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Sonntag, 23. Juni 2013

Kurt Vonneguts "Schlachthof 5" (1969)

Im 1969 erschienenen Roman "Schlachthof 5" versuchte Kurt Vonnegut, seine Kriegserfahrungen aufzuarbeiten. Er war 1944 in deutsche Gefangenschaft geraten und erlebte im zum Lager umfunktionierten Schlachthof 5 die Luftangriffe auf Dresden mit. Dieses Erlebnis hatte ihn wohl stark traumatisiert. Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung waren die historischen Tatsachen noch nicht objektiv geklärt. So übernimmt er die Propagandazahl von 300.000 Opfern, obwohl es wohl eher 25.000 waren, und meint eine schlimmere Zerstörung als beim Atombombenabwurf auf Hiroshima erlebt zu haben. Darin zeigt sich, wie eine persönliche Perspektive die Einordnung historischer Monumentalereignisse verzerren kann. Dies setze ich vorweg, ohne sein Trauma oder den Schrecken von Dresden kleinreden zu wollen.

Abgesehen von einer kurzen Rahmengeschichte in Ich-Form erzählt der Roman von Billy Pilgrim, wie Vonnegut Jahrgang 1922 und 1944 in Kriegsgefangenschaft geraten. In dieser Figur versucht der Autor wohl, eine gewisse Distanz zu seinen eigenen Erlebnissen zu schaffen. Der Clou ist nun, daß Billy sein Leben nicht linear erlebt, sondern "nicht in der Zeit feststeckt", also quasi als Zeitreisender in verschiedene Stadien seiner eigenen Biographie wechseln kann. Dies scheint mir aber weniger ein Science-Fiction-Konzept, sondern eher ein erzählerischer Kniff, um die traumatischen Kriegserlebnisse aufzulockern mit einem ansonsten eher bürgerlichen Werdegang, der allerdings eine Entführung durch Außerirdische enthält. Jene Entführung nach Tralfamadore, wo er einige Zeit in einem Zoo der Außerirdischen verbringt, entlarvt sich durch ihre Trivialität wohl eher als fantastische Ausgeburt einer gestörten Persönlichkeit (ob Vonnegut wohl die Star-Trek-Episode "The Menagerie" gesehen hatte?) Die Aliens können nämlich in die vierte Dimension (die Zeit) sehen, und für sie ist damit das Schicksal des Universums vorherbestimmt, und der freie Wille nur eine Illusion.

Vonnegut vermag durchaus die Tragik der Kriegserlebnisse zu vermitteln, stilistisch sind aber eher sein Sprachwitz und seine bizarren, oft klug gesellschaftskritischen, die Handlung manchmal in einer Metaebene durchbrechenden Miniaturen interessant. Manche Passagen könnten Vorbilder von Douglas Adams' allerdings britsch geprägtem Humor sein. Beispiele:
Billy coughed when the door was opened, and when he coughed he shit thin gruel. This was in accordance with the Third Law of Motion according to Sir Isaac Newton. This law tells us that for every action there is a reaction which is equal and opposite in direction. - This can be useful in rocketry.
In einer längeren Passage zur Bibel:
He supposed that the intent of the Gospels was to teach people, among other things, to be merciful, even to the lowest of the low. - But the Gospels actually taught this: Before you kill somebody, make absolutely sure he isn't well connected. So it goes.
Über den amerikanischen Traum:
Their most destructive untruth is that it is very easy for any American to make money. They will not acknowledge how in fact hard money is to come by, and, therefore, those who have no money blame and blame and blame themselves. This inward blame has been a treasure for the rich and powerful, who have had to do less for their poor, publicly and privately, than any other ruling class since, say, Napoleonic times.
"Schlachthof 5" ist das beste Beispiel für Vonneguts Bastardrolle in der Science Fiction. Seine 1963 erschienene wunderbare Satire "Cat's Cradle" beinhaltete ebenfalls eine haarsträubenden SF-Idee (Ice-9), hatte aber ansonsten eine eher "konventionelle" Endzeitgeschichte. Nach seinem reinrassigen SF-Roman "The Sirens of Titan" (1959) und Cat's Cradle bekam Schlachthof 5 Vonneguts dritte und letzte Hugo-Nominierung für den besten Roman und verlor (verdient) gegen Ursula LeGuins Meisterwerk "The Left Hand of Darkness" ("Winterplanet"). Sein gestörtes Verhältnis zur SF-Literatur kann man auch an  der Darstellung des in seinen Werken mehrfach vorkommenden fiktiven, aber deutlich von Theodore Sturgeon inspirierten SF-Autors Kilgore Trout erkennen. Sturgeon war ein brillanter Stilist und Meister der Kurzform, wenngleich ihm nie der große Roman gelang. Er war sicher eine schwierige Persönlichkeit, aber Vonneguts Porträt eines schäbigen Pulp-Autors tut ihm arg Unrecht.

Vonnegut starb 85jährig nach einem Treppensturz. So it goes.

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