Terminator: Dark Fate verhält sich zu James Camerons bahnbrechenden Actionknallern von 1984 und 1990 wie Das Erwachen der Macht zur ursprünglichen Star-Wars-Trilogie (ich bin nicht der erste, der diesen Vergleich zieht, aber er passt einfach zu gut). Es ist eine Fortsetzung, die über große Strecken wie ein Remake wirkt, setzt auf die Kombination der vertrauten Altstars mit frischen Gesichtern und kommt inszenatorisch möglichst altmodisch daher, wenngleich allein aus Budget-Gründen mehr Computertechnik zum Einsatz kommen muss. Und ich gebe zu, auch diesmal spricht mich das Ergebnis an. Manchmal ist man ja froh über ein Actionspektakel mit Figuren, mit denen man mitfiebern kann, und klaren Grenzen zwischen Gut und Böse. Grautöne gibt es nur im Bart von Arnold Schwarzenegger, nicht in seiner Figur (welchem Lager diese zuzurechnen ist, will ich hier nicht verraten).
Aber der 72jährige ehemalige Gouvernator ist nicht der Altstar, der die Handlung bestimmt (tatsächlich tritt er erst in der zweiten Hälfte auf), sondern seine neun Jahre jüngere Mitstreiterin Linda Hamilton. Sarah Connor is back! Und allein ihre Stimme bringt Terminator-Herzen zum vibrieren... Leider stellt ihre Präsenz ihr vermeintlich jüngeres Ich Dani Ramos ziemlich in den Schatten. Der junge kolumbianische Seifenopernstar Natalia Reyes ist das schwächste Glied in der Besetzungskette. Das liegt aber zum Teil am Drehbuch, das ihr einfach zu wenig zu tun gibt. Sie arbeitet ja in einer Fabrik - hätte man sie nicht zu einer Art mechanischem Genie machen können? Vielleicht kann sie aus Heftpflaster und Büroklammern Exterminatoren basteln, oder wenigstens Determinatoren? Diese Schwäche wird aber mehr als wettgemacht durch Mackenzie Davis (Der Marsianer, Blade Runner 2049) als die geheimnisvolle Grace. Dies ist die bislang beste Rolle für die 32jährige, der jetzt hoffentlich mal ein paar Hauptrollen angetragen werden! Der Terminator Gabriel Luna hingegen bleibt blass, vor allem wenn man an Vorbild Kristanna Loken in Rebellion der Maschinen (2003) denkt, dem ersten (und immer noch besten) Versuch eines dritten Terminator-Teils.
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Dieser Teil wie auch die beleidigend schlechten Neuversuche Erlösung (2009) und Genisys (2015) werden im Handlungskonstrukt von Dark Fate ignoriert. Dieses kann dafür erstmals wieder eine direkte Beteiligung von James Cameron vorweisen, auch wenn der 65jährige die Regie Tim Miller (Deadpool) überlassen hat, da er selbst ja an seinen Avatar-Fortsetzungen werkelt (die so eine Art filmisches BER-Projekt darstellen: Teil 2 ist für 2021 angekündigt). Erstaunlich ist nur, dass anders als bei Alita: Battle Angel, das Cameron mit mäßigem Erfolg von Robert Rodriguez drehen ließ, diesmal auf 3D verzichtet wurde - vielleicht hat sich in dieser Hinsicht Tim Miller durchgesetzt.
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Nachdem Cameron den 6. Terminator-Teil zunächst als Abschluss des Franchise bezeichnet hatte, ist nun doch die Rede von einer "neuen Trilogie". Schon bei Star Wars hat man gesehen, welch schlechte Idee das sein kann, und zudem fehlt dann - aber ich will ja nicht spoilern. Und nachdem die LKW-Verfolgungsjagden nun bereits mit Flugzeug-Verfolgungsjagden gesteigert wurden, bietet sich dann nur noch ein Terminator 7: Moonraker an. Wie auch immer, wenn eine Zeitreisensaga auf der Stelle tritt, ist dies ein kreatives Paradox. In einem Kinojahr mit vielen enttäuschenden oder erwartet mittelmäßigen Spektakeln (Mortal Engines, Men in Black: International, Gemini Man) bietet Terminator: Dark Fate immerhin spannende Unterhaltung, und deshalb schäme ich mich auch nicht für meine Wertung: Gut (7/10)
Neben Kinofilmen bespreche ich auch TV-Serien, Musik und Bücher, mit dem Schwerpunkt Science Fiction.
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Samstag, 26. Oktober 2019
Samstag, 21. September 2019
Mit Brad Pitt durch die Zeiten: Tarantinos 8 1/2 (7/10) und Ad Astra (5/10)
Nach einigen schwachen Darbietungen (Allied, War Machine) und einem privaten Pit Stop (Trennung von Angelina Jolie, Alkoholprobleme) zeigt Brad Pitt in diesem Jahr endlich mal wieder Starpower und ausgefeilte Figuren. Dabei könnten die beiden aktuellen Rollen des 55jährigen kaum unterschiedlicher sein. Vielleicht reicht es gerade deshalb im kommenden Frühjahr für seine vierte Oscar-Nominierung als Schauspieler (er gewann bereits einen Goldjungen als Produzent von 12 Years a Slave).
In Quentin Tarantinos "neuntem Film" Once Upon a Time... in Hollywood (im deutschen Verleihtitel wurden die Punkte weggelassen, um uns nicht zu überfordern) spielt Brad Pitt als Cliff Booth genauso brillant auf wie Co-Star Leonardo DiCaprio als Rick Dalton, wobei der Ältere (!) als Stuntdouble des Jüngeren möglicherweise in die Supporting-Kategorie verbannt werden wird. Die darstellerischen Leistungen sind auch schon das beste, was es über Tarantinos Epos zu vermelden gibt. Die drei Kinostunden sind selbst für Fans und Kenner des alten Hollywoods exzessiv, was leider auch für den Soundtrack gilt, wo bei einer Autofahrt schon mal fünf verschiedene Songs angespielt werden.
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Langweilig wird es dann aber doch nicht, zumindest wenn man wie ich bei der Sichtung von Michelle Phillips und Cass Elliot (für Laien: Mama Michelle und Mama Cass) eine Gänsehaut bekommt und zumindest schmunzeln muss, wenn DiCaprios Rick Dalton in eine ikonische Szene von Gesprengte Ketten hineinprojiziert wird. Das ist übrigens auch im Film nur ein Wunschtraum, und der tatsächliche Star Steve McQueen wird hier verblüffend authentisch verkörpert von Damian Lewis. Nicht schmunzeln konnte ich allerdings über Mike Moh als Bruce Lee. Diese schlechte Karikatur ist eine unreflektierte Fortsetzung der Demütigungen, die die Actionlegende in Hollywood über sich ergehen lassen musste, bevor er sich (erst kurz vor seinem viel zu frühen Tod) mit seinem Meisterwerk Der Mann mit der Todeskralle ("Enter the Dragon") international Respekt verschaffte.
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Aber dies ist eine der wenigen nicht so gelungenen Szenen. Dafür gibt es zum Beispiel eine rührende Sequenz zwischen DiCaprio und der zehnjährigen Julia Butters am Set der TV-Western-Serie Lancer. Auch das Casting von Schauspielersprossen funktioniert. Insbesondere die 24jährige Margaret Qualley, Tochter von Andy McDowell, ist umwerfend als Manson-Jüngerin Pussycat, die sich von Cliff Booth zur Manson-Farm chauffieren lässt.
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Des weiteren tauchen auf: Dakota Fanning, Lena Dunham, Rumer Willis (Tochter von Bruce Willis und Demi Moore) Harley Quinn Smith (Tochter von Kevin Smith) und Maya Hawke (die Tochter von Ethan Hawke und Tarantino-Spezi Uma Thurman war gerade prominenter zu begutachten in der enttäuschenden dritten Staffel von Stranger Things). Und dann gibt es noch Cameos von Kurt Russell (als Erzähler), Al Pacino (hua!) und Bruce Dern. In den Credits unterscheidet Tarantino dann auch die normale Crew und "die Gang", zu der auch Zoë Bell und Michael Madsen gehören.
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Und immer wieder bringt Margot Robbie als Sharon Tate die Leinwand zum Leuchten. Robbie als Tate schaut sich übrigens Tate als Freya Karlson in einer Kinovorstellung von Rollkommando ("The Wrecking Crew") an. Das war eine Krimikomödie mit Dean Martin als Superspion Matt Helm, umgeben von vielen schönen Frauen (u.a. Nancy Kwan). Immer wenn der verlebte 50jährige verführerisch wirken sollte, stolzierte er mit alkoholseliger Grimasse auf das Opfer zu, und aus dem Off erklang einer seiner Hits (die auch heute noch Frauenherzen zum Schmelzen bringen können). Auch Tate bekommt am Ende ihre Portion Dino ab, aber bis dahin brilliert sie eher mit komischem Slapstick (Stuntkoordinator war übrigens: Bruce Lee). Würde sich heute niemand mehr für interessieren, wenn es nicht diese Tragödie gegeben hätte, die auch ihren Schatten über Tarantinos Epos wirft und am Ende dann auch zur (einzigen) Gewaltorgie Anlass gibt, die mir persönlich eher den Magen umgedreht hat.
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Ich persönlich habe ansonsten kein Problem mit Tarantinos Umdichtung der Realität. Man darf halt nicht vergessen, dass dies keine Dokumentation ist, sondern eine für den Meister typische Geschichtsstunde, die seine sehr persönliche Sicht auf die Periode wiedergibt (was ja auch der Leone-inspirierte Titel betont). Wenn also Dalton und Booth ins Schwärmen geraten: "Roman F*cking Polanski, Regisseur von Rosemarys Baby", dann sprechen sie nur als Stellvertreter für den Regisseur, denn Roman Polanski erlangte erst Jahre später mit seinem Meisterwerk Chinatown Kultstatus.
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Once Upon a Time... ist also keine Katastrophe wie The Hateful Eight, aber auch kein neues Pulp Fiction. Der Film ist eine Anreihung teilweise toller Szenen, findet aber keinen Spannungsbogen. Tatsächlich glaube ich, dass diesmal die angedrohte Zweitverwertung als Miniserie bei Netflix sinnvoll sein könnte, da die Struktur ohnehin schon episodisch ist. Tarantino will nach dem zehnten Film (als Regisseur) aufhören, wobei seine Zählweise eigenwillig ist: Kill Bill zählt als ein Film (in Ordnung), aber sein Grindhouse-Beitrag Death Proof müsste eigentlich nur halb zählen, womit wir bei 8 1/2 angelangt wären (Filmkenner: grinst). Meine Wertung: ein großzügiges Gut (7/10).
Noch nie ist ein Mensch für eine Aussprache mit dem entfremdeten Vater weiter gereist als Roy McBride: Ad Astra. Gleich der Neptun muss es sein, nach der Degradierung von Pluto der äußerste Planet unseres Sonnensystems, wobei Regisseur James Gray und sein unbekannter Co-Autor Ethan Gross offenbar mit Science nichts am Helm haben. Die Reise vom Mond zum Mars dauert drei Wochen, aber unterwegs fängt man einen Notruf ab, stoppt mal eben, um zu helfen, und düst dann weiter. So funktioniert Raketentechnik nicht. Auch kommt man auf dem Weg vom Mars zum Neptun nicht einfach an Jupiter und Saturn vorbei. Das ist eine Verkürzung des Planetensystems auf eine Dimension! Ansonsten hinterlässt McBride auf seiner Reise eine verblüffende Anzahl von Weltraumleichen (in naher Zukunft ist man sogar auf dem Mond nicht vor Piraten sicher). Da war selbst Passengers konzeptionell überzeugender, und Vergleiche mit Gravity lasse ich gar nicht erst zu.
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Na gut, dann ist dies also eine Science-Fiction-Hülle mit ein paar eingestreuten Actionszenen für ein Vater-Sohn-Drama. Das ist aber im Endeffekt auch nicht sehr überzeugend. Was im Gedächtnis bleibt, ist Brad Pitts zentrale Performance als Major Roy McBride, selbst ein Weltraumheld und doch überschattet von seinem legendären Vater. Tatsächlich sind alle anderen kaum mehr als Statisten: Liv Tyler als seine Ex, Ruth Negga als Mars-Administratorin, der 84jährige Donald Sutherland als Kollege von McBrides Vater, und schließlich der 72jährige Tommy Lee Jones als besonders stoischer Clifford McBride. Es erschließt sich mir allerdings nicht, warum man einen solchen Star castet und ihm dann nichts zu tun gibt. Aber eben: Brad Pitt, bedächtig, mit hypnotisierenden inneren Monologen, unterstützt von Max Richters sphärischen Weltraumklängen. Muss halt jeder selbst beurteilen, ob er diese zweistündige Reise mit ihm antreten möchte. Für mich war's annehmbar (5/10).
In Quentin Tarantinos "neuntem Film" Once Upon a Time... in Hollywood (im deutschen Verleihtitel wurden die Punkte weggelassen, um uns nicht zu überfordern) spielt Brad Pitt als Cliff Booth genauso brillant auf wie Co-Star Leonardo DiCaprio als Rick Dalton, wobei der Ältere (!) als Stuntdouble des Jüngeren möglicherweise in die Supporting-Kategorie verbannt werden wird. Die darstellerischen Leistungen sind auch schon das beste, was es über Tarantinos Epos zu vermelden gibt. Die drei Kinostunden sind selbst für Fans und Kenner des alten Hollywoods exzessiv, was leider auch für den Soundtrack gilt, wo bei einer Autofahrt schon mal fünf verschiedene Songs angespielt werden.
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Langweilig wird es dann aber doch nicht, zumindest wenn man wie ich bei der Sichtung von Michelle Phillips und Cass Elliot (für Laien: Mama Michelle und Mama Cass) eine Gänsehaut bekommt und zumindest schmunzeln muss, wenn DiCaprios Rick Dalton in eine ikonische Szene von Gesprengte Ketten hineinprojiziert wird. Das ist übrigens auch im Film nur ein Wunschtraum, und der tatsächliche Star Steve McQueen wird hier verblüffend authentisch verkörpert von Damian Lewis. Nicht schmunzeln konnte ich allerdings über Mike Moh als Bruce Lee. Diese schlechte Karikatur ist eine unreflektierte Fortsetzung der Demütigungen, die die Actionlegende in Hollywood über sich ergehen lassen musste, bevor er sich (erst kurz vor seinem viel zu frühen Tod) mit seinem Meisterwerk Der Mann mit der Todeskralle ("Enter the Dragon") international Respekt verschaffte.
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Aber dies ist eine der wenigen nicht so gelungenen Szenen. Dafür gibt es zum Beispiel eine rührende Sequenz zwischen DiCaprio und der zehnjährigen Julia Butters am Set der TV-Western-Serie Lancer. Auch das Casting von Schauspielersprossen funktioniert. Insbesondere die 24jährige Margaret Qualley, Tochter von Andy McDowell, ist umwerfend als Manson-Jüngerin Pussycat, die sich von Cliff Booth zur Manson-Farm chauffieren lässt.
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Des weiteren tauchen auf: Dakota Fanning, Lena Dunham, Rumer Willis (Tochter von Bruce Willis und Demi Moore) Harley Quinn Smith (Tochter von Kevin Smith) und Maya Hawke (die Tochter von Ethan Hawke und Tarantino-Spezi Uma Thurman war gerade prominenter zu begutachten in der enttäuschenden dritten Staffel von Stranger Things). Und dann gibt es noch Cameos von Kurt Russell (als Erzähler), Al Pacino (hua!) und Bruce Dern. In den Credits unterscheidet Tarantino dann auch die normale Crew und "die Gang", zu der auch Zoë Bell und Michael Madsen gehören.
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Und immer wieder bringt Margot Robbie als Sharon Tate die Leinwand zum Leuchten. Robbie als Tate schaut sich übrigens Tate als Freya Karlson in einer Kinovorstellung von Rollkommando ("The Wrecking Crew") an. Das war eine Krimikomödie mit Dean Martin als Superspion Matt Helm, umgeben von vielen schönen Frauen (u.a. Nancy Kwan). Immer wenn der verlebte 50jährige verführerisch wirken sollte, stolzierte er mit alkoholseliger Grimasse auf das Opfer zu, und aus dem Off erklang einer seiner Hits (die auch heute noch Frauenherzen zum Schmelzen bringen können). Auch Tate bekommt am Ende ihre Portion Dino ab, aber bis dahin brilliert sie eher mit komischem Slapstick (Stuntkoordinator war übrigens: Bruce Lee). Würde sich heute niemand mehr für interessieren, wenn es nicht diese Tragödie gegeben hätte, die auch ihren Schatten über Tarantinos Epos wirft und am Ende dann auch zur (einzigen) Gewaltorgie Anlass gibt, die mir persönlich eher den Magen umgedreht hat.
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Ich persönlich habe ansonsten kein Problem mit Tarantinos Umdichtung der Realität. Man darf halt nicht vergessen, dass dies keine Dokumentation ist, sondern eine für den Meister typische Geschichtsstunde, die seine sehr persönliche Sicht auf die Periode wiedergibt (was ja auch der Leone-inspirierte Titel betont). Wenn also Dalton und Booth ins Schwärmen geraten: "Roman F*cking Polanski, Regisseur von Rosemarys Baby", dann sprechen sie nur als Stellvertreter für den Regisseur, denn Roman Polanski erlangte erst Jahre später mit seinem Meisterwerk Chinatown Kultstatus.
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Once Upon a Time... ist also keine Katastrophe wie The Hateful Eight, aber auch kein neues Pulp Fiction. Der Film ist eine Anreihung teilweise toller Szenen, findet aber keinen Spannungsbogen. Tatsächlich glaube ich, dass diesmal die angedrohte Zweitverwertung als Miniserie bei Netflix sinnvoll sein könnte, da die Struktur ohnehin schon episodisch ist. Tarantino will nach dem zehnten Film (als Regisseur) aufhören, wobei seine Zählweise eigenwillig ist: Kill Bill zählt als ein Film (in Ordnung), aber sein Grindhouse-Beitrag Death Proof müsste eigentlich nur halb zählen, womit wir bei 8 1/2 angelangt wären (Filmkenner: grinst). Meine Wertung: ein großzügiges Gut (7/10).
Noch nie ist ein Mensch für eine Aussprache mit dem entfremdeten Vater weiter gereist als Roy McBride: Ad Astra. Gleich der Neptun muss es sein, nach der Degradierung von Pluto der äußerste Planet unseres Sonnensystems, wobei Regisseur James Gray und sein unbekannter Co-Autor Ethan Gross offenbar mit Science nichts am Helm haben. Die Reise vom Mond zum Mars dauert drei Wochen, aber unterwegs fängt man einen Notruf ab, stoppt mal eben, um zu helfen, und düst dann weiter. So funktioniert Raketentechnik nicht. Auch kommt man auf dem Weg vom Mars zum Neptun nicht einfach an Jupiter und Saturn vorbei. Das ist eine Verkürzung des Planetensystems auf eine Dimension! Ansonsten hinterlässt McBride auf seiner Reise eine verblüffende Anzahl von Weltraumleichen (in naher Zukunft ist man sogar auf dem Mond nicht vor Piraten sicher). Da war selbst Passengers konzeptionell überzeugender, und Vergleiche mit Gravity lasse ich gar nicht erst zu.
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Na gut, dann ist dies also eine Science-Fiction-Hülle mit ein paar eingestreuten Actionszenen für ein Vater-Sohn-Drama. Das ist aber im Endeffekt auch nicht sehr überzeugend. Was im Gedächtnis bleibt, ist Brad Pitts zentrale Performance als Major Roy McBride, selbst ein Weltraumheld und doch überschattet von seinem legendären Vater. Tatsächlich sind alle anderen kaum mehr als Statisten: Liv Tyler als seine Ex, Ruth Negga als Mars-Administratorin, der 84jährige Donald Sutherland als Kollege von McBrides Vater, und schließlich der 72jährige Tommy Lee Jones als besonders stoischer Clifford McBride. Es erschließt sich mir allerdings nicht, warum man einen solchen Star castet und ihm dann nichts zu tun gibt. Aber eben: Brad Pitt, bedächtig, mit hypnotisierenden inneren Monologen, unterstützt von Max Richters sphärischen Weltraumklängen. Muss halt jeder selbst beurteilen, ob er diese zweistündige Reise mit ihm antreten möchte. Für mich war's annehmbar (5/10).
Sonntag, 16. Juni 2019
Hugo-Finalisten 2019: Novellen und Kurzformen
Novellen
Bei den Novellen sind in diesem Jahr drei Neulinge und drei Wiederholungstäter im Rennen (nämlich die Gewinner der letzten drei Jahre).6. Gods, Monsters and the Lucky Peach (Kelly Robson)
Eine Satire, bei der die Autorin den Witz vergessen hat. Zeitreisen als Kommerz, mit dem Handbuch für Projektmanagement statt der Bibel im Gepäck (es lebe Microsoft Project!)
5. Binti: The Night Masquerade (Nnedi Okorafor)
Der Abschluss der Trilogie, eigentlich zweiter Teil eines Romans, ist immer noch hübsch, kann aber kaum für sich allein stehen, wie ich schon im Vorjahr ausgeführt habe.
4. The Black God's Drums (Djèlí Clark)
Djèlí Clark ist zwar keine Frau, dafür aber schwarz und schwul. Die Stärke der Novelle liegen in der ethnischen Verwurzelung in einem alternativen New Orleans des 19. Jahrhunderts. Französischkenntnisse bei der Lektüre hilfreich.
3. The Tea Master and the Detective (Aliette de Bodard)
Bodard ist dieses Jahr mit ihrem Universe of Xuya, einer Reihe locker verbundener Novellen und Kurzgeschichten, auch Finalist für die Beste Serie. Vietnamesen im Weltall! Mal was anderes, aber auch anstrengend, vor allem der erste Band, "On a Red Station, Drifting". Die aktuelle Novelle "The Tea Master and the Detective" dagegen ist eine amüsante Variation des Doyleschen Rezepts, mit einer geheimnisvollen Gelehrten als Holmes und einer Raumschiff-KI als kriegsversehrtem Watson (ja, das Raumschiff brüht Tee). Gewann bereits den Nebula.
2. Artificial Condition (Martha Wells)
Die Fortsetzung der Murderbot-Memoiren ist nicht ganz so packend wie der Hugo-Gewinner vom Vorjahr, und natürlich ist der Überraschungseffekt flöten gegangen, sie macht aber immer noch Spaß. Martha Wells' "The Death of the Necromancer" habe ich allerdings nach der Hälfte wieder aufgegeben.
1. Beneath the Sugar Sky (Seanan McGuire)
Es sind einfach wunderbare, märchenhafte Geschichten, die Seanan McGuire in ihrer Reihe um die "Wayward Children" schreibt. "Unter dem Zuckerhimmel" ist eine magische Reise durch gleich mehrere Fabelwelten.
Noveletten
Hier wie bei den Kurzgeschichten fällt es mir wie immer schwer, eine Reihenfolge zu bestimmen. Die Beiträge sind übrigens auch in der Länge sehr unterschiedlich (+- 10.000 Wörter).1. “If at First You Don’t Succeed, Try, Try Again” (Zen Cho)
Über Hartnäckigkeit, die Werdung eines Drachen und eine Art lesbische Liebe
2. When We Were Starless (Simone Heller)
Aliens treffen auf das Planetarium einer untergegangenen Zivilisation; das Führungshologramm erscheint ihnen als Geist und soll exorziert werden. Englischsprachige Geschichte einer Münchner Schriftstellerin!
3. “Nine Last Days on Planet Earth” (Daryl Gregory)
Es regnet außerirdische Pflanzen, aber das Leben geht weiter.
4. “The Last Banquet of Temporal Confections” (Tina Connolly)
Zutaten, die lebensechte Erinnerungen heraufbeschwören - 5D-Kino inklusive den Empfindungen der Opfer
No Award
5. "The Only Harmless Great Thing" (Brooke Bolander)
Elephantische Dystopie. Bolander ist einfach nicht mein Fall. Hat aber den Nebula gewonnen und gilt wohl als Favorit.
6. “The Thing About Ghost Stories” (Naomi Kritzer)
Meta-Geistergeschichte mit echter Geistergeschichte - leider weder gruselig noch sonstwie unterhaltsam
Kurzgeschichten
“The Secret Lives of the Nine Negro Teeth of George Washington” (P. Djèlí Clark)Facetten von Rassismus anhand der allegorischen neun Beutezähne des ersten amerikanischen Präsidenten. Gewann bereits den Nebula.
“The Court Magician” (Sarah Pinsker)
Pinsker hat zumindest nette Ideen. Hier geht es um einen Magier, der für jeden Zauberspruch ein Körperteil verlieren muss.
No Award
“The Tale of the Three Beautiful Raptor Sisters, and the Prince Who Was Made of Meat” (Brooke Bolander)
Für Bolander ganz amüsant, aber mir immer noch zu aggressiv feministisch.
“The Rose MacGregor Drinking and Admiration Society” (T. Kingfisher)
Rose MacGregor hat offenbar eindrucksvolle Brüste.
“A Witch’s Guide to Escape: A Practical Compendium of Portal Fantasies” (Alix E. Harrow)
Bibliothekare sind entweder Hexen oder?
6. “STET” (Sarah Gailey)
Hä?
Beste Serie
Wo ich schon mal dabei bin, hier ein paar Worte zur Besten Serie (eine Kategorie, von der ich immer noch nicht überzeugt bin). Diesmal habe ich mir ein ganz gutes Bild machen können.1. The Laundry Files (Charles Stross)
Auch wenn ich die letzten Bände nicht mehr gelesen habe, war diese Reihe am Anfang doch ziemlich toll, wovon ich mich durch die Lektüre einer frühen Kurzgeschichte aus der Voters Package nochmals überzeugen konnte. Siehe auch meine Kritik zur Gewinner-Novelle Equoid von 2014.
2. The October Daye Series (Seanan McGuire)
Ich lese gerade Band fünf (von inzwischen 15, glaube ich), und mehr als gediegene Unterhaltung kommt immer noch nicht dabei rum. Aber na ja...
No Award
3. The Universe of Xuya (Aliette de Bodard)
Die Reihe erfüllt gerade so die geforderte Wortezahl. Das ist mir zu dünn.
4. Wayfarers (Becky Chambers)
Bestes Beispiel, warum ich die Kategorie nicht mag. Das ist einfach kein Hugo-Material. Siehe meine Gedanken zu den Roman-Finalisten.
5. The Centenal Cycle (Malka Older)
60 Jahre in der Zukunft gibt es eine Weltregierung, die in Bezirken à 100.000 Einwohnern gewählt wird. Mehr ein weltfernes politisches Manifest denn eine SF-Geschichte der Ethik-Expertin, bin ich da nicht reingekommen.
6. Machineries of Empire (Yoon Ha Lee)
Die bisherigen drei Romane sind alle unter die Finalisten gekommen. Warum? Ist mir schleierhaft.
Samstag, 4. Mai 2019
Die Hugo-Finalisten der Kategorie Roman 2019
Irgendwie hat sich die SF-Community in eine politisch korrekte Ecke steuern lassen. Unter den 30 Finalisten in den fünf Belletristik-Kategorien sind in diesem Jahr gerade mal drei männliche Autoren dabei, dazu mit Yoon Ha Lee eine quere Person. Diese Über-Kompensation bringt allerdings aus meiner Sicht einen erheblichen Qualitätsverlust mit sich. Sie ist auch nicht auf die Hugos beschränkt: Bei den Nebulas der amerikanischen Autorenschaft ergibt sich ein ähnliches Bild. Dort ist mit Witchmark von C.L. Polk sogar ein besserer Groschenroman in der Auswahl, mit einer farblosen Liebesgeschichte zwischen zwei männlichen Wesen (aus Zeitgründen war das im Vorfeld leider mein einziger Versuch, nominierungswürdige Werke zu finden). Bei den Romanen kann ich maximal drei preiswürdige Kandidaten erkennen:
1. Spinning Silver (Naomi Novik): siehe meine ausführliche Rezension.
2. Trail of Lightning (Rebecca Roanhorse)
Rebecca Roanhorse hat im letzten Jahr mit ihrer Kurzgeschichte "Welcome to your Authentic Indian Experience™" gewonnen. Dieser erste Band einer Urban Fantasy ist auch ihr erster veröffentlichter Roman. Er spielt in einer nahen Zukunft, nachdem weite Teile der USA überschwemmt und unbewohnbar geworden sind, in einem erweiterten Navajo-Reservat. Die präzise ethnische Einordnung der Heldin ist dann auch die Stärke dieses Debuts. Ansonsten entspringt die Ich-Erzählerin leider der Standardschablone der Urban Fantasy: eine Heldin ohne Selbstachtung, aber mit überirdischen Kräften, übermächtigen Freunden und überdurchschnittlichen Popkulturkenntnissen. Eher zweitrangig, aber für eine Einführung doch stark. Wohingegen mich Seanan McGuires October Daye auch nach drei (von bislang 12) Romanen noch nicht überzeugt hat (die Reihe ist in diesem Jahr wiederum als Beste Serie im Rennen). Was lobe ich mir doch Aaronovichs Peter Grant (inzwischen immerhin vom Constable zum Detective befördert), der auch nach sieben Bänden noch keine Halbgötter in seinem Stammbaum entdeckt hat und sich auch nicht zur Weltrettung berufen fühlt.
3. Space Opera (Catherynne M. Valente)
Die Erde muss an einem intergalaktischen Musikwettbewerb teilnehmen, um den Wert der Menschheit zu belegen (die Spezie, die den letzten Platz einnimmt, wird eliminiert). Dies ist die satirisch auf die Spitze getriebene Sicht einer Amerikanerin auf den European Song Contest. Bereits in der Vorrunde gibt es freundschaftliche Attentatsversuche. Und da Yoko Ono in dieser Zukunft leider schon verstorben ist, muss die abgehalfterte Punk-Glam-Band Decibel Jones & the Zeros antreten. Das ist amüsant, aber aufgrund der poetischen Allüren der Autorin auf Dauer auch ziemlich anstrengend. Die Hälfte hätte ich gern mehr als halbwegs verstanden, und weniger als die Hälfte weiß ich nicht halb so gut zu würdigen, wie sie es verdient hätte.
No Award
4. The Calculating Stars (Mary Robinette Kowal)
Die Puppenspielerin und Gelegenheitsautorin erzählt hier (und im angekündigten Folgeband) die Vorgeschichte der Lady Astronaut of Mars, ihrer Hugo-prämierten Novelette von 2014. Sie spielt in einem Parallelwelt-Amerika, dessen Hauptstadt 1952 von einem Meteor zerstört wird, was aufgrund verheerender Klimaprognosen zu einem Wettrennen bei der Besiedlung der Nachbarplaneten führt. Das ist zunächst packend erzählt, aber die SF-Seite dieses beschleunigten Weltraumprogramms wird immer mehr zum belanglosen Hintergrund der Lebens- und Leidensgeschichte der weinerlichen Ich-Erzählerin, die sich anfühlt, als wäre eine moderne Frau des 21. Jahrhunderts in die 50er Jahre zurücktransportiert worden und wunderte sich nun, warum sie von den Männern nicht als ebenbürtig anerkannt wird. Das ist ein fatal falscher Feminismus, der weder die historische Periode noch heutige Ungerechtigkeiten erhellt.
5. Record of a Spaceborn Few (Becky Chambers)
Dies ist der dritte Roman im weitgehend friedlichen Universum einer fernen Zukunft. Den Vorgänger A Closed and Common Orbit hatte ich vor zwei Jahren noch einigermaßen wohlwollend beurteilt. Dies ist nun ein Langweiler ersten Grades, dessen Konzept, Episoden aus dem Leben einfacher Bewohner eines Generationenschiffs zu erzählen, einfach nicht aufgeht.
6. Revenant Gun (Yoon Ha Lee)
Diesen dritten Band um Kriegsführung mittels mathematischer Magie werde ich nicht einmal lesen, wenn er im Voters Package enthalten sein sollte (welches noch nicht verfügbar ist). Zu allem Überfluss ist die Reihe nun auch noch als Beste Serie im Rennen...
1. Spinning Silver (Naomi Novik): siehe meine ausführliche Rezension.
2. Trail of Lightning (Rebecca Roanhorse)
Rebecca Roanhorse hat im letzten Jahr mit ihrer Kurzgeschichte "Welcome to your Authentic Indian Experience™" gewonnen. Dieser erste Band einer Urban Fantasy ist auch ihr erster veröffentlichter Roman. Er spielt in einer nahen Zukunft, nachdem weite Teile der USA überschwemmt und unbewohnbar geworden sind, in einem erweiterten Navajo-Reservat. Die präzise ethnische Einordnung der Heldin ist dann auch die Stärke dieses Debuts. Ansonsten entspringt die Ich-Erzählerin leider der Standardschablone der Urban Fantasy: eine Heldin ohne Selbstachtung, aber mit überirdischen Kräften, übermächtigen Freunden und überdurchschnittlichen Popkulturkenntnissen. Eher zweitrangig, aber für eine Einführung doch stark. Wohingegen mich Seanan McGuires October Daye auch nach drei (von bislang 12) Romanen noch nicht überzeugt hat (die Reihe ist in diesem Jahr wiederum als Beste Serie im Rennen). Was lobe ich mir doch Aaronovichs Peter Grant (inzwischen immerhin vom Constable zum Detective befördert), der auch nach sieben Bänden noch keine Halbgötter in seinem Stammbaum entdeckt hat und sich auch nicht zur Weltrettung berufen fühlt.
3. Space Opera (Catherynne M. Valente)
Die Erde muss an einem intergalaktischen Musikwettbewerb teilnehmen, um den Wert der Menschheit zu belegen (die Spezie, die den letzten Platz einnimmt, wird eliminiert). Dies ist die satirisch auf die Spitze getriebene Sicht einer Amerikanerin auf den European Song Contest. Bereits in der Vorrunde gibt es freundschaftliche Attentatsversuche. Und da Yoko Ono in dieser Zukunft leider schon verstorben ist, muss die abgehalfterte Punk-Glam-Band Decibel Jones & the Zeros antreten. Das ist amüsant, aber aufgrund der poetischen Allüren der Autorin auf Dauer auch ziemlich anstrengend. Die Hälfte hätte ich gern mehr als halbwegs verstanden, und weniger als die Hälfte weiß ich nicht halb so gut zu würdigen, wie sie es verdient hätte.
No Award
4. The Calculating Stars (Mary Robinette Kowal)
Die Puppenspielerin und Gelegenheitsautorin erzählt hier (und im angekündigten Folgeband) die Vorgeschichte der Lady Astronaut of Mars, ihrer Hugo-prämierten Novelette von 2014. Sie spielt in einem Parallelwelt-Amerika, dessen Hauptstadt 1952 von einem Meteor zerstört wird, was aufgrund verheerender Klimaprognosen zu einem Wettrennen bei der Besiedlung der Nachbarplaneten führt. Das ist zunächst packend erzählt, aber die SF-Seite dieses beschleunigten Weltraumprogramms wird immer mehr zum belanglosen Hintergrund der Lebens- und Leidensgeschichte der weinerlichen Ich-Erzählerin, die sich anfühlt, als wäre eine moderne Frau des 21. Jahrhunderts in die 50er Jahre zurücktransportiert worden und wunderte sich nun, warum sie von den Männern nicht als ebenbürtig anerkannt wird. Das ist ein fatal falscher Feminismus, der weder die historische Periode noch heutige Ungerechtigkeiten erhellt.
5. Record of a Spaceborn Few (Becky Chambers)
Dies ist der dritte Roman im weitgehend friedlichen Universum einer fernen Zukunft. Den Vorgänger A Closed and Common Orbit hatte ich vor zwei Jahren noch einigermaßen wohlwollend beurteilt. Dies ist nun ein Langweiler ersten Grades, dessen Konzept, Episoden aus dem Leben einfacher Bewohner eines Generationenschiffs zu erzählen, einfach nicht aufgeht.
6. Revenant Gun (Yoon Ha Lee)
Diesen dritten Band um Kriegsführung mittels mathematischer Magie werde ich nicht einmal lesen, wenn er im Voters Package enthalten sein sollte (welches noch nicht verfügbar ist). Zu allem Überfluss ist die Reihe nun auch noch als Beste Serie im Rennen...
Samstag, 23. März 2019
Endgültig Hugo-würdig: The Expanse
Die Qualitätskurve der TV-Serie The Expanse nimmt momentan den umgekehrten Verlauf der Neuauflage von Kampfstern Galactica (ab 2003). Die fing super-stark an, bot über zwei Staffeln die beste TV-Science-Fiction der Dekade und verlor sich dann in immer abstruseren (und düsteren) Handlungseinfällen. Zuletzt wurde uns verkauft, dass Starbuck und einige andere Hauptfiguren von Anfang an Zylonen-Schläfer gewesen sein sollten. Solche Twists um der Twists selbst sind leider typisch für das Fernsehen des 21. Jahrhunderts. Einer der Schuldigen ist J.J. Abrams, dessen Durchbruch, die Agentenserie Alias mit Jennifer Garner, anfangs ebenfalls tolle und gut vorbereitete Wendungen bot, bevor den Autoren dann nichts sinnvolles mehr einfiel (am Ende wurde dann sogar der langweiligsten Figur Michael Vaughn noch eine Geheimidentität untergeschoben).
The Expanse basiert allerdings auf einer auf neun Bände angelegten Serie von Romanen des Autorenteams James S.A. Corey. Das Pseudonym steht für Daniel Abraham und Ty Franck, die die Fernsehserie auch mitproduzieren. Und auch wenn mir der erste Band genauso wenig gefallen hatte wie die einführende Staffel, haben die beiden sicherlich ein Konzept für den Handlungsrahmen. In der nunmehr dritten Staffel (mit wie zuvor 13 Episoden) zahlt sich das nun langsam aus, und plötzlich flimmert endlich wieder eine würdige SF-Serie über unsere Bildschirme (na ja, flimmern tun moderne Fernseher eigentlich nicht mehr). Beinahe wäre es übrigens damit vorbei gewesen, aber nach der Absetzung durch SyFy (die nach der Umbenennung von SciFi vergessen haben, wie man gute Shows pflegt) ist glücklicherweise Amazon Prime Studios eingesprungen. Die ersten Staffeln hatte ich paradoxerweise noch auf Netflix gesehen (dort sind sie nicht mehr streambar), momentan gibt es nur die aktuelle dritte Staffel per Flatrate im Prime-Programm. Das wird sich sicher mit der kommenden vierten Staffel ändern.
Im 24. Jahrhundert hat die Menschheit das Sonnensystem weitgehend erschlossen. Es gibt drei Machtkonzentrationen: die von den Vereinten Nationen kapitalistisch-demokratisch geführte Erde, der militaristisch regierte Mars und den anarchistischen Asteroidengürtel ("Belt"). Die Raumfahrttechnik ist einigermaßen realistisch extrapoliert. Wir befinden uns allerdings nicht auf der Enterprise. Bei Notmanövern wird nicht einfach ein bisschen mit der Kamera gewackelt. Jene phantastischste aller Star-Trek-Techniken, nämlich die "Künstliche Schwerkraft" und der Beschleunigungsausgleich (bei Perry Rhodan heißt das Andruck-Konverter) werden uns nicht untergeschoben. Dafür kommt immer noch eine nützliche Erfindung des 20. Jahrhunderts zum Einsatz: der Sicherheitsgurt. Trotzdem sind die Beschleunigungen der Raketenantriebe von 5G und mehr gefährlich für Besatzung und Passagiere. Als Ausgleich hat die Medizintechnik Fortschritte gemacht. Knochenbrüche sind binnen Tagen geheilt, und sogar eine verletzte Wirbelsäule kann ersetzt werden. Allerdings ist dafür immer noch Schwerkraft Voraussetzung, entweder durch Beschleunigung oder (wie bei 2001: Odyssee im Weltall) durch einen rotierenden Zylinder.
Nachdem ich mir die Mühe gemacht hatte, diesen Abschnitt zu schreiben, fand ich bei Youtube folgende ausführliche Beschreibung des Expanse-Universums:
Im Zentrum der Erzählung steht die Rocinante, im Grunde ein Piratenschiff, nicht zufällig nach Don Quixotes treuem Gaul benannt, das die gemischte Besatzung sich von der marsianischen Marine ausgeliehen hat.Sie steht meist zwischen allen politischen Loyalitäten und hat entscheidenden Anteil an der Lösung der Krisen der bislang drei Handlungsstränge. In der ersten Staffel (10 Episoden, nach Leviathan Wakes) wird ein Protomolekül außersolarer Herkunft entdeckt, dessen Enträtselung wie ein Krimi-Thriller aufgebaut ist (mit Thomas Jane als Ermittler Joe Miller). In der zweiten Staffel wird diese Ermittlung zum Abschluss gebracht, und es entbrennt ein Krieg um die militärische Nutzung des Protomoleküls (Caliban's War). Mitte der dritten Staffel wird der Konflikt beigelegt, und die restlichen sieben Folgen (Abaddon's Gate) kreisen um das geheimnisvolle Objekt, das von einer Protomolekül-Konzentration konstruiert wird. Wahrscheinlich aufgrund der drohenden Absetzung wurde hier die Handlung stark beschleunigt. Fast zufällig sind dadurch ungeheuer packende 13 Folgen entstanden. Vermutlich noch in diesem Herbst soll es weitergehen.
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Ich habe hoffentlich nicht den Eindruck erzeugt, dass die Rocinante als primitive Enterprise durchs Weltall düst und Konflikte löst (am ehesten ist sie mit der Serenity verwandt). Die Handlungsträger sind über das gesamte Sonnensystem verteilt und oft auch hochkarätig besetzt. Da gibt es etwa politische Intrigen in der UN, wo Chrisjen Avasarala (die Iranerin mit der rauchigen Stimme Shohreh Aghdashloo) im Hintergrund die Fäden zieht und sich gegen Kriegstreiber Sadavir Errinwright (Shawn Doyle) behaupten muss, eine geheime Forschungsstation des Großindustriellen Jules-Pierre Mao (charismatisch: François Chau) auf dem Jupitermond Io, marsianische Space Marines und die zentrale Belter-Station Tycho mit ihrem Boss Fred Johnson (Chad L. Coleman). Aber immer wieder kehrt die Erzählung zum Kernteam der Rocinante zurück: Kapitän James Holden, Ingenieurin Naomi, Pilot Alex und Mechaniker (und "Mädchen für alles") Amos.
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Einer der Gründe für meine Einstiegsschwierigkeiten war sicher (neben der Tatsache, dass man mitten ins Belter-Chaos geworfen wird) die Besetzung von James Holden. Mit Steven Strait konnte ich mich einfach nicht anfreunden. Mit seiner (faktisch sicher korrekten) blassen Haut, seinem Mukkibudenkörper und den sinnlichen Lippen wirkt er mehr wie ein Gigolo als ein Kapitän. Holden soll natürlich kein James T. Kirk sein, aber ich habe mich immer noch nicht komplett an ihn gewöhnt (Steven Strait hat inzwischen einen Credit als Executive Producer und wird uns sicher erhalten bleiben). Auch mit Dominique Tipper als Naomi habe ich so meine Probleme, aber das liegt mehr an Naomis Persönlichkeit.. Dafür sind der abtrünnige Marsianer Alex (Cas Anvar) und "Jayne"-Variante Amos (Wes Chatham; harte Schale, weicher Kern) einfach fabelhaft.
In der dritten Staffel gibt es ein paar nennenswerte Neuzugänge. Zunächst ist da Bobbie Draper, eine der erwähnten marsianischen Space Marines. Wie cool ist das? Vielen Kritikern in der IMDB gefällt Frankie Adams nicht, aber mir ist sie schnell ans Herz gewachsen. Neben ihrer eindrucksvollen Statur und einem leicht exotischen Gesicht mit Aboriginee-Einschlag spricht die Neuseeländerin auch noch mit dem entzückenden Akzent ihrer Heimat (den ja Peter Jackson weltberühmt gemacht hat). Überhaupt scheint die Serie ihre Darsteller aus allen Ecken der Welt zu ermutigen, mit Akzent oder sogar Dialekt zu sprechen. Das macht das Zuhören zwar etwas mühsamer, aber auch unerhört authentisch. Gerade bei den Beltern geht mir das allerdings manchmal zu weit. Vielleicht war Gaststar Jared Harris (Staffel 1/2) schuld. Der Londoner, bekannt u.a. als Bösewicht in Codename U.N.C.L.E., spricht hier eher Gassen- als Queens-English. An sich ist es ja nachvollziehbar, dass sich die Sprache der Parias des Sonnensystems in ein hässliches Pigeon-English verwandelt (von den Hauptdarstellern spricht allein Naomi ähnlich).
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In diese Kerbe schlägt auch Cara Gee als Camina Drummer, Vize von Fred Johnson und nun Kommandantin des (einzigen) Belter-Kriegsschiffes Behemoth. Die Kanadierin ist gemäß ihren Fotos eigentlich eine attraktive, stylische Frau. Mit Goth-Makeup, Belter-typischen Tätowierungen, dem harten Akzent und ihrer heiseren Stimme entringt sie dem Begriff "herb" eine ganz neue Bedeutung. Aber ihr Machtkampf mit ihrem ersten Offizier Ashford (fabelhaft verkörpert vom 70jährigen Veteran David Strathairn) ist eines der Highlights der dritten Staffel. Auch wenn man gelegentlich Untertitel zuschalten muss, um die beiden zu verstehen. Da tröstet das gepflegte Amerikanisch der Texanerin Elizabeth Mitchell als Pastorin Anna Volovodov, die im Auftrag der inzwischen zur UN-Generalsekretärin (falls ich das richtig verstanden habe) aufgestiegenen Chrisjen mit der Erdmarine zu Abbaddons Gate unterwegs ist. In Lost hatte ich sie als Konkurrentin von Evangeline Lilly manchmal gehasst, diesmal formt sie eine der sympathischsten Figuren.
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2017 war ich noch unglücklich, dass der Folge Leviathan Wakes der Hugo als beste dramatische Präsentation (Kurzform) zugesprochen wurde (vor allem, weil der spätere Emmy-Gewinner San Junipero den Sieg verdient gehabt hätte). In diesem Jahr habe ich die Abschlussfolge Abaddon's Gate selbst nominiert, und sie ist noch vor Janet(s) mein Favorit, der besten Folge der ansonsten (auf hohem Niveau) durchwachsenen dritten Staffel von The Good Place. Jetzt hoffe ich, dass The Expanse bei Amazon noch lange Zeit die erreichte Qualität halten kann. Die Chancen stehen eigentlich gut, bei noch sechs verbleibenden Romanen als Vorlage.
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The Expanse basiert allerdings auf einer auf neun Bände angelegten Serie von Romanen des Autorenteams James S.A. Corey. Das Pseudonym steht für Daniel Abraham und Ty Franck, die die Fernsehserie auch mitproduzieren. Und auch wenn mir der erste Band genauso wenig gefallen hatte wie die einführende Staffel, haben die beiden sicherlich ein Konzept für den Handlungsrahmen. In der nunmehr dritten Staffel (mit wie zuvor 13 Episoden) zahlt sich das nun langsam aus, und plötzlich flimmert endlich wieder eine würdige SF-Serie über unsere Bildschirme (na ja, flimmern tun moderne Fernseher eigentlich nicht mehr). Beinahe wäre es übrigens damit vorbei gewesen, aber nach der Absetzung durch SyFy (die nach der Umbenennung von SciFi vergessen haben, wie man gute Shows pflegt) ist glücklicherweise Amazon Prime Studios eingesprungen. Die ersten Staffeln hatte ich paradoxerweise noch auf Netflix gesehen (dort sind sie nicht mehr streambar), momentan gibt es nur die aktuelle dritte Staffel per Flatrate im Prime-Programm. Das wird sich sicher mit der kommenden vierten Staffel ändern.
Im 24. Jahrhundert hat die Menschheit das Sonnensystem weitgehend erschlossen. Es gibt drei Machtkonzentrationen: die von den Vereinten Nationen kapitalistisch-demokratisch geführte Erde, der militaristisch regierte Mars und den anarchistischen Asteroidengürtel ("Belt"). Die Raumfahrttechnik ist einigermaßen realistisch extrapoliert. Wir befinden uns allerdings nicht auf der Enterprise. Bei Notmanövern wird nicht einfach ein bisschen mit der Kamera gewackelt. Jene phantastischste aller Star-Trek-Techniken, nämlich die "Künstliche Schwerkraft" und der Beschleunigungsausgleich (bei Perry Rhodan heißt das Andruck-Konverter) werden uns nicht untergeschoben. Dafür kommt immer noch eine nützliche Erfindung des 20. Jahrhunderts zum Einsatz: der Sicherheitsgurt. Trotzdem sind die Beschleunigungen der Raketenantriebe von 5G und mehr gefährlich für Besatzung und Passagiere. Als Ausgleich hat die Medizintechnik Fortschritte gemacht. Knochenbrüche sind binnen Tagen geheilt, und sogar eine verletzte Wirbelsäule kann ersetzt werden. Allerdings ist dafür immer noch Schwerkraft Voraussetzung, entweder durch Beschleunigung oder (wie bei 2001: Odyssee im Weltall) durch einen rotierenden Zylinder.
Nachdem ich mir die Mühe gemacht hatte, diesen Abschnitt zu schreiben, fand ich bei Youtube folgende ausführliche Beschreibung des Expanse-Universums:
Im Zentrum der Erzählung steht die Rocinante, im Grunde ein Piratenschiff, nicht zufällig nach Don Quixotes treuem Gaul benannt, das die gemischte Besatzung sich von der marsianischen Marine ausgeliehen hat.Sie steht meist zwischen allen politischen Loyalitäten und hat entscheidenden Anteil an der Lösung der Krisen der bislang drei Handlungsstränge. In der ersten Staffel (10 Episoden, nach Leviathan Wakes) wird ein Protomolekül außersolarer Herkunft entdeckt, dessen Enträtselung wie ein Krimi-Thriller aufgebaut ist (mit Thomas Jane als Ermittler Joe Miller). In der zweiten Staffel wird diese Ermittlung zum Abschluss gebracht, und es entbrennt ein Krieg um die militärische Nutzung des Protomoleküls (Caliban's War). Mitte der dritten Staffel wird der Konflikt beigelegt, und die restlichen sieben Folgen (Abaddon's Gate) kreisen um das geheimnisvolle Objekt, das von einer Protomolekül-Konzentration konstruiert wird. Wahrscheinlich aufgrund der drohenden Absetzung wurde hier die Handlung stark beschleunigt. Fast zufällig sind dadurch ungeheuer packende 13 Folgen entstanden. Vermutlich noch in diesem Herbst soll es weitergehen.
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Ich habe hoffentlich nicht den Eindruck erzeugt, dass die Rocinante als primitive Enterprise durchs Weltall düst und Konflikte löst (am ehesten ist sie mit der Serenity verwandt). Die Handlungsträger sind über das gesamte Sonnensystem verteilt und oft auch hochkarätig besetzt. Da gibt es etwa politische Intrigen in der UN, wo Chrisjen Avasarala (die Iranerin mit der rauchigen Stimme Shohreh Aghdashloo) im Hintergrund die Fäden zieht und sich gegen Kriegstreiber Sadavir Errinwright (Shawn Doyle) behaupten muss, eine geheime Forschungsstation des Großindustriellen Jules-Pierre Mao (charismatisch: François Chau) auf dem Jupitermond Io, marsianische Space Marines und die zentrale Belter-Station Tycho mit ihrem Boss Fred Johnson (Chad L. Coleman). Aber immer wieder kehrt die Erzählung zum Kernteam der Rocinante zurück: Kapitän James Holden, Ingenieurin Naomi, Pilot Alex und Mechaniker (und "Mädchen für alles") Amos.
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Einer der Gründe für meine Einstiegsschwierigkeiten war sicher (neben der Tatsache, dass man mitten ins Belter-Chaos geworfen wird) die Besetzung von James Holden. Mit Steven Strait konnte ich mich einfach nicht anfreunden. Mit seiner (faktisch sicher korrekten) blassen Haut, seinem Mukkibudenkörper und den sinnlichen Lippen wirkt er mehr wie ein Gigolo als ein Kapitän. Holden soll natürlich kein James T. Kirk sein, aber ich habe mich immer noch nicht komplett an ihn gewöhnt (Steven Strait hat inzwischen einen Credit als Executive Producer und wird uns sicher erhalten bleiben). Auch mit Dominique Tipper als Naomi habe ich so meine Probleme, aber das liegt mehr an Naomis Persönlichkeit.. Dafür sind der abtrünnige Marsianer Alex (Cas Anvar) und "Jayne"-Variante Amos (Wes Chatham; harte Schale, weicher Kern) einfach fabelhaft.
In der dritten Staffel gibt es ein paar nennenswerte Neuzugänge. Zunächst ist da Bobbie Draper, eine der erwähnten marsianischen Space Marines. Wie cool ist das? Vielen Kritikern in der IMDB gefällt Frankie Adams nicht, aber mir ist sie schnell ans Herz gewachsen. Neben ihrer eindrucksvollen Statur und einem leicht exotischen Gesicht mit Aboriginee-Einschlag spricht die Neuseeländerin auch noch mit dem entzückenden Akzent ihrer Heimat (den ja Peter Jackson weltberühmt gemacht hat). Überhaupt scheint die Serie ihre Darsteller aus allen Ecken der Welt zu ermutigen, mit Akzent oder sogar Dialekt zu sprechen. Das macht das Zuhören zwar etwas mühsamer, aber auch unerhört authentisch. Gerade bei den Beltern geht mir das allerdings manchmal zu weit. Vielleicht war Gaststar Jared Harris (Staffel 1/2) schuld. Der Londoner, bekannt u.a. als Bösewicht in Codename U.N.C.L.E., spricht hier eher Gassen- als Queens-English. An sich ist es ja nachvollziehbar, dass sich die Sprache der Parias des Sonnensystems in ein hässliches Pigeon-English verwandelt (von den Hauptdarstellern spricht allein Naomi ähnlich).
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In diese Kerbe schlägt auch Cara Gee als Camina Drummer, Vize von Fred Johnson und nun Kommandantin des (einzigen) Belter-Kriegsschiffes Behemoth. Die Kanadierin ist gemäß ihren Fotos eigentlich eine attraktive, stylische Frau. Mit Goth-Makeup, Belter-typischen Tätowierungen, dem harten Akzent und ihrer heiseren Stimme entringt sie dem Begriff "herb" eine ganz neue Bedeutung. Aber ihr Machtkampf mit ihrem ersten Offizier Ashford (fabelhaft verkörpert vom 70jährigen Veteran David Strathairn) ist eines der Highlights der dritten Staffel. Auch wenn man gelegentlich Untertitel zuschalten muss, um die beiden zu verstehen. Da tröstet das gepflegte Amerikanisch der Texanerin Elizabeth Mitchell als Pastorin Anna Volovodov, die im Auftrag der inzwischen zur UN-Generalsekretärin (falls ich das richtig verstanden habe) aufgestiegenen Chrisjen mit der Erdmarine zu Abbaddons Gate unterwegs ist. In Lost hatte ich sie als Konkurrentin von Evangeline Lilly manchmal gehasst, diesmal formt sie eine der sympathischsten Figuren.
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2017 war ich noch unglücklich, dass der Folge Leviathan Wakes der Hugo als beste dramatische Präsentation (Kurzform) zugesprochen wurde (vor allem, weil der spätere Emmy-Gewinner San Junipero den Sieg verdient gehabt hätte). In diesem Jahr habe ich die Abschlussfolge Abaddon's Gate selbst nominiert, und sie ist noch vor Janet(s) mein Favorit, der besten Folge der ansonsten (auf hohem Niveau) durchwachsenen dritten Staffel von The Good Place. Jetzt hoffe ich, dass The Expanse bei Amazon noch lange Zeit die erreichte Qualität halten kann. Die Chancen stehen eigentlich gut, bei noch sechs verbleibenden Romanen als Vorlage.
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Sonntag, 16. September 2018
Keine neuen Features: The Predator (6/10)
Ein Predator ist eigentlich ein Raubtier, während das Monster hier eher ein Trophäenjäger ist - was in dieser Neuauflage auch mehrfach erwähnt wird. Aber das klingt natürlich nicht annähernd so cool. Dieses unfreiwillige Franchise ist ohnehin nur im weitesten Sinne Science Fiction. Es kommen zwar Raumschiffe und Aliens vor, aber sonst... Zum Beispiel verstehe ich nicht, wie die Predators an der Spitze der galaktischen Nahrungspyramide stehen können, wenn sie nur im Infrarotbereich sehen können (was allerdings Raum für interessante Effekte gibt). Wie haben solche Wesen denn überhaupt das Rad erfinden können, wenn sie die dazu notwendigen Materialien nicht sehen können?
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Die Geschichte begann 1987 eher als Horror-Thriller und Schwarzenegger-Vehikel (für die Jüngeren: er war der Dwayne Johnsson der 80er). Das Original macht aber auch heute noch Spaß, wenn man die unnötige Brutalität und Arnies unpassende Einzeiler der ersten Hälfte ignoriert. Die folgende Hetzjagd im lateinamerikanischen Dschungel ist aber grandios inszeniert (von Stirb-Langsam-Regisseur John McTiernan). Gleiches kann man leider nicht für die drei Jahre später erschienene Fortsetzung behaupten, die im Großstadt-Dschungel in einer dystopischen Zukunft spielt (was in den Folgefilmen zu Recht ignoriert wurde). Predators 2 hatte mit Lethal-Weapon-Star Danny Glover zwar einen soliden Hauptdarsteller, das Drehbuch wirkt aber so zerfleischt wie am Ende die Körper seiner Mitstreiter, darunter ein junger "Jayne" Adam Baldwin. Auch dabei: der im letzten Jahr verstorbene Bill Paxton in einem bizarren Auftritt irgendwo zwischen James Dean und Robert DeNiro, der eher wie eine Probeaufnahme für einen Fernsehkrimi wirkt.
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Jedenfalls kann man dieses Machwerk von Stephen Hopkins getrost ignorieren und gleich zum dritten Teil übergehen, der 20 Jahre später entstand (zwischendurch gab es wohl noch lausige Cross-Franchise-Breeds wie Alien vs. Predator etc.) Predators (2010) unter Leitung von Nimród Antal und Robert Rodriguez spielt wieder in einem "echten" Dschungel, allerdings auf einem fremden Planeten. Eine Darstellerriege mit hohem Wiedererkennungswert (und inzwischen zwei Oscar-Preisträgern) sorgte erneut für ein kurzweiliges Schlachtfest, darunter Adrien Brody (Der Pianist), Topher Grace (Die wilden 70er), Alice Braga (City of God), Danny Trejo (Machete) und Mahershali Ali (Moonlight).
Nachdem Ridley Scott die Alien-Welle inzwischen zu Tode geritten hat, will Twentieth Century Fox nun offenbar auch aus dem verwandten B-Franchise noch ein paar Dollars erpressen. Immerhin wurde mit Shane Black als Regisseur und Autor eine Legende engagiert, die übrigens im allerersten Film bereits eine kleine Rolle spielte, damit das Studio im Notfall einen Scriptdoktor vor Ort hatte. Wie man hört, hatte der Stahlharte Profi diesmal selbst mit den Produzenten zu kämpfen. Es ist ja bekannt, dass Studiobosse selbst nur in einem stark eingeschränkten Spektrum sehen können. Rausgekommen ist daher leider wieder nur ein Hybrid aus dem Katz-und-Maus-Spiel des Originals und Blacks skurillen Ensemble-Menagen wie Kiss Kiss Bang Bang oder Nice Guys. Diese Hetzjagd ging auf Kosten der rohen Spannung, und die Charakterzeichnungen wirken sprunghafter als sonst bei ihm üblich. Irgendwie verliert er diesmal den roten Faden (vielleicht ein Infrarot-Effekt). Da gibt es zum Beispiel diesen allerliebsten Weltraumhund, der erst Bedrohung, dann nach einer improvisierten Lobotomie Verbündeter ist und schließlich in einen Anhänger gelockt und vergessen wird. Es gibt einfach zu viele Handlungsbruchstücke ohne Payoff. Dem Franchise geschuldet müssen natürlich die meisten Figuren am Ende dem Predator zum Opfer fallen. Für so manchen Antihelden hätte ich mir allerdings einen denkwürdigeren Abgang gewünscht.
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Immerhin konnte Shane Black ein Traumteam zur Mitarbeit bewegen. Hauptdarsteller Boyd Holbrook (Narcos) ist zwar ein blasser Nachfolger von Arnie, Glover und Brody, das machen seine Kumpanen, das unwahrscheinliche Comedy-Duo Keegan-Michael Key und Trevante Rhodes (Moonlight), "Theon Greyjoy" Alfie Allen, Thomas Jane (bester Darsteller aus The Expanse) als Tourette-geplagter Grantler, Augusto Aguilera und Jake (Garys Sohn) Busey, allemal wett. Hinzu kommt der 11 jährige Fast-Oscar-Kandidat Jacob Tremblay (Raum), der seine potentiell nervige Rolle zum Glück sehr zurückhaltend anlegt (der erste Trailer ließ ja das Schlimmste befürchten).
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Und dann sind da die beiden Frauen, deren Rollen ich gern getauscht hätte. Schließlich hat die wunderbare Yvonne Strahovski aus Chuck reichlich Actionerfahrung, muss sich hier aber mit der passiven Rolle als zurückgelassene Ehefrau begnügen (in ihrer aktivsten Szene wirft sie ihr Telefon ins Spülwasser). Nichts gegen Olivia Munn (Psylocke in X-Men: Apocalypse), sie gibt ihr Bestes und kann durchaus mit den Männern mithalten. Hier liegt aber auch das (Drehbuch-)Problem: Sie wird als Wissenschaftlerin eingeführt (die einzige Alien-Biologin - auf Abruf - der USA), greift sich aber bei erster Gelegenheit ein Gewehr und ist fortan nur noch selten am Mikroskop zu beobachten. Das ist ein trauriger Verrat an sowohl der Wissenschafts- als auch der Damenwelt.
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Nun ja, niemand hat ein Meisterwerk erwartet. Auch wenn die Produktion soviel gekostet hat wie die drei Vorgänger zusammen, kann man aus einem B-Franchise nicht einfach einen A-Blockbuster machen. Und Shane Black hat seine Munition wohl langsam verschossen. Was bleibt, sind durchaus unterhaltsame 100 Minuten mit Witz und ein paar Überraschungen. Ein wirkliches Upgrade kann ich aber nicht erkennen, höchstens ein Update. Ordentlich (6/10).
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Ceterum censeo tertiam dimensionem ignorandam esse.
Die Original-"Trilogie" ist zur Einstimmung auf die Fortsetzung jüngst auf UHD-Blu-ray erschienen, in für meinen Geschmack guter Bildqualität - die Restaurierung läßt nun wieder (ruhiges) Filmkorn erkennen. Kauftipp: die britische Box ist deutlich günstiger und enthält trotzdem auf fast allen Scheiben den deutschen Ton.
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Die Geschichte begann 1987 eher als Horror-Thriller und Schwarzenegger-Vehikel (für die Jüngeren: er war der Dwayne Johnsson der 80er). Das Original macht aber auch heute noch Spaß, wenn man die unnötige Brutalität und Arnies unpassende Einzeiler der ersten Hälfte ignoriert. Die folgende Hetzjagd im lateinamerikanischen Dschungel ist aber grandios inszeniert (von Stirb-Langsam-Regisseur John McTiernan). Gleiches kann man leider nicht für die drei Jahre später erschienene Fortsetzung behaupten, die im Großstadt-Dschungel in einer dystopischen Zukunft spielt (was in den Folgefilmen zu Recht ignoriert wurde). Predators 2 hatte mit Lethal-Weapon-Star Danny Glover zwar einen soliden Hauptdarsteller, das Drehbuch wirkt aber so zerfleischt wie am Ende die Körper seiner Mitstreiter, darunter ein junger "Jayne" Adam Baldwin. Auch dabei: der im letzten Jahr verstorbene Bill Paxton in einem bizarren Auftritt irgendwo zwischen James Dean und Robert DeNiro, der eher wie eine Probeaufnahme für einen Fernsehkrimi wirkt.
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Jedenfalls kann man dieses Machwerk von Stephen Hopkins getrost ignorieren und gleich zum dritten Teil übergehen, der 20 Jahre später entstand (zwischendurch gab es wohl noch lausige Cross-Franchise-Breeds wie Alien vs. Predator etc.) Predators (2010) unter Leitung von Nimród Antal und Robert Rodriguez spielt wieder in einem "echten" Dschungel, allerdings auf einem fremden Planeten. Eine Darstellerriege mit hohem Wiedererkennungswert (und inzwischen zwei Oscar-Preisträgern) sorgte erneut für ein kurzweiliges Schlachtfest, darunter Adrien Brody (Der Pianist), Topher Grace (Die wilden 70er), Alice Braga (City of God), Danny Trejo (Machete) und Mahershali Ali (Moonlight).
Nachdem Ridley Scott die Alien-Welle inzwischen zu Tode geritten hat, will Twentieth Century Fox nun offenbar auch aus dem verwandten B-Franchise noch ein paar Dollars erpressen. Immerhin wurde mit Shane Black als Regisseur und Autor eine Legende engagiert, die übrigens im allerersten Film bereits eine kleine Rolle spielte, damit das Studio im Notfall einen Scriptdoktor vor Ort hatte. Wie man hört, hatte der Stahlharte Profi diesmal selbst mit den Produzenten zu kämpfen. Es ist ja bekannt, dass Studiobosse selbst nur in einem stark eingeschränkten Spektrum sehen können. Rausgekommen ist daher leider wieder nur ein Hybrid aus dem Katz-und-Maus-Spiel des Originals und Blacks skurillen Ensemble-Menagen wie Kiss Kiss Bang Bang oder Nice Guys. Diese Hetzjagd ging auf Kosten der rohen Spannung, und die Charakterzeichnungen wirken sprunghafter als sonst bei ihm üblich. Irgendwie verliert er diesmal den roten Faden (vielleicht ein Infrarot-Effekt). Da gibt es zum Beispiel diesen allerliebsten Weltraumhund, der erst Bedrohung, dann nach einer improvisierten Lobotomie Verbündeter ist und schließlich in einen Anhänger gelockt und vergessen wird. Es gibt einfach zu viele Handlungsbruchstücke ohne Payoff. Dem Franchise geschuldet müssen natürlich die meisten Figuren am Ende dem Predator zum Opfer fallen. Für so manchen Antihelden hätte ich mir allerdings einen denkwürdigeren Abgang gewünscht.
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Immerhin konnte Shane Black ein Traumteam zur Mitarbeit bewegen. Hauptdarsteller Boyd Holbrook (Narcos) ist zwar ein blasser Nachfolger von Arnie, Glover und Brody, das machen seine Kumpanen, das unwahrscheinliche Comedy-Duo Keegan-Michael Key und Trevante Rhodes (Moonlight), "Theon Greyjoy" Alfie Allen, Thomas Jane (bester Darsteller aus The Expanse) als Tourette-geplagter Grantler, Augusto Aguilera und Jake (Garys Sohn) Busey, allemal wett. Hinzu kommt der 11 jährige Fast-Oscar-Kandidat Jacob Tremblay (Raum), der seine potentiell nervige Rolle zum Glück sehr zurückhaltend anlegt (der erste Trailer ließ ja das Schlimmste befürchten).
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Und dann sind da die beiden Frauen, deren Rollen ich gern getauscht hätte. Schließlich hat die wunderbare Yvonne Strahovski aus Chuck reichlich Actionerfahrung, muss sich hier aber mit der passiven Rolle als zurückgelassene Ehefrau begnügen (in ihrer aktivsten Szene wirft sie ihr Telefon ins Spülwasser). Nichts gegen Olivia Munn (Psylocke in X-Men: Apocalypse), sie gibt ihr Bestes und kann durchaus mit den Männern mithalten. Hier liegt aber auch das (Drehbuch-)Problem: Sie wird als Wissenschaftlerin eingeführt (die einzige Alien-Biologin - auf Abruf - der USA), greift sich aber bei erster Gelegenheit ein Gewehr und ist fortan nur noch selten am Mikroskop zu beobachten. Das ist ein trauriger Verrat an sowohl der Wissenschafts- als auch der Damenwelt.
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Nun ja, niemand hat ein Meisterwerk erwartet. Auch wenn die Produktion soviel gekostet hat wie die drei Vorgänger zusammen, kann man aus einem B-Franchise nicht einfach einen A-Blockbuster machen. Und Shane Black hat seine Munition wohl langsam verschossen. Was bleibt, sind durchaus unterhaltsame 100 Minuten mit Witz und ein paar Überraschungen. Ein wirkliches Upgrade kann ich aber nicht erkennen, höchstens ein Update. Ordentlich (6/10).
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Ceterum censeo tertiam dimensionem ignorandam esse.
Die Original-"Trilogie" ist zur Einstimmung auf die Fortsetzung jüngst auf UHD-Blu-ray erschienen, in für meinen Geschmack guter Bildqualität - die Restaurierung läßt nun wieder (ruhiges) Filmkorn erkennen. Kauftipp: die britische Box ist deutlich günstiger und enthält trotzdem auf fast allen Scheiben den deutschen Ton.
Samstag, 1. September 2018
The Good Place: Die Hugo-Gewinner 2018
Es ist schon ein wenig peinlich, wenn man sich die Preisverleihung des Worldcon 76 auf YouTube anschaut. Das ist halt eine Veranstaltung von Nerds für Nerds, oder besser: von Fans für Fans. Es gibt ein paar Veteranen wie Bob Silverberg oder George R.R. Martin, die mit ihren Präsentationen zu fesseln wissen (selbst wenn es um den Preis für die beste Fan-Kunst geht), aber ansonsten bleibt der Unterhaltungswert gering. Ausnahme war dieses Jahr der Auftritt der Queen of Nerds, Multitalent Felicia Day, die souverän den neuen Preis für das beste Jugendbuch ("Young Adult") präsentieren und gleichzeitig von ihrer Begegnung mit N.K. Jemisin schwärmen konnte.
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Kein Zufall, dass ich bisher keinem der sonstigen Finalisten eine Rezension gewidmet habe. Als da waren:
Mein Favorit (und zugleich die einzige Reihe, die ich vorab kannte) waren Brandon Sandersons "Stormlight Archives". Mit dieser epischen Fantasy, nach deren gerade erschienener dritter Band noch lange kein Ende abzusehen ist, versucht er in die Fußstapfen von Robert Jordan (dessen "Wheel of Time" er ja bekanntlich zum Abschluss gebracht hatte) und George R.R. Martin zu treten. Ich bin nicht mehr von allem begeistert, was Sanderson veröffentlicht; vor allem seine Jugendromane sind mir zu schematisch, und er macht schon in jungen Jahren (er wurde 1975 geboren) den Fehler, seine mit toll konstruierten Magiesystemen gestalteten Welten überzustrapazieren. In den "Stormlight Archives" jedoch erreicht er eine sagenhafte Erzähldichte und schafft schillernde dreidimensionale Figuren, die überlebensgroß und trotzdem erkennbar menschlich sind. Und mehr und mehr verschwimmen die Grenzen von Gut und Böse - man stelle sich vor, bei Tolkien würde man erfahren, dass die Orcs die Ureinwohner von Mittelerde waren, bevor Elben, Menschen und Zwerge das Land eroberten...
Da ich so begeistert von Martha Wells' nun preisgekrönter Novelle Murderbot Diaries war, habe ich inzwischen die ursprüngliche Trilogie ihrer Raksura-Reihe gelesen. Das sind geradlinige Abenteuer in einer reichhaltig ausgestatteten Fantasiewelt, mit einer faszinierenden Hauptfigur (wenngleich sie gelegentlich ein bißchen weinerlich daherkommt). Die ersten beiden Bände waren in der Voters Package, den dritten habe ich dazugekauft. Allerdings verstehe ich die Preispolitik des Verlages (Tor) nicht. Für die Kindle-Version älterer Romane über zehn Euro zu verlangen, grenzt an Wucher. Gleiches gilt für die Fortsetzungen der Murderbot-Diaries Für die Novellen verlangen die Händler ebenfalls bis zu zehn Euro.
Vielschreiberin Seanan McGuire hatte auch wieder eine Serie im Rennen ("InCryptid"), da komme ich aber beim besten Willen nicht hinterher. Gerade erst habe ich mir die Folgebände von Parasite gekauft...
Von einem weiteren Finalisten habe ich immerhin den ersten Band gelesen: Marie Brennans "The Memoirs of Lady Trent". Sie erzählt amüsant in (loser) Tagebuchform aus einer Parallelwelt, die technologisch ungefähr im Victorianischen Zeitalter angekommen ist, mit allerdings stark abweichender Fauna. Es ist erstaunlich, dass beim Thema Drachen noch Originalität möglich ist. Leider bleiben Figurenzeichnung und Vielschichtigkeit etwas auf der Strecke - das ist höchstens Anne Brontë, keinesfalls Charlotte.
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Die große Überraschung gab es bei den Kurzformen, bereits bei den Finalisten. Neben der obligatorischen Doctor-Who-Episode und dem staffelbesten und doch mittelmäßigen Black-Mirror-Beitrag "U.S.S. Callister", einem naiv-verqueren Rap-Song von The Clipping (zum zweiten Mal: wird das ein Trend?) und einer Folge von Star Trek: Discovery (für diesen Mist kamen dann aber kaum Stimmen zusammen) gab es zwei Finalisten der Comedy-Serie The Good Place. Die war mir völlig unbekannt, was sich aber leicht beheben ließ: Die 25 zwanzigminütigen Episoden der ersten beiden Staffeln sind zwar nicht per Flatrate, aber zu sehr fairem Preis bei Amazon Prime erhältlich.
Welch ein Vergnügen! Visuell erinnert die Serie mich an Bryan Fullers ähnlich verschrobenes Kleinod Pushing Daisies, die vor zehn Jahren auch niemand verstanden hatte und nach 22 Episoden fallengelassen wurde. Das Konzept von The Good Place klingt zunächst arg bekannt, ergibt für mich aber etwas völlig Neues: Eleanor (Kristen Bell) wird nach ihrem überraschenden Tod vom Behördenleiter Michael (Ted Danson) überaus freundlich begrüßt. Sie ist am "Guten Ort" gelandet, eine Belohnung, die nur einem winzigen Promillteil der Verstorbenen zuteil wird. Michael hat diesen Ort (es gibt verschiedene) höchstpersönlich als kitschige Kleinstadt konstruiert, mit Frozen-Yoghurt-Cafes, Palästen und Hütten (je nach Vorliebe).
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Es gibt allerdings einen Haken: Eleanor erkennt schnell, dass sie nicht wirklich hier hingehört. Nicht, dass sie den "Schlechten Ort" bevorzugen würde, aber müsste es nicht wenigstens für einen "Mittleren Ort" reichen? Jedenfalls behält sie ihre Bedenken für sich und versucht sich einzuordnen. Nicht so einfach für eine egozentrische, eigennützige Egoistin wie Eleanor. Zum Glück gibt es Chidi (William Jackson Harper), einen ehemaligen Ethikprofessor, der sie mit philosophischer Nachhilfe unterstützt. Was in der zweiten Staffel zur Diskussion des Trolley-Problems führt (dieses Gedankenexperiment ist im Zuge von Autopilot-Fahrzeugen übrigens hochaktuell): Je nach Weichenstellung wird die Straßenbahn diese oder jene Menschengruppe überfahren: Nach welchen Kriterien entscheide ich? Der Teufel hat die Lösung natürlich parat, indem er nach dem Überfahren der ersten Gruppe die Bahn entgleisen läßt und so auch die zweite Gruppe erwischt...
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Das Charmante an The Good Place ist eigentlich, dass es jeder Beschreibung spottet. Erfinder Michael Schur, der zuvor auch die herrliche "Office"-Variante Parks and Recreation aus der Taufe gehoben hatte, hat hier jedenfalls einen Volltreffer gelandet. Allein wie der 70jährige Altstar Ted Danson (Cheers) sich seine herrlich absurden Dialoge auf der Zunge zergehen läßt, ist preiswürdig. Aber auch der Rest des Ensembles, teilweise mit Neulingen besetzt, schlägt sich fabelhaft. Oh, und hatte ich Janet (D'Arcy Carden) erwähnt? Sie ist so eine Art Enzyklopädie allen Wissens des Universums, fungiert zur Not aber auch als Telefon - was Jason (Manny Jacinto), den buddhistischen Mönch mit Schweigegelübde (lange Geschichte), nicht daran hindert, sich in sie zu verlieben...
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Es ist Vor- und Nachteil zugleich, dass sich die Serie nicht in ein Schema pressen läßt. So wird im furiosen Abschluss der ersten Staffel, im Hugo-Finalisten "Michael's Gambit", die komplette Situation auf den Kopf gestellt. Was zu einer etwas durchwachsenen zweiten Staffel führt, die allerdings mit der Episode 5, "The Trolley Problem", einen tollen Höhepunkt aufzuweisen hat, der verdient (und auch mit meiner Stimme) den diesjährigen Hugo einheimsen konnte. Jetzt bin ich wahnsinnig gespannt auf die dritte Staffel, die Ende des Monats anlaufen soll.
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Romane
Der Königspreis ging wie erwartet an N.K. Jemisin für The Stone Sky, in einem historischen Hattrick, der leider auch ein schlechtes Bild der Konkurrenz zeichnet. Ihre Nominierung in der Kategorie "Beste Serie" hat sie übrigens im Vorfeld abgelehnt, obwohl diese passender gewesen wäre. Trotzdem Glückwunsch an die brillante Autorin, die nebenbei auch eine engagierte Dankesrede hielt.Kein Zufall, dass ich bisher keinem der sonstigen Finalisten eine Rezension gewidmet habe. Als da waren:
New York 2140, Kim Stanley Robinson
Nachdem ich mich vor Jahren durch seine Mars-Trilogie gequält hatte ("Red Mars" war 1993 nominiert, "Green Mars" und "Blue Mars" gewannen 1994 und 1997), ignoriere ich seine weiteren Romane regelmäßig. Er hat viele gute Ideen, auch bessere als Andy Weir in "The Martian", aber seine Figuren lassen mich kalt, und seine Plots langweilen mich. Ich bevorzuge Spider Robinson, der in diesem Jahr Ehrengast war.Raven Strategem, Yoon Ha Lee
Die Fortsetzung von Ninefox Gambit habe ich nur gelesen (bzw. ab der 2. Hälfte quergelesen), weil sie in der Voters Package enthalten war. Die zentrale Figur ist durchaus interessant, erstickt aber wiederum in komplizierten politischen Intrigen. Und Schande, wieder eine geschlechtslose Figur ohne Kontur...Six Wakes, Mur Lafferty
Mur Lafferty hat eine treue Fanbasis, zu der auch Jo Walton gehört. Ich wurde nicht warm mit der Geschichte der sechs Raumfahrer, die ohne Erinnerungen aus dem Tiefschlaf aufwachen und den Mord an sich selbst (bzw. ihren Klonen) untersuchen müssen. Nicht übel, aber auch nicht wirklich preiswürdig.The Collapsing Empire, John Scalzi
John Scalzis bester Roman bleibt Old Man's War, der 2006 leider gegen Robert Charles Wilsons Spin verlor. Über seinen Gewinner Redshirts habe ich mich bereits genug aufgeregt. "The Collapsing Empire", der erste Band einer neuen Trilogie, ist enttäuschend routiniert und vorhersehbar aufgesetzt, mit recyceltem Weltenaufbau. Kann man lesen, muss man aber nicht.Provenance, Ann Leckie
Selbst die Fans der Gewinnerin von 2014 geben zu, dass Provenance nicht ihr bestes Werk ist. Statt Tee-Ritualen gibt es diesmal eine Besessenheit mit historischen Urkunden. Durchschnittsware. Und auch wenn diesmal den meisten Figuren wieder Geschlechter zugeordnet werden, gibt es wieder eine Person unspezifizierten Geschlechts, mit vielen holprigen Pronomina. Ich halte es für eine billige Anbiederung an die quere Gemeinschaft, wenn so eine Figur plakativ eingeführt wird und wir dann nichts über die Hintergründe erfahren. Und woher weiß eigentlich jede andere Figur, dass diese Person geschlechtsneutral anzusprechen ist?Kurzformen
Hier gewannen meine Favoriten, nur bei den Noveletten hatte Suzanne Palmer mit "The Secret Life of Bots" die Nase vorn. Glückwunsch auch an Martha Wells und Rebecca Roanhorse.Beste Serie
So haben sich die Organisatoren das bestimmt nicht vorgestellt - die neue Kategorie gewann erneut Altmeisterin Lois McMaster Bujold, diesmal mit ihrer Fantasy-Reihe "The World of the Five Gods", deren ursprünglicher Roman-Trilogie (inklusive Hugo-Gewinner "Paladin of Souls" von 2003) sie jüngst um eine Handvoll Novellen um den Tempeldiener Penric und seine Dämonin Desdemona erweiterte. Das war's dann zum Glück, mehr Serien hat sie nicht in petto - Bujold nahm den Hugo nicht selbst entgegen (vielleicht war's ihr selbst peinlich), ihre Dankesbotschaft verlas ihre Kollegin und Freundin Catherine Asaro, selbst erfolgreich mit der Skolian-Serie, die allerdings scharf an der Grenze zur Schnulze angesiedelt ist.Mein Favorit (und zugleich die einzige Reihe, die ich vorab kannte) waren Brandon Sandersons "Stormlight Archives". Mit dieser epischen Fantasy, nach deren gerade erschienener dritter Band noch lange kein Ende abzusehen ist, versucht er in die Fußstapfen von Robert Jordan (dessen "Wheel of Time" er ja bekanntlich zum Abschluss gebracht hatte) und George R.R. Martin zu treten. Ich bin nicht mehr von allem begeistert, was Sanderson veröffentlicht; vor allem seine Jugendromane sind mir zu schematisch, und er macht schon in jungen Jahren (er wurde 1975 geboren) den Fehler, seine mit toll konstruierten Magiesystemen gestalteten Welten überzustrapazieren. In den "Stormlight Archives" jedoch erreicht er eine sagenhafte Erzähldichte und schafft schillernde dreidimensionale Figuren, die überlebensgroß und trotzdem erkennbar menschlich sind. Und mehr und mehr verschwimmen die Grenzen von Gut und Böse - man stelle sich vor, bei Tolkien würde man erfahren, dass die Orcs die Ureinwohner von Mittelerde waren, bevor Elben, Menschen und Zwerge das Land eroberten...
Da ich so begeistert von Martha Wells' nun preisgekrönter Novelle Murderbot Diaries war, habe ich inzwischen die ursprüngliche Trilogie ihrer Raksura-Reihe gelesen. Das sind geradlinige Abenteuer in einer reichhaltig ausgestatteten Fantasiewelt, mit einer faszinierenden Hauptfigur (wenngleich sie gelegentlich ein bißchen weinerlich daherkommt). Die ersten beiden Bände waren in der Voters Package, den dritten habe ich dazugekauft. Allerdings verstehe ich die Preispolitik des Verlages (Tor) nicht. Für die Kindle-Version älterer Romane über zehn Euro zu verlangen, grenzt an Wucher. Gleiches gilt für die Fortsetzungen der Murderbot-Diaries Für die Novellen verlangen die Händler ebenfalls bis zu zehn Euro.
Vielschreiberin Seanan McGuire hatte auch wieder eine Serie im Rennen ("InCryptid"), da komme ich aber beim besten Willen nicht hinterher. Gerade erst habe ich mir die Folgebände von Parasite gekauft...
Von einem weiteren Finalisten habe ich immerhin den ersten Band gelesen: Marie Brennans "The Memoirs of Lady Trent". Sie erzählt amüsant in (loser) Tagebuchform aus einer Parallelwelt, die technologisch ungefähr im Victorianischen Zeitalter angekommen ist, mit allerdings stark abweichender Fauna. Es ist erstaunlich, dass beim Thema Drachen noch Originalität möglich ist. Leider bleiben Figurenzeichnung und Vielschichtigkeit etwas auf der Strecke - das ist höchstens Anne Brontë, keinesfalls Charlotte.
Dramatische Formen
Nachdem ich schon befürchtet hatte, dass die öde Blade-Runner-Fortsetzung sich bei den Langformen durchsetzen könnte, hat nun doch mein Favorit gewonnen: Wonder Woman. Das passt schön zu einem Jahr, in dem es fast nur Gewinnerinnen gibt. Leider werden die Hugos in Hollywood nicht beachtet, so dass niemand aus dem Filmteam den Preis entgegennahm.Embed from Getty Images
Die große Überraschung gab es bei den Kurzformen, bereits bei den Finalisten. Neben der obligatorischen Doctor-Who-Episode und dem staffelbesten und doch mittelmäßigen Black-Mirror-Beitrag "U.S.S. Callister", einem naiv-verqueren Rap-Song von The Clipping (zum zweiten Mal: wird das ein Trend?) und einer Folge von Star Trek: Discovery (für diesen Mist kamen dann aber kaum Stimmen zusammen) gab es zwei Finalisten der Comedy-Serie The Good Place. Die war mir völlig unbekannt, was sich aber leicht beheben ließ: Die 25 zwanzigminütigen Episoden der ersten beiden Staffeln sind zwar nicht per Flatrate, aber zu sehr fairem Preis bei Amazon Prime erhältlich.
Welch ein Vergnügen! Visuell erinnert die Serie mich an Bryan Fullers ähnlich verschrobenes Kleinod Pushing Daisies, die vor zehn Jahren auch niemand verstanden hatte und nach 22 Episoden fallengelassen wurde. Das Konzept von The Good Place klingt zunächst arg bekannt, ergibt für mich aber etwas völlig Neues: Eleanor (Kristen Bell) wird nach ihrem überraschenden Tod vom Behördenleiter Michael (Ted Danson) überaus freundlich begrüßt. Sie ist am "Guten Ort" gelandet, eine Belohnung, die nur einem winzigen Promillteil der Verstorbenen zuteil wird. Michael hat diesen Ort (es gibt verschiedene) höchstpersönlich als kitschige Kleinstadt konstruiert, mit Frozen-Yoghurt-Cafes, Palästen und Hütten (je nach Vorliebe).
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Es gibt allerdings einen Haken: Eleanor erkennt schnell, dass sie nicht wirklich hier hingehört. Nicht, dass sie den "Schlechten Ort" bevorzugen würde, aber müsste es nicht wenigstens für einen "Mittleren Ort" reichen? Jedenfalls behält sie ihre Bedenken für sich und versucht sich einzuordnen. Nicht so einfach für eine egozentrische, eigennützige Egoistin wie Eleanor. Zum Glück gibt es Chidi (William Jackson Harper), einen ehemaligen Ethikprofessor, der sie mit philosophischer Nachhilfe unterstützt. Was in der zweiten Staffel zur Diskussion des Trolley-Problems führt (dieses Gedankenexperiment ist im Zuge von Autopilot-Fahrzeugen übrigens hochaktuell): Je nach Weichenstellung wird die Straßenbahn diese oder jene Menschengruppe überfahren: Nach welchen Kriterien entscheide ich? Der Teufel hat die Lösung natürlich parat, indem er nach dem Überfahren der ersten Gruppe die Bahn entgleisen läßt und so auch die zweite Gruppe erwischt...
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Das Charmante an The Good Place ist eigentlich, dass es jeder Beschreibung spottet. Erfinder Michael Schur, der zuvor auch die herrliche "Office"-Variante Parks and Recreation aus der Taufe gehoben hatte, hat hier jedenfalls einen Volltreffer gelandet. Allein wie der 70jährige Altstar Ted Danson (Cheers) sich seine herrlich absurden Dialoge auf der Zunge zergehen läßt, ist preiswürdig. Aber auch der Rest des Ensembles, teilweise mit Neulingen besetzt, schlägt sich fabelhaft. Oh, und hatte ich Janet (D'Arcy Carden) erwähnt? Sie ist so eine Art Enzyklopädie allen Wissens des Universums, fungiert zur Not aber auch als Telefon - was Jason (Manny Jacinto), den buddhistischen Mönch mit Schweigegelübde (lange Geschichte), nicht daran hindert, sich in sie zu verlieben...
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Es ist Vor- und Nachteil zugleich, dass sich die Serie nicht in ein Schema pressen läßt. So wird im furiosen Abschluss der ersten Staffel, im Hugo-Finalisten "Michael's Gambit", die komplette Situation auf den Kopf gestellt. Was zu einer etwas durchwachsenen zweiten Staffel führt, die allerdings mit der Episode 5, "The Trolley Problem", einen tollen Höhepunkt aufzuweisen hat, der verdient (und auch mit meiner Stimme) den diesjährigen Hugo einheimsen konnte. Jetzt bin ich wahnsinnig gespannt auf die dritte Staffel, die Ende des Monats anlaufen soll.
Samstag, 30. Juni 2018
Die Hugo-Finalisten 2018: Kurzformen
Hugo-Gewinnerin Jo Walton (Among Others) beschreibt in ihrem Blog ein wichtiges Merkmal von SF und Fantasy: Der Weltenaufbau wird zu einem eigenen Charakter. Was nicht heißt, dass die menschlichen (oder un-menschlichen) Figuren unwichtig werden sollten. Je kürzer allerdings die Geschichten werden, desto mehr stehen die Ideen im Vordergrund. Dagegen ist nichts zu sagen, aber ich persönlich möchte beim Lesen Personen kennenlernen und mit ihnen mitfiebern. Vielleicht deshalb sagen mir nur wenige Kurzgeschichten zu. In den letzten Jahren hat es kaum Beispiele auf dem Niveau von Sturgeon, Dick oder LeGuin gegeben. Bei den diesjährigen Nominierungen bin ich jedenfalls nicht fündig geworden. Es drängt sich auch keine Rangfolge auf, trotz ein paar netter Beiträge.
6. "Children of Thorns" Aliette de Bodard
Dieses Abenteuer in einem verwunschenen Palast ist eine Coda zu einer mir unbekannten umfangreichen Fantasy-Serie. Für sich allein konnte ich damit nichts anfangen.
5. "Extracurricular Activities" Yoon Ha Lee
Diese Military SF um den Helden Shuos Jedao ist quasi ein Flashback zur Hugo-nominierten Romantrilogie der Autoren Yoon Ha Lee (Ninefox Gambit im letzten Jahr, "Raven Strategem" in diesem). Shuos Jedao ist offenbar ein intergalaktischer Ethan Hunt, der nur mit einem Kugelschreiber bewaffnet eine gegnerische Garnison infiltrieren kann und dabei nur einen leichten Schnupfen davonträgt. Seine Gegenspieler duellieren sich nämlich mit Viren. Wenn das nicht so bierernst geschrieben wäre, hätte ich mich vielleicht amüsiert. Punktabzug auch für eine weitere beliebig geschlechtslose Figur ("they").
No Award
4. "A Series of Steaks" Vina Jie-Min Prasad
Schmecken Steaks aus dem 3D-Printer weniger gut als "echte" Schlachterzeugnisse? Wäre interessanter gewesen, wenn mich die beiden weiblichen Hauptfiguren und ihre angedeutete Romanze überzeugt hätten.
3. "Small Changes Over Long Periods" K.M. Szpara
In der Nachfolge von Chuck Tingle und Stix Hiscock bietet der Transgender-Aktivist K.M. Szpara (der angeblich einen Master in Theologie abgeschlossen hat) derbe Erotik und erörtert die wichtige philosophische Frage, wie bei einem Trans-Mann die Wandlung zum Vampir vonstatten geht. Es stellt sich heraus, dass neben Blut gewaltige Zugaben Testosteron notwendig sind.
2. "The Secret Life of Bots" Suzanne Palmer
Dieses nette Nichts ist eine Variation auf den Animationsfilm The Secret Life of Pets, im Deutschen einfach nur "Pets" (den ich unterhaltsamer fand als den ambitionierten Disney-Zwilling Zootopia). Hauptfigur ist ein in die Jahre gekommener Wartungsroboter, der trotz seiner Winzigkeit (er misst nur wenige Zentimeter) fast im Alleingang sein Raumschiff und das Sonnensystem rettet. Tatsächlich bilden die Bots eine verschworene Gemeinschaft und legen schon mal eine Gedenkmillisekunde für außer Dienst gestellte Kameraden ein.
1. "Wind Will Rove" Sarah Pinsker
Als Folk-Freund habe ich mich für diese Reflektion auf Tradition und Wandlung entschieden. Sarah Pinsker (die mit dem Ego so groß wie ein Planet, siehe ihre nominierte Novelle) beschreibt, wie Musiker auf einem Generationenraumschiff verzweifelt versuchen, ihr traditionelles Liedgut zu bewahren (es gab einen Blackout und Speicherverluste). So gibt es dogmatische Folk-Sessions, bei denen immer und immer wieder die alten Tunes heruntergedudelt werden (eine Tradition besonders der Iren, der ich nicht viel abgewinnen kann). Aber Folk-Musik muss leben, muss ihre Lieder weiterentwickeln und auf aktuelle Situationen beziehen. So jedenfalls interpretiere ich den Weg der Hauptfigur (einer Fiddlerin) und die Evolution ihres Lieblingsliedes, eben jenes "Winds Will Rove".
6. "Clearly Lettered in a Mostly Steady Hand" Fran Wilde
Eine poetische Allegorie, zu der ich keinen Zugang finden konnte.
5. "Carnival Nine" Caroline M. Yoachim
Und noch ein Abklatsch von The Secret Life of Pets, diesmal mit Aufziehpuppen. Der "Maker" zieht allmorgendlich das Gewinde der Puppen auf, was je nach Anzahl der Windungen zu unterschiedlich langen Aktivitätsdauern führt. Die Geschichte selbst ist leider schematisch-kitschig.
No Award
4. "Sun, Moon, and Dust" Ursula Vernon
Ursula Vernons Tomatendieb gewann letzes Jahr als beste Novelette. Diese Fantasy um einen Kartoffelfarmer und drei Heldengeister, die in einem magischen Schwert gefangen sind, fand ich deutlich schwächer, insbesondere den vagen homoerotischen Funken am Ende.
3. "Fandom for Robots" Vina Jie-Min Prasad
Die zweite diesjährige Nominierung der Autorin aus Singapur, die "gegen die Weltmaschine schreibt", ist ähnlich belanglos, hat aber wie mein Favorit bei den Novellen als Hauptfigur einen Roboter mit zweifelhaftem TV-Geschmack (in diesem Fall Anime), was sogar in eigenen Fangeschichten mündet.
2. "The Martian Obelisk" Linda Nagata
Linda Nagata lebt in Hawaii und schreibt vor allem "Nanopunk", wie ich aus der Wikipedia erfahre. Der Obeliks auf dem Mars soll ein Denkmal werden für die aussterbende menschliche Zivilisation. Aber ist dieses wichtiger als das Überleben der letzten Menschen auf dem Nachbarplaneten?
1. "Welcome to your Authentic Indian Experience™" Rebecca Roanhorse
Fast zufällig landet dieses Garn um virtuelle Erlebniswelten und indianische Tradition auf dem ersten Platz. Es gewann bereits den Nebula (die Nominierungen überschneiden sich nur noch bei Wilde und Prasad). Ein bisschen sperrig erzählt, hat es dann doch etwas von Phil Dicks Splittern der Realität. Authentische Ureinwohner hat Amerika ja nicht mehr zu bieten, aber Rebecca Roanhorse gibt ihre Wurzeln an mit Ohkay Owingeh (mit "schwarzer" Beimischung). Wie Prasad ist sie in diesem Jahr auch für den Campbell als "beste neue Autorin" nominiert.
Noveletten
6. "Children of Thorns" Aliette de Bodard
Dieses Abenteuer in einem verwunschenen Palast ist eine Coda zu einer mir unbekannten umfangreichen Fantasy-Serie. Für sich allein konnte ich damit nichts anfangen.
5. "Extracurricular Activities" Yoon Ha Lee
Diese Military SF um den Helden Shuos Jedao ist quasi ein Flashback zur Hugo-nominierten Romantrilogie der Autoren Yoon Ha Lee (Ninefox Gambit im letzten Jahr, "Raven Strategem" in diesem). Shuos Jedao ist offenbar ein intergalaktischer Ethan Hunt, der nur mit einem Kugelschreiber bewaffnet eine gegnerische Garnison infiltrieren kann und dabei nur einen leichten Schnupfen davonträgt. Seine Gegenspieler duellieren sich nämlich mit Viren. Wenn das nicht so bierernst geschrieben wäre, hätte ich mich vielleicht amüsiert. Punktabzug auch für eine weitere beliebig geschlechtslose Figur ("they").
No Award
4. "A Series of Steaks" Vina Jie-Min Prasad
Schmecken Steaks aus dem 3D-Printer weniger gut als "echte" Schlachterzeugnisse? Wäre interessanter gewesen, wenn mich die beiden weiblichen Hauptfiguren und ihre angedeutete Romanze überzeugt hätten.
3. "Small Changes Over Long Periods" K.M. Szpara
In der Nachfolge von Chuck Tingle und Stix Hiscock bietet der Transgender-Aktivist K.M. Szpara (der angeblich einen Master in Theologie abgeschlossen hat) derbe Erotik und erörtert die wichtige philosophische Frage, wie bei einem Trans-Mann die Wandlung zum Vampir vonstatten geht. Es stellt sich heraus, dass neben Blut gewaltige Zugaben Testosteron notwendig sind.
2. "The Secret Life of Bots" Suzanne Palmer
Dieses nette Nichts ist eine Variation auf den Animationsfilm The Secret Life of Pets, im Deutschen einfach nur "Pets" (den ich unterhaltsamer fand als den ambitionierten Disney-Zwilling Zootopia). Hauptfigur ist ein in die Jahre gekommener Wartungsroboter, der trotz seiner Winzigkeit (er misst nur wenige Zentimeter) fast im Alleingang sein Raumschiff und das Sonnensystem rettet. Tatsächlich bilden die Bots eine verschworene Gemeinschaft und legen schon mal eine Gedenkmillisekunde für außer Dienst gestellte Kameraden ein.
1. "Wind Will Rove" Sarah Pinsker
Als Folk-Freund habe ich mich für diese Reflektion auf Tradition und Wandlung entschieden. Sarah Pinsker (die mit dem Ego so groß wie ein Planet, siehe ihre nominierte Novelle) beschreibt, wie Musiker auf einem Generationenraumschiff verzweifelt versuchen, ihr traditionelles Liedgut zu bewahren (es gab einen Blackout und Speicherverluste). So gibt es dogmatische Folk-Sessions, bei denen immer und immer wieder die alten Tunes heruntergedudelt werden (eine Tradition besonders der Iren, der ich nicht viel abgewinnen kann). Aber Folk-Musik muss leben, muss ihre Lieder weiterentwickeln und auf aktuelle Situationen beziehen. So jedenfalls interpretiere ich den Weg der Hauptfigur (einer Fiddlerin) und die Evolution ihres Lieblingsliedes, eben jenes "Winds Will Rove".
Short Stories
6. "Clearly Lettered in a Mostly Steady Hand" Fran Wilde
Eine poetische Allegorie, zu der ich keinen Zugang finden konnte.
5. "Carnival Nine" Caroline M. Yoachim
Und noch ein Abklatsch von The Secret Life of Pets, diesmal mit Aufziehpuppen. Der "Maker" zieht allmorgendlich das Gewinde der Puppen auf, was je nach Anzahl der Windungen zu unterschiedlich langen Aktivitätsdauern führt. Die Geschichte selbst ist leider schematisch-kitschig.
No Award
4. "Sun, Moon, and Dust" Ursula Vernon
Ursula Vernons Tomatendieb gewann letzes Jahr als beste Novelette. Diese Fantasy um einen Kartoffelfarmer und drei Heldengeister, die in einem magischen Schwert gefangen sind, fand ich deutlich schwächer, insbesondere den vagen homoerotischen Funken am Ende.
3. "Fandom for Robots" Vina Jie-Min Prasad
Die zweite diesjährige Nominierung der Autorin aus Singapur, die "gegen die Weltmaschine schreibt", ist ähnlich belanglos, hat aber wie mein Favorit bei den Novellen als Hauptfigur einen Roboter mit zweifelhaftem TV-Geschmack (in diesem Fall Anime), was sogar in eigenen Fangeschichten mündet.
2. "The Martian Obelisk" Linda Nagata
Linda Nagata lebt in Hawaii und schreibt vor allem "Nanopunk", wie ich aus der Wikipedia erfahre. Der Obeliks auf dem Mars soll ein Denkmal werden für die aussterbende menschliche Zivilisation. Aber ist dieses wichtiger als das Überleben der letzten Menschen auf dem Nachbarplaneten?
1. "Welcome to your Authentic Indian Experience™" Rebecca Roanhorse
Fast zufällig landet dieses Garn um virtuelle Erlebniswelten und indianische Tradition auf dem ersten Platz. Es gewann bereits den Nebula (die Nominierungen überschneiden sich nur noch bei Wilde und Prasad). Ein bisschen sperrig erzählt, hat es dann doch etwas von Phil Dicks Splittern der Realität. Authentische Ureinwohner hat Amerika ja nicht mehr zu bieten, aber Rebecca Roanhorse gibt ihre Wurzeln an mit Ohkay Owingeh (mit "schwarzer" Beimischung). Wie Prasad ist sie in diesem Jahr auch für den Campbell als "beste neue Autorin" nominiert.
Sonntag, 17. Juni 2018
Die Hugo-Finalisten 2018: Novellen
Während die Auswahl in der Kategorie "Roman" in diesem Jahr sehr enttäuschend ist - es sieht nach einem Hatrick für N.K. Jemisin aus - hatte ich an den Novellen überwiegend Freude. Es handelt sich eigentlich um Kurzromane, zwischen 100 und 200 Seiten lang, abgeschlossen oder Teil einer Serie. Nicht unter die Finalisten gekommen sind übrigens die beiden jüngsten Penric-Erzählungen von Lois McMaster Bujold, dafür ist ihre "World of the Five Gods" bei den Serien im Rennen. Hier meine Abstimmungsreihenfolge:
6. River of Teeth: Sarah Gailey
Die Grundidee ist eigentlich ganz nett: Im 19. Jahrhundert werden am Mississippi Flusspferde angesiedelt und lösen bald gewöhnliche Pferde als Reittiere ab. Vor diesem Hintergrund gibt es dann eine Wildwestgeschichte, die vor allem in der Figurenzeichnung jämmerlich scheitert. Insbesondere die wild durcheinandergeworfenen Gender-Typisierungen reiben sich mit dem historischen Hintergrund, vom bisexuellen Helden, der zu Beginn des Abenteuers erstmal einen blauäugigen Buchhalter vernascht, über die taffe, schwangere Kopfgeldjägerin bis hin zu einer Person, die das Geschlechterroulette verloren hat und deshalb nur mit "they" referenziert wird. Das ist reine Anbiederung an die LGBT-Gemeinde. Die bereits erhältliche Fortsetzung kann mir gestohlen bleiben!
5. The Black Tides of Heaven: JY Yang
Die quere Autor*in erfindet ein unwahrscheinliches Zwillingspaar, das sich in einer mittelalterlichen Fantasywelt auf unterschiedlichen Seiten eines weltumspannenden Konfliktes wiederfindet. Auch hier gibt es Abzüge für die beliebigen Geschlechtertypisierungen. Während manche Personen schon mit vier (4!) Jahren ein Geschlecht zugewiesen bekommen, warten die Zwillinge damit 17 Jahre, also ca. bis zur Halbzeitpause der Erzählung. Bis dahin werden sie einzeln mit "they" angesprochen, was zu Verwirrung und Verärgerung führt. Ansonsten sind Weltenaufbau wie Charakterisierungen hier aufgrund der Kürze nicht besonders überzeugend. Auch hierzu soll es eine Fortsetzung/Erweiterung geben - pah.
NO AWARD
4. And then there were (N-One): Sarah Pinsker
Das Ego der Autorin muss größer als ein Planet sein, denn wie sonst hätte sie sich trauen können, uns diese Geschichte vorzusetzen, in der sie alle Haupt- und Nebenrollen mit sich selbst besetzt. In Ich-Form erzählt Sarah von einem Kongress, an dem Sarahs aus ausgewählten parallelen Dimensionen teilnehmen. Da ist nämlich die Physikerin (oder "Quantologin") Sarah, die mal eben nicht nur Kommunikation, sondern auch Reisen zwischen alternativen Realitäten erfunden hat. Daneben haben die Sarahs trotz identischer Gene offenbar unendliche Talente, denn es gibt preisgekrönte Autorinnen genauso wie Grammy-gewinnende Musikerinnen - allerdings keine Ärztinnen. Unsere Erzählerin ist eine schnöde Versicherungsdetektivin, was aber praktisch ist, denn eine Sarah wurde gerade tot aufgefunden - ermordet? Das erklärt die an Agatha Christie angelehnte Titelvariation. Eigentlich führt die Autorin die so beliebte Multiverse-Theorie ad absurdum, aber sie zeigt eindrücklich die reale Wahrheit, dass kleinste Entscheidungen und Zufälle einen Lebenslauf aufs nachdrücklichste beeinflussen können. Spaßig und anregend!
3. Binti - Home: Nnedi Okorafor
Dies ist die Fortsetzung des Hugo-Gewinners vom vorletzen Jahr, genauso toll geschrieben, mit einer detailliert ausgemalten, exotischen Zukunft und einer faszinierenden Hauptfigur. Mein Hauptkritikpunkt ist, dass "Home" eigentlich die erste Hälfte eines Romans darstellt. Es endet mit einem Cliffhanger und bildet damit keine abgeschlossene Geschichte wie der erste Teil. Der Abschluss ist für faire 2 Euro als eBook erhältlich (ein Preismodell, das für Novellen leider nicht üblich ist), und daher werde ich ihn direkt als nächstes lesen (er käme dann in die Auswahl für nächstes Jahr). Ein weiterer Aspekt der Binti-Saga hat mich zudem gestört. Es ist in Ordnung, dass auch in einer Zukunft mit Raumschiffen und Alienkontakten Traditionen bewahrt werden. Aber müssen dazu auch abergläubische Rituale gehören? Was ich meine (nur ein Beispiel, kommt im Buch nicht vor!): Die Aufführung eines traditionellen Regentanzes ist schön, solange die Qualität der Darbietung nicht an der Regenmenge des folgenden Monats gemessen wird. Besonders genervt hat mich, dass Binti (und übrigens nur die Himba-Frauen) nicht ohne auf die Haut aufgetragenen Schutzschlamm (otjize) in die Öffentlichkeit gehen kann - auch auf dem Universitätsplaneten, der kein Wüstenklima hat. Das ist keine zu verteidigende Tradition mehr, sondern eine angelernte Neurose, und ein gutes Beispiel, wie eine an sich vernünftige Vorschrift verknöchert und nicht mehr hilft, sondern behindert.
2. Down Among the Sticks and Bones: Seanan McGuire
Seanan McGuire ist eine Vielschreiberin, was der Qualität ihres Werks nicht unbedingt bekommt. Bisher kenne ich nur einen kleinen Querschnitt, aber zum einen vermute ich, dass sie im Laufe der Jahre besser geworden ist, zum anderen gibt es wohl Erzählungen, in die sie mehr Arbeit hineinsteckt. So gewann sie mit ihrer Novelle Every Heart a Doorway letztes Jahr verdient ihren ersten Hugo. "Down Among the Sticks and Bones" ist nun eine Art (abgeschlossene) Vorgeschichte, um die Zeit der Zwillingsschwestern Jack (Jacqueline) und Jill(ian) in ihrer Fantasiewelt. Besonders reizvoll ist das Spiel mit den Geschlechterrollen (und dies ist ein Beispiel dafür, wie man das thematisieren kann, ohne penetrant zu wirken). Der Vater hat sich einen Sohn gewünscht und unterstützt Jills Tom-Boy-Verhalten, die Mutter dagegen formt Jack zu einer neurotischen Ballerina (und ach, wie wünschen sie sich, die Schwestern könnten die Namen tauschen!) In der Fantasiewelt, in die sie mit 11 Jahren gelangen und erst mit 17 wieder verlassen, lösen sich die Schwestern dann von den Erwartungen der Eltern. Jack wird das Mündel des herrschenden Vampir-Barons, während Jill beim ortsansässigen Frankenstein-Verschnitt in die Lehre geht. Das ist spannend, komisch und traurig zugleich. Bravo!
1. All Systems Red: Martha Wells
In einer fernen Zukunft besiedelt und terraformt die Menschheit ferne Planeten. Das ist ein kommerziell gesteuertes Verfahren. Mit der Bewertung eines neuen Siedlungsplaneten wird ein kleiner Trupp von Wissenschaftlern beauftragt, bewacht von einem Standard-Kampfandroiden (nach den Regeln der federführenden Gesellschaft muss den Prospektoren pro zehn Personen eine solche Maschine zugeteilt werden). Dieser Android ist allerdings nur nach außen ein Standardmodell. Nach einem traumatischen Einsatz, bei dem er aufgrund eines Programmierfehlers Unschuldige niedergemetzelt hatte, hat er kurzerhand sein eigenes Steuerprogramm gehackt und ist nun sein eigener Herr, auch wenn er seinen Auftrag, die Wissenschaftler zu beschützen, immer noch sehr ernst nimmt. Mit typischer Künstlicher Ironie nennt er sich den "Murderbot" und erzählt in Tagebuchform seine Erlebnisse. Sogleich sympathisch wird er uns, weil er in seiner Freizeit Fernsehserien konsumiert, insbesondere Seifenopern (die leider auch sein Menschenbild prägen). Außerdem ist er in seinen Fähigkeiten eingeschränkter als wir das sonst in der SF gewohnt sind. Er ist halt als Sparmodell konzipiert, das den Vorgaben genügen muss, aber auch nicht allzu teuer in der Produktion sein darf. So ist offenbar seine Multitasking-Fähigkeit stark eingeschränkt (im Gegensatz zu Data, der bei einem Gespräch mit Menschen zeitgleich noch Shakespeares Werk analysieren kann). Zudem ist er, auch aufgrund seiner Traumatisierung, extrem schüchtern im Umgang mit Menschen. Aber gerade diese Beschränkungen machen ihn zu einer faszinierenden Figur.
Die Texanerin Martha Wells, Jahrgang 1964, kann bereits auf umfangreiche Veröffentlichungen im SF- und Fantasy-Genre zurückblicken. Vor Jahren habe ich mal eine Urban Fantasy von ihr begonnen und nach ein paar Kapiteln wieder aufgegeben ("The Death of the Necromancer"). Vielleicht war das voreilig, jedenfalls werde ich ihr jetzt noch ein paar Chancen geben. Sie ist mit ihren Raksura-Fantasy-Romanen in diesem Jahr auch für die Beste Serie im Rennen. "All Systems Red", die erste Novelle in ihren "Murderbot Diaries", hat in diesem Jahr bereits den Nebula gewonnen und ist auch mein Favorit für den Hugo. Das ist mal waschechte Science Fiction, humorvoll und actiongeladen (auch wenn ich nicht so weit wie andere Rezensenten gehen würde, dies als Military SF zu klassifizieren).
6. River of Teeth: Sarah Gailey
Die Grundidee ist eigentlich ganz nett: Im 19. Jahrhundert werden am Mississippi Flusspferde angesiedelt und lösen bald gewöhnliche Pferde als Reittiere ab. Vor diesem Hintergrund gibt es dann eine Wildwestgeschichte, die vor allem in der Figurenzeichnung jämmerlich scheitert. Insbesondere die wild durcheinandergeworfenen Gender-Typisierungen reiben sich mit dem historischen Hintergrund, vom bisexuellen Helden, der zu Beginn des Abenteuers erstmal einen blauäugigen Buchhalter vernascht, über die taffe, schwangere Kopfgeldjägerin bis hin zu einer Person, die das Geschlechterroulette verloren hat und deshalb nur mit "they" referenziert wird. Das ist reine Anbiederung an die LGBT-Gemeinde. Die bereits erhältliche Fortsetzung kann mir gestohlen bleiben!
5. The Black Tides of Heaven: JY Yang
Die quere Autor*in erfindet ein unwahrscheinliches Zwillingspaar, das sich in einer mittelalterlichen Fantasywelt auf unterschiedlichen Seiten eines weltumspannenden Konfliktes wiederfindet. Auch hier gibt es Abzüge für die beliebigen Geschlechtertypisierungen. Während manche Personen schon mit vier (4!) Jahren ein Geschlecht zugewiesen bekommen, warten die Zwillinge damit 17 Jahre, also ca. bis zur Halbzeitpause der Erzählung. Bis dahin werden sie einzeln mit "they" angesprochen, was zu Verwirrung und Verärgerung führt. Ansonsten sind Weltenaufbau wie Charakterisierungen hier aufgrund der Kürze nicht besonders überzeugend. Auch hierzu soll es eine Fortsetzung/Erweiterung geben - pah.
NO AWARD
4. And then there were (N-One): Sarah Pinsker
Das Ego der Autorin muss größer als ein Planet sein, denn wie sonst hätte sie sich trauen können, uns diese Geschichte vorzusetzen, in der sie alle Haupt- und Nebenrollen mit sich selbst besetzt. In Ich-Form erzählt Sarah von einem Kongress, an dem Sarahs aus ausgewählten parallelen Dimensionen teilnehmen. Da ist nämlich die Physikerin (oder "Quantologin") Sarah, die mal eben nicht nur Kommunikation, sondern auch Reisen zwischen alternativen Realitäten erfunden hat. Daneben haben die Sarahs trotz identischer Gene offenbar unendliche Talente, denn es gibt preisgekrönte Autorinnen genauso wie Grammy-gewinnende Musikerinnen - allerdings keine Ärztinnen. Unsere Erzählerin ist eine schnöde Versicherungsdetektivin, was aber praktisch ist, denn eine Sarah wurde gerade tot aufgefunden - ermordet? Das erklärt die an Agatha Christie angelehnte Titelvariation. Eigentlich führt die Autorin die so beliebte Multiverse-Theorie ad absurdum, aber sie zeigt eindrücklich die reale Wahrheit, dass kleinste Entscheidungen und Zufälle einen Lebenslauf aufs nachdrücklichste beeinflussen können. Spaßig und anregend!
3. Binti - Home: Nnedi Okorafor
Dies ist die Fortsetzung des Hugo-Gewinners vom vorletzen Jahr, genauso toll geschrieben, mit einer detailliert ausgemalten, exotischen Zukunft und einer faszinierenden Hauptfigur. Mein Hauptkritikpunkt ist, dass "Home" eigentlich die erste Hälfte eines Romans darstellt. Es endet mit einem Cliffhanger und bildet damit keine abgeschlossene Geschichte wie der erste Teil. Der Abschluss ist für faire 2 Euro als eBook erhältlich (ein Preismodell, das für Novellen leider nicht üblich ist), und daher werde ich ihn direkt als nächstes lesen (er käme dann in die Auswahl für nächstes Jahr). Ein weiterer Aspekt der Binti-Saga hat mich zudem gestört. Es ist in Ordnung, dass auch in einer Zukunft mit Raumschiffen und Alienkontakten Traditionen bewahrt werden. Aber müssen dazu auch abergläubische Rituale gehören? Was ich meine (nur ein Beispiel, kommt im Buch nicht vor!): Die Aufführung eines traditionellen Regentanzes ist schön, solange die Qualität der Darbietung nicht an der Regenmenge des folgenden Monats gemessen wird. Besonders genervt hat mich, dass Binti (und übrigens nur die Himba-Frauen) nicht ohne auf die Haut aufgetragenen Schutzschlamm (otjize) in die Öffentlichkeit gehen kann - auch auf dem Universitätsplaneten, der kein Wüstenklima hat. Das ist keine zu verteidigende Tradition mehr, sondern eine angelernte Neurose, und ein gutes Beispiel, wie eine an sich vernünftige Vorschrift verknöchert und nicht mehr hilft, sondern behindert.
2. Down Among the Sticks and Bones: Seanan McGuire
Seanan McGuire ist eine Vielschreiberin, was der Qualität ihres Werks nicht unbedingt bekommt. Bisher kenne ich nur einen kleinen Querschnitt, aber zum einen vermute ich, dass sie im Laufe der Jahre besser geworden ist, zum anderen gibt es wohl Erzählungen, in die sie mehr Arbeit hineinsteckt. So gewann sie mit ihrer Novelle Every Heart a Doorway letztes Jahr verdient ihren ersten Hugo. "Down Among the Sticks and Bones" ist nun eine Art (abgeschlossene) Vorgeschichte, um die Zeit der Zwillingsschwestern Jack (Jacqueline) und Jill(ian) in ihrer Fantasiewelt. Besonders reizvoll ist das Spiel mit den Geschlechterrollen (und dies ist ein Beispiel dafür, wie man das thematisieren kann, ohne penetrant zu wirken). Der Vater hat sich einen Sohn gewünscht und unterstützt Jills Tom-Boy-Verhalten, die Mutter dagegen formt Jack zu einer neurotischen Ballerina (und ach, wie wünschen sie sich, die Schwestern könnten die Namen tauschen!) In der Fantasiewelt, in die sie mit 11 Jahren gelangen und erst mit 17 wieder verlassen, lösen sich die Schwestern dann von den Erwartungen der Eltern. Jack wird das Mündel des herrschenden Vampir-Barons, während Jill beim ortsansässigen Frankenstein-Verschnitt in die Lehre geht. Das ist spannend, komisch und traurig zugleich. Bravo!
1. All Systems Red: Martha Wells
In einer fernen Zukunft besiedelt und terraformt die Menschheit ferne Planeten. Das ist ein kommerziell gesteuertes Verfahren. Mit der Bewertung eines neuen Siedlungsplaneten wird ein kleiner Trupp von Wissenschaftlern beauftragt, bewacht von einem Standard-Kampfandroiden (nach den Regeln der federführenden Gesellschaft muss den Prospektoren pro zehn Personen eine solche Maschine zugeteilt werden). Dieser Android ist allerdings nur nach außen ein Standardmodell. Nach einem traumatischen Einsatz, bei dem er aufgrund eines Programmierfehlers Unschuldige niedergemetzelt hatte, hat er kurzerhand sein eigenes Steuerprogramm gehackt und ist nun sein eigener Herr, auch wenn er seinen Auftrag, die Wissenschaftler zu beschützen, immer noch sehr ernst nimmt. Mit typischer Künstlicher Ironie nennt er sich den "Murderbot" und erzählt in Tagebuchform seine Erlebnisse. Sogleich sympathisch wird er uns, weil er in seiner Freizeit Fernsehserien konsumiert, insbesondere Seifenopern (die leider auch sein Menschenbild prägen). Außerdem ist er in seinen Fähigkeiten eingeschränkter als wir das sonst in der SF gewohnt sind. Er ist halt als Sparmodell konzipiert, das den Vorgaben genügen muss, aber auch nicht allzu teuer in der Produktion sein darf. So ist offenbar seine Multitasking-Fähigkeit stark eingeschränkt (im Gegensatz zu Data, der bei einem Gespräch mit Menschen zeitgleich noch Shakespeares Werk analysieren kann). Zudem ist er, auch aufgrund seiner Traumatisierung, extrem schüchtern im Umgang mit Menschen. Aber gerade diese Beschränkungen machen ihn zu einer faszinierenden Figur.
Die Texanerin Martha Wells, Jahrgang 1964, kann bereits auf umfangreiche Veröffentlichungen im SF- und Fantasy-Genre zurückblicken. Vor Jahren habe ich mal eine Urban Fantasy von ihr begonnen und nach ein paar Kapiteln wieder aufgegeben ("The Death of the Necromancer"). Vielleicht war das voreilig, jedenfalls werde ich ihr jetzt noch ein paar Chancen geben. Sie ist mit ihren Raksura-Fantasy-Romanen in diesem Jahr auch für die Beste Serie im Rennen. "All Systems Red", die erste Novelle in ihren "Murderbot Diaries", hat in diesem Jahr bereits den Nebula gewonnen und ist auch mein Favorit für den Hugo. Das ist mal waschechte Science Fiction, humorvoll und actiongeladen (auch wenn ich nicht so weit wie andere Rezensenten gehen würde, dies als Military SF zu klassifizieren).
Samstag, 27. Januar 2018
The Bizarre Brainchildren of Max Landis: "Bright" & "Dirk Gentlys holistische Detektei"
Vor 2.000 Jahren hat eine Allianz von Menschen, Elben und abtrünnigen Orcs den Dunklen Herrscher besiegt. Nun leben ihre Nachkommen in einem modernen Los Angeles. Allerdings sind die Rassengrenzen nicht überwunden: Elben sind die Reichen und Schönen, Orcs leben in von Gangsterbanden beherrschten Ghettos, und Menschen bilden eine Art Mittelschicht (von Zwergen und Hobbits ist bislang nichts bekannt). Daher ist Officer Daryl Ward (Will Smith) auch nicht begeistert, als ihm mit Nick Jacoby (Joel Edgerton) der erste Orc-Polizist von L.A. als Partner zugeteilt wird. Der macht sich gleich verdächtig, als er einen orcischen (ist das die politisch korrekte Bezeichnung?) Räuber nicht dingfest machen kann, der zuvor Ward eine Schrotladung in die kugelsichere Weste verpasst hatte. Selbst die interne Revision möchte den Fremdkörper loswerden, doch dann spitzen sich die Ereignisse zu...
Alles klar, oder? Ein x-ter neuer Aufguss der Buddy-Komödie, mit einem Twist, der 1991 als Spacecop L.A. 1991 ("Alien Nation") schon kläglich gescheitert war, trotz der sympathischen Stars James Caan und Mandy Patinkin (ich kann gar nicht genug betonen, wie grauenvoll dieses Machwerk nach einem Buch von Rockne S. O'Bannon war, welches trotzdem eine kurzlebige Fernsehserie auskotzte). Die Brachialgewalt, mit der Netflix seit einem Monat versuchte, mir dieses Prestigeobjekt Bright in den Schlund zu rammen, hatte meine Skepsis nur verstärkt (über Wochen startete der Film jedesmal durch, sobald ich auf meinem Samsung-Fernseher die Netflix-App aufrief).
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Soweit die Vorurteile. Aber dann habe ich erkannt, wer denn hinter dem 90-Millionen-Projekt steckt. Drehbuchautor Max Landis hat sich mal eben 3,5 Millionen vom Kuchen einverleibt - selbstredend nur ein Bruchteil der Gage für den Star Will Smith, aber ein dickes Tortenstück für einen Schreiberling. Und eines sind die Werke von Max Landis niemals: vorhersehbar. Klar spielt er mit gängigen Klischees, setzt diese aber mit ungeheurem Erfindungsgeist neu zusammen, nach dem bewährten Tarantino-Prinzip. Der Sohn von Kultregisseur John Landis (Blues Brothers) und seiner Kostümdesignerin Deborah Nadoolman (Oscar-nominiert für Der Prinz aus Zamunda) ist gerade 32 Jahre alt und für Autorenverhältnisse schon ein Veteran. American Ultra mit Jesse Eisenberg und Kristen Stewart sowie Mr. Right mit Sam Rockwell und Anna Kendrick waren zwar keine Publikumsrenner, aber ragen aus dem Studioeinerlei der letzten Jahre allemal heraus.
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Ein "Bright" ist ein magisches Wesen, meist eine Elbenfrau, dessen Kernfähigkeit erstmal darin besteht, nicht zu explodieren, wenn es einen Zauberstab berührt. Man müsste das mit "Lichtwesen" übersetzen, auch wenn die Brights, denen wir in Bright begegnen, eher der Dunkelheit zugetan sind (und den Dunklen Herrscher von den Toten auferwecken wollen). Hier findet sich endlich einmal wieder eine passende Rolle für Noomi Rapace, die eindrucksvolle Originalbesetzung der Lisbeth Salander in Verblendung, deren schwedische Merkwürdigkeit und Intensität zuletzt in Prometheus verschenkt waren. Hier leuchtet sie als Antagonistin Leilah mit mindestens 10.000 Lumen. Will Smith dagegen macht ein klein wenig auf Tommy Lee Jones, spielt aber doch nur eine mürrische Variante seiner patentierten Persona. Max Landis hat ihm aber tolle Dialoge auf den Leib geschrieben ("Wir sind nicht in einer Prophezeiung, sondern in einem Toyota Corolla"). Und die Chemie zwischen ihm und Joel Edgerton stimmt. Der verschwindet zwar fast hinter der Orc-Maske, was aber ein Vorteil ist, denn etwa als Ehemann der wunderbaren Ruth Negga im auch sonst sehr konventionellen Loving war er doch arg farblos. Den Tolkien-Analogien darf man übrigens nicht zu weit folgen, sonst landet man im Land der Copyright-Verletzungen. Also wohl doch keine Hobbits, auch nicht in der (bereits beauftragten) Fortsetzung...
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Bright ist sicher nicht perfekt. Ich hätte gern noch intensiver das allegorische Alternativ-L.A. ausgekostet, in das man übrigens fast ohne dröge Erklärungen hineinkatapultiert wird. Aber mehr noch hätte ich mir eine kompetentere Regie gewünscht (Landis selbst hat sich bislang erst an einem Langfilm versucht, der noch auf meiner Liste steht). Warum er ausgerechnet Suicide-Squad-Hack David Ayer favorisiert hat, entzieht sich meinem Verständnis - dessen schmutzige Erzählweise, die Denzel Washington in Training Day 2002 immerhin einen Oscar einbrachte, entspricht einfach nicht meinem Geschmack. In den Händen etwa von Edgar Wright hätte dies ein kleines Meisterwerk werden können. Wenn ein Autor solch komplexe Welten wie Max Landis erfindet, sollte ein Regisseur eher gegensteuern und den Zuschauer nicht durch unklare Schnitte noch weiter verwirren. So bin ich mir immer noch nicht sicher, wer wen wo umgebracht hat - aber das ist auch nicht die Hauptsache. Stattdessen gibt es massenhaft Spannung und Spaß, wenn man sich auf die aberwitzigen, übrigens ziemlich blutigen Geschehnisse einlässt. Sehr gut (8/10)!
Vielleicht ist das Fernsehen das bessere Medium für die Ausgeburten von Max Landis' verquerer Phantasie. Sie benötigen Raum, um sich auszubreiten, und Darsteller, die nicht davor zurückschrecken, mal über die Stränge zu schlagen. Daher bin ich auch besonders betrübt, dass BBC America seine Serie Dirk Gentlys holistische Detektei nun nach der zweiten Staffel einstellt (Netflix war nur Ko-Produzent und Zweitauswerter, wie inzwischen bei den meisten BBC-Produktionen). Nach der Freischaltung der letzten Staffel gehörte die Show zwar zu den meistnachgefragten in der IMDB, die Zahlen scheinen aber trotzdem nicht zu genügen. Wie alle Stoffe von Max Landis polarisiert auch diese Serie (Bright hat einen riesigen Zuschauerzuspruch, aber nur einen Kritikerscore von 29/100). Was die Douglas-Adams-Fans anbelangt, wäre man vielleicht besser beraten gewesen, sie nur als "inspiriert von Douglas Adams Romanen" statt "nach den Romanen von" zu bewerben.
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Man stelle sich vor, es hätte Dirk Gently nach seinen Abenteuern mit dem elektrischen Mönch und der langen Tee-Zeit der Seele nach Amerika verschlagen. Plausibel, dass er mit der feinen englischen Art überall aneckt und sich schließlich einen einheimischen Assistenten sucht. Mangels sozialer Fähigkeiten wählt er den holistischen Ansatz - er zerstört systematisch das Leben des Hotelpagen Todd, bis dieser mangels Alternativen und höchst unfreiwillig nachgibt. Es entwickelt sich eine höchst unkonventionelle Freundschaft, und nebenbei werden ein paar phantastische Fälle aufgeklärt. Nacherzählen kann man die allerdings nicht, und allein die Aufzählung der Figuren würde Seiten verschlingen. Da gibt es gewöhnliche Polizisten, Bundespolizisten, CIA-Agenten, Mitglieder einer geheimen Regierungsorganisation, Kriminelle, Privatdetektive, Psychovampire und unangenehme Nachbarn. Und damit sind wir noch nicht bei den wirklich merkwürdigen Personen. Es gibt mit Dirk nicht nur einen holistischen Detektiv, sondern in Bart auch eine holistische Attentäterin und (kleiner Spoiler für die zweite Staffel) eine holistische Schauspielerin 😏
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All das presst Landis in die 8+10 Episoden der zwei Staffeln - die erste kreist um eine Zeitmaschine und eine 15jährige Millionenerbin, deren Bewußtsein in einen Hund verpflanzt wird, die zweite um eine Taschenmärchendimension mit Schmunzelmond, einem bösen Magier (mit noch böserer Assistentin) und die ineinander verliebten Prinzen zweier verfeindeter Clans. Für soviel Skurrilität muss man schon aufnahmebereit sein. Erzählkonventionen gehen gleich den Bach runter, und es dauert mehrere Folgen, bevor man überhaupt grob versteht, worum es hier geht. Aber man wird reichlich belohnt, mit liebenswerten Figuren, schönen Dialogen und herrlichen Situationen. In der ersten Staffel sorgt Bart für einige der schönsten. Es ist beispielsweise nicht empfehlenswert, eine holistische Attentäterin an einen Baum zu fesseln und mit einer Pistole auf sie zu zielen - im Gegenteil, in der Welt von Max Landis ist das eine sichere Selbstmordmethode.
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Im Zentrum der Geschichte steht nicht, wie man erwarten würde, die Titelfigur, sondern als naheliegendere Bezugsperson für den Zuschauer eher Assistent Todd, perfekt besetzt mit "Frodo" Elijah Wood. Er hat mit Mitte 30 immer noch diese anbetungswürdigen Telleraugen, vermag aber auch die Frustration und die Verwirrtheit des verhinderten Rockstars zu vermitteln, der plötzlich in Dirks verrückte Welt versetzt wird. Dirk selbst (Samuel Barnett - ihn kannte ich bislang nicht) nervt gelegentlich den Zuschauer noch mehr als Todd, gewinnt in der zweiten Staffel aber an Profil, natürlich durch eine Sinnkrise (er kommt auf die aberwitzige und fast fatale Idee, den Fall doch mal konventionell durch Kombinieren zu lösen). Dritte im Bunde und zuständig für phyische Konfrontationen (denen Dirk und Todd nicht so recht gewachsen sind) wird Farah, ursprünglich Bodyguard der erwähnten Millionenerbin, verschmitzt taff gespielt von der jungen Jade Eshete mit mörderischer Afrofrisur.
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Im Orbit des Trios befinden sich auch Hannah Marks als Todds Schwester Amanda (die aber schnell mit den Psychovampiren durchbrennt) und Mpho Koaho (Falling Skies) als lakonischer IT-Experte Ken, der versehentlich von Bart nicht umgebracht wird (Als sie in der 2. Staffel nach ihm sucht, muss sie entgeistert feststellen: "Es gibt mehr als einen Ken?") Überhaupt Bart: Wenn man auf ein Klischee ein weiteres packt, neutralisieren sich die beiden dann? Offenbar schon, denn Brad Dourifs Tochter Fiona kann ihre Gene nicht verleugnen, ist aber einfach herrlich als Bart mit ihren ewig-blutverschmierten wirren Haaren, ihrer Alles-Egal-Einstellung und der schmutzigen Schnauze. Auch hier muss ich wieder die Dialoge von Max Landis erwähnen, die jeder Figur passgenau auf den Mund geschrieben sind. So hat auch jeder Nebendarsteller mal Gelegenheit zu glänzen, und die meisten nehmen die Chance bravourös wahr.
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Es gehört sicher eine gehörige Portion Mut dazu, einen Hund in Menschengestalt, einen Ritter mit pinken Haaren oder eine Hexe mit Chitinpanzer zu spielen. Die Effekte und Kostüme sind ja gewollt grellbunt, für eine Fernsehproduktion konnte man sich zumindest aus einer prallgefüllten Phantasietüte bedienen. Hervorheben möchte ich noch Michael Eklund als charismatischen Anführer der Psychovampire, der schon in Wynonna Earp als Bobo Del Rey beeindruckte und in Mr. Right als Gangster auftaucht. Dazu kommen in Staffel 2 einige Schwergewichte als wichtige Gäste: John Hannah (Vier Hochzeiten und ein Todesfall, Agents of SHIELD) als verrückter Magier, Amanda Walsh als seine durchgeknallte Assistentin Suzie und "Wash" Alan Tudyk als Blackwing-Kommando "Priest" (ist das ein Nod zur geistesverwandten Amazon-Serie Preacher? Die hat man übrigens noch nicht abgesetzt.) Mit Sicherheit keine Einheitskost, allerdings auch recht blutig (aber brutal nur in überzeichneter Weise), kann ich Dirk Gently's Holistic Detective Agency trotz der Absetzung uneingeschränkt empfehlen (es gibt nur kleine unaufgelöste Cliffhanger).
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Alles klar, oder? Ein x-ter neuer Aufguss der Buddy-Komödie, mit einem Twist, der 1991 als Spacecop L.A. 1991 ("Alien Nation") schon kläglich gescheitert war, trotz der sympathischen Stars James Caan und Mandy Patinkin (ich kann gar nicht genug betonen, wie grauenvoll dieses Machwerk nach einem Buch von Rockne S. O'Bannon war, welches trotzdem eine kurzlebige Fernsehserie auskotzte). Die Brachialgewalt, mit der Netflix seit einem Monat versuchte, mir dieses Prestigeobjekt Bright in den Schlund zu rammen, hatte meine Skepsis nur verstärkt (über Wochen startete der Film jedesmal durch, sobald ich auf meinem Samsung-Fernseher die Netflix-App aufrief).
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Soweit die Vorurteile. Aber dann habe ich erkannt, wer denn hinter dem 90-Millionen-Projekt steckt. Drehbuchautor Max Landis hat sich mal eben 3,5 Millionen vom Kuchen einverleibt - selbstredend nur ein Bruchteil der Gage für den Star Will Smith, aber ein dickes Tortenstück für einen Schreiberling. Und eines sind die Werke von Max Landis niemals: vorhersehbar. Klar spielt er mit gängigen Klischees, setzt diese aber mit ungeheurem Erfindungsgeist neu zusammen, nach dem bewährten Tarantino-Prinzip. Der Sohn von Kultregisseur John Landis (Blues Brothers) und seiner Kostümdesignerin Deborah Nadoolman (Oscar-nominiert für Der Prinz aus Zamunda) ist gerade 32 Jahre alt und für Autorenverhältnisse schon ein Veteran. American Ultra mit Jesse Eisenberg und Kristen Stewart sowie Mr. Right mit Sam Rockwell und Anna Kendrick waren zwar keine Publikumsrenner, aber ragen aus dem Studioeinerlei der letzten Jahre allemal heraus.
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Ein "Bright" ist ein magisches Wesen, meist eine Elbenfrau, dessen Kernfähigkeit erstmal darin besteht, nicht zu explodieren, wenn es einen Zauberstab berührt. Man müsste das mit "Lichtwesen" übersetzen, auch wenn die Brights, denen wir in Bright begegnen, eher der Dunkelheit zugetan sind (und den Dunklen Herrscher von den Toten auferwecken wollen). Hier findet sich endlich einmal wieder eine passende Rolle für Noomi Rapace, die eindrucksvolle Originalbesetzung der Lisbeth Salander in Verblendung, deren schwedische Merkwürdigkeit und Intensität zuletzt in Prometheus verschenkt waren. Hier leuchtet sie als Antagonistin Leilah mit mindestens 10.000 Lumen. Will Smith dagegen macht ein klein wenig auf Tommy Lee Jones, spielt aber doch nur eine mürrische Variante seiner patentierten Persona. Max Landis hat ihm aber tolle Dialoge auf den Leib geschrieben ("Wir sind nicht in einer Prophezeiung, sondern in einem Toyota Corolla"). Und die Chemie zwischen ihm und Joel Edgerton stimmt. Der verschwindet zwar fast hinter der Orc-Maske, was aber ein Vorteil ist, denn etwa als Ehemann der wunderbaren Ruth Negga im auch sonst sehr konventionellen Loving war er doch arg farblos. Den Tolkien-Analogien darf man übrigens nicht zu weit folgen, sonst landet man im Land der Copyright-Verletzungen. Also wohl doch keine Hobbits, auch nicht in der (bereits beauftragten) Fortsetzung...
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Bright ist sicher nicht perfekt. Ich hätte gern noch intensiver das allegorische Alternativ-L.A. ausgekostet, in das man übrigens fast ohne dröge Erklärungen hineinkatapultiert wird. Aber mehr noch hätte ich mir eine kompetentere Regie gewünscht (Landis selbst hat sich bislang erst an einem Langfilm versucht, der noch auf meiner Liste steht). Warum er ausgerechnet Suicide-Squad-Hack David Ayer favorisiert hat, entzieht sich meinem Verständnis - dessen schmutzige Erzählweise, die Denzel Washington in Training Day 2002 immerhin einen Oscar einbrachte, entspricht einfach nicht meinem Geschmack. In den Händen etwa von Edgar Wright hätte dies ein kleines Meisterwerk werden können. Wenn ein Autor solch komplexe Welten wie Max Landis erfindet, sollte ein Regisseur eher gegensteuern und den Zuschauer nicht durch unklare Schnitte noch weiter verwirren. So bin ich mir immer noch nicht sicher, wer wen wo umgebracht hat - aber das ist auch nicht die Hauptsache. Stattdessen gibt es massenhaft Spannung und Spaß, wenn man sich auf die aberwitzigen, übrigens ziemlich blutigen Geschehnisse einlässt. Sehr gut (8/10)!
Vielleicht ist das Fernsehen das bessere Medium für die Ausgeburten von Max Landis' verquerer Phantasie. Sie benötigen Raum, um sich auszubreiten, und Darsteller, die nicht davor zurückschrecken, mal über die Stränge zu schlagen. Daher bin ich auch besonders betrübt, dass BBC America seine Serie Dirk Gentlys holistische Detektei nun nach der zweiten Staffel einstellt (Netflix war nur Ko-Produzent und Zweitauswerter, wie inzwischen bei den meisten BBC-Produktionen). Nach der Freischaltung der letzten Staffel gehörte die Show zwar zu den meistnachgefragten in der IMDB, die Zahlen scheinen aber trotzdem nicht zu genügen. Wie alle Stoffe von Max Landis polarisiert auch diese Serie (Bright hat einen riesigen Zuschauerzuspruch, aber nur einen Kritikerscore von 29/100). Was die Douglas-Adams-Fans anbelangt, wäre man vielleicht besser beraten gewesen, sie nur als "inspiriert von Douglas Adams Romanen" statt "nach den Romanen von" zu bewerben.
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Man stelle sich vor, es hätte Dirk Gently nach seinen Abenteuern mit dem elektrischen Mönch und der langen Tee-Zeit der Seele nach Amerika verschlagen. Plausibel, dass er mit der feinen englischen Art überall aneckt und sich schließlich einen einheimischen Assistenten sucht. Mangels sozialer Fähigkeiten wählt er den holistischen Ansatz - er zerstört systematisch das Leben des Hotelpagen Todd, bis dieser mangels Alternativen und höchst unfreiwillig nachgibt. Es entwickelt sich eine höchst unkonventionelle Freundschaft, und nebenbei werden ein paar phantastische Fälle aufgeklärt. Nacherzählen kann man die allerdings nicht, und allein die Aufzählung der Figuren würde Seiten verschlingen. Da gibt es gewöhnliche Polizisten, Bundespolizisten, CIA-Agenten, Mitglieder einer geheimen Regierungsorganisation, Kriminelle, Privatdetektive, Psychovampire und unangenehme Nachbarn. Und damit sind wir noch nicht bei den wirklich merkwürdigen Personen. Es gibt mit Dirk nicht nur einen holistischen Detektiv, sondern in Bart auch eine holistische Attentäterin und (kleiner Spoiler für die zweite Staffel) eine holistische Schauspielerin 😏
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All das presst Landis in die 8+10 Episoden der zwei Staffeln - die erste kreist um eine Zeitmaschine und eine 15jährige Millionenerbin, deren Bewußtsein in einen Hund verpflanzt wird, die zweite um eine Taschenmärchendimension mit Schmunzelmond, einem bösen Magier (mit noch böserer Assistentin) und die ineinander verliebten Prinzen zweier verfeindeter Clans. Für soviel Skurrilität muss man schon aufnahmebereit sein. Erzählkonventionen gehen gleich den Bach runter, und es dauert mehrere Folgen, bevor man überhaupt grob versteht, worum es hier geht. Aber man wird reichlich belohnt, mit liebenswerten Figuren, schönen Dialogen und herrlichen Situationen. In der ersten Staffel sorgt Bart für einige der schönsten. Es ist beispielsweise nicht empfehlenswert, eine holistische Attentäterin an einen Baum zu fesseln und mit einer Pistole auf sie zu zielen - im Gegenteil, in der Welt von Max Landis ist das eine sichere Selbstmordmethode.
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Im Zentrum der Geschichte steht nicht, wie man erwarten würde, die Titelfigur, sondern als naheliegendere Bezugsperson für den Zuschauer eher Assistent Todd, perfekt besetzt mit "Frodo" Elijah Wood. Er hat mit Mitte 30 immer noch diese anbetungswürdigen Telleraugen, vermag aber auch die Frustration und die Verwirrtheit des verhinderten Rockstars zu vermitteln, der plötzlich in Dirks verrückte Welt versetzt wird. Dirk selbst (Samuel Barnett - ihn kannte ich bislang nicht) nervt gelegentlich den Zuschauer noch mehr als Todd, gewinnt in der zweiten Staffel aber an Profil, natürlich durch eine Sinnkrise (er kommt auf die aberwitzige und fast fatale Idee, den Fall doch mal konventionell durch Kombinieren zu lösen). Dritte im Bunde und zuständig für phyische Konfrontationen (denen Dirk und Todd nicht so recht gewachsen sind) wird Farah, ursprünglich Bodyguard der erwähnten Millionenerbin, verschmitzt taff gespielt von der jungen Jade Eshete mit mörderischer Afrofrisur.
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Im Orbit des Trios befinden sich auch Hannah Marks als Todds Schwester Amanda (die aber schnell mit den Psychovampiren durchbrennt) und Mpho Koaho (Falling Skies) als lakonischer IT-Experte Ken, der versehentlich von Bart nicht umgebracht wird (Als sie in der 2. Staffel nach ihm sucht, muss sie entgeistert feststellen: "Es gibt mehr als einen Ken?") Überhaupt Bart: Wenn man auf ein Klischee ein weiteres packt, neutralisieren sich die beiden dann? Offenbar schon, denn Brad Dourifs Tochter Fiona kann ihre Gene nicht verleugnen, ist aber einfach herrlich als Bart mit ihren ewig-blutverschmierten wirren Haaren, ihrer Alles-Egal-Einstellung und der schmutzigen Schnauze. Auch hier muss ich wieder die Dialoge von Max Landis erwähnen, die jeder Figur passgenau auf den Mund geschrieben sind. So hat auch jeder Nebendarsteller mal Gelegenheit zu glänzen, und die meisten nehmen die Chance bravourös wahr.
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Es gehört sicher eine gehörige Portion Mut dazu, einen Hund in Menschengestalt, einen Ritter mit pinken Haaren oder eine Hexe mit Chitinpanzer zu spielen. Die Effekte und Kostüme sind ja gewollt grellbunt, für eine Fernsehproduktion konnte man sich zumindest aus einer prallgefüllten Phantasietüte bedienen. Hervorheben möchte ich noch Michael Eklund als charismatischen Anführer der Psychovampire, der schon in Wynonna Earp als Bobo Del Rey beeindruckte und in Mr. Right als Gangster auftaucht. Dazu kommen in Staffel 2 einige Schwergewichte als wichtige Gäste: John Hannah (Vier Hochzeiten und ein Todesfall, Agents of SHIELD) als verrückter Magier, Amanda Walsh als seine durchgeknallte Assistentin Suzie und "Wash" Alan Tudyk als Blackwing-Kommando "Priest" (ist das ein Nod zur geistesverwandten Amazon-Serie Preacher? Die hat man übrigens noch nicht abgesetzt.) Mit Sicherheit keine Einheitskost, allerdings auch recht blutig (aber brutal nur in überzeichneter Weise), kann ich Dirk Gently's Holistic Detective Agency trotz der Absetzung uneingeschränkt empfehlen (es gibt nur kleine unaufgelöste Cliffhanger).
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