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Samstag, 15. Juni 2013

Spiegel einer Generation: Before Midnight (9/10)

1995 begegnen sich Jesse (Ethan Hawke) und Celine (Julie Delpy) in Before Sunrise zum ersten Mail. Der amerikanische Tourist überredet die hübsche Französin, mit ihm einen Tag und eine Nacht in Wien zu verbringen, bevor beide in unterschiedliche Richtungen weiterreisen. Es ist wunderbar anzuschauen und herzergreifend romantisch, wie sich die jungen Leute kennen- und liebenlernen, und natürlich verabreden sie ein Wiedersehen...

Aufgrund unglücklicher Umstände gibt es dieses Wiedersehen erst 2004, neun Jahre später. In Before Sunset treffen sich die beiden halb-zufällig bei Jesses Autorenlesung in Paris: Er hat die romantische Nacht in einem erfolgreichen Roman verarbeitet, sie hat ihm ein sehnsüchtiges Liebeslied geschrieben: Sie sind offenbar Seelenverwandte, und am Ende scheinen die Gefühle trotz praktischer Widerstände die Überhand zu gewinnen (er hat Frau und Sohn in New York, sie ist in Frankreich verwurzelt).

In Before Midnight erfahren wir nun, daß die beiden zusammengeblieben sind und mit ihren siebenjährigen Zwillingstöchtern in Frankreich leben. Zur Zeit verbringen sie allerdings einige Urlaubswochen in einem idyllischen griechischen Dorf. Jesse hat gerade schweren Herzens seinen inzwischen 13jährigen Sohn am Flughafen verabschiedet, und nun wartet auf das Paar ein romantischer, kinderfreier Abend in einer klimatisierten Hotelsuite, ein Abschiedsgeschenk der griechischen Gastgeber. Doch unbeschwerte Zweisamkeit läßt sich nicht erzwingen, und so drängen plötzlich eine Menge Unsicherheiten, offene Wunden, unterdrückte Feindseligkeiten an die Oberfläche.

Jesse und Celine finden sich in der gleichen Situation wie viele berufstätige Eltern mit Kleinkindern. Der Alltag ist bis auf die letzte Minute durchorganisiert, Freiräume für über das praktische hinausgehende Gespräche gibt es nur selten. Widersprüche klassischer und moderner Vorstellungen zu den Geschlechterrollen kommen hinzu. Celine sieht die Last der Erziehung auf ihrer Seite ("Kennst Du überhaupt den Namen unseres Kinderarztes?"), kann aber auch schwer Verantwortung abgeben. Gleichzeitig neidet sie Jesse die gelegentlichen Auszeiten von der Familie, wenn er zu Autorenlesungen unterwegs ist (sie würde gern mal wieder Gitarre spielen). Jesse leidet unter der Trennung von seinem Sohn und wähnt sich in der Vaterrolle gescheitert. Beide haben berufliche Zweifel und spüren, wie ab 40 der körperliche Verfall einsetzt. Und so kann auch eine Seelenverwandschaft in eine schwere Krise geraten...

Es ist erstaunlich, wie diese überwiegend in Dialogen erzählte Geschichte den Zuschauer packen kann. Zugegeben, 20jährige werden sich kaum angesprochen fühlen. Regisseur Richard Linklater ist gerade zehn Jahre älter als die beiden Hauptdarsteller und hat die Drehbücher mit ihnen entwickelt. Und so sprechen die drei Filme eher eine spezifische, mitgealterte Generation an. Wie kann ein junger Mensch verstehen, daß es keine perfekten Lebenswege gibt? Jesse hat sich für Celine (und die gemeinsamen Töchter) entschieden und damit seinen Sohn zurückgelassen. Nun muß er die unglücklichen Folgen dieser Entscheidung versöhnen mit dem eigentlich vorhandenen Glück, die große Liebe gefunden zu haben. Und Celine muß verstehen, daß Jesse dieses Stückchen Unglück stets mit sich tragen wird.

Herausragend (9/10).

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