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Samstag, 9. Dezember 2017

Klassische Rezension: Heaven (Tom Tykwer 2002, 8/10)

Tom Tykwer hat das Pech, durch einen Film international bekannt geworden zu sein, der in seiner Art ebenso einmalig wie unwiederholbar ist. Nicht einmal in Hollywood gibt es die Schublade "Rennende Rothaarige". Bei der Aufregung um die rote Lola wurde gern übersehen, daß das Regietalent mit Die tödliche Maria und vor allem Winterschläfer bereits zwei hervorragende Werke abgeliefert hatte, ganz zu schweigen von seinem Beitrag zu Das Leben ist eine Baustelle. Nach dem (auf hohem Niveau) gescheiterten Der Krieger und die Kaiserin meisterte Tykwer nun mit Heaven seine erste internationale Produktion.

Das Drehbuch stammt von Krzystof Kieslowski, der wenige Jahre nach seinem frühen Tod bereits zum Genie verklärt wird, obwohl selbst seine berühmten Drei-Farben-Filme von durchaus unterschiedlicher Qualität sind. Es ist eine schlichte Geschichte um zwei Menschen und ein schwieriges ethische Problem. Zur Handlung möchte ich nicht viel verraten, nur eines klarstellen, was in manchen Beschreibungen falsch dargestellt wurde. Philippa geht es nicht um die Rache am (mittelbaren) Mörder ihres Mannes. Vielmehr möchte die Lehrerin ihre Schüler vor diesem Drogenboß schützen; nur wenige Tage vor ihrer Verzweiflungstat hat sich eines dieser jugendlichen Opfer umgebracht.

"Heaven" erinnert in seiner Art am ehesten an "Winterschläfer". Es ist emotional fesselnd, arbeitet mit ruhigen, hypnotischen Bildern und kommt mit sehr wenigen Dialogen aus (die italienischen sind untertitelt, die englischen synchronisiert). Die Kameraführung ist brillant, aber unaufdringlich, die Musikuntermalung minimalistisch (sie stammt vor allem von Arvo Pärt) und zweckdienlich. Cate Blanchett, deren Nicht-Oscar für Elisabeth die offensichtlichste Fehlentscheidung der US-Akademie der letzten Jahre war, füllt ihre Rolle perfekt aus. Ihr Partner Giovanni Ribisi wirkt dagegen etwas blaß, aber er soll ja vor allem Jugendlichkeit und die Unbedingtheit einer ersten Liebe ausstrahlen, was man ihm abnimmt.

Tykwers Verdienst ist es für mich, die Geschichte auf das Wesentliche reduziert zu belassen. Wie einfach wäre es gewesen, aus der Flucht dramatisches Kapital zu schlagen oder die Romanze zu verkitschen. Man muß schon etwas genauer hinsehen, um zu wissen, was in den Figuren vorgeht (wunderbar, was alles zwischen den Worten im Gespräch mit Filipos Vater gesagt wird). Um das Ende zu begreifen, sollte man sich übrigens an den Vorspann (die Hubschrauber-Simulation) erinnern...

Tom Tykwer gelingt es also auch unter erschwerten Bedingungen, gute Arbeit zu leisten. Angeblich hat er 30 abgedrehte Stunden auf die nun 95 Minuten zusammengeschnitten, allein drei Drehtage wurden auf die drei Minuten des entscheidenden ersten Verhörs verwandt. Meiner Meinung nach hätte der Stoff auch nicht die Substanz für mehr gehabt, so daß ihm sozusagen eine optimale Auswertung gelungen ist. Sicher kein Film für jeden Zuschauer, aber nicht nur Cineasten zu empfehlen. Sehr gut (8/10).

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