Um zu zeigen, dass ich nicht immer ein Nolan-Hasser war, und wegen der wesentlichen Beteiligung seines Bruders Jonathan Nolan, der nach der eher unter dem Radar gelaufenen SF-Actionserie Person of Interest nun bei HBO mit Westworld einen Hit bei Kritikern und Publikum gelandet hat, hier meine damalige Kinokritik zu Memento. Wenn das Kino des 21. Jahrhunderts doch gehalten hätte, was jenes Jahr versprach! (Meine Meinung zu Fincher habe ich übrigens inzwischen deutlich revidiert.)Wenn ich in Vorankündigungen und Kritiken Begriffe wie "revolutionärer Filmsprache" finde, gehe ich mit sehr viel Skepsis ins Kino. Dazu muß ich erklären, daß ich in Cineasten-Kreisen eher ein Outcast bin: Ich mag nämlich den berühmten und vielgeliebten Klassiker Citizen Kane nicht besonders. Weder die Geschichte noch die Charaktere vermochten mich in diesem Erstling von Orson Welles zu überzeugen, und bei aller Anerkennung für seine technische Virtuosität konnte ich mich doch nur zu einer knapp überdurchschnittlichen Wertung entschließen. (Daß das Wunderkind erzählen konnte, hat er mir allerdings mit seinem nächsten Film, The Magnificent Ambersons, bewiesen, den ich trotz entstellender Kürzungen tatsächlich für ein kleines Meisterwerk halte.)
Und wenn ich auch noch von einem überraschenden Ende höre, erinnere ich mich mich Grauen an Sixth Sense, dessen tatsächlich origineller Schluß für mich keineswegs die banalen Dialoge und die größtenteils dröge Handlung entschuldigt. Diese Art Trickserei funktioniert für mich nicht. Niemand würde einen Maler allein aufgrund seiner technischen Brillanz für ein Genie halten - warum fallen Filmliebhaber trotzdem immer wieder auf die (David) Finchers, (Oliver) Stones und (Michael) Manns herein?
Also, ich bin altmodisch, ich mag die traditionelle Erzählform, Stil allein genügt mir nicht. In diesem deutschen Kinojahr habe ich bereits für drei eher herkömmlich strukturierte Werke mit gut ausgeführten Figuren und starkem Anliegen die Höchstwertung vergeben: Traffic von Soderbergh, Almost Famous von Crowe und Das Experiment von Hirschbiegel (!). Jetzt kommt zu meiner Verblüffung ein vierter, ganz anderer Film hinzu: Memento von einem gewissen Christopher Nolan, bei den Oscars nicht mal erwähnt, ohne Stars und sicherlich mit geringem Budget abgedreht. Was gefällt mir daran?
Ich glaube, daß die Sache mit der "revolutionären Filmsprache" falsch ist. Vielmehr haben wir hier eine geniale Geschichte, die nur auf eine einzige Art erzählt werden kann - nämlich (fast möchte ich sagen, zufällig) rückwärts. Und genau das macht Nolan - zugegeben die technischen Möglichkeiten recht geschickt ausnutzend. Nur die allererste (und chronologisch letzte) Szene wird tatsächlich entgegen unserem Zeitsinn gezeigt (was übrigens sehr reizvoll ist), danach werden lediglich die kurzen Episoden in umgekehrter Reihenfolge hintereinandergeschnitten, durchbrochen von einer längeren, in fahlem Schwarzweiß abgesetzten, den Rahmen erklärenden Handlung, deren zeitliche Einordnung etwas schwer fällt.
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Das Thema des ganzen ist das menschliche Gedächtnis, mit seinen Möglichkeiten und seinen Beschränktheiten. Wahrscheinlich werden bei genauer Analyse der Konstruktion Logikbrüche und Ungereimtheiten sichtbar werden. Das ist aber für die Qualität des Filmes bedeutungslos. Was zählt, sind die vielfältigen Anregungen zum Nachdenken und die schöpferische Kraft, die sich hier offenbart. Das Ergebnis ist ungeheuer spannend, allerdings auch absolute Aufmerksamkeit fordernd. Das muß nicht als anstrengend empfunden werden, eignet sich aber nicht als Popcorn-Kino für ein samstägliches Rendezvous (was übrigens auch auf Traffic zutraf). Bleibt zu erwähnen, daß alle Darsteller perfekt agieren, allen voran Guy Pearce in der Hauptrolle. Also haben wir hier das vierte Meisterwerk der Saison, allen empfohlen, die intelligentes Kino mögen. Ob der "Herr der Ringe" noch einen draufsetzen wird?
Auf Blu-ray ist Nolans Durchbruch (es war sein zweiter Film) in Deutschland leider ein Stiefkind, die Edition zum zehnjährigen Jubiläum ist hier nicht erschienen (ich besitze die amerikanische Ausgabe). Auch die angekündigte Nolan-Edition mit sieben Filmen in UHD-Qualität wird seinen für mich immer noch besten Film nicht enthalten, genauso wenig wie den tollen Nachfolger Insomnia mit Al Pacino und Robin Williams.
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