Dunkirk versucht den Zuschauer an der Gurgel zu packen und für 100 Minuten nicht mehr loszulassen. Ob der sich auf diese Achterbahnfahrt einlässt, ist allerdings Gechmackssache. Christopher Nolan versucht mit großformatigen Bildern, der rastlosen Musikuntermalung von Hans Zimmer und stetem Wechsel der Handlungsebene eine atemlose Spannung zu erzeugen. Im umfangreichen Making Of (zwei Stunden, welche ich nur überflogen habe) zieht er selbst Vergleiche zu Alfred Hitchcock. Dessen genialen Instinkt zur unterhaltsamen Manipulation des Zuschauers vermag Nolan (der das Drehbuch diesmal allein verfasste) nur seinen kühnen/kühlen Intellekt entgegenzusetzen. Die drei Handlungsstränge werden zwar in sich chronologisch erzählt, aber dann in raffinierter, kontraintuitiver Weise miteinander verquickt. Die Woche am Strand wird mehrfach vom Tag der Überfahrt und der Stunde des Überflugs überholt, so dass potentiell emotionale Höhepunkte oft in der Schnittkonstruktion verpuffen. Und die Entscheidung, mit so wenig Computer-Effekten wie möglich auszukommen, bedeutet leider, dass man nie mehr als ein paar Hundert der beteiligten 400.000 Soldaten gleichzeitig zu sehen bekommt. Trotzdem ist es erstaunlich, was Kamerachef Hoyte Van Hoytema mit den klobigen IMAX- und 64mm-Kameras auf die Leinwand (und via brillanter UHD-Blu-ray auf den Bildschirm) bringen kann - mit erstaunlichen praktischen Effekten, oft an den Originalschauplätzen zu Wasser, Luft und Land.
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Aufgrund seines Status als Kultregisseur und des kommerziellen Erfolgs (allein seine Dark-Knight-Trilogie spielte fast 2,5 Milliarden Dollar ein) vergisst man schnell, dass Nolan aus London stammt. Inzwischen wohnt er natürlich in Los Angeles, mit seiner Frau Emma Thomas, mit der er seine patriotische Rückkehr in die Heimat auch produzierte. Das Wunder von Dünkirchen - 1940 wurde die dort eingekesselte britische Armee mittels einer Armada von überwiegend zivilen Booten evakuiert - ist schon oft verfilmt worden. Es diente als Auftakt von Joe Wrights Atonement (mit einem berühmten Tracking-Shot, der mich trotzdem nicht für das Melodram begeistern konnte) und wird auch in der aktuellen Churchill-Biographie Die dunkelste Stunde aus anderer Perspektive beleuchtet.
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Nolan kommt mit wenig Dialogen aus. Bei der Besetzung konnte er aus einem reichhaltigen britischen Fundus schöpfen, hat klugerweise aber auf Stars aus der ersten Reihe verzichtet, die möglicherweise das Konstrukt aus dem Gleichgewicht gebracht hätten. Einen willkommenen Wiedererkennungswert bieten in den drei Handlungsebenen aber Kenneth Branagh als befehlshabender General in Dünkirchen, Oscar-Preisträger Mark Rylance (Bridge of Spies) als Kapitän eines kleinen Fischerboots und Tom Hardy als tollkühner Flieger. Die jungen Soldaten dagegen wurden absichtlich mit historisch korrekt sehr jungen Darstellern besetzt, deren Gesichter ich dann in der Hektik der Ereignisse aber auch nicht so recht auseinanderhalten konnte. In kleineren Rollen erkennt man Cillian Murphy (als "zitternder Seemann"), James D'Arcy (Der Wolkenatlas) als Branaghs Adjutant und John Nolan (Person of Interest) als blinder Helfer im englischen Heimathafen.
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Christopher Nolan ist in diesem Jahr zum ersten Mal auch als Regisseur für einen Oscar nominiert - nach Drehbuchnominierungen für Memento und Inception und neben der Nominierung für den Besten Film. Das ist nicht so verwunderlich, wenn man bedenkt, dass Dunkirk, sein zehntes Werk, seit 15 Jahren das erste ohne fantastisches Element ist. SF und Fantasy werden bei der Akademie halt immer noch nicht ernstgenommen (ich nehme es ihr immer noch übel, dass mit Wonder Woman der schönste und in den USA auch erfolreichste Film des Jahres nicht eine einzige Nominierung verdient hat). Zumindest für den BAFTA, den "David Lean Award for Best Direction", geht Nolan als Favorit ins Rennen. Leider hat Dunkirk aber weder Hitchcocks Humor noch Leans Bildgewalt noch Kubricks Doppelbödigkeit zu bieten. Gefallen hat's mir schon, aber die artifizielle Konstruktion hat bei mir doch für eine gewisse Distanz gesorgt. So reicht es wie so häufig bei Nolans Extravaganzen wieder nur für Respekt statt Begeisterung. Gut (7/10).
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