Bei der Diskussion von Rassismus, sexueller Belästigung oder gar Pädophilie gelten plötzlich, insbesondere in den Online-Medien, keine journalistischen Regeln mehr. Abwägung von Tatsachen und Aussagen, differenzierte Bewertungen, selbst rechtsstaatliche Prinzipien fallen unter den Tisch. Vergewaltiger werden mit Grapschern in einen Topf geworfen, ältere Verführer junger Menschen mit Pädophilen. Jeder versucht, seine persönlichen Moralvorstellungen auf die gesamte Menschheit anzuwenden. Heuchelei ist Trumph. Sensationsgier ist erlaubt, solange man sich auf die Seite der Opfer schlägt. Unabhängig von der Art, vom Kontext oder sogar der Widerlegbarkeit der Verfehlung ist der Ruf des "Täters" ruiniert. Das habe ich vor langen Jahren auch schon persönlich erlebt. Als Student bin ich nach einem Streit mit einen griechischen Mitbewohner selbst als Rassist hingestellt worden. In diesem Fall hatte ich praktisch keine Möglichkeit der Verteidigung. Es spielte auch keine Rolle, dass ich demselben Mitbewohner zuvor wochenlang mit hohem Zeitaufwand bei der Ausformulierung seiner Seminararbeit geholfen hatte. Solche Vorwürfe entwickeln eine Eigendynamik, bei der plötzlich sämtliche Indizien im Sinne der Anklage uminterpretiert werden.
Bei den ersten Berichten über das Fehlverhalten von Kevin Spacey war ich daher noch versucht, ihn innerlich zu verteidigen. Unzählige Menschen sind schon auf Partys von Betrunkenen bedrängt worden. Es ist unrealistisch, solches Verhalten ausmerzen zu wollen. Natürlich hat ein 15jähriger nichts auf einer alkoholseligen Erwachsenenparty zu suchen, darf schon gar nicht als letzter Gast zurückbleiben. Das entschuldigt Spaceys Verhalten zwar nicht. Aber kein amerikanisches Gericht hätte aufgrund der Geschehnisse Anklage erhoben. Die Annahme, dass ein solches Erlebnis den jungen Mann fürs Leben traumatisiert hat, ist eine Beleidigung für alle Opfer sexueller Gewalt. Die Veröffentlichung dieses Berichts 30 Jahre später weckt in mir die Vermutung, dass ein Therapeut diese Erinnerung ausgegraben und verstärkt hat und nun alle persönlichen Probleme des Patienten darauf zu reduzieren sucht.
Leider hat sich anhand von zahlreichen Zeugenaussagen nun herausgestellt, dass das Verhalten des damals 26jährigen Theaterschauspielers Spacey kein Ausrutscher war, sondern sich systematisch wiederholte und verstärkte. Viel deutlicher als im Fall von Harvey Weinstein, der ja auch nach außen als unangenehmer Zeitgenosse bekannt war, zeigt der Fall Spacey, welche üblen Verhältnisse hinter den Kulissen der Traumfabrik herrschen. Und leider ist dies nur ein Spiegelbild der übrigen Geschäftswelt. Verstärktes Echo fand der Fall dann noch wegen Spaceys schwammigen Aussagen zu seiner sexuellen Identität. Die amerikanische LGBT-Community hat zwar ideologisch verknöcherte Vorstellungen, wie ein Coming Out vonstatten zu gehen hat, aber in diesem Fall muss ich zustimmen, dass Spacey sich auch in dieser Hinsicht sehr ungeschickt verhalten hat. Schließlich war das spätestens mit seinem Bobby-Darin-Muscial Beyond the Sea ein offenes Geheimnis. Hätte es wirklich solch einen Karriereknick für ihn bedeutet, sich zu diesem Zeitpunkt als schwul zu outen?
Der eigentliche Skandal ist, dass die Studios Kevin Spacey nun fallenlassen, weil er ein Imageproblem darstellt, nicht etwa weil er seine Machtposition ausnutzte und eine giftige Atmosphäre beim Dreh erzeugte. Bei House of Cards etwa war er von Beginn an nicht nur Hauptdarsteller, sondern auch Produzent und damit Chef. Hat wirklich keiner seiner Co-Produzenten und Regisseure etwas gemerkt? Sein Kollege Jon Bernthal berichtet nun im nachhinein von den Dreharbeiten zu Baby Driver, dass er vom Verhalten seines Idols Spacey enttäuscht gewesen sei. "Wenn das Opfer eine Frau gewesen wäre, hätte ich etwas gesagt." Es ist leider inhärent sexistisch anzunehmen, dass sich Männer gegen Belästigung selbst wehren können. Es geht gar nicht ums Geschlecht, sondern um das Machtgefälle, in dem Nebendarsteller Bernthal im Verhältnis zum zweifachen Oscar-Preisträger auch nur ein kleines Rädchen war. Daher kann ich es auch Robin Wright, Co-Star in House of Cards, nicht übelnehmen, dass sie nicht gegengesteuert hat. Sie hat sich zwar als eine von wenigen Frauen schließlich einen Titel als Executive Producer erkämpft (unter der Produzentenkategorie listet die IMDB mehr als 30 Personen), sie konnte aber trotz ihrer gewachsenen Popularität nicht einmal ihre Forderung nach gleichem Gehalt durchsetzen.
Was Kevin Spacey betrifft, so ist seine Karriere nun beendet, egal ob die Vergewaltigungsvorwürfe zu strafrechlichen Konsequenzen führen. Das heißt nicht, dass man nun seine bisherigen darstellerischen Leistungen geringer schätzen oder gar verteufeln muss. Möglich, dass er deshalb so überzeugend in der Rolle von aalglatten Schurken war, weil er den soziopathischen Teil seiner Persönlichkeit einbringen konnte. Aber hier muss die Trennung von Werk und Künstler gelten. American Beauty bleibt für mich eines der prägenden Werke der 90er, Die üblichen Verdächtigen und L.A. Confidential sind immer noch tolle Thriller. Wir sehen ohnehin nur die Spitze des Eisbergs, und es wäre scheinheilig, nun Filme nur aufgrund der Beteiligung einer zwielichtigen Person zu boykottieren. Schließlich haben wir auch heute noch Spaß an der Nackte-Kanone-Trilogie, trotz des verurteilten Gewaltverbrechers und offenkundigen Mörders O.J. Simpson in der Rolle des Co-Deppen Nordberg. Anders kann es sein, wenn die fragwürdige Weltanschauung der Regisseure oder Hauptdarsteller ins Werk einsickern. So schmecken mir heute so manche John-Wayne-Filme nicht, etwa der weltberühmte Ford-Western Der schwarze Falke/The Searchers (andere sehe ich immer noch gern, etwa Der Sieger/The Quiet Man).
Die Kehrseite der an sich begrüßenswerten aktuellen Debatte ist allerdings die Gefahr einer Hexenjagd (wovor ungeschickterweise Woody Allen warnte - mehr dazu später). Es entsteht auch eine unangenehme Arbeitsatmosphäre, wenn jede Bemerkung und jede Interaktion auf die Goldwaage gelegt wird. Das erkennt man am besten im Fall Dustin Hoffman. Wer ihn jemals in Talkshows erlebt hat (etwa Letterman oder Leno, mit einer herrlichen De-Niro-Imitation), weiss, dass er einen recht derben Humor hat, der sicher nicht allen gefällt. Auch am Set spielt er gern den Clown, und in diesem Kontext (und nachdem ihn u.a. der damalige Regisseur Volker Schlöndorff in Schutz genommen hat) muss man die Aussagen der damals 17jährigen Praktikantin betrachten, die sich von ihm belästigt fühlte. Hoffman hat sich nun bei ihr entschuldigt, aber es handelte sich definitiv nicht um Machtmissbrauch, sondern die junge Frau ist einfach mit seiner Art nicht klargekommen. Mehr als Unsensibilität kann man Hoffman nicht vorwerfen. Der gerade 80 gewordene zweifache Oscar-Preisträger muss sich zwar keine Sorgen um ein Karriereende machen, aber der Vorwurf der sexuellen Belästigung wird ihm nun noch lange anhängen (das kann man auch an den Kommentaren bei den referenzierten Youtube-Videos sehen).
Für Vorwürfe sexueller Belästigung gelten offenbar auch keine Verjährungsfristen. Natürlich kann ein Gang an die Öffentlichkeit manchen Opfern auch nach Jahrzehnten noch helfen, so etwa bei Scheusal Klaus Kinskis Tochter Pola. Anderseits ist es nach langer Zeit sehr schwer, die tatsächliche Beweislage zu beurteilen. Rassistische und antisemitische Tiraden werden offenbar leichter verziehen, denn Mel Gibson gelang mit seinem neuesten (und wieder stumpf-religösen) Machwerk Hacksaw Ridge (einer der ärgerlichsten Filme des Jahres) die Rückkehr in die Gunst seiner Kollegen. Geld ist halt doch der wahre Gott Hollywoods.
Dafür wird immer wieder der Fall Roman Polanski aufgewärmt. Dabei hat er mit der aktuellen Debatte nur wenig zu tun, und die Sachlage ist klar. Er hat vor vierzig Jahren eine 13jährige ("fast 14jährige") vergewaltigt, und zwar nicht nur als "Statutory Rape", der bei Geschlechtsverkehr mit Kindern immer angenommen wird. Er hat das Mädchen eindeutig zum Sex gezwungen (und sicher seine Machtposition gegenüber dem jungen Fotomodell ausgenutzt). Dafür hätte man ihn für zehn Jahre ins Gefängnis stecken sollen, so traurig der Verlust für die Filmwelt auch gewesen wäre. Er hat sich den juristischen Konsequenzen aber entzogen. Dass das Opfer ihm vergeben hat, ändert nichts an den Tatsachen, und echte Reue kann ich bei ihm nicht erkennen. Er ist einfach ein scheusslicher Mensch, der trotzdem fabelhafte Filme gemacht hat. Trotzdem ist er nicht pädophil, sondern einfach ein Arschloch. Schon Charlie Chaplin und Errol Flynn hatten eine unangenehme Vorliebe für junge Teenager-Mädchen. Das ist keine Pädophilie, sondern moralische Schwäche und mangelnde Urteilsfähigkeit.
In den gleichen Topf wird gern Woody Allen geworfen, der (unbestritten) eine Beziehung mit der jungen (aber bereits 21jährigen) Stieftochter seiner damaligen Lebensgefährtin Mia Farrow einging, Das ist moralisch zweifelhaft, aber weder strafrechtlich relevant noch selten. Man muss wissen, dass Woody Allen nie mit Mia Farrow zusammengelebt hatte, er war immer nur Gast bei ihren (großenteils adoptierten) Kindern. Ich halte es für heuchlerisch, solche Fälle pauschal zu verurteilen. Es kommt immer auf den Einzelfall an, und nach allem, was wir wissen, feiern Soon-Yi Previn und Woody Allen im Dezember den 20. Jahrestag einer glücklichen Ehe, mit zwei eigenen Adoptivtöchtern. Diese Situation erschwert es aber, objektiv die Vorwürfe zu beurteilen, er habe damals seine siebenjährige Adoptivtocher Dylan missbraucht. Damals wurde bei einer gerichtlichen Untersuchung keinerlei Indiz gefunden. Die zugezogenen Kinderpsychologen kamen zu dem Schluss, dass die Erinnerungen der Tochter von der Mutter Mia Farrow eingepflanzt worden waren. Für die erwachsene Dylan ist dieses Trauma so oder so eine Tragödie. Ich kann verstehen, dass sie die Erinnerungen für real hält, aber es ist nachgewiesen, dass wir bei frühen Kindheitserinnerungen nicht immer zwischen "echten" und anhand von Erzählungen "nachgebauten" Erinnerungen unterscheiden können, Inzwischen hat sich Dylans Bruder Moses auf die Seite seines Vaters geschlagen und schildert unangenehme private Seiten seiner Mutter. Für mich bedeutet das vor allem, dass ich die Freude an den Darstellungen von Mia Farrow verloren habe, vor allem bei Hannah und ihre Schwestern, einem meiner Lieblingsfilme von Woody, ausgerechnet seine Liebeserklärung an Mia Farrows mütterliche Wärme.
Das Internet-Publikum ist in seiner Gesamtheit noch ein paar Grade dümmer als die Menschheit an sich, die ja schon in jämmerlicher Weise auf den eigenen Untergang (und vor allem den Untergang der weltweiten Zivilisation) hinsteuert. Daher glaube ich nicht, dass die aktuelle Debatte grundsätzliche Änderungen bewirken wird. Einige Auswüchse werden abgestellt, aber das System bleibt bestehen. Den Menschen kann man halt nicht ändern, und die Evolution ist einfach zu langsam, um dieser Spezie eine Zukunft zu ermöglichen.
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