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Samstag, 8. Juli 2017

Die Hugo-Finalisten 2017: Serien

Dies ist eine neue Kategorie, die dieses Jahr testweise eingeführt wurde. Die Voraussetzungen (mindestens drei Bände, von denen einer im Vorjahr veröffentlicht wurde) sind bereits von anderen kritisiert worden. Schön wäre es, nur abgeschlossene Serien zuzulassen, wie etwa Robert Jordans "Wheel of Time", welches vor einigen Jahren aufgrund einer Lücke in den Statuten als Roman nominiert war. Und darf eine Serie wieder und wieder nominiert werden?

Von den sechs Finalisten waren mir nur vier geläufig, nur die "Rivers of London" habe ich mitnominiert. Mein zweiter Vorschlag, die bisher dreibändige Fantasy-Reihe "Wall of Night" von Helen Lowe, fand keine Berücksichtigung. Inzwischen habe ich mich in vertretbarem Maß kundig gemacht. Hier meine Rangfolge:

(6) The Craft Sequence, by Max Gladstone

Die bisher fünf Bände dieser Fantasy-Reihe sind günstig für den Kindle erhältlich, waren aber auch Teil des Voters Package. Ich habe allerdings nach etwa 50 Seiten aufgegeben. Gladstone entwirft eine komplexe Welt mit eindimensionalen Figuren, für die ich einfach kein Interesse entwickeln konnte.

(5) The Expanse, by James S.A. Corey

Von dieser bisher sechsteiligen SF-Serie hatte ich vor Jahren den ersten Band gelesen, der zwar eine anregende Zukunft präsentiert, mich dramaturgisch aber auch nicht überzeugen konnte. Die erste Staffel der Fernsehserie (bei Netflix streambar) fand ich etwas besser.

(No Award)

(4) The October Daye Books, by Seanan McGuire

Seanan McGuire ist dieses Jahr in einer anderen Kategorie mein Favorit. Ihre Newsfeed-Reihe (als Mira Grant) hatte mich nicht vom Hocker gerissen, aber die Abenteuer der Halb-Fae October "Toby" Daye scheinen Potential zu haben. Alle zehn Romane und etliche Kurzgeschichten waren Teil des Voters Package, zu mehr als dem Erstling bin ich bisher noch nicht gekommen. Seit Potter und Twilight gibt es Urban Fantasy inzwischen in Massenproduktion, aber diese scheint lesenswert zu sein.

(3) The Temeraire series, by Naomi Novik

Naomi Noviks Märchen Uprooted war im letzten Jahr mein Favorit bei den Romanen. Von ihrer mit neun Bänden nun abgeschlossenen Fantasy um den Drachen Temeraire hatte ich immerhin sechs Bände (noch in Papierform!) gelesen, bevor ich wie offenbar die Autorin die Lust verlor. Trotzdem ist diese Alternativwelt der um eine Drachenluftwaffe erweiterten Napoleonischen Kriege ein erstaunliches Konstrukt, und Temeraire und sein Reiter Laurence sind unvergessliche Figuren.

(2) The Peter Grant / Rivers of London series, by Ben Aaronovitch

Gerade lese ich mit ungemindertem Vergnügen den sechsten Band dieser Urban Fantasy, die trotz offensichtlicher Parallelen ihre Qualität gerade in den Unterschieden zu Jim Butchers "Dresden Files" zeigt. Hier wie dort steht die Entwicklung eines jungen Magiers im Mittelpunkt, hier wie dort wird die Handlungsstadt (Chicago bzw. London) zu einem wesentlichen Charakter. Aber während Harry Dresden trotz seines Day Jobs als Privatdetektiv fest in der magischen Welt verhaftet ist, steht PC (Police Constable) Peter Grant  mit beiden Polizeistiefeln fest auf dem Boden des 21. Jahrhunderts. Gerade die Passagen, in denen er sich gewitzt durch die Wirrnisse der Polizeibürokratie manövriert, sind satirische Highlights (und lange nicht so übertrieben und selbstgefällig wie in den Laundry-Erzählungen von Charles Stross).

Aaronovitch, Jahrgang 1964, war in seiner ersten Karriere als Drehbuchautor u.a. für Doctor Who tätig. Seinen Romanen merkt man die Liebe zu seinem Heimatort an - zur Architektur, zu den Bewohnern, aber vor allem zur Multikulti-Gesellschaft, zu der auch Grant selbst einen Beitrag leistet: Seine Mutter stammt aus Sierra Leone, sein Vater, noch exotischer, ist ein weisser Jazz-Musiker. Grant ist übrigens trotz wachsender Fähigkeiten immer noch der kleine Azubi seines Chefs Nightingale, seines Zeichens Leiters der "Folly", einer inoffiziellen Abteilung der Londoner Polizei, die sich mit übernatürlichen Fällen beschäftigt (und nebenbei auf Sir Isaac Newton zurückgeht). Er ist ein Ausbilder der altmodischen Art, der noch regelmäßig die Eltern seines Lehrlings über dessen Fortschritte informiert. Grund mag sein, dass er im 19. Jahrhundert geboren wurde. Trotzdem sollte man den Veteranen nicht unterschätzen, der es im Zweiten Weltkrieg, wie es die Anekdote will, mal allein mit einem Tigerpärchen aufgenommen hatte (nicht die putzigen Raubkatzen, sondern deutschen Kampfpanzer). Er rekrutierte Peter für die Folly, als dieser versehentlich ein Gespenst als Zeugen eines Verbrechens angab.

Die Flüsse von London, nach der die Reihe benannt ist, schlängeln sich tatsächlich durch die komplette Handlung, personifiziert von mehr oder minder mächtigen Flussgöttinnen, von denen eine (nun gut, mehr eine Bachgöttin: Beverly Brook) sogar in Herz und Bett unseres jungen Helden geplätschert ist. Es sind jedenfalls liebevoll gezeichnete Figuren, mit denen ich gern Zeit verbringe (momentan etwa Grants Hidschab-tragende Kollegin Guleed, die "Muslim Ninja"). Dass Aaronovitch nicht die atemlose Spannung der Dresden Files aufbaut, sehe ich eher als erholsam an. Spannungsmomente gibt es trotzdem, nur eben punktuell, etwa wenn das Team auf den dunklen, (bisher) gesichtslosen Magier "Mr. Punch" trifft, der seine Kräfte offenbar vor allem zur Befriedigung seiner sadistischen Gelüste entwickelt hat. Ansonsten ist es einfach herrlich, Grant bei der Entwicklung seiner unkonventionellen Zauberformeln und der gleichzeitigen wissenschaftlichen Untersuchung derselben zu folgen: Praktizierte Magie zerstört z.B. elektronische Geräte in der Umgebung, etwa Mobiltelefone. Aber diese Zerstörung genügt dem Entfernungsgesetz 1/r², was Peter durch Experimentieren bestätigen kann.

(1) The Vorkosigan Saga, by Lois McMaster Bujold

Ich hatte gar nicht gewagt, diese Serie zu nominieren, genauso wenig wie den nominierungsrelevanten siebzehnten (17!) Band der Reihe, "Gentleman Jole and the Red Queen". Bujold hat bereits mehr als genug Hugos gewonnen, aber wenn diese meine Lieblingsserie nun zur Auswahl steht, kann ich nicht anders als auch für sie stimmen.

Die "Rote Königin" ist natürlich Cordelia, inzwischen Dowager Countess Vorkosigan und Vice Reine von Sergyar, des Planeten, auf dem sie in "Shards of Honor" ihren "Klingonen" Aral kennengelernt hatte. Mit kaum 70 Jahren hat sie nach Beta-Standards noch rüstige Jahrzehnte vor sich. Im Roman geht es um ihre Beziehung zu Admiral Jole, mit dem sie und Aral zu seinen Lebzeiten eine Dreiecksbeziehung gelebt hatten. Finden die beiden einsam Hinterbliebenen zueinander? Zweites Thema ist eine schwindelerregende Anzahl von möglichen Kindern, die dank moderner Fortpflanzungstechnologie  "ausgebrütet" werden könnten...

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