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Samstag, 31. Januar 2015

Alan Turings Rehabilitierung: Ein streng geheimes Leben (8/10)

Gegen Ende der ersten Staffel von Person of Interest taucht eine Figur namens Caroline Turing auf (gespielt von der zauberhaften Amy Acker). In einem Trivia-Eintrag der IMDB wird vermutet, dies beziehe sich auf den bekannten Turing-Test (bei dem es darum geht, durch ihr Gesprächsverhalten Maschinen von Menschen zu unterscheiden). lol. Unabhängig von seiner Qualität und historischen Genauigkeit hat die filmische Biographie The Imitation Game den Namen Alan Turing einer breiteren Öffentlichkeit bekannt gemacht und trägt damit zu einer späten Rehabilitierung dieses Genies bei, der bereits mit 22 Jahren zum Fellow in Cambridge ernannt wurde. Turing war einer der Begründer der mathematischen Logik und der Vorvater der Computerwissenschaften (und selbstverständlich Erfinder des Turing-Tests). Seine Turing-Maschinen werden als theoretisches Konstrukt noch heute zum Beweis der Gödelschen Sätze herangezogen. Einen sehr praktischen und vielleicht kriegsentscheidenden Effekt hatte jedoch sein Beitrag zur Entschlüsselung der deutschen Enigma-Nachrichten im Zweiten Weltkrieg. Dafür wurde er zu Lebzeiten aufgrund der strikten Geheimhaltung des Projektes allerdings nie richtig gewürdigt (auch wenn er einen OBE bekam). Er starb nur 41jährig 1954 an den Folgen seiner chemischen Kastration nach einer Verurteilung wegen "ungebührendem Verhalten" (das britische Understatement für homosexuelle Kontakte). Erst 2013 wurde er reichlich verspätet von Queen Elizabeth begnadigt.

Der Film basiert auf einer offenbar lesenswerten Biographie von Andrew Hodges. Das Drehbuch des unerfahrenen Amerikaners Graham Moore nimmt sich aber starke Freiheiten und versucht das ehrgeizige Konzept einer Rahmenhandlung, in dem der Mathematikprofessor nach seiner Verhaftung quasi die britische Gesellschaft einem Turing-Test unterzieht. Auch wenn dies nicht vollkommen gelungen ist, wird doch der Wille sichtbar, mehr als nur eine tragische Lebensgeschichte zu erzählen. Als Kern des Films werden die Ereignisse während des Krieges gezeigt, wo Turing eigentlich nur eine der Schlüsselfiguren in einem zum Schluß 9.000 Mitarbeiter zählenden Projekt war. Der Film reduziert Bletchley Park auf ein Kammerspiel mit wenigen Figuren und konzentriert diese Jahre zu einem packenden Thriller und einer faszinierenden Charakterstudie. Zugleich ist er ein glühender Appell, Andersartigkeit in jeder Form zu akzeptieren. Auch heute noch muß man sich fragen, welches Potential unsere Zivilisation mit solchen Ausgrenzungen verschenkt. Keira Knightleys Figur tröstet Turing am Ende mit den Worten:

Ein "normaler" Mensch hätte das nie vermocht.

Obwohl wissenschaftlicher Fortschritt meist in Teamarbeit und immer durch langwierige kontroverse Diskussionen entsteht, hält sich in der Filmgeschichte auch in diesem Bereich der Mythos des einsamen Helden, der seine Erkenntnisse fast im Alleingang gegen alle Kontrahenten durchsetzen muß. Wenn man allerdings eine solche Galionsfigur porträtieren möchte, gibt es kaum eine bessere Wahl als Benedict Cumberbatch. Und wenn das Buch aus einem Exzentriker einen leicht autistischen Miesepeter macht, dann ist das zumindest im Trend. Es erinnert nicht nur an Cumberbatchs Paraderolle als Sherlock, sondern auch an den momentan beliebtesten Sitcom-Nerd, Dr. Sheldon Cooper (via Jim Parsons) aus der Big Bang Theory. Cumberbatch erfindet aber eine völlig eigenständige Figur, die zwar nicht historisch fundiert ist, aber im Kontext des Films vollkommen plausibel gerät (auch wenn man sich in der Rahmenhandlung fragt, wie dieser schüchterne Mensch überhaupt sexuelle Partner finden konnte). Kein Zweifel, daß mit dieser Rolle endgültig ein Weltstar geboren ist (die "Cumberbitches" werden sich freuen).

Der mir bisher unbekannte norwegische Regisseur Morten Tyldum beweist zumindest in der Schauspielerführung ein gutes Händchen. Von Keira Knightley erwartet man ja ohnehin über ihren unendlichen Charme hinaus eine solide Leistung, sie wurde mit ihrer zweiten Oscar-Nominierung belohnt (auch wenn Patricia Arquette gesetzt ist). "Lord Tywin Lannister" Charles Dance spielt den Kommandanten mit gewohnter Bedrohlichkeit. Hervorzuheben ist Matthew Goode als gutaussehende, herzliche Antipode zum spröden Cumberbatch. In Match Point hatte er die undankbare Rolle des langweiligen Verlobten von Scarlett Johannson, im wundervollen A Single Man war er der verstorbene Partner von Colin Firth. Beim nächsten Film werde ich mich an ihn erinnern, versprochen! Zuletzt sei noch erwähnt, daß ich bei acht Nominierungen nun auf den Oscar für den lyrischen Komponisten Alexandre Desplat hoffe (er ist dieses Jahr auch noch für Grand Budapest Hotel im Rennen).

So gefällt mir The Imitation Game (der englische Titel bezieht sich besser als die Übersetzung auf die Rahmenhandlung) trotz aller Schwächen besser als die leicht schöngefärbte, konventionelle Hawking-Biographie, auch wenn Eddie Redmayne im Oscar-Rennen vorne zu liegen scheint. Sehr gut (8/10).

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