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Samstag, 14. September 2019

Manege frei: Amazons "Carnival Row"

Momentan werfen Netflix und Amazon Prime in so schneller Folge neue Serien auf den Markt, dass kein normaler (arbeitender) Mensch da hinterherkommen kann, selbst wenn er sich nur auf Science Fiction & Fantasy beschränkt. Demnächst kommen dann noch Apple (November) und Disney (Frühjahr) hinzu. Und die meisten Streaming-Ergüsse werden von der Kritk wohlwollend aufgenommen, wenn nicht sogar umjubelt. Eine seltene Ausnahme war jüngst der Netflix-Rohrkrepierer Another Life, der kaum Fürsprecher gefunden hat. Was tut mir Starbuck Katee Sackhoff in der Hauptrolle leid, die aufgrund ihres Fitness-Regimes ohnehin schon älter als ihre 39 Jahre aussieht und dann zur Dompteurin einer Raumschiffbesatzung von 20jährigen verdonnert wird, die sich eher wie 10jährige verhalten.



Aber auch mit dem Netflix-Prestigeprojekt Der dunkle Kristall: Ära des Widerstands konnte ich nichts anfangen. Jim Hensons Film von 1982 ist auch heute noch hübsch anzusehen (bei Netflix in UHD-Qualität verfügbar), Handlung und Figuren haben seitdem aber eher noch an Komplexität verloren. Die Neuauflage (eigentlich eine Vorgeschichte) mäandert zwischen albern und leblos - unglaublich viel Aufwand wurde in die Modernisierung der Puppentechnik gesteckt, aber der Charme der Vorlage ist damit verloren gegangen.



Da hat diesmal Amazon Prime die Nase vorn, mit der ersten Staffel der neuen Fantasyserie Carnival Row. Sie spielt in einer dem viktorianischen London nachempfundenen Metropole mit einem Flüchtlingsproblem: Nach einem verheerenden Krieg strömen Feen, Faune, Zentauren und andere Fabelwesen in die Burgue. Anders als bei Bright kann Lindsay Ellis Carnival Row kein Lazy Worldbuilding vorwerfen. Die Welt beruht auf einem Konzept von Travis Beacham, der bislang eher für dumpfe Actionabenteuer (Pacific Rim) bekannt ist, diesmal aber eine stimmige Mythologie ausgearbeitet hat. Bei der Umsetzung wurde er unterstützt von René Echevarria, der als Produzent von Deep Space Nine bekannt ist, sich allerdings zwischenzeitlich mit Terra Nova ziemlich blamiert hatte. Herausgekommen ist eine düstere, atmosphärische Kulisse mit hohen Produktionsstandards und gediegenen Computereffekten, dazu weitgehend nachvollziehbare Figuren und eine spannende, einigermaßen schlüssige Geschichte. Da sind die Amazon-Millionen mal in die richtige Richtung geflossen.



Nicht billig waren sicher auch die Hauptdarsteller, die absolut gegen ihr Image besetzt sind. Orlando Bloom als Polizeidetektiv Philo ist mit ungepflegtem Bart und grummeliger Stimme kilometerweit vom ätherischen Legolas entfernt. Das ehemalige Top-Model und Valerians Laureline Cara Delevingne als Fee Vignette wird mancher überhaupt nicht erkennen. Sie ist mit dunklen Haaren, buschigen Augenbrauen, und zumeist grimmigem Gesichtsausdruck das Gegenteil vom Feenklischee. An die eher an Kolibris erinnernden Flügel übrigens muss man sich gewöhnen, denn sie widersprechen jedem Gefühl von Schwerkraft und Physik. Auch sprechen Feen offenbar mit schmutzigem englischem Akzent und fluchen gern - ade Tinkerbell!  Mir jedenfalls hat das verhinderte Liebespaar gut gefallen, auch wenn die Drehbücher ihnen gelegentlich merkwürdig unlogische Handlungen vorschreiben (warum lässt sich Vignette in der Bibliothek gefangennehmen?) Anfangs dachte ich übrigens, es gäbe nur weibliche Feen, oder nur diese könnten fliegen - später treten dann doch ein paar fliegende Männchen auf. Überhaupt ist Vignettes Einführung ein wenig konfus - zunächst wirkt sie wie eine taffe Soldatin, später geht sie ziemlich unbeholfen in Auseinandersetzungen.

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In den acht einstündigen Folgen geht es natürlich nicht nur um unsere romantischen Leads (auch wenn mir Folge 3 mit ihrem Rückblick auf das erste Treffen der beiden mit am besten gefallen hat). Es gibt verschiedene Handlungsstränge. Da wäre der politische: Jared Harris spielt den Kanzler Absolom Breakspear (die Burgue ist offenbar eine Art paralamentarischer Demokratie), Indira Varma (Ellaria Sand) seine intrigante Gattin, Artie Froushan seinen missratenen Sohn, und Caroline Ford die Tochter des Oppositionsführers Longerbane. Es wird hart gerungen um die Rechte der Flüchtlinge; manchmal mit Holzhammer-Parallelen zur heutigen Welt. Die Hauptreligion in Burgue verehrt übrigens den "Märtyrer", dessen Ebenbild an den Wänden hängt wie in Bayern die Cruzifixe, nur dass jener offenbar gehängt statt gekreuzigt wurde. Das ist eine plastische Illustration, wie Abbilder des Gekreuzigten auf Fremde wirken müssen...

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Dann gibt es den gesellschaftlichen Strang: Die Geschwister Imgogen (Tamzin Merchant) und Ezra (Andrew Gower) Spurnrose gehören zur Upper Class, wohnen im besten Viertel, haben Faun-Bedienstete (kurzzeitig muss sich auch Vignette als Dienstmädchen bei ihnen verdingen), aber nach unglücklichen Investitionen geraten sie in Geldnot. Da zieht gegenüber ein reicher junger Mann ein, den Imogen gern um die Finger wickeln würde  (Jane Austen lässt grüßen: Tamzin Merchant gab Georgiana Darcy gegenüber Keira Knightleys Eliza Bennet). Es gibt allerdings einen unerhörten Haken: der neue Nachbar ist ein Faun (mit Hufen und Gehörn) und damit gesellschaftlich natürlich nicht akzeptabel. Diese Geschichte hat ihre Stärken, wird dann aber leider etwas überhastet zum Abschluss gebracht.

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Und dann ist da Carnival Row, das Rotlichtviertel der Burgue. Hier treffen wir auf Vignettes Freundin und Ex-Geliebte, die Prostituierte Tourmaline (Karla Crome); den Schausteller Runyan Millworthy (Simon McBurney), der mit Kobolden eine Art Marionettentheater inszeniert; die Hellseherin Haruspex (Borg-Queen Alice Krige), Mitglieder eines Faun-Kults, und andere schillernde Figuren. Hier ermittelt auch Detektiv Philo, denn es geschehen Morde an nicht-menschlichen Immigranten. Schnell ist ein Verschnitt von Jack the Ripper gestoppt, aber für die schlimmsten Morde scheint ein übernatürliches Wesen verantwortlich zu sein, welches weder Mensch noch bekanntes Fabelwesen ist. Und die Mordopfer scheinen alle eine Verbindung zu Philo zu haben...

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Carnival Row versucht das Publikum von Game of Thrones zu ködern, mit unkaschierter Gewalt, überraschenden Wendungen, und auch einigen Sexszenen. Also Orlando Bloom kann auch mit über 40 Jahren noch ohne Scham seinen Oberkörper entblößen, und wer bin ich, mich zu beschweren, dass die 27jährige Cara Delevigne ihre Brüste zur Schau stellt (übrigens: die Flügel von Feen leuchten beim Orgasmus - ein Detail, welches in der Filmgeschichte bislang sträflich vernachlässigt wurde). Nicht alle Handlungsstränge funktionieren gleich gut, manche Dialoge knirschen gewaltig, aber immerhin wird versucht, die Geschichte von den Figuren her aufzubauen, nicht umgekehrt. Strittig ist das Pacing. Einige Folgen wurden als langweilig empfunden, weil "nichts passiert". Leider ist dies Symptom einer um sich greifenden Krankheit. Zuschauer haben keine Geduld mehr, lassen sich auf subtile Figurenentwicklungen nicht mehr ein. Mir persönlich waren viele Entwicklungen immer noch zu überhastet, ich hätte gern mehr Zeit mit den Charakteren verbracht. Natürlich ist es viel schwieriger, pfiffige Dialoge und überzeugenden Charakterbögen zu schreiben als Action und Twists. Kaum eine Serie kann auf so geniales Material wie die Romane von George R.R. Martin zurückgreifen. Man erinnere sich, dass in GoT viele der interessantesten Figuren nie eine Waffe in die Hand nahmen (Littlefinger, die Queen of Thorns). Aber nein, es muss Blut fließen, es muss geprügelt oder wenigstens gebumst werden. Aber ich als Senior gehöre eh nicht mehr zur Zielgruppe moderner Serien. Da ist es schon erstaunlich, dass ich in Carnival Row immerhin gediegene Unterhaltung gefunden habe. So bin ich doch gespannt auf die bereits beschlossene zweite Staffel.

Samstag, 31. August 2019

Filmware seziert: Der YouTube-Channel von Lindsay Ellis

Lindsay Ellis, Jahrgang 1984, hat in Filmschulen in New York und Los Angeles studiert und 2011 mit einem MFA (Master of Fine Arts) abgeschlossen. Seit 2008 hostet sie in verschiedenen Channeln Video-Essays mit Filmkritiken. Zeitweise war sie als Nostalgia Chick bekannt, bevor sie vor einigen Jahren mit ihrer Kollegin Angelina Meehan einen eigenen Channel gründete (Jüngere werden bemerken, dass ich mich nicht gut in dieser Medienlandschaft auskenne). Noch habe ich mich nicht allzu weit in die Vergangenheit zurückgearbeitet, aber ihre neueren Produktionen konzentrieren sich oft auf spezielle Aspekte von Filmen (und gelegentlich Fernsehserien), weniger auf die vollständige Analyse eines einzelnen Werks.

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Kennengelernt habe ich Ellis über ihre Hugo-Nominierung im aktuellen Jahr, in der Kategorie "Related Work", für ihre umfassende Analyse der Hobbit-Trilogie: The Hobbit Duology in 3 Parts. Zum ersten Mal habe ich mich benüßigt gefühlt, für diese Kategorie eine Stimme abzugeben, da ich dank des Voteres Package auch zwei weitere Beiträge gelesen habe: Jo Waltons informativ-unterhaltsame Informal History of the Hugos und Ursula LeGuins kluge Conversations on Writing. Gewonnen hat schließlich ein Regenbogen-Projekt, wie man überhaupt in diesem Jahr von den Regenbogen-Hugos sprechen kann, mit Entscheidungen, die ich persönlich absolut nicht unterschreiben kann.



Das Hobbit-Projekt fußt auf Ellis' Liebe für die HdR-Trilogie, die ihre Generation ähnlich geprägt hat wie Star Wars (oder in meinem Fall eher Star Trek) die meine. Umso größer ihre Enttäuschung über Peter Jacksons Mittelerde-Folgeprojekt. Minutiös und doch unterhaltsam erklärt sie die turbulente Entstehungsgeschichte und die verheerenden künstlerischen Konsequenzen. Für den dritten Teil ist sie dann sogar (allein, nur in Begleitung von Angelina) nach Neuseeland gereist und hat u.a. ein aufschlussreiches Interview mit John Callen geführt. Und dass dieser Name niemandem etwas sagt, spricht schon für sich, denn Callen war in der Rolle von Oin zu sehen, eines jener Zwerge, die in der Trilogie mehr und mehr zu Statisten degradiert wurden. Im Gespräch geht es vor allem um die Ausbeutung neuseeländischer Fachkräfte und das erpresserische Vorgehen der US-amerikanischen Studios, die schließlich die Bildung von Gewerkschaften verhindern und gleichzeitig noch etliche Millionen zusätzliche Steuerersparnisse bei der neuseeländischen Regierung durchdrücken konnten. Ellis' Urteil über die Hobbit-Trilogie fällt deutlich drastischer aus als meines, der ich in meiner Naivität bis zum Schluss noch gehofft hatte, dass sich zumindest eine abgerundete Geschichte aus dem Chaos schälen würde. Na ja, im Zweifel sind die Hormone Schuld, wenn ich Tauriel mochte...



Ausgehend von der Hugo-nominierten Duology habe ich mich also mal ein bisschen umgeschaut und war zunächst erschrocken von den vorherrschend behandelten Themen der letzten Jahre. Zunächst einmal hat Ellis diese Faszination mit Disney, insbesondere Disney-Trickfilmen der letzten 30 Jahre. Sie erklärt das selbst in ihrer Q&A damit, dass dies Thema ihrer ersten Seminare an der Filmhochschule war. Übrigens sind ihre Essays auch dann sehenswert, wenn man den speziellen Film selbst nicht gesehen hat oder auch je sehen möchte (etwa jener über den Glöckner von Notre Dame). Besonders aufschlussreich sind auch die kulturelle Einordnung bezüglich Rassismus- und Feminismusfragen (ohne dass das aufdringlich dogmatisch wird) und ihre Hintergrundinformationen zu den Vorgängen im Studio. Hervorzuheben ist ihr vernichtender Blick auf das Remake von Beauty and the Beast, und dabei erwähnt sie noch nicht einmal die überproduzierten, seelenlosen Neuaufnahmen der ursprünglich hübschen Lieder.



Ellis' zweite Obsession gilt merkwürdigerweise ... den Transformern. Es mag an traumatischen Kindheitserlebnissen liegen, sie scheint sich auch mit dem zugehörigen Spielzeug (eigentlich die Quelle der Tragödie) und den Comics auszukennen. Jedenfalls kann es kaum ein größeres Opfer für die Filmwissenschaft geben, als Michael Bays Transformer-Filme freiwillig mehrfach anzuschauen, wie es wohl notwendig war für ihre Reihe The Whole Plate (Transformers und Filmwissenschaften), in der sie jeweils ein theoretisches Konstrukt anhand dieser Blockbuster erörtert. Am besten hat mir dabei die Feminismus-Episode The Male Gaze gefallen, die sehr anschaulich erklärt, wie der Regisseur den Inhalt von Dialogen und Handlung untergräbt, indem er die Kamera auf die Schauwerte von Megan Fox fokussiert. Weniger gelungen vielleicht die Abhandlung über Marxismus, die doch sehr an der Oberfläche bleibt. Und dann vergleicht Ellis noch Star Wars mit der faschistischen Ästhetik von Leni Riefenstahl...



Neben diesen beiden Schwerpunkten gibt es natürlich auch immer wieder Essays zu anderen Filmen, die Ellis entweder angesprochen oder auch angewidert haben. Manchmal vermisse ich allerdings eine Leidenschaft für ihre Subjekte, ob positiv oder negativ. Selten gerät sie ins Schwärmen, meist verpackt sie ihre Gefühle in Ironie. Begeisterung ist am ehesten in ihrem Beitrag zu Guardians of the Galaxy, Vol. 2 zu bemerken, ein Film, der sie offenbar auf sehr persönlicher Ebene angesprochen hat. Manchmal versteckt sie sich auch hinter neutraler Theorie, etwa wenn sie in My Monster Boyfriend auf eine Wertung des Anlasses, nämlich The Shape of Water, komplett verzichtet und sich stattdessen in den Tiefen der (Horror-)Filmgeschichte verliert. Auf der anderen Seite kann sie vernichtend gut erklären, warum Bright der schlechteste Film der letzten zehn Jahre ist, übrigens ohne ein einziges Mal den Autor Max Landis zu nennen. Das ist natürlich Sarkasmus, sei es aufgrund seines schlechten Benehmens im Zuge der #MeToo-Bewegung oder weil eigentlich nur das Outline von ihm stammt und dann von Regisseuer David Ayer komplett verhunzt wurde. Jedenfalls stimme ich vollständig mit Ellis' Analyse überein und hatte doch auch beim zweiten Sehen großen Spaß am Netflix-Hit.



Ellis' Erfolg (mit momentan fast 800.000 Abonnenten und schon mal mehreren Millionen Abrufen pro Video) beruht natürlich auch auf ihrer Präsentation, dem satirischen Ton und dem cleveren Schnitt ihrer Co-Autorin Angelina Meehan. Wenn Ellis ein Aspekt besonders stört, hat sie eine patentwürdige Art sich zu winden etabliert. Anderseits kann sie in kürzester Zeit eine Höllenvielfalt von Informationen vermitteln. Dabei finde ich ihre Schneewittchen-Ästhetik eher zweifelhaft, mir gefällt Lindsay besser bei Aufnahmen außerhalb des Studios, mit natürlicher Hautfarbe, etwa in der örtlichen Cheese Factory (die offenbar in der Big Bang Theory katastrophal misrepräsentiert ist). Im genannten Auftritt erklärt sie übrigens das Thema Fair Use und Product Placement, welches natürlich auch zu ihrem Geschäftsmodell gehört Aber auch dies ist bei Ellis mit feiner Ironie gewürzt, wenn sie im jüngsten Video etwa wieder ihre Funyans futtert oder zum Ende auf die ihrer Faulheit entgegenkommenden Audible-Optionen von Amazon zu sprechen kommt. Schlussendlich will und soll sie natürlich auch Geld verdienen, und wer würde es ihr verübeln - insbesondere, wenn so aufschlussreiche Beiträge wie ihre jüngste Duologie zu Games of Thrones dabei rauskommt. Die sollte man übrigens wirklich erst nach der letzten Staffel anschauen!




Wem übrigens die beiden Episoden zu lang sind, gibt es hier eine kürzere, wenngleich etwas trocken erzählte Analyse aus einem anderen Channel, von Daniel Netzel (selbstverständlich ebenfalls mit Spoilern):


Samstag, 25. Mai 2019

Valar morghulis

Menschen denken in Geschichten.

So Tyrion Lannister, schillerndste Fernsehfigur der letzten zehn Jahre, und wer wollte ihm widersprechen? Auch wenn seine Weisheit als Hand der Königin doch arg gelitten zu haben scheint.

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Menschen tendieren dazu, Geschichten nach ihrem Ende zu beurteilen, dem Ausgang. Am beliebtesten ist das Happy End ("und wenn sie nicht gestorben sind...") Dieses Prinzip wird auch gern auf die Realität angewandt. Eine nach zwanzig Jahren geschiedene Ehe gilt als gescheitert, auch wenn sie vielleicht 18 Jahre lang glücklich war, bis die Partner sich auseinander gelebt haben. Ein Kriegsverbrecher bekommt mit 90 Jahren doch noch seine gerechte Strafe, auch wenn er bis dahin den Häschern entkommen konnte. Und umgekehrt: Hauptsache, man versöhnt sich vor dem Tode noch mit seinen Angehörigen, auch wenn man sich zuvor jahrzehntelang nur gezankt hat.

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Wie das Leben, so sind auch die besten Geschichten nicht derart schematisch. Und wer erinnert sich schon daran, wie die Odyssee endet? So kann mir auch eine lausige achte Staffel die Freude an Game of Thrones nur kurzzeitig nehmen. Übrigens ist nicht der Ausgang an sich lausig, sondern nur die Art, wie D&D (David Benioff und Daniel B. Weiss) darauf hinarbeiten. Die Scripte der finalen Staffel wirken so, als ob sie per Malen nach Zahlen entstanden sind. Erst wurden die Eckpunkte definiert, und dann hat man sie dilettantisch verbinden lassen. Das Dilemma Gärtner vs. Architekt haben andere schon ausführlich erhellt. Leider führt die Vorgehensweise dazu, dass jegliche emotionale Bindung zu den Figuren verlorengeht. Lediglich in der zweiten Episode (A Knight of the Seven Kingdoms) gab es ein paar rührende Momente. Entgegen den IMDB-Wertungen ist die allerletze Episode dann für mich nicht die schlechteste (ich würde sie mit 6/10 bewerten), aber insgesamt sind die Zuschauermeinungen vernichtend und können von D&D auch nicht auf Dauer geleugnet werden (auch wenn trotz 1,5 Millionen Unterzeichnern der Petition die achte Staffel nicht neu gedreht werden wird). D&D selbst haben offenbar soviel Plot Armour angehäuft, dass sie nun mit der Fortsetzung der Star-Wars-Saga beauftragt wurden. Noch ein Projekt, das mich nicht die Bohne interessiert.

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Der Titel der Abschlussfolge, The Iron Throne, sagt eigentlich schon alles. Game of Thrones war in der Buchreihe A Song of Ice and Fire nur der Titel des ersten Bandes. Es ging in der Saga nie darum, wer am Ende auf dem eisernen Thron landet. So gehen in der letzten Staffel auch alle Metaphern flöten. Die Bedrohung durch die White Walkers kann schließlich auch als Personifizierung einer Klimakatastrophe interpretiert werden, die von den Menschen inmitten ihrer Machtintrigen ignoriert oder sogar instrumentalisiert wird ("Das Chaos ist eine Leiter!") Davon bleibt am Ende leider nichts übrig (und müssten wir am Ende nicht immer noch Winter haben?) Und auch wenn Meister Martin Fantasy-Konventionen untergraben will, muss Foreshadowing doch einen Payoff haben (sorry für die Anglizismen). In Hardhome sieht der Nachtkönig in Jon Snow wenn nicht einen gefürchteten Targaryen, dann zumindest einen ernstzunehmenden Gegner (erst recht, nachdem dieser durch Melisandre von den Toten erweckt wurde). Leider verraten D&D diese spannende Beziehung zugunsten einer Teenager-Romanze. Und auch wenn man Prophezeiungen und Mythen durchaus als Humbug entlarven darf, ergibt die Geschichte des dreiäugigen Rabens am Ende keinen Sinn. Vielleicht existiert dieser in den Köpfen von D&D, er ist am Bildschirm aber nicht zu erkennen. Auch wenn es genug Fans gibt, die uns das nachträglich zu erklären versuchen - es gilt das gesprochene Wort (bzw. das gezeigte Bild).

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So reiht sich Game of Thrones ein in die Top-Serien mit schwachem Finale und ist damit in guter Gesellschaft: Die zweite Staffel von Twin Peaks war durchwachsen bis zum fulminanten Ende, zu dem sich Schöpfer Mark Frost und David Lynch noch einmal zusammenrauften. The West Wing bot nach dem Weggang von Aaron Sorkin nur noch ein Schattenkabinett, Buffy hätte besser nach Staffel 5 geendet (auch wenn wir dann auf das Geschenk Once More, With Feeling hätten verzichten müssen). Auch Lost wird gern zum Vergleich herangezogen, aber dessen Ende hat mich persönlich nicht besonders gestört (die offensichtliche Erklärung war für mich durchaus ausreichend). Bei den besten Fernsehserien geht es halt nicht um das Ziel, sondern um die Reise und die Wegbegleiter. Und  in dieser Hinsicht wird Game of Thrones lange unübertroffen bleiben.

Valar dohaeris.

Samstag, 23. März 2019

Endgültig Hugo-würdig: The Expanse

Die Qualitätskurve der TV-Serie The Expanse nimmt momentan den umgekehrten Verlauf der Neuauflage von Kampfstern Galactica (ab 2003). Die fing super-stark an, bot über zwei Staffeln die beste TV-Science-Fiction der Dekade und verlor sich dann in immer abstruseren (und düsteren) Handlungseinfällen. Zuletzt wurde uns verkauft, dass Starbuck und einige andere Hauptfiguren von Anfang an Zylonen-Schläfer gewesen sein sollten. Solche Twists um der Twists selbst sind leider typisch für das Fernsehen des 21. Jahrhunderts. Einer der Schuldigen ist J.J. Abrams, dessen Durchbruch, die Agentenserie Alias mit Jennifer Garner, anfangs ebenfalls tolle und gut vorbereitete Wendungen bot, bevor den Autoren dann nichts sinnvolles mehr einfiel (am Ende wurde dann sogar der langweiligsten Figur Michael Vaughn noch eine Geheimidentität untergeschoben).



The Expanse basiert allerdings auf einer auf neun Bände angelegten Serie von Romanen des Autorenteams James S.A. Corey. Das Pseudonym steht für Daniel Abraham und Ty Franck, die die Fernsehserie auch mitproduzieren. Und auch wenn mir der erste Band genauso wenig gefallen hatte wie die einführende Staffel, haben die beiden sicherlich ein Konzept für den Handlungsrahmen. In der nunmehr dritten Staffel (mit wie zuvor 13 Episoden) zahlt sich das nun langsam aus, und plötzlich flimmert endlich wieder eine würdige SF-Serie über unsere Bildschirme (na ja, flimmern tun moderne Fernseher eigentlich nicht mehr). Beinahe wäre es übrigens damit vorbei gewesen, aber nach der Absetzung durch SyFy (die nach der Umbenennung von SciFi vergessen haben, wie man gute Shows pflegt) ist glücklicherweise Amazon Prime Studios eingesprungen. Die ersten Staffeln hatte ich paradoxerweise noch auf Netflix gesehen (dort sind sie nicht mehr streambar), momentan gibt es nur die aktuelle dritte Staffel per Flatrate im Prime-Programm. Das wird sich sicher mit der kommenden vierten Staffel ändern.



Im 24. Jahrhundert hat die Menschheit das Sonnensystem weitgehend erschlossen. Es gibt drei Machtkonzentrationen: die von den Vereinten Nationen kapitalistisch-demokratisch geführte Erde, der militaristisch regierte Mars und den anarchistischen Asteroidengürtel ("Belt"). Die Raumfahrttechnik ist einigermaßen realistisch extrapoliert. Wir befinden uns allerdings nicht auf der Enterprise. Bei Notmanövern wird nicht einfach ein bisschen mit der Kamera gewackelt. Jene phantastischste aller Star-Trek-Techniken, nämlich die "Künstliche Schwerkraft" und der Beschleunigungsausgleich (bei Perry Rhodan heißt das Andruck-Konverter) werden uns nicht untergeschoben. Dafür kommt immer noch eine nützliche Erfindung des 20. Jahrhunderts zum Einsatz: der Sicherheitsgurt. Trotzdem sind die Beschleunigungen der Raketenantriebe von 5G und mehr gefährlich für Besatzung und Passagiere. Als Ausgleich hat die Medizintechnik Fortschritte gemacht. Knochenbrüche sind binnen Tagen geheilt, und sogar eine verletzte Wirbelsäule kann ersetzt werden. Allerdings ist dafür immer noch Schwerkraft Voraussetzung, entweder durch Beschleunigung oder (wie bei 2001: Odyssee im Weltall) durch einen rotierenden Zylinder.

Nachdem ich mir die Mühe gemacht hatte, diesen Abschnitt zu schreiben, fand ich bei Youtube folgende ausführliche Beschreibung des Expanse-Universums:



Im Zentrum der Erzählung steht die Rocinante, im Grunde ein Piratenschiff, nicht zufällig nach Don Quixotes treuem Gaul benannt, das die gemischte Besatzung sich von der marsianischen Marine ausgeliehen hat.Sie steht meist zwischen allen politischen Loyalitäten und hat entscheidenden Anteil an der Lösung der Krisen der bislang drei Handlungsstränge. In der ersten Staffel (10 Episoden, nach Leviathan Wakes) wird ein Protomolekül außersolarer Herkunft entdeckt, dessen Enträtselung wie ein Krimi-Thriller aufgebaut ist (mit Thomas Jane als Ermittler Joe Miller). In der zweiten Staffel wird diese Ermittlung zum Abschluss gebracht, und es entbrennt ein Krieg um die militärische Nutzung des Protomoleküls (Caliban's War). Mitte der dritten Staffel wird der Konflikt beigelegt, und die restlichen sieben Folgen (Abaddon's Gate) kreisen um das geheimnisvolle Objekt, das von einer Protomolekül-Konzentration konstruiert wird. Wahrscheinlich aufgrund der drohenden Absetzung wurde hier die Handlung stark beschleunigt. Fast zufällig sind dadurch ungeheuer packende 13 Folgen entstanden. Vermutlich noch in diesem Herbst soll es weitergehen.

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Ich habe hoffentlich nicht den Eindruck erzeugt, dass die Rocinante als primitive Enterprise durchs Weltall düst und Konflikte löst (am ehesten ist sie mit der Serenity verwandt). Die Handlungsträger sind über das gesamte Sonnensystem verteilt und oft auch hochkarätig besetzt. Da gibt es etwa politische Intrigen in der UN, wo Chrisjen Avasarala (die Iranerin mit der rauchigen Stimme Shohreh Aghdashloo) im Hintergrund die Fäden zieht und sich gegen Kriegstreiber Sadavir Errinwright (Shawn Doyle) behaupten muss, eine geheime Forschungsstation des Großindustriellen Jules-Pierre Mao (charismatisch: François Chau) auf dem Jupitermond Io, marsianische Space Marines und die zentrale Belter-Station Tycho mit ihrem Boss Fred Johnson (Chad L. Coleman). Aber immer wieder kehrt die Erzählung zum Kernteam der Rocinante zurück: Kapitän James Holden, Ingenieurin Naomi, Pilot Alex und Mechaniker (und "Mädchen für alles") Amos.

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Einer der Gründe für meine Einstiegsschwierigkeiten war sicher (neben der Tatsache, dass man mitten ins Belter-Chaos geworfen wird) die Besetzung von James Holden. Mit Steven Strait konnte ich mich einfach nicht anfreunden. Mit seiner (faktisch sicher korrekten) blassen Haut, seinem Mukkibudenkörper und den sinnlichen Lippen wirkt er mehr wie ein Gigolo als ein Kapitän. Holden soll natürlich kein James T. Kirk sein, aber ich habe mich immer noch nicht komplett an ihn gewöhnt (Steven Strait hat inzwischen einen Credit als Executive Producer und wird uns sicher erhalten bleiben). Auch mit Dominique Tipper als Naomi habe ich so meine Probleme, aber das liegt mehr an Naomis Persönlichkeit.. Dafür sind der abtrünnige Marsianer Alex (Cas Anvar) und "Jayne"-Variante Amos (Wes Chatham; harte Schale, weicher Kern) einfach fabelhaft.



In der dritten Staffel gibt es ein paar nennenswerte Neuzugänge. Zunächst ist da Bobbie Draper, eine der erwähnten marsianischen Space Marines. Wie cool ist das? Vielen Kritikern in der IMDB gefällt Frankie Adams nicht, aber mir ist sie schnell ans Herz gewachsen. Neben ihrer eindrucksvollen Statur und einem leicht exotischen Gesicht mit Aboriginee-Einschlag spricht die Neuseeländerin auch noch mit dem entzückenden Akzent ihrer Heimat (den ja Peter Jackson weltberühmt gemacht hat). Überhaupt scheint die Serie ihre Darsteller aus allen Ecken der Welt zu ermutigen, mit Akzent oder sogar Dialekt zu sprechen. Das macht das Zuhören zwar etwas mühsamer, aber auch unerhört authentisch. Gerade bei den Beltern geht mir das allerdings manchmal zu weit. Vielleicht war Gaststar Jared Harris (Staffel 1/2) schuld. Der Londoner, bekannt u.a. als Bösewicht in Codename U.N.C.L.E., spricht hier eher Gassen- als Queens-English. An sich ist es ja nachvollziehbar, dass sich die Sprache der Parias des Sonnensystems in ein hässliches Pigeon-English verwandelt (von den Hauptdarstellern spricht allein Naomi ähnlich).

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In diese Kerbe schlägt auch Cara Gee als Camina Drummer, Vize von Fred Johnson und nun Kommandantin des (einzigen) Belter-Kriegsschiffes Behemoth. Die Kanadierin ist gemäß ihren Fotos eigentlich eine attraktive, stylische Frau. Mit Goth-Makeup, Belter-typischen Tätowierungen, dem harten Akzent und ihrer heiseren Stimme entringt sie dem Begriff "herb" eine ganz neue Bedeutung. Aber ihr Machtkampf mit ihrem ersten Offizier Ashford (fabelhaft verkörpert vom 70jährigen Veteran David Strathairn) ist eines der Highlights der dritten Staffel. Auch wenn man gelegentlich Untertitel zuschalten muss, um die beiden zu verstehen. Da tröstet das gepflegte Amerikanisch der Texanerin Elizabeth Mitchell als Pastorin Anna Volovodov, die im Auftrag der inzwischen zur UN-Generalsekretärin (falls ich das richtig verstanden habe) aufgestiegenen Chrisjen mit der Erdmarine zu Abbaddons Gate unterwegs ist. In Lost hatte ich sie als Konkurrentin von Evangeline Lilly manchmal gehasst, diesmal formt sie eine der sympathischsten Figuren.

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2017 war ich noch unglücklich, dass der Folge Leviathan Wakes der Hugo als beste dramatische Präsentation (Kurzform) zugesprochen wurde (vor allem, weil der spätere Emmy-Gewinner San Junipero den Sieg verdient gehabt hätte). In diesem Jahr habe ich die Abschlussfolge Abaddon's Gate selbst nominiert, und sie ist noch vor Janet(s) mein Favorit, der besten Folge der ansonsten (auf hohem Niveau) durchwachsenen dritten Staffel von The Good Place. Jetzt hoffe ich, dass The Expanse bei Amazon noch lange Zeit die erreichte Qualität halten kann. Die Chancen stehen eigentlich gut, bei noch sechs verbleibenden Romanen als Vorlage.

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Samstag, 8. Dezember 2018

Oh weh! Mowgli: Legende des Dschungels (4/10)

Zwei Jahre nach Jon Favreaus gelungener Realverfilmung von Disneys Dschungelbuch läuft nun seit Freitag die lange erwartete Parallelproduktion Mowgli von Andy Serkis bei Netflix, nachdem Warner Bros. sie unzeremoniell an den Streaminganbieter verhökert hat. Man kann wohl vermuten, dass sie an den Kinokassen gnadenlos untergegangen wäre: zu düster für Kinder, zu zerfahren für Erwachsene.



Wenn ich eine Goldene Himbeere für die schlechteste stimmliche Darbietung des Jahres zu verleihen hätte, ginge diese an die zweifache Oscar-Preisträgerin Cate Blanchett. Ihr Voiceover, mit dem die Python Kaa als Erzählerin zu Beginn und Ende der Geschichte von Mowgli einen Rahmen gibt., ist tierisch peinlich. Sie versucht an die Weisheit der äonenalten Elbin Galadriel anzuknüpfen, kommt aber leider nur wie die pompöse Ansagerin eines Schmierentheaters rüber. Die meisten ihrer Kollegen können etwas mehr überzeugen, so etwa Christian Bale als erstaunlich rumpeliger Panther Bagheera und Benedict Cumberbatch als bedrohlicher, Smaug artverwandter Tiger Shere Khan. Aber die meisten kleinen Rollen, inklusive Andy Serkis' Bär Baloo, wirken fehlbesetzt oder zumindest farblos.



Den Stimmkünstlern kann ich allerdings nicht die Hauptschuld an dieser Naturkatastrophe geben. In zwei weiteren entscheidenden Aspekten versagt die Neuinterpretation von Andy Serkis, der ja bei Peter Jackson in die Lehre ging. Für ihn verkörperte er nicht nur Gollum und King Kong, sondern übernahm oft auch die Regie des zweiten Units. Zum einen geht das Konzept der computergenerierten tierischen Darsteller nicht auf, und zum anderen entfernt sich die Handlung nicht weit genug von der berühmten Disney-Version.

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Was bei Gollum und Caesar (in der erfolgreichen neuen Trilogie um den Planet der Affen) eindrucksvoll wirkte, klappt mit Wölfen und Raubkatzen nur bedingt. Über den Motion-Capture-Prozess wurde die Mimik der menschlichen Darsteller auf die computergenerierten Tiere übertragen. Das führt zu verstörenden Chimäreneffekten. Die Figuren werden vermenschlicht, ohne dass sie sich (wie bei Disney) in liebevolle Karikaturen verwandeln. Matt Zoller Seitz nennt das in seiner klugen Kritik (2/4 Sterne) "uncanny valley feeling". Shere Khan ist eben nicht photorealistisch wie sein Argenosse aus Das Leben des Pi, sondern sieht aus wie Cumberbatch im Tigerfell. Die Tierdarsteller sind nicht mehr so putzig wie in der Realverfilmung von Disneys Dschungelbuch, aber doch noch zu vermenschlicht, um als wilde Wesen durchzugehen.

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Ähnliches gilt für die Handlung. Ziel der Produktion war es, sich näher an Rudyard Kiplings Buch zu orientieren (allein schon aus rechtlichen Gründen). Das Drehbuch stammt von der völlig unerfahrenen Callie Kloves, Tochter von Steve Kloves (Harry Potter, Wonder Boys, The Fabulous Baker Boys). Es gelingt ihr einfach nicht, Kiplings sparsamer Prosa Fleisch auf die Knochen zu zaubern. Nehmen wir nur Mowglis Entführung durch die Affenbande. Das ist im Buch eine kleine Episode, in der unser kleine Held die Äffchen als Zerrspiegel seiner selbst begreift. Im Film wird daraus eine kurze Actionsequenz, in der die Primaten wie gruselige Gremlins wirken. Oder der immerhin vom Regisseur selbst gespielte Baloo: Er entspricht zwar eher der literarischen Vorlage, gewinnt aber kaum Kontur (vielleicht kann ich auch einfach den gemütlichen Disney-Bären nicht aus meiner Erinnerung verdrängen). In der zweiten Hälfte der Handlung wird's zwar etwas besser, aber die dazuerfundene Figur des Jägers Lockwood (Matthew Rhys) fand ich am Ende nur ärgerlich, vor allem weil die indischen Dorfbewohner nur Kulisse für den weißen Wichtigtuer sein dürfen (inklusive der bezaubernden Freida Pinto, die in einer sehr merkwürdigen Szene dem hübschen Jungdarsteller Rohan Chand die Haare waschen durfte).

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So sehr ich Andy Serkis mag (der gerade in Black Panther einen denkwürdigen Schurken gab), so wenig konnte ich mit seiner ersten Regiearbeit anfangen (inzwischen gibt es mit Solange ich atme eine zweite, die bei der Kritik besser weggekommen ist). Und das, obwohl er viele Kollegen aus seinen Mittelerde-Jahren zur Mitarbeit bewegen konnte. Natürlich reicht es für ein paar schöne Bilder (bei entsprechendem Equipment in Dolby Vision und UHD-Auflösung), und es gibt auch spannende und komische Elemente, aber ein überzeugendes Ganzes ergibt das nicht. Vielleicht waren in diesem Fall 100 Minuten tatsächlich zu kurz. Erträglich (4/10).

Samstag, 1. September 2018

The Good Place: Die Hugo-Gewinner 2018

Es ist schon ein wenig peinlich, wenn man sich die Preisverleihung des Worldcon 76 auf YouTube anschaut. Das ist halt eine Veranstaltung von Nerds für Nerds, oder besser: von Fans für Fans. Es gibt ein paar Veteranen wie Bob Silverberg oder George R.R. Martin, die mit ihren Präsentationen zu fesseln wissen (selbst wenn es um den Preis für die beste Fan-Kunst geht), aber ansonsten bleibt der Unterhaltungswert gering. Ausnahme war dieses Jahr der Auftritt der Queen of Nerds, Multitalent Felicia Day, die souverän den neuen Preis für das beste Jugendbuch ("Young Adult") präsentieren und gleichzeitig von ihrer Begegnung mit N.K. Jemisin schwärmen konnte.

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Romane

Der Königspreis ging wie erwartet an N.K. Jemisin für The Stone Sky, in einem historischen Hattrick, der leider auch ein schlechtes Bild der Konkurrenz zeichnet. Ihre Nominierung in der Kategorie "Beste Serie" hat sie übrigens im Vorfeld abgelehnt, obwohl diese passender gewesen wäre. Trotzdem Glückwunsch an die brillante Autorin, die nebenbei auch eine engagierte Dankesrede hielt.




Kein Zufall, dass ich bisher keinem der sonstigen Finalisten eine Rezension gewidmet habe. Als da waren:

New York 2140, Kim Stanley Robinson

Nachdem ich mich vor Jahren durch seine Mars-Trilogie gequält hatte ("Red Mars" war 1993 nominiert, "Green Mars" und "Blue Mars" gewannen 1994 und 1997), ignoriere ich seine weiteren Romane regelmäßig. Er hat viele gute Ideen, auch bessere als Andy Weir in "The Martian", aber seine Figuren lassen mich kalt, und seine Plots langweilen mich. Ich bevorzuge Spider Robinson, der in diesem Jahr Ehrengast war.

Raven Strategem, Yoon Ha Lee

Die Fortsetzung von Ninefox Gambit habe ich nur gelesen (bzw. ab der 2. Hälfte quergelesen), weil sie in der Voters Package enthalten war. Die zentrale Figur ist durchaus interessant, erstickt aber wiederum in komplizierten politischen Intrigen. Und Schande, wieder eine geschlechtslose Figur ohne Kontur...

Six Wakes, Mur Lafferty

Mur Lafferty hat eine treue Fanbasis, zu der auch Jo Walton gehört. Ich wurde nicht warm mit der Geschichte der sechs Raumfahrer, die ohne Erinnerungen aus dem Tiefschlaf aufwachen und den Mord an sich selbst (bzw. ihren Klonen) untersuchen müssen. Nicht übel, aber auch nicht wirklich preiswürdig.

The Collapsing Empire, John Scalzi

John Scalzis bester Roman bleibt Old Man's War, der 2006 leider gegen Robert Charles Wilsons Spin verlor. Über seinen Gewinner Redshirts habe ich mich bereits genug aufgeregt. "The Collapsing Empire", der erste Band einer neuen Trilogie, ist enttäuschend routiniert und vorhersehbar aufgesetzt, mit recyceltem Weltenaufbau. Kann man lesen, muss man aber nicht.

Provenance, Ann Leckie

Selbst die Fans der Gewinnerin von 2014 geben zu, dass Provenance nicht ihr bestes Werk ist. Statt Tee-Ritualen gibt es diesmal eine Besessenheit mit historischen Urkunden. Durchschnittsware. Und auch wenn diesmal den meisten Figuren wieder Geschlechter zugeordnet werden, gibt es wieder eine Person unspezifizierten Geschlechts, mit vielen holprigen Pronomina. Ich halte es für eine billige Anbiederung an die quere Gemeinschaft, wenn so eine Figur plakativ eingeführt wird und wir dann nichts über die Hintergründe erfahren. Und woher weiß eigentlich jede andere Figur, dass diese Person geschlechtsneutral anzusprechen ist? 

Kurzformen

Hier gewannen meine Favoriten, nur bei den Noveletten hatte Suzanne Palmer mit "The Secret Life of Bots" die Nase vorn. Glückwunsch auch an Martha Wells und Rebecca Roanhorse.

Beste Serie

So haben sich die Organisatoren das bestimmt nicht vorgestellt - die neue Kategorie gewann erneut Altmeisterin Lois McMaster Bujold, diesmal mit ihrer Fantasy-Reihe "The World of the Five Gods", deren ursprünglicher Roman-Trilogie (inklusive Hugo-Gewinner "Paladin of Souls" von 2003) sie jüngst um eine Handvoll Novellen um den Tempeldiener Penric und seine Dämonin Desdemona erweiterte. Das war's dann zum Glück, mehr Serien hat sie nicht in petto - Bujold nahm den Hugo nicht selbst entgegen (vielleicht war's ihr selbst peinlich), ihre Dankesbotschaft verlas ihre Kollegin und Freundin Catherine Asaro, selbst erfolgreich mit der Skolian-Serie, die allerdings scharf an der Grenze zur Schnulze angesiedelt ist.

Mein Favorit (und zugleich die einzige Reihe, die ich vorab kannte) waren Brandon Sandersons "Stormlight Archives". Mit dieser epischen Fantasy, nach deren gerade erschienener dritter Band noch lange kein Ende abzusehen ist, versucht er in die Fußstapfen von Robert Jordan (dessen "Wheel of Time" er ja bekanntlich zum Abschluss gebracht hatte) und George R.R. Martin zu treten. Ich bin nicht mehr von allem begeistert, was Sanderson veröffentlicht; vor allem seine Jugendromane sind mir zu schematisch, und er macht schon in jungen Jahren (er wurde 1975 geboren) den Fehler, seine mit toll konstruierten Magiesystemen gestalteten Welten überzustrapazieren. In den "Stormlight Archives" jedoch erreicht er eine sagenhafte Erzähldichte und schafft schillernde dreidimensionale Figuren, die überlebensgroß und trotzdem erkennbar menschlich sind. Und mehr und mehr verschwimmen die Grenzen von Gut und Böse - man stelle sich vor, bei Tolkien würde man erfahren, dass die Orcs die Ureinwohner von Mittelerde waren, bevor Elben, Menschen und Zwerge das Land eroberten...

Da ich so begeistert von Martha Wells' nun preisgekrönter Novelle Murderbot Diaries war, habe ich inzwischen die ursprüngliche Trilogie ihrer Raksura-Reihe gelesen. Das sind geradlinige Abenteuer in einer reichhaltig ausgestatteten Fantasiewelt, mit einer faszinierenden Hauptfigur (wenngleich sie gelegentlich ein bißchen weinerlich daherkommt). Die ersten beiden Bände waren in der Voters Package, den dritten habe ich dazugekauft. Allerdings verstehe ich die Preispolitik des Verlages (Tor) nicht. Für die Kindle-Version älterer Romane über zehn Euro zu verlangen, grenzt an Wucher. Gleiches gilt für die Fortsetzungen der Murderbot-Diaries Für die Novellen verlangen die Händler ebenfalls bis zu zehn Euro.

Vielschreiberin Seanan McGuire hatte auch wieder eine Serie im Rennen ("InCryptid"), da komme ich aber beim besten Willen nicht hinterher. Gerade erst habe ich mir die Folgebände von Parasite gekauft...

Von einem weiteren Finalisten habe ich immerhin den ersten Band gelesen: Marie Brennans "The Memoirs of Lady Trent". Sie erzählt amüsant in (loser) Tagebuchform aus einer Parallelwelt, die technologisch ungefähr im Victorianischen Zeitalter angekommen ist, mit allerdings stark abweichender Fauna. Es ist erstaunlich, dass beim Thema Drachen noch Originalität möglich ist. Leider bleiben Figurenzeichnung und Vielschichtigkeit etwas auf der Strecke - das ist höchstens Anne Brontë, keinesfalls Charlotte.

Dramatische Formen

Nachdem ich schon befürchtet hatte, dass die öde Blade-Runner-Fortsetzung sich bei den Langformen durchsetzen könnte, hat nun doch mein Favorit gewonnen: Wonder Woman. Das passt schön zu einem Jahr, in dem es fast nur Gewinnerinnen gibt. Leider werden die Hugos in Hollywood nicht beachtet, so dass niemand aus dem Filmteam den Preis entgegennahm.

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Die große Überraschung gab es bei den Kurzformen, bereits bei den Finalisten. Neben der obligatorischen Doctor-Who-Episode und dem staffelbesten und doch mittelmäßigen Black-Mirror-Beitrag "U.S.S. Callister", einem naiv-verqueren Rap-Song von The Clipping (zum zweiten Mal: wird das ein Trend?) und einer Folge von Star Trek: Discovery (für diesen Mist kamen dann aber kaum Stimmen zusammen) gab es zwei Finalisten der Comedy-Serie The Good Place. Die war mir völlig unbekannt, was sich aber leicht beheben ließ: Die 25 zwanzigminütigen Episoden der ersten beiden Staffeln sind zwar nicht per Flatrate, aber zu sehr fairem Preis bei Amazon Prime erhältlich.




Welch ein Vergnügen! Visuell erinnert die Serie mich an Bryan Fullers ähnlich verschrobenes Kleinod Pushing Daisies, die vor zehn Jahren auch niemand verstanden hatte und nach 22 Episoden fallengelassen wurde. Das Konzept von The Good Place klingt zunächst arg bekannt, ergibt für mich aber etwas völlig Neues: Eleanor (Kristen Bell) wird nach ihrem überraschenden Tod vom Behördenleiter Michael (Ted Danson) überaus freundlich begrüßt. Sie ist am "Guten Ort" gelandet, eine Belohnung, die nur einem winzigen Promillteil der Verstorbenen zuteil wird. Michael hat diesen Ort (es gibt verschiedene) höchstpersönlich als kitschige Kleinstadt konstruiert, mit Frozen-Yoghurt-Cafes, Palästen und Hütten (je nach Vorliebe).

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Es gibt allerdings einen Haken: Eleanor erkennt schnell, dass sie nicht wirklich hier hingehört. Nicht, dass sie den "Schlechten Ort" bevorzugen würde, aber müsste es nicht wenigstens für einen "Mittleren Ort" reichen? Jedenfalls behält sie ihre Bedenken für sich und versucht sich einzuordnen. Nicht so einfach für eine egozentrische, eigennützige Egoistin wie Eleanor. Zum Glück gibt es Chidi (William Jackson Harper), einen ehemaligen Ethikprofessor, der sie mit philosophischer Nachhilfe unterstützt. Was in der zweiten Staffel zur Diskussion des Trolley-Problems führt (dieses Gedankenexperiment ist im Zuge von Autopilot-Fahrzeugen übrigens hochaktuell): Je nach Weichenstellung wird die Straßenbahn diese oder jene Menschengruppe überfahren: Nach welchen Kriterien entscheide ich? Der Teufel hat die Lösung natürlich parat, indem er nach dem Überfahren der ersten Gruppe die Bahn entgleisen läßt und so auch die zweite Gruppe erwischt...

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Das Charmante an The Good Place ist eigentlich, dass es jeder Beschreibung spottet. Erfinder Michael Schur, der zuvor auch die herrliche "Office"-Variante Parks and Recreation aus der Taufe gehoben hatte, hat hier jedenfalls einen Volltreffer gelandet. Allein wie der 70jährige Altstar Ted Danson (Cheers) sich seine herrlich absurden Dialoge auf der Zunge zergehen läßt, ist preiswürdig. Aber auch der Rest des Ensembles, teilweise mit Neulingen besetzt, schlägt sich fabelhaft. Oh, und hatte ich Janet (D'Arcy Carden) erwähnt? Sie ist so eine Art Enzyklopädie allen Wissens des Universums, fungiert zur Not aber auch als Telefon - was Jason (Manny Jacinto), den buddhistischen Mönch mit Schweigegelübde (lange Geschichte), nicht daran hindert, sich in sie zu verlieben...

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Es ist Vor- und Nachteil zugleich, dass sich die Serie nicht in ein Schema pressen läßt. So wird im furiosen Abschluss der ersten Staffel, im Hugo-Finalisten "Michael's Gambit", die komplette Situation auf den Kopf gestellt. Was zu einer etwas durchwachsenen zweiten Staffel führt, die allerdings mit der Episode 5, "The Trolley Problem", einen tollen Höhepunkt aufzuweisen hat, der verdient (und auch mit meiner Stimme) den diesjährigen Hugo einheimsen konnte. Jetzt bin ich wahnsinnig gespannt auf die dritte Staffel, die Ende des Monats anlaufen soll.

Samstag, 10. März 2018

Erschütternd: die italienische Serie Gomorrha

Wie die Ozonschicht, die unseren Planeten vor den tödlichen UV-Strahlen aus dem Weltall schützt, ist die Zivilisation eine dünne Schutzschicht, die uns gegenüber den niederen menschlichen Instinkten isoliert. Anders als die Ozonschicht ist Zivilisation eine menschliche Errungenschaft, die über Jahrtausende erkämpft wurde. Sie muss von Generation zu Generation mühsam verteidigt und weitergegeben werden. Es wird gern romantisierend gefaselt, wie unschuldig und rein Kinder und Jugendliche sind. Die Wahrheit ist jedoch, dass sie ohne Schranken und Rituale, in denen sie ihre Aggressionen in geregelte Bahnen lenken können, schnell dem Herrn der Fliegen zum Opfer fallen. Dieses Problem hat nun auch die Mafia eingeholt, wie die italienische Fernsehserie Gomorrha eindringlich zeigt.

Die nachfolgenden Ausführungen enthalten Spoiler für die erste Staffel der Serie, die allerdings bereits 2014 im Fernsehen lief.

Don Pietro war bislang der unumstrittene Boss des Untergrunds von Neapel. Doch als Insider-Informationen an die Polizei durchsickern, verfällt er der Paranoia und zweifelt an den erfahrenen Leutnants seiner Generation. Er macht Fehler, die ihn in Untersuchungshaft bringen. Nun ist plötzlich sein Sohn Gennato ("Genny") in Verantwortung. Der allerdings ist ein unbeholfener, übergewichtiger Playboy, der auf Basis des Familienvermögens ein schönes Leben führt und bislang nichts vom Geschäft versteht. Zunächst springt seine Mutter Donna Imma in die Bresche, mit beeindruckenden anfänglichen Erfolgen. Aber auch sie unterschätzt die Spannungen zwischen den Generationen, die Gennys Mentor Ciro, nicht viel älter als dieser, aber bereits ein erfahrener "Soldat", zu seinem eigenen Vorteil zu schüren weiss.

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Natürlich ging es auch beim großen Vorbild aller Mafia-Epen um einen Generationenkonflikt. Im Paten geht Don Vito Corleones Imperium an Sonnys Brutalität und Fredos Inkompetenz zugrunde. Der Kugelhagel gebiert mit Don Michael einen Boss, der sich an keine Regeln gebunden fühlt. Familie zählt nichts mehr, was man spätestens an Fredos Schicksal sieht. Aber auch die Zeiten haben sich geändert. Das Geschäft mit Schutzgeldern und Wettbüros wird bereits in den 70ern überschattet vom Milliardenmarkt der Drogen. Im Neapel des 21. Jahrhunderts stehen selbstverständlich Menschenhandel und Drogen im Mittelpunkt. Und Don Pietro und später Donna Imma imitieren nur die Fassade des Urpaten Don Vito. Er stand für Stabilität, Wohlstand und Gerechtigkeit seiner erweiterten Familie, der italienstämmigen Famiglia, auf Kosten der Außenseiter (alle Nicht-Italiener). In Neapel ist es umgekehrt: Die Immigranten sind die Außenseiter, ob Russen oder Schwarzafrikaner. Aber die Familie der Alteingesessenen ist zu groß, um auf Dauer zusammenhalten zu können, Und Donna Imma tritt gegenüber den Anwohnern an ihrem neuen Drogenumschlagplatz als wohltätige Patin auf, bringt im Endeffekt aber nur Leid und Tod.

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Wie bei Coppola schlagen wir uns als Zuschauer zunächst auf die Seite der Gomorrha. Wir leiden mit Don Pietro, wenn er vom Gefängnisdirektor schikaniert wird, und freuen uns, wenn er einen erfolgreichen Gefangenenaufstand inszeniert. Wie schnell verfallen wir dem Charme solcher Autoritätspersonen! Selbst der Schlächter Ciro hat zunächst unsere Sympathie. Er bekommt die schwierigsten Jobs und die wenigste Anerkennung, er scheint dem Schwächling Genny ein guter Freund und seiner kleinen Tochter ein guter Vater zu sein. Aber irgendwann geht uns auf, dass dies alles nur vorgetäuscht ist und seine Handlungen allein von Hass und Geltungssucht getrieben sind. Er begeht unsägliche Untaten und bricht dabei auch noch mit dem kümmerlichen Rest des mafiösen Ehrenkodex - nicht einmal Frauen und Kinder sind vor ihm sicher. Gleiches gilt für Kronprinz Genny. Er vermasselt gleich seinen ersten Mordauftrag und vermag seine Freundin nur mit hündischer Hartnäckigkeit und teuren Geschenken an sich zu binden. Nach einem traumatischen Erlebnis in Lateinamerika (bei Verhandlungen mit Lieferanten) schüttelt er die Aura des Schwächlings mit willkürlichen, skrupellosen Gewalttaten ab und verliert damit ebenfalls unsere Sympathie

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Am erschütterndesten anzusehen ist aber, wie leicht die Jüngsten, oft sogar Kinder, von den Posen und der Gewalt verführt werden. Da treffen die halbstarken Soldaten von Genny oder Ciro auf eine Gruppe von Kindern mit Wasserpistolen und lassen sie erstmal mit echten Waffen spielen. Da ist die junge Lesbe, die eigentlich von einer Hochzeit in Weiß träumt, aber ihren Geschäftssinn für die Koordination der Drogengeschäfte verschwendet. Und da ist der 16jährige Daniele, ein begnadeter Automechaniker, der von Ciro mal eben das Schießen und das Morden lernt  - mit bitteren Konsequenzen für ihn und seine 15jährige Freundin. Das Schicksal Danieles ist besonders tragisch, da es nicht einmal in Armut und Verzweiflung wurzelt - er hat schließlich einen ehrbaren Job, Freunde und Familie - sondern rein in der Faszination am falschen Vorbild Ciro, der auf ihn so cool und erfahren wirkt. Autor Roberto Saviano, auf dessen Tatsachenberichten die Serie basiert, hat gerade ein neues Buch herausgebracht, in dem er offenbar noch mehr auf diese verlorene Generation fokussiert: Der Clan der Kinder. Aber erschütternder als das Schicksal von Daniele und seiner Freundin kann das auch nicht mehr sein.

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Gomorrha besteht aus zwölf einstündigen Episoden pro Staffel. In Deutschland läuft das auf Sky, empfehlenswert ist aber die Blu-ray-Ausgabe, vorzugsweise im neapolitanischen Italienisch mit Untertiteln. Die Veröffentlichung der dritten Staffel ist für April angekündigt. Ich muss gestehen, ich brenne nicht gerade auf die Fortsetzung, denn bereits der Ausgang der ersten Staffel hat mir ziemlich den Magen umgedreht. Aber an Qualität und Unterhaltungswert kann die Serie mit der US-amerikanischen Konkurrenz allemal mithalten. Sie bildet ein Stück Realität ab, welches so oder so nicht leicht zu ertragen ist.

Samstag, 27. Januar 2018

The Bizarre Brainchildren of Max Landis: "Bright" & "Dirk Gentlys holistische Detektei"

Vor 2.000 Jahren hat eine Allianz von Menschen, Elben und abtrünnigen Orcs den Dunklen Herrscher besiegt. Nun leben ihre Nachkommen in einem modernen Los Angeles. Allerdings sind die Rassengrenzen nicht überwunden: Elben sind die Reichen und Schönen, Orcs leben in von Gangsterbanden beherrschten Ghettos, und Menschen bilden eine Art Mittelschicht (von Zwergen und Hobbits ist bislang nichts bekannt). Daher ist Officer Daryl Ward (Will Smith) auch nicht begeistert, als ihm mit Nick Jacoby (Joel Edgerton) der erste Orc-Polizist von L.A. als Partner zugeteilt wird. Der macht sich gleich verdächtig, als er einen orcischen (ist das die politisch korrekte Bezeichnung?) Räuber nicht dingfest machen kann, der zuvor Ward eine Schrotladung in die kugelsichere Weste verpasst hatte. Selbst die interne Revision möchte den Fremdkörper loswerden, doch dann spitzen sich die Ereignisse zu...


Alles klar, oder? Ein x-ter neuer Aufguss der Buddy-Komödie, mit einem Twist, der 1991 als Spacecop L.A. 1991 ("Alien Nation") schon kläglich gescheitert war, trotz der sympathischen Stars James Caan und Mandy Patinkin (ich kann gar nicht genug betonen, wie grauenvoll dieses Machwerk nach einem Buch von Rockne S. O'Bannon war, welches trotzdem eine kurzlebige Fernsehserie auskotzte). Die Brachialgewalt, mit der Netflix seit einem Monat versuchte, mir dieses Prestigeobjekt Bright in den Schlund zu rammen, hatte meine Skepsis nur verstärkt (über Wochen startete der Film jedesmal durch, sobald ich auf meinem Samsung-Fernseher die Netflix-App aufrief).

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Soweit die Vorurteile. Aber dann habe ich erkannt, wer denn hinter dem 90-Millionen-Projekt steckt. Drehbuchautor Max Landis hat sich mal eben 3,5 Millionen vom Kuchen einverleibt - selbstredend nur ein Bruchteil der Gage für den Star Will Smith, aber ein dickes Tortenstück für einen Schreiberling. Und eines sind die Werke von Max Landis niemals: vorhersehbar. Klar spielt er mit gängigen Klischees, setzt diese aber mit ungeheurem Erfindungsgeist neu zusammen, nach dem bewährten Tarantino-Prinzip. Der Sohn von Kultregisseur John Landis (Blues Brothers) und seiner Kostümdesignerin Deborah Nadoolman (Oscar-nominiert für Der Prinz aus Zamunda) ist gerade 32 Jahre alt und für Autorenverhältnisse schon ein Veteran. American Ultra mit Jesse Eisenberg und Kristen Stewart sowie Mr. Right mit Sam Rockwell und Anna Kendrick waren zwar keine Publikumsrenner, aber ragen aus dem Studioeinerlei der letzten Jahre allemal heraus.

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Ein "Bright" ist ein magisches Wesen, meist eine Elbenfrau, dessen Kernfähigkeit erstmal darin besteht, nicht zu explodieren, wenn es einen Zauberstab berührt. Man müsste das mit "Lichtwesen" übersetzen, auch wenn die Brights, denen wir in Bright begegnen, eher der Dunkelheit zugetan sind (und den Dunklen Herrscher von den Toten auferwecken wollen). Hier findet sich endlich einmal wieder eine passende Rolle für Noomi Rapace, die eindrucksvolle Originalbesetzung der Lisbeth Salander in Verblendung, deren schwedische Merkwürdigkeit und Intensität zuletzt in Prometheus verschenkt waren. Hier leuchtet sie als Antagonistin Leilah mit mindestens 10.000 Lumen. Will Smith dagegen macht ein klein wenig auf Tommy Lee Jones, spielt aber doch nur eine mürrische Variante seiner patentierten Persona. Max Landis hat ihm aber tolle Dialoge auf den Leib geschrieben ("Wir sind nicht in einer Prophezeiung, sondern in einem Toyota Corolla"). Und die Chemie zwischen ihm und Joel Edgerton stimmt. Der verschwindet zwar fast hinter der Orc-Maske, was aber ein Vorteil ist, denn etwa als Ehemann der wunderbaren Ruth Negga im auch sonst sehr konventionellen Loving war er doch arg farblos. Den Tolkien-Analogien darf man übrigens nicht zu weit folgen, sonst landet man im Land der Copyright-Verletzungen. Also wohl doch keine Hobbits, auch nicht in der (bereits beauftragten) Fortsetzung...

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Bright ist sicher nicht perfekt. Ich hätte gern noch intensiver das allegorische Alternativ-L.A. ausgekostet, in das man übrigens fast ohne dröge Erklärungen hineinkatapultiert wird. Aber mehr noch hätte ich mir eine kompetentere Regie gewünscht (Landis selbst hat sich bislang erst an einem Langfilm versucht, der noch auf meiner Liste steht). Warum er ausgerechnet Suicide-Squad-Hack David Ayer favorisiert hat, entzieht sich meinem Verständnis - dessen schmutzige Erzählweise, die Denzel Washington in Training Day 2002 immerhin einen Oscar einbrachte, entspricht einfach nicht meinem Geschmack. In den Händen etwa von Edgar Wright hätte dies ein kleines Meisterwerk werden können. Wenn ein Autor solch komplexe Welten wie Max Landis erfindet, sollte ein Regisseur eher gegensteuern und den Zuschauer nicht durch unklare Schnitte noch weiter verwirren. So bin ich mir immer noch nicht sicher, wer wen wo umgebracht hat - aber das ist auch nicht die Hauptsache. Stattdessen gibt es massenhaft Spannung und Spaß, wenn man sich auf die aberwitzigen, übrigens ziemlich blutigen Geschehnisse einlässt. Sehr gut (8/10)!



Vielleicht ist das Fernsehen das bessere Medium für die Ausgeburten von Max Landis' verquerer Phantasie. Sie benötigen Raum, um sich auszubreiten, und Darsteller, die nicht davor zurückschrecken, mal über die Stränge zu schlagen. Daher bin ich auch besonders betrübt, dass BBC America seine Serie Dirk Gentlys holistische Detektei nun nach der zweiten Staffel einstellt (Netflix war nur Ko-Produzent und Zweitauswerter, wie inzwischen bei den meisten BBC-Produktionen). Nach der Freischaltung der letzten Staffel gehörte die Show zwar zu den meistnachgefragten in der IMDB, die Zahlen scheinen aber trotzdem nicht zu genügen. Wie alle Stoffe von Max Landis polarisiert auch diese Serie (Bright hat einen riesigen Zuschauerzuspruch, aber nur einen Kritikerscore von 29/100). Was die Douglas-Adams-Fans anbelangt, wäre man vielleicht besser beraten gewesen, sie nur als "inspiriert von Douglas Adams Romanen" statt "nach den Romanen von" zu bewerben.

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Man stelle sich vor, es hätte Dirk Gently nach seinen Abenteuern mit dem elektrischen Mönch und der langen Tee-Zeit der Seele nach Amerika verschlagen. Plausibel, dass er mit der feinen englischen Art überall aneckt und sich schließlich einen einheimischen Assistenten sucht. Mangels sozialer Fähigkeiten wählt er den holistischen Ansatz - er zerstört systematisch das Leben des Hotelpagen Todd, bis dieser mangels Alternativen und höchst unfreiwillig nachgibt. Es entwickelt sich eine höchst unkonventionelle Freundschaft, und nebenbei werden ein paar phantastische Fälle aufgeklärt. Nacherzählen kann man die allerdings nicht, und allein die Aufzählung der Figuren würde Seiten verschlingen. Da gibt es gewöhnliche Polizisten, Bundespolizisten, CIA-Agenten, Mitglieder einer geheimen Regierungsorganisation, Kriminelle, Privatdetektive, Psychovampire und unangenehme Nachbarn. Und damit sind wir noch nicht bei den wirklich merkwürdigen Personen. Es gibt mit Dirk nicht nur einen holistischen Detektiv, sondern in Bart auch eine holistische Attentäterin und (kleiner Spoiler für die zweite Staffel) eine holistische Schauspielerin 😏

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All das presst Landis in die 8+10 Episoden der zwei Staffeln - die erste kreist um eine Zeitmaschine und eine 15jährige Millionenerbin, deren Bewußtsein in einen Hund verpflanzt wird, die zweite um eine Taschenmärchendimension mit Schmunzelmond, einem bösen Magier (mit noch böserer Assistentin) und die ineinander verliebten Prinzen zweier verfeindeter Clans. Für soviel Skurrilität muss man schon aufnahmebereit sein. Erzählkonventionen gehen gleich den Bach runter, und es dauert mehrere Folgen, bevor man überhaupt grob versteht, worum es hier geht. Aber man wird reichlich belohnt, mit liebenswerten Figuren, schönen Dialogen und herrlichen Situationen. In der ersten Staffel sorgt Bart für einige der schönsten. Es ist beispielsweise nicht empfehlenswert, eine holistische Attentäterin an einen Baum zu fesseln und mit einer Pistole auf sie zu zielen - im Gegenteil, in der Welt von Max Landis ist das eine sichere Selbstmordmethode.

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Im Zentrum der Geschichte steht nicht, wie man erwarten würde, die Titelfigur, sondern als naheliegendere Bezugsperson für den Zuschauer eher Assistent Todd, perfekt besetzt mit "Frodo" Elijah Wood. Er hat mit Mitte 30 immer noch diese anbetungswürdigen Telleraugen, vermag aber auch die Frustration und die Verwirrtheit des verhinderten Rockstars zu vermitteln, der plötzlich in Dirks verrückte Welt versetzt wird. Dirk selbst (Samuel Barnett - ihn kannte ich bislang nicht) nervt gelegentlich den Zuschauer noch mehr als Todd, gewinnt in der zweiten Staffel aber an Profil, natürlich durch eine Sinnkrise (er kommt auf die aberwitzige und fast fatale Idee, den Fall doch mal konventionell durch Kombinieren zu lösen). Dritte im Bunde und zuständig für phyische Konfrontationen (denen Dirk und Todd nicht so recht gewachsen sind) wird Farah, ursprünglich Bodyguard der erwähnten Millionenerbin, verschmitzt taff gespielt von der jungen Jade Eshete mit mörderischer Afrofrisur.

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Im Orbit  des Trios befinden sich auch Hannah Marks als Todds Schwester Amanda (die aber schnell mit den Psychovampiren durchbrennt) und Mpho Koaho (Falling Skies) als lakonischer IT-Experte Ken, der versehentlich von Bart nicht umgebracht wird (Als sie in der 2. Staffel nach ihm sucht, muss sie entgeistert feststellen: "Es gibt mehr als einen Ken?") Überhaupt Bart: Wenn man auf ein Klischee ein weiteres packt, neutralisieren sich die beiden dann? Offenbar schon, denn Brad Dourifs Tochter Fiona kann ihre Gene nicht verleugnen, ist aber einfach herrlich als Bart mit ihren ewig-blutverschmierten wirren Haaren, ihrer Alles-Egal-Einstellung und der schmutzigen Schnauze. Auch hier muss ich wieder die Dialoge von Max Landis erwähnen, die jeder Figur passgenau auf den Mund geschrieben sind. So hat auch jeder Nebendarsteller mal Gelegenheit zu glänzen, und die meisten nehmen die Chance bravourös wahr.

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Es gehört sicher eine gehörige Portion Mut dazu, einen Hund in Menschengestalt, einen Ritter mit pinken Haaren oder eine Hexe mit Chitinpanzer zu spielen. Die Effekte und Kostüme sind ja gewollt grellbunt, für eine Fernsehproduktion konnte man sich zumindest aus einer prallgefüllten Phantasietüte bedienen. Hervorheben möchte ich noch Michael Eklund als charismatischen Anführer der Psychovampire, der schon in Wynonna Earp als Bobo Del Rey beeindruckte und in Mr. Right als Gangster auftaucht. Dazu kommen in Staffel 2 einige Schwergewichte als wichtige Gäste: John Hannah (Vier Hochzeiten und ein Todesfall, Agents of SHIELD) als verrückter Magier, Amanda Walsh als seine durchgeknallte Assistentin Suzie und "Wash" Alan Tudyk als Blackwing-Kommando "Priest" (ist das ein Nod zur geistesverwandten Amazon-Serie Preacher? Die hat man übrigens noch nicht abgesetzt.) Mit Sicherheit keine Einheitskost, allerdings auch recht blutig (aber brutal nur in überzeichneter Weise), kann ich Dirk Gently's Holistic Detective Agency trotz der Absetzung uneingeschränkt empfehlen (es gibt nur kleine unaufgelöste Cliffhanger).

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Montag, 1. Januar 2018

Jahresrückblick 2017

2017 war das Jahr der verlorenen Illusionen. Den Jubel über die #MeToo-Debatte halte ich allerdings für übertrieben. An den Machtverhältnissen ändert sich so schnell nichts - es gab nur ein paar Kratzer im Lack. Die Besetzungscouch ist nicht abgeschafft, sie wird nur ins Hinterzimmer gerückt. Wurden wirklich die schlimmsten Übeltäter gebrandmarkt oder nur die tolldreisten, jene mit der schlimmsten Publicity-Wirkung? Besonders schade, dass mit Jeffrey Tambor (Transparent) ausgerechnet ein Vorreiter für Toleranz als Heuchler entlarvt wurde. Noch mehr hat mich persönlich getroffen, dass beim Vorzeige-Studio Pixar, mit seinem fleissig beschworenen alternativen Arbeitsethos, der Chef John Lasseter offenbar jahrelang willkürlich Kolleginnen begrapscht und abgeknutscht hat. Inmitten dieser Debatte fast untergegangen ist die Meldung, dass sich Kai Whedon von ihrem Mann getrennt hat - der Feminismusvorreiter Joss hatte wohl ein paar Affären zu viel. Da ist ihm der Erfolg ins falsche Körperteil gestiegen, offenbar schon seit den Zeiten von Buffy. Hoffentlich ist das nicht die Erklärung, warum er so lange an Charisma Carpenter festgehalten hat - meine Vermutung wäre eine Liaison mit Eliza Dushku, aber das geht mich nun wirklich nichts an 😎

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Auch wenn ich mir einige wichtige Filme gespart habe - Baywatch, Fack ju Göhte 3, Fifty Shades Darker, Transformers Teil 5  - kann ich erneut nachdrücklich ein lausigen Kinojahr bezeugen. In die Säle bemüht habe ich mich ohnehin nur noch 29mal, ein Negativrekord, den ich 2018 noch unterbieten werde (ich werde mich auf die Comic-, Fantasy- und SF-Titel konzentrieren und den Rest ins Heimkino verlagern). Tatsächlich habe ich 2017 nur acht der 20 erfolgreichsten Filme in Deutschland gesehen. Gerettet haben mich einige solide Marvel-Beiträge und zwei wundervolle Frauen: Patty Jenkins und Gal Gadot. Hier meine TOP-Filme des Jahres:

Meisterwerk (10/10)

  • Wonder Woman (Patty Jenkins)
    In Deutschland nur auf Platz 38 der Zuschauerstatistik gelandet, war dies in den USA der meistbesuchte Film des Jahres. Lesenswert: die Kritik von Matt Zoller Seitz, Chefredakteur von RogerEbert.com: 60 Minutes on "Wonder Woman"

Herausragend (9/10)

Sehr gut (8/10)

Gut (7/10)

  • Fences (Denzel Washington)
  • Hidden Figures (Theodore Melfi)
  • Passengers (Morten Tyldum)
  • Aus dem Nichts (Fatih Akin)
    Unsere Hoffnung für den Oscar ("In the Fade" - hat wohl nur Außenseiterchancen) ist eigentlich eine einfach gestrickte Rachegeschichte mit Bezügen zu den NSU-Morden. Die geschickte Regie des Hamburgers (Tschick) und eine überwältigende Diane Kruger in der Hauptrolle machen dies jedoch allemal sehenswert. Wer hätte das von der Schönen Helena erwartet?
  • Bridget Jones' Baby (Sharon Maguire)
    Deutlich besser als die direkte Fortsetzung von 2004, wenn auch lange nicht so toll wie das Original. War nur in Großbritannien wirklich erfolgreich, so dass man wohl nicht von einem Comeback für Renée Zellweger sprechen kann. Chartwunder Ed Sheeran spielt sich übrigens (sehr überzeugend) selbst.
  • Ein ganzes halbes Jahr (Thea Sharrock)
    Ein charmantes Stück Kitsch mit Emilia Clarke als tölpelhafte Pflegerin eines jungen gelähmten Millionärs. Mother of Dragons!
  • In den Tiefen des Infernos (Werner Herzog)
    Mal wieder eine schöne Dokumentation des Altmeisters, wenngleich ohne die Sogwirkung seiner besten Werke. Quasi eine Fortsetzung seines 40 Jahre alten Kurzfilms La Soufrière - Warten auf eine unausweichliche Katastrophe.
  • Vaiana (Ron Clements)
    Der einzige der fünf Oscar-nominierten Trickfilme, der mir wirklich Spaß gemacht hat

 

Der schäbige Rest


Unter den prominenten Flops des Jahres finden sich neben den üblichen Verdächtigen - Alien: Covenant, Die Mumie, Ghost in the Shell (5/10) - auch die US-chinesische Koproduktion The Great Wall und die europäische Extravaganz Valerian. Besonders Erwähnungen:
  • King Arthur: Legend of the Sword (3/10)
    In Guy Ritchies Verhunzung, oder sollte ich sagen: Verhunnamung, der Legende wird uns der 36jährige Charlie Hunnam, der eher wie 45 aussieht, als Teenager verkauft, und Astrid Berges-Frisbey erneut (nach Piraten der Karibik 4) als Schauspielerin. Da können auch Jude Law und Eric Bana nichts mehr retten. Das Geld für die wild in die Gegend verstreuten Kulissen hätte man wirklich besser in eine Fortsetzung von Codename U.N.C.L.E. stecken können (welches auch gefloppt war, was nur zeigt, dass Kassenerfolg und Qualität selten korrelieren).
  • Life (David Espinosa, 2/10)
    Unfassbar, wie man einen solch leblosen Thriller über einen Alien in der ISS drehen kann. Karrieretiefs von Ryan Reynolds, Rebecca Ferguson und Jake Gyllenhaal.

Persönliche Enttäuschungen waren für mich Edgar Wrights Baby Driver, Matthew Vaughns Kingsman: The Golden Circle und James Mangolds Logan. Grauenvoll war der mit 1,26 Milliarden Dollar Umsatz erfolgreichste Film des Jahres, Die Schöne und das Biest, mit einer schrecklich fehlbesetzten Emma Watson in der Titelrolle (nein, leider nicht als Biest).

Geärgert habe ich mich auch sonst reichlich, besonders über:
  • The Fate of the Furious (F. Gary Gray)
  • Blade Runner 2049 (Denis Villeneuve)
  • Get Out (Jordan Peele)
    Rat mal, wer zur Gehirntransplantation kommt? Als bösartig-satirische Variante des Oscar-nominierten Feelgood-Films mit Sidney Poitier, Spencer Tracy und Katherine Hepburn wäre "Get Out" in den 60ern vielleicht zeitgemäß gewesen. Heute ist es einfach nur eine Ansammlung von Klischees und sehr unangenehm anzuschauen. Die Weißen sind böse, die Schwarzen gut. Hier ist eine Idee: Nehmen wir an, der Bruder des Lockvogels (Allison Williams) wäre von der Familie entfremdet, fände sich nur zufällig zu diesem Wochenende ein und schlüge sich am Ende auf die Seite des schwarzen Opfers (Daniel Kaluuya)? Aber niemand besetzt Caleb Landry Jones als Gutmenschen. Ansonsten innerhalb der Grenzen des bescheidenen Drehbuchs aber gut gespielt. Horror-Fans fehlt der Horror, mir fehlt die Qualität. Kein professioneller Kritiker hat sich getraut, die Schwächen des Films aufzuzeigen. Politische Korrektheit führt offenbar zu Feigheit oder Dummheit.
  • Silence (Martin Scorsese)
    Si tacuisset.
  • Hacksaw Ridge (Mel Gibson)
    Religiös verbrämter Schwachsinn.
  • Elle (Paul Verhoeven)
    Eine Vergewaltigung in ein Sexspiel umzudeuten, das gelingt nur dem Fliegenden Holländer (Total Recall, Basic Instinct, Starship Troopers), dessen kontroverse Werke ich ansonsten meist mochte (ok, außer Showgirls).

 

Auch keine Rettung: Fernsehserien

Inzwischen zieht es eine Menge zugkräftiger Schauspieler zum Fernsehen, und die Gelder fließen, vor allem durch die neuen Streaming-Dienste. Ob dabei Qualität rauskommt, ist allerdings Glücksache. Mir scheint, es gibt einen Mangel an guten Autoren, die Visionen jenseits der bekannten Schablonen entwickeln. Und klappt das einmal, findet sich nicht unbedingt ein Publikum dafür  - siehe Sense8 oder die gerade erst abgesetzte Dirk-Gently-Neuinterpretation mit Elijah Wood (die zweite Staffel läuft erst diesen Monat bei Netflix an).

Etablierte Serien

  • Game of Thrones
    Die siebte Staffel war unterhaltsam, aber man hat nicht mehr das Gefühl, dass die Überraschungen sorgfältig genug vorbereitet sind. Dazu gibt es nun eine Menge Fan-Service. Die Entfernungen in Westeros scheinen um ein Zehntel geschrumpft zu sein, um Treffen aller wichtigen Handlungsträger zu ermöglichen, mit entsprechend spöttischen Reaktionen kritischer Zuschauer. Die Memes um Gendry Maratheon etwa sind Legende.
  • Stranger Things
    Die zweite Staffel bot erneut kurzweilige Unterhaltung. Winona Ryder agiert nicht gar so hysterisch, und die Kids entwickeln Persönlichkeit. Das größte Talent, die dreizehnjährige Millie Bobby Brown, wird diesmal vom Buch leider nicht so gut in Szene gesetzt, eine erneute Emmy-Nominierung ist unwahrscheinlich.
  • iZombie
    Die Serie um die gar nicht blasse Rose McIver hat in der zweiten Staffel Fahrt aufgenommen - hoffen wir mal, dass es noch dauert, bis die Verwesung einsetzt.
  • Lucifer
    Meine Freude an der Serie um den leibhaftigen Teufel, der einen Club in LA aufmacht (und mit britischem Akzent Frauenherzen bricht), beichte ich hier nur als Guilty Pleasure. Ich hätte allerdings nicht gedacht, dass mir Lauren German mal in einer Rolle gefallen würde, nach ihrem katastrophalen Kurzeinsatz bei Hawai Five-0 (welches man sich inzwischen wirklich nicht mehr anschauen kann).

Revivals

  •  Twin Peaks
    Wird in der Gesamtheit von Kritikern gern auf die Jahresbestenliste für Kinofilme gesetzt. Von mir nicht.
  • Gilmore Girls: A Year in the Life
    Außer Spesen nichts gewesen? Na ja, kann man sich gut anschauen, und es sei der Erfinderin Amy Sherman-Palladino gegönnt, die Geschichte zum geplanten Abschluss zu bringen. Aber Funken versprüht hat der Vierteiler nun auch nicht gerade. Ich hatte mehr Spaß an ihrer kurzlebigen Ballettgeschichte Bunheads. Mit ihrer neuesten Serie, The Marvelous Mrs. Maisel, um eine Standup-Komikerin im New York um 1960 konnte ich mich noch nicht anfreunden (sie läuft bei Amazon Prime).
  • Akte X
    Am Mittwoch läuft bereits die elfte und damit zweite "neue" Staffel an. Solange es wieder eine Comedy-Episode von Darin Morgan gibt, quäle ich mich da gern durch. Zuletzt gab es die herrliche Werwolf-Legende aus der Sicht des Monsters, Mulder & Scully Meet the Were-Monster, nun angekündigt ist The Lost Art of Forehead Sweat (schweißtreibender Titel!)

Neue Serien


Wer hätte nach dem müden Einstieg gedacht, dass Marvel's Agents of S.H.I.E.L.D. sich sechs Jahre halten würde? Die Agenten um Phil Coulson sind zwar nie so richtig durchgestartet, aber ihre Abenteuer können mich immerhin noch gelegentlich fesseln, und ich mag die meisten Hauptfiguren. Gleiches kann man von den neuesten Starts nicht gerade sagen. Marvel ist mit den Inhumans nun nicht nur der Tiefpunkt des Jahres geglückt, sondern die vielleicht schlechteste Comic-Verfilmung aller Zeiten. Etwas besser scheint The Gifted zu sein, davon habe ich bisher aber nur den Piloten gesehen. Die schwerfälligen, trübsinnigen Netflix-Reihen (Daredevil, Jessica Jones etc.) lasse ich längst links liegen, genauso wie die schematischen DC-Teenager-Vergnügungen (Arrow, The Flash etc.)

Die traurigste Vorstellung gab es allerdings im SF-Bereich. Star Trek: Discovery ist ein heilloses Durcheinander, welches exakt die Produktionsgeschichte widerspiegelt. Geblieben ist eine funkelnde Oberfläche mit viel Leerraum dahinter. Besonders peinlich die Klingonen, die dank aufwändiger Zahnprothesen so undeutlich artikulieren, dass selbst ein Professor für Klingonisch Untertitel benötigt. Die Offiziere der Sternenflotte dagegen haben ein akutes Akneproblem, welches ihnen in UHD besonders schlecht zu Gesicht steht. Ich rechne übrigens fest damit, dass die Crew der Discovery nach der Winterpause entdeckt, dass sie einem Spiegeluniversum entstammt (Mirror, Mirror!) Das entschuldigt aber nicht die dämlichen Geschichten, hanebüchen ausgeführte Sternenflottentechnik und unsympathischen Figuren.

Fast zeitgleich angelaufen ist ein Star-Trek-Clone, den viele, ich allerdings nicht, als die bessere Serie betrachten. Seth McFarlanes The Orville ist Star Drek mit gut geputzten Raumschiffen und Fäkalienhumor. Ein Novum, dass der Captain überhaupt nicht schauspielern kann. Und Adrienne Palicki als seine Ex und Erste Offizierin mag ich ohnehin nicht. Nach diesen neuen SF-Versuchen bekomme ich das Gefühl, das Universum sei so flach wie meine Mattscheibe. Plötzlich entwickle ich richtig Lust auf die zweite Expanse-Staffel...

Abschied


Martin Landau kannte ich nicht aus seinem Riesenerfolg Kobra, übernehmen Sie ("Mission: Impossible", 1966-1973), sondern als Kommandant John Koenig der Mondbasis Alpha 1 ("Space: 1999", 1975-1977), die ich als Jugendlicher mangels SF-Alternativen geliebt habe. Als Erwachsener schaut man sich das aber besser nicht an. Die Geschichten sind nicht besser als das dämliche Grundkonzept (der Mond reist jede Woche durch ein neues Sonnensystem). In den 80ern etablierte sich Landau dann als gefragter Charakterdarsteller und war u.a. für Woody Allens Verbrechen und andere Kleinigkeiten für einen Oscar nominiert. Den gewann er schließlich 1995 verdient für seine berührende Darstellung des alternden Bela Legusi in Tim Burtons liebevoller Biographie des "schlechtesten Regisseurs aller Zeiten", Ed Wood. Martin Landau starb im Juli mit 89 Jahren.

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Einen deutlich stärkeren Eindruck als Mondbasis Alpha 1 hinterließ bei mir die Originalserie Kampfstern Galactica, vor allem die beiden extrahierten Kinofilme. In meiner Erinnerung steht die epische Odyssee der zwölf Stämme unter Führung von "Moses" Commander Adama (Lorne Greene) gleichwertig neben dem Krieg der Sterne, und Adamas Sohn Apollo war einer der Helden meiner Kindheit. Richard Hatch sah gut aus, hatte eine TV-freundliche Ausstrahlung und nahm sich selbst nicht zu ernst. Er trat noch in vielen Fernsehserien auf, aber Apollo blieb seine Signaturrolle. Im düsteren Remake hatte er einen sehr überzeugenden Gastauftritt als rebellierender Gefangener Tom Zarek. Richard Hatch wurde 71 Jahre alt.

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Kurz nacheinander sind die Hauptdarsteller aus zweien meiner liebsten Wenders-Epen gestorben: Harry Dean Stanton aus Paris, Texas (1984) und Sam Shepard aus Don't Come Knocking (2005), der auch an beiden Drehbüchern beteiligt war. Shepard war als Dramaturg so rührig wie als Charakterdarsteller. An Stantons wettergegerbtes Gesicht erinnert man sich vielleicht aus Alien oder Martin Scorseses Die letzte Versuchung Christi (als Saulus/Paulus).

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Noch ein weiteres Mitglied der Alien-Crew hat es 2017 dahingerafft. John Hurt war es, der in einer ikonischen Szene ein Alien zur Welt brachte und dies höchstpersönlich in Spaceballs persiflierte. Er war in Komödie und Drama zu Hause, sein zerfurchtes Gesicht konnte Pathos und Entschlossenheit ausdrücken. Wie Harry Dean Stanton war auch er für David Lynch tätig: Er verbarg sich unter der Maske des Elefantenmenschen und erhielt dafür eine seiner zwei Oscar-Nominierungen. In seiner dritten Zusammenarbeit mit Jim Jarmusch war er der anrührende Mentor des Vampirpaars in Only Lovers Left Alive. Jüngeren ist der Engländer eher als Zauberstab-Experte Ollivander bekannt.

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Die Dick van Dyke Show war in den 60ern so bahnbrechend (und unterhaltsam) wie Seinfeld in den 90ern. Sie ist immer noch höchst sehenswert, auch wenn sie ein wenig Muff angesetzt hat (insbesondere bei den Geschlechterrollen). Der Titelheld Dick von Dyke ist gerade 92 geworden. Er ist am bekanntesten als Schornsteinfeger in Mary Poppins (Chim Chim Cheree). In der von Carl Reiner (*1922) ersonnenen Show spielt er Dick Petrie, den Chefautor für einen Komiker (hin und wieder als Gast zu sehen: Carl Reiner selbst), mit den Kollegen Buddy Sorrell (Morey Amsterdam, 1908-1996) und Sally Rogers (Rose Marie, die nun 94jährig starb). In einigen der besten Episoden betrat das Team auch selbst die Bühne. Rose Marie sang bereits als Fünfjährige vor Publikum. Bei Youtube findet man ihre Parodie auf ihren Mentor Jimmy Durante, aber auch diesen frühen Auftritt, bei dem sie schon ihre typische Stimme gefunden hatte (mit sechs Jahren!)

Bei diesen Gelegenheiten stieß oft auch Dicks Ehefrau Laura dazu, die ebenfalls tanzen und singen konnte, siehe etwa dieses Duett. Für Mary Tyler Moore war diese Rolle der Durchbruch, nachdem zuvor in einer Detektivshow vor allem ihre Beine zu sehen waren. Sie hatte später höchst erfolgreiche Soloshows und wurde zu einer Ikone der Feminismusbewegung (und ein Favorit von Pauline Kael). Sie war schön, komisch und klug, gelegentlich wohl auch kratzbürstig. 1981 gesellte sich zu ihren sechs Emmys und drei Golden Globes eine Oscar-Nominierung für die Hauptrolle in Robert Redfords Familiendrama Ordinary People. Einen ihrer letzten Auftritte hatte sie 2006 in der achten Staffel der Wilden 70er. Mary Tyler Moore starb bereits im Januar im Alter von 80 Jahren.

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