Alfred Hitchcock hatte in den 50ern einen beispiellosen Lauf und schrieb Kinogeschichte mit (u.a.) Der Fremde im Zug (1951: 10/10), Das Fenster zum Hof (1954: 10/10), Über den Dächern von Nizza (1955, 8/10), Immer Ärger mit Harry (1955, 9/10), Vertigo (1958, 8/10), Der unsichtbare Dritte (1959, 10/10) und Psycho (1960, 10/10). Nach Die Vögel (1963) ging es dann steil bergab; Marnie (1964, 7/10) war noch ein Achtungserfolg, aber den folgenden vier Werken fehlten überzeugende Stoffe und die passenden Darsteller. Zum Ende seiner Karriere war der Master of Suspense unmodern geworden.
Auch nach 50 Jahren weiß dieser letzte "große" Hitchcock noch glänzend zu unterhalten. Vom Drehbuch her sicher ein B-Film, mit nicht optimaler Besetzung, wird der Zuschauer durch den magischen Touch des Meisters in eine Oase des Wohlbehagens transportiert, aus der er durch wohldosierte Schockeffekte dann langsam wieder vertrieben wird. Es beginnt wie eine romantische Komödie, mit einer originellen Begegnung der beiden Hauptfiguren in einer Zoohandlung (im Englischen nennt man das ein "Cute Meet"). Und trotz mangelnder Chemie zwischen den beiden schaut man dem Treiben doch amüsiert zu. Laut lachen mußte ich beim Anblick der beiden (offensichtlich ausgestopften) Liebesvögel auf ihrer Stange, die sich bei der rasanten Autofahrt die Küstenlinie entlang kräftig in die Kurven legen. Dies ist allerdings der letzte lustige Vogelmoment. Die Atmosphäre macht hier den Filmerfolg aus, und es ist faszinierend zu beobachten, wie die Stimmung langsam in Richtung Thriller kippt.
Für Rod Taylor waren die Schuhe von Cary Grant und James Stewart natürlich viel zu groß, aber einen gewissen Charme kann man ihm nicht absprechen (Hitch nannte die Figur einen "Trottel"). Zu Tippi Hedren hat Hitch später stolz erzählt, er habe ihr das Schauspielern beibringen müssen Aber auch er konnte aus ihr keine Grace Kelly machen (nicht einmal eine Eva Marie Saint). Vielleicht deshalb muß ihre Figur gegen Ende der Handlung besonders leiden und bekommt einen übertrieben wirkenden Nervenzusammenbruch. In weiteren (grundsätzlich weiblichen) Opferrollen waren die TV-Darstellerin Suzanne Pleshette und die damals 53jährige Jessica Tandy zu sehen, die in ihren letzten Lebensjahren mit ihrer Oscar-prämierten Hauptrolle in Miss Daisy und ihr Chauffeur (1989) und einer feinen Nebenrolle in Grüne Tomaten (1991) zu spätem Ruhm kommen sollte.
Herausragend (9/10).
Die jetzt auch einzeln erhältliche Blu-ray bietet den Klassiker endlich im korrekten 16:9-Format mit kräftigen Farben und einer allgemein guten Detailschärfe. Meiner Vermutung nach sind noch bestehende Bildmängel eher der Vorlage mit ihren vielen Effektaufnahmen und Rückprojektionen geschuldet. Die Original-Tonspur ist tadellos, dazu gibt es reichlich Extras (besonders interessant die Interviews mit Hitch).
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