Die Qualitätskurve der TV-Serie The Expanse nimmt momentan den umgekehrten Verlauf der Neuauflage von Kampfstern Galactica (ab 2003). Die fing super-stark an, bot über zwei Staffeln die beste TV-Science-Fiction der Dekade und verlor sich dann in immer abstruseren (und düsteren) Handlungseinfällen. Zuletzt wurde uns verkauft, dass Starbuck und einige andere Hauptfiguren von Anfang an Zylonen-Schläfer gewesen sein sollten. Solche Twists um der Twists selbst sind leider typisch für das Fernsehen des 21. Jahrhunderts. Einer der Schuldigen ist J.J. Abrams, dessen Durchbruch, die Agentenserie Alias mit Jennifer Garner, anfangs ebenfalls tolle und gut vorbereitete Wendungen bot, bevor den Autoren dann nichts sinnvolles mehr einfiel (am Ende wurde dann sogar der langweiligsten Figur Michael Vaughn noch eine Geheimidentität untergeschoben).
The Expanse basiert allerdings auf einer auf neun Bände angelegten Serie von Romanen des Autorenteams James S.A. Corey. Das Pseudonym steht für Daniel Abraham und Ty Franck, die die Fernsehserie auch mitproduzieren. Und auch wenn mir der erste Band genauso wenig gefallen hatte wie die einführende Staffel, haben die beiden sicherlich ein Konzept für den Handlungsrahmen. In der nunmehr dritten Staffel (mit wie zuvor 13 Episoden) zahlt sich das nun langsam aus, und plötzlich flimmert endlich wieder eine würdige SF-Serie über unsere Bildschirme (na ja, flimmern tun moderne Fernseher eigentlich nicht mehr). Beinahe wäre es übrigens damit vorbei gewesen, aber nach der Absetzung durch SyFy (die nach der Umbenennung von SciFi vergessen haben, wie man gute Shows pflegt) ist glücklicherweise Amazon Prime Studios eingesprungen. Die ersten Staffeln hatte ich paradoxerweise noch auf Netflix gesehen (dort sind sie nicht mehr streambar), momentan gibt es nur die aktuelle dritte Staffel per Flatrate im Prime-Programm. Das wird sich sicher mit der kommenden vierten Staffel ändern.
Im 24. Jahrhundert hat die Menschheit das Sonnensystem weitgehend erschlossen. Es gibt drei Machtkonzentrationen: die von den Vereinten Nationen kapitalistisch-demokratisch geführte Erde, der militaristisch regierte Mars und den anarchistischen Asteroidengürtel ("Belt"). Die Raumfahrttechnik ist einigermaßen realistisch extrapoliert. Wir befinden uns allerdings nicht auf der Enterprise. Bei Notmanövern wird nicht einfach ein bisschen mit der Kamera gewackelt. Jene phantastischste aller Star-Trek-Techniken, nämlich die "Künstliche Schwerkraft" und der Beschleunigungsausgleich (bei Perry Rhodan heißt das Andruck-Konverter) werden uns nicht untergeschoben. Dafür kommt immer noch eine nützliche Erfindung des 20. Jahrhunderts zum Einsatz: der Sicherheitsgurt. Trotzdem sind die Beschleunigungen der Raketenantriebe von 5G und mehr gefährlich für Besatzung und Passagiere. Als Ausgleich hat die Medizintechnik Fortschritte gemacht. Knochenbrüche sind binnen Tagen geheilt, und sogar eine verletzte Wirbelsäule kann ersetzt werden. Allerdings ist dafür immer noch Schwerkraft Voraussetzung, entweder durch Beschleunigung oder (wie bei 2001: Odyssee im Weltall) durch einen rotierenden Zylinder.
Nachdem ich mir die Mühe gemacht hatte, diesen Abschnitt zu schreiben, fand ich bei Youtube folgende ausführliche Beschreibung des Expanse-Universums:
Im Zentrum der Erzählung steht die Rocinante, im Grunde ein Piratenschiff, nicht zufällig nach Don Quixotes treuem Gaul benannt, das die gemischte Besatzung sich von der marsianischen Marine ausgeliehen hat.Sie steht meist zwischen allen politischen Loyalitäten und hat entscheidenden Anteil an der Lösung der Krisen der bislang drei Handlungsstränge. In der ersten Staffel (10 Episoden, nach Leviathan Wakes) wird ein Protomolekül außersolarer Herkunft entdeckt, dessen Enträtselung wie ein Krimi-Thriller aufgebaut ist (mit Thomas Jane als Ermittler Joe Miller). In der zweiten Staffel wird diese Ermittlung zum Abschluss gebracht, und es entbrennt ein Krieg um die militärische Nutzung des Protomoleküls (Caliban's War). Mitte der dritten Staffel wird der Konflikt beigelegt, und die restlichen sieben Folgen (Abaddon's Gate) kreisen um das geheimnisvolle Objekt, das von einer Protomolekül-Konzentration konstruiert wird. Wahrscheinlich aufgrund der drohenden Absetzung wurde hier die Handlung stark beschleunigt. Fast zufällig sind dadurch ungeheuer packende 13 Folgen entstanden. Vermutlich noch in diesem Herbst soll es weitergehen.
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Ich habe hoffentlich nicht den Eindruck erzeugt, dass die Rocinante als primitive Enterprise durchs Weltall düst und Konflikte löst (am ehesten ist sie mit der Serenity verwandt). Die Handlungsträger sind über das gesamte Sonnensystem verteilt und oft auch hochkarätig besetzt. Da gibt es etwa politische Intrigen in der UN, wo Chrisjen Avasarala (die Iranerin mit der rauchigen Stimme Shohreh Aghdashloo) im Hintergrund die Fäden zieht und sich gegen Kriegstreiber Sadavir Errinwright (Shawn Doyle) behaupten muss, eine geheime Forschungsstation des Großindustriellen Jules-Pierre Mao (charismatisch: François Chau) auf dem Jupitermond Io, marsianische Space Marines und die zentrale Belter-Station Tycho mit ihrem Boss Fred Johnson (Chad L. Coleman). Aber immer wieder kehrt die Erzählung zum Kernteam der Rocinante zurück: Kapitän James Holden, Ingenieurin Naomi, Pilot Alex und Mechaniker (und "Mädchen für alles") Amos.
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Einer der Gründe für meine Einstiegsschwierigkeiten war sicher (neben der Tatsache, dass man mitten ins Belter-Chaos geworfen wird) die Besetzung von James Holden. Mit Steven Strait konnte ich mich einfach nicht anfreunden. Mit seiner (faktisch sicher korrekten) blassen Haut, seinem Mukkibudenkörper und den sinnlichen Lippen wirkt er mehr wie ein Gigolo als ein Kapitän. Holden soll natürlich kein James T. Kirk sein, aber ich habe mich immer noch nicht komplett an ihn gewöhnt (Steven Strait hat inzwischen einen Credit als Executive Producer und wird uns sicher erhalten bleiben). Auch mit Dominique Tipper als Naomi habe ich so meine Probleme, aber das liegt mehr an Naomis Persönlichkeit.. Dafür sind der abtrünnige Marsianer Alex (Cas Anvar) und "Jayne"-Variante Amos (Wes Chatham; harte Schale, weicher Kern) einfach fabelhaft.
In der dritten Staffel gibt es ein paar nennenswerte Neuzugänge. Zunächst ist da Bobbie Draper, eine der erwähnten marsianischen Space Marines. Wie cool ist das? Vielen Kritikern in der IMDB gefällt Frankie Adams nicht, aber mir ist sie schnell ans Herz gewachsen. Neben ihrer eindrucksvollen Statur und einem leicht exotischen Gesicht mit Aboriginee-Einschlag spricht die Neuseeländerin auch noch mit dem entzückenden Akzent ihrer Heimat (den ja Peter Jackson weltberühmt gemacht hat). Überhaupt scheint die Serie ihre Darsteller aus allen Ecken der Welt zu ermutigen, mit Akzent oder sogar Dialekt zu sprechen. Das macht das Zuhören zwar etwas mühsamer, aber auch unerhört authentisch. Gerade bei den Beltern geht mir das allerdings manchmal zu weit. Vielleicht war Gaststar Jared Harris (Staffel 1/2) schuld. Der Londoner, bekannt u.a. als Bösewicht in Codename U.N.C.L.E., spricht hier eher Gassen- als Queens-English. An sich ist es ja nachvollziehbar, dass sich die Sprache der Parias des Sonnensystems in ein hässliches Pigeon-English verwandelt (von den Hauptdarstellern spricht allein Naomi ähnlich).
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In diese Kerbe schlägt auch Cara Gee als Camina Drummer, Vize von Fred Johnson und nun Kommandantin des (einzigen) Belter-Kriegsschiffes Behemoth. Die Kanadierin ist gemäß ihren Fotos eigentlich eine attraktive, stylische Frau. Mit Goth-Makeup, Belter-typischen Tätowierungen, dem harten Akzent und ihrer heiseren Stimme entringt sie dem Begriff "herb" eine ganz neue Bedeutung. Aber ihr Machtkampf mit ihrem ersten Offizier Ashford (fabelhaft verkörpert vom 70jährigen Veteran David Strathairn) ist eines der Highlights der dritten Staffel. Auch wenn man gelegentlich Untertitel zuschalten muss, um die beiden zu verstehen. Da tröstet das gepflegte Amerikanisch der Texanerin Elizabeth Mitchell als Pastorin Anna Volovodov, die im Auftrag der inzwischen zur UN-Generalsekretärin (falls ich das richtig verstanden habe) aufgestiegenen Chrisjen mit der Erdmarine zu Abbaddons Gate unterwegs ist. In Lost hatte ich sie als Konkurrentin von Evangeline Lilly manchmal gehasst, diesmal formt sie eine der sympathischsten Figuren.
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2017 war ich noch unglücklich, dass der Folge Leviathan Wakes der Hugo als beste dramatische Präsentation (Kurzform) zugesprochen wurde (vor allem, weil der spätere Emmy-Gewinner San Junipero den Sieg verdient gehabt hätte). In diesem Jahr habe ich die Abschlussfolge Abaddon's Gate selbst nominiert, und sie ist noch vor Janet(s) mein Favorit, der besten Folge der ansonsten (auf hohem Niveau) durchwachsenen dritten Staffel von The Good Place. Jetzt hoffe ich, dass The Expanse bei Amazon noch lange Zeit die erreichte Qualität halten kann. Die Chancen stehen eigentlich gut, bei noch sechs verbleibenden Romanen als Vorlage.
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