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Samstag, 11. Januar 2020

Die aktuellen Prestigefilme von Netflix

Mit seinen drei Prestigefilmen konnte Netflix in diesem Jahr 15 Golden-Globe-Nominierungen herausschlagen, und am Montag werden sicher auch ein paar Oscar-Nominierungen folgen. Leider kam bei mir so recht keine Begeisterung auf.

Marriage Story (4/10)




Marriage Story hieße besser Divorce Story. Regisseur und Autor Noah Baumbach versucht hier, seine Scheidung von Jennifer Jason Lee zu verarbeiten, sicherlich mit dem Versuch, das persönliche Drama zu verallgemeinern. Für mich ergibt das nur eine anstrengende Szene nach der nächsten, mit Figuren, zu denen ich keine Beziehung aufbauen konnte: verwöhnte erfolgreiche Künstler mit aufgeblasenem Ich, die an unser Mitgefühl appellieren, weil sie die 2000 Dollar Anwaltskosten pro Stunde nicht sofort in bar bezahlen können. Am unsympathischsten kommt denn auch Laura Dern als Staradvokatin daher, was auch eine Leistung ist und bereits mit einem Golden Globe belohnt wurde. Vize-Admiral Holdo steuert wohl nach zwei Nominierungen auf ihren ersten Oscar hin. Den würde ich viel eher Scarlett Johansson gönnen, die in der Hauptrolle zwar auch zickig wirkt, aber immerhin so etwas wie eine glaubwürdige Figur schafft. Ihr zur Seite steht Kylo Ren Adam Driver, dessen Erfolg ich auch nach einem Dutzend Filmen nicht so recht nachvollziehen kann. Die Scheidungsgeschichte um Noah Baumbachs Eltern in The Squid and the Whale hatte ich vor 15 Jahren noch wohlwollend aufgenommen, aber seitdem kann ich mit seinen Filmen immer weniger anfangen. Erträglich (4/10).

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The Irishman (6/10)




Die Meinungen schwanken zwischen "Scorseses bestem Film" und "Gähnfest". Für mich liegt die Wahrheit leider irgendwo in der Mitte. Dreieinhalb Stunden sind für diesen Stoff einfach zu lang, und bei einer traditionellen Kinoauswertung hätte man Marty sicher auch genötigt, eine Stunde rauszuschneiden. So ist das Ding selbst für einen Fernsehabend zu aufgedunsen. Inhaltlich ist The Irishman eine merkwürdige Interpretation einer ohnehin schon wenig glaubwürdigen Vorlage (den Erinnerungen des Mafiakillers Frank Sheeran "I heard you paint houses", der angeblich auch mit Jimmy Hoffas Blut gemalt hatte). Trotzdem bietet er natürlich starke Szenen. Mit am besten haben mir die fast wortlosen Szenen mit Sheerans Tochter Peggy gefallen (Lucy Gallina und später Anna Paquin), sowie Joe Pesci als bedrohliche Eminenz im Hintergrund.

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Womit wir schon bei des Pudels Kern angekommen wären. Ein Großteil des Budgets und der Publicity dreht sich um die Verjüngung der Hauptdarsteller. Das funktioniert bei Joe Pesci ziemlich gut, bei Robert DeNiro so la la (solange er sich nicht viel bewegen musste) und bei Al Pacino überhaupt nicht (was die Hollywood Foreign Press Association nicht davon abhielt, ihn für einen Golden Globe zu nominieren). Es gibt auch keinen Grund, den bei seinem Verschwinden 63 Jahre alten Jimmy Hoffa mit einem 80jährigen zu besetzen (und dann hätte man auch Jack Nicholson nehmen können, der ja bereits Erfahrung mit dieser Figur hat). Einzige Erklärung ist, dass dies Scorseses letzte Chance war, mit der Legende Pacino zusammenzuarbeiten. Sam Mendes stellte bei seiner Dankesrede für den Golden Globe als bester Regisseur fest, dass alle lebenden Regisseure im Schatten von Martin Scorsese ständen. Kann es sein, das Marty nur noch ein Schatten seiner selbst ist? Ordentlich (6/10).

Die zwei Päpste (7/10)




Wer hätte gedacht, dass zwei Stunden erdachte Gespräche zwischen zwei Klerikern derart unterhaltsam sein könnten? Denn viel mehr passiert nicht in Die zwei Päpste, in dem die historischen Ereignisse nur Hintergrund sind, nämlich die Wahl und spätere Abdankung von Papst Benedict ("Wir sind Papst!") und die Nachfolge durch seinen größten innerkirchlichen Kritikers (wenn man dem Drehbuch trauen darf) Jorge Bergoglio (aka Francis). Als Bonus unterhalten sich die beiden alten Herren allerdings vor verblüffend echt wirkenden Kulissen, so ein atemberaubender Studionachbau der sixtinischen Kapelle. Zwischendurch gibt es ein paar meist in Schwarzweiss gehaltene Rückblenden aus Argentinien insbesondere in den Junta-Jahren (lobenswerterweise wie viele Passagen des Films mit Untertiteln; für Spanisch, Latein, Italienisch).

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Die zwei Päpste ist Schauspielerkino par excellence, vollkommen getragen von den Darbietungen der beiden Altstars Jonathan Pryce, zuletzt bereits ein Kirchenvater in Game of Thrones, und Anthony Hopkins, dem religiöse Epen auch nicht fremd sind - neben Methusalem in Darren Aronofskys Totaluntergang Noah verkörperte er schließlich jüngst noch den Gottvater Odin. Es ist herrlich, den Veteranen zuzuschauen und zuzuhören. Sie machen vergessen, dass es sich im Grunde um ein manipulatives Märchen handelt, das die Personen und Ereignisse verklärt. Kein Wunder bei einem Drehbuch von Anthony McCarten, der bereits in Die Entdeckung der Unendlichkeit und Bohemian Rhapsody Geschichtsfälschungen vornahm. Regie führte der brasilianische Katholik Fernando Meirelles, der 2002 durch das wuchtige City of God berühmt wurde, seitdem aber weniger Glück und Erfolg hatte- sein letztes hochkarätiges Projekt von 2008, die Stadt der Blinden nach einem Roman von Nobelpreisträger José Saramoga, muss man als gescheitert ansehen. Mit Die zwei Päpste liefert er nun wieder große Unterhaltung. Aufgrund des geschönten Drehbuchs kann ich leider nur ein Gut vergeben (7/10).

Sonntag, 24. November 2019

Aus der Klamottenkiste gestreamt: Mumford (Lawrence Kasdan, 1999: 9/10)

Es gibt zwei Persönlichkeitstypen, die Psychologen werden wollen. Die einen wollen ihre Mitmenschen verstehen lernen, was aber kein Studium vermitteln kann. Die anderen haben bereits einen gutes Verständnis ihrer Mitmenschen und wollen dieses auf eine anerkannte Grundlage stellen. Bei diesen kann man nur hoffen, dass ihnen das Studium ihre Instinkte nicht mit theoretischen Modellen übertüncht.



Zum zweiten Typ gehört definitiv Dr. Mumford (Loren Dean), der eines Tages in der Kleinstadt Mumford auftaucht und eine psychotherapeutische Praxis eröffnet. Seine Instinkte sind unverfälscht, denn tatsächlich hat er sein Studium, seine Zeugnisse und Zertifikate erfunden. Trotzdem hat er schnell eine florierende Praxis, denn er kann zuhören und bringt selbst für die merkwürdigsten Macken Verständnis auf. Da ist der Apotheker Henry (Pruitt Taylor Vince), dessen romantisch-sexuellen Phantasien als Film im Film in elegantem Schwarzweiß inszeniert sind (tatsächlich beginnt Mumford mit einer solchen Sequenz, mit Henrys Voiceover im Stil von Marlowe, wobei sein Alter Ego eine, sagen wir, stark idealisierte Version seiner selbst ist). Da sind die Goth-Schülerin Nessa (Multitalent Zooey Deschanel in ihrer ersten Rolle), die Mumford unentgeltlich behandelt (pro Boner, wie Nessa sarkastisch bemerkt),  Besserwisser-Anwalt Lionel (Martin Short), die frustrierte Hausfrau Althea (Galactica-Präsidentin Mary McDonnell) mit einem Shopping-Problem, und Tech-Billionär Skip, der vom Patienten zu Mumfords Freund wird. Ex-Profi Jason Lee zeigt als Skip nebenbei ein paar Skateboard-Kunststücke, aber er hat noch eine größere Überraschung in der Garage...

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Zu Mumfords wichtigster Patientin wird allerdings die chronisch erschöpfte Sofie (Hope Davis), die er mit Spaziergängen und anregenden Unterhaltungen wieder auf die Beine bringt. Und natürlich entwickelt sich mehr zwischen Therapeut und Patientin als die Regularien erlauben. Zu den genannten Personen gesellen sich noch Alfre Woodard als Mumfords hübsche Nachbarin, Ted Danson als Altheas egomanischer Ehemann sowie David Paymer und Jane Adams als Mumfords misstrauische Kollegen. Fürwahr eine illustre Gesellschaft.

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Mumford ist also eine romantische Komödie, aber auch so viel mehr. Der deutsche Verleihtitel Dr. Mumford verkürzt dies leider, denn gleichberechtigt neben dem Doktor steht die Kleinstadt Mumford im Zentrum der Handlung, oder vielmehr ihre Bewohner. Die meisten von Lawrence Kasdans Regieprojekten zwischen 1981 und 1999 sind solche Ensemble-Werke, sorgfältig konstruiert und besiedelt mit faszinierenden Figuren, die leicht stilisiert und doch erkennbar menschlich gezeichnet sind. In seinen besten Filmen erzielte Kasdan einen Realmärchen-Effekt, der dem Zuschauer das Herz erwärmt, ohne kitschig zu wirken. Glanzstück dieser Phase ist Der große Frust (The Big Chill, 1983), der zu meinen zwanzig Lieblingsfilmen zählt. Ähnlich gelungen sind Silverado (1985) und Grand Canyon (1991). Nebenbei war er als Autor noch an ein paar kleinen Filmen beteiligt, Abenteuergeschichten wie Raiders of the Lost Ark und The Empire Strikes Back. Er schrieb auch das Drehbuch zu Bodyguard (1992) mit Kevin Costner und Whitney Houston. Vielleicht wäre das unter seiner eigenen Führung toll geworden, aber unter Mick Jackson wurde die  Kitsch-Schmonzette zwar zum Kassenerfolg, kann heute aber höchstens als Guilty Pleasure genossen werden.

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Mumford wollte im Kino niemand sehen. Vielleicht liegt es am unscheinbaren Hauptdarsteller-Paar Loren Dean und Hope Davis, die zwar wunderbar agieren, denen aber ein Quentchen Star-Qualität fehlt. Unvorstellbar allerdings, dass Johnny Depp für die Hauptrolle im Gespräch war. Das wäre ein komplett anderer Film geworden, und wahrscheinlich kein besserer. Kritiker packen den Regisseur Lawrence Kasdan gern in die Ecke Kunsthandwerk. Ist das die Strafe für wohlkonstruierte Geschichten und humanistische Botschaften? Immerhin sind ein paar Oscar-Nominierungen abgefallen, für die Drehbücher von Der Große Frust, Grand Canyon und Die Reisen des Mr. Leary (Accidental Tourist, 1988). Für letzteren gewann "Thelma" Geena Davis übrigens ihren Oscar als beste Nebendarstellerin. Immerhin vergab Roger Ebert für Mumford 4,5/5 Sternen, mehr als für Der große Frust (2,5/5). Vielleicht war er in der Zwischenzeit auf den Geschmack gekommen. Meine Wertung: Herausragend (9/10).

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Mumford ist nicht als Blu-ray erhältlich, dafür aber in tadelloser HD-Qualität mit deutschem und Originalton bei iTunes. Amazon Prime bietet nur die deutsche Fassung, andere Anbieter ebenfalls die OV. Siehe die informative Seite Wer streamt es?

Samstag, 14. September 2019

Manege frei: Amazons "Carnival Row"

Momentan werfen Netflix und Amazon Prime in so schneller Folge neue Serien auf den Markt, dass kein normaler (arbeitender) Mensch da hinterherkommen kann, selbst wenn er sich nur auf Science Fiction & Fantasy beschränkt. Demnächst kommen dann noch Apple (November) und Disney (Frühjahr) hinzu. Und die meisten Streaming-Ergüsse werden von der Kritk wohlwollend aufgenommen, wenn nicht sogar umjubelt. Eine seltene Ausnahme war jüngst der Netflix-Rohrkrepierer Another Life, der kaum Fürsprecher gefunden hat. Was tut mir Starbuck Katee Sackhoff in der Hauptrolle leid, die aufgrund ihres Fitness-Regimes ohnehin schon älter als ihre 39 Jahre aussieht und dann zur Dompteurin einer Raumschiffbesatzung von 20jährigen verdonnert wird, die sich eher wie 10jährige verhalten.



Aber auch mit dem Netflix-Prestigeprojekt Der dunkle Kristall: Ära des Widerstands konnte ich nichts anfangen. Jim Hensons Film von 1982 ist auch heute noch hübsch anzusehen (bei Netflix in UHD-Qualität verfügbar), Handlung und Figuren haben seitdem aber eher noch an Komplexität verloren. Die Neuauflage (eigentlich eine Vorgeschichte) mäandert zwischen albern und leblos - unglaublich viel Aufwand wurde in die Modernisierung der Puppentechnik gesteckt, aber der Charme der Vorlage ist damit verloren gegangen.



Da hat diesmal Amazon Prime die Nase vorn, mit der ersten Staffel der neuen Fantasyserie Carnival Row. Sie spielt in einer dem viktorianischen London nachempfundenen Metropole mit einem Flüchtlingsproblem: Nach einem verheerenden Krieg strömen Feen, Faune, Zentauren und andere Fabelwesen in die Burgue. Anders als bei Bright kann Lindsay Ellis Carnival Row kein Lazy Worldbuilding vorwerfen. Die Welt beruht auf einem Konzept von Travis Beacham, der bislang eher für dumpfe Actionabenteuer (Pacific Rim) bekannt ist, diesmal aber eine stimmige Mythologie ausgearbeitet hat. Bei der Umsetzung wurde er unterstützt von René Echevarria, der als Produzent von Deep Space Nine bekannt ist, sich allerdings zwischenzeitlich mit Terra Nova ziemlich blamiert hatte. Herausgekommen ist eine düstere, atmosphärische Kulisse mit hohen Produktionsstandards und gediegenen Computereffekten, dazu weitgehend nachvollziehbare Figuren und eine spannende, einigermaßen schlüssige Geschichte. Da sind die Amazon-Millionen mal in die richtige Richtung geflossen.



Nicht billig waren sicher auch die Hauptdarsteller, die absolut gegen ihr Image besetzt sind. Orlando Bloom als Polizeidetektiv Philo ist mit ungepflegtem Bart und grummeliger Stimme kilometerweit vom ätherischen Legolas entfernt. Das ehemalige Top-Model und Valerians Laureline Cara Delevingne als Fee Vignette wird mancher überhaupt nicht erkennen. Sie ist mit dunklen Haaren, buschigen Augenbrauen, und zumeist grimmigem Gesichtsausdruck das Gegenteil vom Feenklischee. An die eher an Kolibris erinnernden Flügel übrigens muss man sich gewöhnen, denn sie widersprechen jedem Gefühl von Schwerkraft und Physik. Auch sprechen Feen offenbar mit schmutzigem englischem Akzent und fluchen gern - ade Tinkerbell!  Mir jedenfalls hat das verhinderte Liebespaar gut gefallen, auch wenn die Drehbücher ihnen gelegentlich merkwürdig unlogische Handlungen vorschreiben (warum lässt sich Vignette in der Bibliothek gefangennehmen?) Anfangs dachte ich übrigens, es gäbe nur weibliche Feen, oder nur diese könnten fliegen - später treten dann doch ein paar fliegende Männchen auf. Überhaupt ist Vignettes Einführung ein wenig konfus - zunächst wirkt sie wie eine taffe Soldatin, später geht sie ziemlich unbeholfen in Auseinandersetzungen.

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In den acht einstündigen Folgen geht es natürlich nicht nur um unsere romantischen Leads (auch wenn mir Folge 3 mit ihrem Rückblick auf das erste Treffen der beiden mit am besten gefallen hat). Es gibt verschiedene Handlungsstränge. Da wäre der politische: Jared Harris spielt den Kanzler Absolom Breakspear (die Burgue ist offenbar eine Art paralamentarischer Demokratie), Indira Varma (Ellaria Sand) seine intrigante Gattin, Artie Froushan seinen missratenen Sohn, und Caroline Ford die Tochter des Oppositionsführers Longerbane. Es wird hart gerungen um die Rechte der Flüchtlinge; manchmal mit Holzhammer-Parallelen zur heutigen Welt. Die Hauptreligion in Burgue verehrt übrigens den "Märtyrer", dessen Ebenbild an den Wänden hängt wie in Bayern die Cruzifixe, nur dass jener offenbar gehängt statt gekreuzigt wurde. Das ist eine plastische Illustration, wie Abbilder des Gekreuzigten auf Fremde wirken müssen...

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Dann gibt es den gesellschaftlichen Strang: Die Geschwister Imgogen (Tamzin Merchant) und Ezra (Andrew Gower) Spurnrose gehören zur Upper Class, wohnen im besten Viertel, haben Faun-Bedienstete (kurzzeitig muss sich auch Vignette als Dienstmädchen bei ihnen verdingen), aber nach unglücklichen Investitionen geraten sie in Geldnot. Da zieht gegenüber ein reicher junger Mann ein, den Imogen gern um die Finger wickeln würde  (Jane Austen lässt grüßen: Tamzin Merchant gab Georgiana Darcy gegenüber Keira Knightleys Eliza Bennet). Es gibt allerdings einen unerhörten Haken: der neue Nachbar ist ein Faun (mit Hufen und Gehörn) und damit gesellschaftlich natürlich nicht akzeptabel. Diese Geschichte hat ihre Stärken, wird dann aber leider etwas überhastet zum Abschluss gebracht.

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Und dann ist da Carnival Row, das Rotlichtviertel der Burgue. Hier treffen wir auf Vignettes Freundin und Ex-Geliebte, die Prostituierte Tourmaline (Karla Crome); den Schausteller Runyan Millworthy (Simon McBurney), der mit Kobolden eine Art Marionettentheater inszeniert; die Hellseherin Haruspex (Borg-Queen Alice Krige), Mitglieder eines Faun-Kults, und andere schillernde Figuren. Hier ermittelt auch Detektiv Philo, denn es geschehen Morde an nicht-menschlichen Immigranten. Schnell ist ein Verschnitt von Jack the Ripper gestoppt, aber für die schlimmsten Morde scheint ein übernatürliches Wesen verantwortlich zu sein, welches weder Mensch noch bekanntes Fabelwesen ist. Und die Mordopfer scheinen alle eine Verbindung zu Philo zu haben...

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Carnival Row versucht das Publikum von Game of Thrones zu ködern, mit unkaschierter Gewalt, überraschenden Wendungen, und auch einigen Sexszenen. Also Orlando Bloom kann auch mit über 40 Jahren noch ohne Scham seinen Oberkörper entblößen, und wer bin ich, mich zu beschweren, dass die 27jährige Cara Delevigne ihre Brüste zur Schau stellt (übrigens: die Flügel von Feen leuchten beim Orgasmus - ein Detail, welches in der Filmgeschichte bislang sträflich vernachlässigt wurde). Nicht alle Handlungsstränge funktionieren gleich gut, manche Dialoge knirschen gewaltig, aber immerhin wird versucht, die Geschichte von den Figuren her aufzubauen, nicht umgekehrt. Strittig ist das Pacing. Einige Folgen wurden als langweilig empfunden, weil "nichts passiert". Leider ist dies Symptom einer um sich greifenden Krankheit. Zuschauer haben keine Geduld mehr, lassen sich auf subtile Figurenentwicklungen nicht mehr ein. Mir persönlich waren viele Entwicklungen immer noch zu überhastet, ich hätte gern mehr Zeit mit den Charakteren verbracht. Natürlich ist es viel schwieriger, pfiffige Dialoge und überzeugenden Charakterbögen zu schreiben als Action und Twists. Kaum eine Serie kann auf so geniales Material wie die Romane von George R.R. Martin zurückgreifen. Man erinnere sich, dass in GoT viele der interessantesten Figuren nie eine Waffe in die Hand nahmen (Littlefinger, die Queen of Thorns). Aber nein, es muss Blut fließen, es muss geprügelt oder wenigstens gebumst werden. Aber ich als Senior gehöre eh nicht mehr zur Zielgruppe moderner Serien. Da ist es schon erstaunlich, dass ich in Carnival Row immerhin gediegene Unterhaltung gefunden habe. So bin ich doch gespannt auf die bereits beschlossene zweite Staffel.

Samstag, 31. August 2019

Filmware seziert: Der YouTube-Channel von Lindsay Ellis

Lindsay Ellis, Jahrgang 1984, hat in Filmschulen in New York und Los Angeles studiert und 2011 mit einem MFA (Master of Fine Arts) abgeschlossen. Seit 2008 hostet sie in verschiedenen Channeln Video-Essays mit Filmkritiken. Zeitweise war sie als Nostalgia Chick bekannt, bevor sie vor einigen Jahren mit ihrer Kollegin Angelina Meehan einen eigenen Channel gründete (Jüngere werden bemerken, dass ich mich nicht gut in dieser Medienlandschaft auskenne). Noch habe ich mich nicht allzu weit in die Vergangenheit zurückgearbeitet, aber ihre neueren Produktionen konzentrieren sich oft auf spezielle Aspekte von Filmen (und gelegentlich Fernsehserien), weniger auf die vollständige Analyse eines einzelnen Werks.

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Kennengelernt habe ich Ellis über ihre Hugo-Nominierung im aktuellen Jahr, in der Kategorie "Related Work", für ihre umfassende Analyse der Hobbit-Trilogie: The Hobbit Duology in 3 Parts. Zum ersten Mal habe ich mich benüßigt gefühlt, für diese Kategorie eine Stimme abzugeben, da ich dank des Voteres Package auch zwei weitere Beiträge gelesen habe: Jo Waltons informativ-unterhaltsame Informal History of the Hugos und Ursula LeGuins kluge Conversations on Writing. Gewonnen hat schließlich ein Regenbogen-Projekt, wie man überhaupt in diesem Jahr von den Regenbogen-Hugos sprechen kann, mit Entscheidungen, die ich persönlich absolut nicht unterschreiben kann.



Das Hobbit-Projekt fußt auf Ellis' Liebe für die HdR-Trilogie, die ihre Generation ähnlich geprägt hat wie Star Wars (oder in meinem Fall eher Star Trek) die meine. Umso größer ihre Enttäuschung über Peter Jacksons Mittelerde-Folgeprojekt. Minutiös und doch unterhaltsam erklärt sie die turbulente Entstehungsgeschichte und die verheerenden künstlerischen Konsequenzen. Für den dritten Teil ist sie dann sogar (allein, nur in Begleitung von Angelina) nach Neuseeland gereist und hat u.a. ein aufschlussreiches Interview mit John Callen geführt. Und dass dieser Name niemandem etwas sagt, spricht schon für sich, denn Callen war in der Rolle von Oin zu sehen, eines jener Zwerge, die in der Trilogie mehr und mehr zu Statisten degradiert wurden. Im Gespräch geht es vor allem um die Ausbeutung neuseeländischer Fachkräfte und das erpresserische Vorgehen der US-amerikanischen Studios, die schließlich die Bildung von Gewerkschaften verhindern und gleichzeitig noch etliche Millionen zusätzliche Steuerersparnisse bei der neuseeländischen Regierung durchdrücken konnten. Ellis' Urteil über die Hobbit-Trilogie fällt deutlich drastischer aus als meines, der ich in meiner Naivität bis zum Schluss noch gehofft hatte, dass sich zumindest eine abgerundete Geschichte aus dem Chaos schälen würde. Na ja, im Zweifel sind die Hormone Schuld, wenn ich Tauriel mochte...



Ausgehend von der Hugo-nominierten Duology habe ich mich also mal ein bisschen umgeschaut und war zunächst erschrocken von den vorherrschend behandelten Themen der letzten Jahre. Zunächst einmal hat Ellis diese Faszination mit Disney, insbesondere Disney-Trickfilmen der letzten 30 Jahre. Sie erklärt das selbst in ihrer Q&A damit, dass dies Thema ihrer ersten Seminare an der Filmhochschule war. Übrigens sind ihre Essays auch dann sehenswert, wenn man den speziellen Film selbst nicht gesehen hat oder auch je sehen möchte (etwa jener über den Glöckner von Notre Dame). Besonders aufschlussreich sind auch die kulturelle Einordnung bezüglich Rassismus- und Feminismusfragen (ohne dass das aufdringlich dogmatisch wird) und ihre Hintergrundinformationen zu den Vorgängen im Studio. Hervorzuheben ist ihr vernichtender Blick auf das Remake von Beauty and the Beast, und dabei erwähnt sie noch nicht einmal die überproduzierten, seelenlosen Neuaufnahmen der ursprünglich hübschen Lieder.



Ellis' zweite Obsession gilt merkwürdigerweise ... den Transformern. Es mag an traumatischen Kindheitserlebnissen liegen, sie scheint sich auch mit dem zugehörigen Spielzeug (eigentlich die Quelle der Tragödie) und den Comics auszukennen. Jedenfalls kann es kaum ein größeres Opfer für die Filmwissenschaft geben, als Michael Bays Transformer-Filme freiwillig mehrfach anzuschauen, wie es wohl notwendig war für ihre Reihe The Whole Plate (Transformers und Filmwissenschaften), in der sie jeweils ein theoretisches Konstrukt anhand dieser Blockbuster erörtert. Am besten hat mir dabei die Feminismus-Episode The Male Gaze gefallen, die sehr anschaulich erklärt, wie der Regisseur den Inhalt von Dialogen und Handlung untergräbt, indem er die Kamera auf die Schauwerte von Megan Fox fokussiert. Weniger gelungen vielleicht die Abhandlung über Marxismus, die doch sehr an der Oberfläche bleibt. Und dann vergleicht Ellis noch Star Wars mit der faschistischen Ästhetik von Leni Riefenstahl...



Neben diesen beiden Schwerpunkten gibt es natürlich auch immer wieder Essays zu anderen Filmen, die Ellis entweder angesprochen oder auch angewidert haben. Manchmal vermisse ich allerdings eine Leidenschaft für ihre Subjekte, ob positiv oder negativ. Selten gerät sie ins Schwärmen, meist verpackt sie ihre Gefühle in Ironie. Begeisterung ist am ehesten in ihrem Beitrag zu Guardians of the Galaxy, Vol. 2 zu bemerken, ein Film, der sie offenbar auf sehr persönlicher Ebene angesprochen hat. Manchmal versteckt sie sich auch hinter neutraler Theorie, etwa wenn sie in My Monster Boyfriend auf eine Wertung des Anlasses, nämlich The Shape of Water, komplett verzichtet und sich stattdessen in den Tiefen der (Horror-)Filmgeschichte verliert. Auf der anderen Seite kann sie vernichtend gut erklären, warum Bright der schlechteste Film der letzten zehn Jahre ist, übrigens ohne ein einziges Mal den Autor Max Landis zu nennen. Das ist natürlich Sarkasmus, sei es aufgrund seines schlechten Benehmens im Zuge der #MeToo-Bewegung oder weil eigentlich nur das Outline von ihm stammt und dann von Regisseuer David Ayer komplett verhunzt wurde. Jedenfalls stimme ich vollständig mit Ellis' Analyse überein und hatte doch auch beim zweiten Sehen großen Spaß am Netflix-Hit.



Ellis' Erfolg (mit momentan fast 800.000 Abonnenten und schon mal mehreren Millionen Abrufen pro Video) beruht natürlich auch auf ihrer Präsentation, dem satirischen Ton und dem cleveren Schnitt ihrer Co-Autorin Angelina Meehan. Wenn Ellis ein Aspekt besonders stört, hat sie eine patentwürdige Art sich zu winden etabliert. Anderseits kann sie in kürzester Zeit eine Höllenvielfalt von Informationen vermitteln. Dabei finde ich ihre Schneewittchen-Ästhetik eher zweifelhaft, mir gefällt Lindsay besser bei Aufnahmen außerhalb des Studios, mit natürlicher Hautfarbe, etwa in der örtlichen Cheese Factory (die offenbar in der Big Bang Theory katastrophal misrepräsentiert ist). Im genannten Auftritt erklärt sie übrigens das Thema Fair Use und Product Placement, welches natürlich auch zu ihrem Geschäftsmodell gehört Aber auch dies ist bei Ellis mit feiner Ironie gewürzt, wenn sie im jüngsten Video etwa wieder ihre Funyans futtert oder zum Ende auf die ihrer Faulheit entgegenkommenden Audible-Optionen von Amazon zu sprechen kommt. Schlussendlich will und soll sie natürlich auch Geld verdienen, und wer würde es ihr verübeln - insbesondere, wenn so aufschlussreiche Beiträge wie ihre jüngste Duologie zu Games of Thrones dabei rauskommt. Die sollte man übrigens wirklich erst nach der letzten Staffel anschauen!




Wem übrigens die beiden Episoden zu lang sind, gibt es hier eine kürzere, wenngleich etwas trocken erzählte Analyse aus einem anderen Channel, von Daniel Netzel (selbstverständlich ebenfalls mit Spoilern):


Samstag, 24. August 2019

Aus der Klamottenkiste gestreamt: Matchstick Men ("Tricks", 2003: 8/10)

Durch den Siegeszug des Streamingmarktes gibt es inzwischen viele ältere Filme aus der zweiten Reihe, die gar nicht mehr oder (wie gerade Addams Family Values) nur nachgelagert als Blu-ray veröffentlicht werden. Dafür kann man sie oft bei iTunes oder Amazon Prime für kleines Geld in HD-Qualität erstehen (wenn sie gerade nicht per Flatrate erhältlich sind). Man muss allerdings achtgeben, ob die Originalversion mitgeliefert wird (das ist leider wie in den Anfangszeiten von DVDs nicht selbstverständlich). Da ich nicht auf die Apple-App für meinen LG-Fernseher warten wollte, habe ich mir also zähneknirschend ein Apple TV danebengestellt und besitze inzwischen mehr digitale Filmkopien als DVDs. So habe ich etwa Shazam! fürs Heimkino bei iTunes gekauft, mit Dolby Vision, Dolby Atmos und 90 Minuten unterhaltsamen Extras. Aber mehr noch als bei aktuellen Filmen bieten die Anbieter eine Fundgrube für vergessene ältere Filme. Beim mauen Angebot des modernen Kinos finde ich immer mehr Trost beim Griff in die Klamottenkiste.



Matchstick Men sind Con-Artists, Trickbetrüger, was auch ein besserer deutscher Titel gewesen wäre als das schnöde Tricks. Roy (Nicolas Cage) und sein Protegé Frank (Sam Rockwell) gehören zu den besten ihres Fachs. Sie nehmen Geld von den Gierigen und verteilen es an die Bedürftigen (im Verhältnis 50/50). Abgesehen von diesem zweifelhaften Berufsethos könnten sie als Persönlichkeiten allerdings nicht unterschiedlicher sein. Frank ist ein extrovertierter, impulsiver Lebemann, Roy dagegen ein von Neurosen geplagter Einzelgänger mit Hygienefimmel. Das ändert sich allerdings, als die 14jährige Angela (Alison Lohman) in sein Leben tritt, eine Tochter aus einer vor langer Zeit gescheiterten Beziehung, über deren Existenz er bislang höchstens heimlich spekuliert hatte. Sie trägt Unruhe in sein Leben, Schmutz auf den Teppich und Fastfood in die Küche. Nicht dass Roys bisherige Diät gesünder war, trotz all der guten Inhaltsstoffen von Dosen-Thunfisch. Aber mithilfe seines neuen Therapeuten (Bruce Altman) beginnt er an der neuen Vaterrolle aufzublühen. Es sieht so aus, als ob jede Änderung in Roys Routine eine Besserung sein könnte. Er lässt sich sogar von Frank breitschlagen, endlich wieder einen größeren Coup zu wagen. Der dann natürlich gehörig schief geht: Wer schwimmen geht, muss damit rechnen, nass zu werden.

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Matchstick Men war 2003 ein Flop an den Kinokassen, was ich wie so oft nicht so recht verstehe. Roger Ebert schrieb eine begeisterte ****-Rezension (seine Höchstwertung), aber die meisten Kritiker störten sich entweder an den Plotmechanismen (für mich funktioniert der Film allerdings auch noch, wenn man die Twists kennt) und der Darstellung von Nicolas Cage als psychisch labilem Sonderling. Wann immer solche psychischen Störungen ("mental illness") im Film porträtiert werden, gibt es extrem unterschiedliche Reaktionen und unversöhnliche Meinungen. Zum einen wird erwartet, dass die Störung repräsentativ für eine Patientengruppe ist, zum zweiten wird dem Darsteller schnell vorgeworfen zu chargieren. Sie wird nicht korrekt dargestellt, sie wird nicht ernstgenommen, sie wird übertrieben, das Porträt ist nicht typisch. Hier ist meine Meinung: Es gibt keine korrekte Art, eine solche Störung darzustellen. Jedes Krankheitsbild ist individuell, weder Neurotiker noch Autisten lassen sich über einen Kamm scheren. Wichtig ist mir die Konsistenz innerhalb der Erzählung. Und so verstehe ich nicht, warum das Publikum Jack Nicholson in Besser geht's nicht und Tom Hanks in Forrest Gump liebt, nicht aber Sigourney Weaver in Snow Cake oder Ben Affleck in The Accountant. Na ja, Zuschauer sind im Idealfall so individuell wie die Protagonisten.

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Uno, dos, tres. Was Matchstick Men betrifft, find ich, dass Nic Cage Roys Neurosen sogar klug unterspielt. Regisseur Ridley Scott unterstützt den Effekt oft mit raffinierten Kamera- und Schneide-Tricks. Wunderbar auch die kontrastierende Musikauswahl, etwa mit Sinatra-Liedern (Roy besitzt natürlich eine Vinyl-Sammlung). Es ist auch spaßig, Sam Rockwell (Three Billboards) in einer frühen Rolle zu sehen, kurz nach seinem herrlichen Auftritt als Redshirt in Galaxy Quest. Kein falscher Lotteriegewinn war auch das Casting der 23jährigen (!) Alison Lohman, die die 14jährige Angela verblüffend authentisch spielt, nur mit Zöpfen und einer Zahnspange ausgestattet. Sie ist inzwischen wohl zweifache Mutter, konzentriert sich laut IMDB auf  "Coaching" und nimmt nur noch gelegentlich Rollen an - schade!

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Wie ich schon mehrfach ausgeführt habe, ist die Filmographie von Regisseur Ridley Scott recht durchwachsen. Trotzdem ist es schade, dass es nie für den Regie-Oscar gereicht hat (nicht einmal bei Gladiator konnte sich die Akademie für ihn entscheiden). In den letzten 20 Jahren gefielen mir eher seine "kleinen" Filme, neben Matchstick Men vor allem Ein gutes Jahr (2006), eine schöne Romanze zwischen Russell Crowe und Marion Cotillard. Tricks ist bei iTunes und Amazon für kleines Geld (momentan 3,99 Euro) in HD mit OV erhältlich, in guter Bild- und Tonqualität. Sehr gut (8/10).

Samstag, 23. März 2019

Endgültig Hugo-würdig: The Expanse

Die Qualitätskurve der TV-Serie The Expanse nimmt momentan den umgekehrten Verlauf der Neuauflage von Kampfstern Galactica (ab 2003). Die fing super-stark an, bot über zwei Staffeln die beste TV-Science-Fiction der Dekade und verlor sich dann in immer abstruseren (und düsteren) Handlungseinfällen. Zuletzt wurde uns verkauft, dass Starbuck und einige andere Hauptfiguren von Anfang an Zylonen-Schläfer gewesen sein sollten. Solche Twists um der Twists selbst sind leider typisch für das Fernsehen des 21. Jahrhunderts. Einer der Schuldigen ist J.J. Abrams, dessen Durchbruch, die Agentenserie Alias mit Jennifer Garner, anfangs ebenfalls tolle und gut vorbereitete Wendungen bot, bevor den Autoren dann nichts sinnvolles mehr einfiel (am Ende wurde dann sogar der langweiligsten Figur Michael Vaughn noch eine Geheimidentität untergeschoben).



The Expanse basiert allerdings auf einer auf neun Bände angelegten Serie von Romanen des Autorenteams James S.A. Corey. Das Pseudonym steht für Daniel Abraham und Ty Franck, die die Fernsehserie auch mitproduzieren. Und auch wenn mir der erste Band genauso wenig gefallen hatte wie die einführende Staffel, haben die beiden sicherlich ein Konzept für den Handlungsrahmen. In der nunmehr dritten Staffel (mit wie zuvor 13 Episoden) zahlt sich das nun langsam aus, und plötzlich flimmert endlich wieder eine würdige SF-Serie über unsere Bildschirme (na ja, flimmern tun moderne Fernseher eigentlich nicht mehr). Beinahe wäre es übrigens damit vorbei gewesen, aber nach der Absetzung durch SyFy (die nach der Umbenennung von SciFi vergessen haben, wie man gute Shows pflegt) ist glücklicherweise Amazon Prime Studios eingesprungen. Die ersten Staffeln hatte ich paradoxerweise noch auf Netflix gesehen (dort sind sie nicht mehr streambar), momentan gibt es nur die aktuelle dritte Staffel per Flatrate im Prime-Programm. Das wird sich sicher mit der kommenden vierten Staffel ändern.



Im 24. Jahrhundert hat die Menschheit das Sonnensystem weitgehend erschlossen. Es gibt drei Machtkonzentrationen: die von den Vereinten Nationen kapitalistisch-demokratisch geführte Erde, der militaristisch regierte Mars und den anarchistischen Asteroidengürtel ("Belt"). Die Raumfahrttechnik ist einigermaßen realistisch extrapoliert. Wir befinden uns allerdings nicht auf der Enterprise. Bei Notmanövern wird nicht einfach ein bisschen mit der Kamera gewackelt. Jene phantastischste aller Star-Trek-Techniken, nämlich die "Künstliche Schwerkraft" und der Beschleunigungsausgleich (bei Perry Rhodan heißt das Andruck-Konverter) werden uns nicht untergeschoben. Dafür kommt immer noch eine nützliche Erfindung des 20. Jahrhunderts zum Einsatz: der Sicherheitsgurt. Trotzdem sind die Beschleunigungen der Raketenantriebe von 5G und mehr gefährlich für Besatzung und Passagiere. Als Ausgleich hat die Medizintechnik Fortschritte gemacht. Knochenbrüche sind binnen Tagen geheilt, und sogar eine verletzte Wirbelsäule kann ersetzt werden. Allerdings ist dafür immer noch Schwerkraft Voraussetzung, entweder durch Beschleunigung oder (wie bei 2001: Odyssee im Weltall) durch einen rotierenden Zylinder.

Nachdem ich mir die Mühe gemacht hatte, diesen Abschnitt zu schreiben, fand ich bei Youtube folgende ausführliche Beschreibung des Expanse-Universums:



Im Zentrum der Erzählung steht die Rocinante, im Grunde ein Piratenschiff, nicht zufällig nach Don Quixotes treuem Gaul benannt, das die gemischte Besatzung sich von der marsianischen Marine ausgeliehen hat.Sie steht meist zwischen allen politischen Loyalitäten und hat entscheidenden Anteil an der Lösung der Krisen der bislang drei Handlungsstränge. In der ersten Staffel (10 Episoden, nach Leviathan Wakes) wird ein Protomolekül außersolarer Herkunft entdeckt, dessen Enträtselung wie ein Krimi-Thriller aufgebaut ist (mit Thomas Jane als Ermittler Joe Miller). In der zweiten Staffel wird diese Ermittlung zum Abschluss gebracht, und es entbrennt ein Krieg um die militärische Nutzung des Protomoleküls (Caliban's War). Mitte der dritten Staffel wird der Konflikt beigelegt, und die restlichen sieben Folgen (Abaddon's Gate) kreisen um das geheimnisvolle Objekt, das von einer Protomolekül-Konzentration konstruiert wird. Wahrscheinlich aufgrund der drohenden Absetzung wurde hier die Handlung stark beschleunigt. Fast zufällig sind dadurch ungeheuer packende 13 Folgen entstanden. Vermutlich noch in diesem Herbst soll es weitergehen.

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Ich habe hoffentlich nicht den Eindruck erzeugt, dass die Rocinante als primitive Enterprise durchs Weltall düst und Konflikte löst (am ehesten ist sie mit der Serenity verwandt). Die Handlungsträger sind über das gesamte Sonnensystem verteilt und oft auch hochkarätig besetzt. Da gibt es etwa politische Intrigen in der UN, wo Chrisjen Avasarala (die Iranerin mit der rauchigen Stimme Shohreh Aghdashloo) im Hintergrund die Fäden zieht und sich gegen Kriegstreiber Sadavir Errinwright (Shawn Doyle) behaupten muss, eine geheime Forschungsstation des Großindustriellen Jules-Pierre Mao (charismatisch: François Chau) auf dem Jupitermond Io, marsianische Space Marines und die zentrale Belter-Station Tycho mit ihrem Boss Fred Johnson (Chad L. Coleman). Aber immer wieder kehrt die Erzählung zum Kernteam der Rocinante zurück: Kapitän James Holden, Ingenieurin Naomi, Pilot Alex und Mechaniker (und "Mädchen für alles") Amos.

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Einer der Gründe für meine Einstiegsschwierigkeiten war sicher (neben der Tatsache, dass man mitten ins Belter-Chaos geworfen wird) die Besetzung von James Holden. Mit Steven Strait konnte ich mich einfach nicht anfreunden. Mit seiner (faktisch sicher korrekten) blassen Haut, seinem Mukkibudenkörper und den sinnlichen Lippen wirkt er mehr wie ein Gigolo als ein Kapitän. Holden soll natürlich kein James T. Kirk sein, aber ich habe mich immer noch nicht komplett an ihn gewöhnt (Steven Strait hat inzwischen einen Credit als Executive Producer und wird uns sicher erhalten bleiben). Auch mit Dominique Tipper als Naomi habe ich so meine Probleme, aber das liegt mehr an Naomis Persönlichkeit.. Dafür sind der abtrünnige Marsianer Alex (Cas Anvar) und "Jayne"-Variante Amos (Wes Chatham; harte Schale, weicher Kern) einfach fabelhaft.



In der dritten Staffel gibt es ein paar nennenswerte Neuzugänge. Zunächst ist da Bobbie Draper, eine der erwähnten marsianischen Space Marines. Wie cool ist das? Vielen Kritikern in der IMDB gefällt Frankie Adams nicht, aber mir ist sie schnell ans Herz gewachsen. Neben ihrer eindrucksvollen Statur und einem leicht exotischen Gesicht mit Aboriginee-Einschlag spricht die Neuseeländerin auch noch mit dem entzückenden Akzent ihrer Heimat (den ja Peter Jackson weltberühmt gemacht hat). Überhaupt scheint die Serie ihre Darsteller aus allen Ecken der Welt zu ermutigen, mit Akzent oder sogar Dialekt zu sprechen. Das macht das Zuhören zwar etwas mühsamer, aber auch unerhört authentisch. Gerade bei den Beltern geht mir das allerdings manchmal zu weit. Vielleicht war Gaststar Jared Harris (Staffel 1/2) schuld. Der Londoner, bekannt u.a. als Bösewicht in Codename U.N.C.L.E., spricht hier eher Gassen- als Queens-English. An sich ist es ja nachvollziehbar, dass sich die Sprache der Parias des Sonnensystems in ein hässliches Pigeon-English verwandelt (von den Hauptdarstellern spricht allein Naomi ähnlich).

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In diese Kerbe schlägt auch Cara Gee als Camina Drummer, Vize von Fred Johnson und nun Kommandantin des (einzigen) Belter-Kriegsschiffes Behemoth. Die Kanadierin ist gemäß ihren Fotos eigentlich eine attraktive, stylische Frau. Mit Goth-Makeup, Belter-typischen Tätowierungen, dem harten Akzent und ihrer heiseren Stimme entringt sie dem Begriff "herb" eine ganz neue Bedeutung. Aber ihr Machtkampf mit ihrem ersten Offizier Ashford (fabelhaft verkörpert vom 70jährigen Veteran David Strathairn) ist eines der Highlights der dritten Staffel. Auch wenn man gelegentlich Untertitel zuschalten muss, um die beiden zu verstehen. Da tröstet das gepflegte Amerikanisch der Texanerin Elizabeth Mitchell als Pastorin Anna Volovodov, die im Auftrag der inzwischen zur UN-Generalsekretärin (falls ich das richtig verstanden habe) aufgestiegenen Chrisjen mit der Erdmarine zu Abbaddons Gate unterwegs ist. In Lost hatte ich sie als Konkurrentin von Evangeline Lilly manchmal gehasst, diesmal formt sie eine der sympathischsten Figuren.

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2017 war ich noch unglücklich, dass der Folge Leviathan Wakes der Hugo als beste dramatische Präsentation (Kurzform) zugesprochen wurde (vor allem, weil der spätere Emmy-Gewinner San Junipero den Sieg verdient gehabt hätte). In diesem Jahr habe ich die Abschlussfolge Abaddon's Gate selbst nominiert, und sie ist noch vor Janet(s) mein Favorit, der besten Folge der ansonsten (auf hohem Niveau) durchwachsenen dritten Staffel von The Good Place. Jetzt hoffe ich, dass The Expanse bei Amazon noch lange Zeit die erreichte Qualität halten kann. Die Chancen stehen eigentlich gut, bei noch sechs verbleibenden Romanen als Vorlage.

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Samstag, 26. Januar 2019

Netflix-Blockbuster: Bird Box (8/10)

Bird Box ist ein Zombiefilm ohne Zombies, der die Stärken des Genres in höchst unterhaltsamer Weise variiert: die Angst vor den Nachbarn, der Belagerungszustand, Helden und Feiglinge, unkonventionelle Todesarten und die Flucht ins Unbekannte. Es ist aber kein Splatterfilm, auch wenn natürlich reichlich Blut fließt. Offiziell ab 16 freigegeben, ist es durchaus auch für jüngere Jugendliche geeignet, wenn sie nicht gerade in den USA leben (es wird geflucht, um Himmels willen!)



Das Konzept ist denkbar einfach und funktioniert im Film deshalb auch fabelhaft: Weltweit treten geheimnisvolle Phänomene auf, die Menschen bei Sichtkontakt direkt in den Wahnsinn und den Selbstmord treiben. Monster, die man nicht zu sehen bekommt, waren in der Filmgeschichte schon immer am effektivsten. Hier kündigen sie sich nur durch Lichterspiele, aufgewehte Blätter und das Kreischen von Vögeln an (daher die titelgebende Kiste). Nun kommen die aus der Werbung bekannten Augenbinden ins Spiel (Stevie Wonders Sonnenbrille war wohl nicht verfügbar). In der realen Welt hat dies Nachahmer via der "Bird Box Challenge" schon umgebracht - ich kann nur alle Dummköpfe auffordern, auch mal das Autofahren mit verbundenen Augen auszuprobieren! Aber bitte nur, wenn vernünftige Menschen schlafen...

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Den 2014 veröffentlichten Debutroman des Rocksängers Josh Malerman hat Eric Heisserer besser als zuletzt Arrival umgesetzt. Der Hauptteil des Abenteuers, die Ereignisse ab dem Auftreten der Phänomene, wird als Rückblende erzählt, ausgehend von einer atemberaubenden Bootsfahrt fünf Jahre später. Offenbar hat der Adapteur das Ende des Films etwas positiver als in der Vorlage gestaltet, was ich nur begrüßen kann. Deprimierende apokalyptische Alpträume gibt es schon genug. Den kleinen Aha-Moment zum Schluss hätte man übrigens durchaus vorher erraten können, wenn man denn Zeit zum Nachdenken bekommen hätte. Dazu ist die Geschichte aber einfach zu spannend erzählt. Die dänische Regisseurin Susanne Bier, deren Oscar-Gewinner von 2011, In einer besseren Welt, mir weitaus weniger gefallen hatte als die Vorgänger Zwischen Brüdern (2004, mit Hippolyta Connie Nielsen) und Nach der Hochzeit (2006, mit Mads Mikkelsen und Sidse Babett Knudsen), inszeniert diesmal geschickt und lässt ihr fabelhaftes Ensemble glänzen (auch wenn man keine große psychologische Tiefe erwarten sollte). Und das ist natürlich der Hauptgrund, warum dieser Horrorthriller funktioniert.

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Hauptdarstellerin Sandra Bullock wird im Juli 55 Jahre alt. Wenn man ihr zusieht, kann man es nicht so recht glauben. Sie spielt inzwischen nicht mehr das nette Mädchen von nebenan, sondern starke Frauen, ist aber immer noch höllisch attraktiv (auch ohne viel Makeup). Und wenn Cary Grant mit 60 noch 30jährige becircen durfte, muss es wohl möglich sein, Sandy als werdende Mutter zu besetzen! Sie ist immer noch einer der Stars mit der größten Leinwandpräsenz und zieht Millionen Zuschauer an. Die zehn Jahre jüngere Sarah Paulsen sieht dagegen alt aus, ist als Sandys Schwester (in einer kleinen Rolle) aber überzeugend besetzt. In einer zweiten Hauptrolle glänzt der junge Moonlight-Star Trevante Rhodes (er war schon der ältere Black, jung nur im Vergleich zu seiner Leading Lady). Dann agieren da John Malkovitch (der zwar nur seine bekannte Persona variiert, aber trotzdem immer sehenswert ist), die pfiffige Jacki Weaver (Silver Linings Playbook), die quirlige Rosa Salazar (die demnächst als Alita zu sehen sein wird), der spinnerte Tom Hollander (der sich jüngst gefühlt in jeden dritten Film mogelt), die warmherzige Parminder Nagra (die Hauptdarstellerin aus Bend it like Beckham hat anders als ihr Co-Star Keira Knightley zwar eine solide, aber doch etwas enttäuschende Karriere) und, stets willkommen, Pruitt Taylor Vince (Die Legende vom Ozeanpianisten) in einer leider selten gewordenen sympathischen Rolle.

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Bird Box ist nach Bright der zweite Netflix-Blockbuster. Es ist nicht ganz einfach, Streaming mit Kino zu vergleichen, aber die veröffentlichten Zahlen scheinen plausibel. Netflix hat inzwischen ca. 140 Millionen Nutzer weltweit. Bright hatte in den ersten drei Tagen bereits 11 Millionen Zuschauer, Bird Box binnen zwei Wochen schon 45 Millionen Abrufe (was deutlich mehr Zuschauer bedeutet). In Kinoumsätzen ausgedrückt würde ich das mal locker mit 500 Millionen Dollar gleichsetzen. Die Zukunft des Kinos ist angekommen! Netflix ist gerade der MPAA beigetreten (nicht der Monty-Python-Zweig der Anonymen Alkoholiker, sondern der einflussreiche amerikanische Filmverband) und platziert sich auf Augenhöhe mit den sechs anderen Mitgliedern: Paramount, Warner, Fox, Universal, Columbia, Walt Disney. Hier kehrt sich ein 70 Jahre alter Paradigmenwechsel um. 1948 entschied der Supreme Court der USA, dass die Produktion und Verbereitung von Kinofilmen nicht in gleicher Hand liegen dürfe, und zerschlug das Kartell der Studios, die gleichzeitig auch die großen Kinoketten besaßen. Jetzt haben die Studios mittels Streaming wieder die Möglichkeit, die komplette Produktkette zu beherrschen. Und diesmal wird kein Gericht diese globale Entwicklung stoppen können...

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Bird Box wird gern mit dem Überraschungshit des letzten Jahres, A Quiet Place, verglichen. Gemeinsam haben die beiden Horrorthriller aber nur, dass sie auf einem einfachen Konzept beruhen (na ja, und dass es eine Geburt gibt, Opfertode, etc.) Bird Box ist keinesfalls eine Kopie, schließlich erschien der Roman vor dem Drehbuch des Krasinski-Projekts. Darüber hinaus fand ich A Quiet Place viel weniger plausibel (es geht hier nur um innere Logik, es ist ja Horror und keine SF), und es begang den Fehler, seine Monster zu zeigen (merkwürdige, spinnenartige Aliens, die auf leisteste Geräusche reagieren, menschliches Atmen jedoch nicht hören können). Im Endeffekt ist es eine Frage des Geschmacks, und Bird Box hat mich einfach viel mehr begeistert. Das erste Geschenk des jungen Kinojahrs: Sehr gut (8/10).

Übrigens eine Bitte an Netflix: Wenn schon Kino, dann will ich auch die Option haben, den Abspann bis zum Ende zu sehen! Momentan muss man da schon sehr schnell und kontraintuitiv reagieren, um nicht stattdessen plötzlich den Trailer für den nächsten Film auf dem Schirm zu haben!

Samstag, 19. Januar 2019

Farb- und leblos: Roma (3/10)

Es ist schon ein Kreuz mit den Netflix-Filmen. Abgesehen vom gelungenen Fantasy-Abenteuer Bright hat mich noch kein Langfilm des Streamingvorreiters so recht überzeugen können (mein nächster Versuch wird Publikumsliebling Bird Box mit Sandra Bullock sein). Aber nun pumpt das junge Studio, das neuerdings Milliarden in Eigenproduktionen investiert, Millionen in die Oscar-Kampagne für das neue, bereits bei den Golden Globes preisgekrönte "Meisterwerk" Roma des zweifachen Oscar-Preisträgers Alfonso Cuarón (für Regie und Schnitt von Gravity). Das American Film Institute (AFI) fühlte sich sogar berufen, einen Special Award zu vergeben, da Mexiko ja nicht zum Homeland gehört und bald auch noch hinter einer Mauer verschwinden wird. Wenn von Kritikerseite überhaupt etwas negatives zu vermerken war, dann über die Veröffentlichungspolitik: Nach einer Woche in ausgewählten Arthouse-Kinos lief das Werk direkt bei Netflix, also "im Fernsehen". Meine Vermutung ist allerdings, dass die Zuschauer im Kino genauso eingeschlafen wären wie zu Hause im Fernsehsessel.



Es ist weniger so, dass der Kaiser keine Kleider anhat, als dass die Kleider keinen Kaiser enthalten. Es sind in der Tat exquisite Bilder, die Cuarón als sein eigener Kameramann komponiert hat. Die Schwarzweissbilder im Widescreen-Format von 2.35 : 1 (was auf einem 16:9-Fernseher mit schwarzen Balken oben und unten maskiert wird) sind ungeheuer detailliert und kontrastreich, die Kamerafahrten elegant, die Nahaufnahmen scharf bis in die Poren. Ein Großteil des Budgets von angeblich 15 Millionen Dollar ist offenbar in die authentische Ausstattung und CGI-Nachbildung des "historischen" Nobelviertels Roma in Mexico City geflossen (die Geschichte spielt Anfang der 70er). Von den Nippes auf den Kaminsimsen bis zur Ford-Galaxy-Limousine, den Wäscheleinen auf dem Dach bis zu den Fliesen im Eingangsbereich stimmt alles. Es ist, als ob man durch ein Fotoalbum der Familie Cuarón blättert, oder einem nostalgischen Diavortrag über Alfonsos Jugend beiwohnt. Aber für mich (und das liegt sicher im Auge des Betrachters) entwickeln sich daraus keine Geschichte, keine Spannung, keine große Sympathie für die Figuren. Alles ist gleichförmig schön und leblos. Das ist mehr ein gut zweistündiger Aufenthalt beim Kunsthandwerker als ein Museumsbesuch. Das beginnt gleich mit der Titelsequenz. Für eine lange Zeit sieht man nur Putzwasser auf den Fliesen der Einfahrt (und auch das erschließt sich erst nach und nach), aber selbst die geringe Spannung, die sich aufbaut, verpufft dann, wenn man aus mittlerer Entfernung schließlich das Putzmädchen mit Wischmop entdeckt. Und übrigens: Der extrem direktionale Dolby-Atmos-Surroundsound hat mich hier eher irritiert, insbesondere bei Perspektivenwechseln, wenn die Dialoge plötzlich von vorn nach rechts hinten wandern. Und die Untertitel (es wird natürlich spanisch und mixtekisch gesprochen) hätte man durchaus ausserhalb des Bildbereichs platzieren können.

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Cuarón behauptet, Roma bestehe zu 90% aus seinen Erinnerungen. Es ist aber aus der Sicht des mixtekischen (darf man das so schreiben?) Dienstmädchens Cleo erzählt (deren Vorbild Libo ist der Film gewidmet). Wie gut kann sich der Sohn wohlsituierter Eltern wohl in dieses einfache Mädchen vom Land hineinversetzen, das zwar fast wie ein Familienmitglied behandelt wird, aber doch von der Willkür der Herrschaften abhängig ist? Einen genauen Eindruck davon, wie genau die Familie zu ihr steht, konnte ich übrigens lange nicht gewinnen. Klar, die Kinder lieben ihre Cleo, aber die Mutter Doña Sofia etwa erlebt man lange nur am Rande, und da kommt sie neurotisch und herrisch rüber (was auch durch die Besetzung mit der streng wirkenden Marina de Tavira unterstrichen wird). Umso größer die Überraschung, als sie nach einer Krise plötzlich Wärme und Mitgefühl für Cleo zeigt. Mir scheint das eine unzulässige nostalgische Verklärung, die mit den Realitäten wenig zu tun haben kann. Hinzu kommt, dass die Laiendarstellerin Yalitza Aparicio als Cleo zwar sympathisch rüberkommt und durchaus natürlich agiert, aber mangels Erfahrung ihrem Innenleben selten Ausdruck geben kann. So wirkt ihre Figur oft nur dumm und naiv. Auch eine Krise gegen Ende, aus der sie als kleine Heldin hervorgeht (und die für sie eine Katharsis bedeutet) kann diese Banalität nicht wieder gut machen (aber oft sind es ja die letzten Szenen, die die nachträgliche Beurteilung der Kinogänger am meisten beeinflussen). Mir sind nur wenige gute Momente im Gedächtnis geblieben. Allein die Einparkversuche mit der Limousine in der viel zu schmalen Einfahrt haben mich zum Schmunzeln gebracht (nicht verstanden habe ich allerdings, warum die Hundeköttel von den Dienstmädchen nicht sofort entsorgt wurden).

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Es gibt ja Künstler, die werfen einen blauen Farbklecks an die Wand und bringen dann die Kunstkritiker dazu, diesen als die seit Deep Thought beste Antwort auf das Leben, das Universum und überhaupt alles zu interpretieren. In den für mich nicht enden wollenden 135 Minuten von Roma finden Kinokritiker offenbar genug ähnliche Bedeutungsschwere und Symbolik, um tausende von Kolumnen mit ihren Ergüssen zu füllen. Guillermo Del Toro zählt das Werk seines Landsmanns nun zu seinen fünf Lieblingsfilmen. Vielleicht erkennt er seine eigene Kindheit darin, wer weiss. Ich bin kein großer Fellini-Fan (abgesehen von seinem herzergreifenden Oscar-Gewinner La Strada), aber selbst dessen konfus-autobiographischer Namensvetter Roma hat mir mehr zugesagt, ganz zu schweigen von anderen Vorbildern wie Fellinis vergnüglichem internationalen Durchbruch Die Müßiggänger oder gar Buñuels Meisterwerk Die Vergessenen (Los Olvidados). Nun ja, das mexikanische Triumvirat aus Iñárritu, Del Toro und Cuarón hat vier der fünf jüngsten Regie-Oscars eingesackt, und der nächste erscheint zumindest möglich (wenn die Akademie sich nicht wegen der Netflix-Connection sträubt). Von Cuarón liebe ich eigentlich nur Gravity, bis dahin hatten mich sowohl seine Arthouse-Hits (2000: Y tu mamá tambien) als auch seine Hollywood-Beiträge (1998: Great Expectations, mit Gwyneth Paltrow) ziemlich kalt gelassen. Leider ist auch sein jüngster Oscar-Favorit nichts für mich. Mäßig interessant (3/10).

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Mittwoch, 2. Januar 2019

Jahresrückblick 2018

2018 war das Jahr, in dem weltweit die Streamingumsätze die der Lichtspielhäuser überschritten. Nach der Musikbranche muss nun auch die Filmindustrie umdenken. Das hat für die Verbraucher zunächst einige ärgerliche Folgen. So versiegt trotz des Siegeszugs von 4K-Fernsehern mit großen Diagonalen die Veröffentlichung von UHD-Medien, vor allem klassischer Filme. Insbesondere Disney sitzt auf seinem Riesenschatz filmhistorischer Perlen wie ein eifersüchtiger Drache auf seinen Goldmünzen. Das ist natürlich Kalkül für den geplanten Start eines eigenen Streamingservice. Aber wenn ein Studio Filme in Topqualität (Dolby Atmos/Dolby Vision) bei iTunes verkauft, die zugehörigen UHD-Blu-rays aber (wenn überhaupt) mit minderwertigen Codecs zu überhöhten Preisen auf den Markt bringt, verbrennt dieses Vorgehen schnell auch die Fangemeinde. Und übrigens Disney: Der marktführende Drache hat aus fadenscheinigen Gründen den liebenswerten James Gunn geschasst (so dass die Zukunft der Guardians noch unsicher ist). Wie man auch am verhinderten Oscar-Moderator Kevin Hart sieht, kann man offenbar Komikern nicht mehr trauen. Am besten alle an die Wand stellen!

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Zum Glück gibt es auch Ausnahmen bei den Studios. Vor allem Warner hat sich um das neue Format verdient gemacht, mit Top-Veröffentlichungen aller acht Harry-Potter-Filme etwa (aber wo bleibt der Herr der Ringe?), und insbesondere mit der Jubliäumsausgabe von Kubricks 2001 - Odyssee im Weltall, deren neue 8K-Abtastung auf moderner Hardware auch nach 50 Jahren atemberaubend aussieht (wobei ich vermute, dass ein 8K-Fernseher hier nur marginale Verbesserungen bringen könnte). Universal hingegen hat die 4K-Abtastung von Spartacus bislang nur als schnöde Blu-ray herausgebracht. Und was ist mit Lawrence von Arabien? Hier müssen wir hoffentlich nicht noch drei Jahre bis zum 60jährigen Jubiläum warten?

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Jubiläen gab es auch bei einigen klassischen Musikalben. Glanzpunkt des Jahres war hier unumstritten das ebenfalls 50 Jahre alte Weisse Album der Beatles, nun genial in Surroundsound neugemischt, ohne das Original dadurch zu verfälschen. Jetzt müssen wir nochmals ein Jahr auf Abbey Road warten... Weitere Höhepunkte: Heavy Horses von Jethro Tull (40 Jahre) und Electric Ladyland (50 Jahre) von Jimi Hendrix.

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Leider schielen auch die bestehenden Streaminganbieter zunehmend auf den Kommerz. Es tut weh, dass ein wunderbares Nischenprodukt wie Mozart in the Jungle nun von Amazon eingestellt wurde. Netflix hat dem SF-Epos Sense8 immerhin ein fulminantes Finale finanziert (Amor Vincit Omnia). Dafür bekommen wir nun haufenweise Albernheiten von Will Ferrell und Adam Sandler. Was die Eigenproduktionen anbelangt, hat Netflix so schnell wie kein anderes Studio die übliche Corporate Stupidity erreicht. So hat man nach Meinungsverschiedenheiten über die Fortsetzung des Megahits Bright den Autor Max Landis gefeuert und sich auf die Seite des Regisseurs David Ayer gestellt, nicht gerade eine helle Entscheidung. Und bislang konnte mich auch keine der weiteren Eigenproduktionen überzeugen, trotz Emma Stone auch nicht die vieldiskutierte Miniserie Maniac.

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Zurück zum Kino: Während in den USA Black Panther und die Avengers irrsinnig durchgestartet sind, gaben sich die deutschen Zuschauer mit Mittelmäßigkeit zufrieden. Während früher der Herr der Ringe oder Harry Potter schon mal die Zehnmillionenmarke überschritten, reichten den Avengers dieses Jahr schon gut 3 Millionen verkaufter Karten für Platz 1 an den Kinokassen. Noch peinlicher: Auf den weiteren Plätzen folgen mit "Phantastische Tierwesen 2", "Fifty Shades of Grey 3", "Hotel Transsilvanien 3", Jurassic World 2, Deadpool 2, Mamma Mia! 2 und "Die Unglaublichen 2" lauter (meist maue) Fortsetzungen, vor dem ersten (leider auch nicht tollen) Original "Bohemian Rhapsody" und auf Platz 10 dem ersten deutschen Film, "Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer". Schlimm auch: Vor dem Actionkracher des Jahres, Mission Impossible 6, konnten sich sogar die Megagurken "Venom" und Solo platzieren. Weltweit in den Milliardenclub aufgestiegen sind übrigens nur Avengers: Infinity War, Black Panther, Jurassic World: Fallen Kingdom und "Die Unglaublichen 2", wobei Aquaman wohl noch eine Anschlusschance hat (und damit DCs erfolgreichster Titel ist!)

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Mit 19 Besuchen 2018 zähle ich zwar immer noch zu den treuesten Kinokunden, das ist aber kein Vergleich etwa zu den 85 gekauften Karten von 2004. Meine Jahreswertung speist sich nun aus allen 80 im vergangenen Jahr gesehenen Filme der Jahre 2017 und 2018, ob im Kino, auf Blu-ray oder gestreamt.

Herausragend (9/10)



Sehr gut (8/10)

  • Black Panther (Ryan Coogler)
  • Die Taschendiebin (Chan-wook Park)
    Ungewöhnliche, überraschende Erzählstrukturen kommen bei IMDB-Nutzern gut an (Score: 8,1/10). Dieser südkoreanische Film bietet aber Spannung und Herz, eher ungewöhnlich für den Regisseur von Gewaltorgien wie Old Boy und Lady Vengeance. Die gleiche Liebesgeschichte wird dreimal aus sehr subjektiven Perspektiven erzählt, und jedesmal fügen sich die Puzzle-Teile sehr unterschiedlich zusammen, bis es dann zu einem schönen Happy-End kommt.
  • Bad Times at the El Royale (Drew Goddard)
  • A Star is Born (Bradley Cooper)
  • Deadpool 2 (David Leitch)
  • Borg McEnroe (Janus Metz)
  • Bright (David Ayer)
  • Coco (Lee Unkrich, Adrian Molina)
    Endlich mal wieder ein überzeugendes Original von Pixar. Vielleicht nicht ganz auf gleichem Niveau wie andere sehr gute Klassiker (Monster AG, Findet Nemo, Wall-E), aber für mich Pixars bester Film seit zehn Jahren.
  • I, Tonya (Craig Gillespie)
  • Körper und Seele (Ildikó Enyedi)
    Unsentimental erzählte Liebesgeschichte zwischen einem 65jährigen, körperlich versehrten Mann und einer 30jährigen Autistin. Beide arbeiten in einem Schlachthof (und wer die dokumentarischen Bilder nicht vertragen kann, verliert auch das Recht auf ein gutes Steak), und nachts träumen sie von winterlichen Begegnungen als Hirsche. Mal eine gute Wahl für den Goldenen Bären, ungewöhnlich inszeniert von einer ungarischen Regisseurin.
  • Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer (Dennis Gansel)
    In einer besseren Welt wäre das ein Knüller geworden. So ist diese Neuverfilmung des genialen Kinderbuchs von Michael Ende mit 1,8 Millionen Zuschauern immerhin der erfolgreichste deutsche Film des (schlappen) Kinojahres. Warum musste sie zu Ostern in Konkurrenz zu Peter Hase laufen? Für Nostalgiker kommt sie natürlich nicht an die charmante Fassung der Augsburger Puppenkiste heran, aber trotz der episodischen Struktur macht die Abenteuerreise von Jim und Lukas auf Emma, der Lokomotive, einen Riesenspaß (nicht nur einen Scheinriesenspaß - äh, na ja). Wohlausgesuchte Darsteller, versponnene computergenerierte Kulissen, schöne Musik, ein paar Filmzitate für Erwachsene - was will man mehr? Einzig der Liedtext war den Machern wohl zu altmodisch (oder die Puppenkiste wollte ihn nicht hergeben). Und jetzt alle:

    Ei---ne Insel mit zwei Bergen
    Und dem tiefen, weiten Meer
    Mit vier Tunnels und Geleisen
    Und dem Eisenbahnverkehr
    Nun, wie mag die Insel heißen?
    Ringsherum ist schöner Strand
    Jeder sollte einmal reisen
    In das schöne Lummerland

 Gut (7/10)

  • Ant-Man and the Wasp (Peyton Reed)
  • Aquaman (James Wan)
  • Avengers: Infinity War (die Russo-Brüder)
  • Battle of the Sexes (Valerie Faris & Jonathan Dayton)
  • Call Me By Your Name (Luca Guadagnino)
    Irgendwie hat mich diese Liebesgeschichte vor den herrlichen lombardischen Landschaften nicht so recht gepackt. Vielleicht verstehe ich die Menschen nicht gut genug - in der ersten Hälfte gibt es keinerlei Indiz, dass Oliver und Elio die Erwiderung der Gefühle des Gegenübers erkennen, und plötzlich fallen sie übereinander her, als gäbe es kein Morgen? Na ja, trotz ein paar peinlicher Situationen ist es eine schöne Geschichte, und Adapteur James Ivory, der im Juni stolze 90 Jahre alt geworden ist, sei die Krönung dieses Ehrenjahrs mit einem Oscar mehr als gegönnt (unvorstellbar, dass er bis dahin weder einen Oscar noch einen Golden Globe gewonnen hatte). Ivory ist ja zeit seines Lebens gegen den Strom geschwommen, hat aber mit seinem (Lebens-)Partner Ismail Merchant (1936-2005) und in Zusammenarbeit mit Autorin Ruth Prawer Jhabvala (1927-2013) den Filmolymp immer wieder mit prächtig ausgestatteten, tief empfundenen Meisterwerken bereichert. Meine Lieblinge: Zimmer mit Aussicht (1986), Howards End (1992), Was vom Tage übrig blieb (1993).
  • Der Wein und der Wind (Cédric Klapisch)
    Unaufgeregte Familiengeschichte, ruhig erzählt über vier Jahreszeiten. Attraktive Schauspieler und schöne Landschaften, dazu halbdokumentarische Informationen über den Weinanbau im Burgund.
  • Dunkirk (Christopher Nolan)
  • Jumanji - Willkommen im Dschungel (Jake Kasdan)
    The Rock + Kevin Hart + Jack Black + Karen "Nebula" Gillan + Bobby Cannavale = bestes Popcorn-Kino. Annehmbare Alternative: Rampage (5/10).
  • Little Sister (Zach Clark)
    Nicht zu verwechseln mit Sister Act. Addison Timlin spielt eine Nonne mit Goth-Vergangenheit. Ich mag die Kleine (1,55m) einfach. Verfügbar auf Netflix.
  • Mamma Mia! Here We Go Again (Ol Parker)
  • Mission Impossible: Fallout (Christopher McQuarrie)
  • Ocean's Eight (Gary Ross)
  • Professor Marston and the Wonder Women (Angela Robinson)
    Hübsche, gut gespielte Dreiecksgeschichte der anderen Art.
  • Ready Player One (Steven Spielberg)
    Bunt und unterhaltsam - vielleicht folgt noch irgendwann eine längere Kritik.
  • The Florida Project (Sean Baker)
  • Tully (Jason Reitman)
    Von Jason Reitman lasse ich mich schon lange nicht mehr enttäuschen. Das Drama um eine Mutter mit postnataler Depression ist trotz glänzend aufgelegter Darsteller (Charlize Theron, Mackenzie Davis) und Diablo Codys bestem Script seit Juno erneut nicht massentauglich.

Enttäuschungen

  • Auslöschung (Alex Garland, 6/10)
    Das Netflix-Ereignis mit Natalie Portman hat mich noch weniger als das Buch überzeugt.
  • Predator: Upgrade (Shane Black, 6/10)
  • The Ballad of Buster Scruggs (Joel & Ethan Coen via Netflix, 6/10)
    Erste Episode mit Tim Blake Nelson: Herrlich - 9/10
    Zweite Episode mit James Franco: bester Kalauer des Jahres - 8/10
    Dritte Episode mit Liam Neeson: deprimierend/merkwürdig - 4/10
    Vierte Episode mit Tom Waits: spaßig (7/10)
    Fünfte Episode mit Zoe Kazan: überlang, eintönig (5/10)
    Sechste Episode mit Brendan Gleeson: schwach (3/10)
  • Bad Moms 2 (5/10)
    Überhastet konzipierte, unnötige Fortsetzung.
  • Red Sparrow (Francis Lawrence, 5/10)
    Manche nackten Tatsachen sollte man wohl besser der Fantasie überlassen. Ein Karrieretief für Jennifer Lawrence.
  • Bohemian Rhapsody (5/10)
    Getragen nur von der tollen Musik und der chamäleonartigen Darstellung von Rami Malek. Ausführliche Kritik folgt vielleicht noch.
  • Mord im Orient-Express (Kenneth Branagh, 5/10)
    Tolle Bilder, schöne Darsteller, aber im Ergebnis weniger als die Summe der Teile. Tip: Besser das Original anschauen!
  • Phantastische Tierwesen: Grindelwalds Verbrechen (5/10)
    Unbeholfen strukturiert, überladen. Das eigentliche Verbrechen: dass die Paarung von Muggle Kowalski und der spinnerten Queenie derart im Nebel verlorengeht!
  • Ataris Reise ("Isle of Dogs", Wes Anderson, 3/10)
    Ein Höhepunkt des Stop-Motion-Films, ein Tiefpunkt des Geschichtenerzählens.

Egal (Auswahl)

  • A Quiet Place (John Krasinski, 6/10)
    Der überraschende "Horror"-Hit mit Emily Blunt fing gut an, hatte dann aber zu viele Logiklöcher.
  • Tomb Raider (Roar Uthaug, 6/10)
    Alicia Vikander ist eine tolle Lara Croft, eine Heldin, die blutet und leidet, aber sich immer wieder aufrappelt. Wenn doch das Script der Hauptdarstellerin angemessen gewesen wäre!
  • Logan Lucky (Steven Soderbergh, 4/10)
    Me unlucky.
  • Alles Geld der Welt (Ridley Scott, 4/10)
    Auch Kevin Spacey hätte diese konfuse biographische Geschichte um die Entführung von Milliardärsenkel Getty nicht retten können.
  • Atomic Blonde (David Leitch, 3/10)
    So sehr ich Charlize Theron mag, so übel ist mir diese Actiongurke aufgestoßen.
  • Roman J. Israel, Esq. (Dan Gilroy, 3/10)
    So langatmig und wichtig, dass ich das Denzel-Washington-Vehikel nicht mal zu Ende schauen konnte.

Ärgernis des Jahres

  • Venom (Ruben Fleischer, 2/10)

Nachrufe

  • Ursula K. Le Guin war nicht nur die First Lady der Science Fiction, sondern eine der wichtigsten Autorinnen des 20. Jahrhunderts. Ihre Erdsee-Romane (nominell für Jugendliche gedacht) sind Fantasy-Klassiker, ihre Hugo-Gewinner "Die linke Hand der Dunkelheit" (1969) und "Planet der Habenichtse" (1974) beeinflussten Generationen. Die Kalifornierin starb 88jährig bereits im Januar.

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  • Kurz darauf verstarb auch die 89jährige Kate Wilhelm, nach Le Guin die zweite Frau, die einen Hugo für den besten Roman gewann ("Hier sangen früher Vögel", 1976).
  • William Goldman war einer der ersten Drehbuchautoren, die von der Öffentlichkeit wahrgenommen wurden. Seine Oscars gewann er für Butch Cassidy and the Sundance Kid ("Zwei Banditen", 1969) sowie Die Unbestechlichen (1976, 9/10), aber Unsterblichkeit sichert ihm die warmherzige Abenteuerpersiflage Die Braut des Prinzen (1987), für die er seinen eigenen fabelhaften Roman adaptierte, congenial von Rob Reiner inszeniert. Die popkulturelle Relevanz des Films wurde jüngst noch unterstrichen durch die inoffizielle Fortsetzung Once Upon a Deadpool. Goldman hat neben Romanen und Drehbüchern auch kluge Hintergrundberichte geschrieben, etwa Das Hollywood-Geschäft. Er starb 87jährig im November.
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  • Der Tscheche Milos Forman drehte nur ein Dutzend Filme, gewann dafür aber allein zwei Regieoscars, nämlich für die überwältigenden Meisterwerke Einer flog übers Kuckucksnest und Amadeus. Mit seinen drei in der Heimat entstandenen Filmen konnte ich nicht so viel anfangen (ganz nett: Die Liebe einer Blondine), aber unter seinen Exilfilmen sind nur wenige Nieten, dafür weitere sehenswerte Werke: Taking Off, Hair, Larry Flynt, Der Mondmann (ich warte immer noch auf die Blu-ray-Veröffentlichung dieser wunderbaren Andy-Kaufman-Biographie). Forman starb im April mit 86 Jahren.
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