You are being watched. Du wirst beobachtet.
Die (US-)Regierung betreibt heimlich eine Maschine, eine künstliche Superintelligenz (KSI), die an alle Überwachungskameras, Telefon- und Computernetze angeschlossen ist. Ihre offizielle Aufgabe ist es, Terroranschläge vorherzusagen und damit ihre Verhinderung zu ermöglichen. Um die Privatsphäre der Bürger zu schützen und Machtmissbrauch zu verhindern, hat ihr Erfinder sie von jeglicher anderer Verwendung abgeschottet. Mit einer wesentlichen Ausnahme: Über eine Hintertür im Code bekommt er Informationen (meist nur die Sozialversicherungsnummer) über "irrelevante" Personen - Menschen, die im Begriff sind, Opfer oder Täter "gewöhnlicher" Verbrechen zu werden. So jemand ist eine "Person of Interest" (PoI).
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Der "Schöpfer" dieser Maschine, ihr Hauptprogrammierer, der von ihr immer noch als "Admin" anerkannt wird, heißt Harold Finch (Michael Emerson). Er hatte mit seiner IT-Firma Milliarden verdient, bevor er der Regierung die Krone seiner Schöpfung für einen symbolischen Dollar überließ. Aber er weiß, dass mächtige Kreise nach direktem Zugang zum Überwachungsapparat suchen. Sein Geschäftspartner kam bereits bei einer Bombenexplosion ums Leben. Er selbst hat damals seinen Tod fingiert und lebt seither in New York im Verborgenen. Aufgrund seiner moralischen Gewissensbisse beginnt er, ein Team aufzubauen, um jenen PoI zu helfen.
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Dies ist die Ausgangssituation für die prozedurale Struktur der Show, die in den ersten Staffeln jeweils für einen Fall der Woche sorgte. Parallel dazu gibt es natürlich Figurenentwicklungen, die allerdings nie in Seifenoper-Bereiche abdriften. Erstaunlicherweise werden auch keine Liebesbeziehungen der Teammitglieder in den Fokus gerückt. Nach und nach erfahren wir zwar, dass Finch seine große Liebe (Carrie Preston) verlassen hat, um sie zu schützen (die beiden Darsteller sind übrigens verheiratet, was der Beziehung eine besondere Wärme gibt). Das gehört aber mehr zum Hintergrundrauschen der Erzählung. Nur eine einzige Liebesbeziehung gewinnt gegen Ende der Serie an Kontur, und diese sorgte leider gleich für Kontroversen, weil sie sich zufällig zwischen zwei starken Frauen entwickelt...
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Aber der Reihe nach. Person of Interest lief zwischen 2011 und 2016 mit insgesamt 103 Folgen auf CBS und hat in dieser Zeit nie mehr als eine allerdings substantielle Fangemeinde als Publikum gefunden. Eine einzige jämmerliche Emmy-Nominerung (für die Klangmischung) gab es. Dabei kam die Serie von der Produktionsfirma von J.J. Abrams, der allerdings meines Wissens kaum kreativen Input geliefert hat. Der kam von den Showrunnern Greg Plageman und Jonathan "Jonah" Nolan, Bruder des Kultregisseurs und Mitautor einiger seiner stärksten Filme (Memento, Prestige). Dazu kam ein brillantes Autorenteam, aus dem ich Denise Thé hervorheben möchte, die für If-Then-Else das Drehbuch für die wohl beste Folge der Serie beisteuerte. Auch das fulminante Finale Return 0, welches die Serie zu einem runden Abschluss führt, schrieb sie gemeinsam mit Nolan. Die Absetzung war rechtzeitig bekannt - PoI war wohl zu intelligent, um ausreichende Zuschauerquoten zu erreichen (not being watched).
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Nomineller Hauptdarsteller der Serie ist Jim Caviezel, berühmt-berüchtigt durch die Titelrolle in Mel Gibsons Die Passion Christi, ansonsten im Kino eher in Nebenrollen tätig. Er ist nun Ende 40, dies war sicher eine seiner letzten Actionrollen. Ehrlich gesagt, kann ich ihn nicht besonders leiden. Er hat nur minimale mimische Fähigkeiten, und seine Stimme ist monoton und heiser. Es hilft auch nicht, dass er meist im Flüsterton spricht - er behauptet, das gehöre zur Rolle, bei der er meist per Headset mit seinen Teamkameraden kommuniziert. Aber gut zu wissen, dass er notfalls auch in aramäisch flüstern kann. Als Actionheld und potentiell tödlicher Attentäter ist er allerdings einigermaßen glaubwürdig. John Reese wird von Finch als erster rekrutiert; er wurde von der CIA bei einem Himmelfahrtskommandos fallengelassen und findet beim Team PoI zögerlich eine sinnvollere Aufgabe. Nun beginnt er Leben zu retten statt zu zerstören.
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Natürlich ist es Kalkül der Autoren, die Killermaschine John Reese in maximalen Kontrast zum Kopf des Teams zu stellen. Harold Finch ist ein genialer Programmierer und Hacker, ein Schöngeist, der voller moralischer Zweifel und Komplexe steckt und seit seinem fingierten Tod mit Rückenproblemen und einem Humpeln zu kämpfen hat. Dargestellt wird er vom heute 63jährigen anerkannten Theaterschauspieler Michael Emerson, der Genrefans selbstverständlich in Erinnerung ist als Ben Linus aus Lost. Das war ein so hinterhältiger und doch vielschichtiger Schurke, dass ich ihn oft durch den Bildschirm hindurch angebrüllt habe und ihn am liebsten erwürgt hätte. Für die Rolle gewann er 2009 seinen zweiten Emmy, den ersten erhielt er 2001 als Gaststar in der Anwaltsserie The Practice. Sicher in der Theaterpraxis geschult, verfügt er über eine ungeheuer geschmeidige, eigenwillige Stimme, die nicht nur den an sich eher banalen Einführungstext veredelt ("You are being watched. The government has built a secret machine...") Es ist unfassbar, dass der gleiche Schauspieler Ben Linus und Harold Finch verkörpern konnte. Hier jedenfalls steht er für Herzlichkeit und moralische Standfestigkeit, und mit seiner sich entwickelnden Freundschaft zu John Reese vermag er es, auch in Skeptikern wie mir Sympathie für diese Figur zu entfachen.
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Zu diesem Kernteam gesellt sich schnell die rechtschaffene NYPD-Detektivin Joss Carter (Taraji P. Henson), die bei komplexen Fällen hinzugezogen wird und mit viel Herzblut bei der Sache ist. Von Hensons Ausstieg in der dritten Staffel hat sich die Serie in mancher Hinsicht nie so recht erholt. Carters Ende ist bezeichnend für die zunehmende Düsterheit der Geschehnisse, einen Pessimismus, in dem die prozedurale Seite der Serie immer mehr in den Schatten der übergreifenden Handlung gerät. Es ist zwar toll, wie komplexe moralische Fragen aufgeworfen werden und die Figuren an den Widersprüchen zu zerbrechen drohen. Auch die Betonung der SF-Aspekte, u.a. mit der Einführung einer zweiten, feindlichen KSI "Samaritan", ist an sich gelungen. Aber der Spaß an den frühen Fällen, bei denen das Team in Superheldenmanier alltägliche Verbrechen verhindern konnte, geht unter dem Gewicht der Rahmenhandlung weitgehend verloren. Hensons Karriere ist dagegen mit ihrem Ausstieg erst richtig durchgestartet. Sie war ja bereits 2009 für Der seltsame Fall des Benjamin Button für einen Oscar nominiert worden. Inzwischen sind dazu Emmy-Nominierungen und 2016 ein Golden Globe für ihre Darstellung im HipHop-Drama Empire dazugekommen, und natürlich eine Hauptrolle im Oscar-nominierten Hidden Figures.
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Als Spiegel zu Carter kann man Lionel Fusco (Kevin Chapman) sehen. Er ist ein korrupter Cop, das genaue Gegenteil der gewissenhaften Joss. Zu Beginn wird er von John mehr oder weniger erpresst, ihm bei der Rettung einer PoI zu helfen. Mehr und mehr plagen ihn Gewissensbisse, und schließlich findet er den Mut, sich vom Kreis der kriminellen Polizisten abzusetzen. Im Laufe der Serie macht Fusco die größte Wandlung durch und stellt sich am Ende sogar gegen das Team, weil ihm Einzelschicksale wichtiger sind als der abstrakte Kampf gegen Samaritan. Zu diesem Zeitpunkt hat er fast so viele Sympathiepunkte gewonnen wie das heimliche Herz des Teams, der Deutsche Schäferhund Bär (Bear), der nur auf holländische Befehle hört.
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Um die Lücke beim Weggang von Taraji P. Henson zu schließen und, wie ich glaube, um Jim Caviezel zu signalisieren, dass die Serie auch ohne ihn weitergeführt werden könnte, gab es in der dritten Staffel einen weiteren Neuzugang. Ähnlich wie früher John erledigte auch Sameen Shaw die Drecksarbeit für den CIA, noch mehr als John ist sie soziopathisch veranlagt und muss vom Team erst davon überzeugt werden, dass Töten vielleicht nicht immer die beste Lösung ist. Gespielt wird sie von der heute 37jährigen Texanerin Sarah Shahi, eine aparte Mischung eines iranischen Vaters und einer spanischen Mutter. Vom physischen Aspekt her ist die ehemalige Schönheitskönigin vielleicht nicht völlig glaubwürdig, macht dies aber durch eine Tour de Force der unterdrückten Gefühle wieder wett, als sie in der vorletzten Staffel vom "Feind" gefangengenommen wird - ein Handlungsbogen, der bis fast zum Schluss für Spannung sorgt.
Neben den Hauptfiguren sorgen auch die oft hochkarätig besetzten Nebenfiguren für Furore, oft als PoI eingeführt, die später aus Dankbarkeit das Team unterstützen. Hervorzuheben sind Paige Turco als High-Society-Vermittlerin Zoe Morgan (die sogar eine kleine Liaison mit John spendiert bekommt, aber leider in der letzten Staffel keinen Auftritt mehr hat), und Enrico Colantoni als Elias, der zunächst vom Team gerettet wird, sich dann aber als dubioser Gangsterboss entpuppt, in der Tradition von Keyser Söze. Als finsterer Repräsentant John Greer der feindlichen KSI Samaritan glänzt John Nolan, Onkel von Jonathan und Christopher, in dessen Filmen der fast 80jährige Londoner auch öfter ein Cameo hat.
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Die faszinierendste PoI ist aber sicherlich Samantha Groves, eine junge Frau, deren Fall ähnlich wie der von Elias anders gelagert ist, als das Team zunächst vermutet. Das hat zunächst tragische Folgen, als sie sich als soziopathische Hackerin "Root" (das ist der Admin-Account bei Unix-Systemen) zu erkennen gibt. Ja, brave Familienmenschen kommen bei PoI selten vor ;-) Jedenfalls spielte sich Amy Acker in dieser Rolle schnell ins Herz der Fans und stieg in der dritten Staffel zur Hauptdarstellerin auf, womit sie sich auch endgültig vom Whedon-Universum emanzipierte. Es ist einfach fabelhaft, wie sie zur "analogen Schnittstelle" der Maschine wird und in direkter Interaktion Gott-gleich agiert ("in God mode"). Ihre Figur verbindet Computer-Zauberei mit einem Actionfeuerwerk, und das ist cool as fuck. Nun ist die hübsche Amy bereits vierzig Jahre alt und spielt in der besseren neuen Marvel-Serie The Gifted zum ersten Mal eine (immer noch ziemlich attraktive) Mutter zweier Mutanten-Teenager...
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Person of Interest findet eine gute Balance zwischen Action, Charakteren und SciFi-Elementen. Titelsequenz, Kapitelübergänge und Zeitsprünge werden geschickt als Überwachungsbilder aus Computersicht dargestellt. Dazu passt die variable Musik des Duisburger Erfolgskomponisten Ramin Djawadi (Game of Thrones). Die Kampfszenen, ob im Nahkampf oder mit Schusswaffen, sind meist aufregend und überraschend inszeniert, auch wenn gelegentlich die Fernsehkonventionen durchscheinen. Viele erwischte Täter würden sicher einen Kopfschuss den Knieschüssen von John, Sameen und Root und damit ein Restleben im Rollstuhl vorziehen. Das ist halt TV-Logik, so wie die wundersame Heilung der Hauptfiguren von zahlreichen Schuss- und Stichverletzungen innerhalb weniger Wochen. Aber gutes Fernsehen soll ja Kopf und Herz ansprechen, und das macht PoI auf unvergleichliche Weise.
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Die SF-Idee des Überwachungsstaates wurde 2013 fast von den Snowden-Entwicklungen überholt. Wie in den meisten aktuellen Krimiserien wird in PoI allerdings kräftig übertrieben. Da werden lückenlose Bewegungsprofile erstellt, Smartphones per Knopfdruck geclont, praktisch jede Firewall in Minuten überlistet. Allein zur sinnvollen Verarbeitung der Datenmengen bräuchte man einen Quantencomputer, auch dies eine Utopie. Technologisch sind wir noch weit von echten künstlichen Intelligenzen entfernt. Sogenannte Künstliche Intelligenz beschränkt sich heute auf mehr oder weniger clevere Marketing- und Einkaufshilfen, siehe Siri, Alexa und Echo. Trotz der publikumswirksamen Warnungen sogenannter Zukunftsforscher wird das auch noch für Jahrzehnte so bleiben. Der Judgment Day ist noch weit entfernt. Natürlich braucht die Menschheit keine KIs, um ihren Untergang zu betreiben.
Person of Interest ist seit Anfang des Jahres komplett in perfekter Qualität auf Blu-ray erhältlich, exklusiv bei Amazon auch als Gesamtausgabe. Netflix hat die Serie leider kürzlich aus dem Programm genommen.
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