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Donnerstag, 28. Dezember 2017

Kein Weihnachtsmärchen: Ich, Daniel Blake (8/10)

Diese Geschichte vom Zimmermann, der selbstlos seinen Nächsten hilft und schließlich dem System zum Opfer fällt, ist leider kein Weihnachtsmärchen. Daniel Blake ist Ende 50 und erlitt gerade einen Herzinfarkt. Sein Arzt hat ihm bis auf weiteres das Arbeiten verboten. Das Arbeitsamt sieht das anders: Er kann zehn Schritte laufen und sich mit beiden Händen einen Hut aufsetzen, also ist er auch arbeitsfähig. Krankengeld bekommt er demnach nicht, und für die  Arbeitslosenunterstützung muss er nachweisen, dass er 35 Stunden pro Woche für die Stellensuche aufwendet (ich selbst könnte nicht mal nachweisen, dass ich 35 Stunden pro Woche arbeite). Von den Sachbearbeitern wird er streng nach Reglement wie ein Kleinkind behandelt, und Beschwerdeformulare gibt es nur online. Eine ziemliche Hürde für jemand, der in seinem Leben noch nie einen Computer bedient hat (seine erste Begegnung mit einer Maus ist vorhersehbar komisch). Den kleinen Triumph, dass er mit seinem handgeschriebenen Lebenslauf einen potentiellen Arbeitgeber interessieren konnte, darf er seiner Sachbearbeiterin dann aber nicht erzählen, denn das Jobangebot muss er aufgrund seines schwachen Herzens ablehnen.

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Auch wenn für das Drehbuch die Auswüchse des britischen Sozialsystems recherchiert wurden, ist die Situation sicher auch auf deutsche Verhältnisse übertragbar. Auch wenn unsere Wirtschaftsverbände uns das Gegenteil weismachen wollen, leiden gerade brave Menschen, die unverschuldet ins Unglück geraten. Um vom sozialen Netz optimal abgefangen zu werden, muss man halt clever sein. Was bedeutet das für ältere, bildungsferne oder behördenunerfahrene Hartz-IV-Empfänger? Natürlich schauen sich auch diesen Film wieder die falschen Zuschauer an. Eine Breitenwirkung bleibt auch aus, weil Ken Loach mit (hervorragenden) Laiendarstellern arbeitet, die hierzulande niemand hinter dem Ofen hervorlocken (dagegen hat Dwayne Johnson fast zwei Millionen Deutsche ins anderswo ziemlich gefloppte Baywatch-Remake gelockt). Ich fand Dave Johns als Daniel und Hayley Squires als alleinerziehende Mutter faszinierend. Sie haben unverbrauchte Gesichter und agieren ohne Starallüren. Ich habe mit ihren Demütigungen gelitten und mich über ihre kleinen Erfolge gefreut (nicht alle Räder im Getriebe wollen den Figuren Böses).

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Man könnte Ken Loach vorwerfen, dass er seit 30 Jahren immer wieder den gleichen Film dreht. Anderseits gibt es kaum jemanden in Europa, dem ähnlich präzise, kompromisslose, aufwühlende Sozialdramen gelingen. Anders als etwa sein Landsmann Mike Leigh, der seine Sujets oft satirisch überhöht und sentimental unterfüttert, bleibt Ken Loach stets bodenständig. Natürlich verdichtet er seine Stoffe, aber sie bleiben im britischen Arbeitermilieu verwurzelt. Nach einigen Höhepunkten in den 90ern, vor allem die verschrobenen Drama-Komödien Riff Raff (1991) und Raining Stones (1993) mit Ricky Tomlinson (hierzulande bekannt aus Das Leben ist eine Baustelle), verlor ich ein wenig die Lust an seinen Werken, die mir zunehmend verbissen ideologisch und weniger unterhaltsam erschienen. Mit Ich, Daniel Blake ist dem Fellow der britischen Akademie nun mit 80 Jahren wieder ein großer Wurf gelungen - er gewann, nach etlichen Nominierungen, erstmals (!) in seiner Karriere auch einen BAFTA (für den besten britischen Film). Seit 20 Jahren arbeitet er übrigens mit Drehbuchautor Paul Laverty zusammen. Ich, Daniel Blake ist für mich ihr schönster Film seit Mein Name ist Joe von 1998. Sehr gut (8/10).

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Ich, Daniel Blake lief schon vor einem Jahr in den deutschen Kinos und ist für Mitglieder jetzt kostenlos bei Amazon Prime verfügbar (in deutsch und englisch).

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