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Sonntag, 31. Dezember 2017

Klassische Rezension: Bridget Jones's Diary (Sharon Maguire, 2001)

Wer ist Bridget Jones?

Bridget Jones lebt in London, ist Anfang 30 und der Prototyp eines neurotischen weiblichen Single inklusive tickender biologischer Uhr. Sie kämpft mit ihrem Gewicht, zu viel Alkohol und Zigaretten und ihrem Interesse an den falschen Männern. Ihr Sozialleben richtet sie nach unzähligen Taschenbuch-Ratgebern vom Typ "Männer sind vom Mars, Frauen von der Venus" aus. Von der Neujahrsfeier bis zum folgenden Sylvesterabend erleben wir das Jahr 1995 mit ihr, mit Höhen und Tiefen (zur Erinnerung: Gewicht, Alkohol, Zigaretten, Männer), einer gewissen Emanzipation im Beruf und familiären Verwicklungen. Stoff für (aber)witzige Situationen gibt es also genug. Sie steht aber auch zwischen zwei Liebhabern, einem charmanten Windhund (Hugh Grant) und einem reichen Langweiler (Colin Firth). Jedenfalls scheint es zunächst so...

Von Jane Austen über Helen Fielding zu Richard Curtis

Für das Drehbuch zeichnen Richard Curtis, Andrew Davies und Helen Fielding verantwortlich. Dazu folgender Hintergrund: Im Herbst 1995 war halb Großbritannien für einige Sonntagvormittage im Bann einer brillanten sechsteiligen BBC-Verfilmung des wohl besten Jane-Austen-Romans, "Pride and Prejudice" ("Stolz und Vorurteil"). Jennifer Ehle spielte Elizabeth Bennet, die ihre Vorurteile, und Colin Firth Mr. Darcy, der seinen Stolz überwinden muß, um dieser berühmten Liebesgeschichte ihrem Happy End zuzuführen; das Drehbuch schrieb Andrew Davies. In mehrfacher Hinsicht hat sich Helen Fielding mit ihrem Tagebuch-Roman "Bridget Jones's Diary" von diesem Stoff inspirieren lassen (abgesehen davon, daß Bridget im Buch ebenfalls Fan der Serie ist). So haben Bridgets nervtötende Mutter und der vornehm leidende Vater ihre Vorbilder in den Eltern von Elizabeth. Vor allem aber ist Mark Darcy natürlich Jane Austens "Mr. (Fitzwilliam) Darcy" nachempfunden. Im Film wird dies wunderbar auf die Spitze getrieben, indem der gleiche Schauspieler, Colin Firth, auch den modernen Darcy spielt. Hugh Grant wurde von Richard Curtis schon mehrfach hervorragend in Szene gesetzt ("Vier Hochzeiten und ein Todesfall", "Notting Hill"), diesmal als unsympathischer Gegenspieler um die Gunst der Heldin; ein Imagewechsel, der  ihm gut zu Gesicht steht. Seine Rolle ist gegenüber der Vorlage deutlich aufgewertet (wenn er auch nicht Wickham genannt wird). Überhaupt erhält das Drehbuch erst durch die Aufpolsterung mit Jane-Austen-Elementen seine Kraft, auch als Romanze zu bestehen. Im Buch wird nämlich überhaupt nicht klar, warum sich überhaupt ein Mann für diese neurotische Person interessieren sollte; erst Richard Curtis und Andrew Davies machen sie zur Sympathieträgerin und geben ihr eine Persönlichkeit (z.B. die Eigenart, stets zur Unzeit mit undiplomatischen Gedanken herauszuplatzen).

Die Entdeckung einer Komikerin

Für Qualität beim Drehbuch war also gesorgt. Doch wer kam für die Hauptrolle in Frage? Zum Glück verfiel man auf die Amerikanerin Renée Zellweger. Einigen vielleicht noch dadurch in Erinnerung, daß sie in Cameron Crowes "Jerry Maguire" in ihren wenigen Szenen Tom Cruise an die Wand spielte, war sie zuletzt in einigen kleineren, weniger gelungenen Filmen zu sehen, so in der skurillen, überambitionierten Komödie "Nurse Betty" und im neuesten Farrelly-Fäkalwitz "Me Myself & Irene". Wer sich jetzt an sie erinnert, wundert sich vielleicht? Ja, sie hat sich für "Bridget Jones" nicht nur einen Londoner Akzent angeeignet, sondern auch 10 Kilo zugenommen (und inzwischen auch wieder abgenommen - uff). Und sie hat England im Sturm eingenommen, wo "Bridget Jones's Diary" ein sensationeller Erfolg ist. Sie ist nicht nur umwerfend komisch, sondern bleibt auch stets liebenswert! Dabei zeigt sie Mut zur Peinlichkeit und vollen körperlichen Einsatz und ist angesagten männlichen Kollegen wie Jim Carrey, Robin Williams oder Ben Stiller mehr als ebenbürtig.

Für mich die Komödie des Jahres (trotz "Shrek")

Und dann ist da noch Sharon Maguire, die Regisseurin. Sie hatte bestimmt alle Hände voll zu tun, um so viel Talent zu koordinieren und das ganze zu einem flotten Film zusammenzufügen. Vielleicht muß man in einem Londoner Kino gesessen haben, um in den vollen Genuß dieser Komödie zu kommen. Ich jedenfalls habe schon seit Jahren kein Publikum erlebt, das derart vor Lachen in den Gängen rollte. Und das trifft genauso auf den männlichen Anteil zu - beileibe nicht nur ein Frauenfilm! Genauso könnte man behaupten, daß "High Fidelity" ein Männerfilm war. Und vielleicht ist das ganze nicht so romantisch wie bei Jane Austen (was ist das schon?), aber mit Sicherheit viel, viel witziger. Dafür sorgen schon die komplizierten Tücken des modernen Lebens für alle Singles, nicht erst ab 30, nicht nur in London. Herausragend (9/10)!

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