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Sonntag, 4. Dezember 2016

Bei mir nicht angekommen: Arrival (5/10)

Die 1998 veröffentlichte Novelle The Story of Your Life des New Yorkers Ted Chiang (Jahrgang 1967) ist eine kluge Reflexion über die Wahrnehmung von Zeit. Am Tag vor dem Kinobesuch habe ich sie mit Begeisterung innerhalb einer Stunde verschlungen und freue mich schon auf die weiteren Geschichten der Sammlung, die zum akzeptablen Preis für den Kindle erhältlich ist. Etliche davon gewannen Preise, darunter den Hugo, den Nebula und den Theodore Sturgeon Award (wie schon der Name sagt, ein prestigegeladener Preis für SF-Kurzgeschichten).



Die Linguistin Louise Banks war maßgeblich beteiligt an der Entschlüsselung der Heptapod-Sprache, im Team mit dem Physiker Ian Donnelly. Die Schiffe der Aliens waren eines Tages da, es gab Kommunikationsversuche, und dann waren sie wieder verschwunden. Es stellt sich heraus, dass ihre Schriftsprache nicht linear, sondern zirkulär ist - selbst komplizierteste Zusammenhänge können mit einem einzigen komplexen Symbol dargestellt werden, welches ohne Beginn und Ende geformt wird. Was folgt, kennt eigentlich jeder, der sich intensiv mit einer Fremdsprache beschäftigt hat: Louise beginnt wie Heptapods zu denken und sogar zu träumen; ihre Studien verändern ihre Art zu denken. Entsprechend ist Chiangs Erzählung aufgebaut. In kurzen Zwischenkapiteln erzählt Louise ihrer Tochter, die mit 25 sterben wird, ihr Leben, und zwar in der Zukunftsform. Es gibt mehrere Möglichkeiten, diese Struktur zu interpretieren. Vielleicht reflektiert sie einfach nur den Standpunkt des allwissenden Autors, für den alle Ereignisse seiner Geschichte gleichzeitig präsent sind. Oder sie demonstriert die Funktion der menschlichen Erinnerung, die für den Ablauf von Erlebnissen immer wieder einen neuen Rahmen konstruiert. Oder Louise kann tatsächlich in die Zukunft blicken bzw. ihren Lebenslauf auf einen Blick erfassen...



Leider reduziert der Film diese Optionen buchstäblich auf die dritten Möglichkeit. Spätestens als im letzten Drittel des Films genau dieser Satz fällt: "Louise kann die Zukunft sehen", hat er bei mir verloren (danach muss sie mittels dieser "Fähigkeit" auch noch die Welt retten). Bereits zuvor gibt es problematische Abweichungen (nicht Erweiterungen) von der Vorlage, aber mit diesem Satz verrät der Film die Eleganz und die Mehrdeutigkeit der Novelle. Dabei gibt es in der ersten Hälfte durchaus interessante Aspekte. Regisseur Denis Villeneuve und sein Team verstehen ihr Handwerk. Die Ankunft der Aliens wirkt bombastisch überhöht, aber die Einführung von Louise und die Beschränkung der Perspektive auf sie selbst gibt den Bildern zunächst etwas schön Intimes. Insbesondere mittels Kameraführung und geschicktem Sound Design erleben wir die Geschehnisse durch Louises Augen und Ohren, so ihre anfängliche Panikattacke im ungewohnten Schutzanzug.



Der ist übrigens eine der wenigen hübschen Auskleidungen des ersten Kontakts. Auch die Fremdartigkeit der Aliens ist zunächst überzeugend und spannend. Dann aber geht alles viel zu schnell, Es ist, als ob Regie und Drehbuch (von Eric Heisserer, bisher vor allem bekannt durch eine jämmerliche dritte Version von Das Ding aus einer anderen Welt) plötzlich Angst vor ihrem eigenen Quellmaterial bekommen hätten. Dabei hätte ich mir eine faszinierende linguistische Abenteuerreise vorstellen können. Stattdessen werden die Fakten der eigentlich schmalen Vorlage noch gekürzt  (immerhin wurde die erheiternde Känguruh-Anekdote übernommen). Im Buch gibt es einen Durchbruch, als die Physiker den Heptapods das Prinzip der Lichtbrechung präsentieren. Diese kann nämlich auch so interpretiert werden, als ob das Licht gleichzeitig Start- und Endpunkt "kennt" und darauf beruhend den kürzesten Weg sucht (Minimierung des Weges - Fermatsches Prinzip). Das Buch bietet dazu eine kleine Illustration - was hätte man auf der Leinwand daraus machen können! Stattdessen wird die Intelligenz des Zuschauers mit der fast unmittelbaren Interpretation von Tintenklecksen beleidigt. Damit niemand das merkt, gibt es kurz darauf die ersten Explosionen, und es wird ein dramatisches Weltgeschehen dazuerfunden.



Eine weitere problematische Abweichung ist, dass Louises Tochter hier nicht durch einen Kletterunfall mit 25 stirbt, sondern als Teenager an einer seltenen Krankheit. Das zielt völlig an der Intention des Autors vorbei und hätte zumindest mit einer tiefergehenden Erörterung rechtfertigt werden müssen. Wenn Louise wirklich banal "in die Zukunft sehen" könnte, hätte sie nach der Logik der Filmemacher einen Unfall schließlich verhindern können. Die Novelle kann man aber auch so interpretieren, dass die Erinnerung an 25 Jahre als Mutter den Verlust am Ende aufwiegen (der Vater sieht das offenbar anders). Mehr noch als im Buch ist die Tochter hier eine flüchtige Erscheinung. Noch mehr marginalisiert wird allerdings ihr zukünftiger Vater Ian ("Hawkeye" Jeremy Renner), und dann wird noch der Grund für die Trennung ausbuchstabiert. Der Physiker macht Louise im Film übrigens irgendwann ein "Kompliment", ihre Untersuchungen wären fast mathematisch. D'oh! Die meisten Linguisten sind heute mathematisch gebildet, denn gerade Spracherkennung und automatische Übersetzung beruhen auf mathematischen Prinzipien. Dass ausserdem Forest Whitaker und Michael Stuhlbarg mitspielen, ist kaum erwähnenswert.



Trotz aller Erklärungen hat etwa die Tagesspiegel-Rezensentin nicht einmal begriffen, dass die Geburt der Tochter NACH dem Abzug der Heptapods erfolgte. Demzufolge scheint mir Arrival weder für SF-Fans noch für Laien geeignet. Daher ist mir der Erfolg bei Kritik und Publikum umso unerklärlicher: Mit einem Metascore von 81 und einem IMDB-Durchschnitt von 8,4 ist dies der Kritikerliebling des Jahres; in der IMDB konnte sich im laufenden Jahr nur Mel Gibsons platt-religiöses Kriegsdrama Hacksaw Ridge höher platzieren. Mit Mühe habe ich bei den Fünf Filmfreunden eine Kritik gefunden, die meine Meinung bestätigt (ansonsten fanden etliche Zuschauer den Film langweilig, was ich wiederum nicht nachvollziehen kann). Auch mit anderen umjubelten Filmen von Villeneuve (Sicario, Prisonders) konnte ich nichts anfangen - für mich ist er ein geschickter Manipulator mit fragwürdiger Sichtweise. Es ist so schade, dass es schon wieder eine solch fadenscheinige filmische Repräsentation der Science Fiction gibt. Letztes Jahr war immerhin Ex Machina vorzeigbar, eine kleine Geschichte, die sich selbst nicht zu ernst nahm, aber auf kluge Weise zum Thema Künstliche Intelligenz beitragen konnte. Arrival dagegen ist bei mir einfach nicht angekommen. Wegen einiger hübschen technischen Aspekte und einer fesselnden Amy Adams in der Hauptrolle gerade noch Annehmbar (5/10).

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