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Samstag, 11. Februar 2017

Als die Rechner noch farbig waren: Hidden Figures (7/10)

Die in diesem Jahr von der amerikanischen Akademie nominierten Besten Filme sind derart vielfältig, dass im Endeffekt für niemanden etwas dabei ist. Hidden Figures ist zwar überaus sentimental, immerhin aber unterhaltsam und neben dem netten schwedischen Beitrag Ein Mann namens Ove der erklärte Wohlfühlfilm unter den Kandidaten. In den USA ist er wohl auch deswegen ein Überraschungshit an den Kinokassen.



Der Titel ist ein kleines Wortspiel und kann sowohl mit "Versteckte Gestalten" als auch mit "Versteckte Zahlenkolonnen" übersetzt werden und beruht, wie gleich zu Beginn per Einblendung versichert wird, auf Tatsachen - für mich keine Empfehlung für einen guten Film.  Zu übersehen waren die "farbigen Computer" wohl kaum, die 1961 als Rechenmaschinen herhalten mussten, bis ein IBM-Ungetüm diese Arbeit übernahm. Aber im Zweifel bekamen sie beim Auftauchen erst einmal einen vollen Papierkorb überreicht, denn was sonst sollte sie bei den NASA-Spezialisten schon zu suchen haben? Was zählte in den 60ern schon ein Universitätsabschluss in Mathematik, wenn man dunkelhäutig oder gar eine Frau war?



Regisseur Theodore Melfi, der vor zwei Jahren in St. Vincent sogar Bill Murray zu einem knuffigen Alltagshelden transformieren durfte, hat sich beim Drehbuch immerhin weibliche Hilfe bei der TV-Autorin Allison Schroeder geholt. Sein Hauptverdienst ist, dass er seine Stars frei aufspielen ließ. Und die nutzen die Gelegenheit. Octavia Spencer (nach ihrem Oscar für The Help in diesem Jahr erneut nominiert) ist eine Naturgewalt. Wie sie ihrer Chefin (Kirsten Dunst, ansonsten blass) einen Schokoladenkuchen backt, Verzeihung, sich als Teamleiterin aufdrängt, ist eine Wucht. Zweite im Bunde ist die hauptberufliche Musikerin Janelle Monáe, für die Rolle der Ingenieur-Aspirantin mit eisernem Willen eigentlich ein bisschen zu hübsch, aber das vergisst man im Laufe der Geschichte irgendwann.



Schlagendes Herz des Trios ist allerdings Taraji P. Henson (Detective Carter aus Person of Interest). Ihre Figur ist am präzisesten ausgeführt, wenngleich das Familienleben der verwitweten dreifachen Mutter doch arg idyllisch wirkt. Am Arbeitsplatz zeigt sich jedoch deutlich ihre Zerrissenheit, es brodelt hinter der Fassade ob all der Demütigungen, wenn die geniale Mathematikerin wieder und wieder maximal als Rechenkünstlerin anerkannt wird. In einem etwas billigen dramaturgischen Kniff ist es ausgerechnet der Amerikanische Held ™ John Glenn (Glen Powell), erst im Dezember 96jährig verstorben, der unabhängig von Hautfarbe und Geschlecht ihren Wert erkennt. Die bereits 2009 für eine Nebenrolle in Der seltsame Fall des Benjamin Button für einen Oscar nominierte Taraji P. Henson wurde für ihre Hauptrolle in der Fernsehserie Empire jüngst mit einem Golden Globe ausgezeichnet; jetzt wird man die 46jährige hoffentlich wieder öfter im Kino sehen. Für eine Oscar-Nominierung hat es in diesem Jahr nicht gereicht, auch wenn Meryl Streep zu ihren Gunsten sicher gern auf ihre historische 20. Nominierung verzichtet hätte.



Hidden Figures zeichnet leider nur ein sehr grobes, verklärtes Zeitbild. Es ist lange nicht so raffiniert wie etwa The Imitation Game, und es verharmlost den bedrohlichen Schatten, der lange über der Bürgerrechtsbewegung schwebte und etwa in The Help deutlich besser eingefangen wurde. Hidden Figures gibt einem das Gefühl, dass schwarze Amerikaner in den 60ern nur höflich bitten mussten, um die Rassenschranken purzeln zu lassen. Selbst Polizisten und Richter konnten dem Charme dunkelhäutiger Mathematikerinnen offenbar nicht widerstehen. Auch Kevin Costners NASA-Chef, eigentlich als Drache angekündigt, verwandelt sich allzu schnell zum Förderer seiner schwarzen Mitarbeiterin. Trotzdem ist es Costners beste Rolle seit langem. Das kann man für Jim "Sheldon" Parsons nicht sagen, der als Chefingenieur recht blass bleibt. Auch Mahershala Ali, für Moonlight (wo er übrigens neben Janelle Monáe auftritt) eine weitere farbige Hoffnung der kommenden Oscar-Verleihung, ist hier nur Eye Candy: "That Colonel Jim is a tall glass of water!"



Es gibt schon so viele belanglose Filme um weiße Männer, dass die Zeit für belanglose Filme um schwarze Frauen gekommen ist. Von mir aus kann das Pendel jetzt erstmal in diese Richtung umschlagen, allein schon um im Kino neue Gesichter zu entdecken. Differenzierter sind wahrscheinlich die in Deutschland erst in den nächsten Wochen anlaufenden Mitkandidaten Fences und Moonlight, aber auch Hidden Figures hat mir Freude gemacht. Einer der Produzenten ist übrigens nicht zufällig der Gute-Laune-König Pharrell Williams (Happy). Gut (7/10).

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