Nerds, oder besser: von Fans für Fans. Es gibt ein paar Veteranen wie Bob Silverberg oder George R.R. Martin, die mit ihren Präsentationen zu fesseln wissen (selbst wenn es um den Preis für die beste Fan-Kunst geht), aber ansonsten bleibt der Unterhaltungswert gering. Ausnahme war dieses Jahr der Auftritt der Queen of Nerds, Multitalent Felicia Day, die souverän den neuen Preis für das beste Jugendbuch ("Young Adult") präsentieren und gleichzeitig von ihrer Begegnung mit N.K. Jemisin schwärmen konnte.
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Kein Zufall, dass ich bisher keinem der sonstigen Finalisten eine Rezension gewidmet habe. Als da waren:
Mein Favorit (und zugleich die einzige Reihe, die ich vorab kannte) waren Brandon Sandersons "Stormlight Archives". Mit dieser epischen Fantasy, nach deren gerade erschienener dritter Band noch lange kein Ende abzusehen ist, versucht er in die Fußstapfen von Robert Jordan (dessen "Wheel of Time" er ja bekanntlich zum Abschluss gebracht hatte) und George R.R. Martin zu treten. Ich bin nicht mehr von allem begeistert, was Sanderson veröffentlicht; vor allem seine Jugendromane sind mir zu schematisch, und er macht schon in jungen Jahren (er wurde 1975 geboren) den Fehler, seine mit toll konstruierten Magiesystemen gestalteten Welten überzustrapazieren. In den "Stormlight Archives" jedoch erreicht er eine sagenhafte Erzähldichte und schafft schillernde dreidimensionale Figuren, die überlebensgroß und trotzdem erkennbar menschlich sind. Und mehr und mehr verschwimmen die Grenzen von Gut und Böse - man stelle sich vor, bei Tolkien würde man erfahren, dass die Orcs die Ureinwohner von Mittelerde waren, bevor Elben, Menschen und Zwerge das Land eroberten...
Da ich so begeistert von Martha Wells' nun preisgekrönter Novelle Murderbot Diaries war, habe ich inzwischen die ursprüngliche Trilogie ihrer Raksura-Reihe gelesen. Das sind geradlinige Abenteuer in einer reichhaltig ausgestatteten Fantasiewelt, mit einer faszinierenden Hauptfigur (wenngleich sie gelegentlich ein bißchen weinerlich daherkommt). Die ersten beiden Bände waren in der Voters Package, den dritten habe ich dazugekauft. Allerdings verstehe ich die Preispolitik des Verlages (Tor) nicht. Für die Kindle-Version älterer Romane über zehn Euro zu verlangen, grenzt an Wucher. Gleiches gilt für die Fortsetzungen der Murderbot-Diaries Für die Novellen verlangen die Händler ebenfalls bis zu zehn Euro.
Vielschreiberin Seanan McGuire hatte auch wieder eine Serie im Rennen ("InCryptid"), da komme ich aber beim besten Willen nicht hinterher. Gerade erst habe ich mir die Folgebände von Parasite gekauft...
Von einem weiteren Finalisten habe ich immerhin den ersten Band gelesen: Marie Brennans "The Memoirs of Lady Trent". Sie erzählt amüsant in (loser) Tagebuchform aus einer Parallelwelt, die technologisch ungefähr im Victorianischen Zeitalter angekommen ist, mit allerdings stark abweichender Fauna. Es ist erstaunlich, dass beim Thema Drachen noch Originalität möglich ist. Leider bleiben Figurenzeichnung und Vielschichtigkeit etwas auf der Strecke - das ist höchstens Anne Brontë, keinesfalls Charlotte.
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Die große Überraschung gab es bei den Kurzformen, bereits bei den Finalisten. Neben der obligatorischen Doctor-Who-Episode und dem staffelbesten und doch mittelmäßigen Black-Mirror-Beitrag "U.S.S. Callister", einem naiv-verqueren Rap-Song von The Clipping (zum zweiten Mal: wird das ein Trend?) und einer Folge von Star Trek: Discovery (für diesen Mist kamen dann aber kaum Stimmen zusammen) gab es zwei Finalisten der Comedy-Serie The Good Place. Die war mir völlig unbekannt, was sich aber leicht beheben ließ: Die 25 zwanzigminütigen Episoden der ersten beiden Staffeln sind zwar nicht per Flatrate, aber zu sehr fairem Preis bei Amazon Prime erhältlich.
Welch ein Vergnügen! Visuell erinnert die Serie mich an Bryan Fullers ähnlich verschrobenes Kleinod Pushing Daisies, die vor zehn Jahren auch niemand verstanden hatte und nach 22 Episoden fallengelassen wurde. Das Konzept von The Good Place klingt zunächst arg bekannt, ergibt für mich aber etwas völlig Neues: Eleanor (Kristen Bell) wird nach ihrem überraschenden Tod vom Behördenleiter Michael (Ted Danson) überaus freundlich begrüßt. Sie ist am "Guten Ort" gelandet, eine Belohnung, die nur einem winzigen Promillteil der Verstorbenen zuteil wird. Michael hat diesen Ort (es gibt verschiedene) höchstpersönlich als kitschige Kleinstadt konstruiert, mit Frozen-Yoghurt-Cafes, Palästen und Hütten (je nach Vorliebe).
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Es gibt allerdings einen Haken: Eleanor erkennt schnell, dass sie nicht wirklich hier hingehört. Nicht, dass sie den "Schlechten Ort" bevorzugen würde, aber müsste es nicht wenigstens für einen "Mittleren Ort" reichen? Jedenfalls behält sie ihre Bedenken für sich und versucht sich einzuordnen. Nicht so einfach für eine egozentrische, eigennützige Egoistin wie Eleanor. Zum Glück gibt es Chidi (William Jackson Harper), einen ehemaligen Ethikprofessor, der sie mit philosophischer Nachhilfe unterstützt. Was in der zweiten Staffel zur Diskussion des Trolley-Problems führt (dieses Gedankenexperiment ist im Zuge von Autopilot-Fahrzeugen übrigens hochaktuell): Je nach Weichenstellung wird die Straßenbahn diese oder jene Menschengruppe überfahren: Nach welchen Kriterien entscheide ich? Der Teufel hat die Lösung natürlich parat, indem er nach dem Überfahren der ersten Gruppe die Bahn entgleisen läßt und so auch die zweite Gruppe erwischt...
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Das Charmante an The Good Place ist eigentlich, dass es jeder Beschreibung spottet. Erfinder Michael Schur, der zuvor auch die herrliche "Office"-Variante Parks and Recreation aus der Taufe gehoben hatte, hat hier jedenfalls einen Volltreffer gelandet. Allein wie der 70jährige Altstar Ted Danson (Cheers) sich seine herrlich absurden Dialoge auf der Zunge zergehen läßt, ist preiswürdig. Aber auch der Rest des Ensembles, teilweise mit Neulingen besetzt, schlägt sich fabelhaft. Oh, und hatte ich Janet (D'Arcy Carden) erwähnt? Sie ist so eine Art Enzyklopädie allen Wissens des Universums, fungiert zur Not aber auch als Telefon - was Jason (Manny Jacinto), den buddhistischen Mönch mit Schweigegelübde (lange Geschichte), nicht daran hindert, sich in sie zu verlieben...
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Es ist Vor- und Nachteil zugleich, dass sich die Serie nicht in ein Schema pressen läßt. So wird im furiosen Abschluss der ersten Staffel, im Hugo-Finalisten "Michael's Gambit", die komplette Situation auf den Kopf gestellt. Was zu einer etwas durchwachsenen zweiten Staffel führt, die allerdings mit der Episode 5, "The Trolley Problem", einen tollen Höhepunkt aufzuweisen hat, der verdient (und auch mit meiner Stimme) den diesjährigen Hugo einheimsen konnte. Jetzt bin ich wahnsinnig gespannt auf die dritte Staffel, die Ende des Monats anlaufen soll.
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Romane
Der Königspreis ging wie erwartet an N.K. Jemisin für The Stone Sky, in einem historischen Hattrick, der leider auch ein schlechtes Bild der Konkurrenz zeichnet. Ihre Nominierung in der Kategorie "Beste Serie" hat sie übrigens im Vorfeld abgelehnt, obwohl diese passender gewesen wäre. Trotzdem Glückwunsch an die brillante Autorin, die nebenbei auch eine engagierte Dankesrede hielt.Kein Zufall, dass ich bisher keinem der sonstigen Finalisten eine Rezension gewidmet habe. Als da waren:
New York 2140, Kim Stanley Robinson
Nachdem ich mich vor Jahren durch seine Mars-Trilogie gequält hatte ("Red Mars" war 1993 nominiert, "Green Mars" und "Blue Mars" gewannen 1994 und 1997), ignoriere ich seine weiteren Romane regelmäßig. Er hat viele gute Ideen, auch bessere als Andy Weir in "The Martian", aber seine Figuren lassen mich kalt, und seine Plots langweilen mich. Ich bevorzuge Spider Robinson, der in diesem Jahr Ehrengast war.Raven Strategem, Yoon Ha Lee
Die Fortsetzung von Ninefox Gambit habe ich nur gelesen (bzw. ab der 2. Hälfte quergelesen), weil sie in der Voters Package enthalten war. Die zentrale Figur ist durchaus interessant, erstickt aber wiederum in komplizierten politischen Intrigen. Und Schande, wieder eine geschlechtslose Figur ohne Kontur...Six Wakes, Mur Lafferty
Mur Lafferty hat eine treue Fanbasis, zu der auch Jo Walton gehört. Ich wurde nicht warm mit der Geschichte der sechs Raumfahrer, die ohne Erinnerungen aus dem Tiefschlaf aufwachen und den Mord an sich selbst (bzw. ihren Klonen) untersuchen müssen. Nicht übel, aber auch nicht wirklich preiswürdig.The Collapsing Empire, John Scalzi
John Scalzis bester Roman bleibt Old Man's War, der 2006 leider gegen Robert Charles Wilsons Spin verlor. Über seinen Gewinner Redshirts habe ich mich bereits genug aufgeregt. "The Collapsing Empire", der erste Band einer neuen Trilogie, ist enttäuschend routiniert und vorhersehbar aufgesetzt, mit recyceltem Weltenaufbau. Kann man lesen, muss man aber nicht.Provenance, Ann Leckie
Selbst die Fans der Gewinnerin von 2014 geben zu, dass Provenance nicht ihr bestes Werk ist. Statt Tee-Ritualen gibt es diesmal eine Besessenheit mit historischen Urkunden. Durchschnittsware. Und auch wenn diesmal den meisten Figuren wieder Geschlechter zugeordnet werden, gibt es wieder eine Person unspezifizierten Geschlechts, mit vielen holprigen Pronomina. Ich halte es für eine billige Anbiederung an die quere Gemeinschaft, wenn so eine Figur plakativ eingeführt wird und wir dann nichts über die Hintergründe erfahren. Und woher weiß eigentlich jede andere Figur, dass diese Person geschlechtsneutral anzusprechen ist?Kurzformen
Hier gewannen meine Favoriten, nur bei den Noveletten hatte Suzanne Palmer mit "The Secret Life of Bots" die Nase vorn. Glückwunsch auch an Martha Wells und Rebecca Roanhorse.Beste Serie
So haben sich die Organisatoren das bestimmt nicht vorgestellt - die neue Kategorie gewann erneut Altmeisterin Lois McMaster Bujold, diesmal mit ihrer Fantasy-Reihe "The World of the Five Gods", deren ursprünglicher Roman-Trilogie (inklusive Hugo-Gewinner "Paladin of Souls" von 2003) sie jüngst um eine Handvoll Novellen um den Tempeldiener Penric und seine Dämonin Desdemona erweiterte. Das war's dann zum Glück, mehr Serien hat sie nicht in petto - Bujold nahm den Hugo nicht selbst entgegen (vielleicht war's ihr selbst peinlich), ihre Dankesbotschaft verlas ihre Kollegin und Freundin Catherine Asaro, selbst erfolgreich mit der Skolian-Serie, die allerdings scharf an der Grenze zur Schnulze angesiedelt ist.Mein Favorit (und zugleich die einzige Reihe, die ich vorab kannte) waren Brandon Sandersons "Stormlight Archives". Mit dieser epischen Fantasy, nach deren gerade erschienener dritter Band noch lange kein Ende abzusehen ist, versucht er in die Fußstapfen von Robert Jordan (dessen "Wheel of Time" er ja bekanntlich zum Abschluss gebracht hatte) und George R.R. Martin zu treten. Ich bin nicht mehr von allem begeistert, was Sanderson veröffentlicht; vor allem seine Jugendromane sind mir zu schematisch, und er macht schon in jungen Jahren (er wurde 1975 geboren) den Fehler, seine mit toll konstruierten Magiesystemen gestalteten Welten überzustrapazieren. In den "Stormlight Archives" jedoch erreicht er eine sagenhafte Erzähldichte und schafft schillernde dreidimensionale Figuren, die überlebensgroß und trotzdem erkennbar menschlich sind. Und mehr und mehr verschwimmen die Grenzen von Gut und Böse - man stelle sich vor, bei Tolkien würde man erfahren, dass die Orcs die Ureinwohner von Mittelerde waren, bevor Elben, Menschen und Zwerge das Land eroberten...
Da ich so begeistert von Martha Wells' nun preisgekrönter Novelle Murderbot Diaries war, habe ich inzwischen die ursprüngliche Trilogie ihrer Raksura-Reihe gelesen. Das sind geradlinige Abenteuer in einer reichhaltig ausgestatteten Fantasiewelt, mit einer faszinierenden Hauptfigur (wenngleich sie gelegentlich ein bißchen weinerlich daherkommt). Die ersten beiden Bände waren in der Voters Package, den dritten habe ich dazugekauft. Allerdings verstehe ich die Preispolitik des Verlages (Tor) nicht. Für die Kindle-Version älterer Romane über zehn Euro zu verlangen, grenzt an Wucher. Gleiches gilt für die Fortsetzungen der Murderbot-Diaries Für die Novellen verlangen die Händler ebenfalls bis zu zehn Euro.
Vielschreiberin Seanan McGuire hatte auch wieder eine Serie im Rennen ("InCryptid"), da komme ich aber beim besten Willen nicht hinterher. Gerade erst habe ich mir die Folgebände von Parasite gekauft...
Von einem weiteren Finalisten habe ich immerhin den ersten Band gelesen: Marie Brennans "The Memoirs of Lady Trent". Sie erzählt amüsant in (loser) Tagebuchform aus einer Parallelwelt, die technologisch ungefähr im Victorianischen Zeitalter angekommen ist, mit allerdings stark abweichender Fauna. Es ist erstaunlich, dass beim Thema Drachen noch Originalität möglich ist. Leider bleiben Figurenzeichnung und Vielschichtigkeit etwas auf der Strecke - das ist höchstens Anne Brontë, keinesfalls Charlotte.
Dramatische Formen
Nachdem ich schon befürchtet hatte, dass die öde Blade-Runner-Fortsetzung sich bei den Langformen durchsetzen könnte, hat nun doch mein Favorit gewonnen: Wonder Woman. Das passt schön zu einem Jahr, in dem es fast nur Gewinnerinnen gibt. Leider werden die Hugos in Hollywood nicht beachtet, so dass niemand aus dem Filmteam den Preis entgegennahm.Embed from Getty Images
Die große Überraschung gab es bei den Kurzformen, bereits bei den Finalisten. Neben der obligatorischen Doctor-Who-Episode und dem staffelbesten und doch mittelmäßigen Black-Mirror-Beitrag "U.S.S. Callister", einem naiv-verqueren Rap-Song von The Clipping (zum zweiten Mal: wird das ein Trend?) und einer Folge von Star Trek: Discovery (für diesen Mist kamen dann aber kaum Stimmen zusammen) gab es zwei Finalisten der Comedy-Serie The Good Place. Die war mir völlig unbekannt, was sich aber leicht beheben ließ: Die 25 zwanzigminütigen Episoden der ersten beiden Staffeln sind zwar nicht per Flatrate, aber zu sehr fairem Preis bei Amazon Prime erhältlich.
Welch ein Vergnügen! Visuell erinnert die Serie mich an Bryan Fullers ähnlich verschrobenes Kleinod Pushing Daisies, die vor zehn Jahren auch niemand verstanden hatte und nach 22 Episoden fallengelassen wurde. Das Konzept von The Good Place klingt zunächst arg bekannt, ergibt für mich aber etwas völlig Neues: Eleanor (Kristen Bell) wird nach ihrem überraschenden Tod vom Behördenleiter Michael (Ted Danson) überaus freundlich begrüßt. Sie ist am "Guten Ort" gelandet, eine Belohnung, die nur einem winzigen Promillteil der Verstorbenen zuteil wird. Michael hat diesen Ort (es gibt verschiedene) höchstpersönlich als kitschige Kleinstadt konstruiert, mit Frozen-Yoghurt-Cafes, Palästen und Hütten (je nach Vorliebe).
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Es gibt allerdings einen Haken: Eleanor erkennt schnell, dass sie nicht wirklich hier hingehört. Nicht, dass sie den "Schlechten Ort" bevorzugen würde, aber müsste es nicht wenigstens für einen "Mittleren Ort" reichen? Jedenfalls behält sie ihre Bedenken für sich und versucht sich einzuordnen. Nicht so einfach für eine egozentrische, eigennützige Egoistin wie Eleanor. Zum Glück gibt es Chidi (William Jackson Harper), einen ehemaligen Ethikprofessor, der sie mit philosophischer Nachhilfe unterstützt. Was in der zweiten Staffel zur Diskussion des Trolley-Problems führt (dieses Gedankenexperiment ist im Zuge von Autopilot-Fahrzeugen übrigens hochaktuell): Je nach Weichenstellung wird die Straßenbahn diese oder jene Menschengruppe überfahren: Nach welchen Kriterien entscheide ich? Der Teufel hat die Lösung natürlich parat, indem er nach dem Überfahren der ersten Gruppe die Bahn entgleisen läßt und so auch die zweite Gruppe erwischt...
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Das Charmante an The Good Place ist eigentlich, dass es jeder Beschreibung spottet. Erfinder Michael Schur, der zuvor auch die herrliche "Office"-Variante Parks and Recreation aus der Taufe gehoben hatte, hat hier jedenfalls einen Volltreffer gelandet. Allein wie der 70jährige Altstar Ted Danson (Cheers) sich seine herrlich absurden Dialoge auf der Zunge zergehen läßt, ist preiswürdig. Aber auch der Rest des Ensembles, teilweise mit Neulingen besetzt, schlägt sich fabelhaft. Oh, und hatte ich Janet (D'Arcy Carden) erwähnt? Sie ist so eine Art Enzyklopädie allen Wissens des Universums, fungiert zur Not aber auch als Telefon - was Jason (Manny Jacinto), den buddhistischen Mönch mit Schweigegelübde (lange Geschichte), nicht daran hindert, sich in sie zu verlieben...
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Es ist Vor- und Nachteil zugleich, dass sich die Serie nicht in ein Schema pressen läßt. So wird im furiosen Abschluss der ersten Staffel, im Hugo-Finalisten "Michael's Gambit", die komplette Situation auf den Kopf gestellt. Was zu einer etwas durchwachsenen zweiten Staffel führt, die allerdings mit der Episode 5, "The Trolley Problem", einen tollen Höhepunkt aufzuweisen hat, der verdient (und auch mit meiner Stimme) den diesjährigen Hugo einheimsen konnte. Jetzt bin ich wahnsinnig gespannt auf die dritte Staffel, die Ende des Monats anlaufen soll.
Samstag, 30. Juni 2018
Die Hugo-Finalisten 2018: Kurzformen
Hugo-Gewinnerin Jo Walton (Among Others) beschreibt in ihrem Blog ein wichtiges Merkmal von SF und Fantasy: Der Weltenaufbau wird zu einem eigenen Charakter. Was nicht heißt, dass die menschlichen (oder un-menschlichen) Figuren unwichtig werden sollten. Je kürzer allerdings die Geschichten werden, desto mehr stehen die Ideen im Vordergrund. Dagegen ist nichts zu sagen, aber ich persönlich möchte beim Lesen Personen kennenlernen und mit ihnen mitfiebern. Vielleicht deshalb sagen mir nur wenige Kurzgeschichten zu. In den letzten Jahren hat es kaum Beispiele auf dem Niveau von Sturgeon, Dick oder LeGuin gegeben. Bei den diesjährigen Nominierungen bin ich jedenfalls nicht fündig geworden. Es drängt sich auch keine Rangfolge auf, trotz ein paar netter Beiträge.
6. "Children of Thorns" Aliette de Bodard
Dieses Abenteuer in einem verwunschenen Palast ist eine Coda zu einer mir unbekannten umfangreichen Fantasy-Serie. Für sich allein konnte ich damit nichts anfangen.
5. "Extracurricular Activities" Yoon Ha Lee
Diese Military SF um den Helden Shuos Jedao ist quasi ein Flashback zur Hugo-nominierten Romantrilogie der Autoren Yoon Ha Lee (Ninefox Gambit im letzten Jahr, "Raven Strategem" in diesem). Shuos Jedao ist offenbar ein intergalaktischer Ethan Hunt, der nur mit einem Kugelschreiber bewaffnet eine gegnerische Garnison infiltrieren kann und dabei nur einen leichten Schnupfen davonträgt. Seine Gegenspieler duellieren sich nämlich mit Viren. Wenn das nicht so bierernst geschrieben wäre, hätte ich mich vielleicht amüsiert. Punktabzug auch für eine weitere beliebig geschlechtslose Figur ("they").
No Award
4. "A Series of Steaks" Vina Jie-Min Prasad
Schmecken Steaks aus dem 3D-Printer weniger gut als "echte" Schlachterzeugnisse? Wäre interessanter gewesen, wenn mich die beiden weiblichen Hauptfiguren und ihre angedeutete Romanze überzeugt hätten.
3. "Small Changes Over Long Periods" K.M. Szpara
In der Nachfolge von Chuck Tingle und Stix Hiscock bietet der Transgender-Aktivist K.M. Szpara (der angeblich einen Master in Theologie abgeschlossen hat) derbe Erotik und erörtert die wichtige philosophische Frage, wie bei einem Trans-Mann die Wandlung zum Vampir vonstatten geht. Es stellt sich heraus, dass neben Blut gewaltige Zugaben Testosteron notwendig sind.
2. "The Secret Life of Bots" Suzanne Palmer
Dieses nette Nichts ist eine Variation auf den Animationsfilm The Secret Life of Pets, im Deutschen einfach nur "Pets" (den ich unterhaltsamer fand als den ambitionierten Disney-Zwilling Zootopia). Hauptfigur ist ein in die Jahre gekommener Wartungsroboter, der trotz seiner Winzigkeit (er misst nur wenige Zentimeter) fast im Alleingang sein Raumschiff und das Sonnensystem rettet. Tatsächlich bilden die Bots eine verschworene Gemeinschaft und legen schon mal eine Gedenkmillisekunde für außer Dienst gestellte Kameraden ein.
1. "Wind Will Rove" Sarah Pinsker
Als Folk-Freund habe ich mich für diese Reflektion auf Tradition und Wandlung entschieden. Sarah Pinsker (die mit dem Ego so groß wie ein Planet, siehe ihre nominierte Novelle) beschreibt, wie Musiker auf einem Generationenraumschiff verzweifelt versuchen, ihr traditionelles Liedgut zu bewahren (es gab einen Blackout und Speicherverluste). So gibt es dogmatische Folk-Sessions, bei denen immer und immer wieder die alten Tunes heruntergedudelt werden (eine Tradition besonders der Iren, der ich nicht viel abgewinnen kann). Aber Folk-Musik muss leben, muss ihre Lieder weiterentwickeln und auf aktuelle Situationen beziehen. So jedenfalls interpretiere ich den Weg der Hauptfigur (einer Fiddlerin) und die Evolution ihres Lieblingsliedes, eben jenes "Winds Will Rove".
6. "Clearly Lettered in a Mostly Steady Hand" Fran Wilde
Eine poetische Allegorie, zu der ich keinen Zugang finden konnte.
5. "Carnival Nine" Caroline M. Yoachim
Und noch ein Abklatsch von The Secret Life of Pets, diesmal mit Aufziehpuppen. Der "Maker" zieht allmorgendlich das Gewinde der Puppen auf, was je nach Anzahl der Windungen zu unterschiedlich langen Aktivitätsdauern führt. Die Geschichte selbst ist leider schematisch-kitschig.
No Award
4. "Sun, Moon, and Dust" Ursula Vernon
Ursula Vernons Tomatendieb gewann letzes Jahr als beste Novelette. Diese Fantasy um einen Kartoffelfarmer und drei Heldengeister, die in einem magischen Schwert gefangen sind, fand ich deutlich schwächer, insbesondere den vagen homoerotischen Funken am Ende.
3. "Fandom for Robots" Vina Jie-Min Prasad
Die zweite diesjährige Nominierung der Autorin aus Singapur, die "gegen die Weltmaschine schreibt", ist ähnlich belanglos, hat aber wie mein Favorit bei den Novellen als Hauptfigur einen Roboter mit zweifelhaftem TV-Geschmack (in diesem Fall Anime), was sogar in eigenen Fangeschichten mündet.
2. "The Martian Obelisk" Linda Nagata
Linda Nagata lebt in Hawaii und schreibt vor allem "Nanopunk", wie ich aus der Wikipedia erfahre. Der Obeliks auf dem Mars soll ein Denkmal werden für die aussterbende menschliche Zivilisation. Aber ist dieses wichtiger als das Überleben der letzten Menschen auf dem Nachbarplaneten?
1. "Welcome to your Authentic Indian Experience™" Rebecca Roanhorse
Fast zufällig landet dieses Garn um virtuelle Erlebniswelten und indianische Tradition auf dem ersten Platz. Es gewann bereits den Nebula (die Nominierungen überschneiden sich nur noch bei Wilde und Prasad). Ein bisschen sperrig erzählt, hat es dann doch etwas von Phil Dicks Splittern der Realität. Authentische Ureinwohner hat Amerika ja nicht mehr zu bieten, aber Rebecca Roanhorse gibt ihre Wurzeln an mit Ohkay Owingeh (mit "schwarzer" Beimischung). Wie Prasad ist sie in diesem Jahr auch für den Campbell als "beste neue Autorin" nominiert.
Noveletten
6. "Children of Thorns" Aliette de Bodard
Dieses Abenteuer in einem verwunschenen Palast ist eine Coda zu einer mir unbekannten umfangreichen Fantasy-Serie. Für sich allein konnte ich damit nichts anfangen.
5. "Extracurricular Activities" Yoon Ha Lee
Diese Military SF um den Helden Shuos Jedao ist quasi ein Flashback zur Hugo-nominierten Romantrilogie der Autoren Yoon Ha Lee (Ninefox Gambit im letzten Jahr, "Raven Strategem" in diesem). Shuos Jedao ist offenbar ein intergalaktischer Ethan Hunt, der nur mit einem Kugelschreiber bewaffnet eine gegnerische Garnison infiltrieren kann und dabei nur einen leichten Schnupfen davonträgt. Seine Gegenspieler duellieren sich nämlich mit Viren. Wenn das nicht so bierernst geschrieben wäre, hätte ich mich vielleicht amüsiert. Punktabzug auch für eine weitere beliebig geschlechtslose Figur ("they").
No Award
4. "A Series of Steaks" Vina Jie-Min Prasad
Schmecken Steaks aus dem 3D-Printer weniger gut als "echte" Schlachterzeugnisse? Wäre interessanter gewesen, wenn mich die beiden weiblichen Hauptfiguren und ihre angedeutete Romanze überzeugt hätten.
3. "Small Changes Over Long Periods" K.M. Szpara
In der Nachfolge von Chuck Tingle und Stix Hiscock bietet der Transgender-Aktivist K.M. Szpara (der angeblich einen Master in Theologie abgeschlossen hat) derbe Erotik und erörtert die wichtige philosophische Frage, wie bei einem Trans-Mann die Wandlung zum Vampir vonstatten geht. Es stellt sich heraus, dass neben Blut gewaltige Zugaben Testosteron notwendig sind.
2. "The Secret Life of Bots" Suzanne Palmer
Dieses nette Nichts ist eine Variation auf den Animationsfilm The Secret Life of Pets, im Deutschen einfach nur "Pets" (den ich unterhaltsamer fand als den ambitionierten Disney-Zwilling Zootopia). Hauptfigur ist ein in die Jahre gekommener Wartungsroboter, der trotz seiner Winzigkeit (er misst nur wenige Zentimeter) fast im Alleingang sein Raumschiff und das Sonnensystem rettet. Tatsächlich bilden die Bots eine verschworene Gemeinschaft und legen schon mal eine Gedenkmillisekunde für außer Dienst gestellte Kameraden ein.
1. "Wind Will Rove" Sarah Pinsker
Als Folk-Freund habe ich mich für diese Reflektion auf Tradition und Wandlung entschieden. Sarah Pinsker (die mit dem Ego so groß wie ein Planet, siehe ihre nominierte Novelle) beschreibt, wie Musiker auf einem Generationenraumschiff verzweifelt versuchen, ihr traditionelles Liedgut zu bewahren (es gab einen Blackout und Speicherverluste). So gibt es dogmatische Folk-Sessions, bei denen immer und immer wieder die alten Tunes heruntergedudelt werden (eine Tradition besonders der Iren, der ich nicht viel abgewinnen kann). Aber Folk-Musik muss leben, muss ihre Lieder weiterentwickeln und auf aktuelle Situationen beziehen. So jedenfalls interpretiere ich den Weg der Hauptfigur (einer Fiddlerin) und die Evolution ihres Lieblingsliedes, eben jenes "Winds Will Rove".
Short Stories
6. "Clearly Lettered in a Mostly Steady Hand" Fran Wilde
Eine poetische Allegorie, zu der ich keinen Zugang finden konnte.
5. "Carnival Nine" Caroline M. Yoachim
Und noch ein Abklatsch von The Secret Life of Pets, diesmal mit Aufziehpuppen. Der "Maker" zieht allmorgendlich das Gewinde der Puppen auf, was je nach Anzahl der Windungen zu unterschiedlich langen Aktivitätsdauern führt. Die Geschichte selbst ist leider schematisch-kitschig.
No Award
4. "Sun, Moon, and Dust" Ursula Vernon
Ursula Vernons Tomatendieb gewann letzes Jahr als beste Novelette. Diese Fantasy um einen Kartoffelfarmer und drei Heldengeister, die in einem magischen Schwert gefangen sind, fand ich deutlich schwächer, insbesondere den vagen homoerotischen Funken am Ende.
3. "Fandom for Robots" Vina Jie-Min Prasad
Die zweite diesjährige Nominierung der Autorin aus Singapur, die "gegen die Weltmaschine schreibt", ist ähnlich belanglos, hat aber wie mein Favorit bei den Novellen als Hauptfigur einen Roboter mit zweifelhaftem TV-Geschmack (in diesem Fall Anime), was sogar in eigenen Fangeschichten mündet.
2. "The Martian Obelisk" Linda Nagata
Linda Nagata lebt in Hawaii und schreibt vor allem "Nanopunk", wie ich aus der Wikipedia erfahre. Der Obeliks auf dem Mars soll ein Denkmal werden für die aussterbende menschliche Zivilisation. Aber ist dieses wichtiger als das Überleben der letzten Menschen auf dem Nachbarplaneten?
1. "Welcome to your Authentic Indian Experience™" Rebecca Roanhorse
Fast zufällig landet dieses Garn um virtuelle Erlebniswelten und indianische Tradition auf dem ersten Platz. Es gewann bereits den Nebula (die Nominierungen überschneiden sich nur noch bei Wilde und Prasad). Ein bisschen sperrig erzählt, hat es dann doch etwas von Phil Dicks Splittern der Realität. Authentische Ureinwohner hat Amerika ja nicht mehr zu bieten, aber Rebecca Roanhorse gibt ihre Wurzeln an mit Ohkay Owingeh (mit "schwarzer" Beimischung). Wie Prasad ist sie in diesem Jahr auch für den Campbell als "beste neue Autorin" nominiert.
Sonntag, 17. Juni 2018
Die Hugo-Finalisten 2018: Novellen
Während die Auswahl in der Kategorie "Roman" in diesem Jahr sehr enttäuschend ist - es sieht nach einem Hatrick für N.K. Jemisin aus - hatte ich an den Novellen überwiegend Freude. Es handelt sich eigentlich um Kurzromane, zwischen 100 und 200 Seiten lang, abgeschlossen oder Teil einer Serie. Nicht unter die Finalisten gekommen sind übrigens die beiden jüngsten Penric-Erzählungen von Lois McMaster Bujold, dafür ist ihre "World of the Five Gods" bei den Serien im Rennen. Hier meine Abstimmungsreihenfolge:
6. River of Teeth: Sarah Gailey
Die Grundidee ist eigentlich ganz nett: Im 19. Jahrhundert werden am Mississippi Flusspferde angesiedelt und lösen bald gewöhnliche Pferde als Reittiere ab. Vor diesem Hintergrund gibt es dann eine Wildwestgeschichte, die vor allem in der Figurenzeichnung jämmerlich scheitert. Insbesondere die wild durcheinandergeworfenen Gender-Typisierungen reiben sich mit dem historischen Hintergrund, vom bisexuellen Helden, der zu Beginn des Abenteuers erstmal einen blauäugigen Buchhalter vernascht, über die taffe, schwangere Kopfgeldjägerin bis hin zu einer Person, die das Geschlechterroulette verloren hat und deshalb nur mit "they" referenziert wird. Das ist reine Anbiederung an die LGBT-Gemeinde. Die bereits erhältliche Fortsetzung kann mir gestohlen bleiben!
5. The Black Tides of Heaven: JY Yang
Die quere Autor*in erfindet ein unwahrscheinliches Zwillingspaar, das sich in einer mittelalterlichen Fantasywelt auf unterschiedlichen Seiten eines weltumspannenden Konfliktes wiederfindet. Auch hier gibt es Abzüge für die beliebigen Geschlechtertypisierungen. Während manche Personen schon mit vier (4!) Jahren ein Geschlecht zugewiesen bekommen, warten die Zwillinge damit 17 Jahre, also ca. bis zur Halbzeitpause der Erzählung. Bis dahin werden sie einzeln mit "they" angesprochen, was zu Verwirrung und Verärgerung führt. Ansonsten sind Weltenaufbau wie Charakterisierungen hier aufgrund der Kürze nicht besonders überzeugend. Auch hierzu soll es eine Fortsetzung/Erweiterung geben - pah.
NO AWARD
4. And then there were (N-One): Sarah Pinsker
Das Ego der Autorin muss größer als ein Planet sein, denn wie sonst hätte sie sich trauen können, uns diese Geschichte vorzusetzen, in der sie alle Haupt- und Nebenrollen mit sich selbst besetzt. In Ich-Form erzählt Sarah von einem Kongress, an dem Sarahs aus ausgewählten parallelen Dimensionen teilnehmen. Da ist nämlich die Physikerin (oder "Quantologin") Sarah, die mal eben nicht nur Kommunikation, sondern auch Reisen zwischen alternativen Realitäten erfunden hat. Daneben haben die Sarahs trotz identischer Gene offenbar unendliche Talente, denn es gibt preisgekrönte Autorinnen genauso wie Grammy-gewinnende Musikerinnen - allerdings keine Ärztinnen. Unsere Erzählerin ist eine schnöde Versicherungsdetektivin, was aber praktisch ist, denn eine Sarah wurde gerade tot aufgefunden - ermordet? Das erklärt die an Agatha Christie angelehnte Titelvariation. Eigentlich führt die Autorin die so beliebte Multiverse-Theorie ad absurdum, aber sie zeigt eindrücklich die reale Wahrheit, dass kleinste Entscheidungen und Zufälle einen Lebenslauf aufs nachdrücklichste beeinflussen können. Spaßig und anregend!
3. Binti - Home: Nnedi Okorafor
Dies ist die Fortsetzung des Hugo-Gewinners vom vorletzen Jahr, genauso toll geschrieben, mit einer detailliert ausgemalten, exotischen Zukunft und einer faszinierenden Hauptfigur. Mein Hauptkritikpunkt ist, dass "Home" eigentlich die erste Hälfte eines Romans darstellt. Es endet mit einem Cliffhanger und bildet damit keine abgeschlossene Geschichte wie der erste Teil. Der Abschluss ist für faire 2 Euro als eBook erhältlich (ein Preismodell, das für Novellen leider nicht üblich ist), und daher werde ich ihn direkt als nächstes lesen (er käme dann in die Auswahl für nächstes Jahr). Ein weiterer Aspekt der Binti-Saga hat mich zudem gestört. Es ist in Ordnung, dass auch in einer Zukunft mit Raumschiffen und Alienkontakten Traditionen bewahrt werden. Aber müssen dazu auch abergläubische Rituale gehören? Was ich meine (nur ein Beispiel, kommt im Buch nicht vor!): Die Aufführung eines traditionellen Regentanzes ist schön, solange die Qualität der Darbietung nicht an der Regenmenge des folgenden Monats gemessen wird. Besonders genervt hat mich, dass Binti (und übrigens nur die Himba-Frauen) nicht ohne auf die Haut aufgetragenen Schutzschlamm (otjize) in die Öffentlichkeit gehen kann - auch auf dem Universitätsplaneten, der kein Wüstenklima hat. Das ist keine zu verteidigende Tradition mehr, sondern eine angelernte Neurose, und ein gutes Beispiel, wie eine an sich vernünftige Vorschrift verknöchert und nicht mehr hilft, sondern behindert.
2. Down Among the Sticks and Bones: Seanan McGuire
Seanan McGuire ist eine Vielschreiberin, was der Qualität ihres Werks nicht unbedingt bekommt. Bisher kenne ich nur einen kleinen Querschnitt, aber zum einen vermute ich, dass sie im Laufe der Jahre besser geworden ist, zum anderen gibt es wohl Erzählungen, in die sie mehr Arbeit hineinsteckt. So gewann sie mit ihrer Novelle Every Heart a Doorway letztes Jahr verdient ihren ersten Hugo. "Down Among the Sticks and Bones" ist nun eine Art (abgeschlossene) Vorgeschichte, um die Zeit der Zwillingsschwestern Jack (Jacqueline) und Jill(ian) in ihrer Fantasiewelt. Besonders reizvoll ist das Spiel mit den Geschlechterrollen (und dies ist ein Beispiel dafür, wie man das thematisieren kann, ohne penetrant zu wirken). Der Vater hat sich einen Sohn gewünscht und unterstützt Jills Tom-Boy-Verhalten, die Mutter dagegen formt Jack zu einer neurotischen Ballerina (und ach, wie wünschen sie sich, die Schwestern könnten die Namen tauschen!) In der Fantasiewelt, in die sie mit 11 Jahren gelangen und erst mit 17 wieder verlassen, lösen sich die Schwestern dann von den Erwartungen der Eltern. Jack wird das Mündel des herrschenden Vampir-Barons, während Jill beim ortsansässigen Frankenstein-Verschnitt in die Lehre geht. Das ist spannend, komisch und traurig zugleich. Bravo!
1. All Systems Red: Martha Wells
In einer fernen Zukunft besiedelt und terraformt die Menschheit ferne Planeten. Das ist ein kommerziell gesteuertes Verfahren. Mit der Bewertung eines neuen Siedlungsplaneten wird ein kleiner Trupp von Wissenschaftlern beauftragt, bewacht von einem Standard-Kampfandroiden (nach den Regeln der federführenden Gesellschaft muss den Prospektoren pro zehn Personen eine solche Maschine zugeteilt werden). Dieser Android ist allerdings nur nach außen ein Standardmodell. Nach einem traumatischen Einsatz, bei dem er aufgrund eines Programmierfehlers Unschuldige niedergemetzelt hatte, hat er kurzerhand sein eigenes Steuerprogramm gehackt und ist nun sein eigener Herr, auch wenn er seinen Auftrag, die Wissenschaftler zu beschützen, immer noch sehr ernst nimmt. Mit typischer Künstlicher Ironie nennt er sich den "Murderbot" und erzählt in Tagebuchform seine Erlebnisse. Sogleich sympathisch wird er uns, weil er in seiner Freizeit Fernsehserien konsumiert, insbesondere Seifenopern (die leider auch sein Menschenbild prägen). Außerdem ist er in seinen Fähigkeiten eingeschränkter als wir das sonst in der SF gewohnt sind. Er ist halt als Sparmodell konzipiert, das den Vorgaben genügen muss, aber auch nicht allzu teuer in der Produktion sein darf. So ist offenbar seine Multitasking-Fähigkeit stark eingeschränkt (im Gegensatz zu Data, der bei einem Gespräch mit Menschen zeitgleich noch Shakespeares Werk analysieren kann). Zudem ist er, auch aufgrund seiner Traumatisierung, extrem schüchtern im Umgang mit Menschen. Aber gerade diese Beschränkungen machen ihn zu einer faszinierenden Figur.
Die Texanerin Martha Wells, Jahrgang 1964, kann bereits auf umfangreiche Veröffentlichungen im SF- und Fantasy-Genre zurückblicken. Vor Jahren habe ich mal eine Urban Fantasy von ihr begonnen und nach ein paar Kapiteln wieder aufgegeben ("The Death of the Necromancer"). Vielleicht war das voreilig, jedenfalls werde ich ihr jetzt noch ein paar Chancen geben. Sie ist mit ihren Raksura-Fantasy-Romanen in diesem Jahr auch für die Beste Serie im Rennen. "All Systems Red", die erste Novelle in ihren "Murderbot Diaries", hat in diesem Jahr bereits den Nebula gewonnen und ist auch mein Favorit für den Hugo. Das ist mal waschechte Science Fiction, humorvoll und actiongeladen (auch wenn ich nicht so weit wie andere Rezensenten gehen würde, dies als Military SF zu klassifizieren).
6. River of Teeth: Sarah Gailey
Die Grundidee ist eigentlich ganz nett: Im 19. Jahrhundert werden am Mississippi Flusspferde angesiedelt und lösen bald gewöhnliche Pferde als Reittiere ab. Vor diesem Hintergrund gibt es dann eine Wildwestgeschichte, die vor allem in der Figurenzeichnung jämmerlich scheitert. Insbesondere die wild durcheinandergeworfenen Gender-Typisierungen reiben sich mit dem historischen Hintergrund, vom bisexuellen Helden, der zu Beginn des Abenteuers erstmal einen blauäugigen Buchhalter vernascht, über die taffe, schwangere Kopfgeldjägerin bis hin zu einer Person, die das Geschlechterroulette verloren hat und deshalb nur mit "they" referenziert wird. Das ist reine Anbiederung an die LGBT-Gemeinde. Die bereits erhältliche Fortsetzung kann mir gestohlen bleiben!
5. The Black Tides of Heaven: JY Yang
Die quere Autor*in erfindet ein unwahrscheinliches Zwillingspaar, das sich in einer mittelalterlichen Fantasywelt auf unterschiedlichen Seiten eines weltumspannenden Konfliktes wiederfindet. Auch hier gibt es Abzüge für die beliebigen Geschlechtertypisierungen. Während manche Personen schon mit vier (4!) Jahren ein Geschlecht zugewiesen bekommen, warten die Zwillinge damit 17 Jahre, also ca. bis zur Halbzeitpause der Erzählung. Bis dahin werden sie einzeln mit "they" angesprochen, was zu Verwirrung und Verärgerung führt. Ansonsten sind Weltenaufbau wie Charakterisierungen hier aufgrund der Kürze nicht besonders überzeugend. Auch hierzu soll es eine Fortsetzung/Erweiterung geben - pah.
NO AWARD
4. And then there were (N-One): Sarah Pinsker
Das Ego der Autorin muss größer als ein Planet sein, denn wie sonst hätte sie sich trauen können, uns diese Geschichte vorzusetzen, in der sie alle Haupt- und Nebenrollen mit sich selbst besetzt. In Ich-Form erzählt Sarah von einem Kongress, an dem Sarahs aus ausgewählten parallelen Dimensionen teilnehmen. Da ist nämlich die Physikerin (oder "Quantologin") Sarah, die mal eben nicht nur Kommunikation, sondern auch Reisen zwischen alternativen Realitäten erfunden hat. Daneben haben die Sarahs trotz identischer Gene offenbar unendliche Talente, denn es gibt preisgekrönte Autorinnen genauso wie Grammy-gewinnende Musikerinnen - allerdings keine Ärztinnen. Unsere Erzählerin ist eine schnöde Versicherungsdetektivin, was aber praktisch ist, denn eine Sarah wurde gerade tot aufgefunden - ermordet? Das erklärt die an Agatha Christie angelehnte Titelvariation. Eigentlich führt die Autorin die so beliebte Multiverse-Theorie ad absurdum, aber sie zeigt eindrücklich die reale Wahrheit, dass kleinste Entscheidungen und Zufälle einen Lebenslauf aufs nachdrücklichste beeinflussen können. Spaßig und anregend!
3. Binti - Home: Nnedi Okorafor
Dies ist die Fortsetzung des Hugo-Gewinners vom vorletzen Jahr, genauso toll geschrieben, mit einer detailliert ausgemalten, exotischen Zukunft und einer faszinierenden Hauptfigur. Mein Hauptkritikpunkt ist, dass "Home" eigentlich die erste Hälfte eines Romans darstellt. Es endet mit einem Cliffhanger und bildet damit keine abgeschlossene Geschichte wie der erste Teil. Der Abschluss ist für faire 2 Euro als eBook erhältlich (ein Preismodell, das für Novellen leider nicht üblich ist), und daher werde ich ihn direkt als nächstes lesen (er käme dann in die Auswahl für nächstes Jahr). Ein weiterer Aspekt der Binti-Saga hat mich zudem gestört. Es ist in Ordnung, dass auch in einer Zukunft mit Raumschiffen und Alienkontakten Traditionen bewahrt werden. Aber müssen dazu auch abergläubische Rituale gehören? Was ich meine (nur ein Beispiel, kommt im Buch nicht vor!): Die Aufführung eines traditionellen Regentanzes ist schön, solange die Qualität der Darbietung nicht an der Regenmenge des folgenden Monats gemessen wird. Besonders genervt hat mich, dass Binti (und übrigens nur die Himba-Frauen) nicht ohne auf die Haut aufgetragenen Schutzschlamm (otjize) in die Öffentlichkeit gehen kann - auch auf dem Universitätsplaneten, der kein Wüstenklima hat. Das ist keine zu verteidigende Tradition mehr, sondern eine angelernte Neurose, und ein gutes Beispiel, wie eine an sich vernünftige Vorschrift verknöchert und nicht mehr hilft, sondern behindert.
2. Down Among the Sticks and Bones: Seanan McGuire
Seanan McGuire ist eine Vielschreiberin, was der Qualität ihres Werks nicht unbedingt bekommt. Bisher kenne ich nur einen kleinen Querschnitt, aber zum einen vermute ich, dass sie im Laufe der Jahre besser geworden ist, zum anderen gibt es wohl Erzählungen, in die sie mehr Arbeit hineinsteckt. So gewann sie mit ihrer Novelle Every Heart a Doorway letztes Jahr verdient ihren ersten Hugo. "Down Among the Sticks and Bones" ist nun eine Art (abgeschlossene) Vorgeschichte, um die Zeit der Zwillingsschwestern Jack (Jacqueline) und Jill(ian) in ihrer Fantasiewelt. Besonders reizvoll ist das Spiel mit den Geschlechterrollen (und dies ist ein Beispiel dafür, wie man das thematisieren kann, ohne penetrant zu wirken). Der Vater hat sich einen Sohn gewünscht und unterstützt Jills Tom-Boy-Verhalten, die Mutter dagegen formt Jack zu einer neurotischen Ballerina (und ach, wie wünschen sie sich, die Schwestern könnten die Namen tauschen!) In der Fantasiewelt, in die sie mit 11 Jahren gelangen und erst mit 17 wieder verlassen, lösen sich die Schwestern dann von den Erwartungen der Eltern. Jack wird das Mündel des herrschenden Vampir-Barons, während Jill beim ortsansässigen Frankenstein-Verschnitt in die Lehre geht. Das ist spannend, komisch und traurig zugleich. Bravo!
1. All Systems Red: Martha Wells
In einer fernen Zukunft besiedelt und terraformt die Menschheit ferne Planeten. Das ist ein kommerziell gesteuertes Verfahren. Mit der Bewertung eines neuen Siedlungsplaneten wird ein kleiner Trupp von Wissenschaftlern beauftragt, bewacht von einem Standard-Kampfandroiden (nach den Regeln der federführenden Gesellschaft muss den Prospektoren pro zehn Personen eine solche Maschine zugeteilt werden). Dieser Android ist allerdings nur nach außen ein Standardmodell. Nach einem traumatischen Einsatz, bei dem er aufgrund eines Programmierfehlers Unschuldige niedergemetzelt hatte, hat er kurzerhand sein eigenes Steuerprogramm gehackt und ist nun sein eigener Herr, auch wenn er seinen Auftrag, die Wissenschaftler zu beschützen, immer noch sehr ernst nimmt. Mit typischer Künstlicher Ironie nennt er sich den "Murderbot" und erzählt in Tagebuchform seine Erlebnisse. Sogleich sympathisch wird er uns, weil er in seiner Freizeit Fernsehserien konsumiert, insbesondere Seifenopern (die leider auch sein Menschenbild prägen). Außerdem ist er in seinen Fähigkeiten eingeschränkter als wir das sonst in der SF gewohnt sind. Er ist halt als Sparmodell konzipiert, das den Vorgaben genügen muss, aber auch nicht allzu teuer in der Produktion sein darf. So ist offenbar seine Multitasking-Fähigkeit stark eingeschränkt (im Gegensatz zu Data, der bei einem Gespräch mit Menschen zeitgleich noch Shakespeares Werk analysieren kann). Zudem ist er, auch aufgrund seiner Traumatisierung, extrem schüchtern im Umgang mit Menschen. Aber gerade diese Beschränkungen machen ihn zu einer faszinierenden Figur.
Die Texanerin Martha Wells, Jahrgang 1964, kann bereits auf umfangreiche Veröffentlichungen im SF- und Fantasy-Genre zurückblicken. Vor Jahren habe ich mal eine Urban Fantasy von ihr begonnen und nach ein paar Kapiteln wieder aufgegeben ("The Death of the Necromancer"). Vielleicht war das voreilig, jedenfalls werde ich ihr jetzt noch ein paar Chancen geben. Sie ist mit ihren Raksura-Fantasy-Romanen in diesem Jahr auch für die Beste Serie im Rennen. "All Systems Red", die erste Novelle in ihren "Murderbot Diaries", hat in diesem Jahr bereits den Nebula gewonnen und ist auch mein Favorit für den Hugo. Das ist mal waschechte Science Fiction, humorvoll und actiongeladen (auch wenn ich nicht so weit wie andere Rezensenten gehen würde, dies als Military SF zu klassifizieren).
Samstag, 23. September 2017
Triumphaler Abschluss von N.K. Jemisins Hugo-prämierter Trilogie: The Stone Sky
Zu Beginn ist es mir schwergefallen, mich mit der "Broken Earth"-Trilogie der gerade 45 Jahre gewordenen Afroamerikanerin N.K. Jemisin anzufreunden. Sie erschien mir stilistisch sperrig, die Figuren waren mir zunächst unsympathisch. Es stellt sich heraus, dass sich die anfängliche Anstrengung gelohnt hat. Der Hugo-Gewinn des ersten Bandes gegen meinen Favoriten, Naomi Noviks Märchen Uprooted, hatte vielleicht tatsächlich politische Gründe. Schon der zweite Band landete allerdings auf Platz Eins meines eigenen Stimmzettels und gewann erneut den begehrten Preis als Bester Roman des Jahres. Nun ist mit The Stone Sky der Abschlussband erschienen, der die Geschichte spannend und bewegend zu einem glücklichen Ende bringt.
Nach ihrem Pyrrhussieg über die feindliche Enklave verwandelt sich Essun wie ihr Ex und Mentor Alabaster Körperteil für Körperteil in Stein. Sie muss mit ihren Kräften haushalten, um noch eine Chance zu haben, mit Hilfe der Obelisken das seismische Gleichgewicht der Welt wieder in Ordnung zu bringen. Das bedeutet aber, dass sie für die Castrima-Gemeinschaft auf der Suche nach einem neuen Zufluchtsort nur eine Bürde ist. Zunächst geht es also ums nackte Überleben.
Nassun und der ehemalige Guardian Schaffa haben sich dem Einfluss der übrigen Guardians entzogen und entdecken mit Hilfe des Steinfressers ("Stone Eater") Steel funktionierende Überbleibsel einer uralten Zivilisation. Essuns 11jährige Tochter entwickelt bereits erstaunliche orogenische Kräfte und findet einen intuitiven Zugang zur Magie der Obelisken. Das Ziel des traumatisierten Kindes ist allerdings nicht Heilung, sondern Rache...
In Zwischenkapiteln erzählt der Steinfresser Hoa (oder Houwha), der sich als der bisher versteckte Ich-Erzähler entpuppt, die Jahrtausende zurückliegende Geschichte der hochmütigen Zivilisation von Syl Anagist, deren rücksichtslose Suche nach einer unerschöpflichen Energiequelle die "Fünfte Saison" auslöste und zudem durch den Beinahverlust des Mondes "Vater Erde" zum Feind der Menschen gemacht hatte. Es ist die Historie eines Genozids, der kapitalistischen Ausbeutung von Individuen und blinder Technologiegläubigkeit. Dass die ursprünglich als Werkzeuge "gezüchteten" Steinfresser unverschämterweise begannen, Persönlichkeiten zu entwickeln, war einer der entscheidenden Faktoren bei der Zerstörung von Syl Anagist, deren Bewohner übrigens alle orogenische Fähigkeiten hatten...
Die Autorin verarbeitet eine Vielzahl von schwerwiegenden Themen: Sklaverei, Pogrome, Diskriminierung, rücksichtslose Umweltzerstörung, Raubkapitalismus. Zentral waren für sie allerdings (wie sie im Nachwort zugibt, geprägt vom Leidensweg ihrer eigenen Mutter) unterschiedliche Ausprägungen von Mutterschaft. Ihre Figurenzeichnung leidet allerdings darunter, dass diese gleich eine ganze Welt retten müssen. Diese Überhöhung steht im Widerspruch zur Erörterung grundlegender menschlicher Wesenszüge, und dadurch verliert der Leser nie eine gewisse Distanz zu den Charakteren. Der Weltenbau ist allerdings phänomenal, und ich würde das Werk nachträglich eher der Science Fiction als der Fantasy zuordnen. Der SF-Geschichte wird eigentlich nur eine phantastische Ebene übergestülpt, in Gestalt der magisch anmutenden Fähigkeiten der Bewohner von Syl Anagist, unterschiedlich vererbt an die Orogene und die Steinfresser, und natürlich der Zeichnung von "Vater Erde" als eigenständige Intelligenz.
Grundsätzlich verstehe ich die Trilogie als einen einzigen Roman in drei nicht in sich abgeschlossenen Teilen, und das ist mein Hauptproblem mit den vergebenen Preisen. Falls "The Stone Sky" das bisher nicht dagewesene Kunststück gelingen sollte, dass ein Autor den Hugo dreimal hintereinander gewinnt (und das hängt natürlich stark von der Konkurrenz ab), so handelt es sich dann eigentlich um drei Auszeichnungen für das gleiche Werk. Die Situation ist also ganz anders als die bisherigen vergleichbaren Fälle in der Hugo-Geschichte. Der erste Autor, der zweimal hintereinander für den Besten Roman gewann, war Orson Scott Card: 1986 für "Ender's Game" und 1987 für die Fortsetzung "Speaker for the Dead". Dies sind aber zwei in sich abgeschlossene, sehr unterschiedliche Meisterwerke, die erst nachträglich in das sogenannten "Ender-Quartett" eingeordnet wurden (inzwischen hat Card leider aus rein kommerziellen Gründen noch etliche weitere Romane im Ender-Universum veröffentlicht). Ähnlich verhält es sich mit den Vorkosigan-Romanen von Lois McMaster Bujold, die 1991/92 und 1995 den Preis gewannen, wobei übrigens der Gewinner von 1992, Barrayar, in der Timeline von Miles Vorkosigan ein Prequel des Vorgängers war (wenn ich es richtig verstehe, entstanden die Bände konzeptionell schon chronologisch, aber "The Vor Game" kam als kommerziell vielversprechender zuerst heraus).
Es bleibt zu hoffen, dass J.K. Jemisin sich in ihren nächsten Projekten vielleicht besser auf glaubwürdige Charaktere fokussiert, die nicht gleich eine ganze Welt retten müssen. Aber wie auch immer, sie ist eine fantastische neue Stimme in der SF, die das Genre mit ungewohnten Sichtweisen bereichert. Dafür lohnt sich auch ein wenig Lese-Arbeit, bis man von ihrem Erzählstil mitgerissen wird.
Bei den literarischen Formen haben sich zu meiner Freude stets meine Favoriten durchgesetzt, entweder Platz Eins oder Zwei meines Stimmzettels, übrigens mit knappem Ergebnis bei den Romanen. Bei den dramatischen Formen sieht es wie so oft anders aus. Für die Langform gewann Arrival (auf Platz Zwei abgeschlagen Hidden Figures), für die Kurzform die Expanse-Episode, die immerhin meine Anerkennung als SF für Erwachsene fand (mal sehen, was die zweite Staffel zu bieten hat, die inzwischen auf Netflix verfügbar ist). Hier landete mein Favorit San Junipero auf Platz 2, die Black-Mirror-Episode konnte zum Trost allerdings gerade zwei Emmys einheimsen.
Wen's interessiert: Hier sind alle Nominierungen und das genaue Abstimmungsergebnis.
Nach ihrem Pyrrhussieg über die feindliche Enklave verwandelt sich Essun wie ihr Ex und Mentor Alabaster Körperteil für Körperteil in Stein. Sie muss mit ihren Kräften haushalten, um noch eine Chance zu haben, mit Hilfe der Obelisken das seismische Gleichgewicht der Welt wieder in Ordnung zu bringen. Das bedeutet aber, dass sie für die Castrima-Gemeinschaft auf der Suche nach einem neuen Zufluchtsort nur eine Bürde ist. Zunächst geht es also ums nackte Überleben.
Nassun und der ehemalige Guardian Schaffa haben sich dem Einfluss der übrigen Guardians entzogen und entdecken mit Hilfe des Steinfressers ("Stone Eater") Steel funktionierende Überbleibsel einer uralten Zivilisation. Essuns 11jährige Tochter entwickelt bereits erstaunliche orogenische Kräfte und findet einen intuitiven Zugang zur Magie der Obelisken. Das Ziel des traumatisierten Kindes ist allerdings nicht Heilung, sondern Rache...
In Zwischenkapiteln erzählt der Steinfresser Hoa (oder Houwha), der sich als der bisher versteckte Ich-Erzähler entpuppt, die Jahrtausende zurückliegende Geschichte der hochmütigen Zivilisation von Syl Anagist, deren rücksichtslose Suche nach einer unerschöpflichen Energiequelle die "Fünfte Saison" auslöste und zudem durch den Beinahverlust des Mondes "Vater Erde" zum Feind der Menschen gemacht hatte. Es ist die Historie eines Genozids, der kapitalistischen Ausbeutung von Individuen und blinder Technologiegläubigkeit. Dass die ursprünglich als Werkzeuge "gezüchteten" Steinfresser unverschämterweise begannen, Persönlichkeiten zu entwickeln, war einer der entscheidenden Faktoren bei der Zerstörung von Syl Anagist, deren Bewohner übrigens alle orogenische Fähigkeiten hatten...
Die Autorin verarbeitet eine Vielzahl von schwerwiegenden Themen: Sklaverei, Pogrome, Diskriminierung, rücksichtslose Umweltzerstörung, Raubkapitalismus. Zentral waren für sie allerdings (wie sie im Nachwort zugibt, geprägt vom Leidensweg ihrer eigenen Mutter) unterschiedliche Ausprägungen von Mutterschaft. Ihre Figurenzeichnung leidet allerdings darunter, dass diese gleich eine ganze Welt retten müssen. Diese Überhöhung steht im Widerspruch zur Erörterung grundlegender menschlicher Wesenszüge, und dadurch verliert der Leser nie eine gewisse Distanz zu den Charakteren. Der Weltenbau ist allerdings phänomenal, und ich würde das Werk nachträglich eher der Science Fiction als der Fantasy zuordnen. Der SF-Geschichte wird eigentlich nur eine phantastische Ebene übergestülpt, in Gestalt der magisch anmutenden Fähigkeiten der Bewohner von Syl Anagist, unterschiedlich vererbt an die Orogene und die Steinfresser, und natürlich der Zeichnung von "Vater Erde" als eigenständige Intelligenz.
Grundsätzlich verstehe ich die Trilogie als einen einzigen Roman in drei nicht in sich abgeschlossenen Teilen, und das ist mein Hauptproblem mit den vergebenen Preisen. Falls "The Stone Sky" das bisher nicht dagewesene Kunststück gelingen sollte, dass ein Autor den Hugo dreimal hintereinander gewinnt (und das hängt natürlich stark von der Konkurrenz ab), so handelt es sich dann eigentlich um drei Auszeichnungen für das gleiche Werk. Die Situation ist also ganz anders als die bisherigen vergleichbaren Fälle in der Hugo-Geschichte. Der erste Autor, der zweimal hintereinander für den Besten Roman gewann, war Orson Scott Card: 1986 für "Ender's Game" und 1987 für die Fortsetzung "Speaker for the Dead". Dies sind aber zwei in sich abgeschlossene, sehr unterschiedliche Meisterwerke, die erst nachträglich in das sogenannten "Ender-Quartett" eingeordnet wurden (inzwischen hat Card leider aus rein kommerziellen Gründen noch etliche weitere Romane im Ender-Universum veröffentlicht). Ähnlich verhält es sich mit den Vorkosigan-Romanen von Lois McMaster Bujold, die 1991/92 und 1995 den Preis gewannen, wobei übrigens der Gewinner von 1992, Barrayar, in der Timeline von Miles Vorkosigan ein Prequel des Vorgängers war (wenn ich es richtig verstehe, entstanden die Bände konzeptionell schon chronologisch, aber "The Vor Game" kam als kommerziell vielversprechender zuerst heraus).
Es bleibt zu hoffen, dass J.K. Jemisin sich in ihren nächsten Projekten vielleicht besser auf glaubwürdige Charaktere fokussiert, die nicht gleich eine ganze Welt retten müssen. Aber wie auch immer, sie ist eine fantastische neue Stimme in der SF, die das Genre mit ungewohnten Sichtweisen bereichert. Dafür lohnt sich auch ein wenig Lese-Arbeit, bis man von ihrem Erzählstil mitgerissen wird.
Nachtrag: Die Hugos für 2017
Bei den literarischen Formen haben sich zu meiner Freude stets meine Favoriten durchgesetzt, entweder Platz Eins oder Zwei meines Stimmzettels, übrigens mit knappem Ergebnis bei den Romanen. Bei den dramatischen Formen sieht es wie so oft anders aus. Für die Langform gewann Arrival (auf Platz Zwei abgeschlagen Hidden Figures), für die Kurzform die Expanse-Episode, die immerhin meine Anerkennung als SF für Erwachsene fand (mal sehen, was die zweite Staffel zu bieten hat, die inzwischen auf Netflix verfügbar ist). Hier landete mein Favorit San Junipero auf Platz 2, die Black-Mirror-Episode konnte zum Trost allerdings gerade zwei Emmys einheimsen.
Wen's interessiert: Hier sind alle Nominierungen und das genaue Abstimmungsergebnis.
Samstag, 8. Juli 2017
Die Hugo-Finalisten 2017: Serien
Dies ist eine neue Kategorie, die dieses Jahr testweise eingeführt wurde. Die Voraussetzungen (mindestens drei Bände, von denen einer im Vorjahr veröffentlicht wurde) sind bereits von anderen kritisiert worden. Schön wäre es, nur abgeschlossene Serien zuzulassen, wie etwa Robert Jordans "Wheel of Time", welches vor einigen Jahren aufgrund einer Lücke in den Statuten als Roman nominiert war. Und darf eine Serie wieder und wieder nominiert werden?
Von den sechs Finalisten waren mir nur vier geläufig, nur die "Rivers of London" habe ich mitnominiert. Mein zweiter Vorschlag, die bisher dreibändige Fantasy-Reihe "Wall of Night" von Helen Lowe, fand keine Berücksichtigung. Inzwischen habe ich mich in vertretbarem Maß kundig gemacht. Hier meine Rangfolge:
(6) The Craft Sequence, by Max Gladstone
Die bisher fünf Bände dieser Fantasy-Reihe sind günstig für den Kindle erhältlich, waren aber auch Teil des Voters Package. Ich habe allerdings nach etwa 50 Seiten aufgegeben. Gladstone entwirft eine komplexe Welt mit eindimensionalen Figuren, für die ich einfach kein Interesse entwickeln konnte.
(5) The Expanse, by James S.A. Corey
Von dieser bisher sechsteiligen SF-Serie hatte ich vor Jahren den ersten Band gelesen, der zwar eine anregende Zukunft präsentiert, mich dramaturgisch aber auch nicht überzeugen konnte. Die erste Staffel der Fernsehserie (bei Netflix streambar) fand ich etwas besser.
(No Award)
(4) The October Daye Books, by Seanan McGuire
Seanan McGuire ist dieses Jahr in einer anderen Kategorie mein Favorit. Ihre Newsfeed-Reihe (als Mira Grant) hatte mich nicht vom Hocker gerissen, aber die Abenteuer der Halb-Fae October "Toby" Daye scheinen Potential zu haben. Alle zehn Romane und etliche Kurzgeschichten waren Teil des Voters Package, zu mehr als dem Erstling bin ich bisher noch nicht gekommen. Seit Potter und Twilight gibt es Urban Fantasy inzwischen in Massenproduktion, aber diese scheint lesenswert zu sein.
(3) The Temeraire series, by Naomi Novik
Naomi Noviks Märchen Uprooted war im letzten Jahr mein Favorit bei den Romanen. Von ihrer mit neun Bänden nun abgeschlossenen Fantasy um den Drachen Temeraire hatte ich immerhin sechs Bände (noch in Papierform!) gelesen, bevor ich wie offenbar die Autorin die Lust verlor. Trotzdem ist diese Alternativwelt der um eine Drachenluftwaffe erweiterten Napoleonischen Kriege ein erstaunliches Konstrukt, und Temeraire und sein Reiter Laurence sind unvergessliche Figuren.
(2) The Peter Grant / Rivers of London series, by Ben Aaronovitch
Gerade lese ich mit ungemindertem Vergnügen den sechsten Band dieser Urban Fantasy, die trotz offensichtlicher Parallelen ihre Qualität gerade in den Unterschieden zu Jim Butchers "Dresden Files" zeigt. Hier wie dort steht die Entwicklung eines jungen Magiers im Mittelpunkt, hier wie dort wird die Handlungsstadt (Chicago bzw. London) zu einem wesentlichen Charakter. Aber während Harry Dresden trotz seines Day Jobs als Privatdetektiv fest in der magischen Welt verhaftet ist, steht PC (Police Constable) Peter Grant mit beiden Polizeistiefeln fest auf dem Boden des 21. Jahrhunderts. Gerade die Passagen, in denen er sich gewitzt durch die Wirrnisse der Polizeibürokratie manövriert, sind satirische Highlights (und lange nicht so übertrieben und selbstgefällig wie in den Laundry-Erzählungen von Charles Stross).
Aaronovitch, Jahrgang 1964, war in seiner ersten Karriere als Drehbuchautor u.a. für Doctor Who tätig. Seinen Romanen merkt man die Liebe zu seinem Heimatort an - zur Architektur, zu den Bewohnern, aber vor allem zur Multikulti-Gesellschaft, zu der auch Grant selbst einen Beitrag leistet: Seine Mutter stammt aus Sierra Leone, sein Vater, noch exotischer, ist ein weisser Jazz-Musiker. Grant ist übrigens trotz wachsender Fähigkeiten immer noch der kleine Azubi seines Chefs Nightingale, seines Zeichens Leiters der "Folly", einer inoffiziellen Abteilung der Londoner Polizei, die sich mit übernatürlichen Fällen beschäftigt (und nebenbei auf Sir Isaac Newton zurückgeht). Er ist ein Ausbilder der altmodischen Art, der noch regelmäßig die Eltern seines Lehrlings über dessen Fortschritte informiert. Grund mag sein, dass er im 19. Jahrhundert geboren wurde. Trotzdem sollte man den Veteranen nicht unterschätzen, der es im Zweiten Weltkrieg, wie es die Anekdote will, mal allein mit einem Tigerpärchen aufgenommen hatte (nicht die putzigen Raubkatzen, sondern deutschen Kampfpanzer). Er rekrutierte Peter für die Folly, als dieser versehentlich ein Gespenst als Zeugen eines Verbrechens angab.
Die Flüsse von London, nach der die Reihe benannt ist, schlängeln sich tatsächlich durch die komplette Handlung, personifiziert von mehr oder minder mächtigen Flussgöttinnen, von denen eine (nun gut, mehr eine Bachgöttin: Beverly Brook) sogar in Herz und Bett unseres jungen Helden geplätschert ist. Es sind jedenfalls liebevoll gezeichnete Figuren, mit denen ich gern Zeit verbringe (momentan etwa Grants Hidschab-tragende Kollegin Guleed, die "Muslim Ninja"). Dass Aaronovitch nicht die atemlose Spannung der Dresden Files aufbaut, sehe ich eher als erholsam an. Spannungsmomente gibt es trotzdem, nur eben punktuell, etwa wenn das Team auf den dunklen, (bisher) gesichtslosen Magier "Mr. Punch" trifft, der seine Kräfte offenbar vor allem zur Befriedigung seiner sadistischen Gelüste entwickelt hat. Ansonsten ist es einfach herrlich, Grant bei der Entwicklung seiner unkonventionellen Zauberformeln und der gleichzeitigen wissenschaftlichen Untersuchung derselben zu folgen: Praktizierte Magie zerstört z.B. elektronische Geräte in der Umgebung, etwa Mobiltelefone. Aber diese Zerstörung genügt dem Entfernungsgesetz 1/r², was Peter durch Experimentieren bestätigen kann.
(1) The Vorkosigan Saga, by Lois McMaster Bujold
Ich hatte gar nicht gewagt, diese Serie zu nominieren, genauso wenig wie den nominierungsrelevanten siebzehnten (17!) Band der Reihe, "Gentleman Jole and the Red Queen". Bujold hat bereits mehr als genug Hugos gewonnen, aber wenn diese meine Lieblingsserie nun zur Auswahl steht, kann ich nicht anders als auch für sie stimmen.
Die "Rote Königin" ist natürlich Cordelia, inzwischen Dowager Countess Vorkosigan und Vice Reine von Sergyar, des Planeten, auf dem sie in "Shards of Honor" ihren "Klingonen" Aral kennengelernt hatte. Mit kaum 70 Jahren hat sie nach Beta-Standards noch rüstige Jahrzehnte vor sich. Im Roman geht es um ihre Beziehung zu Admiral Jole, mit dem sie und Aral zu seinen Lebzeiten eine Dreiecksbeziehung gelebt hatten. Finden die beiden einsam Hinterbliebenen zueinander? Zweites Thema ist eine schwindelerregende Anzahl von möglichen Kindern, die dank moderner Fortpflanzungstechnologie "ausgebrütet" werden könnten...
Von den sechs Finalisten waren mir nur vier geläufig, nur die "Rivers of London" habe ich mitnominiert. Mein zweiter Vorschlag, die bisher dreibändige Fantasy-Reihe "Wall of Night" von Helen Lowe, fand keine Berücksichtigung. Inzwischen habe ich mich in vertretbarem Maß kundig gemacht. Hier meine Rangfolge:
(6) The Craft Sequence, by Max Gladstone
Die bisher fünf Bände dieser Fantasy-Reihe sind günstig für den Kindle erhältlich, waren aber auch Teil des Voters Package. Ich habe allerdings nach etwa 50 Seiten aufgegeben. Gladstone entwirft eine komplexe Welt mit eindimensionalen Figuren, für die ich einfach kein Interesse entwickeln konnte.
(5) The Expanse, by James S.A. Corey
Von dieser bisher sechsteiligen SF-Serie hatte ich vor Jahren den ersten Band gelesen, der zwar eine anregende Zukunft präsentiert, mich dramaturgisch aber auch nicht überzeugen konnte. Die erste Staffel der Fernsehserie (bei Netflix streambar) fand ich etwas besser.
(No Award)
(4) The October Daye Books, by Seanan McGuire
Seanan McGuire ist dieses Jahr in einer anderen Kategorie mein Favorit. Ihre Newsfeed-Reihe (als Mira Grant) hatte mich nicht vom Hocker gerissen, aber die Abenteuer der Halb-Fae October "Toby" Daye scheinen Potential zu haben. Alle zehn Romane und etliche Kurzgeschichten waren Teil des Voters Package, zu mehr als dem Erstling bin ich bisher noch nicht gekommen. Seit Potter und Twilight gibt es Urban Fantasy inzwischen in Massenproduktion, aber diese scheint lesenswert zu sein.
(3) The Temeraire series, by Naomi Novik
Naomi Noviks Märchen Uprooted war im letzten Jahr mein Favorit bei den Romanen. Von ihrer mit neun Bänden nun abgeschlossenen Fantasy um den Drachen Temeraire hatte ich immerhin sechs Bände (noch in Papierform!) gelesen, bevor ich wie offenbar die Autorin die Lust verlor. Trotzdem ist diese Alternativwelt der um eine Drachenluftwaffe erweiterten Napoleonischen Kriege ein erstaunliches Konstrukt, und Temeraire und sein Reiter Laurence sind unvergessliche Figuren.
(2) The Peter Grant / Rivers of London series, by Ben Aaronovitch
Gerade lese ich mit ungemindertem Vergnügen den sechsten Band dieser Urban Fantasy, die trotz offensichtlicher Parallelen ihre Qualität gerade in den Unterschieden zu Jim Butchers "Dresden Files" zeigt. Hier wie dort steht die Entwicklung eines jungen Magiers im Mittelpunkt, hier wie dort wird die Handlungsstadt (Chicago bzw. London) zu einem wesentlichen Charakter. Aber während Harry Dresden trotz seines Day Jobs als Privatdetektiv fest in der magischen Welt verhaftet ist, steht PC (Police Constable) Peter Grant mit beiden Polizeistiefeln fest auf dem Boden des 21. Jahrhunderts. Gerade die Passagen, in denen er sich gewitzt durch die Wirrnisse der Polizeibürokratie manövriert, sind satirische Highlights (und lange nicht so übertrieben und selbstgefällig wie in den Laundry-Erzählungen von Charles Stross).
Aaronovitch, Jahrgang 1964, war in seiner ersten Karriere als Drehbuchautor u.a. für Doctor Who tätig. Seinen Romanen merkt man die Liebe zu seinem Heimatort an - zur Architektur, zu den Bewohnern, aber vor allem zur Multikulti-Gesellschaft, zu der auch Grant selbst einen Beitrag leistet: Seine Mutter stammt aus Sierra Leone, sein Vater, noch exotischer, ist ein weisser Jazz-Musiker. Grant ist übrigens trotz wachsender Fähigkeiten immer noch der kleine Azubi seines Chefs Nightingale, seines Zeichens Leiters der "Folly", einer inoffiziellen Abteilung der Londoner Polizei, die sich mit übernatürlichen Fällen beschäftigt (und nebenbei auf Sir Isaac Newton zurückgeht). Er ist ein Ausbilder der altmodischen Art, der noch regelmäßig die Eltern seines Lehrlings über dessen Fortschritte informiert. Grund mag sein, dass er im 19. Jahrhundert geboren wurde. Trotzdem sollte man den Veteranen nicht unterschätzen, der es im Zweiten Weltkrieg, wie es die Anekdote will, mal allein mit einem Tigerpärchen aufgenommen hatte (nicht die putzigen Raubkatzen, sondern deutschen Kampfpanzer). Er rekrutierte Peter für die Folly, als dieser versehentlich ein Gespenst als Zeugen eines Verbrechens angab.
Die Flüsse von London, nach der die Reihe benannt ist, schlängeln sich tatsächlich durch die komplette Handlung, personifiziert von mehr oder minder mächtigen Flussgöttinnen, von denen eine (nun gut, mehr eine Bachgöttin: Beverly Brook) sogar in Herz und Bett unseres jungen Helden geplätschert ist. Es sind jedenfalls liebevoll gezeichnete Figuren, mit denen ich gern Zeit verbringe (momentan etwa Grants Hidschab-tragende Kollegin Guleed, die "Muslim Ninja"). Dass Aaronovitch nicht die atemlose Spannung der Dresden Files aufbaut, sehe ich eher als erholsam an. Spannungsmomente gibt es trotzdem, nur eben punktuell, etwa wenn das Team auf den dunklen, (bisher) gesichtslosen Magier "Mr. Punch" trifft, der seine Kräfte offenbar vor allem zur Befriedigung seiner sadistischen Gelüste entwickelt hat. Ansonsten ist es einfach herrlich, Grant bei der Entwicklung seiner unkonventionellen Zauberformeln und der gleichzeitigen wissenschaftlichen Untersuchung derselben zu folgen: Praktizierte Magie zerstört z.B. elektronische Geräte in der Umgebung, etwa Mobiltelefone. Aber diese Zerstörung genügt dem Entfernungsgesetz 1/r², was Peter durch Experimentieren bestätigen kann.
(1) The Vorkosigan Saga, by Lois McMaster Bujold
Ich hatte gar nicht gewagt, diese Serie zu nominieren, genauso wenig wie den nominierungsrelevanten siebzehnten (17!) Band der Reihe, "Gentleman Jole and the Red Queen". Bujold hat bereits mehr als genug Hugos gewonnen, aber wenn diese meine Lieblingsserie nun zur Auswahl steht, kann ich nicht anders als auch für sie stimmen.
Die "Rote Königin" ist natürlich Cordelia, inzwischen Dowager Countess Vorkosigan und Vice Reine von Sergyar, des Planeten, auf dem sie in "Shards of Honor" ihren "Klingonen" Aral kennengelernt hatte. Mit kaum 70 Jahren hat sie nach Beta-Standards noch rüstige Jahrzehnte vor sich. Im Roman geht es um ihre Beziehung zu Admiral Jole, mit dem sie und Aral zu seinen Lebzeiten eine Dreiecksbeziehung gelebt hatten. Finden die beiden einsam Hinterbliebenen zueinander? Zweites Thema ist eine schwindelerregende Anzahl von möglichen Kindern, die dank moderner Fortpflanzungstechnologie "ausgebrütet" werden könnten...
Samstag, 1. Juli 2017
Die Hugo-Finalisten 2017: Romane
Den großen Wurf gab es dieses Jahr nicht. Frauen und Fantasy dominieren mehr und mehr. Hier meine Rangliste:
(6) Too Like the Lightning, by Ada Palmer
Ada Palmer ist keine Schriftstellerin, sondern Historikerin, und ihr Debut "Too Like the Lightning" ist kein Roman, sondern der erste Teil eines Traktats. Sie konstruiert die unwahrscheinliche Weltordnung einer entfernten Zukunft, in der es zwar Umfragen und Wahlen gibt, aber hinter den Kulissen wirken einflussreiche Lenker der Geschicke, die historischen Figuren nachempfunden sind: Könige, Päpste, Philosophen. In der undurchdringlichen Prosa verbergen sich gelegentlich interessante Ideen, so etwa die Ablösung organisierter Religionen (die streng verboten sind) durch private Therapiesitzungen zur Erörterung spiritueller Fragen. Lesbar oder gar lesenswert ist das trotzdem nicht. Bis zum Schluss tauchen immer wieder neue wichtige Figuren auf, aber keine davon hat etwas mit realen Menschen gemein. Wenig hilfreich ist auch die Genderverwirrung (hier im Englischen mit der dritten Person Plural - "they" umschrieben). Selten habe ich mich derart über ein Buch geärgert (Ada Palmer ist in diesem Jahr als Neuling auch für den Campbell nominiert).
(5) Ninefox Gambit, by Yoon Ha Lee
Yoon Ha Lee ist ein Korea-stämmiger Texaner. Der Mathematiker publiziert seit fast 20 Jahren Kurzgeschichten, dies ist sein erster Roman. Soweit ich verstanden habe, werden in einer fernen Zukunft Schlachten durch die Manipulation geometrischer Figuren gewonnen. Hurrah, endlich hat unsere abstrakte Kunst mal einen realen Nutzen! Leider ist das Result immer noch das gleiche - Menschen leiden und sterben. Im Zentrum der verworrenen Geschichte stehen durchaus interessante Figuren, aber lohnt sich dafür die Lesearbeit? Kompliziert ist nicht gleich literarisch.
(4) Death’s End, by Cixin Liu, translated by Ken Liu
Siehe meine ausführliche Kritik: Nicht preiswürdig
(No Award)
(3) A Closed and Common Orbit, by Becky Chambers
Enid Blyton im Weltall. So könnte man polemisch den zweiten Roman der jungen Kalifornierin Becky Chambers beschreiben. Der Vorgänger, "The Long Way to a Small, Angry Planet", war eine Art Firefly ohne Konflikte (selbst die Raumpiraten waren höflich und zuvorkommend), aber diese Geschichte einer sich findenden künstlichen Intelligenz hat etwas mehr Substanz. Erzählt wird in abwechselnden Kapiteln die "Jugend" der A.I. Sidra in ihrem neuen, fremden Androidenkörper, und der entflohenen Klonsklavin Jane, die von einer Schiffs-A.I. erzogen wird. Aufgrund der einfachen Sprache und übersichtlich konstruierten Geschichte ist der Roman eher für Jugendliche geeignet, beschäftigt sich aber durchaus mit aktuellen Themen wie Geschlechteridentität. Tatsächlich kann man Sidras Fremdeln mit ihrem Körper sowohl mit den Erscheinungen der Pubertät allgemein als auch mit dem Leidensweg von Transsexuellen vergleichen. Sidra hat nämlich vorher ein komplettes Raumschiff gesteuert, und die Autorin schildert sehr überzeugend den Übergang zum Androidenkörper, der noch nicht einmal eine Rückkamera hat...
(2) All the Birds in the Sky, by Charlie Jane Anders
Das Time Magazine zählte den ersten Roman der Hugo-Preisträgerin Charlie Jane Anders (beste Novelette 2012) zu den zehn Top-Romanen 2016, unabhängig vom Genre. "All the Birds in the Sky" ist eine Mischung aus SF-und Fantasy, sollte aber eher als Fabel oder Parabel gesehen werden, in der die Fantasy-Elemente für Naturverbundenheit und die SF-Elemente für Technologie stehen. Im Zentrum steht die Freundschaft der "Hexe" Patricia und des Tech-Wizards Laurence. Es ist eine wilde Geschichte mit etlichen tonalen Sprüngen, die als Jugendromanze beginnt und etwas verquer mit der Verhinderung der Apokalypse endet. Trotzdem ist das Buch spannend und unterhaltsam, wenngleich vielleicht etwas überschätzt. Es gewann bereits den Nebula und ist wohl auch der Hugo-Favorit des Jahres.
(1) The Obelisk Gate, by N. K. Jemisin
Der Vorgänger war letztes Jahr nicht mein Favorit. In der Fortsetzung sind naturgemäß die Anfangsschwierigkeiten verschwunden. Die Erzählstruktur hat sich vereinfacht, es wird nur noch im Wechsel aus der Sicht von Essun und ihrer Tochter erzählt. Es wird sogar erklärt, warum die Essun-Kapitel in der zweiten Person stehen: Es gibt einen bisher verborgenen Ich-Erzähler, der nun gelegentlich seinen Schleier lüftet. Ansonsten erzählt Jemisin fesselnd und mit großer Empathie für ihre Figuren und rechtfertigt nachträglich den eher politisch motivierten Gewinn des letzten Jahres (als "erste schwarze Autorin" etc.) Den Abschlussband habe ich bereits vorbestellt, ich bin sehr gespannt!
(6) Too Like the Lightning, by Ada Palmer
Ada Palmer ist keine Schriftstellerin, sondern Historikerin, und ihr Debut "Too Like the Lightning" ist kein Roman, sondern der erste Teil eines Traktats. Sie konstruiert die unwahrscheinliche Weltordnung einer entfernten Zukunft, in der es zwar Umfragen und Wahlen gibt, aber hinter den Kulissen wirken einflussreiche Lenker der Geschicke, die historischen Figuren nachempfunden sind: Könige, Päpste, Philosophen. In der undurchdringlichen Prosa verbergen sich gelegentlich interessante Ideen, so etwa die Ablösung organisierter Religionen (die streng verboten sind) durch private Therapiesitzungen zur Erörterung spiritueller Fragen. Lesbar oder gar lesenswert ist das trotzdem nicht. Bis zum Schluss tauchen immer wieder neue wichtige Figuren auf, aber keine davon hat etwas mit realen Menschen gemein. Wenig hilfreich ist auch die Genderverwirrung (hier im Englischen mit der dritten Person Plural - "they" umschrieben). Selten habe ich mich derart über ein Buch geärgert (Ada Palmer ist in diesem Jahr als Neuling auch für den Campbell nominiert).
(5) Ninefox Gambit, by Yoon Ha Lee
Yoon Ha Lee ist ein Korea-stämmiger Texaner. Der Mathematiker publiziert seit fast 20 Jahren Kurzgeschichten, dies ist sein erster Roman. Soweit ich verstanden habe, werden in einer fernen Zukunft Schlachten durch die Manipulation geometrischer Figuren gewonnen. Hurrah, endlich hat unsere abstrakte Kunst mal einen realen Nutzen! Leider ist das Result immer noch das gleiche - Menschen leiden und sterben. Im Zentrum der verworrenen Geschichte stehen durchaus interessante Figuren, aber lohnt sich dafür die Lesearbeit? Kompliziert ist nicht gleich literarisch.
(4) Death’s End, by Cixin Liu, translated by Ken Liu
Siehe meine ausführliche Kritik: Nicht preiswürdig
(No Award)
(3) A Closed and Common Orbit, by Becky Chambers
Enid Blyton im Weltall. So könnte man polemisch den zweiten Roman der jungen Kalifornierin Becky Chambers beschreiben. Der Vorgänger, "The Long Way to a Small, Angry Planet", war eine Art Firefly ohne Konflikte (selbst die Raumpiraten waren höflich und zuvorkommend), aber diese Geschichte einer sich findenden künstlichen Intelligenz hat etwas mehr Substanz. Erzählt wird in abwechselnden Kapiteln die "Jugend" der A.I. Sidra in ihrem neuen, fremden Androidenkörper, und der entflohenen Klonsklavin Jane, die von einer Schiffs-A.I. erzogen wird. Aufgrund der einfachen Sprache und übersichtlich konstruierten Geschichte ist der Roman eher für Jugendliche geeignet, beschäftigt sich aber durchaus mit aktuellen Themen wie Geschlechteridentität. Tatsächlich kann man Sidras Fremdeln mit ihrem Körper sowohl mit den Erscheinungen der Pubertät allgemein als auch mit dem Leidensweg von Transsexuellen vergleichen. Sidra hat nämlich vorher ein komplettes Raumschiff gesteuert, und die Autorin schildert sehr überzeugend den Übergang zum Androidenkörper, der noch nicht einmal eine Rückkamera hat...
(2) All the Birds in the Sky, by Charlie Jane Anders
Das Time Magazine zählte den ersten Roman der Hugo-Preisträgerin Charlie Jane Anders (beste Novelette 2012) zu den zehn Top-Romanen 2016, unabhängig vom Genre. "All the Birds in the Sky" ist eine Mischung aus SF-und Fantasy, sollte aber eher als Fabel oder Parabel gesehen werden, in der die Fantasy-Elemente für Naturverbundenheit und die SF-Elemente für Technologie stehen. Im Zentrum steht die Freundschaft der "Hexe" Patricia und des Tech-Wizards Laurence. Es ist eine wilde Geschichte mit etlichen tonalen Sprüngen, die als Jugendromanze beginnt und etwas verquer mit der Verhinderung der Apokalypse endet. Trotzdem ist das Buch spannend und unterhaltsam, wenngleich vielleicht etwas überschätzt. Es gewann bereits den Nebula und ist wohl auch der Hugo-Favorit des Jahres.
(1) The Obelisk Gate, by N. K. Jemisin
Der Vorgänger war letztes Jahr nicht mein Favorit. In der Fortsetzung sind naturgemäß die Anfangsschwierigkeiten verschwunden. Die Erzählstruktur hat sich vereinfacht, es wird nur noch im Wechsel aus der Sicht von Essun und ihrer Tochter erzählt. Es wird sogar erklärt, warum die Essun-Kapitel in der zweiten Person stehen: Es gibt einen bisher verborgenen Ich-Erzähler, der nun gelegentlich seinen Schleier lüftet. Ansonsten erzählt Jemisin fesselnd und mit großer Empathie für ihre Figuren und rechtfertigt nachträglich den eher politisch motivierten Gewinn des letzten Jahres (als "erste schwarze Autorin" etc.) Den Abschlussband habe ich bereits vorbestellt, ich bin sehr gespannt!
Montag, 5. Juni 2017
Die Hugo-Finalisten 2017: Kurzgeschichten
Wieder (fast) nur Frauen, (fast) nur Fantasy. Trotzdem ein nicht übler bunter Strauß.
(6) “An Unimaginable Light”, by John C. Wright
John C. Wright lese ich nicht mehr, seit der Schwemme von 2015. Trifft sich gut, dass seine Geschichte der Voters Package auch nicht im Kindle-gerechten Format beilag.
(5) “Our Talons Can Crush Galaxies”, by Brooke Bolander
Brooke Bolander mag ich auch nicht besonders, ihre Prosa ist mir zu negativ. Diese Rachegeschichte eines misshandelten Engels ist immerhin die kürzeste in der diesjährigen Auswahl.
(No Award)
(4) “A Fist of Permutations in Lightning and Wildflowers”, by Alyssa Wong
Der zweite diesjährige Beitrag von Alyssa Wong ist eine stilistisch brillante Allegorie auf eine junge Frau, die mit dem Tod ihrer Schwester zurechtkommen muss.
(3) “The City Born Great”, by N. K. Jemisin
Die Stadt ist New York, und die frischgebackene Hugo-Gewinnerin aus Brooklyn erzählt von einem hispanischen Straßenjungen, der als Geburtshelfer die Lieblingsstadt der Autorin zum Leben erweckt. Diese wird damit in die Gesellschaft solch ehrwürdiger Geschwister wie Mexico City und Paris aufgenommen. Ob Los Angeles diesen Schritt auf schaffen wird?
(2) “Seasons of Glass and Iron”, by Amal El-Mohtar
Die Kanadierin Amal El-Mohtar baut aus dem "Glashügel" und den "eisernen Schuhen" ihr eigenes Märchen zusammen, mit einer klugen Botschaft und einer anrührenden Frauenfreundschaft. Ihrer siebenjährigen Nichte Lara gewidmet, ist dies auch für Erwachsene ein hübsches Lesevergnügen.
(1) “That Game We Played During the War”, by Carrie Vaughn
Das Spiel heisst Schach, aber wie spielt man dieses, wenn einer der Kontrahenten Gedanken lesen kann? Trotzdem haben die Enith den telepathischen Gaan einen Waffenstillstand abgetrotzt, so dass die Krankenschwester Calla mit dem feindlichen Major Larn das Spiel fortsetzen kann, welches sie im Gefangenencamp begonnen hatten (und über das sich eine unwahrscheinliche Freundschaft entwickelte).
(6) “An Unimaginable Light”, by John C. Wright
John C. Wright lese ich nicht mehr, seit der Schwemme von 2015. Trifft sich gut, dass seine Geschichte der Voters Package auch nicht im Kindle-gerechten Format beilag.
(5) “Our Talons Can Crush Galaxies”, by Brooke Bolander
Brooke Bolander mag ich auch nicht besonders, ihre Prosa ist mir zu negativ. Diese Rachegeschichte eines misshandelten Engels ist immerhin die kürzeste in der diesjährigen Auswahl.
(No Award)
(4) “A Fist of Permutations in Lightning and Wildflowers”, by Alyssa Wong
Der zweite diesjährige Beitrag von Alyssa Wong ist eine stilistisch brillante Allegorie auf eine junge Frau, die mit dem Tod ihrer Schwester zurechtkommen muss.
(3) “The City Born Great”, by N. K. Jemisin
Die Stadt ist New York, und die frischgebackene Hugo-Gewinnerin aus Brooklyn erzählt von einem hispanischen Straßenjungen, der als Geburtshelfer die Lieblingsstadt der Autorin zum Leben erweckt. Diese wird damit in die Gesellschaft solch ehrwürdiger Geschwister wie Mexico City und Paris aufgenommen. Ob Los Angeles diesen Schritt auf schaffen wird?
(2) “Seasons of Glass and Iron”, by Amal El-Mohtar
Die Kanadierin Amal El-Mohtar baut aus dem "Glashügel" und den "eisernen Schuhen" ihr eigenes Märchen zusammen, mit einer klugen Botschaft und einer anrührenden Frauenfreundschaft. Ihrer siebenjährigen Nichte Lara gewidmet, ist dies auch für Erwachsene ein hübsches Lesevergnügen.
(1) “That Game We Played During the War”, by Carrie Vaughn
Das Spiel heisst Schach, aber wie spielt man dieses, wenn einer der Kontrahenten Gedanken lesen kann? Trotzdem haben die Enith den telepathischen Gaan einen Waffenstillstand abgetrotzt, so dass die Krankenschwester Calla mit dem feindlichen Major Larn das Spiel fortsetzen kann, welches sie im Gefangenencamp begonnen hatten (und über das sich eine unwahrscheinliche Freundschaft entwickelte).
Das Ziel ist, "kleine Kriege" zu kämpfen, ohne jemanden zu verletzen.Carrie Vaughn ist bekannt durch ihre romantische Werwolf-Fantasyreihe "Kitty Norville", liefert hier aber eine kluge SF-Geschichte.
Sonntag, 4. Juni 2017
Die Hugo-Finalisten 2017: Noveletten
Die ernstzunehmenden wählbaren Noveletten (typischerweise unter einer Stunde lesbar) stammen alle von Teilzeit-Autorinnen. Höchstens zwei davon kann man der Science Fiction zuordnen. Hier meine Rangfolge:
(6) Alien Stripper Boned From Behind By The T-Rex, by Stix Hiscock
Von vorne wäre auch fatal, denn aus den drei Brüsten der Ich-Erzählerin schießen beim Orgasmus Laserstrahlen. Ansonsten ist dies eine konservativ-romantische Geschichte: Die Stripperin Kelly trauert noch ihrem Tentakel-Liebhaber nach, und der T-Rex Tyrone (dank futuristischem Body-Building mit durchaus muskulösen Armen ausgestattet) hat seine Brontosaurus-Frau beim Meteor-Einschlag verloren. "Stix Hiscock" ist wohl Chuck Tingles Pseudonym für Hetero-Sexromane, auch wenn ich keine direkte Bestätigung gefunden habe. Der "schizophrene Autist" Tingle hat offenbar tatsächlich einen Fan-Kreis, die letztjährige Nominierung für "Space Raptor Butt Invasion" kommentierte er in "Slammed in the Butt by My Hugo Award Nomination". Also gebührt mein Dank den Trollen für diesen amüsanten Beitrag.
(No Award)
(5) “You’ll Surely Drown Here If You Stay”, by Alyssa Wong
Die aparte Amerikanerin Alyssa Wong war letztes Jahr bereits Finalistin für den Campbell Award als bester Neuling. Ihr poetischer Schreibstil liegt mir leider nicht, genauso wenig diese Fantasygeschichte im Wilden Westen um einen Teenager, der mit den Toten kommunizieren und sie kurzzeitig sogar zum Leben erwecken kann. Auch wenn seine Freundschaft mit einer jungen Prostituierten durchaus anrührend ist.
(4) “Touring with the Alien”, by Carolyn Ives Gilman
Endlich mal SF! Die Aliens sind gelandet, aber niemand weiss wie. Bis einer mit seinem menschlichen "Übersetzer" eine Bustour mietet. Nette Idee, von der Historikerin Carolyn Ives Gilman mit bescheidenen stilistischen Mitteln geradlinig umgesetzt.
(3) "The Jewel and Her Lapidary", by Fran Wilde
Ambitionierte, tragische Fantasy-Geschichte um den Fall einer Herrscherfamilie eines Tals, in dem alle Macht von der Manipulation bestimmter magischer Edelsteine ausgeht. Erzählt, als ob inspiriert von der fiktiven Ruine des Königshauses, aus der Sicht der jugendlichen letzten Überlebenden Lin und Sima (Juwel und Edelsteinschleiferin). Fran Wilde lebt in Philadelphia.
Die Beiträge von Alyssa Wong und Fran Wilde sind übrigens die einzigen Finalisten dieser Kategorie, die auch für einen Nebula nominiert waren (gewonnen hat ein anderer Beitrag).
(2) “The Tomato Thief”, by Ursula Vernon
Ursula Vernon hat bereits einen Hugo gewonnen, für ihren "Web comic" "Digger" (Graphic Novels bilden eine Kategorie, in der ich mich überhaupt nicht auskenne oder wohlfühle). Ansonsten schreibt sie meist für Jugendliche. Auch die "Tomatendiebin" ist aufgrund der einfachen Sprache für Jugendliche zumindest geeignet. Es ist ein Märchen um eine alte Tomatenzüchterin, die aufgrund des titelgebenden Diebstahls noch einmal zu einem kleinen Abenteuer in die Wüste aufbricht. Es stellt sich heraus, dass sie den Gefahren dieser magischen Welt durchaus gewachsen ist, in der Eisenbahnen als Götter verehrt werden (und Bahnbeamte Priesterstatus haben und in Trance mit ihren Göttern kommunizieren). Hübsch und unterhaltsam.
(1) “The Art of Space Travel”, by Nina Allan
Nina Allan ist eine 51jährige britische Autorin, die mit dem renommierten 73jährigen SF-Autor Christopher Priest in Devon lebt. Sie erzählt eine Episode aus dem Jahr 2070, aus der Sicht der jungen Hotelangestellten Emily, die mit ihrer dementen Mutter in der Nähe von Heathrow Airport lebt. Gerade soll eine zweite Marsexpedition starten (die übrigens ohne Rückkehr der Astronauten geplant ist), und zwei Teilnehmer werden eine Nacht in Emilys Hotel verbringen. Emily spekuliert, dass einer der Astronauten der gescheiterten ersten Expedition ihr Vater sein könnte, aber die Antwort auf diese Frage ist naheliegender, als sie denkt.
Nina Allan zeichnet mit wenigen Strichen ein überzeugendes Porträt einer selbstbewussten jungen Frau, die am wenigsten dadurch charakterisiert wird, dass ihre Mutter aus Afrika stammt. Der Science-Fiction-Aspekt ist allerdings vernachlässigbar. Bis auf die Marsexpeditionen und den Absturz eines radioaktiv verseuchten Flugzeuges, dessen Untersuchung die Krankheit von Emilys Mutter verursacht hat, unterscheidet sich die Welt in 50 Jahren kaum von unserer. Aber wie in allen Literaturgattungen stehen auch bei der SF menschliche Schicksale im Mittelpunkt.
(6) Alien Stripper Boned From Behind By The T-Rex, by Stix Hiscock
Von vorne wäre auch fatal, denn aus den drei Brüsten der Ich-Erzählerin schießen beim Orgasmus Laserstrahlen. Ansonsten ist dies eine konservativ-romantische Geschichte: Die Stripperin Kelly trauert noch ihrem Tentakel-Liebhaber nach, und der T-Rex Tyrone (dank futuristischem Body-Building mit durchaus muskulösen Armen ausgestattet) hat seine Brontosaurus-Frau beim Meteor-Einschlag verloren. "Stix Hiscock" ist wohl Chuck Tingles Pseudonym für Hetero-Sexromane, auch wenn ich keine direkte Bestätigung gefunden habe. Der "schizophrene Autist" Tingle hat offenbar tatsächlich einen Fan-Kreis, die letztjährige Nominierung für "Space Raptor Butt Invasion" kommentierte er in "Slammed in the Butt by My Hugo Award Nomination". Also gebührt mein Dank den Trollen für diesen amüsanten Beitrag.
(No Award)
(5) “You’ll Surely Drown Here If You Stay”, by Alyssa Wong
Die aparte Amerikanerin Alyssa Wong war letztes Jahr bereits Finalistin für den Campbell Award als bester Neuling. Ihr poetischer Schreibstil liegt mir leider nicht, genauso wenig diese Fantasygeschichte im Wilden Westen um einen Teenager, der mit den Toten kommunizieren und sie kurzzeitig sogar zum Leben erwecken kann. Auch wenn seine Freundschaft mit einer jungen Prostituierten durchaus anrührend ist.
(4) “Touring with the Alien”, by Carolyn Ives Gilman
Endlich mal SF! Die Aliens sind gelandet, aber niemand weiss wie. Bis einer mit seinem menschlichen "Übersetzer" eine Bustour mietet. Nette Idee, von der Historikerin Carolyn Ives Gilman mit bescheidenen stilistischen Mitteln geradlinig umgesetzt.
(3) "The Jewel and Her Lapidary", by Fran Wilde
Ambitionierte, tragische Fantasy-Geschichte um den Fall einer Herrscherfamilie eines Tals, in dem alle Macht von der Manipulation bestimmter magischer Edelsteine ausgeht. Erzählt, als ob inspiriert von der fiktiven Ruine des Königshauses, aus der Sicht der jugendlichen letzten Überlebenden Lin und Sima (Juwel und Edelsteinschleiferin). Fran Wilde lebt in Philadelphia.
Die Beiträge von Alyssa Wong und Fran Wilde sind übrigens die einzigen Finalisten dieser Kategorie, die auch für einen Nebula nominiert waren (gewonnen hat ein anderer Beitrag).
(2) “The Tomato Thief”, by Ursula Vernon
Ursula Vernon hat bereits einen Hugo gewonnen, für ihren "Web comic" "Digger" (Graphic Novels bilden eine Kategorie, in der ich mich überhaupt nicht auskenne oder wohlfühle). Ansonsten schreibt sie meist für Jugendliche. Auch die "Tomatendiebin" ist aufgrund der einfachen Sprache für Jugendliche zumindest geeignet. Es ist ein Märchen um eine alte Tomatenzüchterin, die aufgrund des titelgebenden Diebstahls noch einmal zu einem kleinen Abenteuer in die Wüste aufbricht. Es stellt sich heraus, dass sie den Gefahren dieser magischen Welt durchaus gewachsen ist, in der Eisenbahnen als Götter verehrt werden (und Bahnbeamte Priesterstatus haben und in Trance mit ihren Göttern kommunizieren). Hübsch und unterhaltsam.
(1) “The Art of Space Travel”, by Nina Allan
Nina Allan ist eine 51jährige britische Autorin, die mit dem renommierten 73jährigen SF-Autor Christopher Priest in Devon lebt. Sie erzählt eine Episode aus dem Jahr 2070, aus der Sicht der jungen Hotelangestellten Emily, die mit ihrer dementen Mutter in der Nähe von Heathrow Airport lebt. Gerade soll eine zweite Marsexpedition starten (die übrigens ohne Rückkehr der Astronauten geplant ist), und zwei Teilnehmer werden eine Nacht in Emilys Hotel verbringen. Emily spekuliert, dass einer der Astronauten der gescheiterten ersten Expedition ihr Vater sein könnte, aber die Antwort auf diese Frage ist naheliegender, als sie denkt.
Nina Allan zeichnet mit wenigen Strichen ein überzeugendes Porträt einer selbstbewussten jungen Frau, die am wenigsten dadurch charakterisiert wird, dass ihre Mutter aus Afrika stammt. Der Science-Fiction-Aspekt ist allerdings vernachlässigbar. Bis auf die Marsexpeditionen und den Absturz eines radioaktiv verseuchten Flugzeuges, dessen Untersuchung die Krankheit von Emilys Mutter verursacht hat, unterscheidet sich die Welt in 50 Jahren kaum von unserer. Aber wie in allen Literaturgattungen stehen auch bei der SF menschliche Schicksale im Mittelpunkt.
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