Das Drei-Farben-Projekt muß wohl als einzigartig in der Filmgeschichte gelten. Ein polnischer Regisseur dreht in Frankreich, Polen und der Schweiz mit europäischen Darstellern drei vollkommen unterschiedliche Filme mit zentralen Frauenfiguren, konzeptionell an die Farben und Mottos der Trikolore angelehnt. Die visuelle Zuordnung ist schon durch das genutzte Farbschema einfach (es wurden übrigens drei verschiedene Kameramänner beschäftigt). Die thematische Zuordnung fällt schon schwerer. Roger Ebert hat die drei Filme sehr treffend charakterisiert als Anti-Tragödie, Anti-Komödie und Anti-Romanze.
In der Anti-Tragödie Blau (Liberté) findet sich Juliette Binoche durch den Tod ihres Mannes und ihrer Tochter plötzlich befreit von allen sozialen Bindungen, bis ausgerechnet die Begegnung mit der Geliebten ihres Mannes ihre Mauer der Trauer durchbricht. In der Anti-Komödie Weiß (Egalité) verläßt Julie Delpy ihren Ehemann Zbigniew Zamachowski, der daraufhin alles unternimmt, um ihr diese Demütigung in gleicher Münze heimzuzahlen. Im der Anti-Romanze Rot (Fraternité) schließlich trifft Irène Jacob auf den pensionierten Richter Jean-Louis Trintignant, der die Telefonate seiner Nachbarn abhört, woraus sich trotz anfänglicher Abneigung schließlich eine brüderliche Beziehung entwickelt.
Handlungszusammenfassungen können diesen Werken kaum gerecht werden. Kieslowskis Filme spielen in ihrer eigenen, leicht mythischen Welt, beherrscht von Zufällen und dramaturgisch zugespitzten Situationen, ohne den Bezug zur Realität zu verlieren. Wenn man sich mit etwas Konzentration darauf einläßt, entwickelt sich beim Zuschauer ein überhaupt nicht verkopfter, sondern sehr emotionaler Sog.
Blau ist eine strenge, intensive Studie einer Frau, die sich gegen ihre Trauer wehrt, mit einer brillanten Juliette Binoche, in sehr präziser Bildsprache mit unerbittlichem Blick auf eine zerrüttete Seele und dazu passender eindrucksvoller Musik. Sehr gut (8/10).
Weiß ist eine etwas unebene teils lakonische, teils slapstickartige Komödie mit skurillen Handlungswendungen, die unter einer unglaubwürdigen, sehr gerafft dargestellten Entwicklung der Hauptfigur Karol Karol (Zbigniew Zamachowski) leidet, aber trotzdem zu unterhalten weiß. Gut (7/10).
Besonders gelungen und gemäß dem Thema Brüderlichkeit auch am versöhnlichsten und menschlichsten ist der Abschlußfilm Rot. Irène Jacob, die drei Jahre zuvor bereits in der Hauptrolle der Zwei Leben der Veronika beeindruckt hatte, spielt ein Fotomodell und Mannequin, jedoch ohne glamourös zu wirken. Sie hat ein hübsches, noch recht unbeschriebenes Gesicht, was zur unbestimmten Lebenssituation ihrer Figur paßt. Man schaut ihr gern über die hundert Minuten zu, und der schroffe und doch magnetische Altstar Jean-Louis Trintignant (er war zuletzt übrigens mit über 80 Jahren im preisgekrönten Amour zu sehen) bietet dazu den idealen Kontrast. Herausragend (9/10).
Zur Neuauflage: Vor zehn Jahren war ich mit der DVD-Box sehr zufrieden. Auch ohne direkten Vergleich vermute ich, daß die Blu-rays eine deutliche Bildverbesserung bieten, davon zeugen auch diverse Rezensionen auf den Fachseiten. Ich war jedenfalls sehr zufrieden mit der Farb- und Detaildarstellung, Bildfehler sind mir nicht aufgefallen. Meine Empfehlung ist, die einwandfreien französischen (bzw. französisch/polnischen) Originalversionen mit den guten, wenngleich manchmal leicht verkürzten (optionalen) deutschen Untertiteln anzuschauen. Leider werden keine französischen UT mitgeliefert. Die Extras entsprechen meiner Erinnerung nach der alten DVD-Box und sind damit sehr zufriedenstellend: jeweils eine Filmlektion mit dem Regisseur und ausführliche Interviews mit den Hauptdarstellerinnen und an der Produktion Beteiligten.
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