Barrayar (1991) ist chronologisch der zweite Roman in der Vorkosigan-Saga (abgesehen von Falling Free (1988), das 200 Jahre vor der Haupthandlung spielt). , Er entstand aber in seiner veröffentlichten Form als siebter Teil der inzwischen über zwanzig Romane und Novellen der Reihe. Daher kann man schriftstellerisch auch einen deutlichen Qualitätssprung zwischen dem Erstling Scherben der Ehre/Shards of Honor und "Barrayar" erkennen. Kurioserweise war dies der dritte Hugo-Gewinner aus der Serie, nach der Novelle "The Mountains of Mourning" (1989) und dem Roman The Vor Game (1990).
Der Roman ist aus der Sicht von Cordelia Naismith Vorkosigan erzählt. Sie stammt vom hochtechnologisierten, egalitären, notdürftig terrageformten Planeten Beta. Im Vorgänger Shards of Honor hatte sie als Leiterin einer wissenschaftlichen Expedition Lord Aral Vorkosigan kennen- und liebengelernt und muß sich nun in ihrer neuen Rolle als Lady Vorkosigan in ihrer "hinterwäldlerischen", aber ökologisch erdähnlichen neuen Heimat Barrayar zurechtfinden. Das bedingt politische, gesellschaftliche und auch alltägliche Herausforderungen; herrlich Cordelias Reaktion auf die furchteinflößenden Ungeheuer ihres Schwiegervaters: von der Erde stammende Reitpferde. Erschwerend kommt hinzu, daß Aral, der sich eigentlich vom aktiven Militärdienst zurückgezogen hat, bald als Regent des fünfjährigen Imperators Gregor Vorbarrar im Mittelpunkt politischer Intrigen steht. Während sich ein blutiger Bürgerkrieg ankündigt, wird Cordelia schwanger mit dem langersehnten Erben des Hauses Vorkosigan...
Bis zur Entdeckung einer neuen Wurmloch-Passage war der Planet Barrayar jahrhundertelang von den übrigen galaktischen Zivilisationen abgeschnitten. Alle Macht liegt beim Imperator und einem Rat von "Grafen", der Vor-Klasse, mit Namen wie Vorrutyer, Vorpatril, Vorhartung etc. Auch wenn Fluggeräte und moderne Waffen bekannt sind, handelt es sich doch eher um eine mittelalterliche Welt, geprägt von der Landwirtschaft und erst am Beginn einer industriellen Revolution. Durch die Konfrontation mit "benachbarten" Welten bricht die Moderne über Barrayar herein, und die konservativen Kräfte (unter ihnen Arals Vater, Graf Piotr Vorkosigan) müssen um ihre Vorherrschaft bangen. Neben der Entwicklung der Charaktere und dem Heranwachsen einer neuen Generation legen diese übergreifenden Konflikte die Grundlage für eine komplexe, spannende Sternensaga.
Die Autorin schreibt im Nachwort zum Sammelband "Cordelia's Honor", der Subtext der beiden Romane sei ihre Auseinandersetzung mit dem Thema Elternschaft. Und beim nachträglichen Reflektieren erkennt man tatsächlich deutlich diesen roten Faden, der die Handlung und die Entwicklung der Charaktere vorantreibt. Auch unter diesem Gesichtspunkt steht das Aufeinanderprallen von Tradition und Moderne. Auf Beta werden die meisten Säuglinge nach einigen Schwangerschaftsmonaten in "Uterin-Replikatoren" verpflanzt. Auf Barrayar dagegen werden mutierte, andersartige Babys gleich nach der (stets natürlichen) Geburt entsorgt. Cordelia und Aral sind dabei übrigens nicht die einzigen Eltern, die im Fokus stehen. Da sind die drei Generationen der Imperatorfamilie, mit dem sterbenden Großvater, der eine schwere Entscheidung bezüglich seines psychopathischen Sohns Serg fällen mußte, seiner nun verwitwete Schwiegertochter, die im Bürgerkrieg zwischen allen Fronten steht, und ihrem Sohn Gregor, auf dessen Schultern die Zukunft des Planeten liegt. Da ist der psychisch labile Sergeant Bothari, dessen Tochter Elena im Krieg durch eine (befohlene) Vergewaltigung gezeugt wurde, und da sind die Vorpatrils, deren Sohn Ivan auf der Flucht geboren wird.
Bujolds Kunst liegt darin, ihre tiefgehenden Anliegen zu einem derart spannenden, mitreißenden Garn zu verspinnen, daß sich der Leser zu keinem Zeitpunkt belehrt oder gar durch philosophische Ausführungen gelangweilt fühlt. Selten in der Geschichte der Science Fiction ist eine Welt derart plastisch dargestellt worden, und selten sind den Lesern die Figuren einer Saga so ans Herz gewachsen. Für viele Leser liegt die Bedeutung dieses Romans natürlich in der Geburtsstunde von Miles Naismith Vorkosigan, der wohl beliebtesten Figur der SF-Literatur der letzen 25 Jahre (Harry Potter zählen wir zur Fantasy). Der Erfolg der Serie ist für mich darin begründet, daß die Autorin immer wieder grundlegende menschliche Themen behandelt, vor einem wohldurchdachten technischen Hintergrund, neben reinen Abenteuerromanen und (in letzter Zeit) Romanzen, die immer noch willkommene Beiträge sind. Unglaubliche acht Teile der Saga wurden in der Roman-Kategorie für den Hugo nominiert, und mit Gewinnen für Mirror Dance (1995) und den zweiten Teil einer Fantasytrilogie, Paladin of Souls (2004), ist Bujold (Jahrgang 1949) der meistausgezeichnete lebende SF-Autor in dieser Kategorie (nur Heinlein gewann ebenfalls viermal).
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