Anläßlich ihrer jüngsten Kino-Extravaganz (Jupiter Ascending) hatte ich die Wachowskis bereits abgeschrieben, allerdings auch erwähnt, daß sie jemand benötigen, der ihre überbordende Fantasie in vernünftige Bahnen zu lenken weiß. Mit J. Michael Straczynski konnten sie einen solchen ordnenden Co-Autor gewinnen. Der gerade 61 gewordene TV-Veteran hat in den letzten Jahren mit durchwachsenem Erfolg fürs Kino geschrieben (u.a. trug er zur Story von Thor und dem mittelmäßigen Brad-Pitt-Zombie-Spektakel World War Z bei, schrieb außerdem das Buch zum grauenhaften Clint-Eastwood-Debakel Der fremde Sohn). Aber natürlich hat er seinen Platz im SF-Pantheon bereits sicher, und zwar als Schöpfer der grandiosen Space Opera Babylon 5 (1994 - 1998). Ein Geheimnis ihres Erfolges war ein von vornherein auf fünf Staffeln angelegter Handlungsbogen mit geschickter, stufenweiser Enthüllung der unterliegenden Mythologie, ein trotz störender Einflußnahme des produzierenden Senders aufgegangenes Konzept (nach der ersten Staffel mußte der Hauptdarsteller gewechselt werden, die vierte Staffel brachte die eigentliche Haupthandlung aufgrund einer drohenden Absetzung überhastet zu Ende). Es mag manchen verwundern (wer beginnt schon einen Roman zu schreiben, ohne das Ende zu kennen), aber diese Vorgehensweise ist bei Fernsehserien ungewöhnlich; selten planen ihre Macher ("Schöpfer") mehr als ein bis zwei Jahre im voraus. Und noch seltener ergibt sich daraus ein zufriedenstellendes Ganzes (wie bei Lost); manchmal kann man hoffen, daß die Serie erst nach einigen Jahren in sich zusammenbricht (wie das neue Battlestar Galactica), aber meist stellt das Ergebnis eine amorphe Ansammlung von beliebigen Miniaturhandlungssträngen dar (Star Trek DS 9). Im schlimmsten Fall werden die Geschichten wild zusammengewürfelt, wie etwa in der katastrophalen zweiten Staffel von Sleepy Hollow, nachdem die Assistenten die Show übernommen hatten ;-)
Zurück zu Sense8. Andy und Lana (vormals Larry) Wachowski und Straczynski haben ihr neues Projekt offenbar sorgfältig geplant. Ebenfalls auf fünf Jahre angelegt, hat Netflix immerhin gerade die zweite Staffel beauftragt. Neben der Zusammenarbeit beim Drehbuch war allerdings noch mehr Kollaboration von Nöten. Sense8 ist nämlich eine cineastische Weltreise mit Handlungsorten in neun Städten auf vier Kontinenten. Viele Szenen wurde an Originalschauplätzen gedreht, und so mußte sich das Produktionsteam aufteilen, und die Regie übernahmen je nach Drehort (unabhängig von den Episoden) neben den Wachowskis Tom Tykwer (der sich mit den Geschwistern ja bereits in Cloud Atlas glänzend verstanden hatte) in Berlin und Nairobi, James McTeigue (der mit V wie Vendetta bereits vor zehn Jahren ein Wachowski-Script erfolgreich umsetzen konnte) in Mexico City und Mumbai, außerdem der Zauberer der visuellen Effekte, Dan Glass, in Seoul. Tykwer steuerte zudem mit seinem langjährigen Bandkollegen Johnny Klimek die hypnotische Musik bei.
Worum geht es? Zunächst mal werden acht separate Geschichten erzählt, um acht Figuren Anfang 30, die mal mehr, mal weniger typisch für ihre jeweilige Heimatstadt stehen. Dabei wird sicher so manches Klischees gestreift, und aus dramaturgischen Gründen gelegentlich dick aufgetragen. Es sind Außenseiter, die schnell in kriminelle oder zumindest gewalttätige Situationen verstrickt werden. Jede denkbare Schattierung von Gangstern, aber auch faszinierende Lebensläufe werden uns hier präsentiert. Oft agieren die Darsteller, mindestens die Nebendarsteller in ihrer Heimatstadt, was ihr Spiel auf eine intime Ebene hebt. Zwar filtern die amerikanischen Autoren die für uns exotischen Schauplätze notgedrungen durch eine westliche Sichtweise, aber trotzdem hat man noch nie soviel Vielfalt in einer Fernsehserie zu Gesicht bekommen (und das in atemberaubend schönen Bildern; die Kameraführung ist Oscar-würdig). Dies sind die Hauptfiguren:
- Da ist der idealistische Chicagoer Polizist Will (Brian J. Smith, Genre-Fans bekannt aus Stargate Universe). Als er einen angeschossenen schwarzen Teenager ins Krankenhaus bringt, werden wir gleich mit der vollen Wucht der US-amerikanischen Hybris konfrontiert. Kaum jemand rührt einen Finger für den verletzten Jungen; selbst Wills Kollege und Freund erklärt ihm, daß dieser schließlich zu einem Gangster heranwachsen und (weiße) Polizisten umbringen werde...
- DJ Riley mit flippig weißgefärbten Haaren (Tuppence Middleton, mir eher durch ihren Namen als bisherige Rollen geläufig) gerät in London mit Drogenhändlern aneinander und flieht in ihre Heimat Island. Ihr Vater, ein übriggebliebener Hippie und gefeierter Konzertpianist, nimmt sie freudig auf, aber ihre Vergangenheit birgt ein traumatisches Ereignis...
- Sun (Doona Bae aus Cloud Atlas) ist Vizepräsidentin im Konzern ihres Vaters, neben Tabellenkalkulationen beherrscht sie jedoch auch asiatische Kampfkünste. Als sie Unterschlagungen ihres nichtsnutzigen Bruders aufdeckt, soll sie sich für die Ehre ihrer Familie opfern...
- Capheus (der Brite Aml Ameen, in Maze Runner unauffällig wie das gesamte Ensemble) schlägt sich in Kenia als kleiner Busunternehmer durch. Um Medikamente für seine AIDS-kranke Mutter zu besorgen, läßt er sich mit einem Crime Lord ein. Seine Geschichte ist zum einen die traurigste aufgrund der verzweifelten Situation in den Slums von Nairobi (niemand weiß, ob die teuren Schwarzmarktmedikamente nicht wirkungslose Kopien sind), anderseits zeigt er auch den größten Lebenswillen, wenn er seinem Vorbild Jean-Claude Van Damme nacheifert...
- Kala (Tina Desai aus dem sehenswerten Best Exotic Marigold Hotel) hat in Mumbai einen guten Job als Chemikerin und soll den Sohn eines privilegierten zwielichtigen Geschäftsmannes heiraten. Wird dies wirklich die erste Liebesheirat in der Familie? Traditionen (Ganesh-Tempel) und Moderne (Bollywood-Tanz) prallen aufeinander...
- Wolfgang (Max Riemelt aus Die Welle, deutschen Fernsehzuschauern wahrscheinlich bekannter als mir) betreibt in Berlin einen vom Vater geerbten Schlüsseldienst, ist im Nebenjob allerdings Spezialist fürs Safe-Knacken und kommt durch einen Diamantenraub seinem schwerkriminellen Onkel ins Gehege. Auch seine Vergangenheit birgt ein dunkles Geheimnis...
- Lito (der Spanier Miguel Ángel Silvestre, er war in Fliegende Liebende der "Verlobte") ist ein berühmter Actionheld des mexikanischen Kinos, ein Macho par excellence - nur ist er privat mit einem Mann liiert, was im konservativen Mexico City natürlich nicht bekannt werden darf. Als allerdings seine Kollegin Daniela bei ihm Zuflucht vor einem Gangster sucht und sich mit Lito und seinem Geliebten anfreundet, muß er sich zwischen Ruhm und Liebe entscheiden...
- Nomi (sexy Stimme: Jamie Clayton) wurde als Michael geboren, lebt jetzt aber in der Stadt der Liebe (und der Toleranz?) San Francisco mit ihrer Geliebten, wo sie von einem fragwürdigen Doktor für eine freundschaftliche Lobotomie zwangseingewiesen wird. In einer der am schwersten zu ertragenden Szenen versucht Nomis Mutter ihrem "Michael" zu erklären, wie die Operation "ihn" von den Wahnvorstellungen befreien wird (Jamie Clayton ist selbst, wie Lana Wachowski, Transgender, was dem Handlungsstrang zu einer beklemmende Authentizität verhilft).
Doch Sense8 ist beileibe kein trockenes intellektuelles Werk mit Seifenopern-Komponenten. Es gibt genug Prügeleien, Verfolgungsjagden und Shootouts, um den Actionfan in uns allen zu befriedigen, und mehr und mehr muß der Cluster alle seine Fähigkeiten integrieren, um einzelne Sensates aus verzwickten Situationen zu retten. Er hat nämlich mächtige Feinde, die bereits in der ersten Episode ihren Auftritt haben, als nämlich Angelica (keine Jungfrau am Haken mehr: Daryl Hannah) sich nur durch Selbstmord vor dem finsteren Mr. Whispers (Terrence Mann, "Bob" aus den Dresden Files) retten kann (und damit möglicherweise den neuen Cluster gebiert). Und dann ist der der zwielichtige Jonas (Naveen Andrews aus Lost), der eine spezielle Verbindung zu Will hat - steht er auf der Seite der Sensates, oder hilft er Mr. Whispers bei der Jagd nach ihnen? So kann man die Serie auch einfach als spannendes Abenteuer betrachten. Mich spricht allerdings besonders an, daß hier bei allen dargestellten Konflikten und sogar Tragödien endlich mal wieder eine positive Utopie präsentiert wird. Die Verbindung der Sensates postuliert zumindest die Möglichkeit der Kommunikation über Kultur- und Geschlechterschranken hinweg, eine Fähigkeit, die uns die Evolution an sich nicht mitgegeben hat.
Es dauert eine Weile, bis man sich in der komplexen Welt von Sense8 orientiert hat. Die Pilotfolge hat bestimmt nicht nur mich etwas verwirrt und ratlos zurückgelassen. Ich glaube nicht, daß man dann diese Folge ein zweites Mal schauen sollte. Stattdessen empfehle ich, direkt die zweiten Folge anzuschließen. Ich verspreche, daß alles spätestens ab der dritten Folge nachträglich einen Sinn ergibt und ab dann den aufnahmebereiten Zuschauer komplett in seinen Bann schlägt. Vielleicht wäre es besser gewesen, nicht alle acht Hauptfiguren sofort einzuführen, vor allem da die wenigsten Schauspieler dem Zuschauer geläufig sein dürften. Im Nachhinein mag es aber besser sein, daß man beim Start dem gleichen Schock wie die acht Sensates ausgesetzt ist. Und Sense8 ist eine Serie, die man sicher mehrfach anschauen wird. Vielleicht hilft Einsteigern auch dieses Interview mit J. Michael Straczynski, in dem er auch die Art der Zusammenarbeit mit den Wachowskis erläutert (und übrigens Wert darauf legt, daß die Transgender-Figur seine und nicht Lanas Idee war und sich logisch aus ihrer Rolle im Cluster ergab).
Sense8 ist keine Show für Fans von Teenie-Serien, die unendlich darüber diskutieren können, wer wann wie oft mit wem verbändelt werden sollte. Sie wird auch nicht die Breitenwirkung von House of Cards haben, welches ich aufgrund seines zynischen Grundtons nicht besonders schätze. Und natürlich gibt es für die einen "zu viel Sex", für die anderen "zu wenig Action". Aufgrund der Kommentare in der IMDB muß man schließen, daß der Kern der Geschichte an vielen Zuschauern völlig vorbeigeht. Das ist aber in Ordnung, Qualität kann man leider nicht am Konsenzvermögen messen. Frank Darabonts geniale Stephen-King-Verfilmung Die Verurteilten (The Shawshank Redemption) steht ja nicht deshalb an der Spitze der IMDB Top 250, weil sie der beste Film aller Zeiten ist, sondern weil sie offenbar viele unterschiedliche Menschen anspricht (mich eingeschlossen). Sense8 ist gedacht für eine Generation von Science-Fiction-Fans, die neben coolen Weltraumschlachten auch an menschlichen Schicksalen, vielleicht sogar am Schicksal der Menschheit interessiert ist. Es ist gedacht für meine Generation und die ihrer Regisseure, gerade endgültig aus den Zielgruppen der Werbewirtschaft herausgefallen und doch noch aufgeschlossen für neue Stoffe, die neuartig präsentiert werden. Insofern macht sich Netflix (neben HBO, Showtime und anderen) verdient um das Fernsehen der Zukunft. Inzwischen bietet Netflix übrigens einen interessanten 20minütigen Blick hinter die Kulissen der Produktion.
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