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Montag, 12. August 2013

Klassiker auf Blu-ray #7: High Noon/12 Uhr Mittags (1952)

Zu den karg-prächtigen schwarz-weißen Bildern von Floyd Crosby (dem Vater von David Crosby) erklingen die ersten perkussiven Takten der Eingangsmusik von Dimitri Tiomkin. Später heizt das Motiv der tickenden Uhr immer wieder die atemlose Spannung an, die für die fast in Echtzeit erzählten 90 Minuten kaum nachläßt. Das vom abgehalfterten Cowboy Tex Ritter gesungene Titellied erklärt in wenigen Zeilen die komplette Ausgangssituation:

Do not forsake me, oh, my darlin',
On this, our wedding day.
Do not forsake me, oh, my darlin',
Wait; wait alone.
I do not know what fate awaits me.
I only know I must be brave.
For I must face a man who hates me,
Or lie a coward, a craven coward;
Or lie a coward in my grave.

Bis zum Showdown sehen wir einen schwitzenden Helden, der bettelt und fleht, mehrfach zur Flucht ansetzt, sich im Pferdemist prügelt, müde und verzweifelt wirkt. In der Tat keine Rolle für John Wayne - der gut 50jährige Gary Cooper wurde dafür mit seinem einzigen Oscar belohnt. In ihrer ersten Hauptrolle sehen wir eine junge, unsichere (und natürlich strahlend schöne) Grace Kelly, trotz des Altersunterschieds eine perfekte Besetzung. Oscars gab es auch für Musik und den Schnitt, aber nicht in den Hauptkategorien. Bester Film wurde damals DeMilles Größte Schau der Welt, ein mittelmäßiges,  längst vergessenes Zirkusepos, als bester Regisseur wurde John Ford für den zugegeben tollen Film Der Sieger ausgezeichnet. Der Exil-Österreicher Fred Zinneman gewann später zweimal, 1954 für sein zweites Meisterwerk Verdammt in alle Ewigkeit und 1967 für seine herausragende Thomas-Morus-Biographie Ein Mann zu jeder Jahreszeit. Tatsächlich ist High Noon ein Beispiel für eine perfekte Zusammenarbeit aller Beteiligten und ist heute als einer der besten amerikanischen Filme überhaupt anerkannt.

Aus moderner Sicht erscheint es fast selbstverständlich, daß der klassische Western eine Phantasie ist, die Illusion einer Zeit starker Helden, aufrichtiger Bürger und einiger weniger üblen Geschäftemacher und Banditen. In den 50ern war etwa Howard Hawks derart erbost über diese Entzauberung des Mythos, daß er 1959 mit Rio Bravo eine Art Gegenthese veröffentlichte (ein schöner Abenteuerfilm, aber nicht mehr). Selbst in späteren revisionistischen Western, etwa John Fords Der Mann, der Liberty Valance erschoß (1962) oder sogar Costners Der mit dem Wolf tanzt (1990) wird die Pionierzeit immer noch romantisch verklärt, bis dann die Coen-Brüder mit True Grit, einer düsteren Neuinterpretation ausgerechnet eines John-Wayne-Abenteuers, dem Genre den Todesstoß versetzten.

Aber 12 Uhr Mittags ist ja nur formal ein Western. Im Kern wird eine Gemeinschaft gezeigt, wie sie leider nur zu plausibel ist, ohne Zivilcourage, ohne echte Freundschaft, ohne gelebte christliche Nächstenliebe. Natürlich ist das eine Allegorie auf das Hollywood der McCarthy-Ära, als viele Filmschaffende mit realen oder vermuteten Verbindungen zu kommunistischen Ideen plötzlich allein dastanden, ohne Arbeit und ohne Unterstützung der Kollegen. Selbst die Arbeit an diesem "linken" Film  führte für die Mitwirkenden zu Schwierigkeiten, wie etwa Lloyd Bridges (Vater von Beau und Jeff) später bezeugte, der in der kleinen Rolle des stellvertretenden Marshalls zu sehen ist.

Dieses Thema ist leider viel universeller und auch heute noch aktuell. Gerade in den USA mag die Angst vor den Roten Horden in den Hintergrund getreten sein, aber dafür gibt es etwas ähnlich Schlimmes, nämlich eine übertriebene politische Korrektheit. Die Bürgerrechte von Minderheiten werden immer noch mit Füßen getreten, aber der Polizist, der den schwarzen Verdächtigen ansonsten recht ruppig behandelt, muß ihn heute respektvoll mit "Sir" ansprechen, das steht in den Vorschriften. Homosexuelle werden immer noch vielfach geächtet, aber wehe, ein Komödiant (wie vor einigen Jahren Michael Richards, "Kramer" aus Seinfeld) bedient sich in einem improvisierten Monolog homophober Klischees. In jüngerer Zeit gab es den Fall der TV-Köchin Paula Deen, die zugegeben hatte, gelegentlich das "N-Wort" ("Nigger") benutzt zu haben. Niemand fragt, wie sei denn ihre schwarzen Angestellten behandelt haben mag, aber dieser äußere Anschein von Rassismus führt zur Ausgrenzung und faktisch zum Blacklisting im Fernsehgeschäft. Ähnliche Ausgrenzung droht in den USA oft auch Politikern, die des Ehebruchs überführt werden - plötzlich will niemand etwas mit ihnen zu tun haben. Leider gilt gleiches nicht, wenn jemand Dummheit nachgewiesen wird - vielleicht weil es keine entsprechende Interessengemeinschaft gibt (Tina Fey hat allerdings jüngst für 30 Rock.eine solche erfunden: Idiots Are People Two! ;-) In allen geschilderten Fällen können die Betroffenen jedenfalls froh sein, wenn ihre Liebsten zu ihnen halten - auf die Gemeinschaft ist trotz aller ehemaligen Verdienste kein Verlaß. O mein Liebling, verlaß mich bitte nicht...

Die gerade weltweit erschienene Blu-ray des Klassikers bietet ein brillant restauriertes Bild im Originalformat (4:3), tadellosen Originalton und eine Fülle von empfehlenswerten Extras.

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